Kurzgeschichten
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Einkaufsfreuden

Opa Max und Oma Marianne haben an diesem Wochenende Besuch von Enkelsohn Alex und dessen Freundin Tina. Sie haben am Samstagmorgen gemütlich gefrühstückt oder sollte man besser den eingedeutschten Begriff „gebruncht“ verwenden?! Inzwischen ist der Vormittag schon vorbei und das Mittagessen wäre angesagt, würden nicht alle über das ausgeprägte Sättigungsgefühl sprechen.
„Also lassen wir das Mittagessen ausfallen und am Abend gibt es dann selbstgemachte Pizza“, schlägt Oma Marianne vor. Alle nicken und sind mit diesem Vorschlag einverstanden.
Doch da schaltet sich Opa Max ein:
„Und morgen wird gegrillt. Wir haben doch eine Dorade und Lachs gekauft, lasst uns den Fisch einfach auf den Grill legen.“
„Ohja Lachs“, begeistert sich Tina.
„Och nö!“, meint Enkel Alex, „ich mag eigentlich keinen Fisch. Kannst du nicht was Vegetarisches kochen?“
Oma Marianne macht einige Vorschläge, doch das passt ihrem Göttergatten nicht. 
„Immer diese gesunden Sachen. Ich habe mich so auf das Grillen gefreut und der Fisch muss schließlich auch gegessen werden.“
„Gut“, sagt die Oma, „das ist ein Argument, das ich gelten lasse. Und gesund ist Fisch ja auch.“
„Und ich?“, fragt Alex.
„Da lässt sich auch was in Richtung vegetarisch machen, abgesehen davon, dass du ja kein wirklicher Vegetarier bist“, grinst die ältere Dame. „Lass Oma mal machen, ich habe alles Nötige bereits eingekauft und Gemüse kann man auch grillen…“
Doch das hört eigentlich schon niemand mehr, denn die beiden Männer haben etwas vor. Sie wollen eine Probefahrt mit Alex‘ neuem Auto machen und sind schon auf dem Weg in die Garage. Denkt Oma Marianne zumindest. Eine Viertelstunde später wirft sie so nebenbei einen Blick aus dem Fenster. Wer steht da am nachbarlichen Gartenzaun und unterhält sich? Ihre beiden Männer.
Eine weitere Viertelstunde später, stecken die Beiden den Kopf zur Haustür herein und Opa Max verkündet:
„Wir fahren jetzt. Kann eine Weile dauern. Ach übrigens: Unsere Nachbarn, Stefan und Silke und ihre Zwillinge kommen morgen Abend zum Grillen vorbei.“
„Da muss ich aber schnell noch was besorgen, sonst reicht es nicht für so viele Personen“, ruft Oma und läuft zur Tür. 
Mittlerweile sitzen ihr Mann und ihr Enkelsohn schon im Auto. Während Alex das Beifahrerfenster öffnet, startet Opa Max den Motor.
„Schickt mir eine SMS, was noch eingekauft werden muss. Wir kümmern uns um alles.“
„Mach ich!“, antwortet seine Freundin Tina.
„Okay!“, stimmt auch Oma zu. „Denkt aber bitte daran, um 20 Uhr schließen die Geschäfte und morgen ist Sonntag!“
Das Beifahrerfenster schließt sich langsam, während Alex noch etwas antwortet. Oma versteht allerdings nur Bruchstücke.
„Kein Problem…. Stadt…. Mitternacht… einkau…“, dann ist die Scheibe oben und das Auto biegt um die nächste Straßenecke.
„Oh nein“, denkt sich die Großmutter insgeheim. „Die werden doch nicht auf den allerletzten Drücker einkaufen.“
Tina und die Großmutter überlegen schon mal, was ihnen noch fehlt. Lange ist die Liste nicht.

Tomaten, 

Baguette,

Salat,

2 Flaschen Rotwein.

Mehr ist es nicht, denn alles andere ist vorrätig. Also machen sie sich  auch keine weiteren Gedanken und freuen sich auf den Sonntag.
Kurz darauf erhalten sie eine SMS von den Nachbarn:
„Wir freuen uns und bringen morgen 5 Steaks und Grillkäse mit.“
Um unnötige Doppelkäufe zu vermeiden, leitet Tina diese SMS an Alex weiter, denn Opa Max ignoriert sein Handy meistens.
Kurz vor 20 Uhr sind die beiden Männer immer noch nicht zurück, aber gegen 20:30 trudeln sie endlich wieder ein und Oma Marianne kann kaum ihren Augen trauen. Die beiden Männer öffnen den Kofferraum und schleppen zwei große vollbepackte Kisten ins Haus.
„Was habt ihr denn alles gekauft? Das passt doch gar nicht mehr in meinen Kühlschrank.“
Händeringend beobachten Tina und die Großmutter wie sich die Kisten leeren.
„Wieso in aller Welt habt ihr sooo viel Tomaten gekauft. Das sind ja mindestens 2 Kilo!“, wundert sich Oma. „…und auch noch Grillkäse und 8 Steaks und 8 Würstchen.“
„Habt ihr denn nicht die SMS gelesen?“, fragt Tina. „Die Nachbarin bringt selbst schon 5 Steaks mit.“
„Wo ist das Baguette?“
„Haben wir keins mehr bekommen, aber Peperoni-Chiabatta haben wir zwei Stück und außerdem noch ein Körnerbrot“, mit diesen Worten packt Opa Max 2 Packungen Fertigsalat, einen kleinen Eimer Senfgurken, zwei Packungen Fleischsalat und ein Eimerchen Kartoffelsalat aus. Danach folgen etliche Bierflaschen, allerdings keine einzige Flasche Rotwein.
„Das stand doch gar nicht auf der Liste und außerdem schmeckt das Fertigzeug nicht!“, sagt Marianne entsetzt. „Das macht man selbst!“
„Quatsch, das will ich verfeinern!“, verteidigt sich ihr Gatte. „Warte nur mal ab.“
„Aha!“
„Und hier haben wir noch Chips!“, strahlt der Enkelsohn und hält drei Tüten Chips in die Luft.
Den beiden Frauen verschlägt es die Sprache, aber sie merken, dass ihre beiden Männer sichtlich stolz auf ihren Großeinkauf sind und wohl voller Euphorie und mit einem großen Hungergefühl den Supermarkt nach Essbarem durchforstet haben. Zumindest der stattliche Preis gleicht dem eines ausgiebigen Wocheneinkaufs.
Nach dem Abendessen, das schon fertig ist, sinkt Opa Max in den Wohnzimmersessel und streckt alle Viere von sich. In Sekundenschnelle ist er erschöpft vom Tagesgeschehen eingeschlafen. Die anderen suchen begleitet von Opas leichtem Schnarchen in der Mediathek nach einem schönen Film.  Plötzlich verstummen die Schnarchlaute und die Stimme des schlafenden Großvaters ist zu hören. Ihn scheint wohl der Einkauf nachhaltig beeindruckt zu haben, denn im Schlaf sagt er nun ganz ernst:
„1 Euro 75!“
Dann ertönen wieder die gleichmäßigen Schnarchlaute.

 

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* Das Beitragsbild habe ich in einem Auslandsurlaub von einem Plakat abfotografiert und anschließend leicht verändert. Leider weiß ich nicht mehr, wo es war und habe auch keine Kenntnis davon, wer der Künstler ist.

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