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Besuch in einer sizilianischen Schokoladenmanufaktur

Heute möchte ich von unserem Besuch in der Schokoladenmanufaktur Bonajuta auf Sizilien berichten. Diese gehört zu dem ältesten Schokoladengeschäft in Modica, das ich bereits in meinem ersten Schokoladenpost vorgestellt habe. Bevor wir zu dieser privaten kleinen Führung aufgebrochen sind, habe ich mir einen Videofilm von Ritter Sport* angesehen, der die Herstellung der Schokolade auf industrieller Basis aufzeigt. Da es sich hier in Modica auf Sizilien allerdings um eine Manufaktur handelt, die die ursprüngliche Schokoladenrezeptur benutzt, wird sich jeder denken können, dass auch dieser Betrieb sich von den hochmodernen und industriellen Fabriken der bekannten Schokoladenmarken unterscheidet.

Wir kamen in den Genuss einer kleinen und hoch interessanten Privatführung durch den Schokoladenexperten dieser Firma und einer weiteren Mitarbeiterin, die uns alles ins Englische übersetzte.

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So erklärten sie uns zunächst, dass die Herstellung von Schokolade aus Modica auf einem traditionellen Rezept beruht. Dem gemahlenen Kakao wird die Kakaobutter nicht entzogen und in dieser Schokolade ist keine Milch, keine Butter, kein Pflanzenfett und kein Lezithin enthalten. Der Kakaogehält beträgt ungefähr 40-90%.

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Im ersten Raum, den man uns zeigte, war die Produktion bereits in vollem Gange. Wir befanden uns also inmitten eines kleinen industriellen Betriebes, in welchem allerdings alles sehr familiär wirkte und in einem eher geruhsamen Tempo vonstatten ging.

Somit wirkten nicht nur unsere beiden Führer sehr sympathisch, sondern das gesamte Drum und Dran. Man erlaubte mir hierüber in meinem Blog zu berichten und Fotos zu machen.

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In der ersten Maschine wird der bereits aufbereitete Kakao temperiert, d.h. bei ca. 45 Grad in eine flüssige Form gebracht. Danach werden die weiteren Zutaten, wie zum Beispiel Zucker, Vanille, Chili, Zimt, Salz, Pfeffer… (je nach Geschmacksrichtung) bei einer Temperatur von ca. 31 Grad in der zweiten Maschine vermischt und ca. 15 Minuten gerührt.

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Da es in früheren Zeiten noch keine Maschine gab, wurde diese Funktion durch das Walzen auf einem Stein über einem Feuer ausgeführt.

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Bei beiden genannten Verfahren lösen sich die Zuckerkristalle nicht auf, daher ist diese Schokolade nach ihrer Fertigstellung auch gröber bzw. körniger als die Schokolade, die wir heutzutage kennen und bei uns kaufen.

In dem sizilianischen Geschäft hatte ich schon gesehen, dass die als Kostproben angebotene Schokolade an ihrer Oberfläche eine leicht gräuliche Färbung zeigt. Dies ist keinesfalls ein Zeichen dafür, dass die Schokolade alt ist, sondern dies hängt mit der ausgeschiedenen Kakaobutter zusammen. Durch ihren hohen Gehalt an Kakao hat die Schokolade natürlich auch einen intensiven Kakaogeschmack.

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Jetzt kommt die dritte Maschine zum Einsatz, die dann die flüssige Schokolade in die Formen, entsprechend der Tafelgröße, füllt.

1200px2. MaschineAnschließend übernimmt eine weitere Maschine das Rütteln der flüssigen Schokolade in den Formen, was aber ebenso von einem Mitarbeiter per Hand ausgeführt werden kann. Dieses Rütteln ist notwendig, damit die Luft entweicht und auch damit sich die flüssige Schokolade gut innerhalb der Form verteilt.

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Jetzt stellt der Mitarbeiter alles in einen Kühlschrank, wo die Schokolade für 20 Minuten bei einer Temperatur zwischen 7 und 9 Grad bleibt und damit auch eine feste Form erreicht.

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Danach kann die Schokolade aus den Formen geholt werden und die Verpackung der Schokolade erfolgt.

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Diese Maschine verpackt die Schokolade zunächst in eine Folie, erst danach erfolgt die Verpackung in den dafür vorgesehenen Karton.

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Damit dieser jedoch noch das entsprechende Design erhält, gibt es verschiedene Labels dazu.

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Selbstverständlich werden in einer Schokoladenfabrik neben den verschiedenen Schokoladensorten, auch Pralinen oder saisonale Produkte wie z.B. Ostereier hergestellt.

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Diese Führung war sehr interessant und wesentlich persönlicher als eine Führung in einer hoch modernen Schokoladenfabrik.

 

Wer mag, kann jetzt bei einer Tasse Kaffee und einem Stückchen Schokolade noch das Gedicht von Elke Heinze über Schokolade lesen: http://mainzauber.de/elke/fuer-astrid-dunkle-triebe

* Video von: http://www.ritter-sport.de/de/anbau-herstellung/Conchieren-So-gewinnt-die-Schokoladenmasse-an-Klasse-RITTER-SPORT/ (Stand: 30.3.2015)

** alle Fotos by Astrid Berg (alle Fotos bitte zur Vergrößerung einfach nur anklicken)

Danke für die Schokolade

Das Wort „Schokolade“ allein lässt in mir die Sehnsucht nach diesem Genuss erwachen. Den „Erfindern“ dieser so göttlichen Köstlichkeit ist mein großer Dank gewiss. Weil es nicht nur mir so geht, sondern ganz vielen Menschen, ob Kind oder Erwachsener, gibt es mittlerweile eine riesige Vielfalt an Arten und Geschmacksrichtungen. Doch bevor ich meine Gedanken im nächsten Post der Herstellung widmen möchte, gedenke ich heute dem geschichtlichen Aspekt Raum einzuräumen.

Schon vor über einem Jahrtausend, nämlich im 4. Jahrhundert nach Christi bauten bereits die Azteken in Mittelamerika, beziehungsweise in Mexiko Kakaobohnen an.

Chocolatl eigentlich aber: Xocolatl, so nannten sie das bittere Kakaowasser, das sie auch als Göttertrunk bezeichneten.

Hierbei haben sie die Kakaobohnen nicht nur für das Getränk benutzt, sondern sie nutzten diese auch als Zahlungsmittel. Ebenso wie heute mussten auch sie Steuern bezahlen. Leider gibt sich das Finanzamt heute nicht mit der Abgabe von Kakaobohnen zufrieden. Da haben sich die Zeiten doch geändert.

Obendrein stellten schon die Azteken den Nutzen der Kakaobutter für die Kosmetik und die Gesundheit fest. In der Pharmazie hat man diese später zur Herstellung von Zäpfchen und Salben benutzt, wovon man heute allerdings aus herstellungsbedingten Gründen absieht.

Kosmetik ist allerdings ein Bereich, in welchem die Kakobutter immer noch zur Anwendung kommt. So wird sie zur Herstellung von Lippen- und Körperpflegeprodukten benutzt. Aber auch Seifen und Antifaltencremes sind Produkte, die von der Verwendung der Kakaobutter profitieren.

Ohne die Kakaobutter müsste auch die Lebensmittelindustrie auf einige Köstlichkeiten verzichten. Man benutzt sie beispielsweise zur Herstellung von weißer Schokolade, Kuvertüre, Pralinen oder Nugat.

Lobenswerterweise entdeckte Kolumbus im Jahre 1502 Amerika und auch die Kakaobohne.
„Der Spanier Cortés eroberte 1519 bis 1522 das Aztekenreich auf brutale Weise. Auch er erkannte nur den Wert der Kakaobohnen als Zahlungsmittel und ließ eine große Plantage errichten, um Geld „zu züchten“. Das aztekische Kakaogetränk schmeckte den Eroberern nicht. Es war Cortés, der die ersten Kakaobohnen und die notwendigen Geräte zur Zubereitung der „Xocolatl“ mit nach Spanien brachte.“ *

Auch die Grafen von Modica auf Sizilien überlieferten wahrscheinlich die Schokoladenrezeptur von Spanien nach Italien.

Die Spanier hatten auch die Idee, dem Kakaogetränk noch Zucker und Vanille zuzufügen. Hierdurch wurde aus dem bitteren Kakaowasser erst ein süßes Getränk und damit auch eine Köstlichkeit.

Ehemals nur für die Reichen, wurde die Schokolade dann auch innerhalb des 19. Jahrhunderts für die Normalbevölkerung erschwinglich. Und erst „1848 brachte eine englische Firma zum ersten Mal eine essbare Schokolade aus Kakaomasse, Kakaobutter und Zucker auf den Markt. Bis dahin konnte man Schokolade nur trinken.“ **

 

 

Jetzt werde ich mich erst einmal mit allen möglichen Schokoladensorten eindecken:

Vollmilchschokolade 

Weiße Schokolade

Bitterschokolade

Zartbitterschokolade

Halbbitterschokolade

Immerhin muss man ja alles einmal gekostet haben, bevor man sich ein Urteil erlauben kann.

Und dann gibt es noch Varianten mit

Füllung

Nüssen

Joghurt

Keks

Alkohol

Früchten …….
Ich glaube, das schaffe ich heute nicht alles. Aber morgen ist ja auch noch ein Tag.

 

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* Zitat aus: http://www.schoko-seite.de/Schokolade/geschichte.html (Stand: 27.3.2015)

** Zitat aus: http://www.schoko-seite.de/Schokolade/geschichte.html
(Stand: 27.3.2015)

 

http://de.wikipedia.org/wiki/Kakaobutter (Stand: 27.3.2015)

Glückshormone

Heute möchte ich ein paar Gedanken zu einem Thema äußern, das in aller Munde ist und das nicht nur im sprichwörtlichen, sondern auch im tatsächlichen Sinne. Es geht um das gewisse Etwas, das uns das Leben versüßt. Die Azteken nannten es einen Göttertrank und wenn man mich fragt, dann kann es auch nur so sein. Denn es schmeckt einfach göttlich.

Ich nehme an, jeder ahnt jetzt, dass ich hier von der allseits beliebten Schokolade spreche, die uns zart schmelzend im Mund zergeht.
Als wir in Sizilien waren, besuchten wir in Modica das älteste Schokoladengeschäft von Sizilien und wurden vom Besitzer dazu eingeladen die Schokoladenfabrik zu besichtigen, um bei der Herstellung der Schokolade zuzusehen, auf die ich allerdings in einem späteren Blogbeitrag eingehen werde.

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Das Geschäft war mit seiner altertümlichen Einrichtung selbst schon eine Besonderheit. Die Verkäuferin stand mit ihrem Spitzenhäubchen und weißem Kittel hinter einer allerdings modernen Registrierkasse.

1200px Modica SchokoJPGMit seinen massiven Eichenschränken mutete das Geschäft fast an wie eine Mischung zwischen Apotheke und Schokoladenmuseum. In den Vitrinen waren alte Abbildungen, Figuren und Dokumente bezüglich der Schokoladenherstellung zu sehen.

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Und dann gab es natürlich viel Schokolade, die man kosten und auch kaufen konnte. In einem einsehbaren Hinterraum wurden Schokoladenköstlichkeiten hergestellt und verpackt. Schokolade gibt es nicht nur als Getränk, sondern auch in allen möglichen Formen und Geschmacksrichtungen zum Essen. Dies konnten wir ebenfalls direkt vor Ort sehen und uns natürlich auch dieser süßen Verführung hingeben.

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Die Rezeptur für diese berühmte Schokolade wurde einst aus Spanien vom Grafen von Modica überliefert. Der Kakaoanteil kann hierbei je nach Art der Schokolade zwischen 45%-90% variieren. Selbstverständlich existieren wie bei jeder Schokolade auch hier verschiedene Geschmacksrichtungen, die sich neben dem Kakaoanteil durch bestimmte Zutaten ergeben. So lassen sich beispielsweise Zimt, Ingwer, Vanille, Pfeffer, aber auch Salz nennen. Mir persönlich hatte es die Pfefferschokolade angetan, wobei Peter wiederum diejenige mit Salz bevorzugte.
Selbstverständlich kostete ich alle möglichen Sorten durch, was dazu führte, dass mir mein Magen nach diversen Kostproben signalisierte, es sei jetzt an der Zeit  mit der Verkostung abzuschließen. Also entschlossen wir uns einige Tafeln Schokolade zu kaufen und das Geschäft in Richtung Innenstadt zu verlassen. Das Glücksgefühl, welches Schokolade durch die Anregung des Glückshormons Serotonin hervorruft, hatte bei mir zu diesem Zeitpunkt bereits eingesetzt.

