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Der lange Weg nach Hause

Zu Hause ist da, wo meine Familie ist. Dort wo die Menschen leben, die ich liebe und die mich lieben. Nach Hause gehe ich gerne, denn dort fühle ich mich wohl und ich bin in der glücklichen Lage sagen zu dürfen, dass dies auch für meinen Mann und unseren Sohn zutrifft. Diese Heimkehr ist manchmal kürzer und manchmal länger, je nachdem wo man gerade war. Aber manchmal kann der Weg auch lang sein, wenn er eigentlich kurz ist. Und wir wären nicht Peter und Astrid, wenn wir nicht auch hierzu schon etwas erlebt hätten:

Es war an einem schönen Sommertag, ich weiß sogar noch welcher Wochentag es war. Samstag. Wieso ich mich noch daran so genau erinnern kann, wird man jetzt fragen, wenn ich nicht einmal mehr den Monat oder das Jahr nennen kann. Das lässt sich ganz logisch erklären und hängt mit meinem damaligen Anlass für das Verlassen unserer Wohnung zusammen. Ich unterrichtete zu dieser Zeit an einer Grundschule in Darmstadt, allerdings befand sich diese nicht im selben Ortsteil wie unsere Wohnung. Beides lag ca. 6 Kilometer auseinander. Das ist ja keine Entfernung wird man denken. Stimmt, – aber irgendwie auch nicht.
„Ich gehe heute zur Vorabendmesse“, erklärte ich Peter, der gerade einige Renovierungsarbeiten in unserer Wohnung vornahm. Die Kirche, die ich besuchen wollte, befand sich im gleichen Ortsteil wie die Schule.
„Ich fahre dich hin, aber ich  muss gleich wieder zurück, weil ich hier alles noch fertig machen will!“, bot er mir an.
„Gut, aber dann musst du mich auch wieder abholen“, erklärte ich ihm.
Peter fuhr mich also hin und wir verabredeten, dass er in einer Dreiviertelstunde zur Abholung meiner Person wieder da sein würde.
„Sei aber bitte pünktlich!“, sagte ich ihm. „Denn ich möchte ungern hier herum stehen und auf dich warten müssen.“
„Kein Problem!“, versprach er mir hoch und heilig.
„Aber nicht vergessen!“, sagte ich noch als ich die Autotür schloss.
Peter winkte mir zu und fuhr mit dem Auto wieder nach Hause.
In den nächsten 45 Minuten machte ich mir keinerlei Gedanken, allerdings hinterher umso mehr. Wer nämlich nicht da war, das war mein Peter.
„Naja, dann muss ich doch noch etwas warten. Er wird schon in fünf Minuten hier sein“, dachte ich mir.
Fünf Minuten vergingen, – zehn Minuten verstrichen, – eine Viertelstunde war inzwischen vorbei. Kein Peter war in Sicht. Damals war das Zeitalter des Handys noch nicht angebrochen, das heißt man hatte keine Möglichkeit mal eben schnell miteinander zu kommunizieren und sich kurzzuschließen. Mein Portemonnaie lag zu Hause, denn ich hatte mir lediglich ein wenig Kleingeld für den Klingelbeutel in die Hosentasche gesteckt. Damit konnte ich auch nicht von einer der damals noch existierenden Telefonzellen aus anrufen. Und die Schüler, die mir ein schönes Wochenende wünschten, wollte ich nicht anpumpen, wie man sich vorstellen kann. Irgendwann war die Straße wie leergefegt, nur ich stand noch herum und wartete auf meinen Peter. Langsam begann ich mich zu ärgern. Und mit dem Ärger setzte auch das Überlegen ein, was ich jetzt tun sollte, denn ich wollte ja schließlich nach Hause. Auf die Idee mit einem Taxi heimzufahren, meine Geldbörse aus der Wohnung zu holen, um den Taxifahrer zu bezahlen, kam ich nicht. Allerdings kam ich auf eine andere Idee, nur leider auf keine gute. Ich dachte mir nämlich, dass ich meinem Peter ja entgegen laufen könnte. Dabei gab es jedoch ein Problem: Viele Wege führen nach Rom und so gab es auch hier verschiedene Möglichkeiten. Keine Ahnung, warum ich mich für den von mir gewählten Weg entschied, möglicherweise weil er eine Abkürzung war, zumindest für Fußgänger.
Ich lief los, immer die Augen auf alle vorbei fahrenden Autos gerichtet, so dass ich meinen Peter auch nicht verpassen könnte. Meine Verärgerung wuchs von Minute zu Minute. Zu allem Unglück hatte ich nicht gerade Wanderschuhe an, sondern neue Sandalen mit hohen Absätzen. Es dauerte also nicht sehr lange und meine Füße begannen zu schmerzen, was wiederum nicht meine Laune hob.
„Das ist eine ganz schöne Gemeinheit! Der hat mich einfach vergessen!“, ärgerte ich mich im Stillen, wobei im Grunde genommen diese innere Stimme alles andere als leise war. Genau in diesem Moment, weit entfernt von den letzten und den nächsten Häusern, brauste ein Mofafahrer an mir vorbei. Besser gesagt er brauste bis zu mir heran, verlangsamte seine Fahrt auf Schrittgeschwindigkeit und fragte mitleidig:
„Kann ich dich ein Stück mitnehmen?“
Obwohl ich den Fahrer nicht kannte, willigte ich ein und setzte mich auf den Gepäckträger. Was hätte ich auch sonst tun sollen? Zu meinem Leidwesen fuhr er jedoch nicht bis zu meinem Wohnort, aber immerhin hatte ich inzwischen mehr als die Hälfte des Weges bewältigt. Und ich würde den Rest auch noch schaffen.
Meine Verärgerung hatte sich inzwischen in Sorge um meinen Peter verwandelt, denn ich begann mir auszumalen, dass ihm etwas zugestoßen sei. Entweder er hatte einen Unfall mit dem Auto oder es war bei den Renovierungsarbeiten etwas passiert. So stellte ich mir bildlich vor, er sei von der Leiter gefallen oder er habe beim Anschließen der neuen Deckenlampe einen Stromschlag bekommen oder sogar beides.
Mit nackten und blutigen Füßen, die Sandalen in der Hand kam ich völlig aufgelöst an. Ich schloss die Haustüre auf und schlich mit letzter Kraft die Treppe hoch. Auf den letzten Stufen vor unserer Wohnungstür traf ich auf einen Bekannten von uns, der gerade mit einer Straßenkarte in der Hand auf dem Weg treppab war.
„Gott sei Dank“, stieß er erleichtert aus. „Da bist du ja! Wir suchen dich schon die ganze Zeit!“
Jetzt stand auch Peter plötzlich vor mir. „Wo warst du denn?“, fragte er mich zwischen Verärgerung und Erleichterung schwankend.
„Das frag ich dich! Ich hab schon befürchtet es ist was passiert!“, gab ich zurück.
„Was denkst du denn, welche Befürchtungen wir hatten“, meinte Peter und warf einen Blick zuerst auf meine Schuhe und dann auf meine Füße.
„Bist du etwa gelaufen?“
„Was soll ich denn machen, wenn du nicht kommst, weil du mich einfach vergessen hast!“
„Ich habe dich nicht vergessen, das war nämlich so: …“
Und dann erzählte mir Peter seine Version der Geschichte:

Peter hatte zunächst fleißig weiter gearbeitet, aber dann klingelte es plötzlich an der Haustür und der besagte Bekannte stand vor ihm. Er hatte eine freudige Nachricht zu verkünden, denn er kam gerade aus dem Krankenhaus, wo seine Frau eine gesunde Tochter entbunden hatte. Darauf musste man natürlich anstoßen und so öffneten sie jeder eine Flasche Bier, weil wir keinen Sekt zu Hause hatten. Darüber vergaß Peter die Zeit und als er auf seine Uhr schaute, war er eine Viertelstunde über den vereinbarten Zeitpunkt hinaus. Er sprang in sein Auto und fuhr auf der für Autos schnellsten Strecke (die aber für mich zu Fuß der längere Weg gewesen wäre) zur Kirche im Nachbarort, um festzustellen, dass ich nicht da war. Zunächst war er nur etwas verwundert gewesen, denn weder Unpünktlichkeit noch Unzuverlässigkeit war er von mir gewohnt. Also fragte er im Pfarrhaus nach, aber da der dortige Pfarrer an diesem Tag vertreten wurde, kannte diese Vertretung mich nicht und wusste auch nichts von meinem Verbleib. Allerdings meinte dieser sofort:
„Oh Gott!“
Beide Männer, mein Peter und der Vertretungspfarrer, waren sichtlich beunruhigt, da es inzwischen schon zu dämmern begann. Kurzentschlossen schnappte sich der Geistliche eine Taschenlampe und dann starteten sie die Suche nach mir. Keine Ahnung, was sie sich ausmalten, auf jeden Fall durchsuchten er und Peter jedes Gebüsch im Umkreis der Kirche, allerdings ohne Erfolg.
Peter fuhr völlig nervös wieder nach Hause und alarmierte den Bekannten, der sofort eine Straßenkarte für die weitere Suchaktion organisierte.

Alles Weitere meiner Odyssee ist bekannt und somit haben sich zwei Sprichwörter bewahrheitet:

Ende gut, – alles gut!

Trautes Heim – Glück allein!

„Deutsche Sprache, – schwere Sprache“

Als neulich ein Telekomtechniker bei uns war, um unser langsames Internet in ein schnelles Internet zu verwandeln, brachte er mich unbeabsichtigt auf die Idee mit dieser kleinen Geschichte. Eigentlich ist es weniger eine Geschichte, als die Erklärung bestimmter „Fachbegriffe“. Nein, das ist auch nicht vollkommen korrekt. Vielmehr handelt es sich an dieser Stelle um die Feinheiten der deutschen Sprache oder das Spiel mit der Sprache oder genauer ausgedrückt, um „eine lokale oder regionale Sprachvarietät“. * 

Er meinte nämlich zu uns: „Sie sind aber auch nicht von hier!“
Der Grund hierfür war ein kleines ihm völlig unbekanntes Wörtchen, das ich benutzt hatte. Keine Ahnung, was ich zu meinem Mann gesagt hatte, aber ich fügte gewissermaßen zur Bestätigung des Gesagten an das Ende des Satzes ein „Gelle?!“ (nicht wahr?!) an. Vielleicht kam mir das Wörtchen gerade jetzt zur Faschingszeit so spontan über die Lippen. In meiner Kindheit sang nämlich die gebürtige Frankfurterin Margot Sponheimer auf der Mainzer Fastnacht das Lied „Gell, du hast mich gelle gern, gelle ich dich aach …“
Lange Rede, kurzer Sinn: Wir, also Peter, Astrid und Timo, sind gebürtige Hessen. Wir sind also im schönen Hessenland geboren, was ich dem Techniker mit einer etwas verschlüsselten Antwort anzudeuten versuchte:
„Wir kommen von da, wo man Ebbelwoi trinkt und Håndkees mit Musigg
isst!“
Als ich sein verdutztes Gesicht sah, musste ich lachen, doch ich klärte ihn auf:
„Ebbelwoi ist Apfelwein, den man üblicherweise aus einem Bembel, also einem Apfelweinkrug ins Glas schüttet. Håndkees mit Musigg ist Handkäse mit Zwiebeln in Essig und Öl – die Musik kommt dann später von allein!“
Den Ebbelwoi trinkt man in Hessen in verschiedenen Variationen, während einige ihn pur zu sich nehmen, ziehen andere den Gespritzten vor. Diesen gibt es wiederum in zwei Varianten, so existiert hier der Sauer- Gespritzte (Apfelwein mit Mineralwasser gemischt) oder der Süß-Gespritzte (Apfelwein mit Limonade). Ich gestehe, dass zwar mein Mann dieses hessische Nationalgetränk und den dazugehörigen Handkäse liebt und überaus köstlich findet, mir hingegen sträuben sich allein schön beim Anblick und Geruch die Haare. Ich bereite meinem Peter zwar hin und wieder eine derartige Mahlzeit zu, aber ich verschmähe beides, – lieber hungere und durste ich. So sind eben die Geschmäcker der Gestecker verschieden (war das auch ein hessischer Ausspruch? Keine Ahnung! ).
Eigentlich hört man bei uns Drei nur hauptsächlich bei meinem Mann den hessischen Dialekt heraus. Aber auch ich benutze in meiner Sprache gelegentlich Wörter, die meine Herkunft verraten oder zumindest erahnen lassen.
So benutze ich zum Beispiel zum Kartoffeln schälen oder Zwiebeln schneiden ein Kneippche, das aber keiner aus meinem hiesigen Bekanntenkreis mangels hessischer Sprachkenntnisse in meiner Schublade findet, obwohl mindestens ein Kneippche ( kleines Küchenmesser) darin liegt.
Als wir erst kurz hier in Cottbus wohnten, ging ich in der Faschingszeit zum Bäcker und verlangte drei Kräbbel. Die konnte mir die Dame hinter der Theke allerdings nicht verkaufen, da sie nur achselzuckend vor mir stand und meinte, dass sie diese Backware nicht im Sortiment hätten. Da ich aber genau das von mir Verlangte in der Auslage liegen sah, versuchte ich es mit dem Wort „Krapfen“, das aber ebenfalls ein Fremdwort zu sein schien. Selbst mit dem Begriff „Berliner“ konnte sie nichts anfangen. Jetzt blieb mir nur noch die Zeichensprache übrig und ich deutete auf das entsprechende Gebäck in der Thekenauslage.
„Ah!“, meinte sie erleichtert. „Sie wollen Pfannkuchen haben!“
„Nun gut“, dachte ich mir, „das muss ich mir merken!“ Leider rutschte mir auch beim nächsten und übernächsten Mal der Begriff „Kräbbel“ (Schmalzgebäck) wieder heraus. Da ich aber lernfähig war und bin, verbesserte ich mich sofort und heute verlange ich nur noch Pfannkuchen, wenn ich eigentlich „Kräbbel“ will. Trotzdem muss ich sagen, dass Pfannkuchen für mich plattgedrückt sind und keine Kräbbel, sondern einfach nur Pfannkuchen.
Aber auch neben diesen Bezeichnungen für spezielles Essen und Getränke haben in unserem Sprachgebrauch noch einige Wörter überlebt. So gibt es in unserem Bekanntenkreis zum Beispiel einen richtigen Lulatsch (großer Mensch) und ein Mann mit Glatze ist ein Plattkopp. Das sind keineswegs abfällige Bemerkungen, sondern einfach nur hessische und lieb gemeinte Ausdrücke.
Ich kann mich noch gut an meine Schulzeit erinnern. So gab es am Halbjahresende und am Schuljahresende immer Giftzeddel mit Schlagsahne, – gemeint waren dann die Schulzeugnisse. Was wir als Kinder besonders liebten, das war das sogenannte „Schelleklobbe“, aber ich glaube, dass auch heute noch jedes Kind dieses Klingeln an fremden Türen und das anschließende Wegrennen kennt und gerne macht. Dabei ist es egal, ob man dieses Spielchen in der Stadt betreibt oder in einem kleinen Kaff (Dorf). Es macht in jedem Fall Spaß. Wer sich dabei allerdings erwischen lässt, ist eben ein bisschen dabbisch ( ungeschickt) oder noch ein kleiner Dobsch (kleiner Junge), dessen Beine zu kurz sind, um schnell wegzurennen.
Wenn sich mein Peter über das spärliche Licht beschwert, das in einer Kammer zwar brennt, aber kaum ausreicht, um wirklich etwas erkennen zu können, dann beschwert er sich manchmal mit den Worten:
„Was ist das denn für eine Funsel? Kann man hier keine vernünftige Lampe hinhängen?“ (Funsel = schlechte oder schwache Beleuchtung)
Abends, wenn unser Lottchen in ihr Körbchen gehen soll, um zu schlafen, sage ich oft: „Geh mal schön in die Heija!“ Lottchen jedenfalls versteht mich, denn sie marschiert brav in ihr Zimmerchen und legt sich dann entweder in ihr Körbchen oder auf die Heizung. (Heija = Bett)
Von einer Sache möchte ich mich jedoch distanzieren. Dies ist ein Spruch, den ich allerdings erst hier in Brandenburg kennengelernt habe und zwar hat mir diesen eine Nicht – Hessin aus den alten Bundesländern erzählt, als wir uns hier in Cottbus kennengelernt haben:
„Alle Hesse sin Verbrescher, die klaue Aschebescher!“
Ich kann nur sagen: Dieser Spruch entspricht nicht der Wahrheit!!! Ich habe noch nie einen Aschenbecher geklaut, – wofür auch, ich bin Nichtraucher. Und ich kenne auch niemand aus dem schönen Hessenland, der das jemals getan hat. Da lässt sich abschließend nur sagen:

„Das gibt’s doch net! Wir Hesse klaue nix!“
Anmerkungen:

* Zitat aus: http://de.wikipedia.org/wiki/Dialekt Stand: 9.2.2015

Die Schreibweise und Übersetzung der hessischen Wörter habe ich übernommen aus: http://www.aeppelsche-homepage.de/hessisch.htm#b
„Hessisch für Auswerrdische“ (Stand: 3.1.15)

Auf allen Vieren

Seit die Menschheit den aufrechten Gang entdeckt hat, bewegen wir uns relativ selten noch auf allen Vieren vorwärts. Sind wir erst einmal dem Krabbelalter entwachsen, stehen und gehen wir stolz auf unseren zwei Beinen. Somit kann sich jeder, der die Überschrift liest, denken, dass ich heute nicht nur von uns erzählen will, sondern hauptsächlich von unserem geliebten Vierbeiner, nämlich unserer Katze.

