Kurzgeschichten
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Das Telefonat

Barbara und Kurt sind nun schon seit fünfzehn Jahren verheiratet und unternehmen in ihrer Freizeit alles gemeinsam. Allerdings gibt es eine Ausnahme. Jeden zweiten Freitag im Monat gehen sie getrennte Wege. Kurt trifft sich mit seinem alten ehemaligen Schulfreund zum Billardspielen und Barbara macht sich einen gemütlichen Abend mit ihrer besten und langjährigen Freundin Grit. Sie gehen zusammen ins Kino, spielen Karten, treffen sich in einem Restaurant oder Reden einfach nur über Dieses oder Jenes bei einem Gläschen Wein.

An diesem Freitag  jedoch ist alles anders. Grit ist zur Kur und so verbringt Barbara diesen freien Abend alleine. Sie freut sich ein paar Stunden für sich zu haben und möchte diese für ein Wellnessprogramm nutzen. Gerade will sie das Badewasser einlassen, als das Telefon klingelt. Kurz zögert sie, dreht dann allerdings den Wasserhahn wieder zu und geht in den Flur, wo ihr Handy liegt. Das Display zeigt einen unbekannten Anrufer an. Nichtsahnend meldet sie sich:

„Herrmann!“

„Barbara?“ klingt die Frage aus dem Handy. Allerdings scheint die Unbekannte keine Antwort zu erwarten, denn sie plappert munter weiter:

„Na klar bist du es, Barbara. Ich habe dich sofort an der Stimme erkannt. Hier ist Claudia. Du weißt schon, deine Schulfreundin aus der Oberstufe.“

„Ja“, antwortet Barbara und denkt sich: „Von wegen Freundin, mit dieser Nervensäge war ich lediglich in einem Kurs zusammen, aber von Freundschaft waren wir weit entfernt.“

„Ich dachte mir, ich melde mich mal wieder. Unser letztes Gespräch muss doch schon fast zwanzig Jahre her sein. Damals haben wir Abi gemacht. Wie geht es dir? Ich bin mir sicher, dir geht es gut. Mir geht es auch einigermaßen. Eigentlich wäre ich ja zufrieden, aber in letzter Zeit plagen mich Rückenschmerzen. Ich sag dir, das ist gar nicht lustig. Sie fingen an, als ich mich von Egon getrennt habe. Kennst du eigentlich diesen gemeinen Schuft? Nein, den kannst du gar nicht kennen. Den hab ich ja erst vor fünf Jahren kennengelernt und vom Fleck weg geheiratet. Auf einer Weiterbildung zum Paartherapeuten haben wir uns getroffen. Du hast doch bestimmt studiert? Wolltest du nicht immer Ärztin werden? Ach so etwas könnte ich nicht. Ich kann kein Blut sehen und dann die ganzen Krankheiten. Da steckt man sich nur an. Macht dir das nichts aus?“

Barbara öffnet den Mund, um zu antworten, aber schon plappert es am anderen Ende weiter.

„Apropos Ansteckung, –  ich hab mich mit einer scheußlichen Grippe angesteckt. Ich müsste mich eigentlich ins Bett legen und mich auskurieren, aber du kennst mich ja. Ich kann einfach keine Ruhe finden. Immer muss ich in Aktion sein. Neulich zum Beispiel habe ich mich für einen Tenniskurs eingeschrieben. Spielst du Tennis?“

„Eh, ich…“

„Ehrlich gesagt, kann ich nicht verstehen, was alle Welt so toll findet am Tennisspielen. Nein, das ist mir zu anstrengend. Ich brauche ein Hobby, das etwas geruhsamer ist.  Ich habe es mal mit Stricken versucht. Du hast doch in der Schule immer alle deine Winterpullover selbst gestrickt. Machst du das eigentlich noch? Ich habe es erst einmal mit einem Schal versucht, aber nachdem ich dreimal auftrennen musste, weil mir die Maschen von der Nadel gefallen sind, habe ich das Strickzeug in die Ecke geworfen. Aber jetzt habe ich das richtige Hobby gefunden. Mit meinem neuen Freund Hugo male ich in jeder freien Minute abstrakte Bilder. Wir planen sogar eine Ausstellung. Ich schicke dir auf jeden Fall eine Einladung, wenn es soweit ist. Du musst mir versprechen zu kommen. Bring einfach deinen Mann mit. Du hast doch bestimmt Kurt geheiratet. Oder bist du am Ende auch geschieden wie ich? Ach nein, du doch nicht. Kurt ist ja auch ein toller Mann. Das war er schon in der Schule, aber er hatte ja nur Augen für dich. Ach ja, meine Augen ,- möglicherweise erkennst du mich gar nicht mehr, denn ich habe jetzt Kontaktlinsen. Brauchst du schon eine Lesebrille?“

