Kurzgeschichten

Der Wald voller Bäume

Manchmal sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht. Dieses sonderbare Phänomen tritt nicht nur bei einem Sonntagsspaziergang auf, nein auch im ganz normalen Alltag. Ich weiß wovon ich spreche, denn erst neulich ist es bei mir wieder aufgetreten:

Es ist später Nachmittag und draußen ist es schon recht dämmrig. Naja, eigentlich ist es der Jahreszeit entsprechend schon nahezu dunkel. 

„Klar“, wird jetzt jeder denken, „bei Dunkelheit passiert es schon mal, dass man etwas übersieht.“

Das mag ja sein, aber da wo ich mich gerade befinde, ist es taghell, fast schon zu hell. Ich bin im Supermarkt und muss noch schnell etwas einkaufen. Mein Einkaufszettel liegt wie immer zu Hause auf dem Tisch. „Aber egal, ich habe ihn selbst geschrieben, dann habe ich auch alles im Kopf“, überlege ich und überfliege diesen Zettel gedanklich. 

„Zu den Frikadellen gibt es morgen Rotkraut und Kartoffelbrei“, überlege ich. Ein Blick in den Einkaufswagen bestätigt mir, dass alle notwendigen Zutaten bereits darin liegen.

„Ach“, fällt mir da plötzlich ein, „ich brauche noch Röstzwiebel, die schmecken so gut zum Kartoffelbrei.“

Stände ich jetzt in dem Supermarkt, in dem ich für gewöhnlich einkaufe, wäre das auch nicht dramatisch. Ich befinde mich allerdings in einem Einkaufscenter, der im Untergeschoss auch einen Lebensmittelladen besitzt. Tja und da beginnt mein Problem. Hier kenne ich mich nicht so wirklich aus. Aber dann kommt die Logik ins Spiel und somit kann ich zumindest einen kleineren Bereich bei meiner Suche eingrenzen. 

„Nudeln, Ketschup, Tomatenmark, diverse Fixprodukte… ja dort irgendwo müssten auch die Röstzwiebeln versteckt sein. Oder vielleicht doch eher in der Nähe der Gewürze?“ überlege ich hin und her und marschiere durch die Reihen. Dabei ist mein Blick an die Inhalte in den Regalen geheftet. Allerdings muss ich nach dem dritten Rundgang kapitulieren.

„Entweder sie stehen an einer anderen Stelle oder der Markt führt dieses Produkt nicht“, denke ich und steuere auch schon auf eine Verkäuferin zu, die gerade ein Regal mit Waschpulver bestückt.

„Entschuldigen Sie bitte. Wo finde ich Röstzwiebel?“, frage ich höflich, erhalte aber keine Antwort. 

Die Verkäuferin dreht sich wortlos um und geht davon. Unwillkürlich zucke ich mit den Schultern, denn nun bin ich ratlos. Während ich noch überlege, ob die Verkäuferin vielleicht taubstumm ist, laufe ich ihr automatisch einfach nach. Mein Glück, denn nun bleibt sie abrupt stehen und deutet auf das untere Regalbrett neben den Ketschupflaschen.

„Oh, Dankeschön, das habe ich total übersehen“, gestehe ich ihr, doch sie hat sich schon einer anderen Kollegin zugewandt und siehe da, sie kann mit ihr sprechen, lachen und auch antworten.

Da mir inzwischen noch eingefallen ist, dass ich für den Kuchen, den ich backen will, frische Hefe brauche, gehe ich nun zum Kühlregal. Das Angebot ist reichhaltig. Joghurt, Quark, Butter, Milch… alles da. Aber wo nur hat sich die Hefe versteckt. Meine Augen schweifen durch die Fächer des Kühlregals.

„Heute habe ich wohl Tomaten auf den Augen“, schimpfe ich innerlich mit mir. „Also muss ich wohl wieder um Mithilfe bei meiner Suche bitten. Aber dieses Mal suche ich mir eine andere Verkäuferin aus“, beschließe ich. „Dort drüben bei den Backwaren ist eine, also nichts wie hin …“

„Entschuldigung!“, unterbreche ich sie bei ihrer Arbeit. „Wissen Sie vielleicht, wo ich frische Hefe finde?“

Sie dreht sich zu mir um und lächelt mich an: „Ja natürlich“, sagt sie, „das weiß ich.“

Jetzt strahlt sie mich regelrecht an und sagt erst einmal für ein paar Sekunden nichts, bevor sie fragt: „Soll ich es ihnen verraten?“

Jetzt muss auch ich lachen. „Oh ja bitte!“

„Na, dann kommen Sie mal mit!“

„Vielen Dank für Ihre freundliche Hilfe! Ich habe wohl den Wald vor lauter Bäumen nicht gesehen“, erkläre ich ihr, als sie mir den Hefewürfel reicht.