Unser liebes kleines Lottchen schleicht sich auf ihren vier weichen Samtpfoten überall hin. Manchmal muss ich sie im ganzen Haus suchen, kann sie aber nirgendwo finden und trotzdem steht sie dann plötzlich wieder miauend vor mir. Es ist mir jedes Mal ein Rätsel wo sie sich versteckt hält. Katzen beherrschen das Schleichen und Stillsein meisterhaft. Sie setzen eine Menge von Tricks ein, um uns Menschen das zu entlocken, was sie wollen. Sie sind aber auch Verwandlungskünstler, mal Raubtier und mal Schmusekätzchen. Unser Lottchen beherrscht allerdings auch noch das Verhalten von Hunden. Wie es dazu kam, soll sie aber an dieser Stelle kurz selbst erzählen:
„ Als ich noch ganz klein war und bei meiner Katzenmama lebte, da gab es einen Dackel, namens Kati. Wenn wir wegliefen, dann holte er uns wieder zurück zum Haus, aber sonst lief er immer seinem Frauchen oder Herrchen hinterher. Ich habe genau aufgepasst und mir alles gemerkt, damit ich das auch lerne, denn er war neben meiner Mama mein großes Vorbild. Doch irgendwann musste ich Kati und meine Mama verlassen und zog bei einer lieben Familie ein. Jetzt habe ich zwei Herrchen, nämlich Peter und Timo und ein Frauchen, das immer Astrid gerufen wird.
Ich war gerade einmal ein paar Monate alt, da wollte mein Frauchen einen Spaziergang machen. Sie ging einfach weg und wollte mich draußen im Garten alleine lassen. Ich habe es gerade noch rechtzeitig bemerkt und lief eilig hinterher. Mein Frauchen wollte eigentlich nicht, dass ich mitkomme, denn sie wollte mein Revier verlassen und ganz weit weggehen, deshalb sagte sie zu mir:
‚Lottchen, bleib du mal schön zu Hause, sonst verläufst du dich noch und findest nicht mehr heim!‘
Ich dachte mir, dass das doch Quatsch ist und ich eine Katze bin und Katzen immer wieder nach Hause finden.“
Mit diesem Gedanken versuchte ich mich damals ebenfalls zu beruhigen und ließ Lottchen mitlaufen. Mal rannte sie im Abstand von zwei Metern hinter mir her, mal lief sie einen Meter voraus, wobei sie sich immer wieder nach mir umschaute und manchmal trabte sie brav neben mir her. Eben wie ein Hund.
Mein Ziel war die Spree. Ich wollte bei uns am Damm entlang der Spree spazieren gehen und eigentlich war mir dies für unser Kätzchen zu gefährlich. Erstens waren am Damm nicht nur Fußgänger, sondern auch Radfahrer unterwegs und zweitens führten hier die Hundebesitzer ihre Vierbeiner ebenfalls spazieren. Also musste ich entweder meinen Spaziergang abbrechen oder ich musste mir eine andere Möglichkeit einfallen lassen, um Lottchen sozusagen abzuschütteln. Das war gar nicht so einfach, denn selbst wenn etwas ihre Neugierde erregt hatte, ließ sie sofort wieder davon ab, sobald sie merkte, dass ich weiter marschierte. Im Nu war sie wieder an meiner Seite.
Ich lief Umwege und wer mich beobachtete, dachte sicher, dass ich ein seltsames Verhalten an den Tag legte. Ich ging nicht nur zweimal dieselbe Strecke, sondern ich unterhielt mich auch noch mit einer Katze. Zu Hunden und kleinen Kindern kann man ja sprechen, aber wer geht schon spazieren und unterhält sich mit einer winzigen Katze?! Da kann doch was nicht stimmen.
Weder meine Tricks noch gutes Zureden halfen, Lottchen blieb brav und treu an meiner Seite. Doch dann führte uns unser Weg zu einer Wiese durch die sich ein Fließ (ehemaliger Bewässerungsgraben) zog. Hier passierte es dann. Irgendetwas erregte Lottchens Aufmerksamkeit und zack, – war sie in einer anderen Ecke verschwunden. Ich nutzte die Gelegenheit und setzte meinen Weg Richtung Spree fort, allerdings nicht ohne mich durch mehrmaliges Umdrehen zu vergewissern, dass mir unser Kätzchen nicht folgte. Nein, ich war und blieb alleine, während Lottchen sich laut ihren späteren miauartigen Ausführungen und meinen Deutungen der Katzensprache folgendermaßen anderweitig beschäftigte:
„Als ich mit meinem Frauchen zu einer Wiese kam, sah ich plötzlich im Gras etwas huschen. Ich konnte es noch nicht genau erkennen, aber ich musste es unbedingt verfolgen und beobachten. So schlich ich mich vorsichtig an, jagte hinterher und spielte mit diesem Etwas. Als ich keine Lust mehr hatte und mich umsah, war mein Frauchen verschwunden.“
Bei meinem Spaziergang entlang der Spree war es mir schon etwas mulmig zumute, das muss ich mir selbst im Nachhinein noch eingestehen. Unser Lottchen ging mir nicht aus dem Sinn. Hoffentlich war sie mir tatsächlich nicht mehr nachgelaufen und was wäre, so überlegte ich, wenn sie ins Fließ gefallen war? Vielleicht hatte ihr auch ein Hund oder eine andere Katze Angst eingejagt und sie ist geflüchtet. So gut kannte sie sich in unserem Wohngebiet auch noch nicht aus, zumal wir ja auch ihr eigentliches Revier verlassen hatten. Bestimmt war meine Katze schon tot, überfahren oder ertrunken. Ich war mir inzwischen ganz sicher: Ich würde mein kleines süßes Lottchen nicht mehr wiedersehen, zumindest nicht lebendig.
Trotz schönem Wetter machte mir mein Spaziergang keine Freude. Meine Vorstellungen zermürbten mich. Ich würde es mir niemals verzeihen, wenn unserem Kätzchen etwas zugestoßen sein sollte. Peter und Timo wären mit Sicherheit ebenfalls sehr, sehr traurig und insgeheim konnte ich schon ihre Vorwürfe hören. Ich hätte einfach mit Lottchen wieder nach Hause gehen sollen.
Inzwischen war schon eine Stunde vergangen, nachdem ich unsere kleine Katze alleine gelassen hatte. Wer weiß, was in der Zwischenzeit passiert war?! Vielleicht hatte sie sogar ein anderer mitgenommen, so süß wie sie war.
Ich hielt es nicht mehr aus und machte kehrt. Auf meinem Rückweg schaute ich mich ständig nach allen Seiten um. Ein Beobachter hätte vermutet, dass ich unter Verfolgungswahn leiden würde. Unwillkürlich wurden meine Schritte immer schneller, zum Schluss rannte ich schon fast. Bereits von Weitem ließ ich meinen Blick über die Wiese schweifen. Nichts! Ich konnte kein Lottchen erblicken.
Auf der Wiese angekommen, wusste ich mir nicht mehr anders zu helfen, als laut den Namen unseres Kätzchens zu rufen:„Lottchen! Lottchen, wo bist du?“

Was war das? War das ein leises Miauen oder hatte ich mich getäuscht? Manchmal wünscht man sich etwas ja so stark, dass man glaubt das Gewünschte zu sehen oder zu hören. Abermals suchte ich die gesamte Wiese mit meinen Augen ab. Und dann sah ich sie! Unser geliebtes Lottchen saß auf der gegenüberliegenden Seite des Fließes und rief mich. Ein Stein fiel mir vom Herzen. Ich war überglücklich und Lottchen anscheinend auch. Sie versuchte zu mir zu gelangen, was aber bedingt durch das Fließ nicht so einfach war. Immer, wenn sie mit ihren Pfötchen das Wasser spürte, ging sie wieder ein paar Schritte zurück und versuchte es an einer anderen Stelle erneut, leider immer wieder vergeblich.

Ich befürchtete schon sie würde ins Wasser fallen, aber da ja Katzen bekanntlich wasserscheu sind, hätte ich mir darüber nicht den Kopf zerbrechen müssen. Ich gestikulierte und versuchte ihr irgendwie verständlich zu machen, dass sie nur ein bisschen weiter nach links oder rechts laufen müsste, um zu mir zu gelangen.
Naja, ganz so perfekt war meine Fähigkeit der Katzenkommunikation anscheinend noch nicht, trotz allem fanden wir wieder zusammen. Selig nahm ich unser Lottchen auf den Arm und trug sie sicher nach Hause.
Auf dem Weg begegnete uns ein älteres Ehepaar. Der Herr meinte lächelnd: „Ist sie weggelaufen?“
Nein, weggelaufen war unser Lottchen nicht. Im Gegenteil, sie hatte treu und brav gewartet und mit Sicherheit war sie jetzt genauso froh und glücklich wie ich.
Übrigens: Wir können seither nicht mehr in unserem Wohngebiet spazieren gehen, ohne dass Lottchen mit uns läuft. Inzwischen dreht sie schon richtig große Runden an unserer Seite, allerdings an die Spree darf sie nach wie vor nicht mit…

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Fortsetzung folgt…

Die kleinen Beißerchen

Rund um die kleinen Beißerchen gibt es eine Menge Redensarten, die wir auch alle kennen und hin und wieder auch benutzen. So beißt man sich manchmal an einem kniffeligen Problem regelrecht die Zähne aus. Hin und wieder muss man die Zähne zusammenbeißen und durch eine schwierige Situation hindurch. Auch einer Person auf den Zahn fühlen oder jemanden einen Zahn ziehen, ist manchmal äußerst wichtig. Sollte uns jedoch jemand die Zähne zeigen, so reagieren wir vielleicht sogar mit Zähneknirschen oder Zähneklappern. Unangenehm wird es, wenn wir nichts zwischen die Zähne bekommen, nichts zu beißen haben oder es gerade mal für einen hohlen Zahn reicht.

Wieso fallen mir heute ausgerechnet diese Redewendungen ein?
Heute ist Sonntag und ein wunderschöner Februartag. Die Sonne strahlt vom leuchtend blauen Himmel herab und man könnte meinen es seien die ersten Frühlingsboten.
„Lass uns dieses schöne Wetter ausnutzen und einen ausgiebigen Spaziergang machen!“, schlage ich meinem Peter vor, der ebenfalls nicht abgeneigt ist. So setzen wir uns ins Auto und fahren in den Spreewald, der etwa 20 Minuten von unserem Wohnort entfernt ist und immer einen Ausflug wert ist, egal zu welcher Jahreszeit. Wir laufen und laufen und spüren wie gut uns die Luft tut, aber plötzlich spüren wir auch ein Loch im Bauch.
„Ich brauch jetzt unbedingt was zum Beißen!“, verkündet mir Peter etwa eine Stunde später. „Und Durst habe ich auch!“
„Dann lass uns wieder umkehren und in ein Café gehen“, gehe ich bereitwillig auf seinen Vorschlag ein, denn auch ich verspüre Hunger. Gesagt, getan. Alle Welt scheint heute auf den Beinen zu sein, um die wenigen Sonnenstunden zu genießen. Auch in dem Café, das wir uns aussuchen, ist ein großer Andrang, trotzdem haben wir schon bald die gewünschten Speisen und Getränke auf unserem Tisch stehen und lassen es uns schmecken. Während ich den letzten Schluck meines Schokomacchiatos trinke, schweift mein Blick umher. Ich liebe es Leute zu beobachten und meinen Gedanken freien Lauf zu lassen. So fällt mein Blick auf einen älteren Mann, oder besser gesagt, auf dessen Hände. Noch präziser: Auf das, was er in den Händen hält.
„Oh nein!“, durchzuckt der Schreck mich.
Innerhalb eines Bruchteils einer Sekunde wende ich meinen Blick wieder ab. Hätte er in der Nase gebohrt, hätte ich wahrscheinlich ebenso verschämt weggeschaut wie jetzt.
„Ich kann mich nur verguckt haben“, überlege ich insgeheim, weiß aber genau, dass es real war, was ich gesehen habe und so flüstere ich Peter ins Ohr: „Schau doch mal da drüben hin!“
„Wieso, was ist denn da?“, fragt er mich und wendet seinen Kopf nach links hinten, allerdings nicht gerade unauffällig. „Ich seh‘ nichts!“
„Der Mann dort“, flüstere ich, „hat mir gerade seine Zähne gezeigt.“
Da ich seinen fragenden Blick sehe, der mir sagt, dass mein Mann keineswegs meine Botschaft verstanden hat, führe ich meine Erläuterungen etwas weiter aus. Allerdings immer noch in einem sehr leisen und diskreten Tonfall, drehe mich jedoch vorsichtshalber so, dass ich nicht in die Richtung des besagten Mannes schauen muss.
„Er hat sein Gebiss heraus genommen und mit der Gabel anscheinend etwas zwischen den Zähnen heraus gepult.“
Inzwischen habe ich meinen ersten Schrecken überwunden und muss lachen.
„Da kannst du aber froh sein, dass du deinen Kuchen schon verspeist hast!“
„Ich hätte jetzt nichts mehr herunter gebracht, mir ist nämlich der Appetit vergangen“, sage ich und füge noch hinzu:
„Was macht eigentlich deine Zahnschiene?“
„Welche Zahnschiene?“, wundert Peter sich.
„Na, deine Aufbeißschiene!“
„Ach die“, grinst mich Peter jetzt an.
Vor ungefähr zwanzig Jahren hat mein Göttergatte nämlich von unserer Zahnärztin eine Aufbeißschiene verordnet bekommen, weil er damals angeblich schon so abgenutzte Zähne hatte wie ein Achtzigjähriger. Laut den Vermutungen der Ärztin würde er nachts mit den Zähnen knirschen, was ich jedoch ehrlich gesagt noch niemals vernommen habe. Wahrscheinlich bin ich auf einem Ohr taub und auf dem anderen höre ich nichts. Seltsamerweise höre ich ihn aber Nacht für Nacht schnarchen.
„Nachdem mir Olaf erzählt hat, dass er auch so eine Schiene verordnet bekommen hat und sie gleich weggeworfen hat, habe ich sie ebenfalls unbenutzt in irgendeine Ecke geschmissen und seither niemals wieder gesehen“, erklärt er mir.
„Also in irgendeiner Ecke hätte ich sie sicherlich gefunden“, versichere ich ihm. Wahrscheinlich hast du sie gleich richtig entsorgt und in den Müll geworfen!“
„Kann gut sein! Na und, jetzt hab ich also schon Zähne wie ein Hundertjähriger, jedenfalls rein rechnerisch“, erläutert mir Peter. „Aber immerhin habe ich sie noch und kann auch noch hervorragend zubeißen und habe mir auch noch an nichts die Zähne ausgebissen. Was will ich mehr?“
Stimmt, was will man mehr ?!
So ist das eben mit den Zähnen: Erst sind wir mächtig stolz darauf, wenn wir die ersten Zähnchen bekommen. Wir haben Schmerzen und müssen in diesem zarten Alter schon die Zähne zusammenbeißen, die wir zu diesem Zeitpunkt ja eigentlich noch gar nicht haben. Dann freuen wir uns, wenn endlich das Gebiss vollständig ist und dann…
Ja, dann freuen wir uns, wenn endlich ein Zahn nach dem anderen ausfällt und die zweiten Zähne kommen.
„Weißt du noch als Timo sich einen Zahn selbst ziehen wollte?“, frage ich jetzt Peter.
„Kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich weiß nur, dass du mich irgendwann im Büro angerufen hast und mir erzählt hast, dass du den ersten Milchzahn bei ihm siehst, aber vom Zähneziehen weiß ich nichts. Erzähl mal!“
„Genau, den ersten Zahn habe ich am 12.2.1990 entdeckt, das weiß ich so genau, weil ich es erst vor ein paar Tagen in einem alten Notizbuch gelesen habe und kurz nach dem Ersten, habe ich auch schon den Zweiten entdeckt“, kläre ich Peter auf. „Das ist also jetzt ziemlich genau 25 Jahre her.“
„Aber das mit dem Zahnziehen war dann ein paar Jahre später : Timo hatte einen Wackelzahn und ich hatte ihm eine Geschichte vorgelesen, in der ein Junge vergeblich, aber mit allen Mitteln versucht hatte sich selbst einen Zahn zu ziehen.“

