Für Kinder, Kurzgeschichten
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Hermann

Einen schönen guten Tag, wünsche ich. Vermutlich kennt mich jedes Kind. Trotzdem möchte ich mich ganz offiziell bei Euch vorstellen:

Ich bin Hermann und meine Welt ist der Garten. Dort führe ich die Oberaufsicht. Alle meine Kollegen, die mir übrigens sehr ähneln, hören auf mein Kommando. Sie arbeiten mit Hacke, Schaufel, Spaten, Besen, Gießkanne und Schubkarre unter meiner Aufsicht im Garten. Bestimmt habt Ihr uns mit unseren roten Zipfelmützen und den langen weißen Bärten schon entdeckt. Nein, nein, wir sind keine Weihnachtsmänner! Wir sind das sehr fleißige Völkchen der Gartenzwerge, das die Natur mit all ihren Pflanzen und Tieren liebt.

Doch nun zurück zu mir und meinen Erlebnissen:
Am frühen Morgen, wenn die Sonne aufgeht und viele von Euch noch schlummern, dann gehe ich auf leisen Sohlen im Garten umher.  Es herrscht noch ein gewisser Ruhemodus, den ich mit tiefen Atemzügen genieße und in mich aufnehme. 
Irgendwie erscheint alles langsamer und friedlicher. Auch sind die lästigen Mücken noch nicht unterwegs, die nichts anderes im Sinn haben als uns mit ihren gemeinen Stichen zu ärgern und manchmal fast in den Wahnsinn treiben. 
Langsam erwacht das Leben. Die Vögel beginnen ihr Konzert und zwitschern aus allen Bäumen und Sträuchern. Die Käferchen krabbeln aus ihren Verstecken und die Blumen öffnen ihre Blütenblätter, um sie der Sonne entgegenzurecken. Es dauert nicht lange, dann wuselt es in allen Ecken.
Ja, so beginnt mein Tag. So war es immer, bis auf neulich:

Ich wunderte mich schon, als sie kamen. 
„Nanu?! Was ist denn jetzt los?“
Fremde, die ich noch nie gesehen hatte. Sie schleppten alle möglichen Werkzeuge an, brachten Bretter und Stangen am Haus an, stiegen auf das Dach und machten überall in meiner heilen Welt Unordnung. Sie rannten kreuz und quer und ehe ich mich in Sicherheit bringen konnte, wurde ich angerempelt. 
„Hoppla!“, sagte eine Männerstimme. „Was steht denn hier rum?!“
Ich geriet ins Schwanken und befürchtete schon mir alle Gliedmaßen zu brechen. Immerhin bin ich nicht mehr der Jüngste, da kann es ganz schnell zu einem Bruch kommen. 
„Mir ist ganz schwindelig und bestimmt bin ich einer Ohnmacht nahe“, dachte ich ängstlich. 
Plötzlich spürte ich, dass mich jemand unsanft ergriff und in die Höhe hob. 
„Halt! Hilfe!“, wollte ich schreien, doch ich brachte keinen Ton heraus. 
So verfrachtete man mich in das Gartenhaus, bevor ich mich beschweren oder um Hilfe rufen konnte. Dort fand ich mich in einem Regal an der obersten Stelle wieder. 
„Und das bei meiner ausgeprägten Höhenangst“, jammerte ich leise vor mich hin. 
Ich wagte mich nicht zu bewegen. Stocksteif stand ich da und schloss die Augen. Jetzt sah ich zwar nichts mehr, doch ich hörte fremde Stimmen und geschäftiges Treiben. Das machte mich neugierig. Diese Neugierde besiegte meine Höhenangst und so öffnete ich zuerst vorsichtig das eine Auge, dann auch noch das andere. 
„Schade“, dachte ich enttäuscht.
Unglücklicherweise hatte man mich so positioniert, dass ich nicht aus dem Fenster schauen konnte.  So konnte ich nicht feststellen, was da draußen vor sich ging. Es wurde gearbeitet, das war den Geräuschen und Stimmen zu entnehmen. 
Nach und nach erschienen alle meine Bekannten aus dem Garten und gesellten sich zu mir auf das Regal. Ich war nicht mehr allein und so gelang es mir in einen tiefen Schlaf zu fallen.
Ich erwachte erst, als mich jemand an meiner roten Zipfelmütze packte. Mir wurde ein nasser Lappen ins Gesicht gedrückt und auch über meine Kleidung wurde feucht gewischt.
„Hey!“, rief ich erschrocken aus. „Was soll das?“
Da hörte ich die Stimme der Hausherrin: 
„So, jetzt bist du wieder chic und nun suchen wir ein schönes Plätzchen für Dich, lieber Hermann.“
Damit war ich einverstanden. Sie stellte mich auf den Rasen, direkt vor ein Blumenbeet. Ich atmete die warme Sommerluft tief ein und mich überfiel ein unbeschreibliches Glücksgefühl. 
„Hier gehöre ich hin!“, hätte ich am liebsten aller Welt verkündet. „Hier fühle ich mich wohl! Hier bin ich Zuhause!“ 
So stehe ich nun wieder in meinem geliebten Garten und alles war wohl nur ein Alptraum. Schmetterlinge und Bienchen umringen mich, die Sonne kitzelt mich an meiner dicken Knollennase und der leichte Sommerwind pustet eine Ameise von meinem rechten Ohr. Von irgendwo trällert ein alter Schlager:
„Schön ist es auf der Welt zu sein!“ 

Oder ist das mein eigener Ohrwurm?

 

 

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