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Liselotte, Heinrich und zwei Marzipanschweinchen

Er kennt sie nun schon sein ganzes Leben, denn sie war einst die beste Freundin seiner Mutter. Liselotte mag Heinrich schon immer, aber als er vor mehr als vierzig Jahren seine Berufswahl traf, geriet sie regelrecht ins Schwärmen. Diese Begeisterung hält bis zum heutigen Tag an.

„Sie freute sich immer, wenn sie mich während meiner Arbeit traf, das hat sich bis heute nicht geändert. Sie ist sozusagen mein größter Fan“, überlegt Heinrich und schmunzelt in sich hinein. 
„Wenn ich in meiner Arbeitsmontur durch das Dorf marschierte und von Haus zu Haus ging, öffneten sie mir alle gerne die Türen. Aber sah Liselotte mich zum Beispiel auf dem gegenüberliegenden Bürgersteig, so wechselte sie sofort die Straßenseite und ließ es sich nicht nehmen, mich wenigstens am Arm zu berühren.“
Als Heinrichs Mutter vor zwanzig Jahren starb, wurde Liselotte für ihn so etwas wie eine Ersatzmutter. Inzwischen ist er selbst schon im Rentenalter, aber ihre Bewunderung für ihn und seinen Berufsstand ist geblieben.
„Und heute ist nun ihr hundertster Geburtstag“, denkt Heinrich, als er seinen Arbeitsanzug aus dem Schrank holt. „Da muss ich unbedingt zu ihr. Sie wird sich sicherlich freuen, wenn ich in voller Montur vor ihr stehe.“
Mittlerweile lebt sie schon viele Jahre in einem Altenheim, erfreut sich aber noch recht guter Gesundheit und auch geistig ist sie noch auf der Höhe, nur ihre Beine wollen nicht mehr so, wie sie es gerne hätte. 
Heinrich schlüpft in seine „Uniform“, wie er selbst seine Arbeitskleidung nennt. Selbstverständlich gehört auch das Arbeitswerkzeug dazu. 
Im Altenheim, in dem Liselotte lebt, ist er allseits bekannt und jederzeit herzlich willkommen. Besonders die Frauen freuen sich ihn zu sehen. Heinrich muss schmunzeln, wenn er daran denkt.
„Ich weiß selbst, dass ich nicht der Frauenschwarm bin oder war. Der Grund, warum ich es Liselotte und ihren Gefährtinnen angetan habe, liegt wohl eher an meiner „Uniform“ und das was man dieser nachsagt.“
Bevor Heinrich das Haus verlässt nimmt er zwei Marzipanschweinchen aus der Schublade des Wohnzimmerschrankes. Außerdem holt er noch von der Hutablage der Flurgarderobe die passende Kopfbedeckung.
„Das ist heute ein unbedingtes Muss!“, sagt er zu seinem Spiegelbild.
Als er beim Altenheim ankommt, verlässt gerade der Bürgermeister das Gebäude.
„Grüß Gott, Heinrich! Da wird sich die Jubilarin aber tüchtig freuen Dich zu sehen! Sie ist heute ein bisschen aufgeregt, aber das ist an einem solchen Tag ja verständlich.“
Als Heinrich das Zimmer von Liselotte betritt, breitet die hochbetagte Frau die Arme weit aus.
„Ist das schön!“, ruft sie aus. „Das Glück kommt soeben zur Tür herein. Komm her, damit ich es auch zu fassen bekomme! Sogar mit Zylinder besuchst du mich heute, mein lieber Herr Schornsteinfeger! Da kann ja nichts mehr schiefgehen!“
„Liselotte glaubt fest daran, dass der Schornsteinfeger Glück bringt, man muss ihn nur berühren“, erklärte Heinrich der Reporterin, die über die Hundertjährige einen Artikel in der Tageszeitung schreiben will.
„Ja, das glaube ich schon mein Leben lang und das stimmt auch“, bestätigt die alte Dame. „Wäre ich sonst so alt geworden?! Also los, – einfach zugreifen!“, feuert sie die Umstehenden an.
„Schau mal, was ich Dir noch mitgebracht habe“, meint Heinrich und legt ihr zwei Marzipanschweinchen auf den Tisch.
„Stell eins davon gleich in das Regal und das andere werde ich dann verspeisen, wenn sich hier die ganze Aufregung gelegt hat“, sagt sie zu Heinrich.
Die Reporterin folgt Heinrich mit ihren Blicken, der das Glücksschwein ins Regal zu mindestens zwanzig anderen Marzipanschweinchen stellt. Als Liselotte ihren fragenden Blick sieht, erklärt sie schelmisch grinsend:
„Ein bisschen Aberglaube muss einfach sein. Die Marzipanschweinchen und Heinrich, der  als Schornsteinfeger das Glückbringen zu seinem Beruf gemacht hat, sind sozusagen mein Geheimrezept. Das können Sie ruhig schreiben. Beide bringen mir Glück und das gehört auf alle Fälle dazu, dass man hundert Jahre alt wird. Vielleicht schaffe ich so auch noch die einhundertzehn! Dann komme ich ins Buch der Rekorde, das wäre doch was, oder?!“

