Für Kinder, Kurzgeschichten
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Herbstbesuch

Klara möchte wieder einmal eine ganze Woche allein mit ihren Großeltern verbringen. Opa Werner und Oma Tina holen sie am Freitag mit dem Auto ab. Klara ist ganz aufgeregt, denn bei den Großeltern auf dem Land gibt es immer so viel zu entdecken und zu erleben. Das letzte Mal haben sie gemeinsam eine Kutschfahrt unternommen.

Doch jetzt schnappt sie erst einmal ihren großen Teddy und nimmt auf dem Rücksitz Platz, während Oma Tina die Reisetasche in den Kofferraum packt und Opa Werner sich hinter das Lenkrad setzt. Dann geht die zweistündige Fahrt los.

„Du wirst bald sehen, wie wunderschön und kunterbunt der Herbst auf dem Land ist“, meint Opa Werner kurz bevor die ersten Nebelschwaden auftauchen.

Noch ist Opa guter Dinge, denn er glaubt daran, dass sich der Nebel gleich wieder auflöst und sie die Herbstsonne am Himmel erstrahlen sehen. Leider hat er sich darin gründlich getäuscht. Je näher sie sich ihrem Heimatort nähern, umso dichter wird der Nebel. 

„Das ist ja wie in der Waschküche“, gibt der Großvater missmutig von sich und schaltet die Nebelscheinwerfer ein.

„Was ist eine Waschküche?“, will Klara wissen, die ihren Teddy fest im Arm hält.

„Die Mutter meiner Mutter ist meine Oma und damit deine Ururoma. Sie hatte eine Waschküche mit einem großen Waschkessel im Keller, als meine Mutter noch ein kleines Kind war“, erzählt Oma Tina.

Klara hört genau zu, denn sie liebt Geschichten von früher.

„In dem Waschkessel wurde die Wäsche sozusagen gekocht und weil das Wasser so heiß war, gab es ganz viel Dampf in dem Raum. Man konnte die Hand vor den eigenen Augen kaum sehen“, berichtet die Großmutter. „Meine Mutter ist deshalb nie gerne in die Waschküche gegangen. Als sie mir diese Geschichte in meiner Kindheit erzählte, habe mir schon damals geschworen, dass ich niemals die Wäsche in einem dampfenden Waschkessel waschen will.“

„Deshalb hast du ja auch darauf bestanden, noch vor unserer Hochzeit eine Waschmaschine zu bekommen. Ich vermute, du hättest meinen Heiratsantrag sonst gar nicht angenommen“, lacht Opa.

„Hättest du Opa sonst wirklich nicht geheiratet?“, schaltet sich Klara ein.

„Ich verrate dir jetzt ein Geheimnis“, flüstert Oma ihrer Enkeltochter zu. „Ich hätte Opa auf jeden Fall geheiratet, aber mit Waschmaschine noch viel lieber.“

„Wenn ich das gewusst hätte!“, meint Opa Werner. Er fügt aber sofort hinzu: „Ich hätte dir trotzdem eine Waschmaschine gekauft, denn so hattest du mehr Zeit für mich. Außerdem gab es diese Waschkessel zum Glück zu unserer Zeit gar nicht mehr.“

„Opa“, will Klara nun wissen, „wie kannst du bei so viel Nebel eigentlich sehen, wo die Straße ist? Ich erkenne nämlich gar nichts mehr.“

„Ein bisschen helfen mir außer den Nebelscheinwerfern noch die Leitpfosten links und rechts der Fahrbahn. Sie reflektieren das Licht der Scheinwerfer“, erklärt der Großvater. „Ich kann auch die Rücklichter des Wagens vor mir erkennen, da folge ich dem Auto einfach.“

„Wenn du ihm folgst, woher weißt du denn dass er zu Euch nach Hause fährt?“, kombiniert Klara in ihrer Logik.

Der Großvater muss ein wenig schmunzeln und antwortet dann:

„Das merke ich doch, wenn ich plötzlich in einer fremden Garage stehe.“

Darüber muss Klara erst einmal nachdenken, denn irgendwie spürt sie instinktiv, dass Opa Werner sich gerade einen Spaß mit ihr erlaubt. Bevor sie noch etwas sagen kann, macht Oma Tina einen Vorschlag:

„Ich glaube wir sollten eine kleine Pause in meinem Lieblingscafé einlegen. Es müsste doch hier irgendwo in der Nähe sein. Vielleicht hat sich der Nebel nach einem Stückchen Kuchen und einer heißen Schokolade wieder verzogen.“

So kommt es, dass sie wenige Minuten später das kleine Café „Sahnehäubchen“ betreten.

„Hihi!“, muss Klara lachen, als sie Opas beschlagene Brille sieht. „Du hast den Nebel jetzt auf deiner Brille!“

„Jetzt kann ich wirklich nichts mehr sehen“, antwortet der Großvater. „Apropos Brille, da fällt mir eine Begebenheit von früher ein.“

„Erzählen, erzählen!“, fordert ihn Klara auf und auch Oma ist gespannt, was ihr Gatte nun zum Besten geben will.

„Bestimmt erinnerst du dich auch noch, Tina!“

Die Großmutter ist noch völlig ahnungslos und zuckt mit den Schultern.