10 Kommentare

  1. Liebe Astrid,
    es ist immer wieder erstaunlich, wie sehr sich die Welt verändert, wenn man freundlich miteinander umgeht und mit einem Lächeln nicht geizt!
    Angenehmen Wochenstart und liebe Grüße
    moni

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Moni,
      ein Lächeln kann so viel bewirken und verändern. Es schenkt Freude, dem „Sender“ und dem „Empfänger“, außerdem geht mit einem Lächeln alles viel besser.
      Lächelnde Grüße zu Dir
      Astrid

  2. BrigitteE sagt

    Es ist ein Kreuz mit den versteckten Lebensmitteln.
    Wie oft muss auch ich fragen und wenn frau endlich weiß, wo was liegt, wird es umgeräumt.
    Ich plädiere für einen Plan, der in Großformat am Eingang ausgehängt wird. Wie im Zoo, da gibt es ja auch einen Lageplan ( nicht ganz ernst gemeint 😉 )
    Liebe Grüße, und ja, auf einen freundlichen Menschen zu treffen ist einfach wunderbar.

    • Astrid Berg sagt

      Oh ja, ständig wird umgeräumt. Bei uns hat ein großer Markt gerade erst umgebaut und innen alles neu gestaltet. Beim ersten Einkauf dort, hätte mir ein Plan viel Zeit erspart. Ich war ständig nur auf der Suche. Das riesige Angebot war zum Teil sehr verwirrend. Erst beim zweiten Einkauf konnte ich zielgerichteter meinen Einkaufszettel abarbeiten. 🙂
      LG
      Astrid

  3. Liebe Astrid, das ist zu unserem Leidwesen die Verkaufsstrategie, denn wenn man durch das Geschäft irrt, kommt man an vielem Anderem vorbei, wo die meisten Kunden denken, ach, das werde ich auch noch gleich mitnehmen und schon ist der Ladenumsatz gestiegen.
    Ich ärgere mich auch über das oftmals Umstellen von Ware. Ich frage dann natürlich auch und suche nicht lange. Mir wurde bis jetzt mit Freundlichkeit geholfen.
    Im Getränkeregal stehen die Pfirsisch-Tee-Flaschen ganz unten und meistens weit hinten, weil schon vorne weggenommen. Da komme ich oftmals nicht mehr im gebücktem Zustand mit meinem Arm bis hinten hin und muß dann auch jemanden bitten. Entweder den Supermarkt-Mitarbeiter oder ich bitte einen jüngeren Kunden/in.
    Unfreundlich ist mir noch keiner gekommen.
    Wünsche noch einen guten Tag. Die Sonne ließ sich auch schon blicken.
    Alles Gute, tschüssi Brigitte.

    • Astrid Berg sagt

      Diese Verkaufsstrategie kennt wohl inzwischen jeder, aber trotzdem kann man davon ausgehen, dass auch (fast) jeder darauf hereinfällt. Ganz unbewusst legt man dann diesem oder jenen Artikel noch in den Einkaufswagen, weil man genau das ganz plötzlich und unbedingt braucht. ;-). Naja, die Wirtschaft muss ja angekurbelt werden ;-).
      LG
      Astrid

  4. Oh ja, liebe Astrid. Die Hefe!
    Das ist bei mir jedesmal ein „Baum“ den ich vor lauter Wald nicht sehe. Jedes Mal will ich mir den Platz, wo sie sich befindet, merken. Aber irgendwie scheinen meine grauen Zellen es nicht für nötig zu finden, es einzuspeichern. 😉
    Also auf zum nächsten abenteuerlichen Suchen.

    Hab eine schöne Woche!
    Liebe Grüße
    Traudi

    • Astrid Berg sagt

      Wahrscheinlich merkst Du es Dir nicht, weil es im Leben eben wichtigere Dinge gibt und dafür benötigt Dein Gehirn den Speicherplatz. Außerdem kann so eine Suche auch zur Kommunikation beitragen ;-).
      Ich schicke Dir ganz herzliche Grüße aus dem -5 Grad kalten Cottbus.
      Astrid

  5. Das geht uns – mir – auch so Astrid. Ich suche z.B. ständig Schmand. Saure Sahne, Schlagsahne, Creme fraiche finde ich – aber jedes Mal muss ich 3 Runden laufen oder auch fragen. Schmand steht nämlich nicht im Kühlregal.
    Liebe Grüße von Kerstin.

    • Astrid Berg sagt

      Aber das geht nicht nur uns Frauen so, dass wir den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen. Mein Mann steht oft vor dem Schrank und ruft mich, weil er ein ganz bestimmtes Teil nicht findet. Es liegt meist direkt vor seiner Nase 🙂 .
      Herzliche Grüße
      Astrid

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