1200px-Modica SchokotafelnJPGSchon die Azteken kannten ein sogenanntes Kakaowasser oder auch bitteres Wasser, das als Xocólati bezeichnet wurde. Hierbei waren Cayennepfeffer, Vanille, Kakao und Wasser die wesentlichen Bestandteile. Dieses „Kakaowasser“ beziehungsweise „Heiße Schokolade“ wollte ich jetzt auch probieren.
Als ich mir aber in Modica eine „Hot Chocolate“ bestellte, bekam ich diese Schokolade zwar in einer Tasse serviert, aber es war in keiner Weise mit dem vergleichbar, was wir in Deutschland als einen Schokoladentrunk kennen. Ich konnte es nicht trinken, sondern löffelte es aus meiner Tasse. Nicht etwa, weil es so heiß war, sondern weil es die Konsistenz von Schokoladenpudding hatte. Es war total lecker, aber auch mindestens so üppig.

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Gänsehaut

Manchmal gibt es Situationen, die sind wirr und konfus, erscheinen aber im Moment des Durchlebens vollkommen logisch, absolut folgerichtig und plausibel. Im Nachhinein betrachtet, entpuppen sie sich jedoch als das genaue Gegenteil. Sie entbehren jeglicher Logik und sind weder nachvollziehbar, noch glaubwürdig. Trotzdem sind wir in genau diesem besagten Moment überzeugt, dass alles absolut einleuchtend ist. So auch in dieser Nacht:

Es ist bereits weit nach Mitternacht, der Mond steht als Sichel am Himmel. Die Nacht ist sternenklar und wirklich eiskalt. Es ist einer dieser Nächte, wo man keinen Hund vor die Tür schickt.
Ich bin bei meiner Mutter. Genauer gesagt, in meinem alten Kinderzimmer. Um exakt zu sein, ich liege im Bett und bin tief unter meiner Bettdecke versunken. Hier ist es schön mollig warm, ich schlafe tief und fest und voller Zuversicht auf den kommenden Tag. Im Haus herrscht absolute Stille. Nichts und niemand stört meinen Schlaf. Bis auf einmal ganz plötzlich Geräusche an mein Ohr dringen. Ich erwache.
„Was war das?“, frage ich mich erschrocken.
Ich halte die Luft an und wage nicht zu atmen, gleichzeitig spitze ich die Ohren.
„Da, schon wieder.“
Ich habe die Geräusche wieder gehört. Es ist als sei jemand im Haus. Doch wer und wieso, frage ich mich. Meine Mutter kann es nicht sein, denn sie schläft im Nebenzimmer.
„Hat sie vielleicht geschnarcht oder gar nach mir gerufen?“
Nein, aus dem ihrem Schlafzimmer dringt kein Laut. Aber ich höre es ganz deutlich.
„Oh Gott, da hat etwas gequietscht! Vielleicht eine Tür.“
Mein Herz pocht mir bis zum Hals. Mein Atem stockt und ich spüre, wie sich auf meinem ganzen Körper Gänsehaut ausbreitet. Auch beginne ich unter der warmen Daunendecke zu frieren. Ich habe Angst.
„Da ist doch jemand im Haus!“
Das Blut stockt mir in den Adern.
Ich höre Stimmen. Es sind mehrere Personen. Sie unterhalten sich, doch ich kann nicht verstehen, was sie sagen. Jetzt verstummen sie. Ein paar Minuten herrscht Stille. Ich wage mich nicht zu rühren. Liege einfach nur regungslos da und harre der Dinge, die kommen. Doch augenblicklich tut sich nichts.
„Habe ich mich getäuscht?“
Nein, ich höre wieder etwas. Schritte. Sie nähern sich.
Ich höre wie die Schritte auf der Mamortreppe nach oben kommen. Mein Zimmer ist direkt oben am Ende der Treppe.
„Gleich sind sie hier oben! Was mach ich nur?“
Weglaufen kann ich nicht, denn das Zimmer hat nur einen Eingang und durch das Fenster fliehen ist ebenfalls nicht möglich, da ich mich im Obergeschoss befinde. Selbst wenn ich weglaufen könnte, meine Beine würden mich nicht tragen. Ich fühle mich gelähmt.
„Jetzt sind sie direkt vor meiner Tür“, fährt es mir durch den Kopf.
Ich ziehe mir die Decke bis zur Nasenspitze hoch und meine direkt vor meiner Zimmertür ein Atmen zu hören.
„Ich darf mich nicht rühren und keinen Laut von mir geben!“, ermahne ich mich im Stillen und zitternd vor Angst.
Die Türklinke wird leise herunter gedrückt. Ich höre es ganz deutlich und sehe es aus meinem Versteck heraus.
Vorsichtig öffnet sich die Tür einen kleinen winzigen Spalt, – kaum hörbar, aber ich kann einen kleinen Luftzug spüren.
Ich presse mir die Hand auf den Mund und reiße die Augen ganz weit auf.
„Da, was ist das?“
Vorsichtig schiebt sich etwas durch den Spalt. Es ist eine Hand. Ich kann es ganz deutlich erkennen. Eine Hand greift durch den Spalt und gleichzeitig wird die Tür ein kleines bisschen weiter geöffnet.
Ich schreie!Nein, ich versuche es, doch kein Laut kommt aus meinem Mund. Ich versuche Worte zu formen, aber alle bleiben mir im Halse stecken. Nur ein kleines geflüstertes und kaum hörbares

„Wer?“
bringen meine Stimmbänder zustande.
Gerade in dem Moment, in dem ich denke vor Angst und Schreck das Bewusstsein zu verlieren, höre ich eine Stimme. Ich vernehme sie ganz deutlich und kann auch die gesprochenen Worte verstehen.
„Ich bin’s Timo!“
Jetzt kann ich ihn erkennen.
Timo steht mit seiner Freundin vor meinem Bett. Ich bin total erleichtert, denn ich habe wirklich gedacht, dass Einbrecher im Haus seien. Jetzt aber ist es ganz selbstverständlich, dass er da ist, obwohl er eigentlich 600 Kilometer entfernt sein müsste. Darüber zerbreche ich mir jedoch im Moment ganz und gar nicht den Kopf. Ich bin einfach nur froh und erleichtert.
Dann höre ich noch wie Timo mir erzählt, dass er Halsschmerzen hat, danach ist es wieder ganz still um mich herum.
Ich kann mich an nichts mehr erinnern.
Alles ist weg.
Blackout.
Funkstille.
Und plötzlich aus dem Nichts heraus höre ich erneut ein Geräusch. Ich lausche. Weder Timo noch dessen Freundin sind da. Das weiß ich auf einmal ganz genau und kann auch deren Abwesenheit förmlich spüren.
„Kommt es aus dem Schlafzimmer meiner Mutter?“, überlege ich.
Es ist ziemlich laut. Also muss es auch relativ nah sein.
„Es ist direkt neben mir,“ denke ich.
Alles um mich herum ist dunkel. Ich kann nichts sehen, ich höre nur dieses Geräusch. Ich versuche es zu identifizieren. Es ist ein schnarchendes Geräusch. Ein Schnarchen.
„Das kann nicht sein. Ich liege ganz alleine hier im Bett im Haus meiner Mutter. Aber das Schnarchen ist direkt an meinem Ohr“, denke ich.
Der Schreck fährt mir erneut in die Glieder. Ich muss den Tatsachen ins Auge sehen. Schlagartig öffne ich die Augen. Ich brauche ein oder zwei Sekunden, um die Situation zu erfassen. Doch schrittweise schleicht sich die Erkenntnis in mein Bewusstsein:

Ich bin nicht in meinem ehemaligen Kinderzimmer und auch nicht im Hause meiner Mutter.
Dort waren weder Einbrecher noch Timo, die mich erschreckt haben.
Ich liege zu Hause in meinem Bett.
Der Schnarcher neben mir ist mein Peter.
Ich habe von Anfang an alles nur geträumt!

Diese Erkenntnis hat etwas Beruhigendes für mich und ich lasse mich wieder zurück in die Kissen fallen, wo ich sofort wieder einschlafe.

Am nächsten Morgen kann ich mich noch genau an diesen Traum erinnern, was bei mir eher selten vorkommt. Meist weiß ich nicht einmal mehr, dass ich überhaupt geträumt habe. Peter erzählt mir dann oft, dass ich im Traum gelacht, gerufen oder gequietscht habe. Häufig träume ich allerdings von Geräuschen, von denen ich dann auch tatsächlich aufwache und meinen Mann frage, ob es gerade an der Haustür geklingelt oder jemand nach mir gerufen hat.
Heute allerdings hat er von meinem Schrei im Traum nichts mitbekommen. Wie denn auch? Er hat doch tief und fest geschlafen und mir ins Ohr geschnarcht.

Dies & Das und sonst noch Was

Liebe Leser,

demnächst gibt es bei mir zusätzlich noch die Kategorie „Dies & Das und sonst noch Was“.

Hier möchte ich einfach einige Gedanken, Beobachtungen, Ideen oder auch nur ein paar Sätze aufschreiben, die mir gerade in den Sinn kommen und von denen ich denke, dass sie auch Euch interessieren.

Auf den Titel für diese Kategorie kam ich durch unseren Sohn. Wenn ich ihn als Kind aus dem Kindergarten abholte und ihn fragte, was sie denn alles gemacht hätten, dann antwortete er mir immer: „Na, dies und das und sonst noch was!“ Kurz und knapp und alles war gesagt.

Zur Zeit befindet sich diese Kategorie allerdings noch in der Bearbeitung.

Ich bitte um etwas Geduld.

Aber meine Kurzgeschichten gehen trotzdem weiter.

Liebe Grüße

Astrid

Das Sofa in der Küche

Neulich waren wir bei Freunden eingeladen. Da wir zwei Tage vorher bei meiner Mutter gewesen waren, hatte ich in meiner Handtasche noch ein paar alte Fotos, die ich mitgenommen hatte. Ich zeigte sie unseren Freunden und wir hatten beim Betrachten und Erzählen viel Spaß. Das Foto zu dieser Geschichte machte ebenfalls die Runde.

