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Ein paar Minuten früher

Ich kann mir nicht erklären, warum mir diese Begebenheit heute eingefallen ist. Möglicherweise habe ich etwas geträumt, das in mir Erinnerungen hervorgerufen hat, die ich im allerhintersten Stübchen meines Gedächtnisses in einer längst vergessenen Schublade herausgekramert habe. Keine Ahnung.

Vielleicht war es die Sendung gestern Abend, die von einem Tierheim berichtet hat. Möglich, aber irgendwie doch unwahrscheinlich. Allerdings frage ich mich, ob es in einem Zusammenhang mit den Weihnachtssachen steht, die gerade in einer Aufräumaktion verstaut werden und erst vor dem nächsten Weihnachtsfest wieder zum Vorschein kommen sollen. Es ist und bleibt ein Rätsel für mich und ich werde eventuell auch nie dahinterkommen, weshalb mir genau diese Begebenheit und ausgerechnet heute einfällt. 

Ich hoffe, ich habe Euch jetzt neugierig auf meine Erinnerung gemacht. Also, es handelt sich um eine Kindheitserinnerung, die mein Unterbewusstsein für so wichtig erachtet, dass es mir diese nun auf dem Präsentierteller serviert.

Ich glaube, ich war in der zweiten Grundschulklasse. Ausnahmsweise hatten wir schon eine Stunde früher Schulschluss. Mir ist entfallen, ob es möglicherweise hitzefrei gab oder der Ausfall durch einen anderen Umstand bedingt war. Zumindest kam ich unverhofft  ein paar Minuten früher nach Hause. Gut gelaunt bog ich in unsere Einfahrt ein. Das Auto meines Vaters stand mit geöffnetem Kofferraum vor der Garage. Meine Eltern waren nicht zu sehen.

„Was ist denn hier los?“, überlegte ich und trat näher.

Der Kofferraum war voll mit den unterschiedlichsten Dingen. Die meisten Sachen interessierten mich nicht. Doch was lag denn dort hinten rechts unter ein paar alten Stiefeln?

„Das sieht aus wie ein kleines rotes Rad!“, dachte ich. „Das kommt mir aber sehr bekannt vor.“

Meine Neugierde war geweckt, zumal ich einer plötzlichen Eingabe zufolge einen Verdacht hatte.

„Das wird doch nicht …?!“

Ich trat näher und begann im Kofferraum zu wühlen, bis einige Sachen verrutschten. Leider war mein Fund noch immer größtenteils verdeckt und meine Arme zu kurz, um bis in diese hintere Ecke zu gelangen. Also stellte ich mich auf die Zehenspitzen, reckte mich und lag nun mit dem Oberkörper förmlich im Kofferraum. Jetzt konnte ich eine rote Schnur zu fassen bekommen, an der meines Erachtens der von mir ersehnte Gegenstand hing. 

„Wo kommst du denn schon her?“, hörte ich plötzlich die Stimme meiner Mutter, die mich so kopfüber und mit den Beinen zappelnd vorfand.

„Was machst du denn da?“, war die zweite Frage, die jetzt allerdings von meinem Vater kam.

Überrascht ließ ich mich wieder auf die Füße fallen und schaute in zwei erstaunte Gesichter. Dummerweise hatte ich die besagte Schnur fallen gelassen und war meinem heißersehnten Gegenstand kein bisschen näher gekommen, aber jetzt waren meine Eltern ja da und konnten mir helfen.

„Wir dachten du kommst erst später und wir wollten jetzt noch schnell zum Müllhof“, erklärte mir mein Vater.

„Wollt ihr das alles wegwerfen?“, fragte ich überflüssigerweise, denn eigentlich war das Gesagte doch die logische Erklärung.

Auf das Nicken meiner Mutter hin, stellte ich eine mich brennend interessierende Frage: „Ist da was von mir dabei?“

„Nur Sachen, die kaputt sind und du nicht mehr gebrauchen kannst“, lautete ihre Antwort.

„Was denn?“ Ich gab nicht auf, denn ich wollte es genau wissen.

Sie zeigte mir einige Dinge und ich war mit allem einverstanden, es konnte entsorgt werden. Allerdings war immer noch die Frage nach dem Etwas im hinteren Teil des Kofferraums offen. 

„Kannst du mir mal das da hinten zeigen“, fragte ich meine Mutter. „Ist das auch was von mir?“

Hilfsbereit griff sie nach hinten und siehe da, der geheimnisvolle Gegenstand kam zum Vorschein.

