Kurzgeschichten
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Kartis weite, lange Reise

Mit dieser Überraschung hatte Emelie wirklich nicht gerechnet. Es war schon viel zu lange her, um noch an ihr Kommen zu glauben. Aber jetzt war sie da, einfach so und ohne Vorankündigung. Emelie brach in einen Jubelschrei aus. Sie streichelte sie zärtlich und rief ihren Mann herbei.

„Toni, komm schnell! Du wirst es nicht für möglich halten, aber sie ist endlich da. Sie hat den Weg zu uns gefunden und sie ist wunderschön! Schau sie dir nur an.“

„Nach all den vielen Jahren“, meinte ihr Mann, als er sie sah. Er musste schlucken, so gerührt war er und auch Emilie traten die Tränen in die Augen, – über ihr Kommen und die damit verbundenen Erinnerungen, aber besonders auch über die Botschaft, die sie mitbrachte. 

Sie saßen mittlerweile im Wohnzimmer und schauten sie sich immer wieder an, zwischendurch fielen Toni und Emelie sich in die Arme und küssten sich. Karti hingegen streichelten sie und schenkten ihr liebevolle Blicke.

„So viele Jahre, sogar Jahrzehnte sind inzwischen vergangen“, meinte Emilie. „Ich frage mich nur, warum es so lange gedauert hat?“

„Tja, das kann ich euch erzählen“, meinte Karti, die sich nicht sicher war, ob die Beiden ihr überhaupt zuhörten, geschweige denn sie hören konnten. Aber sie berichtete trotzdem von ihrem Schicksal: 

„Es war eine sehr lange und auch eine äußerst beschwerliche Reise, die ich hinter mir habe. Das Schicksal hat mir Einges aufgebürdet. Geduld musste ich haben, sehr viel Geduld. Auch ohne Quetschungen und Kratzer ging die Sache nicht vonstatten, ihr erkennt sicherlich, wie mitgenommen ich aussehe. Entschuldigt bitte mein Aussehen. So wollte ich eigentlich nicht hier erscheinen, aber ich bin froh endlich bei euch zu sein. Es ist schön euch vereint und glücklich und sehen.“

Karti hoffte, dass das Ehepaar sie verstehen würde, denn sie erhielt wieder eine Streicheinheit von ihnen und so erzählte sie weiter.

„Als dein Toni mich in dem südlichen Land kurzerhand mitnahm, mir auftrug die Überbringerin einer Botschaft für dich, liebe Emilie sein zu dürfen, war ich sehr stolz. So eine ehrenvolle Aufgabe bekommen nicht viele. Ich glaubte schon bald bei dir sein zu können und deine Freude erleben zu dürfen. Stattdessen kam alles ganz anders als geplant. Meine Falten und Schrammen zeugen von meinen Erlebnissen in den vergangenen zwei Jahrzehnten. Widrige Umstände hielten mich immer wieder auf,  erschwerten mir das Überleben und Vorankommen. Wind und Wetter machten mir zu schaffen, die Unzuverlässigkeit und Vergesslichkeit verschiedener Menschen hinderte mich am Weiterreisen. Ich wurde in die falsche Richtung geleitet, man hat mich hin- und hergeschoben und schließlich komplett vergessen. Mein Rufen, Jammern und Flehen hat niemand gehört. Doch ich habe die Hoffnung nie ganz aufgegeben, obwohl mir das alles sehr zugesetzt hat und sich mit der Zeit, die mir aufgetragene Botschaft immer mehr verwischte.“

Gerade  als Karti diese Worte ausgesprochen hatte, drehte Emilie sie um und lächelte ihren Toni glücklich an.

„Das ist das schönste Geschenk zu unserer heutigen Silbernen Hochzeit“, flüsterte Emilie unter Tränen und versuchte den Text auf Kartis Rückseite zu entziffern:

Liebe Emilie,

eigentlich wollte ich Dir vor meiner Abreise noch eine Frage stellen, aber ich traute mich nicht. Deshalb versuche ich es auf diesem Wege:

Ich liebe Dich von ganzem Herzen und möchte mein Leben mit Dir verbringen. Willst du meine Frau werden?