Nachdem Timos Zunge beim Rauswurf des Milchzahnes kläglich versagt hatte, fragte ich unseren Sohn, ob ich den Zahn mit einem Faden ziehen sollte. Doch das wollte er nicht. Lediglich den Faden durfte ich ihm um den Zahn binden, den Rest wollte er selbst erledigen.
„Anscheinend hat ihn die Geschichte beeindruckt und er wollte es selbst versuchen“, gibt Peter eine Erklärung für Timos Verhalten.

„Nach ein paar kläglichen Versuchen, hat er jedoch aufgegeben“, berichte ich. „Ich konnte ihn allerdings überreden einen Apfel zu essen und damit erledigte sich die Sache von alleine. Ein kräftiger Biss in den Apfel und der Zahn steckte in diesem. Timo war hinterher mächtig stolz.“
Seine Milchzähne haben wir dann in einer hölzernen Zahnbox gesammelt.
„Tja, wenn wir wieder alle unsere zweiten Zähne verloren haben, bekommen wir dann die endgültigen und letzten Zähne, die sogenannten Dritten. Die sind meistens schöner als es unsere eigenen waren. Also was soll’s“, stellt Peter fest. „Und die können wir auch mit anderen tauschen, nach dem Motto, was mir ist, ist auch dir!“
„Igitt!, rufe ich aus. „Komm ja nicht später einmal auf so eine Idee!“

Timo und die kleinen Tierchen in meiner Küche

Beim Aufräumen in meinem Arbeitszimmer ist mir eine blaue DIN A-4 Mappe in die Hände gefallen. Es ist einfach nur eine Sammelmappe ohne Aufschrift und ich kann mir schon denken, dass hier Handlungsbedarf besteht. Wahrscheinlich habe ich irgendwann einmal alles Mögliche und Unmögliche einfach nur hier hinein gesteckt, weil ich es nicht wegwerfen wollte, aber sonst nicht wusste wohin damit. Also löse ich die Gummiringe und öffne die Mappe.

Vor mir liegen viele beschriftete Seiten auf denen ich u.a. Erlebnisse und Begebenheiten mit unserem damals noch kleinen Sohn in Worte gefasst habe und plötzlich sind alle Erinnerungen wieder da:
Es war ein schöner Sommertag mit viel Sonnenschein und blauem Himmel. Ich stand in unserer Küche in Darmstadt und bereitete das Mittagessen vor. Unser etwa zweijähriger Timo spielte im Wohnzimmer mit seinen Bauklötzchen. Alles war friedlich und ich überlegte gerade, was wir nach Timos Mittagsschlaf unternehmen könnten, als unser Sohn zu mir in die Küche kam. Er setzte sich auf den Fußboden, um mir zuzusehen. Plötzlich wurde ich durch Timos zartes Stimmchen aus meinen Gedanken gerissen:
„Mama, Maus!“, plapperte er vor sich hin.
Ich blickte zu ihm hinunter und sah, dass er ein Stofftier in den Händen hielt.
„Nein Timo, das ist doch dein kleines Hundchen“, berichtigte ich ihn.
Einen Moment war es ruhig, doch dann meinte er wieder:
„Mama, Maus!“
„Nein Timo, hier ist keine Maus. Das ist ein Hund!“, erklärte ich ihm nochmals und streichelte sowohl Timo über sein Haar als auch den Hund über sein Fell.
Wieder wand ich mich dem Essen auf dem Herd zu und ich dachte schon alles sei in Ordnung, da protestierte mein Sohn abermals:
„Mama, Maus!“
Jetzt wurde es mir doch etwas seltsam zumute und ich fragte mich insgeheim, ob er Recht hatte und sich eine Maus in unsere Küche eingeschlichen hatte. Sichtlich unwohl, spürte ich wie mir eine Gänsehaut den Rücken hinunterlief. Mäuse mögen ja niedliche kleine Tierchen sein und sie tun niemand etwas zu Leide, aber ich hatte und habe trotzdem Angst vor Mäusen. Ich wusste genau, wenn hier irgendwo tatsächlich eine Maus wäre, würde ich mein Kind an der Hand nehmen und das Weite suchen. Ja, ich würde ohne zu zögern mit Timo aus der Wohnung rennen und diese dem kleinen Vierbeiner überlassen. Peter war nicht da, er befand sich gerade auf einer Dienstreise und würde erst spät am Abend wieder zurückkehren. Es fehlte also unser großer Beschützer, der in einer solchen Situation sicherlich zum großen Helden mutiert wäre, – zumindest in Timos und meinen Augen. Also musste ich jetzt überlegen, was zu tun war. Vielleicht sollten wir bei unseren Vermietern Zuflucht suchen oder wir würden zu meiner Freundin laufen. Möglicherweise waren diese Personen keine solchen Angsthasen und liefen auch nicht vor Mäusen davon.
„Ich darf vor Timo keine Angst zeigen“, überlegte ich mir, „sonst hat er auch Angst und weint.“
Während ich mir so meinen Schlachtplan zurecht legte, zupfte Timo wieder an meinem Rockzipfel und behauptete abermals:
„Mama, Maus!“
Dieses Mal deutete er auch mit seinem ausgestreckten Ärmchen in die Richtung, in der er die Maus gesehen hatte. Ich überlegte, ob sich dort unter meiner Arbeitsplatte irgendwo das Tierchen versteckt hielt. Mutig schaute ich nach, allerdings mit gebührendem Abstand und sozusagen sprungbereit, um gemeinsam mit Timo zu flüchten. Ich nahm ihn vorsichtshalber schon mal auf den Arm und fragte mich insgeheim, wer von uns beiden jetzt wen beschützte. Vermutlich suchte ich eher bei Timo Schutz, denn er sah eigentlich eher fröhlich und gar nicht erschrocken oder ängstlich aus, sondern strahlte mich an und deutete weiter mit seinem Fingerchen auf die …
„Maus!“, fipste Timo.
Ja, und da sah ich sie! Die Maus! Sie saß nicht unter meiner Arbeitsplatte, sondern oberhalb. Genauer gesagt, sie saß auf der Fensterscheibe und war …

eine Fliege.

Man kann sich sicherlich meine Erleichterung vorstellen. Alle Angst fiel von mir ab und ich herzte und drückte erleichtert unser Söhnchen an mich. Nachdem ich fast schon Freudentränen in den Augen hatte, klärte ich Timo über das Missverständnis auf und er verwechselte fortan auch niemals mehr diese beiden Tierchen.
Allerdings sollten sich, wie mir schien, noch andere kleine Tierchen in meine Küche verirren. Timo muss schon etwas älter gewesen sein, denn er ging bereits in den Kindergarten. Nach dem abendlichen Bad setzte er sich auf sein Stühlchen in der Küche und aß artig sein Abendbrot. Danach blieb er sitzen und betrachtete noch ein kleines Weilchen ein Bilderbuch.
Da das Telefon klingelte, lief ich in den Flur und nahm das Gespräch dort entgegen. Es war kein sehr langes Gespräch und so kam ich nach wenigen Minuten wieder zurück in die Küche. Timo „las“ immer noch in seinem Bilderbuch und alles hätte friedlich und in Ordnung sein können, wenn nicht…
Ja, wenn mein Blick nicht plötzlich auf Timos Kopf gefallen wäre.
„Oh nein!“, rief ich erschrocken aus.
Timo sah mich fragend an, denn er hatte ja nichts angestellt und war sich demzufolge auch keiner Schuld bewusst.
„Jetzt haben wir sie also auch!“, dachte ich mir, „so ein Pech!“
Timos Kopf oder besser gesagt, seine Haare waren über und über voll davon. Überall hatten sie sich verbreitet.
„So schlimm ist das also! Was mache ich jetzt bloß? Immer abends oder am Wochenende passiert so etwas.“
Ich war mir vollkommen sicher. Das waren Läuse! Im Kindergarten kursierten sie, das war mir ja bekannt. Jedes Jahr zur „Kapuzenzeit“ traf es einige Kinder und selbstverständlich deren Eltern, denn die hatten dann die ganze Arbeit mit den kleinen Tierchen.
„Das kann ja jetzt lustig werden“, dachte ich missmutig. „Nur komisch, dass mir vorhin beim Baden nichts aufgefallen ist. Ich habe doch noch genauestens hinter den Ohren nachgeschaut, wo sie angeblich ihre Eier ablegen.“
Ich hatte so gehofft, dieses Schicksal würde an uns vorübergehen, aber anscheinend kann man diesen Tierchen nicht davonrennen, so kurz deren Beinchen auch immer sein mögen. Mittlerweile durchsuchte ich Timos Kopf ganz genau und unser Söhnchen hatte inzwischen auch schon einen etwas ängstlichen Blick aufgesetzt.
„Komm wir gehen noch einmal ins Badezimmer und waschen die Haare“, forderte ich ihn auf, als mein Blick auf Timos kleines Tischchen fiel. Jetzt musste ich aber auf einmal lauthals lachen und Timo schaute mich verwirrt an. Vermutlich dachte er, dass seine Mutter nun vollkommen übergeschnappt sei. Ich aber war total erleichtert, denn ich hatte plötzlich erkannt, was sich da auf Timos Kopf tummelte. Es waren keine Läuse, denen waren wir zum Glück entgangen. Nein, ich hatte unserem Söhnchen noch ein paar Erdnussflips in ein Schälchen auf den Tisch gestellt, die hatte er gefuttert und sich anscheinend mit den Fingern durch die Haare gefahren. So kamen die Krümeltierchen auf seinen Kopf.

Mensch ärgere dich nicht!

Wer auch immer dieses Spiel erfunden hat, hat den Nerv der Menschheit getroffen. Zu den Eigenschaften des Menschen gehört es nämlich sich unter anderem zu freuen und sich zu ärgern. Diese Gefühlsregungen spielen sich in jedem von uns ab und haben oftmals auch Auswirkungen auf unsere Umwelt. Freuen wir uns, so strahlen oder lachen wir und stecken nicht selten andere damit an. Ärgern wir uns, so bekommt das meist unser Gegenüber ebenfalls zu spüren. Wir schimpfen dann, setzen einen verärgerten oder gar grimmigen Gesichtsausdruck auf und verspüren eher negative Gefühle.

Mein Gesichtsausdruck ist in diesem Augenblick eher der zweiten Gefühlsregung zuzuordnen. Ich habe meinen beiden Männern (Gatte und Sohn) bestimmt schon hundertmal gesagt:
„Wischt doch bitte nach dem Rasieren eure Barthaare weg!“Und auch heute rufe ich es genau in dem Augenblick nach unten, als mein Mann nach einem Einkauf im Baumarkt zur Haustür hereinkommt. Seine Antwort zeigt weder etwas von Reue noch einen Funken Verständnis für meine Verärgerung. Im Gegenteil, er ruft einfach nur nach oben:

„Diese ewige Putzerei ist doch nicht normal!“

Da könnte ich mich doch schon wieder ärgern. „Als wäre ich ein Putzteufel“, denke ich, wische noch den Spiegel schön blank und poliere die Badarmaturen. Danach marschiere ich nach unten, um die Einkäufe meines Mannes zu begutachten.
„Hoffentlich hast du die richtige Farbe mischen lassen“, sage ich und begutachte den Farbeimer.
„Na klar, genau nach der Farbkarte, die wir neulich ausgesucht haben. Obwohl ich persönlich die Küche einfach wieder nur weiß streichen würde.“
„Das ist doch total langweilig“, verteidige ich die Farbentscheidung. „Außerdem ist dieser zarte Grünton doch nur ein leicht grünlich getöntes Weiß. Sieht bestimmt toll aus“, bekräftige ich unseren Beschluss.
„Na ja, erst müssen wir einmal alles abkleben und dann fange ich mit der Decke an. Hol doch schon mal die Lammfellrolle zum Streichen aus der Garage!“
„Welche Lammfellrolle meinst du eigentlich?“, frage ich zwei Minuten später. „Ich habe nur die einfache Rolle hier gefunden!“
„Ach, weißt du was, ich fahre noch mal schnell in den Baumarkt und hole mir eine. Braucht man eh‘ immer wieder“, beschließt Peter und ist auch schon auf dem Weg zu seinem Auto.
Als er wieder zurück ist, steht er mit einem großen Karton vor unserer Haustür und verkündet freudestrahlend:
„Das hier ist was ganz Tolles. Ich habe das mal so gemacht wie du immer im Baumarkt und habe mich vor einen Bildschirm gestellt, auf dem sie immer  Videos mit Werbung laufen lassen. Und da haben sie dieses Ding hier angepriesen. Damit soll die Streicherei viel schneller und kinderleicht von statten gehen. Ich dachte mir, wir probieren es einfach mal aus.“
Jetzt bin ich doch etwas verwundert, denn eigentlich ist mein Mann sehr praktisch veranlagt, handwerklich begabt, keineswegs leicht von Werbung zu überzeugen und führt solche handwerklichen Tätigkeiten auch eher auf die traditionelle Art und Weise aus.
„Was ist das denn für ein seltsames Ding?“, frage ich meinen Peter, der inzwischen schon mit Auspacken und Zusammenbau der Wundermaschine beschäftigt ist. Hierbei handelt es sich um einen elektrischen Farbroller, der mit einer Schlauchpumpe betrieben wird und dank eines langen teleskopartigen Stils und eines langen Schlauchs das Streichen von Zimmerdecken und auch von großen Wänden zum Kinderspiel werden lassen soll. Naja, und da bekanntlich in jedem Mann ein Kind steckt, ist auch mein Gatte von dieser Wundermaschine sichtlich angetan.
Inzwischen beginnt es draußen schon zu dämmern und ich bezweifele mittlerweile, dass wir heute noch mit der Streichaktion anfangen, geschweige denn fertig werden.
„Wollen wir nicht einfach mal ganz normal mit der Rolle anfangen zu streichen?“, erkundige ich mich vorsichtig und leicht verärgert über die ständige Verzögerung der geplanten Arbeit.
„Nein“, erklärt er mir. „Jetzt will ich das erst einmal ausprobieren!“
Sogleich macht Peter sich an die Arbeit und nimmt die Küchendecke in Angriff. Ich verfolge die ganze Sache sehr interessiert und würde es eigentlich auch gerne mal ausprobieren, aber Peter ist ganz in seinem Element. Obwohl hierbei angeblich nichts tropft, sind schon einige Farbkleckser auf seinen Haaren zu sehen. Das ist allerdings bei meinem Peter nichts Außergewöhnliches, wenn er streicht. Meist ist er trotz seiner Professionalität hinterher voller Farbe im Gesicht, an den Händen und der Kleidung. Er streicht eben immer gleich alles mit.
„Tja, so ganz überzeugt bin ich noch nicht!“, meint er nach der Fertigstellung der Decke. „Jetzt probiere ich es mal an der Wand aus.“
Zuerst heißt es alles wieder zu säubern, denn jetzt ist der leichte Grünton angesagt. Danach wird das eine Ende des Schlauchs in den Farbeimer gehängt und das andere Ende über die Schlauchpumpe an den Farbroller angeschlossen. Und los kann es gehen:
So schnell geht es nun auch wieder nicht.
„Vielleicht ginge es auf traditionelle Weise schneller“, überlege ich gerade, da meint Peter: „Irgendetwas stimmt hier nicht, da kommt ja fast gar nichts raus. Wahrscheinlich pumpt das Ding nicht richtig. Das muss ich erst einmal überprüfen.“
Ehe ich mich versehe, startet er seine Überprüfung und von da an geht plötzlich alles ganz schnell:
Peter nimmt den Schlauch in die Hand und knickt ihn unterhalb des Farbrollersstils ab, um zu überprüfen, ob die Pumpe auch mit Druck die Farbe nach oben an die Rolle befördert. Der Druck ist da. Die Farbe auch. Durch den Druck und den Knick baut sich jetzt allerdings ein Überdruck auf, es kommt in diesem Moment also sozusagen zu einem Farbstau und es passiert, was passieren muss. Es gibt einen Knall und der Schlauch ist geplatzt. Damit einhergehend spritzt die gesamte Farbe aus dem Schlauch in der Gegend herum. Peter versucht das Schlimmste zu verhindern, indem er sich zum Ausschalten der Pumpe in Richtung Gerät bückt. Dabei zieht er allerdings versehentlich ruckartig an dem Schlauch. Dies hat zur Folge, dass auch der Farbeimer, der auf meinem Küchentisch abgestellt ist, diesen Ruck zu spüren bekommt. Er beginnt zu wackeln und bevor noch eine rettende Hand hinzuschnellen kann, ist er umgekippt. Somit ergießt sich auch noch diese Farbe auf meinen Fußboden und bespritzt Tisch, Wände und auch meinen Peter.
„Oh Gott!“, rufe ich aus.
„Nichts passiert, nichts passiert!“, ruft hingegen mein Peter.
„Das kann ich deutlich sehen!“, ärgere ich mich jetzt aber.
„Der Schlauch muss schon irgendwo eine Macke gehabt haben“, erklärt er mir. Ich fahr jetzt in den Baumarkt und lasse mir einen anderen Schlauch geben.“
Da es zwischenzeitlich 10 Minuten vor Ladenschluss ist, rast er so wie er aussieht los. Ich hingegen bleibe zurück, versuche die Farbe zumindest von meinen Fliesen und meinem Küchentisch zu entfernen und bin nicht gerade bester Stimmung.

„Mensch ärgere dich nicht!“,

sage ich immer wieder zu mir selbst und als Peter eine halbe Stunde später wieder aufkreuzt, stehe ich auf der Leiter mit der üblichen Lammfellrolle in der Hand und habe schon mal angefangen eine Wand anzulegen. Peter lässt es sich jedoch nicht nehmen, mit dem automatischen Farbroller weiterzuarbeiten. Bevor er allerdings alles wieder zusammengebaut und vorbereitet hat, bin ich mit der Küchenstreicherei schon fast fertig. Er macht dann noch den Rest und hier und da ein bisschen Feinarbeit. Es sieht richtig toll aus. Mittlerweile lachen wir auch über dieses Missgeschick und gönnen uns zum Abschluss noch ein Gläschen Rotwein.

Der Geist des Weines

Es ist verdammt lange her, aber an manche Dinge erinnert man sich, als sei es erst gestern passiert. Wenn der richtige Schlüsselreiz kommt, dann fällt es einem wieder ein. Es ist so, als würde sich im Gehirn irgendwo eine Schublade öffnen, in denen Fotos und die dazu passende Geschichte gut verwahrt liegen, – und das schon seit Jahrzehnten. Mit dem nötigen Abstand kann man dann möglicherweise sogar über das lachen, was man in dem damaligen Moment gar nicht so witzig fand.

„Lass uns etwas Gutes trinken“, fordert mich Peter auf. „Entweder du kochst uns einen guten Tee oder ich hole uns einen edlen Tropfen aus unserem Weinvorrat.“
Komisch, aber genau bei diesen Worten macht es auf einmal bei mir „Zoom“ und schon öffnet sich die besagte Schublade.
„Hol mal eine Flasche Wein!“
Während Peter meinem Befehl Folge leistet, stelle ich einen bestimmten Gegenstand aus dem Küchenschrank neben die Weingläser. Ich will mal sehen, ob ich meinem Mann ebenfalls einen Schlüsselreiz liefern kann, damit ihm die Geschichte von damals einfällt.
Als Peter zurückkommt, schenkt er den Wein in die Gläser ein und schiebt dabei den Gegenstand achtlos zur Seite. Anscheinend hat es bei ihm weder „Klick“ noch „Zoom“ gemacht. Also muss ich ihm auf die Sprünge helfen, indem ich ihn nach dem ersten Schluck frage:
„Der ist aber lieblich genug, oder?“ Bei diesen Worten drehe ich scheinbar gedankenverloren an dem besagten Gegenstand ( von dem ich erst später verrate, welcher es ist ).
Peter gibt mir hierauf keine Antwort, sondern stellt eine Gegenfrage: „Kannst du dich noch an den Vermieter meiner Studentenbude erinnern?“
„Es hat geklappt!“, sage ich. Wir prusten beide vor Lachen los und ergänzen uns gegenseitig beim Erzählen der Geschichte:
Peter wohnte damals in einer Studenten-WG in einem Vorort von Darmstadt. Da ich in Gießen studierte, sahen wir uns immer nur am Wochenende, wenn jeder zu seinen Eltern nach Hause fuhr. Das reicht aber bekanntlich Verliebten nicht immer aus und deshalb besuchten wir uns hin und wieder gegenseitig am jeweiligen Studienort. So auch an diesem Tag. Ich war bei Peter zu Gast. Sein Vermieter, der im gleichen Haus wohnte, hatte mich kommen gesehen und ergriff die Gelegenheit, um uns für den Abend auf ein Gläschen Wein einzuladen. Das war jetzt nicht gerade unsere Vorstellung von einem gemeinsamen Abend, aber wie heißt es so schön: „Ein Gläschen Wein in Ehren, kann niemand verwehren!“ Wir sagten also für ein Stündchen zu.
Peter hatte mir bereits schon von seinem Vermieter erzählt. Dieser war ein großer kräftiger Mann, kurz vor dem Rentenalter und als Hausmeister in einem Supermarkt tätig. Das war auch der Grund warum er immer in seinen blauen Arbeitslatzhosen herum lief. Ich kannte ihn jedenfalls nur so und Peter hat ihn in all den Jahren auch niemals anders gesehen. Es war ein netter und freundlicher und lustiger Mensch, der immer von den Buben sprach, wenn er die ausschließlich männliche Studenten-WG in seinem Haus meinte. Manchmal, wenn in unserer Garage eine Aufräumaktion angesagt ist, erinnern wir uns seiner. Bevor dieser nämlich sein Auto in die Garage fahren konnte, musste er zunächst einen großen Karton wegstellen, dann kam das Auto rein und zum Schluss stellte er den Karton auf das Autodach. Am Morgen ging es dann umgekehrt.
Als Mitarbeiter eines Supermarktes erhielt er immer recht günstig Weintrauben, z. T. auch solche, die nicht mehr verkauft werden konnten. Daraus „kreierte“ er dann den Wein für seinen Eigenbedarf.
Wenn an bestimmten Wochentagen aus dem Radio die Sendung „Von Mikrofon zu Telefon“ (oder umgekehrt?) erklang, hörten die Buben ihn immer mitsingen und vermuteten ihn vor seinem Wein sitzend. Keine Ahnung, ob es sich bei den Liedern um Schlager oder Volkslieder handelte, jedenfalls animierten sie zum Mitsingen und zum Anrufen, um den sich eigenen Musikwunsch erfüllen zu lassen.
An diesem Abend waren wir also eingeladen und standen auch pünktlich vor der Wohnungstür. Seine Frau empfing uns freundlich und bot uns an, doch im Wohnzimmer Platz zu nehmen.
„Und jetzt trinken wir ein Gläschen Wein“, verkündete Peters Vermieter und schon eilte seine Frau und holte die Gläser herbei.
„Ich bin eigentlich kein Weintrinker “, versuchte ich es vorsichtig und hoffte etwas Antialkoholisches angeboten zu bekommen. Leider vergebens. Der erste Schluck muss wohl schon meine Geschmacksknospen leicht irritiert haben, denn ich probierte einen neuen Vorstoß aus: „Ich trinke, wenn überhaupt, dann eher etwas lieblicheren Wein.“
„Ach, das ist gar kein Problem“, meinte der Vermieter, warf seiner Frau einen Blick zu und wies mit dem Kopf in Richtung Küche. Diese verstand anscheinend sofort, was ihr Gatte damit zum Ausdruck bringen wollte und stand auch schon mit einem kleinen Fläschchen vor mir, aus dem sie einige Tropfen in meinen Wein träufelte und meinte:
„Kosten Sie mal! Ist er jetzt süß genug?“
Ob ich dieses Glas, in welchem sich der mit Süßstoff verfeinerte Wein befand, jemals leer getrunken habe, ist mir entfallen.
„Aber es kam ja noch besser!“, ereifert sich Peter und verräumt den Süßstoff, den ich auf unseren Tisch gestellt habe, um Peter einen Schlüsselreiz für diese Geschichte aus vergangenen Tagen zu liefern.
„Eines Abends stand er vor unserer Wohnungstür“, erzählt Peter. „Er hatte ein Fässchen Wein unter dem Arm und meinte: ‚Ihr Buben, jetzt trinken wir einen zusammen!‘.“
„Und habt ihr das Fässchen geschafft?“, erkundige ich mich bei meinem Mann.
„Klar! Es war ein recht lustiger Abend, aber am nächsten Morgen ging es uns allen total schlecht und das lag ganz bestimmt daran weil die Trauben, die er immer für seinen Wein genommen hat, geschwefelt waren.“
Bevor Peter weiter erzählt, stoßen wir mit den Gläsern an und genießen unseren guten Tropfen Wein.
„Ich habe mich damals trotzdem in die Vorlesung gequält. Mir ging es sooo schlecht, dass ich mich schon am Parkplatz übergeben hatte und dann musste ich auch noch ausgerechnet in die Vorlesung, die sowieso bei allen Studenten äußerst unbeliebt war und eher die Kopfschmerzen und das allgemeine Unwohlsein noch zusätzlich verstärkten. Selbst der Professor hat mich angesprochen und gefragt, ob es mir nicht gut ginge, weil ich so schlecht aussehen würde. Den Rest hat mir dann später ein Kommilitone erzählt, der zufällig am Vorlesungssaal vorbeiging.“
Inzwischen kann ich mir nur noch den Bauch vor Lachen halten, denn ich weiß genau, was dann passiert ist. Auch Peter lacht erst einmal herzhaft, um dann die Geschichte zu vervollständigen:
„Laut dem besagten Kommilitonen, wurde auf einmal die Tür vom Vorlesungssaal aufgerissen und ich kam mit vorgehaltener Hand herausgestürzt, direkt auf einen Mülleimer zu, in den hinein ich dann wohl den bösen Geist des Weines vom Vorabend aus meinem Magen heraus entleert habe. Er meinte später einmal zu mir, es sei ein Bild für die Götter gewesen, zumal er zunächst gedacht hatte, mir sei von der unbeliebten Vorlesung so schlecht geworden, dass ich mich übergeben hätte müssen.“

So ist das eben mit den guten und bösen Geistern und den Geistern, die man selber rief. Seither nehmen wir den Wein, den wir trinken immer genau unter die Lupe und trinken nur noch den mit den guten Geistern.

Stock und weißer Bart

Ich weiß nicht warum, aber irgendwie fällt mir gerade eine Fernsehserie aus den Sechzigern ein. John Steel und Emma Peel lösten damals in den Filmen ihre Kriminalfälle „Mit Schirm, Charme und Melone“. Plötzlich passiert in meinem Kopf etwas ganz ohne mein Zutun. Meine Gedanken verselbständigen sich. Als diese sämtliche Gehirnwindungen durchlaufen haben, sind sie auf einmal zu einem anderen Gedanken mutiert. Wie damals bei dem Spiel „Stille Post“ haben sich die Worte verändert. Aus „Mit Schirm, Charme und Melone“ ist plötzlich „Mit Stock, Witz und weißem Bart“ geworden.