„Oh!“, rief ich aus. „Das ist ja mein Hund!“

Ich kann mich nicht mehr erinnern, ob er jemals einen Namen hatte.

„Den nimmst du doch gar nicht mehr, dafür bist du schon viel zu groß“, meinte nun mein Vater. „Außerdem ist er auch kaputt. Schau nur das eine Rad fehlt.“

Es stimmte, ich war aus dem Alter schon lange heraus, in dem man einen Hund auf vier Rädern hinter sich her zog oder sonst irgendetwas mit einem solchen Spielzeug hätte anfangen können. Dieser besagte Hund war schwarz, vollkommen unbeweglich und hatte ursprünglich unter seinen vier Pfoten je ein rotes Rad, von denen jetzt allerdings eines fehlte. Am Hals war als Leine eine Schnur befestigt.

„Was soll ein Schulmädchen mit einem Babyspielzeug?“, fragte ich mich insgeheim, schob aber diese Frage sofort wieder zur Seite.

Die Antwort auf diese Frage war mir in diesem Moment völlig egal. Es war mein Hund und anscheinend hatte ich ihn einmal sehr gemocht, deshalb konnte und durfte er nicht entsorgt werden.

„Der kommt aber nicht weg!“, entschied ich.

„Aber was willst du denn noch damit?“, fragte mich mein Vater. „Der steht doch schon seit langer Zeit auf dem Dachboden und du hast überhaupt nicht mehr an ihn gedacht.“

„Egal!“, sagte ich. „Den gebe ich nicht her? Der soll auf dem Dachboden bleiben. Das ist mein Hund! Bitte!!!“

Auch wenn diese Worte sehr bestimmend klingen sollten, kamen sie wohl mehr flehend heraus und mir standen inzwischen schon die Tränen in den Augen. Was sollten meine mich liebenden Eltern da tun? Genau, sie fuhren mit dem Auto ohne den schwarzen Hund auf drei Rollen, aber mit den restlichen Sachen zum Müllhof und der Hund landete wieder auf dem Dachboden, wo er vermutlich noch immer in einer Ecke steht.

 

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4 Kommentare

  1. Liebe Astrid,
    ich trauere heute noch meiner Puppenstube nach. Sie ist beim Umzug – ich war 13 Jahre alt – irgendwie entsorgt worden. Ich erinnere mich heute noch an die Ausstattung und Möbel der beiden „Zimmer“. Da war zum Beispiel eine Kaffeemühle dabei. Meine Oma hatte die gleiche in groß, sie hing an der Wand und war oben mit weißem Porzellan mit blauem Muster verkleidet. Die gleiche hatte ich also in der Mini-Ausführung. Ich war stolz darauf.
    Wo die Puppenstube beim Umzug gelandet ist, weiß ich nicht. Schade.

    Liebe Grüße
    Traudi

    • Astrid Berg sagt

      Oh, das ist sehr schade. Ich hatte auch eine Puppenstube, die ist allerdings noch immer auf dem Dachboden meiner Mutter, wie viele andere schöne Sachen aus meiner Kindheit. Da gibt es sogar noch meinen heißgeliebten Puppenwagen und einige Puppen. Sollten wir mal eine Enkeltochter bekommen, dann wäre dort wahrscheinlich die reinste Fundgrube für alte Spielsachen und natürlich auch allerlei Erinnerungen, die Stoff für Erzählungen liefern 😉.
      Liebe Grüße
      Astrid

  2. oooohh..
    dann musst du ihn nmal suchen gehen 😉
    ja.. so denkt man an vieles mit Wehmut
    als ich geheiratet hatte und eine eigene Wohnung hatte haben
    meine Eltern auch Sachen „entsorgt“ die ich später
    sehr vermisst habe
    z.B. eine große Puppe von meiner Oma..
    sie war aus Pappmachee und ein Fuß war etwas beschädigt
    und einen Blechherd hatte ich auf dem man mit Esbit richtig kochen konnte
    unwiederbringlich verschwunden..;)

    liebe Grüße
    Rosi

    • Astrid Berg sagt

      Ohja, das ist sehr schade. Solche Sachen bekommt man heute nirgends mehr. Vielleicht sind Trödelmärkte deshalb so beliebt, weil man unbewusst nach Dingen Ausschau hält, die man selbst oder ältere Familienmitglieder früher einmal hatten, aber entsorgt wurden.
      Ich wünsche Dir eine gute Nacht und einen guten Start in die neue Woche.
      Astrid

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