Kurzgeschichten
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Seifenblasen

Marie-Luise sitzt alleine auf einer Bank. Um sie herum freuen sich Kinder und Spaziergänger flanieren die Strandpromenade entlang. Ein paar Meter von ihr entfernt, breitet ein junger Mann einige Utensilien aus und wenige Momente später fliegen riesige Seifenblasen an ihr vorbei, gefolgt von Kindern, die sie lachend zu fangen versuchen.
Marie-Luise lässt ihre Gedanken mit den Seifenblasen fliegen.
„Ja früher“, denkt sie gedankenverloren „waren die Seifenblasen kleiner, aber geliebt haben wir diese bunt schillernden und schwebenden Blasen auch schon in meiner Kindheit.“
Und später dann hat sie sie mit ihren Kindern ebenfalls gerne durch die Lüfte tanzen lassen.
„Meine Kinder“, denkt die nun schon über 70 Jahre alte Frau. „Eigene waren mir nicht vergönnt, aber alle meine Schüler waren meine Kinder.“
Ja und alle haben Marie-Luise geliebt, so wie auch sie ihnen ihr ganzes Herz geschenkt hatte. Sie ging voll und ganz in ihrem Beruf auf und hatte nichts vermisst. Von den meisten ihrer Schüler erhält sie noch heute Briefe, mit manchen telefoniert sie noch hin und wieder und ein paar besuchen sie regelmäßig.
„Ich hätte mir kein schöneres Leben vorstellen können.“ 
Gut, den Mann fürs Heiraten hatte sie nicht gefunden, obwohl  viele Verehrer um sie geworben hatten. Der eine oder andere wäre auch vielleicht in Frage gekommen, aber diese Liebeleien waren alle zerplatzt wie die Seifenblasen. Hans Uwe, ihr erster fester Freund, siedelte mit den Eltern nach Amerika um und schon bald war der Kontakt unterbrochen. Tobias war bereits verheiratet und das alleine bedeutete schon damals für sie ein „NO GO“. Dann gab es noch den jungen Albert, ein Kommilitone und Rüdiger ein Kollege, der allerdings versetzt wurde. 
„Es hat einfach nicht sollen sein“, sagt sich Marie Luise. „Und durch meine Kinder habe ich mich nie einsam gefühlt. Jetzt ja, nach meiner Pensionierung, da gibt es schon machmal so Momente, da wäre es schön jemand an meiner Seite zu haben. Klar, da gibt es auch noch Annabelle, meine beste und langjährige Freundin.“
Annabelle und Marie-Luise kennen sich schon seit dem Kindergarten und wissen alles von der anderen, teilen Geheimnisse, Freuden und Sorgen miteinander. Doch Annabelle muss sie noch mit deren Ehemann teilen. Aber einmal im Jahr, das ist schon eine Art Ritual, machen die beiden Freundinnen miteinander Urlaub. Diese Reise sollte ebenfalls eine gemeinsame sein. Doch leider ist Annabelles Mann überraschend ins Krankenhaus gekommen. Tja und so sitzt Marie-Luise jetzt alleine auf der Bank in einem südlichen Urlaubsland.
„Ich muss unbedingt mit Annabelle telefonieren und fragen, wie es ihrem Mann geht“, überlegt sie gerade und will ihr Handy aus der Tasche holen, als ein etwa fünfjähriges Mädchen vor ihr stehen bleibt.
„Bist du alleine hier? Darf ich mich zu dir setzen?“
„Oh“, sagt Marie-Luise, „das sind ja gleich zwei Fragen und beide kann ich mit ‚Ja‘ beantworten. Aber du bist doch sicherlich nicht alleine? Wo sind denn deine Eltern?“
„Hihi!“, kichert das Mädchen. Das waren auch zwei Fragen.“
Jetzt müssen beide lachen und die Kleine klatscht dabei vor Freude noch tüchtig in die Hände. Sie lässt sich mit einem Hopser auf der Bank neben der älteren Dame nieder.
„Soll ich jetzt wieder fragen? Wie heißt du?“, spielt sie munter das Spiel weiter.
„Nein und ich verrate dir erst meinen Namen, wenn du meine beiden letzten Fragen beantwortest hast.“
„Welche Fragen? Die hab ich vergessen,“ beginnt das Mädchen, „Opa, Opa, hier bin ich!“, ruft sie und springt einem älteren Herrn entgegen. Sie nimmt ihren Großvater an der Hand und zerrt ihn zur Bank, auf der Marie-Luise sitzt.
„Darf mein Opa auch hier sitzen? Das ist mein Opa, mit ihm bin ich hier im Urlaub. Papa und Mama sind zu Hause geblieben.“
„Entschuldigen Sie bitte, meine Enkelin Rosalie ist manchmal etwas vorlaut.“
„Sie ist ein entzückendes Mädchen, sehr freundlich und kontaktfreudig. Ich bin übrigens Marie-Luise Kirner.“
„Gestatten, Maximilian von Heller!“, sagt der ältere Herr und setzt sich neben Rosalie und der netten Dame auf die Bank. Doch nach zwei Minuten ist es der Kleinen zu langweilig, sie läuft flink den Seifenblasen hinterher.
„Ihr könnt euch ja ein bisschen unterhalten“, ruft sie den Beiden zu und versucht eine der großen Blasen zu fangen, die allerdings sogleich zerplatzt.
„Es war ein wirklich kurzweiliger Nachmittag“, erzählt Marie-Luise am Abend ihrer besten Freundin am Telefon, nachdem diese von ihrem bereits wieder genesenen Mann berichtet hat. „Irgendwie hat dieser Maximilian mich an jemand erinnert.“
„Darf ich raten?“, fragt Annabelle und weil am anderen Ende nur Schweigen herrscht, macht sie Vorschläge. „An Hans-Uwe oder an Tobias, oder vielleicht an Rüdiger oder doch eher an Albert?“
„Ja, genau“, kommt die Antwort und danach herrscht wieder Schweigen.
„Wie jetzt? An wen denn von den Vier?“
„Es kam mir so vor, als hätte er das Lächeln von Tobias!…“
„Aha!“
„…aber auch die Augen von Hans-Uwe…“
„Soso!“
„…die Mimik und Gestik waren allerdings eher so wie bei Rüdiger…“
„Ach ja?!“
„…die Stimme jedoch hat mich an Albert erinnert!“
„Perfekt!!!“, ruft Annabelle freudig aus. „Diese Mischung stimmt. Ihr habt euch doch wohl wieder für morgen verabredet, oder?!“
„Er fliegt morgen mit seiner Enkelin wieder nach Hause.“
„Och, schade!“, klingt es aus dem Telefon. „Und wo wohnt er?“
„Das weiß ich nicht,…“
„Och, Mensch Marie-Luise!“, die Freundin ist schon fast ein wenig entsetzt.
„Aber stell dir vor: Tochter, Schwiegersohn und Rosalie wohnen nur drei Straßenecken von mir entfernt…“
„Weiter?! Nun spuck es schon aus! Da ist doch noch etwas!“, fordert Annabelle ihre Freundin auf.
„Naja, nächste Woche gehen wir gemeinsam Eisessen in der kleinen Eisdiele an der Hauptstraße“, gesteht Marie-Luise.
Lachen und Klatschen schallt aus dem Telefon und anschließend Annabelles fröhliche Stimme:
„Nachtigall, ick hör dir trapsen!…“