Der weiße Bart gehört zu meinem Peter, wie jeder inzwischen wohl schon wissen dürfte. Er ist zu so etwas wie seinem Markenzeichen geworden. Witz hat mein Mann ebenfalls, also muss ich nur noch überlegen, was es mit dem Stock auf sich hat. Diese Detektivarbeit ist im Grunde genommen nicht so schwer für mich, denn ich muss gar nicht weit gehen, um fast über einen Stock zu stolpern.
Er steht in unserer Eingangsdiele, links neben der Haustür. Man kann sich denken, dass ich hier keinen einfachen Stock, sprich einen passend geformten Ast aus dem Wald stehen habe, so wie man ihn manchmal auf Wanderungen benutzt. Wenn es kein Wanderstock ist, dann vermutlich ein Spazierstock, wird jetzt jeder denken. Ja und nein. Es ist auch kein gewöhnlicher Spazierstock, so wie ihn Charlie Chaplin immer bei sich hatte und von dem er sagte, dass dieser für die Würde des Menschen stehe (vgl.: http://www.tagesschau.de/ausland/charlie-chaplin100.html / Stand: 9.1.2015).
Er hat keinen gebogenen Griff, sondern einen silbernen und reich verzierten Knauf, auf dem die Hand des Gehenden liegt.
„Das ist ein Stock mit Geschichte!“, meint Peter, der gerade aus seinem heimatlichen Büro in unsere Küche marschiert und sieht, wie ich den Stock in die Hand nehme und genauestens betrachte.
„Ganz sicher stammt er nicht aus dem 17. oder 18. Jahrhundert, in dem überwiegend Könige und der Adel derartige Stöcke besaßen und ob er aus dem Mittelstand des 19. oder 20. Jahrhunderts ist, lässt sich auch nicht mit Sicherheit sagen.“
„Aber darauf kommt es bei diesem Stock auch nicht an“, füge ich hinzu. Seine Geschichte ist für uns eine ganz persönliche Geschichte, die uns viel wichtiger ist und ihn damit für uns auch wertvoller macht, als seine eigentliche Historie:
Vor inzwischen dreieinhalb Jahren hatten wir Silberhochzeit und flogen nach Venedig, sozusagen als Silberhochzeitsreise (an anderer Stelle werde ich irgendwann einmal ausführlich davon berichten). Für mich war es das erste Mal, dass ich Venedig besuchte. Peter war als kleiner Junge einst mit seinen Eltern mitten im Hochsommer und bei brütender Hitze dort gewesen und hatte Venedig auf eine sehr eigentümliche Art beeindruckend empfunden: „Venedig ist schmutzig, stinkt und Ratten gibt es auch!“
In diesem Glauben ließ er mich mehr als dreißig Jahre. Trotzdem wollte ich diese Stadt, deren historisches Zentrum, die Lagune von Venedig und einige nahe Inseln sehen, bevor ihr viel beschworenes Ende angesagt ist. Selbst Peter musste bei unserem Besuch zugeben, dass sich uns Venedig mehr als traumhaft präsentierte und wunderschöne Kulissen für unser gebuchtes Fotoshooting bot.
Am Tag nach unserem 25jährigen Hochzeitstag erkundeten wir die besagte Stadt auf eigene Faust. Auch entschlossen wir uns mit dem Wasserbus nach Murano zu fahren, die Insel, die für ihre Glaskunst weltweit bekannt ist. Erst als wir uns im Wasserbus hinsetzten, spürten wir, dass unsere Füße vom vielen Laufen bereits zu schmerzen begannen.
„Weißt du, was Venedig und Capri gemeinsam haben?“, fragte mich Peter.
Ich konnte mir nun überhaupt nicht vorstellen, was es hier an Gemeinsamkeiten geben sollte und schüttelte den Kopf.
„Die vielen Stufen, die zu erklimmen sind“, erklärte er mir.
Ich konnte mich erinnern, dass er mich auf Capri voran gehen hatte lassen, da er Probleme mit seinen Knien und damit einhergehend mit dem Treppensteigen hatte.
Doch die Neugierde und der Wissensdurst des Menschen war auch jetzt unser Motivator die schmerzenden Füße und Knie zu vergessen. So kamen wir an einem Antiquitätengeschäft vorbei, das Peter magisch anzog und in mir die schlimmsten Befürchtungen aufkommen ließ. Ich kenne nämlich meinen Mann, seine Vorliebe für alte Sachen und stellte mir schon vor, was er alles an Kostbarkeiten finden würde. Ich muss zugeben, es war ein interessanter Laden, doch mich drängte es eher nach draußen.
„Lass uns doch noch zu den Glasmanufakturen und Ausstellungen gehen“, bat ich ihn.
„Schau doch mal!“, forderte er mich auf, ohne auf meine Bitte einzugehen. „Der ist doch hübsch!“
„Ja, stimmt“, bestätigte ich, fügte jedoch beim nächsten Atemzug hinzu: „Lass uns gehen, ich will noch was anderes sehen!“
Peter drehte einen Spazierstock mit silbernem Knauf in der Hand hin und her, betrachtete ihn ein wenig wehmütig, steckte ihn jedoch wieder in den bereitstehenden Schirmständer, in welchem noch andere Spazierstöcke ihren Platz hatten.
„Das war der Schönste von allen“, erklärte mir mein Gatte beim Verlassen des Geschäftes. Höchstens zehn Minuten später verkündete er mir:
„Ich kann überhaupt nicht mehr laufen. Mir tut schon alles weh! Und überhaupt, meine Knie sind vom vielen Treppensteigen heute ganz schlimm!“
Da wir inzwischen in einer Ausstellung mit vielerlei verschiedenen Produkten aus Muranoglas waren, vergaß er kurzzeitig seinen Jammer. Doch kaum betraten wir wieder die Straße, ging die Sache von vorne los:
„Das wird immer schlimmer!“
„Was?“
„Na, meine Knie, – erzähl ich doch dauernd!“
„Sollen wir uns irgendwo hinsetzen?“, fragte ich ihn mitleidig.
„Nö, nö!“
Und zwei Minuten später meinte er: „Vielleicht kauf ich mir einen Stockschirm, da kann ich mich abstützen.“
Jetzt hatte ich es kapiert! Er hatte die ganze Zeit rumgejammert wie ein kleines Kind, das etwas haben möchte, es aber nicht bekommt.
„Kann es sein, dass du den Stock haben möchtest, den wir vorhin gesehen haben?“, erkundigte ich mich.
„Ach Quatsch! Brauch ich doch nicht!“
„Anscheinend aber doch! Komm wir gehen noch mal in den Antiquitätenladen, bevor er schließt“, schlug ich ihm vor.
„Den Stock hat bestimmt eh schon jemand gekauft“, murmelte er in seinen weißen Bart.
Seltsamerweise hatte er mich schon in die Nähe des Geschäftes gelotst und so brauchten wir nur noch um zwei Ecken zu gehen, um vor dessen Tür zu stehen. Dort hielt er sich auch gar nicht lange mit Umschauen auf, sondern marschierte geradewegs auf den Ständer mit den Spazierstöcken zu. Lange Rede, kurzer Sinn: Wir haben den besagten Stock erstanden und Peter hatte fortan weder beim Marschieren, noch beim Treppensteigen Probleme. Er genoss es sichtlich mit diesem zwar altmodischen, aber dekorativen Accessoire umher zu marschieren.
„Männer sind wie kleine Kinder“, dachte ich mir so, als mein Gatte strahlend verkündete:
„Der ist perfekt! Wo wollen wir noch hingehen?“
Als wir am Abend mit dem Wasserbus wieder zurück nach Venedig fahren wollten, zeigte dieser auch seine Wirkung. Peter ließ mir beim Betreten des überfüllten Wasserfahrzeuges den Vortritt. Da ich keinen Sitzplatz finden konnte, suchte ich mir irgendwo eine Lücke zum Hinstellen und signalisierte Peter durch Winken meinen Standort. Dieser kam jedoch gerade einmal bis zur zweiten Sitzreihe, dann stand ein junger Mann auf und bot meinem Göttergatten den Platz an. Dieser bedankte sich, warf mir einen grinsenden Blick zu und ließ sich ohne Zögern in den Sitz fallen. Ganz offensichtlich genoss er den Status eines scheinbar alten und gehbehinderten Mannes.
„Siehst du“, meinte Peter nach dem Aussteigen, „mit Stock und weißem Bart hat man so seine Vorteile.“

Ohje, das fängt ja gut an!

Wir haben das Jahr 2014 gemeinsam mit lieben Freunden in gemütlicher Runde verabschiedet und mit ihnen auch das Jahr 2015 begrüßt. Gute Vorsätze fassen, gegenseitiges Glück wünschen, sich mit Sekt zuprosten, Bleigießen und natürlich Feuerwerk ist das, was zu einer Silvesterfeier gehört und auch bei uns nicht gefehlt hat. Sich Geschichten erzählen, einander zuhören und selbstverständlich miteinander lachen, lassen uns fast drei Stunden nach Mitternacht mit guter Laune auseinandergehen.

Wir sind müde und schlafen am nächsten Morgen etwas länger. Dann sollten wir normalerweise wieder im Tritt und gut gerüstet für den Alltag sein. Seltsamerweise scheint dies bei uns nicht der Fall zu sein. Denn oftmals sind wir am nächsten Tag topfit und spüren die Müdigkeit erst am übernächsten Tag. So auch anscheinend in diesem Jahr:
Es ist der 2. Januar des neuen Jahres. Wir liegen noch im kuscheligen warmen Bett. Ich werde kurzzeitig wach und blinzele meinen Wecker an, der mir mit seinen Zeigern zu erkennen gibt, dass es gerade erst halb sieben ist. Durch die oberen Schlitze unseres Rolladens dringt noch kein helles Licht. Peters gleichmäßige Atemzüge signalisieren mir, dass auch er noch süß schlummert. Da für uns heute kein Arbeitstag ist, besteht auch keinerlei Veranlassung dieses warme Lager zu verlassen. Also drehe ich mich noch einmal um und schlafe auch sofort wieder ein.
Ich träume gerade so schön, – irgendetwas von New York. Keine Ahnung, warum ich gerade auf diese amerikanische Metropole komme, jedenfalls bin ich im Traum dort. Die einzige Erklärung, die ich hierfür habe, ist der plötzliche Tod von Udo Jürgens und damit verbunden sein Lied „Ich war noch niemals in New York“, das ich erst wenige Tage zuvor gehört habe. Auch ich war noch niemals dort, übrigens auch nicht auf Hawaii. Bevor ich in meinem Traum ergründen kann, was ich in New York will, wo genau ich mich dort befinde, und ob jemand bei mir ist, dringt eine Stimme an mein Ohr. Nein, ich höre nicht Udo Jürgens singen und auch niemand hat mich in der besagten Stadt angesprochen. Die Stimme kommt leider von außerhalb meines Traumes und entreißt mich diesem urplötzlich.
„Es hat geklingelt!“, lautet die frohe Botschaft, die mein Peter mir verkündet.
„Ich habe nichts gehört.“
„Doch, schon zweimal!“
Ich überlege gerade noch, dass es doch zu so früher Stunde gar nicht sein kann, da erkenne ich auf dem Zifferblatt des Weckers, dass es inzwischen schon zehn Uhr ist.
„Das wird Timo sein“, erkläre ich Peter. „Ich habe gestern Abend den Schlüssel von innen an der Haustür stecken gelassen, als ich die Tür zugeschlossen habe. Jetzt kann Timo mit seinem Schlüssel nicht rein. Mach doch bitte mal auf!“

Ob das wirklich Timo ist? Ich weiß es jedoch nicht so genau, denn Timo hat nicht erwähnt, dass er heute vorbeikommt und außerdem besitzt er eine ganz bestimmte Angewohnheit. Wenn er mit seinem Schlüssel nicht aufschließen kann oder will, dann klopft er einfach an das Glas der Haustür. Ich habe jedoch kein Klopfen gehört, aber eigentlich auch kein Klingeln. Immerhin war ich ja gerade in New York. Über diese Gedanken, die mir so durch den Kopf blitzen, behalte ich allerdings Stillschweigen, – das könnte nur unnötig für Verwirrung sorgen.
Während Peter brav nach unten marschiert, ärgere ich mich. Da war ich anscheinend in den drei vergangenen Stunden das erste Mal in meinem Leben in New York und kann mich an nichts weiter als an den Namen dieser Stadt erinnern. Schade, denn ein kleines Sightseeing wäre schön gewesen. Überhaupt sollte man sich New York mal ansehen. Wenn es nur nicht so schrecklich weit weg wäre und der Flug nicht so lange dauern würde. Ich bin nämlich absolut kein Fan von Langstreckenflügen, – aber das sei nur mal ganz nebenbei bemerkt.
Auf meinem Weg ins Badezimmer, vernehme ich von unten das Umdrehen des Schlüssels und anschließend das Öffnen der Tür. Plötzlich halte ich inne, denn was ich sonst noch höre, überrascht mich jetzt doch und ich stelle mir bildlich die Situation an der Eingangstür vor:
Schlaftrunken und in Erwartung seines Sohnes öffnet Peter die Haustür. Wie ich meinen Göttergatten kenne, öffnet er diese jedoch nicht nur einen kleinen Spalt, um zunächst einmal vorsichtig hinaus zu spähen. Immerhin hätte er dann im äußersten Notfall die Tür noch schnell wieder schließen können. Nein, er reißt die Tür sofort sperrangelweit auf und steht in seinem grau und weiß gestreiften Schlafanzug mit wirren Haaren und Schlaf in den Augen vor dem Besucher. Dieser ist keinesfalls Timo, der seinen Vater nicht zum ersten Mal im Schlafanzug gesehen hätte. Für den Mann allerdings, der vor unserer Tür steht, kommt der Anblick meines Mannes in seinem nächtlichen Outfit doch eher unverhofft. Dieser Besucher ist auch nicht der Postbote, der Gärtner oder der Gasableser, sondern es handelt sich um einen seiner Doktoranden. Mit Sicherheit ist jeder von den Beiden beim Anblick des anderen mehr als nur überrascht. Naja, Professoren sind eben auch nur Menschen wie du und ich.
„Ach, Sie habe ich ja vollkommen vergessen!“, vernehme ich Peters gefasste Stimme, denn meinen Mann kann so schnell nichts schocken, zumindest würde er es sich nicht anmerken lassen.
Während Peter den besagten Doktoranden, dem die Situation mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit äußerst peinlich ist, ins Haus bittet und ihn hoffentlich nicht einfach nur in das noch abgedunkelte Wohnzimmer setzt, fällt mir der Termin wieder ein. Gestern Abend habe ich Peter noch mitgeteilt, dass ich das Gefühl hätte, am darauffolgenden Tag würde irgendein Termin anstehen. Dieses Gefühl meinerseits zu bestätigen oder zu verneinen, wäre an sich kein Problem gewesen, aber keiner von uns machte sich jedoch die Mühe im jeweiligen Terminkalender nachzusehen. Wir beruhigten uns allerdings gegenseitig und fast wie aus einem Munde:
„Ich kann mich an nichts erinnern.“
Immerhin ist zwischen den Jahren, wie man so schön sagt, eine sogenannte Ruhephase angesagt, sprich ein bisschen Freizeit ohne ständigen Termindruck. Der Alltag und die damit verbundene Arbeit würde uns auch in diesem Jahr frühzeitig genug einholen, aber wer hätte denn geahnt, dass es schon heute soweit ist?!
„Ohje“, sage ich zu Peter, der inzwischen bei mir im Badezimmer erscheint. „Das fängt ja gut an!“
„Wieso? Denk doch mal an Griechenland und Kalabrien!“, wirft er noch in den Raum bevor er in unserer Ankleide verschwindet und ich erinnere mich an zwei Erlebnisse, die sich vor vielen Jahren ereigneten (davon werde ich an anderer Stelle noch ausführlich berichten).
„Das ist wieder einmal typisch für meinen Peter, – er findet an allem etwas Gutes“, denke ich und beeile mich beim Ankleiden, um dann ebenfalls unseren Besucher begrüßen zu können und ihm ein gutes neues Jahr zu wünschen.

Auch meinen Lesern wünsche ich auf diesem Wege ein gutes, gesundes und erfolgreiches Jahr
2015

Töpfe, die es in sich haben

Wir haben uns Besuch eingeladen, der bei uns für eine Woche bleiben möchte. Also muss ein Plan gemacht werden, was man so an den verschiedenen Tagen an Gerichten auf den Tisch bringt. Außerdem müssen im Vorfeld die entsprechenden Zutaten besorgt werden und gegebenenfalls Vorbereitungen getroffen werden, damit man möglichst viel Zeit mit den Besuchern verbringen kann und nicht nur mit Kochen und Haushalt beschäftigt ist. 