In der Hoffnung auf ein ‚JA‘ schicke ich Dir viele liebe Grüße und Küsse.

Dein Toni

 

 

 

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9 Kommentare

  1. Ach herrje, was für eine Geschichte. Aufgrund des Namens dachte ich schon an eine Wanderkarte oder so. Aber solch eine Frage auf einer Postkarte ist schon ganz besonders.
    Bei uns sind bis jetzt immer alle Karten angekommen.
    Liebe Abendgrüße von Kerstin.

  2. Liebe Astrid, was für eine rührende Geschichte! Glücklicherweise hat Toni sich nicht gescheut, die Frage auch noch mündlich zu stellen, sonst würden die beiden wohl nicht ihre Silberhochzeit feiern.
    Auch von uns kamen manche Karten nicht an. Die meisten verlorengegangenen Karten gab es bei unserem Aufenthalt in Mexico City vor rund 20 Jahren zu verzeichnen, doch da habe ich einen bestimmten Hotelmitarbeiter namens Gonzalez in Verdacht. (Den Namen an seinem Revers-Kärtchen habe ich mir daher sehr gut gemerkt.) Der saß nämlich an der Rezeption und bot sich an, die Karten zur Post zu bringen. Also gaben wir ihm das Geld für die Marken – aber keine einzige dieser (sehr hübschen und ausgewählten Frida-Kahlo-)Karten kam jemals an.
    Danach hatte ich nur noch wenig Lust aufs Kartenschreiben – und bis auf ganz, ganz wenige Ausnahmen sende ich nur noch Grüße per WhatsApp.
    Alles Liebe und einen guten Start in den März,
    Traude
    https://rostrose.blogspot.com/2022/02/italien-reisebericht-trasimenischer-see.html

    • Astrid Berg sagt

      Hallo liebe Traude,
      vielleicht war der hilfsbereite Gonzalez ein begeisterter Sammler von Postkarten oder wollte mit deren Hilfe die deutsche Sprache erlernen🤔😉.
      Ich verschicke auch gerne WhatsApp Grüße aus dem Urlaub oder Karten mit eigenen Fotos. Diese können virtuell selbst gestaltet und an eine Adresse in Deutschland verschickt werden. Dort werden sie gedruckt und per Post verschickt. Diese Karten kommen tatsächlich noch vor unserem Urlaubsende an😀.
      Liebe Abendgrüße
      Astrid

  3. Liebe Astrid, herzliche Grüße.
    Das Postkarten oder Briefe eine lange Reise hinter sich gebracht haben, hört man manchmal.
    Postkarten schreiben tue ich schon lange nicht mehr. Durch E- Mail ist auch das Briefeschreiben eingeschlafen, obwohl ich immer gern handschriftliche Briefe verschickt hatte und telefonieren geht noch schneller. Telefon hatten wir erst nach der Wende, ab 1991. Unser Sohn schrieb vor Jahren eine Karte aus dem Urlaub, die auch bis heute nicht ankam. Hab aber leider das Land vergessen.
    Alles Gute, tschüssi Brigitte.

    • Astrid Berg sagt

      Auch ich schreibe nur noch selten Briefe. Bei Ansichtskarten verhält es sich etwas anders. Mittlerweile kann man eigene Fotos hochladen und als Postkarten verschicken. Gerne schicken wir unseren Müttern aus dem Urlaub solche persönlichen Grüße, über die sie sich auch sehr freuen.
      Liebe Abendgrüße
      Astrid

    • Astrid Berg sagt

      Wir warten auch schon einige Jahre auf eine Postkarte. Wir haben sie damals von Mallorca an uns selbst geschickt. Da unsere Silberhochzeit schon lange vorbei ist, kommt sie dann möglicherweise zu unserer Goldenen Hochzeit an 😉. Das dauert allerdings noch 15 Jahre 🤔.
      LG
      Astrid

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