Kurzgeschichten
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Piep! Piep!

Opa Werner ist heute nicht so gut drauf. Besser gesagt, er hat ausgesprochen schlechte Laune. Der Ohrenarzt hat ihm Hörgeräte verschrieben und gestern hat er sie abgeholt. Heute Morgen soll er sie nun das erste Mal selbst einsetzen.

„Alle sind der Meinung, ich würde schwer hören. Was die sich einbilden, pah! Ich höre gut. Das habe ich ihnen auch schon tausendmal gesagt. Aber das glaubt mir ja niemand“, schimpft er im Bad vor sich hin. „Nur weil neulich der Ober im Restaurant so genuschelt hat. Fragt er mich doch, ob der Fisch recht ist . Ich habe ihm natürlich gleich gesagt, dass ich keinen Fisch bestellen will und erst mal in die Speisekarte schauen will. Hätte er eine deutliche Aussprache gehabt, hätte ich auch verstanden, dass er von dem Tisch geredet hat. Diese dumme Verwechslung hat dann den Ausschlag gegeben, dass sie mich zum Ohrenarzt geschleppt haben.“
Endlich hat er die Hörgeräte im Ohr und kann nach unten zum Frühstück.
„Guten Morgen, Opa Werner! Du bist aber heute spät dran!“, wird er von seinem Enkel Martin begrüßt.
„Guten Morgen!“, rufen ihm auch die anderen Familienmitglieder entgegen.
„Wieso brüllt ihr eigentlich so?“, will er wissen. „Ich bin doch nicht taub!“
„Ach, Entschuldigung“, meint seine Tochter. „Ich hatte ganz vergessen, dass du jetzt ein Hörgerät hast. Dann brauchen wir nicht mehr so laut zu sprechen.“
„Ihr habt doch sonst auch nicht so gebrüllt!“, empört sich der Großvater.
„Du wirst sehen, jetzt bekommst du viel mehr mit“, begeistert sich Oma Erika. „Als ich meine Hörgeräte bekommen habe, konnte ich endlich wieder das Vogelgezwitscher hören. Das macht richtig glücklich.“
„Ach Firlefanz!“, schüttelt der ältere Herr leicht verärgert seinen Kopf. „Wo ist denn meine Marmelade?“
„Warte Opa!“, sagt Martin. „Ich hole sie dir. Sie steht sicherlich noch im Kühlschrank.“
Der Enkelsohn springt auf, öffnet die Kühlschranktür und sucht. Es dauert eine ganze Weile bis er die Marmelade gefunden hat. Schnell stellt er diese vor dem Großvater auf den Tisch, der irritiert um sich schaut. Martin hat keine Ahnung warum, aber er will auch nicht nachfragen, sondern geht zurück zum Kühlschrank und schließt die Tür.
Fünf Minuten später schaut Opa Werner wieder irritiert. Dieses Mal schweift sein Blick in der ganzen Küche umher ohne sich irgendwo festzuhaften.
„Schade“, meint sein Schwiegersohn. „Gerade habe ich mir überlegt, dass ich mir noch einen Latte Macchiatto mache, da schaltet sich der Kaffeevollautomat ab.“
Martin bemerkt diesen irritierten Blick seines Großvaters über den Tag verteilt mehrere Male und irgendwie beunruhigt ihn das. Er nimmt sich vor, dieses seltsame Phänomen ganz genau zu beobachten und gegebenenfalls heute Abend mit den Eltern zu besprechen. 
„Vielleicht hat Opa Werner eine Krankheit, von der mir meine Eltern noch nichts erzählt haben,“ überlegt er.
Am Spätnachmittag kommt er allerdings der Sache näher. Als die Mutter in den Hauswirtschaftsraum eilt, verzieht Opa zum wiederholten Male das Gesicht. Endlich sagt er auch etwas:
„Habt ihr euch einen Vogel zugelegt?“
„Nein, wieso? Wie kommst du darauf? Wir haben doch eine Katze und da würde ein Vogel ziemlich gefährlich leben“, erwidert Martin.
„Aber den ganzen Tag piept es hier. Da muss ein Vogel sein. Ich bin doch nicht verrückt. Ich habe es ganz deutlich gehört. Das fing schon heute Morgen beim Frühstück an.“
„Opa, vielleicht hast du Tinnitus!“
„Was ist denn das nun schon wieder“, ärgert sich der Großvater. „Ich habe so einen neumodischen Kram nicht. Meine Ohren funktionieren bestens, aber das glaubt mir ja niemand.“
Gerade will Martin seinen Opa beruhigen, da ruft dieser aus:
„Hört ihr das denn nicht? Eben hat schon wieder ‚Piep!‘ gemacht!“
„Ach, Opa!“, freut sich Martin, denn nun ahnt er, was der Großvater meint. „Komm bitte mal mit!“
Der Enkel führt den älteren Herrn durch das ganze Haus. Er öffnet den Kühlschrank und lässt dessen Tür einen Moment offenstehen: 
„Piep!“
Er geht zur Kaffeemaschine und schaltet diese an:
„Piep!“
Im Hauswirtschaftsraum melden sich der Trockner und die Waschmaschine fast gleichzeitig:
„Piep! – Piep!“
Aus der Küche ertönt erneut ein 
„Piep!“,
weil der Kuchen im Backofen fertig ist.
Außerdem bereitet die Mutter gerade noch mit ihrer neuen Küchenmaschine die Schlagsahne zu. Und auch als diese fertig geschlagen ist, macht es wieder 
„Piep!“
„So was gab es letzte Woche noch nicht bei euch!“, meint Opa Werner.
„Oh doch!“, mischt sich die Mutter nun ein. „Du hast es nur nicht gehört!“
Der Großvater zuckt nur mit den Schultern und geht ins Wohnzimmer, um sich auf seinem Sessel ein wenig auszuruhen. Doch noch bevor er sich hinsetzen kann, ertönt ein erneutes 
‚Piep!’.“
„Was ist jetzt schon wieder los?“ So langsam wird er ärgerlich.
Jetzt schaut Martin leicht irritiert, denn zunächst kann er diesen Piepton nicht zuordnen. Dann allerdings muss er lachen.
„Piep!“
„Opa, das ist jetzt bei dir!“
„Jetzt werde aber nicht frech, mein Junge! Bei mir piept es nicht!“
„Oh doch!“ Martin muss sich vor Lachen  den Bauch halten. 
„Das ist dein Hörgerät. Du musst die Batterien wechseln.“