„Bist du das?“, fragten mich unsere Freunde.
„Ja, das ist meine Wenigkeit, – Prinzessin Astrid.“
Umrahmt von Kissen, die mich sicherlich stützen und vor dem Anecken schützen sollten, sitze ich da auf dem Sofa. Ich war damals gerade einmal 7 Monate alt, wie ich auf der Rückseite lesen kann. Schön, dass meine Mutter dies alles vermerkt hat. Die Rassel fest im Griff, erregt meine Aufmerksamkeit der Fotograf. Ich nehme an, es war mein Vater, der diesen Schnappschuss von mir machte.
„Was hast du denn da auf dem Kopf?“, werde ich gefragt.
„Na, das ist eine Tolle!“
„Stimmt, das hatte ich auch“, sagt unsere Bekannte.
„Sieht ziemlich witzig aus, aber das war anscheinend damals modern“, erkläre ich zu meiner Verteidigung.
Wenn ich das Foto so betrachte, tauchen Erinnerungen und andere Bilder in meinem Kopf auf. Ich glaube mich zu erinnern. Oder weiß ich manches nur aus Erzählungen? Aber ich sehe alles ganz deutlich vor mir.
„Das Sofa stand in unserer Küche“, erzähle ich den anderen.
Ich kann mich erinnern, dass ich auf diesem Sofa gesessen habe. Ich habe dort gespielt, allein oder mit meinen kleinen Spielkameraden oder ich betrachtete meine Bilderbücher. Vor dem Sofa stand der Küchentisch und somit saß ich wohl auch manchmal dort und habe gegessen.
Und was essen alle Kinder gerne? Pudding. Meine Mutter kochte mir also eines Tages auch einen Pudding. Sie wollte mir eine Freude machen, zumal ich laut meiner Eltern eine schlechte Esserin war. Man glaubt es zwar kaum, wenn man das Foto betrachtet, aber so wurde mir berichtet und ich kann dies aus späteren Erinnerungen auch bestätigen. Meine Mutter stellte also den Pudding auf den Tisch und fütterte mich oder besser gesagt, sie versuchte es. Nach ihren Erzählungen zufolge habe ich wohl auch beim ersten Löffel brav den Mund aufgemacht, doch dann ließ ich ihn fest geschlossen.
„Na, mach schön den Mund auf!“, forderte mich meine Mutter auf, aber ich presste die Lippen aufeinander.
„Schmeckt ganz lecker!“
Mein Mund blieb zu.
„Na komm, einen Löffel für den lieben Papa…“
Mein Mund blieb zu.
„Ach Astrid, nur ein kleines Löffelchen für den Opa…“
Meine Lippen blieben zusammen gepresst und ich wich mit dem Hin- und Herbewegen des Kopfes immer wieder erfolgreich dem Löffel aus. Sagen konnte ich damals noch nichts, aber irgendwelche Unmutslaute muss ich wohl von mir gegeben haben.
Wenn man so ein kleines Kind hat, das sowieso schon immer schlecht isst, dann kann man als Mutter verzweifeln. Das weiß ich aus eigener Erfahrung als Mutter eines „Schlechtessers“. Nachdem alle Tricks erfolglos blieben, machte mir meine Mutter einen Vorschlag.
„Schau mal, die Mama macht es dir vor!“ Meine Mutter wollte natürlich mit gutem Vorbild vorausgehen, dann würde ich es ihr schon nachmachen. So nahm sie jedenfalls an. Also lud sie den Löffel tüchtig voll.
„Siehst du der Mama schmeckt das auch…“
Sie schob sich den Löffel in den Mund und …
„Der schmeckt ja widerlich! – Ach Gott! Kein Wunder willst du den Pudding nicht essen!“, sagte sie zu mir und streichelte mich. „Der ist ja total versalzen!“
Meine Mutter hatte sich vergriffen und aus Versehen Salz anstelle von Zucker dem Puddingpulver zugefügt. Selbstverständlich hat sie der lieben kleinen Astrid einen neuen Pudding gekocht, den ich dann natürlich auch gefuttert habe, denn der schmeckte jetzt so wie Pudding schmecken soll, nämlich süß.
In dieser Küche spielte sich unser Leben ab, denn wir waren wochentags immer nur zu zweit. Mein Vater arbeitete damals in Frankfurt am Main und kam immer nur zum Wochenende nach Hause. Uns beiden reichte die Wohnküche aus. Das Wohnzimmer war unsere gute Stube. Da man damals noch mit Holz und Kohle heizte, blieb an den Wochentagen das Wohnzimmer (fast) ungeheizt. Weil es in der Küche aber gemütlich warm war, gab es für uns auch keine Veranlassung extra noch das Wohnzimmer zu heizen. Im Wohnzimmer stand allerdings der Fernseher, aber damals sah man ja kaum fern. Wenn abends um sieben das Sandmännchen kam, machte meine Mutter die Tür zum Wohnzimmer auf und ich setzte mich im Schlafanzug und in den Bademantel gehüllt auf mein kleines blaues Stühlchen. Dies stand dann zwischen Küche und Wohnzimmer auf der Schwelle. Von dort aus schaute ich mir die Sandmännchensendung an. Danach war Schlafengehen angesagt. Dieses Ritual vollzog sich Abend für Abend und ich glaube mich noch daran erinnern zu können.
Erinnern kann ich mich auch noch an das große Spülbecken gleich vorne links, wenn man die Küche betrat. Hier hat mir meine Mutter immer die Haare gewaschen. Das ist mir so gut im Gedächtnis geblieben, weil ich es hasste und demzufolge auch immer ein kleineres Drama vollführt habe, was man in meinen Kindheitserinnerungen unter dem Buchstaben „K“ nachlesen kann.
Ich weiß auch noch genau, wie unsere Küche eingerichtet war. Das liegt vielleicht daran, dass die Küchenmöbel bis hinein ins Erwachsenenalter für mich eine bedeutende Rolle gespielt haben. Der Küchenschrank ist mittlerweile in Ober- und Unterteil zerlegt, aber beide Teile existieren noch. Sie stehen bei meiner Mutter im Keller und sind in ihrer Funktion zweckentfremdet, z. B. als eine Art Werkzeugschrank.
„Der Küchentisch und das Sofa fand auch eine weitergehende Nutzung!“, sagt Peter.
„Ja genau, der Tisch stand bei mir in meiner Studentenbude, die eigentlich nur aus einem Zimmer bestand“, ergänze ich.
Und das Sofa wurde auch noch genutzt. Während meine Eltern unser Haus bauten, zogen wir zu meinem Opa ins Haus und dort stand das Sofa ebenfalls in der Küche. Später dann, in unserer ersten gemeinsamen Wohnung fand es als Couchersatz im Wohnzimmer seinen Platz.
„Da es farblich nicht so gut zu unserer Einrichtung passte, es war gelb mit einem kleinen schwarzen Muster, legten wir eine schöne Decke darüber“, lasse ich die Erinnerungen zurück kommen. „Bequem war es immer noch und auch sonst noch gut in Schuss.“
„Deshalb haben wir es auch beim Umzug in unsere zweite Wohnung mitgenommen“, erzählt Peter weiter.
„Ja, aber dann konnten wir uns schon eine Couchgarnitur leisten und es stand nur noch für ein paar Wochen bis zu deren Anlieferung im Wohnzimmer. Als wir das Kinderzimmer eingerichtet haben, hat es dort seine neue Verwendung gefunden und noch einige Jahre seinen Dienst getan.“
Damit hat also wieder ein kleines Kind, nämlich Timo, darauf gesessen, Bilderbücher betrachtet und mit seinen kleinen Freunden gespielt. Timo verbindet mit dem Sofa noch ein ganz besonderes Erlebnis, das ich aber irgendwann einmal in einer anderen Geschichte erzählen werde.
Erst nachdem sich der Inhalt des Sofas auflöste und unten heraus rieselte, haben wir uns von diesem Möbelstück getrennt. Schweren Herzens haben wir es zum Sperrmüll gestellt. Es war über 30 Jahre alt und hat im Grunde genommen 3 Generationen (meinen Eltern, mir und meinem Mann und Timo) gute Dienste erwiesen.

Bermudadreieck und andere Mysterien

Gerade lese ich eine Abhandlung über das Bermudadreieck. So nennt man ein bestimmtes Gebiet, „das sich im westlichen Atlantik nördlich der Karibik befindet.“ * Da sich in dieser Gegend einige Schiffs- und Flugzeugunglücke abgespielt haben und diese Schiffe bzw. Flugzeuge nicht mehr auffindbar waren, erhielt dieses Gebiet den Ruf, dass dort mysteriöse Dinge geschehen würden. 

„Wo soll dieses Bermudadreieck sein?“, frage ich mich in Gedanken und gebe mir auch gleich selbst die Antwort darauf: „Das kann nicht stimmen!“
Wie ich auf diese Idee komme, könnte man jetzt fragen. Das lässt sich ganz einfach erklären, denn immer öfter habe ich das Gefühl, dass sich dieses Bermudadreieck hier bei uns befindet. In unserem Umfeld gibt es Dinge, die eine Eigendynamik zu entwickeln scheinen. Dinge, die verschwinden und eine geraume Zeit nicht mehr auffindbar sind, allerdings tauchen sie auch manchmal wieder aus der Versenkung auf. Eine Erklärung für dieses Phänomen gibt es jedoch nicht.
Während ich so in meinen Gedanken verloren bin, dringt eine Stimme an mein Ohr, die ich als die meines Mannes identifiziere.
„Wo kann ich denn in diesem Haus einen Kugelschreiber finden?“
„Gestern lagen noch mindestens fünf Stück dort drüben in der Schatulle“, erkläre ich ihm.
„Wo? In welcher Schatulle? Hier, in der ist jedenfalls kein einziger Kugelschreiber zu finden.“ Peter klingt leicht verärgert.
„Das ist schon seltsam: Bei uns sind entweder alle Kugelschreiber da oder alle sind weg. Die müssen doch irgendwo sein“, meckert er weiter und kramt erfolglos in einer Schublade.
„Seltsam, diese Dinger scheinen ein Eigenleben zu führen. Ich bin mir hundertprozentig sicher: Gestern waren sie noch alle da“, sage ich und beteilige mich jetzt an seiner Suche. Zum Glück finde ich meinen Lieblingskugelschreiber, den ich nebenbei bemerkt schon seit Wochen vermisst habe, in meiner Handtasche.
Diese bezeichne ich übrigens als mein ganz persönliches Bermudadreieck. In den Tiefen meiner Handtasche verschwinden immer wieder auf mysteriöse Weise Dinge, die aber auch irgendwann einmal wieder ganz unverhofft auftauchen. Mir ist es jedes Mal schleierhaft, wie in meiner Handtasche dieses Phänomen vonstatten geht. Hierbei spielt die Größe dieser Tasche nur eine mehr oder weniger untergeordnete Rolle, denn vollgestopft ist sie im Grunde genommen immer.
„Hast du zufälligerweise auch noch meine Uhr in deiner Tasche gefunden?“, fragt er mich, doch damit kann ich ihm nicht dienen. Meine Handtasche ist zwar ein überaus wichtiges Utensil für mich geworden, denn alles Notwendige befindet sich darin, aber Peters Uhr ist nicht darunter, dessen bin ich mir ganz sicher. Trotzdem leere ich deren Inhalt aus, um nachzusehen und meinem Peter zu beweisen, dass sich seine Uhr nicht in diesem meinem Heiligtum befindet.
Peter, der mich dabei beobachtet fragt nur: „Willst du damit auf Weltreise gehen oder nur mal schnell zum Einkaufen?“
Als ich ihn verständnislos anschaue meint er: „ Du hast auch wirklich vom Lippenstift und Parfüm über das Pflaster und Schreibsachen bis hin zum Knopf und Nähzeug alles dabei.“
„Du vergisst meine Lesebrille, mein Portemonnaie, meine Haarbürste und…“
„Schon gut, schon gut!“, stoppt Peter meine Aufzählung. „Ich sehe schon, du bist schlichtweg für alle Eventualitäten des Alltags gewappnet. Aber wo ist meine Uhr?“
Nachdem wir sie im Badezimmer aufgespürt haben, wo er sie am gestrigen Abend vom Handgelenk genommen und auf die Ablage gelegt hat, müssen wir uns jetzt tatsächlich beeilen, denn wir wollen heute noch nach Berlin zu einer offiziellen Veranstaltung. Zuvor aber wollen wir noch einige Besorgungen machen.
Als wir vom Einkaufen zurück sind und vor der Haustür stehen, krame ich in meiner Handtasche herum, um meinen Schlüssel zu suchen. Ich suche und suche.
„Mein Schlüssel ist weg!“, rufe ich entsetzt aus.
Peter reagiert überhaupt nicht auf meinen verzweifelten Ausruf. Ich wühle immer noch in den Tiefen meiner Tasche und habe bereits das Unterste nach Oben gekramt. 
„Nichts!“, verkünde ich sichtlich aufgeregt. „Den hab ich irgendwo verloren!“
„Das behauptest du immer“, beruhigt mich Peter und schließt mit seinem Haustürschlüssel auf.
„Da ist er!“, freue ich mich, während ich einen dicken Schlüsselbund aus einer Seitentasche meiner Handtasche angele.
„Vielleicht solltest du etwas weniger Ballast mit dir rumschleppen, dann findest du auch eher, das was du suchst. Du hast viel zuviel Krimskrams da drin.“
„Quatsch!“, protestiere ich. „Das brauche ich alles! Hin und wieder zumindest oder im Notfall.“
„Wieviel Handtaschen hast du überhaupt?“, werde ich jetzt von meinem Göttergatten gefragt.
„Lass mich mal überlegen, – ach ist doch auch egal. Hauptsache die Tasche passt immer zu meinem entsprechenden Outfit, also Ton in Ton zu meiner Kleidung und meinen Schuhen,“ beantworte ich seine Frage und füge schnell noch hinzu: „Gut, dass du mich daran erinnerst, für die Veranstaltung heute Abend muss ich selbstverständlich noch eine andere Handtasche mitnehmen.“
Als ich alles für unseren Aufenthalt in Berlin eingepackt habe und mit einem Handgebäckskoffer wieder nach unten komme, sehe ich mit einem Seitenblick, dass Peter in seinem Arbeitszimmer auf der Suche nach etwas ist.
„Ich kann meine Ersatzbrille nicht finden“, ruft er mir zu.
„Wozu brauchst du die denn jetzt? Oder hast du gerade deine Brille kaputt gemacht?“
„Nein, das nicht, aber mir fiel das nur eben so ein.“
„Ich erinnere mich noch genau, dass ich sie dort hinlegen wollte, wo sich auch unsere Impfpässe und Gesundheitsunterlagen befinden. Das erschien mir irgendwie logisch, dir aber nicht. Du hast sie an eine Stelle gelegt, wo du sie mit hundertprozentiger Sicherheit wieder finden würdest,- zumindest laut deiner Worte“, kläre ich Peter auf und füge schnell noch hinzu: „Können wir die Suche nicht auf ein anderes Mal vertagen?“
Nun gut, wir können aus rein zeitlichen Gründen jetzt nicht weitersuchen und fahren dann auch nach Berlin. Dort verbringen wir einen schönen Abend, aber irgendwie verfolgt uns dieses Mysterium, das unsere Sachen immerzu verschwinden lässt sogar bis Berlin. Am nächsten Morgen beim Auschecken im Hotel müssen wir feststellen, dass die zweite Karte, die sozusagen als Zimmerschlüssel dient, spurlos verschwunden ist.
„Die hast du!“, wird mir sofort erklärt.
Schuldbewusst öffne ich meine Tasche und durchsuche wieder einmal hektisch alle Ecken. Ich bin schon sichtlich nervös, weil ich dieses Ding nicht finden kann.
„Ich hab die nicht!“
„Musst du aber, wo soll sie sonst sein? Du steckst doch immer alles in deine Handtasche.“
„Ich kann mich gar nicht erinnern, dass ich diese zweite Karte jemals in der Hand hatte,“ verteidige ich mich.
Da sich alle Blicke auf mich richten, vertiefe ich mich erneut in den unendlichen Weiten meiner Tasche. Ich schiebe ein paar Kassenbons zu Seite, nehme die Haarbürste heraus, lege die Handcreme in das andere Fach und entdecke ein längst vergessenes Passfoto unseres Sohnes aus Kindheitstagen hinter einem geschlossenen Reißverschluss. Was ich allerdings nicht finde, ist die gesuchte Karte. Mittlerweile fällt mir auf, dass es rund um mich herum ziemlich still geworden ist. Unvermittelt blicke ich auf, um in das strahlende Gesicht meines Mannes zu schauen. Mein zweiter Blick lässt mich den Grund für sein Grinsen erkennen. In seiner hochgehaltenen Hand hält er nämlich die Schlüsselkarte.
„Ist die mir jetzt beim Suchen aus meiner Tasche gefallen?“, erkundige ich mich doch etwas scheinheilig.
„Ausnahmsweise warst du jetzt mal nicht für alle Eventualitäten gerüstet. Ich hatte sie in der Innentasche meines Jacketts.“
„Aha! Und wie ist sie wohl da hin gekommen?“, frage ich meinen Peter. Ich habe nämlich so einen Verdacht….