Ich überlege also hin und her und habe mir schon ein paar Ideen aufgeschrieben. Unser Besuch reist am Abend an.
„Von der langen Anreise werden sie sicherlich hungrig sein“, sage ich zu Peter. „Ich möchte aber nicht nur mit einem einfachen Abendbrot aufwarten, aber zu üppig sollte es auch nicht sein.“
„Mach doch eine leckere Suppe! Vielleicht eine Gulaschsuppe“, schlägt mir Peter vor.
„Ach, die kann man an jeder Autobahnraststätte essen“, schmettere ich seinen Vorschlag nieder. „Ich habe eine andere Idee, wie wäre es mit einer Gyrossuppe?!“
„Genau, die machst du. Die schmeckt super lecker!“, willigt er in meinen Vorschlag ein. „Wenn dann unsere Gäste ankommen, kannst du ihnen die jeweiligen Zimmer zuweisen und ich mache in der Zwischenzeit die Suppe warm.“
„Unterstehe dich!“, entfährt es mir.
Plötzlich fangen wir beide an zu lachen, denn jeder von uns weiß, warum ich seine Hilfe diesbezüglich nicht annehmen möchte.
„Ich pass auch auf!“, verspricht er mir.
„So wie damals? Ich weiß schon wie das ausgeht!“
Damals, das war in unserer Studienzeit, genauer gesagt in irgendwelchen Semesterferien. Peter war zu Hause bei seinen Eltern und bereitete sich auf seine Klausur vor. Ich war bei meinen Eltern und verfasste meine Semesterarbeiten.
„Ich muss jetzt weg“, erklärte ihm damals seine Mutter nach dem Frühstück. „Wenn Papa am Mittag heim kommt, dann machst du vorher die Suppe warm, die ich gekocht habe und dann könnt ihr gemeinsam essen.“
„Klar, mach ich. Ist ja kein Problem“, erklärte sich Peter gleich bereit.
Als die Haustür zuklappte und seine Mutter ins Auto stieg, vertiefte er sich in seine Bücher und Mitschriften. Mit voller Konzentration löste er Prüfungsaufgaben aus vergangenen Semestern, die zur Prüfungsvorbereitung freigegeben waren. Irgendwann blickte er auf die Uhr und stellte fest, dass die Zeit schon gewaltig vorangeschritten war. Jetzt musste er sich aber sputen, denn sein Vater würde gleich in der Tür stehen und dann sollte die Suppe warm und dampfend auf dem Tisch stehen, denn die Mittagspause seines Vaters war ja begrenzt.
Jetzt war also der Sternekoch Peter gefragt. Eilig rannte er mit einem Buch unter dem Arm und tausend komplizierten Gedanken im Kopf, die sich weniger auf die Suppe bezogen, sondern mehr auf ein bisher von ihm ungelöstes Problem hinsichtlich der Prüfungsaufgaben, nach oben in die Küche. Gedankenverloren stellte er den Kochtopf mit dem besagten Inhalt auf den Herd und drehte am Schalter, wohlgemerkt alles mit einer Hand, da sich in der anderen ja sein Buch befand. Weil die Suppe nicht mehr kochen sollte, wählte er mehr intuitiv als überlegend nicht gerade die höchste Stufe, aber trotzdem hoch genug, wie sich noch zeigen sollte.
„Dies gewährt mir noch ein wenig Zeit, die ich sinnvoller nutzen kann, als tatenlos neben dem Herd zu stehen“, dachte Peter sich so. Außerdem meldete sich bei ihm gerade ein sehr dringendes Bedürfnis. Grübelnd über sein eigentliches Problem, dessen Lösung ihm immer noch unklar war, marschierte er ins Badezimmer. Die Minuten verstrichen. Langsam aber sicher näherte er sich der Lösung, doch die aufkommenden Glücksgefühle wurden jäh durch einen wütenden Schrei aus der Küche von einer Sekunde auf die andere niedergeschmettert:
„Was ist das denn hier, zum Donnerwetter noch einmal!“
Er erkannte die Stimme seines Vaters und diagnostizierte zielsicher, dass ein gewisser Unmut in dieser Stimme mitklang.
Peter schlug sein Buch zu und eilte zum Ort des Geschehens.
„Komm mal her, junger Mann!“, ereiferte sich sein Vater. „Soll das hier mein Mittagessen sein?“
Betroffen, aber dennoch vorsichtig schaute er in den Topf. Verwundert musste er feststellen, dass von der Suppe nichts mehr zu sehen war und auf dem Grund nur noch verkohlte Nudeln erahnen ließen, was sich möglicherweise in diesem Behältnis befunden hatte.
„Ich frage mich, wie man eine Nudelsuppe derart anbrennen lassen kann?“, donnerte sein Vater weiter. „Wahrscheinlich bist die sogar fähig einfaches Wasser anbrennen zu lassen!“
„Ich war nur kurz auf der Toilette“, entschuldigte sich Peter.
„Was, zum Teufel, ist bei dir kurz?“
Peter blickte auf seine Uhr und musste feststellen, dass allerdings mehr Zeit vergangen war, als nur ein paar Minuten.
Dieses Missgeschick brachte Peter zunächst einmal die Verärgerung seines Vaters ein, dann viele Lacher und später den Vorteil, dass ihm niemand mehr diesbezüglich irgendeine ähnliche Aufgabe übertrug und ich würde dies jetzt auch nicht tun.
„Als hättest du noch nichts anbrennen lassen“, verteidigte er jetzt seine Ehre.
„Das passiert wohl jedem einmal!“
„Sag ich doch!“ Und nach einer vielsagenden Pause, fügt er noch hinzu: „Denk an Darmstadt!“
Der Schreck fährt mir bei dieser Erinnerung direkt in die Glieder. Das hätte damals auch schief gehen können.
Ich kann mich nicht mehr an das Gericht erinnern, das ich zu diesem Zeitpunkt zu kreieren gedachte. Auf alle Fälle musste ich zunächst Zwiebeln anschwitzen. Unter Tränen hatte ich eine große Menge von diesen geschnitten, etwas Fett in einen Topf gegeben und anschließend die Zwiebeln hinzugefügt.
Wie jeder weiß, muss man als Hausfrau ein sogenanntes Multitasking-Talent besitzen. Dies bedeutet schlichtweg, dass man verschiedene Tätigkeiten gleichzeitig ausführt, um möglichst zeitoptimiert und effizient die Hausarbeit zu verrichten. Schließlich gibt es ja noch andere Dinge im Leben. Also habe ich mir damals die leeren Flaschen, die in meiner Küche herum standen, geschnappt und bin auf den Balkon marschiert, um sie dort in der dafür vorgesehenen Kiste abzustellen. Ein Blick über das Balkongeländer ließ mich erkennen, dass unser damaliger Nachbar gerade im Begriff war die zu uns gerichtete Garagenwand zu streichen.
„Einen schönen guten Tag!“, rief ich zu ihm rüber.
„Ach hallo Frau Berg! …“
Und schon waren wir mitten in einem angeregten Gespräch über dies und das. Es war ein wunderschöner sonniger Tag und so war es äußerst angenehm vom Balkon aus ein kleines Schwätzchen zu halten. Wir lachten und die Welt um uns herum schien in Ordnung bis er auf einmal meinte:
„Seltsam, irgendwie riecht es hier so komisch, als wäre irgendwo ein Feuer!“
„Ach du lieber Gott!“, entfuhr es mir und ich rannte schnurstracks in meine Küche zurück, denn mir schwante nichts Gutes.
Als ich zur Tür hereinstürmte, sah ich auch schon die Bescherung: Aus meinem Topf züngelten die Flammen in die Höhe. Nach einem Hilfeschrei aus voller Kehle, schnappte ich mir geistesgegenwärtig einen Deckel, erstickte die Flammen und riss den Topf von der Herdplatte. Meine flambierten Zwiebel musste ich allerdings entsorgen und damit hatte mein Multitasking nicht zur Zeitersparnis beigetragen, sondern eigentlich nur zu einem zeitlichen und arbeitstechnischen Mehraufwand geführt.
„Manchmal scheint die serielle Bearbeitung der Dinge doch einen gewissen Vorteil zu haben“, dachte ich verärgert.
Obwohl genau genommen unser Nachbar und das Gespräch mit ihm zu einer sogenannte Reizüberflutung aus meiner Umwelt geführt hatten und beide Faktoren damit die Schuld am Scheitern meines Multitasking-Talents darstellten, bedankte ich mich herzlich bei ihm für dessen gute Nase.
„Da ich bei einer Firma arbeite, die Arzneimittel und Chemikalien produziert, habe ich diesbezüglich eine geschulte Nase“, nahm dieser meinen Dank strahlend entgegen.
Bekanntlich wird man ja aus Schaden klug und deshalb sind uns Beiden diese Missgeschicke auch nur einmal passiert. Bei Peter mag dies daran liegen, dass er ganz bereitwillig seiner Ehefrau, sprich meiner Wenigkeit, die Tätigkeiten, welche das Kochen und den Haushalt betreffen, überlässt. Somit erhöht sich allerdings für mich die Wahrscheinlichkeit, dass es zu solchen oder ähnlichen Situationen kommt erheblich. Obwohl sie bei mir nicht an der Tagesordnung sind, passiert auch mir hin und wieder ein Missgeschick, über das ich mich dann selbst am meisten ärgere. Unter anderem liegt es auch darin begründet, dass ich keine selbstreinigende Küche besitze. An ein Ereignis erinnere ich mich noch sehr lebhaft:
Timo war vielleicht so zehn Jahre alt und spielte mit den Nachbarjungs draußen vor unserem Haus, während mein Mann ein kleines Schwätzchen mit dem Nachbarn unterhielt. Ich wollte Gulasch kochen und hantierte in der Küche herum. Gerade stellte ich den Schnellkochtopf auf den Herd, verschloss ihn sorgsam mit dem Deckel und wartete bis das Ventil hoch ging. In der Zwischenzeit bereitete ich die anderen Zutaten für das Mittagessen vor und vergaß vollkommen auf das Ventil zu achten. Plötzlich schoss das Ventil in die Höhe, mein Topf zischte furchterregend, gleichzeitig trat eine gewaltige Menge Dampf aus. Damit aber nicht genug, denn die Soße spritzte ebenfalls aus dem Ventil heraus. Ich schrie aus Leibeskräften, denn ganz geheuer ist mir dieser Dampfkochtopf noch nie gewesen:
„Hilfe! Hilfe, mein Dampfkochtopf.“
Ich riss geistesgegenwärtig den Topf von der Herdplatte und schob ihn an eine andere Stelle auf dem Herd. Das hatte zur Folge, dass Dampf und Soße sich letztendlich in alle Richtungen verteilten. Die Wandfliesen hinter dem Herd, meine Arbeitsplatte, der Fußboden vor dem Herd und selbst das eine Fenster und die Gardinen waren jetzt braun gesprenkelt. Ich fluchte lautstark und ärgerte mich über mich selbst, denn jetzt konnte ich die gesamte Küche und die Fenster putzen und schließlich auch noch die Gardinen waschen. Trotz meinen Schimpfkanonen, die ich in der Küche abfeuerte, bekam mein Mann draußen vor dem Haus nicht das Geringste mit. Allerdings schien der Nachbarjunge Bruchstücke von meinem Küchenunglück und meinen begleitenden Worten aufgeschnappt zu haben, denn er stellte sich vor Peter und meinte:
„Herr Berg, ich glaube ihrer Frau ist gerade der Dampfkochtopf explodiert!“

Tja, wir Köche, egal ob weiblich oder männlich leben nicht ganz ungefährlich.

Mit Brille wäre das nicht passiert, – oder doch?

Als Kind musste ich immer für meine Mutter den Faden in das Nadelöhr einfädeln. Für mich war es total unverständlich, dass man mit diesem dünnen Fädchen das in meinen Augen große Loch nicht treffen sollte. Später dann in meiner Referendarzeit bot ich sogar dem Schuldirektor an, ihm die Zeitung zu halten, da ich merkte, dass seine Arme anscheinend zu kurz waren, um die Buchstaben, Wörter und Sätze klar und deutlich zu sehen und somit die Zeitung lesen zu können. 

