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Oma Hildis nächster Streich (2)

Am Morgen versammelt sich die Familie gemeinsam rund um den Frühstückstisch. Oma Hildi sitzt ihrem Enkel gegenüber, der heute erst zur dritten Stunde Unterricht hat.

„Hast du gut geschlafen, Oma?“, erkundigt sich dieser.

„Danke der Nachfrage“, erwidert sie ohne wirklich eine Antwort zu geben.
„Ist irgendetwas nicht in Ordnung?“, will jetzt auch ihre Tochter wissen und der Schwiegersohn blickt von der Morgenlektüre der Tageszeitung auf.
„Ach“, erwidert Oma Hildi. „Anscheinend hat mich die gestrige Gutenachtgeschichte für meinen Enkel innerlich doch etwas aufgewühlt. Ich war heute Nacht weit in der Vergangenheit.“
Es herrscht Schweigen in der Runde, denn alle vermuten, dass sie sich wahrscheinlich in ihrer Kindheit befunden hat, die aber ab ihrem zehnten Lebensjahr leider vom Krieg begleitet war. 
„Aber eigentlich war es ein schöner Traum. Ich war nämlich bei meiner Schwester.“
Leicht irritiert schaut die Familie sie an. Oma Hildis Schwester verstarb bereits im Alter von zehn Jahren an Diphtherie, eine Krankheit gegen die heutzutage jeder geimpft wird. Und der Bruder wurde leider ein Opfer des Krieges. Deshalb können sie sich alle nicht vorstellen, dass dieser Traum schön war. Doch Oma Hildi klärt auf und betont, dass es sich tatsächlich damals so abgespielt hat:
„Meine Schwester ging bereits schon zur Schule, als ich noch ein kleines Kind war. Logisch, dass ich sie bewunderte. Es machte mich neugierig, was es mit der Schule auf sich hat und was dort so alles passiert.“
„Hat sie dir das nicht erzählt?“, will der Enkel wissen.
„Doch schon, aber ich wollte es sozusagen mit eigenen Augen sehen. Aber alle erklärten mir, dass ich noch nicht alt genug wäre, um in die Schule zu gehen. Ich sollte noch ein Weilchen warten, dann wäre ich auch dran.“
„Das konntest du aber nicht akzeptieren, oder?“, mutmaßt der Enkel.
„Nicht so recht“, bestätigt die Großmutter. „Und so kam es, dass ich meiner Schwester eines morgens von der Haustür aus hinterher sah, als sie sich auf den Schulweg machte. Ohne zu überlegen oder jemand Bescheid zu sagen, schlich ich ihr nach.“
„Oh, hat sie das nicht bemerkt?“, erstaunt sich der Enkelsohn.
„Zunächst einmal nicht, denn sie drehte sich nicht um, sondern ging immer weiter ihres Weges. Es war ziemlich weit und mir taten irgendwann die Füße weh. Auch kannte ich mich nicht mehr aus. So hätte ich gar nicht mehr umkehren und nach Hause gehen können, denn ich hätte mich sicherlich verlaufen.“
„Hast du geweint?“
„Das weiß ich nicht mehr, aber wahrscheinlich war mir mulmig zumute. Vielleicht habe ich ja doch ein bisschen gejammert oder meine Schwester gerufen. Auf jeden Fall hat sie mich plötzlich bemerkt. Inzwischen war es aber zu spät und zu weit, um wieder umzukehren und mich nach Hause zu bringen. Sie wäre keinesfalls noch rechtzeitig vor Schulbeginn wieder zurück gewesen. Also nahm sie mich mit in die Schule.“
„Bestimmt haben sie sofort deine Eltern verständigt!“, überlegt sich der Enkelsohn.
„Das ging doch nicht. Wir hatten weder Telefon noch Handy, so wie es heutzutage selbstverständlich ist.“
„Deine Eltern müssen wahnsinnig vor Angst um dich geworden sein, als sie dein Verschwinden bemerkt haben.“
„Darüber machen sich kleine Kinder anscheinend keine Gedanken. Die Lehrerin wusste sich auch nicht anders zu helfen, als mich am Unterricht teilhaben zu lassen. Ich musste mich ganz hinten in die letzte Reihe setzen und vollkommen still sein. Bitte fragt mich nicht, ob meine Schwester und ich schon früher heimgehen durften. An die ganzen Kleinigkeiten kann ich mich beim besten Willen nicht mehr erinnern. Auch nicht, ob meine Eltern mit mir geschimpft haben oder einfach nur froh waren, dass ich wieder da war, ist mir entfallen. Jedenfalls wusste ich jetzt, was es mit der Schule auf sich hatte und wollte so schnell wie möglich auch da hin. Besonders gut hat mir das Melden imponiert, nur das stillsitzen hat mir nicht so gefallen. Die Lehrerin war sehr nett und die Klassenkameraden meiner Schwester waren begeistert endlich mal einen Gast zu haben. Sie kümmerten sich in der Pause rührend um mich. Das konnte mir nur gefallen.“
„Wenn du dich doch in der Schule so wohlgefühlt hast“, meint der Enkel, „dann solltest du gleich mit mir dorthin marschieren. Hinten bei Markus ist nämlich noch ein Platz frei. Da kannst du dich hinsetzen und ihm beim Aufsatz helfen, den wir heute schreiben sollen. Du kannst doch so gut Geschichten erzählen.“

 

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4 Kommentare

    • Astrid Berg sagt

      Ja, das stimmt. Heutzutage ist alles geregelt. Obwohl ich mir vorstellen kann, dass es Möglichkeiten gibt, auch die Großeltern mal in den Unterricht mit einzubinden, z. B. beim Projektunterricht.
      Liebe Grüße
      Astrid

  1. Platz Lore sagt

    Ich mag Oma Hildis, hoffentlich gibt es noch mehr Streiche von ihr (zwinkern)
    Auch die Christel von der Post und die Schulzeit deiner Mutter haben mir gefallen, Ich mag die Geschichten von früher, aus denen man so viel erfährt, wie die Menschen damals gelebt haben.
    Liebe Astrid, ich wünsche dir und deiner Familie ein schönes Wochenende, herzliche Grüße Lore

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Lore,
      Geschichten von früher sind so wichtig. Jede Generation sollte wissen, wie die Eltern und Großeltern früher gelebt haben. Auch sie waren einmal Kinder und haben Streiche gespielt, gelacht und geweint. Die Welt verändert sich ständig und Geschichten von damals können vielleicht zu einem besseren gegenseitigen Verständnis beitragen.
      Auch Dir wünsche ich einen schönen Sonntag. Hoffentlich wird das vorausgesagte Schneechaos nicht so heftig.
      LG
      Astrid

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