 

 

* (aus: http://de.wikipedia.org/wiki/Bermudadreieck Stand: 28.2.15)

Clown August und der Ententanz

Wir waren für ein paar Tage in der alten Heimat und haben die Mütter besucht. Im Moment befinden wir uns auf derAutobahn und fahren in unsere neue und jetzige Heimat. Wir fahren also gewissermaßen von Zuhause nach Hause.  Keine Ahnung, ob jemand diese unsere Logik versteht, aber diese Ausdrucksweise trifft es noch am Besten. Bestimmt ist auch nachvollziehbar, dass wir von so einer Reise in die Vergangenheit auch gewisse Erinnerungen mit in unsere Gegenwart bringen.

Gerade fahren wir an einem Pritschenwagen vorbei, da fallen Peter und mir Geschichten ein, die uns an eine ganz bestimmte Person erinnern.
„Du hast doch neulich die Geschichte vom Umzug meiner Schwester geschrieben und dabei kam so ein ähnlicher Pritschenwagen vor“, sagt Peter zu mir. „Hast du denn schon mal was von Tante Leni geschrieben?“
„Nein, noch nicht! Aber sag mal, wie war das eigentlich? Wenn ich mich richtig erinnere, dann war sie doch gar nicht deine Tante.“
„Sie war die Schwägerin von meiner Oma, väterlicherseits“, klärt mich Peter auf.
„Das war jetzt aber umständlich formuliert. Sie war also die Schwester von deinem Opa und damit die Tante von deinem Vater und deine Großtante. Richtig?“, versuche ich den Verwandtschaftsgrad zu ermitteln.
„Ja stimmt schon. Ich komme mit diesen ganzen Verwandtschaftsbezeichnungen immer nicht ganz klar. Ist ja auch egal, denn jeder,  ob verwandt oder bekannt, nannte sie nur Tante Leni.“
Als ich sie kennenlernte, eilte ihr der Ruf einer kleinen Berühmtheit voraus, zumindest innerhalb der Familie meines Mannes. Sie war eine zierliche kleine Person mit kurzem dauergewellten Haaren und immer guter Laune.
„Mein Vater hat mir erzählt, dass ihr Mann eine Schreinerei hatte“, berichtet Peter. „Und jetzt komme ich auf den Pritschenwagen zu sprechen. Wenn sie zu einem Kunden unterwegs waren, der beispielsweise in Mainz wohnte, wollte sie immer mitfahren.“
„Dagegen ist ja wohl nichts einzuwenden!“, verteidige ich Tante Leni.
Peter grinst mich an und erzählt weiter: „Wenn im Sommer die Sonne vom Himmel lachte, dann stellte man einen Liegestuhl auf die Ladefläche.“
„Wozu sollte das denn gut sein?“, frage ich überrascht.
„Na, ganz einfach: Tante Leni setzte sich in den Liegestuhl und sonnte sich während der Fahrt!“
„Das passt ganz genau zu der Tante Leni, die ich kennengelernt habe“, erwidere ich. „Unkonventionell, immer für ein Späßchen zu haben und in keiner Hinsicht langweilig.“
„Tante Leni war auch für alles, was modern war zu begeistern. Sie war die erste im gesamten Familien- und Bekanntenkreis, die sich einen Farbfernseher kaufte. Alle wunderten sich wozu sie so ein neumodisches Dinge brauchte und später besorgte sich jeder so ein Gerät.“
„Ach, der Farbfernseher“, falle ich Peter ins Wort. „Den haben wir doch nach Tante Lenis Tod sozusagen geerbt, der stand in unserer ersten gemeinsamen Wohnung und hat noch lange Jahre gute Dienste geleistet.“
Tante Leni war bei jeder Familienfeier mit von der Partie, ob Geburtstag oder unsere Verlobung. Sie saß an der Kaffeetafel, erzählte und liebte es, wenn die anderen sich amüsierten. Sie aß gerne Kuchen, aber bitte mit Sahne, trotz Medikamente gegen einen erhöhten Blutzuckerspiegel. Damals war ein ganz spezieller Sahnespender neu auf den Markt gekommen, ein Sahnesyphon. Hierfür wurde die flüssige Sahne mit Distickstoffmonoxid (einer N2O – Patrone) sozusagen aufgeschäumt.
„Tante Leni saß in ihrem besten Sonntagskleid am Kaffeetisch und forderte mich auf, ihr aus dem Sahnespender eine ordentliche Portion Sahne auf ihren Kuchen zu spritzen.“ Peter kann sich bei der Erinnerung an diese Feier kaum noch vor Lachen halten. Nachdem er tief Luft geholt hat, berichtet er weiter. „Ich habe dieses Wunderwerk in die Hand genommen, gezielt und den Hebel fest runtergedrückt.“

„Na und?“

„Leider habe ich nicht auf den Kuchen gezielt, sondern auf Tante Lenis Sonntagskleid. Ich kann mich noch ganz genau an ihr „Huch!“ erinnern. Ob sie sauer war und geschimpft oder gelacht hat, weiß ich heute nicht mehr. Aber bei allen kommenden Kuchenschlachten erinnerte man sich lachend an diese Sahneorgie und forderte mich immer auf doch vorsichtig mit diesem Wunderwerk umzugehen.“

Am meisten Freude hatten sie und alle Anwesenden jedoch, wenn ein ganz spezielles Lied und dazu eine Aufforderung an Tante Leni erklang und daran kann ich mich ebenfalls noch haargenau erinnern. Nachdem die Kuchenteller und Kaffeetassen geleert waren, setzte sich mein Schwiegervater an seine selbstgebaute Orgel und begann Schlager zu spielen. Die Stimmung stieg und plötzlich rief jemand:
„Tante Leni, jetzt kommt der Ententanz!“
Ohne zu zögern marschierte sie in die Mitte des Wohnzimmers und legte zu Frank Zanders Schlager „Ja, wenn wir alle Englein wären…“ einen filmreifen Ententanz hin, den keiner besser konnte als Tante Leni. Mit ihren Ellbogen schlug sie wie mit Flügeln im Rhythmus des Liedes, führte mit zusammengedrückten Knien einen Twist ähnlichen Tanz auf und klatschte dann viermal in die Hände. Sie war die Stimmungskanone Nummer Eins und obwohl wir alle versuchten es ihr gleichzutun, konnte niemand mit der fast Achtzigjährigen mithalten. Und weil ihre Tanzvorführung mit großem Applaus und Zugaberufen belohnt wurde, blieb es niemals nur bei einem Tänzchen.
Und selbstverständlich tanzten wir und sangen alle den Refrain mit:
„Ja, wenn wir alle Englein wären,
dann wär die Welt nur halb so schön…“ *

„Wir haben übrigens noch drei Andenken an Tante Leni!“, sage ich.
„Ja genau“, bestätigt Peter. „Das Bild von Clown August, das im Hauswirtschaftsraum über unserer Waschmaschine hängt. Der lacht genauso lustig und scheint genauso viel Freude am Leben zu haben wie Tante Leni es hatte.“
„Und im Schrank steht noch eine große und eine kleine gläserne Blumenvase, die sind beide ebenfalls von ihr“, ergänze ich meinen Mann.
Wir hatten immer eine Menge Spaß, wenn Tante Leni dabei war und freuten uns schon im Vorfeld auf ihren Tanz. Doch leider konnte sie irgendwann nicht mehr mitfeiern. Sie wurde von einem Mofa angefahren und verstarb im Krankenhaus, allerdings so viel wir uns erinnern können, nicht an den Unfallfolgen. Aber man sieht, irgendwie ist sie doch noch bei uns. Jedesmal, wenn irgendwo Frank Zanders „Ententanz“ gesungen und getanzt wird, erinnern wir uns an Tante Leni und auch jetzt auf der Fahrt lasse ich bei You Tube das Lied erklingen.
Auch heute hat uns die Erinnerung viel Freude bereitet und uns unsere Fahrt über 600 Kilometer zumindest gefühlsmäßig verkürzt. Danke Tante Leni.

 

 

Eine liebe Mitbloggerin (Tanja Fründ) hat zum Thema „Dummer August“ ebenfalls einen Beitrag geschrieben.

Der Dumme August und seine Verwandten

 

*  aus: http://www.golyr.de/frank-zander/songtext-ententanz-339823.html (Stand: 12.3.2015)

Ententanz

 

Wenn der Vater mit dem Sohn …

Auf Anhieb fallen wahrscheinlich nicht nur mir die lustigen Vater – und – Sohn – Bildgeschichten des Zeichners E.O.Plauen (Erich Ohser) ein. Der kleine dicke Vater und der strubbelige Sohn haben inzwischen die Herzen von Kindern und Erwachsenen erobert. Aber in jeder Familie, in der es einen Sohn gibt, existieren auch Vater – und – Sohn – Geschichten, also auch bei uns:

Wie jeder weiß, kommen bei Vätern oft Kindheitsträume wieder zum Vorschein, die dann mit dem Sohn in die Tat umgesetzt werden. Unzählige Väter, manchmal sogar schon werdende Väter, holen wieder ihre Eisenbahn vom Dachboden. Mein Peter natürlich auch. Aber da gab es noch etwas anderes. Als Kind hatte er ein Flugzeug gebaut, das allerdings irgendwann zerschellte. Hieran war meine Schwägerin nicht ganz unbeteiligt gewesen. Man kann es kaum glauben, denn heute hat Peter als Professor einen Lehrstuhl für Flugantriebe inne und seine Schwester ist Stewardess geworden. Daher ist es eigentlich nur logisch, dass Peter mit unserem Sohn Timo auch irgendwann einmal das Thema Fliegen und Flugzeug in Angriff nahm.
„Was hältst du davon, wenn wir uns ein Modellflugzeug kaufen?“, schlug er unserem damals etwa elfjährigen Sohn vor.
„Oh ja, das ist toll!“, sprang Timo sofort darauf an. „Aber ein richtig Tolles und mit Fernsteuerung!“
Also ging es an einem Samstag zum entsprechenden Geschäft. Sowohl Timo als auch mein Mann bekamen beim Anblick der vielen verschiedenen Modelle, egal ob Autos, Flugzeuge, Motorräder oder Schiffe glänzende Augen.
„Haben Sie denn schon einmal ein ferngesteuertes Flugzeug in die Luft gebracht?“, fragte der Verkäufer, der meinem Mann schon einige kleinere Triebwerke geliefert hatte.
„Tja“, meinte mein Mann. „Ich kenne mich zwar mit den Antrieben aus, aber ich habe das letzte Mal als Kind versucht ein Modellflugzeug fliegen zu lassen. Aber das dürfte ja wohl kein Problem sein.“
„Ich denke, wir sollten dann mal zu den Anfängermodellen gehen“, schlug der Verkäufer vor.
„Ja, aber so ein kleines Spielzeug sollte es nun auch wieder nicht sein. Schon was Ordentliches!“, verkündete Peter.
Nun gut, wir fanden dann auch ein Modellflugzeug, das eine Spannweite von ungefähr 1,5 Metern hatte und einen entsprechenden Antrieb mit Fernsteuerung besaß. Es war aus gelbem Styropor gebaut und nicht in unendlich viele Kleinteile zerlegt. Somit wurde es der kindlichen und väterlichen Ungeduld gerecht, denn es war schnell einsatzbereit.
An einem schönen Sonntagvormittag sollte es dann soweit sein. Wir hatten uns schon überlegt, welche Wiese wohl für den Jungfernflug geeignet sei. Sie war etwas außerhalb eines Dorfes gelegen und groß genug, um das Flugzeug ausgiebig zu erproben und Kreise am Himmel ziehen zu lassen.
Alle Nachbarn in unserem Stichweg standen um unser Flugzeug herum und bewunderten dieses tolle Stück.
„Na, dann lasst es mal schön fliegen und hinterher eine gute Landung!“, wünschten sie uns noch, als wir ins Auto einstiegen.
Timo und Peter freuten sich riesig und ich war einfach nur gespannt. Ich überlegte mir, ob ich mich trauen und das Flugzeug, wenn auch nur ganz kurz, ebenfalls durch die Lüfte kreisen lassen würde. Die Landung würde ich dann Peter oder vielleicht sogar Timo überlassen, denn ich hatte keinerlei Erfahrung mit diesen ferngesteuerten Dingern. Und kaputt machen wollte ich ja auch nichts.
Peter gab Timo noch einige Instruktionen bezüglich der Steuerung und wann er denn Schub geben sollte. Er selbst ging dann mit dem Flugzeug in der Hand etwa fünfzig Meter weiter. Er hielt das Flugzeug hoch und drehte sich zu Timo, um ihm das vereinbarte Kommando zu geben:
„Also los!“, befahl er.
Der Motor surrte, der Propeller drehte sich, es war ideales Flugwetter, – einfach alles perfekt. Peter lief noch ein paar Schritte und tat dann das, was in der Anleitung zum Flugstart beschrieben stand. Er warf den großen gelben Flieger in die Luft.
„Perfekt!“, hätten wir uns gewünscht ausrufen zu können.
So weit kamen wir gar nicht erst, denn dieser Jubelruf wurde durch einen Aufschrei meinerseits überholt.
„Oh nein!, rief ich entsetzt aus, als ich sah, wie das Flugzeug seine Spitze in den Boden rammte.
Nun standen wir inmitten der großen Wiese um unseren Flieger herum.
„Ist halb so wild!“, beruhigte Peter unseren Timo, denn dieser ließ sehr verdächtig den Kopf hängen und verzog schon sein Gesicht.
„Das kann man wieder kleben, deshalb haben wir ja einen Styroporflieger genommen.“
Also fuhren wir einerseits etwas frustriert nach Hause, aber andererseits trugen wir die Hoffnung in uns, dass die Sache beim nächsten Mal besser klappen würde. Peter meinte nämlich, dass der Flieger oder besser gesagt dessen Gewicht noch richtig ausgetrimmt werden müsse. In der häuslichen Garage wurden die Reparaturarbeiten noch am gleichen Tag durchgeführt. Allerdings musste der Kleber vor dem nächsten Versuch erst noch aushärten.
Am nächsten Samstag verluden wir wiederum den Flieger ins Auto und ab ging die Post, um zehn Minuten später wiederum mit den Einzelteilen zurück zu kehren.
Bei unserer Rückkehr waren wir dann in unserer Straße auch Gesprächsthema Nummer eins. Eigentlich waren nicht wir der Diskussionspunkt, sondern eher der Start und der Absturz unseres Fliegers. Man kann sich vorstellen, dass aus allen Richtungen gute Ratschläge auf uns einprasselten.
„Man muss nur einfach auf das Gewicht achten, denn vorne darf er nicht so schwer sein“, erklärte uns ein Bekannter, der bereits Erfahrungen mit ferngesteuerten Autos hatte und möglicherweise als Kind auch einmal einen Papierflieger hatte steigen lassen.
„Das nächste Mal komme ich mit! Das klappt dann schon!“, erzählte er uns siegessicher.
So war es dann auch – teilweise.
Wir bestiegen am darauf folgenden Wochenende also zu Viert das Auto: Peter, Timo, ich und unser hilfreicher Bekannter. Die übrigen Nachbarn winkten uns noch zu und zeigten uns gestenreich an, dass sie uns die Daumen drücken würden.
Wir fuhren also zu der besagten Flugwiese und stiegen aus. Peter holte den Flieger aus dem Kofferraum und Timo schnappte sich die Fernsteuerung. So marschierten wir unter den Anweisungen unseres Bekannten zum Mittelpunkt der Wiese, wohlweißlich darauf achtend, dass sowohl Bäume als auch Straßen weit genug entfernt waren.
Timo strahlte. Der Bekannte gab mit ernster Miene einige Belehrungen zum Besten. Peter war hoch konzentriert. Und ich brachte mich vorsichtshalber schon mal in Sicherheit.
Peter hielt den Flieger hoch, der Propeller drehte sich, der Motor surrte, unser Bekannter gab das Kommando und das Flugzeug flog.
Wie lange es sich in der Luft hielt, konnte später keiner mehr sagen. Allerdings können es nur Sekunden gewesen sein, denn dann setzte es sofort wieder zum Sturzflug an.
Dieses Mal waren die Beschädigungen schon etwas ausgeprägter, doch reparierbar, unser Bekannter etwas kleinlauter und Timo aller Hoffnungen beraubt.
Während Peter und unser Bekannter noch beratschlagten, welche Verbesserungsmöglichkeiten es geben könnte, legten Timo und ich das Thema Modellflieger mehr oder weniger ad acta. Wir waren uns nämlich einig darüber, dass unser Bekannter lieber weiter mit seinen ferngesteuerten Modellautos durch die Gegend rasen sollte und Peter einfach nur weiterhin seinen Studenten beibringen sollte wie man Triebwerke baut.

Übrigens: Das große gelbe Flugzeug ist niemals wieder gestartet, aber es existiert noch. Vielleicht kann Peter es später einmal als Großvater wieder aktivieren, – dann möglicherweise mit größerem Erfolg. Zumindest ist es mit seinen wenigen Flugsekunden jetzt schon in die Familiengeschichte eingegangen.

Aktionsgemeinschaft „Saubere Umwelt“

Heutzutage wird viel über Natur und Umwelt geredet. Der Begriff „Erneuerbare Energien“ ist in aller Munde. Man will unsere Umwelt, unsere Natur schützen, um unseren Nachkommen eine bessere Welt zu übergeben. Mülltrennung und Müllvermeidung ist uns seit Kindheitstagen bekannt und wird von uns ganz selbstverständlich ausgeführt. Umweltschutz ist uns eine Herzensangelegenheit geworden, so ist es nicht verwunderlich, dass dieses Thema immer wieder für Gesprächsstoff sorgt.

Wir haben Besuch von einem Bekannten, der unseren Rat sucht. Bei einem Gläschen Wein und in gemütlicher Atmosphäre führen wir eine nette und ungezwungene Unterhaltung. So führt uns das Gespräch auch hin zu der uns umgebenden Schönheit der Natur.
„Wir haben doch hier eine wunderbare Landschaft. Ich denke zum Beispiel an den schönen Spreewald mit seinen Fließen, Wäldern und Wiesen, seiner Flora und Fauna“, schwärmt unser Bekannter.
„Ja, wir sind auch immer viel im Spreewald unterwegs und alle unsere Besucher führen wir selbstverständlich hier hin. Dieses Gebiet ist einfach einzigartig“, sage ich.
„Es ist so wichtig unsere Natur zu schützen und im Grunde genommen auch ganz einfach. Jeder muss nur dazu beitragen“, begeistert sich der etwas jüngere Mann.
„Zum Glück haben wir in unserer Generation diese Wertschätzung schon von Kindheit an gelernt und dies an unsere Kinder weitergegeben. Somit ist ein richtiges Umweltbewusstsein entstanden“, philosophiert Peter. „Aber bevor wir in die Politik abtriften, muss ich euch eine Geschichte aus meiner Jugend erzählen“, ergänzt er.
Es steht wohl außer Frage, dass er uns mit dieser kleinen Andeutung neugierig macht und wir ihn selbstverständlich auffordern seine Geschichte zum Besten zu geben.
„Erzähl doch bitte mal!“, kommt von mir die Bitte an meinen Mann. „Kenne ich die Geschichte denn schon?“
„Ich denke, dass ich diese schon mal erzählt habe. Vielleicht erinnerst du dich ja noch…“
Und dann fing Peter mit einem verschmitzten Grinsen an uns die besagte Geschichte zu erzählen und wir konnten uns die Situation wirklich lebhaft vorstellen.
„Es war auf dem Gymnasium, möglicherweise sogar schon auf der Oberstufe. Also müsstest du auch schon an dieser Schule gewesen sein“, richtet er sich ergänzend an mich.
„Damals hatten wir im Unterricht viel über den Umweltschutz diskutiert und es war wohl auch die Zeit in der die „Grünen“ recht aktiv waren und ein paar Jahre später mit Turnschuhen in den Bundestag einzogen. Parolen wie „Schützet die Umwelt“ gefielen mir und wurden zu einem Motivationsfaktor für mich.“
Peter war von der Idee des Umweltschutzes so angetan, dass sich in seinem Kopf eine Idee heraus kristallisierte. Er war und ist auch heute noch der Meinung, dass jeder einzelne von uns sich an diesem Schutz der Umwelt beteiligen sollte und da muss ich ihm zustimmen. Als Schüler waren seine Mittel und Wege dahin gehend natürlich sehr eingeschränkt. Er wollte niemals in die Politik gehen, aber ein bisschen mitmischen, so dachte er sich wohl damals, könnte nicht schaden.
„Man muss im Kleinen anfangen, um Großes zu bewirken“, begründete er sein Vorgehen.
Peter hatte damals auf jeden Fall einige Freunde in sein Vorhaben eingeweiht. So überlegten sie zu dritt, welche Aktionen sie starten könnten, um ihre Idee weiterzuverbreiten und in die Tat umsetzen zu können. Sie entwarfen Slogans, die sie auf Handzettel schrieben. Diese wurden dann auf dem Schulhof verteilt und an Bäume im schulischen Umfeld gehängt. Man hatte sich auf einen Tag und eine bestimmte Uhrzeit geeinigt, zu der eine kleine Kundgebung auf dem Schulhof stattfinden sollte.
„Wir drei kamen dann also in der großen Pause zusammen und warteten auf Leute, denen das Thema ebenso am Herzen lag wie uns. Ich hatte sogar eine Rede vorbereitet.“
„Und wieviel Leute kamen?“, erkundige ich mich.
„Ja, sie sind nicht gerade in Massen angeströmt, so wie wir es uns ausgemalt hatten“, gibt Peter zu. „Es kamen gerade einmal zwei Jungs!“
„Schade!“, meint unser Bekannter sichtlich enttäuscht.
„Und dann habt ihr wohl alles abgeblasen?“, erkundige ich mich bei Peter.
„Von wegen. Wie schon gesagt, man muss im Kleinen anfangen…“
Peter stieg laut seiner Erzählung damals auf eine Bank, die auf dem Schulhof stand und verschaffte sich erst einmal Gehör. Seine wenigen Anhänger lauschten seinen wohl überlegten Worten und klatschten am Ende der Ansprache auch kräftig Beifall.
„Außer meiner kleinen Fangemeinde, bekam noch jemand anderes mit, dass wir da etwas planten.“
Als wir fragende Gesichter aufsetzen, erzählt Peter uns die Ereignisse aus vergangenen Tagen weiter.
In großen Schritten war damals der Hausmeister an die versammelten Jungs herangetreten und forderte zuerst einmal Peter auf, von der Bank herunter zu steigen. Danach stellte er zielgerichtet die folgende Frage:
„Was ist denn hier eigentlich los? Was ist das für eine Versammlung? Ihr heckt doch etwas aus!“
Anscheinend kannte er schon seine „Pappenheimer“, doch mein Peter protestierte vehement und erläuterte ihm:
„Wir sind besorgt um unsere Umwelt. Man muss doch etwas für deren Schutz tun und deshalb wollen wir eine Aktionsgemeinschaft gründen.“
„Aha! So, so!“
„Ja, die Aktionsgemeinschaft „Saubere Umwelt!“ Das ist ziemlich wichtig, wir müssen weitere Interessenten finden und jeder kann mitmachen. Wollen Sie auch mitmachen?“, fragte er den Hausmeister.
„Und was soll diese Aktionsgemeinschaft bewirken?“, fragte der Hausmeister sichtlich interessiert und kratzte sich am Kopf.
„Na, das sagt doch schon der Name“, erklärte Peter weiter, sichtlich begeistert anscheinend einen neuen Anhänger gefunden zu haben. „Wir sorgen dafür, dass unsere Umwelt sauber bleibt und sich alle an ihr erfreuen können.“
Der Hausmeister schien immer interessierter und auch die übrigen Anhänger der Aktionsgemeinschaft versammelten sich um Peter, der inzwischen vor der Bank stand, und um den Hausmeister. Alle lauschen gespannt Peters Ausführungen, doch irgendwann meldete sich der Hausmeister zu Wort:
„Das hast du prima erklärt Peter und die Idee ist super! Leider ist jetzt die Pause vorbei. Kommt doch direkt nach der Schule mal bei mir vorbei!“
Mit diesen Worten drehte er sich um und schritt davon. Während des Laufens rief er den Schülern noch einmal zu: „Wirklich eine prima Idee! Ich bin dabei!“
„Ja, so gewinnt man Anhänger, man muss die Sache nur überzeugend rüberbringen!“, erzählt uns Peter, die wir der Geschichte bis hier hin gespannt gelauscht haben.
„Ward ihr nach Schulschluss dort und wie ging es weiter?“, wollen wir nun wissen.
„Klar, wir sind sofort zu ihm gelaufen. Wir waren ja mächtig stolz auf unseren ersten Erfolg!“
Der Hausmeister erwartete damals die kleine Gruppe auch schon und führte sie in eine Ecke des Schulgebäudes, wo er eine Tür aufschloss.
„Ich muss euch sagen, dass es noch mehr von eurer Sorte geben müsste. Ist schon eine geniale Idee, diese Aktionsgemeinschaft „Saubere Umwelt“. Und bei so einer Aktion ist es immer auch wichtig, dass es gute Vorbilder gibt.“
Mit diesen Worten drückte der Hausmeister den Jungs Besen, Schaufel, Eimer und Säcke in die Hand und forderte sie grinsend auf:
„Na, dann legt mal los! Der gesamte Schulhof muss gesäubert, gekehrt und von Abfall bereinigt werden. Und auf der Schulwiese könnt ihr danach noch das Gras zusammen rechen, das ich heute vormittag abgemäht habe!“
„Und?“, presse ich unter Lachen hervor. „Habt ihr es gemacht?“
„Na klar“, antwortet Peter. „Wir sind voller Eifer an die Sache rangegangen. Allerdings muss ich zugeben: Der Abschluss dieser Säuberungsaktion am Abend, war dann auch das Ende der Aktionsgemeinschaft ‚Saubere Umwelt!‘ “
„Vielleicht hättet ihr mal besser durchhalten sollen!“, meine ich grinsend. „Du hattest das anfangs schon richtig erkannt:

Man muss im Kleinen anfangen, um Großes zu bewirken!“

Corpus Delicti

Vor ein paar Tagen meldete sich eine Freundin unverhofft bei mir, die wir noch aus unserer Zeit in Darmstadt kennen. Irgendwann sind wir weggezogen und sie mit ihrer Familie ebenfalls. Obwohl wir es eigentlich nicht wollten, verloren wir irgendwie den Kontakt. Als ihr jedoch neulich alte Adressbücher in die Hand fielen, ging sie im Internet auf die Suche nach uns und fand mich und meinen Blog. Als ich Peter davon erzählte, kamen wir plötzlich vom Hundertsten ins Tausendste und landeten endlich bei einer Geschichte, die er mir schon mehrmals erzählt hat, die uns beide aber immer noch zum Lachen bringt:

„Ach diese Umzüge“, sage ich. „Eigentlich sind sie doch jedes Mal wieder aufs Neue aufregend, traurig, aber auch ein bisschen spannend.“
„Ja und manchmal kann man hinterher sogar über Dinge lachen, die man während des Umzugs als alles andere, aber keinesfalls als witzig empfand“, ergänzt mich Peter.
Ich schaue ihn fragend an und überlege mir, was er wohl damit meint, doch er kommt mir schon zuvor:
„Ich denke da zum Beispiel an den Umzug meiner Schwester.“
Meine Schwägerin ist ebenfalls nicht nur einmal in ihrem Leben umgezogen, aber ich weiß sofort, welchen Umzug mein Mann meint. Damals waren wir weder verlobt noch verheiratet, sondern gerade mal frisch verliebt. Peters Schwester kannte ich zu dieser Zeit zwar schon, aber ich hatte sie höchstens ein- oder zweimal gesehen. Sie lebte damals alleine, ich glaube in einem Einzimmerappartement und wollte sich wohnungsmäßig vergrößern. Die neue Wohnung befand sich in der Nachbarstadt, genauer gesagt sie wollte vom hessischen Bad Nauheim ins hessische Friedberg ziehen. Da beide Städte nur wenige Kilometer auseinander liegen, benötigte man auch angesichts des kleinen Hausstandes kein Umzugsunternehmen, sondern nahm dies in der Familie selbst in die Hand.
„Es war schon gegen Abend und wir hatten im Grunde genommen nur noch eine Fuhre vor uns, allerdings auch nur noch mit ganz wenigen Dingen.“
„Ja“, erinnere ich mich an Peters frühere Erzählungen. „Und dann kommt das sogenannte Corpus Delicti ins Spiel!“
„Naja, eine Straftat oder ein Verbrechen haben wir damit nicht begangen, was uns hätte damit bewiesen werden können. Aber es war wohl auch ein bisschen Glück im Spiel, denn sonst würden wir heute vielleicht nicht darüber lachen. Allerdings trifft der Begriff Corpus Delicti dieses Ding schon ziemlich genau!“
Bei diesem besagten Corpus Delicti handelte es sich um einen Schrank, wenn man dieses besagte Etwas so nennen kann. Ein Plastikschrank dessen Seiten lediglich durch dünne Metallstäbe gestützt und zusammengehalten wurden. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit haben die meisten so ein Unikat irgendwann einmal in ihrem Leben gehabt, immer noch in einer Kellerecke stehen oder zerlegt in seinen Einzelbestandteilen liegen. Meine Mutter beispielsweise lagert darin die Polster für ihre Hollywoodschaukel.
Keine Ahnung, was meine „zu jener Zeit – noch – nicht – Schwägerin“ darin verstaut hatte und ob sie eine solche hübsche Nachahmung eines Schrankes heute noch besitzt, aber zum Zeitpunkt ihres damaligen Umzuges war es eines der wenigen Stücke, die an diesem Abend sozusagen noch als Abschluss in die neue Wohnung transportiert werden mussten.
„Keiner von uns hatte inzwischen noch richtig Lust und so warfen wir die restlichen Kleinigkeiten bunt gemischt in Körbe, Kartons, Beutel und diverse andere Transportbehältnisse. Diese landeten dann bei meiner Schwester im Auto.“
„Ihr habt doch wohl nicht alles in den PKW’s transportiert!?“, erkundige ich mich.
„Nein, nein! Mein Vater hatte eine VW-Pritsche organisiert, die war für einen solchen Umzug bestens geeignet. Wir sind dann halt mehrmals hin und her gefahren, – war ja nicht weit“, erläutert mir Peter.
„Ja, so einen Pritschenwagen hatten wir auch einmal und haben damit einen Umzug gemacht. Ich kann mich noch erinnern, dass ich als Kind sogar auf der Ladefläche ein paar Meter mitfahren durfte. Und beim Umzug nach Darmstadt in unsere erste gemeinsame Wohnung haben wir auch alles mit einem solchen VW-Pritschenwagen befördert,“ fahre ich sogleich auf dieses Stichwort ab und füge meinen Ausführungen nur noch die Frage hinzu: „Hattet ihr eine Plane darüber?“
„Die gab es sicherlich auch, aber diese und die dazugehörigen Stangen wären uns nur hinderlich gewesen, außerdem war kein Regen angesagt.“
Ich kann mir mittlerweile den Umzug recht bildlich vorstellen und bin ganz gespannt, was es mit dem Plastikschrank auf sich hatte. Dies ist nämlich nicht gerade ein Gegenstand, von dem man sich große Abenteuer oder Geschichten erhofft. Es ist eben nur ein Ding als Mittel zum Zweck und eher hübsch hässlich.
„Wir haben dann also das Corpus Delicti ziemlich lustlos hinten drauf gestellt und irgendwie habe ich quer über die Ladefläche und den Plastikschrank ein Seil verzurrt und stimmte mit meinem Vater überein, dass dies für die wenigen tausend Meter ausreichen müsste.“
Ich nehme also an, dass die beiden Männer, mein Peter am Steuer, langsam gefahren sind. Weiterhin habe ich aus früheren Erzählungen noch in Erinnerung, dass seine Mutter und seine Schwester schon mit dem PKW vorweg gefahren waren. Die beiden Männer und ihr Transportgefährt waren auch schon in der Nachbarstadt (beide Städte gehen ziemlich ineinander über) angekommen und sahen dann kurz vor sich den Wagen meiner jetzigen Schwägerin. Und jetzt ritt wohl der Teufel meinen Peter, denn er meinte zu seinem Vater:
„Komm, die überholen wir jetzt!“
Bevor sein Vater auch nur ein Wörtchen sagen konnte, setzte er den Blinker, drehte das Lenkrad nach links, scherte in einem Bogen aus, überholte die beiden Frauen winkend, blinkte und scherte in einem Bogen wieder rechts ein. Ein typisches Überholmanöver, nichts Außergewöhnliches, sollte man denken, aber dann würde ich diese Geschichte auch nicht schriftlich festhalten.
„Ich schaute dann nach einigen hundert Metern noch einmal in den Rückspiegel und musste erstaunt feststellen, dass uns das Auto meiner Schwester nicht nur nicht mehr folgte, sondern stattdessen gar nicht mehr zu sehen war. Hierauf drehte sich mein Vater um, sah ebenfalls nach hinten und meinte nur:
“Ohje, ohje!“
Er konnte nämlich weder das Auto seiner Tochter auf der Straße noch den Schrank auf der Ladefläche ausfindig machen.
„Wir drehten dann also und fuhren zurück, um plötzlich ein Warndreieck auf der Straße vorzufinden und zwei aufgescheuchte und aufgeregte Frauen auf der Straße hin und her rennen zu sehen. Alles andere konnte ich mir nur von den ziemlich konfusen Schilderungen meiner Mutter und Schwester zusammen reimen“, grinst Peter.
Anscheinend hatte Peter den Schrank auf der Ladefläche völlig vergessen und hatte das Überholmanöver für diesen etwas zu schnell und vielleicht auch zu zackig ausgeführt. Der Plastikschrank muss beim Ein- oder Ausscheren wohl nicht mehr so standhaft geblieben sein, kam ins Schaukeln und kippte dann anschließend seitlich über die Brüstung der Ladefläche.
„Meine Schwester erklärte mir, dass sich Folgendes abgespielt hatte: Erst sauste ich winkend und grinsend an ihnen vorbei, gefolgt von dem herab kippenden Plastikschrank, der dann auch noch durch das Schleifen seines Gestänges auf dem Asphalt Funken schlug und letztendlich im Graben landete. Von alle dem hatten mein Vater und ich nichts bemerkt.“
Nur gut, dass damals kein Auto entgegen kam und auch keines folgte. Die Straße war zu dieser abendlichen Stunde nicht befahren.
„Und was lernt man daraus?“, frage ich Peter hoffnungsvoll.
„Ach, du willst wissen, was die Moral dieser Geschichte ist?“, fragt er zurück. „Das kann ich dir sagen“, grinst mein Peter.

„Damit ihr es auch alle wisst,
ein Plastikschrank, der ist Mist!“

Herzlichen Glückwunsch!

Glückwünsche kann man immer gebrauchen, über sie freut man sich und hofft immer, dass das Glück einem auch hold ist. Es gibt viele Anlässe zu denen Glückwünsche ausgesprochen werden. Erst heute habe ich einer frisch gebackenen Oma meine besten Wünsche für Kind, Eltern und natürlich auch für die Großeltern übermittelt. Neben Geburt, Geburtstag, bestandene Prüfungen, Schul- und Studienabschluss erfolgen solche beispielsweise für Hochzeit, Silberhochzeit… und für viele andere freudige Ereignisse. Da man diese Fülle nicht in einer Geschichte unterbringen kann, habe ich mir folgende Begebenheit aus unserem Leben ausgesucht:

„Herzlichen Glückwunsch, Sie haben gewonnen!“, sagte die Stimme am anderen Ende des Telefons vor ungefähr zwanzig Jahren zu mir.
„Ich habe gewonnen?“, fragte ich mich insgeheim. „Ich spiele weder Lotto, noch habe ich ein Kreuzworträtsel gelöst. Aber vielleicht hat ja meine Mutter…“, überlegte ich mir weiter und lauschte gespannt der Stimme am anderen Ende.
„Vielleicht können Sie sich erinnern…?“
„Nein, kann ich ehrlich gesagt im Moment nicht!“
„Ich rufe vom Weinhaus XYZ an….“, erzählte mir die freundliche Dame.
„Aha!“
„Sie haben doch vor ein paar Wochen eine Karte ausgefüllt und Ihr Lösungswort war richtig!“
Genau, die Erinnerung setzte bei mir ein. Das Lösungswort, welches im Übrigen lächerlich einfach gewesen war, hatte ich auf eine Postkarte in die vorgesehenen Kästchen eingefügt. Diese besagte Karte hatte ich zufällig zwischen den Zeitungen gefunden und da ich eine Marke zur Hand hatte, hatte ich diese Karte auch kurzentschlossen tatsächlich eingeworfen und sogleich auch wieder vergessen. Man kann nicht gerade sagen, dass ich schon viel in meinem Leben gewonnen hätte, hie und da mal eine Kleinigkeit, als Kind zum Beispiel einen Porsche bei Mars oder Milky Way oder so, – das weiß ich heute nicht mehr. Auch war es damals nur ein Spielzeugporsche gewesen, aber immerhin. So hatte ich mir auch keinerlei Chancen ausgerechnet, den beim Gewinnspiel versprochenen Urlaub zu gewinnen. Außerdem bin ich bei solchen Dingen eher skeptisch und sehr, sehr misstrauisch, was sich wohl dahinter verbirgt.
„Ach!“, sagte ich nachdem meine Telefonpartnerin in ihren Ausführungen eine Pause einlegte, um die ausgesprochenen Glückwünsche wirken zu lassen. „Und jetzt kann ich einfach verreisen?“
„Ja, natürlich und Sie können auch noch jemand mitnehmen! Sie brauchen mir nur noch zu sagen, welches Ziel Sie wählen: Ungarn oder Spanien!“
Das war nun ganz einfach für mich, denn ich liebe Spanien und das sagte ich der netten Dame auch, denn freundlich war sie, das musste man ihr lassen.
„Dann dürfen Sie sich über eine Woche an der Costa del Sol freuen!“, verkündete sie mir und ich konnte ihr Lächeln spüren.
„Und welchen Haken hat nun die ganze Sache?“, erkundigte ich mich.
„Keinen natürlich!“, versicherte sie mir. „Unser Mitarbeiter wird Sie in den nächsten Tagen besuchen und mit ihm machen Sie dann alles Weitere aus.“
Nun gut, nachdem sie mir glaubhaft bestätigt hatte, dass ich die Reise auch ablehnen könnte und zu nichts gezwungen würde, machte ich einen Termin für die darauf folgende Woche aus.
Wie ausgemacht, klingelte es auch an dem verabredeten Abend an unserer Haustür. Peter öffnete einem freundlichen Herrn mittleren Alters die Tür und ich wunderte mich nur über den großen Koffer, den er mit in unser Wohnzimmer brachte.
„Was genau haben wir denn nun gewonnen?“, fragte ich diesen Fremden misstrauisch.
„Sie dürfen sich über einen einwöchigen Hotelaufenthalt mit Halbpension in dem Hotel ABC an der Costa del Sol freuen.“
„Das ist aber schön!“, teilte ich ihm mit. „Und wann geht unser Flieger?“
„Wann Sie wollen! Das bestimmen Sie!“
„Zeigen Sie mal her!“, mischte sich Peter ein und griff auch schon nach der Urkunde, die der besagte Herr in den Händen hielt.
Wir starrten zunächst ungläubig auf das Dokument. Richtig, wir hatten den Aufenthalt gewonnen.
„Und der Flug..?“, fragten wir wie aus einem Munde.
„Den organisieren und bezahlen Sie!“, gab er unumwunden zu.
„Also, da liegt der Hase im Pfeffer begraben!“, stellte Peter fest.
„Na, das war es dann wohl mit dem Gewinn! Den nehmen wir dann nicht an. Dankeschön!“, erklärte ich.
„Warte doch mal ab!“, hielt mich Peter zurück. „Wir könnten doch auch mit dem Auto fahren.“
„Welche Anreise Sie wählen bleibt Ihnen überlassen!“, mischte sich der besagte Herr in unsere Überlegungen ein. „Das können Sie immer noch in aller Ruhe besprechen! Wir müssten jetzt nur noch…“
Er öffnete seinen Koffer und holte verschiedene Weinflaschen hervor.
„… unsere kleine Weinprobe machen!“
„Wir sind eigentlich keine Weintrinker und wollten auch keinen Wein bestellen!“, erklärte ich sofort. „Wenn Sie uns dann die Gewinnurkunde geben würden, dann…“
„Das kann ich nicht“, rückte er leicht irritiert mit der Sprache heraus. „Den Gewinn kann ich Ihnen nur nach einer Bestellung aushändigen!“
„Also doch ein Haken! Dann lassen wir es!“, sagte ich zum wiederholten Male.
„Ach gegen einen Schluck Wein habe ich nichts!“, erklärte Peter.
Was soll ich lange um den heißen Brei herum erzählen? Wir haben eine Kiste Wein bestellt und unsere Urkunde und somit den Gewinnanspruch erhalten. Und unsere Reise haben wir auch angetreten. Wir hatten nämlich etliche Meilen, die wir für den Flug nutzen konnten und für unseren damals fast fünfjährigen Timo kauften wir ein Flugticket. Somit war unsere Anreise geregelt, aber wir machten noch mehr. Wir verlängerten den Aufenthalt noch um eine Woche, diese Verlängerung zahlten wir aus eigener Tasche.
Es wurde dann auch ein schöner Urlaub im April, denn eine weitere Bedingung war die Begrenzung auf bestimmte Vor- oder Nachsaisonmonate. Leider hatten wir ein paar Regentage dazwischen, die wir aber mit Besuchen im hoteleigenen Hallenbad oder beispielsweise im Meeresaquarium verbrachten. Trotzdem war es schön.
Am letzten Urlaubstag liefen wir bei strahlendem Sonnenschein die Strandpromenade entlang. Und da trafen wir auf eine nette junge Frau, die uns freundlich ansprach. Ich denke, es war eine Studentin, die einen Ferienjob im Süden hatte. Sie hielt uns einige Karten hin und forderte uns auf doch eine auszuwählen.
„Nein danke!“, meinte ich, denn mir schwante da etwas, aber Peter hatte bereits Timo aufgefordert eine Karte zu ziehen.
Timo hielt die auserwählte Karte in die Höhe und sollte jetzt ein bestimmtes Feld aufrubbeln.
„Na, dann mach mal!“, sagte ich zu unserem Sohn und gleich darauf folgte der Ausruf:
„Herzlichen Glückwunsch! Sie haben gewonnen!“
„Oh nein!“, dachte ich mir und in Peters Richtung zischte ich: „Genau davon habe ich in der Zeitung gelesen! Alles Nepper, Schlepper, Bauernfänger!“
Da hörte ich ihn allerdings schon sagen: „Was haben wir denn gewonnen?“
„Ein T-Shirt und einen Urlaub an der Cost del Sol! Sie werden kostenlos mit dem Taxi in ein Hotel gefahren, um ihren Gewinn abzuholen. Ich rufe gleich ein Taxi für Sie!“
Trotz meines Protestes und meines Hinweises auf den heutigen letzten Urlaubstag, ging auf einmal alles ganz schnell. Wir wurden mehr oder weniger in ein Taxi gesetzt und irgendwo weit außerhalb des Ortes in eine große Hotelanlage gefahren. Dort empfing uns ein Mann, der uns sogleich auf die Sonnenterrasse bat und uns Getränke servieren ließ. Und dann ging es los:
„Ist es nicht wunderschön hier? Das riesige Gelände, so weit das Auge nur blicken kann, gehört alles zu dieser Anlage. Dort drüben sind Tennisplätze und da hinten erstreckt sich die Golfwiese… Und schauen Sie nur hier in diesem Prospekt sind die Appartements abgebildet…“
Timo hatte seine Cola inzwischen geleert und erhielt sofort ein weiteres Getränk. Trotzdem fragte er mich, wann wir wieder gehen würden und erklärte, er hätte keine Lust hier zu bleiben. Ich auch nicht, ehrlich gesagt. Mir war der Mann nicht gerade sympathisch. Außerdem quatschte er die ganze Zeit auf uns ein und so langsam und sicher kamen wir auch hinter seine vermeintlich vielversprechenden Aussagen: Er warb für nichts anderes als ein sogenanntes „Timesharing project“. Man sollte sich mit anderen Interessenten an den Kosten eines Appartements beteiligen und dafür durfte man dann je nach gezahlter Geldmenge einige Tage im Jahr in der Anlage verbringen.
Wir erklärten ihm immer wieder, dass wir daran kein Interesse hätten, was er aber irgendwie nicht verstehen wollte. Langsam wurden wir alle leicht ungeduldig und säuerlich. Peter und ich, weil wir wollten, dass er uns endlich verstand und Timo, weil er keine Lust mehr hatte, alles uninteressant für ihn war, er sein zweites Getränk ebenfalls schon getrunken hatte und endlich das versprochene T-Shirt wollte. Obendrein ärgerte ich mich über die vergeudeten zwei Stunden an unserem letzten Urlaubstag.
Kurz und gut: Der Mann war inzwischen auch verärgert, da er in uns nicht die erhofften „Dummen“ gefunden hatte und damit keine Provision erhielt und uns obendrein noch ein Taxi für den Rückweg organisieren musste. Bei der eher frostigen Verabschiedung, im Gegensatz zur überaus freundlichen Begrüßung, gab er uns noch eine unschöne Verheißung mit auf den Weg, die ich bis heute nicht vergessen habe:
„Man sieht sich im Leben immer ein zweites Mal!“

In den Schuhen des Anderen

Jeder denkt jetzt bestimmt zuerst an das Märchen der Gebrüder Grimm. Ich muss jedoch enttäuschen, es geht hier nicht um Aschenputtel und auch nicht um den amerikanischen Film „In den Schuhen meiner Schwester“. Ich habe weder eine Schwester noch Stiefschwestern, also fallen diese beiden Geschichten schon einmal aus. Dafür will ich aber ein Erlebnis aus unserem Leben erzählen, das genau zu dieser Überschrift passt:
Es ist inzwischen zwar ein paar Jahre her, aber es passierte in nicht allzu ferner Vergangenheit, denn Timo begleitete uns nicht mehr auf unseren Reisen. Wir waren in Italien, genauer gesagt in Neapel. Während Peter seine Zeit auf einem Kongress und bei Besprechungen verbrachte, machte ich Stadtrundfahrten mit dem Bus und hatte somit bis zum Wochenende die gesamte Stadt erkundet. Samstag und Sonntag wollten wir dann gemeinsam mit einem Bekannten die Gegend erforschen.
„Lass uns doch morgen zum Vesuv fahren!“, schlug er uns beim gemeinsamen Abendessen vor. Von unserem Hotelzimmer aus, hatten wir einen wunderschönen Blick auf diesen Vulkan und für einen Besucher Neapels ist der Vesuv ein unbedingtes Muss.
„Okay, er wird ja nicht gerade jetzt wieder ausbrechen, immerhin war die letzte Eruption 1944 und seither gibt es nur leichte Beben hin und wieder“, meinte ich leichthin.
„Ja, aber er ist immer noch aktiv und nicht erloschen, so wie dein Vulkan auf dem du geboren bist“, versuchte Peter mir jetzt doch ein wenig Angst einzujagen. Tatsächlich wurde mir schon ein bisschen mulmig zumute, aber ich sagte mir, dass zur Zeit keinerlei Anzeichen für einen morgigen Ausbruch vorhanden waren. Und so freute ich mich auf den nächsten Tag, denn ich wollte unbedingt einen Blick in den Krater des Vesuv werfen.
„Bist du fertig?“, fragte Peter mich am nächsten Morgen nach dem Frühstück. Wir wollen dann los!“
„Moment noch“, erklärte ich ihm. „Ich kann meine Schuhe nicht finden. Wahrscheinlich sind die noch im Koffer, ich sehe gleich mal nach!“
Ich zerrte den Koffer aus der Ecke und öffnete ihn. Doch alles, was ich darin entdeckte war gähnende Leere.
Jetzt fiel es mir wieder ein. Meine Turnschuhe hatte ich zu Hause gelassen, um Gewicht zu sparen und lieber noch andere mir wichtig erscheinende Dinge einzupacken. Das wäre ja an sich nicht schlimm, aber ich hatte nur Flipflops, etwas elegantere Riemchenschuhe und Sandalen mit hohen Absätzen dabei.
„Macht doch nichts“, erklärte mir mein Peter. „Bestimmt können wir bis fast oben hin mit dem Auto fahren und die restlichen vielleicht 20 Meter geht das auch mit deinen Sommerschühchen!“
Was sollte ich darauf sagen?
„Wird schon stimmen“, dachte ich mir. „Heutzutage kommt man mit dem Auto überall hin, wieso nicht auch auf den Vesuv?!“
Mehr Gedanken machte ich mir nicht und stieg zu meinem Mann und unserem Bekannten ins Auto. So weit war auch alles in Ordnung und Peters Erklärung leuchtet mir ein. Jedenfalls bis zu dem Parkplatz auf dem wir unseren Mietwagen abstellen mussten, weil keinerlei Möglichkeit gegeben war mit diesem Gefährt weiterzufahren. Ich warf zunächst einen Blick auf den steinigen Weg, der sich vor uns eröffnete und dann einen zweiten Blick auf meine Füße oder besser gesagt: Auf meine Schuhe.
„Das geht gar nicht!“, stellte ich die Situation richtig erfassend fest. „Dann muss ich wohl oder übel hier auf euch warten. Schade!“ Meine Fußbekleidung, wenn man sie überhaupt so nennen konnte, hatte relativ dünne Sohlen und ich würde jedes noch so kleine Steinchen schmerzlich spüren.
„Ist doch Quatsch!“, hörte ich meinen Mann sagen, als dieser den Kofferraum des Wagens noch einmal öffnete. „Hier zieh einfach meine Schuhe an, ich hab doch noch ein zweites Paar. Dann ist alles okay.“
„Wie stellst du dir das denn vor?“, fragte ich ihn. Immerhin habe ich Schuhgröße 37 und er hat Größe 43.
„Ganz einfach: Du ziehst deine Schuhe aus und schlüpfst in meine hinein. Ist doch kein Problem.“
Ich kann es im Nachhinein selbst gar nicht glauben, aber ich tat es. Ein Blick meinerseits auf meine Füße vermittelte mir folgenden Eindruck: Ich stand mit jedem meiner beiden Füße jeweils in einem riesigen Boot, so groß waren die Schuhe und so klein meine Füße.
Wir erhielten jeder einen aus einem Ast gefertigten Wanderstock und los ging es. Wir hatten einen Marsch von ungefähr 3 Kilometern und einen Höhenanstieg von ca. 160 Metern auf steinigem Boden zu bewältigen. Die geschätzte Dauer lag bei einer Stunde bei brütender Hitze.
Die ganze Zeit über dachte ich nur: „Dich kennt ja hier niemand!“
Meinem Mann und unserem Bekannten untersagte ich unter Androhung von Kerkerhaft auch nur ein einziges Foto zu machen, auf welchem ich mit Peters Schuhen zu sehen war.
Ich schlurfte also den Weg zur Krateröffnung nach oben. Einen Fuß vor den anderen setzend und bei jedem dritten Schritt innerhalb des Schuhs immer wieder nach hinten rutschend, stützte ich mich auf meinen Wanderstock und hatte das Gefühl die Strecke mehr oder weniger doppelt oder gar dreifach zu laufen.
„Lauft doch nicht so schnell! Ihr müsst schon auf mich warten. So einfach ist das nicht in diesen riesigen Schuhen!“, forderte ich die beiden Männer immer wieder auf.
Ich versuchte es zu vermeiden den mir entgegenkommenden, mitlaufenden und nachfolgenden Personen in die Gesichter zu blicken, denn ich schämte mich in Grund und Boden, was ich auch meinem Peter zu verstehen gab. Dieser meinte jedoch nur lapidar: „Was ist das eigentlich? „Schämen? Wie geht das? Was macht man da?“
Nachdem ich ihm als Antwort einfach nur die Zunge rausstreckte, lachte er: „Sieht doch sowieso keiner!“
Jetzt ärgerte ich mich aber noch mehr und gab ihm zur Antwort:
„Nur weil du nicht hinschaust, musst du nicht denken, dass andere es auch nicht sehen!“
„Aber was soll es!“, überlegte ich mir. „Die Aussicht ist so toll, warum soll ausgerechnet jemand auf meine Füße schauen?“ Und wie schon einmal gedacht: „Mich kennt hier ja niemand!“
Tapfer marschierte ich weiter und akzeptierte das Zurückrutschen im Schuh als gottgewollt. Man sollte es nicht glauben, aber ich erreichte die Krateröffnung und schlurfte dort oben weiter. Es hatte sich auf alle Fälle gelohnt. Hiermit meine ich nicht nur den Blick in den Schlund des Vulkans, sondern auch den Ausblick über Neapel einerseits und über das Meer mit den Inseln Ischia und Capri andererseits.
Danach entschlossen wir uns wieder zum Abstieg. Dieser gestaltete sich in den Schuhen meines Mannes wiederum auf eine etwas andere Art und Weise als schwierig. Während ich beim Aufstieg innerhalb des Schuhs mit meinem Fuß nach hinten gerutscht war, rutschte ich bergab jetzt innerhalb des Schuhs nach vorne. Somit war hinter meiner Ferse noch reichlich Platz. Ähnlich wie ein Schaufellader Steine auf die Ladefläche eines Lasters befördert, beförderten meine jeweiligen Hintermänner (und es waren wahrlich viele Leute unterwegs) mir eimerweise die Steine in die Schuhe. Dies bedeutete, dass ich jetzt auch nur immer einige Meter vorwärts kam, dann musste ich wieder die Schuhe auskippen, um weiter laufen zu können.
„Wartet mal einen Augenblick! Ich muss erst die Steine aus Peters Schuhen kippen!“, erklärte ich immer wieder.
Ich möchte nicht wissen, welches Bild ich abgab, aber bestimmt habe ich einige Menschen mit meinem Anblick fröhlich und damit auch glücklich gemacht. Glücklich schon allein deshalb, weil sie sicherlich dankbar waren, in ihren eigenen Schuhen stecken zu dürfen.
Was soll es! Sagen nicht die Pfadfinder, dass man jeden Tag eine gute Tat machen soll?! Na, da habe ich sicherlich mit meinem zum Schmunzeln anregenden Aussehen viel Gutes getan an diesem Tag.