Mit Brille wäre das nicht passiert!“, dachte ich mir damals.
„Ja, als Nicht- Brillenträger ist das alles schwer nachvollziehbar“, meint Peter, der schon in Kindheitstagen ein Nasenfahrrad verordnet bekam.
„Aber anscheinend hilft die Brille nicht immer und überall!“, kontere ich.
„Soll das eine Anspielung sein?“, fragt er zurück.
„Wieso?“
„Das ist ja wohl schon ewig her und hätte dir auch passieren können“, verteidigt er sich.
„Das wiederum muss ich strikt zurückweisen“, erkläre ich ihm.
Lange ist es tatsächlich schon her. Es war auf jeden Fall vor Timos Geburt, also mindestens schon vor fünfundzwanzig Jahren. Wir hatten damals bei meiner Mutter übernachtet. Ich war bereits schon unten in der Küche, während Peter noch oben im Badezimmer zugange war. Plötzlich wurde die Küchentür aufgerissen und ein verärgerter Peter schneite herein. Ohne einen Morgengruß stand er vor mir und meiner Mutter. Er streckte beide Arme von sich und erinnerte mich an einen Erwachsenen, der sich in seinen Konfirmandenanzug gezwängt hat. Bei seinem Anblick bekam ich einen Lachanfall und meine Mutter konnte sich ebenfalls das Lachen nicht verkneifen.
„Was hast du mit meinem Hemd gemacht?“, fragte er mich total entrüstet. „Das hast du wohl zu heiß gewaschen?“
Tatsächlich stand er in einem weißen Hemd vor mir, das aus allen Nähten zu platzen schien und dessen Ärmel vollkommen zu kurz waren.
„Wenn ich jetzt auch noch versuche die Knöpfe zu schließen, dann ist das Hemd kaputt. Aber das ist ja schon egal, ich kann es so und so nicht mehr anziehen!“, meinte er verärgert.
Ich konnte vor Lachen gar kein Wort herausbringen und hatte schon totale Bauchschmerzen. Das lag nicht nur an der Tatsache, dass Peter urkomisch aussah, sondern auch daran, dass ich genau wusste, was passiert war. Und das war wieder einmal typisch für meinen Peter, der mit seinen Gedanken überall war, aber nicht bei so banalen Dingen, die das Anziehen betreffen.
„Das ist …“, brachte ich gerade unter meinen Lachkrämpfen hervor.
„… in der Tat vollkommen zu klein“, ergänzte meine Mutter meinen abgebrochenen Satz und konnte ihr Grinsen ebenfalls nicht verbergen.
„Hör jetzt endlich auf zu lachen und gib mir bitte was Vernünftiges zum Anziehen.“
„Wo hast du das denn her?“, japste ich vollkommen außer Atem.
„Das hing oben an der Schranktür“, erklärte er mir.
„Genau, da habe ich sie vorhin auch hingehängt“, bestätige ich. „Weil ich sie nachher anziehen will, wenn wir zu deinen Eltern fahren!“
„Seit wann ziehst du denn meine Hemden an?“
„Wer spricht hier von deinen Hemden? Ich habe meine weiße Hemdbluse an den Schrank gehängt und in der steckst du jetzt drin. Dein Hemd hängt auf einem Bügel und der wiederum hängt an einem Garderobenhaken neben dem Schrank.“
Ob dies mit Brille nicht passiert wäre, lässt sich nicht mit Gewissheit sagen, da sich keiner von uns noch erinnern kann wo sich zum besagten Zeitpunkt Peters Sehhilfe befand, ob sie auf seiner Nase saß oder irgendwo herum lag. Bei einer anderen Ankleideaktion, die Jahre später und einige Wochen nach Timos Geburt passierte, befand sich die besagte Brille jedenfalls dort, wo sie auch hingehörte, auf Peters Nase.
Im Zuge der Gleichberechtigung hatte Peter an diesem Tag die Aufgabe übernommen bei unserem Sohn die Windeln zu wechseln und ihm einen neuen Strampelanzug anzuziehen. In der Zwischenzeit hantierte ich in der Küche herum und war mir eigentlich recht sicher, dass mein Mann die ihm übertragene Aufgabe sowohl pflichtbewusst als auch korrekt ausführen würde. Als ich jedoch nach geraumer Zeit unseren Sohn etwas unbehaglich vor sich hin knottern hörte, wunderte ich mich, denn Timo war eigentlich ein recht zufriedener Geselle. Fast gleichzeitig erklang aus dem Badezimmer Peters Stimme:
„Ich brauch dich mal!“
Irgendetwas stimmte hier nicht, also eilte ich meinem Mann und meinem Sohn zur Hilfe.
„Was hast du denn hier für einen neumodischen Mist gekauft? Das passt doch hinten und vorne nicht!“, empörte sich Peter über den Strampelanzug und Timo verzog schon sehr bedenklich sein Gesicht.
Ein Blick und alles war mir klar.
„Stimmt! Das passt hinten und vorne nicht“, bestätigte ich meinem Mann. „Aber das liegt weder an dem neuen Strampler noch an Timo, sondern an dir.“
„Wieso an mir? Das Ding hat einen ganz seltsamen Schnitt. Wenn ich Timos Arme drin habe, dann kriege ich die Beine nicht mehr rein und wenn ich die Beine drin habe, passen die Arme nicht mehr rein!“, erklärte er mir und wusste sich nicht mehr anders zu helfen, als mir zu sagen:
„Mach du das mal! Ich hab es schließlich nicht gekauft. So was Unpraktisches habe ich noch nie gesehen. Alles neumodischer Kram.“
„Ach Quatsch“, erklärte ich dem jungen Vater. „Wenn du auch die Arme durch die Beinöffnung und die Beine durch die Armöffnung zu stecken versuchst, brauchst du dich über nichts zu wundern.“
Das mit dem Anziehen scheint schon eine schwierige Sache zu sein. Ist es mit Brille schon nicht einfach, so erweist es sich ohne diese Sehhilfe als ein noch größeres Problem. Jedenfalls für meinen lieben Peter.
In regelmäßigen Zeitabständen muss ich jedenfalls feststellen, dass er eine gewisse Vorliebe beim Tragen von T-Shirts und Schlafanzugoberteilen hegt. Zunächst einmal setzt er seine Brille ab, denn diese könnte ja beim Anziehen von der Nase rutschen, was die einschlägige Erfahrung über die Jahrzehnte hinweg schon bewiesen hat. Nach dieser Vorbereitung greift mein Mann sich das Teil ohne es näher unter die Lupe zu nehmen und stülpt es sich über den Kopf. Jetzt folgt der dritte Schritt der Ankleidephase, nämlich das mehrmalige Drehen des Oberteils um den Hals, ähnlich einem kreisenden Karussell. Im vierten Schritt stoppt er diese Drehungen, welche Kriterien ihn dazu veranlassen, ist mir etwas schleierhaft. Im fünften und letzten Schritt schlüpft er dann mit den Armen durch die dafür vorgesehenen Öffnungen. Geschafft! So denkt er jedenfalls!
Nicht immer fällt es mir sofort auf, aber immer öfter. Ich weiß nämlich inzwischen, dass mein Mann eine ganz bestimmte Vorliebe zu besitzen scheint. Aber ich glaube es ist eher Unachtsamkeit, dass er seine T-Shirts und Schlafanzugoberteile mal von der linken und mal von der rechten Seite trägt.
Ist Unachtsamkeit noch kombiniert mit Neugierde, dann nutzt auch eine Brille nichts mehr. Das schönste Beispiel hierfür ist schon wieder mein Mann.
„Ich glaube, ich würde immer wieder darauf reinfallen“, erklärt mir Peter als ich eine Andeutung mache, die ihm eine zurückliegende Begebenheit ins Gedächtnis rufen soll.
Damals wohnten wir noch in Darmstadt und machten an einem Samstag einen Einkaufsbummel durch die Innenstadt. In einem Kaufhaus war ein Tisch aufgebaut auf dem kleine Haushaltshelfer lagen. Einige Frauen standen rund herum und betrachteten die Teile. Wäre ein kleiner Schimpanse zugegen gewesen, so hätte er sicherlich das gleiche Verhalten an den Tag gelegt, das auch mein Peter beim Anblick dieses Verkaufstisches zeigte: Er marschierte geradewegs auf den Tisch zu und griff sich verschiedene Teile, um diese zu begutachten. Ein kleines rot- weißes Ding erregte allerdings seine Neugier und damit einhergehend seine ungeteilte Aufmerksamkeit. Er drehte es zwischen seinen Fingern hin und her, konnte sich allerdings keinen Reim daraus machen, wozu dieses Etwas von Nutzen sein könnte. Schließlich begann er es nicht nur zu drehen und zu wenden, sondern auch noch abzutasten und zu drücken.
„Au!“, hörte ich ihn plötzlich schreien. „Verflixt noch einmal!“
Peter hielt mir seinen Finger hin, von dem ein Blutstropfen auf den Boden fiel.
„Was hast du denn gemacht?“
Wortlos hielt er mir das Ding hin und zuckte nur mit den Schultern. Ich musste jedoch fürchterlich lachen, denn mein Mann hatte auf einen Eierpikser gedrückt und dessen Nadel hatte ihn in den Finger gestochen.

Sehhilfe hin, Sehhilfe her.

Peter passieren diese Dinge, – egal ob mit oder ohne Brille.

Liebes Christkind

Peter sitzt zu Hause in seinem Büro und sichtet die Unterlagen, die meine Mutter ihm zur Durchsicht und eventuellen Entsorgung mitgegeben hat. Ich bin oben in meinem Arbeitszimmer und klappe gerade meinen Laptop auf. Es dauert keine zehn Minuten, da kommt von unten der Ruf: 

„Astrid, komm doch mal!“ 

Wahrscheinlich braucht er ganz dringend eine Telefonnummer oder er will mich bezüglich eines Rechtschreibproblems befragen“, überlege ich mir so und verhalte mich erst einmal still, denn eigentlich möchte ich jetzt meine Arbeit nicht unterbrechen. Mein Mann denkt nämlich ich sei ein wandelndes Telefonbuch und ein Duden auf zwei Beinen. Sein Ruf nach mir wird dringlicher:
„Komm doch mal! Das interessiert dich!“
Jetzt werde ich doch neugierig, denn anscheinend habe ich mich in meiner Vermutung getäuscht.
„Schau mal, was ich hier habe“, sagt er und hält mir einen etwas vergilbten Briefumschlag entgegen.
„Das gibt es doch gar nicht! Wo hast du denn den her?“
Ich greife sofort zu dem Briefumschlag ohne die Antwort von Peter abzuwarten, denn ich kann mir auch so denken, dass er ihn zwischen den Unterlagen von meiner Mutter entdeckt hat.
Ich kenne die kindliche Handschrift, die den Adressat des Briefes bestimmt:

„An das Christkind
0000/ im Himmel“

„Der ist ja von mir!“, rufe ich freudig aus und öffne den Umschlag, auf dessen Rückseite tatsächlich mein Absender steht. Eilig entfalte ich den Brief, der auf ebenfalls vergilbtem Papier geschrieben ist. Anscheinend hatte ich nur einen Vokabelblock zur Verfügung, denn das linierte Blatt ist in der Mitte senkrecht durch einen roten Strich geteilt. Briefkopf und die Unterseite sind mit gemalten Tannenzweigen, auf denen bunte brennende Kerzen zu sehen sind, verziert. Dazwischen befindet sich der Text, der auf den 16.12.68 datiert ist. Ich habe diesen Brief also genau vor 46 Jahren geschrieben. Ich freue mich riesig und lese auch sofort diesen Wunschzettel an das Christkind:

„Liebes Christkind!

Kommst du auch dieses Jahr zu uns?
Dann komm doch bitte auch zu mir. Ich
warte schon so lange auf Dich und ich
freue mich schon das ganze Jahr. Die
anderen Kinder freuen sich auch. Aber
Du sollst nicht nur uns Kindern etwas
mitbringen, unsere Eltern sollen doch
auch etwas bekommen. Ich möchte Dir
verraten was ich mir wünsche. Ich
wünsche mir: Eine Flöte mit Noten, ein
Paar Skischuhe und ein Kleid.

Herzliche Grüße
Deine Astrid“

In schönster und fehlerfreier Schreibschrift habe ich damals den Brief geschrieben. Und ich weiß auch noch, dass das Christkind mir damals meine Wünsche erfüllt hat. Die Flöte habe ich noch heute. Sie liegt in meinem ehemaligen Kinderzimmer bei meiner Mutter und manchmal greift sich Peter das Instrument und flötet in den höchsten Tönen. Die Skischuhe habe ich jetzt nicht mehr bildlich vor Augen, aber da ich als Kind fleißig mit meinen Skiern gefahren bin, habe ich die Skischuhe wohl auch bekommen. An das Kleid allerdings habe ich keine oder nur noch eine äußerst dunkle und verschwommene Erinnerung, aber das ist ja auch normal in Anbetracht der Zeit, die inzwischen schon verstrichen ist.
Inzwischen sitzen Peter und ich im Wohnzimmer und lassen Erinnerungen an das Christkind an uns vorüberziehen:
„Ich bin ja mal gespannt, ob du auch dieses Weihnachten nicht vergisst deine alljährliche Prozedur am Heiligen Abend vor der Bescherung zu vollziehen“, richte ich mich an Peter, der schelmisch zu strahlen beginnt:
„Wie sollte ich das vergessen!“, versichert er mir. „Das ist ein Relikt aus meiner Kindheit und damals hat es mein Opa Hermann und später mein Vater immer vollzogen.“
Dieses Ritual geht folgendermaßen von statten:
Nach dem Essen sitzen wir noch ein bisschen zusammen und unterhalten uns. Es werden Weihnachtslieder vorgespielt und gesungen. Manchmal holt Peter auch sein Akkordeon hervor und spielt. Irgendwann steht er auf und verlässt kurzzeitig das Zimmer. Von fern vernimmt man zunächst ein Klopfen, als er wieder das Zimmer betritt und sich gerade hingesetzt hat, hört man leise ein Glöckchen klingen. Urplötzlich springt er dann mit einem lauten „Da, da!“ auf. Er rennt zur offen stehenden Haustür und zeigt mit ausgestreckter Hand hoch in den Himmel.
„Da! Da ist das Christkind!“
Obwohl wir alle hinter ihm hergerannt sind und brav in den dunklen und sternenklaren Himmel hinauf schauen, haben wir noch niemals das Glück gehabt das Christkind zu sehen.
Ich kann mich überhaupt nur an einen einzigen Menschen erinnern, der einst das Christkind gesehen hat. Das war in meiner Kindheit ein Nachbarjunge und Klassenkamerad von mir. Dieser hatte am Heiligen Abend durch das Schlüsselloch heimlich ins elterliche Wohnzimmer geschaut. Und da hat er es entdeckt. Er sah im Kerzenschein etwas Weißes, das laut seinen Angaben durch das Zimmer schwebte. Das war für ihn ziemlich eindeutig und so rannte er auch gleich zu seiner Mutter, um ihr mit strahlenden Augen aufgeregt zu verkünden:
Ich habe das Christkind gesehen!“
Die Nachbarin hat diese Geschichte irgendwann einmal meiner Mutter erzählt, die sie mir wiederum später in meiner Jugend berichtet hat. Die Nachbarin hat allerdings noch hinzugefügt, dass sich zum Zeitpunkt der kindlichen Spionage ihr Ehemann, bekleidet mit einem weißen Oberhemd, im Wohnzimmer befand.
Ja, so ist das eben, jeder möchte als Kind gerne einmal das Christkind sehen, aber die Erwachsenen tun immer so geheimnisvoll und manchmal nehmen sie den Kindern sogar die Chance auch nur einen einzigen Blick darauf zu werfen.
„Stimmt“, sage ich zu Peter. „Kannst du dich erinnern als Timo noch ziemlich klein war?“
Ich warte jedoch keine Antwort von meinem Mann ab, sondern schwelge gleich weiter in meinen Erinnerungen:
„Ich denke, er war damals vielleicht drei oder vier Jahre.“
Während mein Mann, mein Schwiegervater und ich im offenen Wohn- Esszimmerbereich rund um den Weihnachtsbaum zugange waren, befand sich der Rest der Familie, also die beiden Mütter, Peters Schwester und Timo, in der Küche. Wie das eben bei kleinen Kindern so ist, haben diese immer zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt die dringendsten Bedürfnisse.
„Ich muss mal Pipi!“, verkündete Timo und trat dabei schon von einem Bein auf das andere.
Da man beim Gang zum Badezimmer bedingt durch das Öffnen der Küchentür die Tätigkeiten im sogenannten Bescherzimmer hätte sehen können, griff sich meine Schwägerin ein Geschirrtuch. Dies wurde zur Augenbinde für unseren Sohn, der dies als äußerst spannend erachtete und ihn nur noch neugieriger auf die Bescherung und das Christkind werden ließ. Somit war ihm allerdings die Gelegenheit genommen einen einzigen Blick auf dieses himmlische Wesen zu erhaschen.
Selbst bei Peters anschließendem und oben beschriebenem Ritual, war dies Timo nicht möglich, obwohl er in Windeseile seinem Vater auf den nächtlichen Balkon folgte und das gesamte Firmament absuchte. Das Christkind war wieder einmal für Sekundenbruchteile schneller.

Frohe und gesegnete Weihnachten!

Ein schönes Geschenk

Am dritten Adventswochenende haben wir uns kurzentschlossen in den Trubel gestürzt. „Lass uns nach Berlin fahren und uns dem Rausch des Weihnachtsshoppings hingegeben“, habe ich meinem Mann vorgeschlagen. Es war einfach nur unbeschreiblich und schon ein bisschen  seltsam, wenn anscheinend alle zur gleichen Zeit auf die gleiche Idee kommen. Menschenmassen strömten durch die Straßen Berlins hinein in das Getümmel in den Kaufhäusern und den Weihnachtsmärkten. 

