Kurzgeschichten
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Wörtlich genommen

Wir fahren spontan in den Nachbarort. Dort gibt es ein kleines Restaurant mit einem Eiscafé. Da es gerade kurz nach zwölf Uhr mittags ist, entschließen wir uns an diesem sonnigen Tag an einem der Tische unter dem roten Sonnenschirm Platz zu nehmen. Wir sind nicht die Einzigen, die anscheinend auf diese Idee gekommen sind, denn alle Tische sind im Nu besetzt. Während manche das kühle und leckere Eis vorziehen, genießen andere eine warme Mahlzeit.

„Eis möchte ich jetzt eigentlich nicht“, erkläre ich meinem Mann. „Eher ein kleines Mittagessen.“

Wir blättern schweigend in der Speisekarte, um das jeweils passende Gericht zu finden. Mein Mann ist ruckzuck fertig und weiß anscheinend schon, was er bestellen möchte, denn er klappt bereits die Speisekarte wieder zu.

„Was hast du dir ausgesucht?“, will ich wissen.

„Etwas, das mich an unseren Englischunterricht denken lässt“, meint er grinsend.

„Ich kann mich nicht erinnern, im Englischunterricht jemals gegessen zu haben und schon gar nicht ein Gericht, das hier in der Karte aufgeführt ist“, sage ich stirnrunzelnd.

„Oh doch!“

„Ihr durftet im Unterricht essen?“

„Nein!“

„Was denn jetzt? Ja oder Nein?“, frage ich sichtlich verwirrt.

„Na, ja und nein“, erklärt er mir. „Essen war im Unterricht selbstverständlich nicht erlaubt, aber das besagte Gericht steht hier in der Karte.“

Ich habe immer noch keinen blassen Schimmer, was er meint und nehme mir nochmals die Speisekarte vor. Dieses Mal allerdings nicht, um mir ein Gericht auszusuchen, sondern um herauszufinden, was mein Göttergatte in Verbindung mit dem Englischunterricht bringt.

„Hier ist aber keine Speise in englischer Sprache aufgeführt“, grübele ich.

„Nein, nein“, bestätigt er mir. „Es steht schon in deutscher Sprache in der Speisekarte.“

„Du willst mich doch irgendwie auf den Arm nehmen.“ 

Dessen bin ich mir inzwischen ziemlich sicher und sein unverschämtes Grinsen bestätigt mich darin.

„Ich gebe dir mal einen Tipp!“, schlägt er vor. „Du kannst dir doch sicherlich vorstellen, dass ich mir damals nur ziemlich ausgefallene oder ungewöhnliche Vokabeln gemerkt habe.“

„Geht das auch noch ein bisschen genauer?“, versuche ich einen weiteren Hinweis aus ihm herauszukitzeln.

„Naja, es war eher ein Beispiel dafür, dass man Begriffe aus der deutschen Sprache nicht wortwörtlich ins Englische übersetzen kann. Also ein sogenanntes Negativbeispiel.“

In meinem Kopf schwirrt es inzwischen. Ich durchforste alle Schränke und Schubladen meines Oberstübchens. Die Lösung scheint zum Greifen nahe, aber ich komme trotzdem noch nicht darauf. Deshalb nehme ich mir nochmals die Speisekarte vor und da trifft mich dann auch tatsächlich der Geistesblitz. Ich schlage mir gegen die Stirn und beginne zu lachen bis mir die Tränen kommen.

„Farmer-early-piece!“, sage ich genau in dem Moment, als die Bedienung an unseren Tisch herantritt und nach der Bestellung fragen will. Sie schaut uns mehr als nur verwundert an und erkundigt sich, ob sie später noch einmal kommen soll.

„Nein, nein!“, rufen wir gleichzeitig aus. 

„Für mich bitte das Bauernfrühstück“, bestellt mein Mann.

„Und für mich ebenfalls!“

„Tja, „Bauer heißt doch Farmer, früh heißt early und Stück übersetzt man mit piece. Also lautet die Übersetzung für Bauernfrühstück „Farmer-early-piece!“, erklärt mein Mann mit ernster Miene. „Auch wenn ich inzwischen weiß, wie man auf Englisch dieses Gericht bestellt, diese falsche Übersetzung ist bei mir über all die Jahrzehnte im Gedächtnis geblieben.“

 

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6 Kommentare

  1. hihi..
    eine lustige Geschichte
    das erinnert mich so an den Film Casablanca
    obwohl der Hintergrund ja nicht so spaßig ist
    das alte Ehepaar das versucht englisch zu lernen

    mein Schulenglisch ist auch lange her

    liebe Grüße
    Rosi

    • Astrid Berg sagt

      Ich glaube, ich sollte mir diesen Film
      wieder einmal ansehen. So richtig kann ich mich gar nicht mehr erinnern und schon gar nicht an die betreffende Szene.
      LG
      Astrid

  2. Liebe Astrid, herzlichen Wochenendgruß.
    Mit Englisch kann ich nur sehr wenig bis gar nichts anfangen. In der Schule von 1952-1962 wurde kein Englisch unterrichtet. Im 8. Schuljahr wurde zusätzlich, wer wollte, in der nullten Stunde Französisch unterrichtet, aber dann wieder eingestellt.
    Heute haben wir hier 28 Grad. Ich habe Ruhetag, denn die Wa Ma arbeitet für mich.
    Alles Gute, tschüssi Brigitte.

    • Astrid Berg sagt

      Oh, 1952 warst du schon ein Schulkind. Damals war ich noch gar nicht auf der Welt. Meinen ersten Englischunterricht hatte ich in der 5. Klasse. In der siebten Klasse kam dann noch Französisch dazu.
      LG
      Astrid

  3. Klasse!
    Ich habe einmal englischen Freunden einen „Happy slide into the new year“ gewünscht. Die wussten auch nichts damit anzufangen …
    Liebe Grüße
    Regina

    • Astrid Berg sagt

      Ja, so kann es kommen, wenn man deutsche Redewendungen und Begriffe versucht direkt zu übersetzen. Ich habe ein Buch über deutsche und englische Redewendungen. Dort tauchen solche lustigen Übersetzungen auch auf. Ich glaube, ich hole dieses Buch, das ich mir damals im Studium angeschafft habe, wieder einmal zum Stöbern hervor.
      LG
      Astrid

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