„Wir waren ungefähr so alt wie Klaras Eltern jetzt sind. Damals wurde irgendein Geburtstag bei meinen Eltern gefeiert, aber frag mich nicht, wer das Geburtstagskind war. Das ist mir nämlich entfallen. Allerdings erinnere ich mich noch an eine entfernte Verwandte, die über den Nebel klagte, als sie am Morgen mit dem Fahrrad zum Einkaufen fuhr und der sich aus ihrer Sicht immer noch nicht aufgelöst hatte.“

„Ach ja“, unterbricht Oma Tina ihren Mann. „Jetzt kann ich mich wieder erinnern. Es war ein wunderschöner Tag und von Nebel keine Spur.“

„Ja und ich bat sie dann mir doch einmal ihre Brille zu geben“, erzählt Opa Werner weiter. „Ich ging in die Küche und reinigte die Brillengläser, danach reichte ich ihr die Brille wieder.“

„Und?“, will Tina wissen. 

„Sie war begeistert, denn mit einem Schlag hatte sich der Nebel verzogen oder besser gesagt: Er war nie dagewesen, sondern die Brillengläser waren lediglich verschmiert gewesen.“

„Aber heute ist echter Nebel“, sagt Klara, die bei der Weiterfahrt vom Schlaf übermannt wird.

„Klara, aufwachen!“, weckt Oma Tina sie eine Dreiviertelstunde später vorsichtig. „Wir sind da.“

Die Enkeltochter öffnet die Augen und fragt schlaftrunken: „Bist du sicher, dass wir nicht in der Garage des Autofahrers sind, dem Opa nachgefahren ist? Bei dem Nebel hat er das bestimmt nicht bemerkt.“

 

 

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8 Kommentare

  1. Nebelgeschichten gehören zum Herbst. Das kann wundervoll aussehen, aber auch gruselig sein.
    Waschkessel kenne ich auch noch aus Kindertagen. Die weiße Wäsche wurde darin gekocht, tags vorher meist eingeweicht. Was für eine Arbeit, da sei dem Erfinder der Waschmaschine heut noch Dank 🙂
    Liebe Grüße von Kerstin.

    • Astrid Berg sagt

      Obwohl ich die dampfenden Waschkessel nur aus Erzählungen meiner Mutter kenne (sie hat sie als Kind in der elterlichen Waschküche erlebt), bin ich froh, dass ich sozusagen mit Waschmaschine aufgewachsen bin. Ich stimme also mit Dir in den Lobgesang auf den Waschmaschinenerfinder ein 😊.
      Liebe Grüße
      Astrid

  2. Haha, die Idee, dass man in der Garage eines anderen stehen könnte, gefällt mir, liebe Astrid ; -) An eine Waschküche kann ich mich auch noch erinnern, und zwar in dem Gemeindebau in Wien, in dem ich aufgewachsen bin. Dort standen allerdings schon – für die damalige Zeit – moderne Waschmaschinen. Dampfig war es trotzdem immer, aber es roch auch gut – nach frischer Wäsche. (Nicht nach all dem allergieauslösenden Parfumzeugs, das heutzutage den Waschmitteln zugeführt wird.) Jedenfalls gingen wir dort so lange hin, bis meine Mutter auch eine eigene Waschmaschine bekam. (Sie hat meinen Vater geheiratet, obwohl er ihr damals noch keine eignee Maschine bieten konnte ;-)))
    Eine sehr nette Opa-Oma-Enkel-Geschichte ist das wieder!
    Alles Liebe
    von Traude (seit heute Nacht Großmutter…)
    https://rostrose.blogspot.com/2021/11/italien-reisebericht-ein-paar-kleine.html

    • Astrid Berg sagt

      Oh, ist das schön!!! Ich gratuliere ganz herzlich den stolzen Eltern und Großeltern und dem neuen Erdenbürger ein herzliches Willkommen!!! Da werden wir jetzt bald die schönsten Oma-,Opa-Enkelkind-Geschichten bei Dir lesen können. Ich freue mich so für Euch.
      Ganz herzliche Grüße
      Astrid

  3. hihi..
    ja.. das könnte durchaus passieren dass man irgendwo landet wo man gar nicht hin will
    ich erinnere mich an eine Autofahrt (da waren wir noch nicht verheiratet)
    wir fuhren von Rüsselsheim nach Bingen auf der B9 in dickestem Nebel..wir machten die Türen ein Stück auf um den Begrenzungs- und Mittelstreifen zu sehen ..andere Fahrzeuge waren nicht unterwegs .. es traute sich wohl keiner.. aber ich mußte nach Hause .. Telefon hatten meine Eltern nicht um sie zu benachrichtigen dass wir dort bleiben würden..
    aber wir kamen heil an nach über 2 Stunden

    meine Mutter stand auch noch in der Waschküche ..
    alle 4 einhalb Wochen hatten wir die Waschküche immer eine halbe Woche lang
    es waren 9 Parteien im Haus
    ich mochte das eigentlich
    und habe die Taschen-und Küchentücher auf dem Waschbrett mit der Wurzelbürste geschrubbt ..
    das Spülwasser aber aber kalt und im Winter wurden die Finger eisig
    es gab immer Suppe am Waschtag denn es war keine Zeit groß zu kochen 😉
    jung verheiratet hatte ich auch noch keine Waschmaschine.. da wurde im Waschtopf auf dem Ofen gekocht ..

    liebe Grüße
    Rosi

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Rosi,
      ich kann mich noch erinnern, dass ich als junge Fahranfängerin mit meinem kleinen Auto an einem Samstagabend zur Disco fahren wollte. Ich hatte mich so darauf gefreut, zumal ich verabredet war. Als ich am Stausee vorbei fuhr, um in die nächste Ortschaft zu kommen, kamen die ersten Nebelschwaden. Je weiter ich fuhr, umso dichter wurde der Nebel, bis ich schließlich nichts mehr sehen konnte und wieder umgekehrt bin. Ich glaube, dass nicht nur ich froh war, als ich wieder heil zu Hause ankam, sondern auch meine Eltern 😉.
      Liebe Grüße und vielen Dank für Deinen langen und interessanten Kommentar.
      Astrid

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