Vom ersten Stock des Alexa aus konnte ich den Menschenstrom beobachten, der sich durch die weit geöffnete Tür auf der einen Seite den Weg nach innen und auf der anderen Seite nach außen bahnte. „Der Mensch ist tatsächlich ein Herdentier!“, dachte ich mir und mischte mich ebenfalls unter das Volk. Überall nur Schlangen, vor den Eingangstüren der Kaufhäuser, an den Kassen, an den Ständen, vor den Parkhäusern und selbstverständlich vor den Toiletten. „Warum tun wir Menschen uns dies nur jedes Jahr immer wieder an? Werden wir denn nicht schlauer?“, frage ich mich insgeheim. Eigentlich schon. Man nimmt es sich jedenfalls vor, doch das vorletzte Wochenende vor Weihnachten packt uns dann doch wieder die Unvernunft und unter dem Vorwand nur ein paar Kleinigkeiten zu besorgen, sind wir unversehens wieder mitten drin im Leben. Wie die Ameisen tragen wir unsere Schätze nach Hause. Dafür, dass wir und alle anderen eigentlich nichts brauchen, haben wir an diesem Nichts ganz schön zu schleppen. Zu Hause wird dieses Nichts hübsch verpackt, gut versteckt, dann am Heiligen Abend unter den Tannenbaum gelegt und bei der Bescherung an die Lieben verteilt.
Weihnachten ist das Fest der Freude und der Liebe. Aus Freude über die Geburt Jesu brachten damals die drei Weisen aus dem Morgenland ebenfalls Geschenke mit, nämlich Gold, Myrrhe und Weihrauch.
So liegt nichts näher als unseren Lieben an diesem Fest ebenfalls eine Freude zu machen. Beschenkt zu werden bereitet Freude, idealerweise sogar auf beiden Seiten. (Dass in unserer heutigen Gesellschaft Weihnachten und damit auch das Schenken weitestgehend kommerzialisiert wird, steht auf einem anderen Blatt und sei hier auch nur nebenbei erwähnt.)
Wichtig ist auch, das richtige Versteck für unser Geschenk zu wählen, denn der oder die Beschenkten sollten es zu ihrer eigenen Freude auch erst am Heiligen Abend unter dem Weihnachtsbaum finden.
Meine Mutter erzählte mir diesbezüglich vor langer Zeit einmal eine Geschichte aus ihrer eigenen Kindheit:
Ihr Bruder wusste, dass sie gerne las und kaufte ihr ein Buch. Noch heute weiß meine Mutter den Titel dieses Buches: „Der Trotzkopf“. Mein Onkel hatte es auch gut versteckt, aber anscheinend nicht gut genug, jedenfalls nicht für meine Mutter. Ich frage mich, ob es ein zufälliger Fund war oder ob meine Mutter damals sehr systematisch alle Ecken ausgesucht hatte, um schon vor Weihnachten einen Blick auf die Geschenke werfen zu können. Sie entdeckte jedenfalls das genannte Buch und verzog sich damit an einen stillen Ort, wo sie so schnell niemand vermutete. Zunächst wollte sie nur ein wenig das Buch durchblättern, doch die Buchstaben schienen sie magisch anzuziehen, denn sie fing an zu lesen.
„Nur ein paar Seiten“, überlegte sie wohl. „Dann lege ich das Buch wieder zurück.“
Gesagt, – getan. Doch schon am nächsten Tag holte sie es in einem geeigneten Moment wieder hervor. Die Hauptperson des Buches, ein zu Beginn der Erzählung 15jähriges Mädchen und dessen Leben zogen meine Mutter so in den Bann, dass sie fortan in jeder geeigneten Minute das Buch hervorholte und las. So passierte, was passieren musste: Sie hatte das Buch noch vor dem Heiligen Abend zu Ende gelesen. Als ihr Bruder bei der Bescherung das Buch eingepackt in ihre Hände legte und schon ihr freudiges Lächeln erwartete, schob sie es etwas zu schnell zur Seite und meinte kleinlaut: „Ach, ein Buch!“
Das wiederum verwunderte den Bruder sehr, denn er wusste, dass seine Schwester eine leidenschaftliche Leserin war. Gleichzeitig machte ihn das seltsame Verhalten auch stutzig und regte ihn zu einer nicht gerade unwahrscheinlichen Vermutung an:
„Das kleine Os (Biest) hat das Buch gefunden und ausgelesen!“, sollen laut den Erinnerungen meiner Mutter seine Worte gewesen sein.
Eigentlich schade! Ich kann mir gut vorstellen, wie enttäuscht mein Onkel gewesen sein muss. Er hatte meiner Mutter ein Geschenk machen wollen, an dem sie Freude hätte und er hatte es bestimmt mit Liebe und Bedacht ausgesucht. Es war ja wohl auch ein gelungenes Geschenk, denn Freude hatte es meiner Mutter offensichtlich bereitet. Nur leider zum falschen Zeitpunkt. So hatte der Bruder nichts von der eigentlichen Freude meiner Mutter gespürt und zum Zeitpunkt des Schenkens war die Freude schon verflogen.
Man sieht beim Schenken sollte die Freude auf beiden Seiten sein.
Ich freute mich als Kind immer so sehr drauf, dass der Beschenkte sich freute, dass ich mein Geheimnis nicht für mich behalten konnte. So sagte ich zu meiner Mutter: „Ich kann es dir ja verraten, was ich dir schenken will, aber du musst es gleich wieder vergessen.“
Ähnlich ergeht es manchmal noch heute unserem Sohn, denn er hat mich schon gar manches Mal gefragt: „Ich kann es dir doch auch gleich geben, oder?“ Ich muss dazu sagen, ich habe bisher immer dieser Versuchung widerstanden und doch lieber abgewartet.
Das größte Geschenk, das man einem Menschen machen kann, ist ihm Zeit zu schenken. Zeit, die man gemeinsam mit demjenigen verbringt. Ich habe neulich eine wahre Geschichte von einem Taxifahrer in New York gelesen, der einer alten Dame dieses Geschenk gemacht hat und ihr damit wahrscheinlich sogar eine große letzte Freude bereitet hat (http://www.steffenkirchner.de/blog/zeit-als-geschenk-eine-bewegende-geschichte/ Stand: 14.12.2014).
Dieser Taxifahrer wurde zu einem Haus gerufen und der Fahrgast war eine 90jährige Dame. Ihr Fahrziel war ein Hospiz. Sie wollte unbedingt durch die Innenstadt fahren, obwohl dies einen erheblichen Umweg bedeutete. Sie zeigte dem Taxifahrer das Haus, in dem sie in jungen Jahren mit ihrem verstorbenen Mann gelebt hatte, das Hotel in dem sie an der Rezeption gearbeitet hatte, ein Möbelhaus, das früher eine Tanzbar gewesen war und wo sie selbst früher das Tanzbein geschwungen hatte. Sie fuhren die ganze Nacht durch die Stadt und manchmal bat sie den Taxifahrer an bestimmten Häusern oder Häuserreihen langsamer zu fahren. Schweigend betrachtete sie dann alles und es schien dem Taxifahrer als hätte sie sich auf eine Zeitreise begeben. Als schon der Morgen graute bat sie ihn dann zu ihrem eigentlichen Ziel zu fahren, wo man sie schon längst erwartet hatte. Sie hatte keine Familie mehr und war ganz allein. Der Arzt hatte ihr gesagt, dass sie nicht mehr lange zu leben hätte. Der Taxifahrer, der übrigens kein Geld für diese Fahrt verlangte, hatte ihr seine Zeit geschenkt, denn diese Fahrt sollte für den Abend seine letzte sein, dann hätte seine Schicht geendet. Mit dieser Zeit hatte er der alten Dame ein Geschenk gemacht, das unendlich mehr wert war als ein Sack voller Dollarscheine.
In unserer oft hektischen Welt Zeit füreinander zu haben, auf einander einzugehen und sich freundlich zu begegnen ist ein Geschenk, das vielfach unterschätzt wird, das aber einfach nur selbstverständlich sein sollte. Dies konnte ich an dem hektischen 3. Adventwochenende gewissermaßen als Zeuge miterleben.
Wir standen gerade in einem Kaufhaus vor einer Schmuckvitrine und betrachteten die Auslage, beziehungsweise ließen uns verschiedene Schmuckstücke zeigen. Auf einmal hörte ich eine junge Frau neben mir sagen: „Sie sind wie ein richtiges vorweihnachtliches Geschenk! Sie sind eine wirklich nette Verkäuferin!“
Ich blickte von der jungen Frau zu der betreffenden Verkäuferin und konnte alles nachvollziehen, denn im Gegensatz zu der uns bedienenden Verkäuferin, die nur mürrisch ihre Arbeit verrichtete, hatte ihre Kollegin Freude an ihrer Arbeit. Sie machte sozusagen mit ihrer Zeit und Freundlichkeit der Kundin eine Freude. Beide strahlten sich an und schenkten sich gewissermaßen gegenseitig ihre Freude.

Es sind eben doch die kleinen Dinge im Leben, die uns Freude bereiten und uns strahlen lassen. Momente des Glücks inmitten einer hektischen Welt.

Ein schönes Geschenk!

Total überraschend und unverhofft

Jedes Jahr nehme ich mir vor mich rechtzeitig auf Weihnachten vorzubereiten. „Gleich wenn wir aus dem Sommerurlaub kommen, schreibe ich mir alle Wünsche auf, die ein Familienmitglied so nebenbei erwähnt. Wenn ich etwas sehe, was einer von uns brauchen könnte, dann besorge ich das auch gleich“, überlege ich mir. Seltsamerweise wird nie etwas aus diesem guten Vorsatz und es ist jedes Jahr das selbe Spiel: Weihnachten kommt immer total überraschend und unverhofft.

Bedingt durch unseren diesjährigen Aufenthalt in Abu Dhabi und Bangkok in den Wochen vor dem ersten Advent war für uns Weihnachten noch überraschender. Es war wie ein Sprung ins kalte Wasser. Umso intensiver sind jetzt unsere Bemühungen wieder in den Tritt zu kommen, d.h. alles zu erledigen, was eigentlich schon erledigt hätte sein sollen. Und das ist nicht gerade wenig. So werden jetzt Plätzchen gebacken, Einkäufe getätigt, die Gans bestellt, Geschenke gekauft, Weihnachtsfeiern vorbereitet und besucht, Weihnachtsschmuck hervor gekramt, der Weihnachtsbaum wird ausgesucht, aufgestellt und geschmückt. Die Mütter müssen aus einer Entfernung von sechshundert Kilometern abgeholt werden. Alles muss für das Festessen vorbereitet sein, nichts darf fehlen. Und das alles neben der eigentlichen und täglichen Arbeit, dem Beruf, den Terminen und Schriftlichkeiten. Der Kopf schwirrt, die Hektik bricht herein und der Stress ist da.
Ich frage mich: „Wo bleibt die viel besungene Besinnlichkeit?“
Man sollte sich Nischen schaffen, Momente der Ruhe und Besinnlichkeit, sonst bleibt nicht nur die Vorfreude auf der Strecke, sondern auch das Fest selbst.
„Und das ist nicht Sinn der Sache“, überlege ich mir. „Weihnachten ist etwas anderes als Hektik und Stress.“
Die Christen feiern an Weihnachten die Geburt Jesu und das seit über 2000 Jahren. Egal ob mit christlichem Hintergrund oder ohne, in jedem Fall ist es ein Fest der Familie und der Liebe, aber heutzutage rückt der Mensch alles andere in den Vordergrund. Der Perfektionismus ist wichtiger geworden als die Sache selbst.
„So will ich das nicht!“, beschließe ich, öffne unseren Schrank mit den Fotoalben und fange an zu stöbern.
„Da liegen ja auch meine alten Tagebücher“, stelle ich fest. „Mal sehen, was in meiner Jugend so um die Weihnachtszeit los war.“
Mit 13 Jahren, so lese ich und erinnere mich wieder, hatte ich einen heimlichen Verehrer, der mir ein Päckchen mit einem Teddy und einer Kette mit einem Herzchen schickte.
Mit 15 schenkte mir meine Mutter ein Armband, das sie einst von meinem Vater geschenkt bekam, im zarten Alter von 17 Jahren war ich verliebt und mit achtzehn Jahren saß ich Weihnachten gemeinsam mit meiner Mutter am Krankenbett meines Vaters, der in der Adventszeit einen Herzinfarkt erlitten hatte.
Mit 19 erlebte ich dann meine ersten Weihnachten mit meinem geliebten Peter und im Sommer darauf finde ich den letzten Eintrag in meinem Tagebuch. Jetzt konnte und kann ich ja mit ihm alle meine kleinen und großen Freuden und Sorgen teilen.
Ich blättere nun in den Fotoalben und finde ein Foto, auf dem unser damals fünfmonatiger Sohn Timo, Peter und ich abgebildet sind und zeige es Peter.
„Ich kann mich noch ganz genau erinnern, das war ein ganz schönes Hin und Her!“, meint er.
Wir hatten einen Termin beim Fotografen vereinbart, weil wir den stolzen Großeltern von Timo zum Weihnachtsfest ein Bild von uns Dreien schenken wollten.
„Na ja“, grinse ich. „Erkläre mal einem Baby, dass es genau in die Kamera schauen und nach einer Stunde immer noch fröhlich lachen soll!“
Die Fotografin hatte sich richtig Mühe gegeben, immer mit einem Spielzeug oberhalb der Kamera gewackelt und komische Laute von sich gegeben. Trotz aller Bemühungen fand unser Sohn anscheinend alles andere im Raum interessanter als das Quietscheentchen der Fotografin. Auf jeden Fall hatte die Fotografin keine einfache Aufgabe zu erfüllen, aber sie versuchte sich tapfer der Sache zu stellen. Allerdings hatte Timo nach fast einer Stunde die Nase gestrichen voll, so dass er dies auch deutlich zum Ausdruck brachte. Und genau in diesem Augenblick schaute er direkt in die Kamera und die junge Frau drückte auf den Auslöser. Was herauskam, war ein unvergesslicher Moment, in dem Timo grimmig in die Kamera schaute und einen Schmollmund aufsetzte. Und genau dieses Foto fanden wir soooo süß, dass wir es rahmen ließen und verschenkten. Noch heute hat eben dieses Foto in unserem Heim einen Ehrenplatz.
In meinem Kopf ziehen plötzlich viele Weihnachtsabende vorüber:

Zu einem Weihnachtsfest, ich war damals zehn Jahre alt, erhielt ich meine erste mechanische Schreibmaschine. Ich sehe mich noch, als ich im Wohnzimmer mehr oder weniger unter dem Weihnachtsbaum begann meine erste Geschichte zu tippen, während meine Eltern auf dem Sofa eingeschlafen waren. Die Hauptperson hieß Dhana, soviel weiß ich noch, mehr aber nicht mehr.

Meist durfte ich schöne Weihnachten erleben, doch es gab auch traurige Weihnachten oder solche, die durch die kommenden Ereignisse zu traurigen wurden. So zum Beispiel das letzte Weihnachtsfest mit meinem Vater, dem im darauffolgenden Frühjahr eine schwere Herzoperation bevorstand und der davon überzeugt war, diese nicht zu überleben, was sich leider auch bewahrheitet hat. So konnte er unsere zwei Jahre spätere Hochzeit nicht mehr miterleben und hat nie seinen Enkelsohn kennengelernt, über den er sich mit Sicherheit sehr gefreut hätte.
Traurig denke ich auch an das letzte Weihnachtsfest mit meinem Schwiegervater zurück, der dann in den ersten Wochen des neuen Jahres verstarb.
Wenn ich bei Dunkelheit durch die weihnachtlich erleuchteten Straßen gehe oder fahre und die vielen Lichter hinter den Fenstern sehe, denke ich manchmal:
„Wie mag es den Menschen hinter diesen Fenstern ergehen? Welche Freude oder welches Leid mag sich dahinter verbergen?“
Das Märchen von Hans Christian Andersen, das von dem kleinen Mädchen mit den Schwefelhölzchen erzählt, kommt mir in den Sinn. Dieses Mädchen ist in einer kalten Winternacht erfroren. Auch kann ich mich an eine Erzählung von Werner Wollenberger erinnern, die auf einer wahren Begebenheit beruht und in der ein todkrankes Mädchen noch einmal Weihnachten erleben möchte. Ein ganzes Dorf spielt mit, wenn Weihnachten auf den 2. Dezember vorverlegt wird, weil das Mädchen es sonst nicht mehr erlebt hätte. Es stirbt 2 Tage nach dem Fest. (de.wikipedia.org/wiki/Janine_feiert_Weihnachten, Stand: 10.12. 2014)

Ich denke das lässt uns erkennen:
Weihnachten ist mehr als nur Tannenbaum, Festessen, Geschenke und Besinnlichkeit.
Wir sollten unsere Herzen öffnen, mit Freude und Liebe aufeinander zugehen, – aber nicht nur zur Weihnachtszeit!