Ich frage mich: „Was ist heute hier los? Es sind so viele Menschen unterwegs und alle trampeln sie auf der Wiese mit gesenktem Kopf herum. Sind sie nicht ganz bei Sinnen oder ist das eine Versammlung aller trauriger Menschen? Eine von beiden Möglichkeiten muss es ja wohl sein, denn sonst würden sie nicht mit gesenktem Kopf umherlaufen. Ich tippe auf Traurigkeit.“
Ich habe gar nicht bemerkt, dass ich nicht leise gedacht, sondern vor mich her gemurmelt habe. Erst als mein Nachbar sich ebenfalls verwundert äußert, höre ich mich selbst sprechen.
„Ich dachte zuerst, sie schauen wie gewöhnlich auf ihre Handys, aber seltsamerweise ist das nicht der Fall“, meint er . „Vielleicht hast du recht und sie sind traurig.“
„Ach Quatsch!“, mischt sich plötzlich die eitle Nachbarin von der gegenüberliegenden Seite ein. „Sie suchen mich!“
„Dich?“, rufen mein Nachbar und ich gleichzeitig fragend aus.
„Selbstverständlich!“, sagt sie voller Inbrunst. „Wen sollten sie sonst suchen? Euch ganz bestimmt nicht!“
„Kannst du mir mal verraten, woher du diese Selbstsicherheit nimmst?“ frage ich sie.
„Weil ich etwas Besonderes bin!“
„Aha!?“, äußere ich mich kurz und knapp.
„Und weil alle sich freuen, wenn sie so ein Exemplar wie mich finden!“
„Ja, ja..“, meint mein Nachbar. „Ich wusste schon immer, dass du besonders bist!“
Als sich die Nachbarin stolz ein bisschen hin und her bewegt, erklärt er weiter:
„…nämlich besonders eingebildet!“
Sichtbar beleidigt dreht sich die Nachbarin nun zur Seite und schweigt.
Aber auch ich und mein Nachbar sind jetzt ganz still, denn die Menschen kommen in unsere Richtung.
„Hier sind ganz viele!“, ruft ein kleiner Junge aus und kommt an der Hand seiner Oma auf uns zu.
Er bleibt vor uns stehen und betrachtet uns liebevoll eine ganze Weile. In seinem Blick liegt eine Art Zärtlichkeit, die Wärme in diese kalte Jahreszeit bringt. Der eisige Wind kann mir plötzlich nichts mehr anhaben, denn der Junge beugt sich zu mir hinab und ich spüre, wie seine Hände schützend nach mir greifen.
„Das schenke ich dir, Oma!“, sagt der Junge und legt mich in die Hand der älteren Frau. „Das soll dir im neuen Jahr und immer Glück bringen!“
„Nur vierblättrige Kleeblätter wie ich eines bin, bringen Glück!“, vernehme ich die eitle Nachbarin, aber niemand außer mir hört sie.
Doch ich lausche der Stimme der Oma, die an ihren Enkel gerichtet ist:
„Alle glauben, dass nur vierblättrige Kleeblätter Glück bringen, aber ich glaube, dass auch dreiblättrige Kleeblätter, die mit Liebe und guten Wünschen verschenkt werden, diese wunderbare Macht besitzen. Man muss nur daran glauben. Und das tue ich und danke dir sehr dafür!“
Zärtlich streichelt sie über den Kopf ihres Enkelsohns, lächelt ihn an und dieser strahlt zurück.
„Jetzt habe ich gleich zwei Menschen glücklich gemacht“, denke ich. „Ich bin zwar nur ein dreiblättriges Kleeblatt, aber trotzdem ein Glücksbringer!“ Auch ich bin glücklich!!!
In diesem Sinne wünsche ich euch allen:
Viel Glück im Neuen Jahr