Auf Umwegen ans Ziel

Das Leben geht nicht immer gradlinig voran. Manchmal geht alles kreuz und quer und manchmal muss man andere Wege beschreiten. Rückschritte gehören ebenso dazu wie der Blick zur Seite. Um im Leben aber voran zu kommen, wirft uns gerade eben dieses Leben nicht selten sogar Steine in den Weg. Es lässt uns über Hindernisse stolpern oder auferlegt uns Umwege und Abkürzungen, um an unser Ziel zu kommen. 

Peter ist bei uns in der Familie und im Freundes- bzw. Bekanntenkreis für seine Abkürzungen bekannt. Das rührt im Grunde noch aus unserer Zeit in Darmstadt. Damals arbeitete er in einer anderen Stadt, was bedeutete, dass er jeden Tag 50 Kilometer hin und 50 Kilometer zurück fahren musste. Da wir allerdings weiter in Darmstadt leben wollten, nahm er diese Wegstrecke in Kauf. Zumal wir die Autobahn quasi direkt vor der Haustür hatten und in 20 Minuten am Flughafen waren, von dem er mindestens einmal in der Woche aus beruflichen Gründen wegfliegen musste.
Da es in der Firma noch einige weitere Mitarbeiter gab, die ebenfalls in Darmstadt wohnten, bildeten sie eine Fahrgemeinschaft. So fuhr einmal dieser und einmal jener der jungen Männer. Die A5 war schon damals eine viel befahrene Autobahn und so passierte es immer wieder, dass sich Staus bildeten. Diese führten jedoch zu Verspätungen oder zumindest zu Verzögerungen. Peter hingegen erdachte sich immer neue Lösungen für dieses Problem, wobei er sehr phantasievoll war. Auf gut Deutsch gesprochen, bedeutete dies, dass er jede nur mögliche Abkürzung oder auch jedmöglichen Umweg nahm, um an sein Ziel zu kommen.
„Ich fahr jetzt hier ab und fahre auf der Landstraße weiter“, erklärte er beispielsweise den anderen. „Das kann auch nicht länger dauern, als hier im Stau zu stehen!“
Da anfänglich keiner protestierte, setzte er auch das Gesagte in die Tat um. Ich will ja nicht behaupten, dass er mit seinem Vorhaben auf der falschen Fährte war, – jedenfalls nicht immer, – aber immer öfter.
Manchmal brachte sie ein Umweg tatsächlich schneller ans Ziel. Des öfteren jedoch bedeutete die vermeintliche Abkürzung nicht nur einen weiteren Fahrtweg, sondern auch eine zeitliche Verlängerung. Das kam daher, dass andere ebenfalls auf diesen Gedanken kamen, aber auch, weil sie dadurch direkt von einem Stau in den nächsten Stau fuhren. War dies nicht der Fall, trafen sie auf eine Baustelle, auf eine Einbahnstraße, vorgeschriebene Fahrtrichtungsanzeigen oder eine Sperrung. So kam, was kommen musste, die Mitfahrer waren nicht mehr ganz so überzeugt von seinen Abkürzungen und meinten:

„Du Peter, lass uns heute mal keine Abkürzung fahren. Wir haben es heute nämlich eilig!“
Dieser Ausspruch seiner ehemaligen Arbeitskollegen verfolgt meinen Peter bis heute. Freunde und Familienmitglieder befürchten schon immer das Schlimmste, wenn mein Mann auch nur das Wort Abkürzung in den Mund nimmt. Zumal Peter niemals nach den Vorschlägen des Navis fährt, sondern sich mit dieser künstlichen Stimme Streitgespräche liefert und sich lieber nach Himmelsrichtung und Sonnenstand mit seinem Auto vorwärts bewegt. Dies mag ja noch gutgehen, wenn sich ihm nicht die oben genannten Hindernisse in den Weg stellen.
Personen, welche zum ersten Mal das Vergnügen einer Mitfahrgelegenheit in Peters Auto haben, ahnen jedoch nichts von seiner Leidenschaft für Abkürzungen, die eigentlich Umwege bedeuten. So hatte er einmal Amerikaner in seinem Wagen, als er durch Berlin fuhr und durch einen Stau an der Weiterfahrt gehindert wurde, was ihn allerdings wie man schon erahnen kann keineswegs in Verlegenheit brachte. Er kreuzte vollkommen zielstrebig kreuz und quer durch die Großstadt und zog sich die Bewunderung der ortsunkundigen Insassen zu:
„You know Berlin very well! Hats off!“ (Sie kennen Berlin sehr gut! Alle Achtung!“
„Nur keine Verunsicherung aufkommen lassen“, dachte sich Peter hingegen.
Die Tatsache, dass er sich der Methode von Versuch und Irrtum bediente und schließlich mehr oder weniger zufällig am Ziel ankam, blieb diesen Personen gegenüber sein ganz persönliches Geheimnis.
Peters Vorliebe für Umwege und Abkürzungen bezieht sich inzwischen nicht nur auf die Fahrt auf vier Rädern, sondern auch auf den Gang auf zwei Beinen. Ist bei uns in der Stadt ein Jahrmarkt, Weihnachtsmarkt oder dergleichen, darf ich mich nicht so sehr in ein Gespräch mit meinem Peter vertiefen, denn er führt mich sonst ganz unauffällig hinter den Verkaufsständen vorbei. Doch mittlerweile bin ich auf der Hut und erkläre schon gleich beim Betreten des Festplatzes:
„Komm, lass uns bitte vorne herum gehen, denn ich möchte auch sehen, was bei den einzelnen Ständen angeboten wird!“
Manchmal nimmt Peter auch noch diverse Hilfsmittel in Anspruch, um seine Umwege und Abkürzungen zu verwirklichen.
Die Sache ereignete sich vielleicht vor drei oder vier Jahren, jedenfalls wohnte unser Sohn damals noch zu Hause:
Peter hatte abends noch eine geschäftliche Besprechung mit anschließendem Abendessen. Eigentlich sollte ich mitkommen, aber ich hatte an diesem Abend keine Lust.
„Ich ziehe einen gemütlichen Fernsehabend mit anschließendem entspannenden Schaumbad und frühem Zubettgehen dem langweiligen Geschäftsessen vor“, erklärte ich ihm.
Während Timo am Computer arbeitete, zog ich mich frühzeitig ins Schlafzimmer zurück und in der Gewissheit, dass Peter bald wieder zu Hause sein würde, schlief ich auch relativ schnell ein. Laut Peters späteren Schilderungen traf er so gegen 0 Uhr 30 zu Hause ein:
„Alle Häuser in unserem Stichweg lagen im Dunkeln und auch aus unserem Haus drang kein Lichtstrahl mehr nach draußen. Als ich vor der Haustür stand, stellte ich plötzlich fest, dass ich meinen Schlüssel vergessen hatte.“
Da man zu solch später Stunde auch bei keinem Nachbarn mehr klingeln kann, obwohl dort ein Haustürschlüssel von uns deponiert war, ist ja verständlich. Also suchte er in seiner Jackentasche nach seinem Handy, um mich anzurufen und um Einlass zu bitten. Wer meinen Mann kennt, der weiß, dass Peter entweder kein Handy dabei hat oder der Akku desselben leer ist. In dieser besagten Nacht traf der erste Fall zu.
„Nun gut, dann muss ich eben klingeln!“, dachte er sich wohl weiter und drückte auf den Klingelknopf. Da sowohl Timo als auch ich tief und fest schlummerten, erfolgte auf Peters mehrmaliges Klingeln nicht die gewünschte Reaktion.
„Ja, der Peter, der ist schlau“, könnte man jetzt singen, wenn man seine Schilderung der folgenden Aktion hört:
„Ich dachte mir, irgendwie muss ich mir ja Gehör verschaffen, um ins Haus zu kommen. Also marschierte ich durch unseren Garten in Richtung Gartenhaus. Zum Glück spendete mir der Mond genügend Licht, so dass ich auch gleich den benötigten Hilfsgegenstand fand und benutzen konnte“, erzählte er mir später.
Ich hingegen ahnte nichts vom Verhängnis meines Mannes, sondern war in meinen Träumen versunken. Plötzlich hörte ich im Traum eine mir bekannte Stimme, die mir etwas zurief. Ich konnte sie jedoch nicht verstehen, deshalb rief mir diese Stimme erneut etwas zu. Sie war so laut, dass ich die Botschaft auf einmal ganz deutlich vernehmen konnte. Auch erkannte ich die Stimme unseres Sohnes, die aus dessen Zimmer kam:
„Jetzt mach ihm doch endlich auf! Damit dieses Klopfen aufhört!“
Mit einem Schlag war ich hellwach. Jetzt hörte ich es auch. An der Tür, die von meinem Schlafzimmer auf den Balkon führte, wurde laut und deutlich geklopft. Nach der ersten Schrecksekunde vernahm ich auch Peters Rufen:
„Mach bitte mal auf!“
„Wo kommst du denn her?“, fragte ich ihn verblüfft, als ich den Rolladen hochgezogen, die Balkontür geöffnet hatte und Peter vor mir stand.
Erfinderisch wie mein Peter nun einmal ist, hatte er sich die lange Leiter geholt, diese am Balkon angestellt und war über das Balkongeländer geklettert.
Wie ich sehen konnte, hatte ihn diese Abkürzung ohne Umwege in unser Schlafzimmer geführt –  und ich kann jetzt sogar behaupten, dass jemand bei mir „Fensterln“ war.