„Eh, ich…“

„Ich lese ja für mein Leben gern. Erst im letzten Sommer habe ich einen Roman gelesen, mal sehen, vielleicht suche ich mir für diesen Sommer wieder ein Buch heraus. Ich habe ja selbst mal versucht ein Buch zu schreiben, aber dafür habe ich viel zu wenig Zeit. Ach, die liebe Zeit, sie vergeht ja so schnell. Ich muss jetzt auch mal Schluss machen, mein Freund Hugo muss gleich da sein. Es war nett mit dir zu plaudern. Mach’s gut. Tschüss und lass uns nicht wieder zwanzig Jahre warten bis zu unserem nächsten Gedankenaustausch.“

„Tschüss!“, sagt Barbara und zuckt mit den Schultern, als gleichzeitig das Besetztzeichen zu vernehmen ist.
„Mit einer Tonbandaufnahme hätte ich ebenso viel Gedankenaustausch gehabt“, erklärt sie ihrem Mann Kurt später, als dieser vom Billardspielen zurück ist und sich nach ihrem Abendprogramm erkundigt.

 

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6 Kommentare

  1. hahahihhhhiiioooo ich lach mich schekig….ja ja…soo ist es ..oft – manchmal – bei gewissen Leutchen, stimmt, hab ich auch schon mal erlebt…und dies nicht nur einmal…
    entzückend wie du das – wiedergegeben hast!!!
    ein Schwank – mitten aus dem leben !
    ich hoffe mein Kommentar kommt nun bei dir wieder an…blödes Cache
    das oft nicht funktioniert das ist bei Iggy – kennst du iggy, Alias Ingrid Grote auf ihrem Blog nämlich immer so, da muss ich wie Du bei mir auch – öfters auch immer den Kommentar den man abgeben möct auch in eine private Mail schicken damit er da landet – wo er hin sollte!….grinst…
    ich freu mich für dich auf jeden Fakll dass es wider bei dir klappt..
    wenn eine(r ohne Punkt und Komma redet und nicht mal eine Antwort zulässt geschweige denn möglich sit mehr als mit einem kleinen Hüsteln zu landen – ist eine Kommunikation schlichtweg unmöglich…
    H o f f e n t l i c h hast du niee nie nie..zurückgerufen…diese Tussi die nicht mal Freundin war, sondren wahrscheinlich nur nicht wusste WEN sie gerade anrufen sollte um ihren sermon los – zu – werden –
    war sehr vergnüglich zu lesen…
    ganz liebe Grüße…
    geschichten aus dem Leben sind m.E.immer die Schönsten – denn sie sind lebensecht!!!
    herzlichst Angel….

    • Astrid Berg sagt

      Immerhin erhält man bei solchen Gesprächen ziemlich viel Information über die andere Person. Bei manch anderen weiß man nach Jahren nur halb so viel 😉.
      Ich wünsche Dir einen schönen Tag.
      Astrid

  2. oh jee.. 😉
    aber ich kenne das auch
    allerdings war das eine alte Dame der selbst die Verwandschaft nicht mehr zuhörte
    weil sie angeblich immer das selbe erzählte
    da konnte so ein „Gespräch “ schon mal 2 Stunden dauern
    mit kurzen Einwendungen von mir
    trotzdem war es auch interessant was sie so von früher erzählt..
    aber ich geb es zu
    ich bin auch manchmal eingeschlafen 😉

    liebe Grüße
    Rosi

    • Astrid Berg sagt

      Manche Menschen haben die Gabe beim ersten Treffen schon ihr ganzes Leben auszubreiten. Andere kommen vom Hundertsten ins Tausendste 😉.
      Ich musste lachen, weil Du bei solchen „Vorträgen“ schon eingeschlafen bist. Hoffentlich hat die alte Dame es dir nicht übel genommen, denn ich habe den Eindruck, dass Du sie magst.
      Hab einen schönen Tag
      Astrid

  3. Astrid Berg sagt

    Wenn man weiß, wie man solche Menschen zu nehmen hat, kommt man gut mit ihnen aus und kann sogar wahre echte Freundschaften bilden, wie Dein Beispiel zeigt.
    Ich denke bei sehr redseeligen Menschen immer: „Auch du musst einmal Luft holen und dann bietet sich mir die Möglichkeit ebenfalls etwas zu sagen.“ 😉
    LG
    Astrid

  4. Astrid Berg sagt

    Brigitte hatte Probleme beim Kommentieren und schrieb mir per Email:

    Hallo, da bin ich. Sommerliche Grüße.
    Du kannst gerne meine Kommentare bei Dir einstellen.
    Schade, daß es jetzt so umständlich ist.
    Meine Freundin, die ich schon 50 Jahre kenne, die spricht auch langanhaltend bei unseren Telefonaten, da komme ich immer nur schwer zu Wort.
    Aber wir verstehen uns sehr gut und ich möchte ihre Freundschaft nicht missen.
    Ich hoffe, es geht Dir gut,
    tschüssi Brigitte

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