 

 

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10 Kommentare

  1. Natürlich freue auch ich mich, wenn der Schornsteinfeger kommt. Kostet zwar immer Geld 🙂 Aber man glaubt doch insgeheim, dass er Glück bringt!
    Liebe Grüße von Kerstin.

    • Astrid Berg sagt

      Stimmt, mit dem Aberglauben ist es so eine Sache. Gutes glaubt man gerne und bei Schlechtem ruft man sich in Erinnerung, dass es nur Aberglaube ist.
      Ich wünsche Dir eine gute Nacht.
      Astrid

  2. Liebe Astrid,
    bei euch muss man Schornsteinfeger berühren? Da kann ich ja von Glück sagen, dass ich in Österreich lebe – da ist der Aufwand nicht so groß: Wenn wir hier einen Rauchfangkehrer sehen, müssen wir nur einen Knopf an unserer Kleidung fest halten oder reiben. Das bringt dann auch Glück. Und genau wie Lieselotte bin ich davon überzeugt, dass es wirkt 😀
    Danke für deine lieben Zeilen bei mir!
    Alles Gute im nicht mehr ganz so neuen „Neuen Jahr“ 🍀
    – herzlichst, Traude

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Traude,
      das ist ja toll, wenn man nur den eigenen Knopf berühren muss. Super, das mach ich gleich beim nächsten Mal.
      Liebe Grüße und bleib gesund und munter!
      Astrid

  3. Ich weiß gar nicht, wann ich das letzte Mal einem Schornsteinfeger begegnet bin. Muss mal Ausschau halten. 🙂
    Aber Marzipanschweinchen als „Ersatz“ – sozusagen „Glück“ zum Verspeisen – ist ja auch nicht schlecht. 🙂
    Liebe Grüße
    Traudi

    • Astrid Berg sagt

      Marzipanschweinchen habe ich schon als Kind gemocht, wobei sie mir allerdings immer soooo leid tun 😉. Deshalb bin ich dazu übergegangen, Marzipan in einer anderen Form zu verspeisen und die kleinen Schweinchen lieber aufzuheben 😀.
      Liebe Grüße von mir zu Dir.
      Astrid

    • Astrid Berg sagt

      Ich freue mich, dass Dir diese Geschichte gefällt, liebe Regina.
      Immer, wenn der Schornsteinfeger zu uns kommt, fällt mir dieser schöne und auf das Gemüt sich positiv auswirkende Aberglaube ein. Es gibt allerdings auch manchen Aberglauben, der mir gar nicht gefällt, zum Beispiel derjenige mit der schwarzen Katze, die den Weg kreuzt 😉. Ich schicke Dir liebe Abendgrüße.
      Astrid

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