 

 

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6 Kommentare

  1. Vielen lieben Dank für deinen Besuch bei mir liebe Astrid, bei dir fühle ich mich auch sehr wohl.
    Du schreibst tolle Geschichten die ich gerne lese, denn leider habe ich nicht diese Gabe von meinen Eltern mitbekommen.
    Die Geschichte mit den Seifenblasen erinnert mich an meine Kindheit als der Opa mir die Seifenblasen in einem Wasserglas mit etwas Spülmittel mixte, ich Freude strahlend in den Hof ging, und lächelnd den vielen Blasen hinterher rannte.
    Heute genieße ich es, wenn meine Enkel im Garten herumhüpfen und die Seifenblasen in die Lüfte blasen.
    Die Zeit vergeht zu schnell, aber die Erinnerung bleibt.
    Ich wünsche dir einen schönen sonnigen Tag.
    Ganz lieben Gruß
    Christine

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Christine,
      ich kann es heute noch nicht lassen dann und wann dieses Pustefix ( ich glaube, so heißt es) zu kaufen . Auch unser 31 jähriger Sohn hat immer noch Spaß daran. Enkelkinder haben wir leider noch nicht.
      Ich heiße Dich recht herzlich auf meiner Seite willkommen und freue mich auf unsere gegenseitigen Besuche.
      Ich wünsche Dir eine schöne Restwoche.
      LG
      Astrid

  2. Hihi, ich hör dir auch trapsen, Nachtigall 😉
    Ja, manchmal spielen kleine Mädels offenbaer die Kupperlerin und es dauert ein bisserl länger, bis der passende Topf zum Deckel auftaucht. Aber ein schönes Leben führen, das kann man auf viele verschiedene Weisen!
    Ganz lieben Dank, dass du es wiedermal mit der Kommentarfunktion bei mir probiert hast – und toll, dass es jetzt wieder klappt! Hoffen wir, das bleibt so!
    Alles Liebe, Traude

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Traude,
      ich freue mich, dass meine Versuche bei Dir zu kommentieren endlich erfolgreich waren. Wie heißt es so schön?: Was lange währt, wird endlich gut.😀
      Schaltest Du die Kommentare immer erst frei, weil ich nicht sofort sehen konnte, ob es funktioniert?
      Ich wünsche Dir ein schönes Wochenende und schicke Dir herzliche Grüße.
      Astrid

    • Astrid Berg sagt

      Danke, Bernhard,
      ich heiße Dich recht herzlich willkommen auf meinem Blog.
      LG
      Astrid

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