 

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12 Kommentare

  1. Liebe Astrid, wiedermal ein Besuch bei Dir.
    Tinnitus ist mir nicht fremd, aber es ist auch nicht so sehr störend, weil nur ein Bienensummen und das nicht sehr laut. Merke es verstärkt erst im Bett, schlafe trotzdem gleich ein.
    Alles Gute und einen lieben Gruß schickt Dir Brigitte.

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Brigitte,
      ich merke meinen Tinnitus auch meist, wenn ich zur Ruhe komme. Außerdem variiert er, bei Stress ist er intensiver. Aber zum Glück ist er noch nicht lebensbeeinträchtigend.
      Ich wünsche Dir eine gute Nacht und einen sonnigen Dienstag.
      LG
      Astrid

  2. Moin liebe Astrid,
    wieder so eine schöne Geschichte, die einem zum schmunzeln bringt.
    Zum Glück hat keiner in meiner Familie, auch meine Großeltern, ein Hörgerät.
    Ich stelle mir das schlimm vor wenn man einen Tinnitus hat, dieses gepiepse würde mich verrückt machen.
    Wenn ich unter Stress stehe piept es auch manchmal in meinem Ohr, aber nur für einen kurzen Moment. Nach ein paar Atemübungen, geht es dann gleich wieder weg.

    Hier hat es gestern schon wieder geschneit und dann ging es in Schneegstöber über.
    Wenn es hell ist muss ich erst einmal Schnee schieben.
    So schön auch Schnee ist, aber langsam könnte der Frühling kommen.

    Ich wünsche Dir einen schöne Tag und sende liebe Grüße
    Biggi

    • Astrid Berg sagt

      Heute Nacht hat es bei uns ebenfalls noch einmal geschneit, ich hoffe es war das letzte Mal. Schnee ist ja ganz schön, aber Frühling ist besser. Ich freue mich darauf endlich wieder auf der Terrasse in der Sonne sitzen zu können. Frau Holle sollte sich ausruhen 😉.
      Ich schicke Dir liebe Grüße.
      Astrid

    • Astrid Berg sagt

      Ich kenne es auch von meiner Mutter und in meinem Haushalt piept es ebenfalls in allen Ecken.
      Ich wünsche Dir und Deiner Familie ein schönes Wochenende.
      Liebe Grüße zum Abend von
      Astrid

  3. Platz Lore sagt

    Ach Astrid was für eine herrliche Geschichte, musste schmunzeln, piep, piep.
    Wünsche dir einen schönen Tag und hoffe ihr seid nicht unter Schnee begraben, bei uns ist es normal weiß. Aber habe schon gehört wo anders herrscht richtiges Schneechaos. Herzliche Grüße Lore

    • Astrid Berg sagt

      Bei uns hat es in den letzten Tagen tüchtig geschneit, aber es hat Spaß gemacht Schnee zu schippen. Heute schneit es kaum, aber es ist ziemlich kalt. Für mich waren es jetzt genug Schnee und Kälte,- der Winter kann wieder gehen. Ich freue mich, wenn endlich das Frühjahr kommt.
      Herzliche Grüße von mir zu Dir.
      Astrid

  4. herrlich
    das erinnert mich so an mich ..
    als die Kinder anfingen mich zu drängen mir ein Hörgerät zuzulegen
    dann hatte ich ein Probegrät und es bei unserer Weihnachtsfeier an
    eine Tochter sagte etwas zu mir .. und gleich
    ach du hörst das ja eh nicht..
    ich schmunzelte nur
    bis ich dann doch auffiel 😉
    mein Vater hat auch welche .. aber er zieht sie nicht an
    er kommt nicht damit zurecht
    meist lächelt er nur
    dann weiß ich genau.. er hat mich nicht verstanden ..
    ich frage jetzt schon immer nach wenn es wichtig ist

    den Tinnitus habe ich leider auch 🙁

    liebe Grüße
    Rosi

    • Astrid Berg sagt

      Meine Mutter weigerte sich zunächst auch, aber dann hat sie gemerkt, dass sie damit doch besser hört.
      Tinnitus haben sowohl mein Mann als auch ich. Selbst unser Sohn klagt bereits darüber. Diese Ohrgeräusche können manchmal ganz schön nervig sein. Bei Stress verstärken sie sich.
      Liebe Dienstagsgrüße aus dem verschneiten Cottbus.
      Astrid

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