Kurzgeschichten
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Annas Wunsch

Bea ist alleinerziehend und macht am Sonntagnachmittag mit ihrer kleinen Tochter Anna einen Spaziergang durch den Stadtpark. Viele Kinder sind mit ihren Familien unterwegs. Die junge Frau weiß, dass ihre Tochter ebenfalls gerne mit Opa Kurt und Oma Martha zusammen wäre, zumal dies ihre einzigen lebenden Großeltern sind. Leider ist das nicht so einfach, denn die Beiden wohnen mehrere hundert Kilometer entfernt und ein Treffen muss daher immer genau und von langer Hand geplant sein.

Im Vierwochenrhythmus klappt das zwar ganz gut, ist aber immer mit erheblichem Aufwand verbunden. Mal kommen die Großeltern zu Bea und Anna und mal fahren diese mit dem Zug zu Opa und Oma.
Anna hat große Sehnsucht nach ihnen. Die Vierjährige fragt oft, wann sie sich wiedersehen und ist jedesmal traurig, wenn es Abschiednehmen heißt. So wie heute. Gerade sind Kurt und Martha wieder gefahren. 
„Dieser Spaziergang sollte eigentlich zur Ablenkung dienen, aber der Anblick von anderen Familien macht uns Beide irgendwie traurig,“, denkt Bea. „Ja, ein bisschen Neid ist schon dabei“, gesteht sie sich ein, „aber an manchen Situationen lässt sich wohl nichts ändern.“
„Opa Kurt muss mir doch von dem Vögelchen erzählen“, sagt die Kleine traurig, „ob es fliegen lernt!“
„Das kann Opa dir morgen am Telefon berichten!“, versucht Bea ihre Tochter zu trösten.
„Ich will, dass Opa und Oma bei mir sind! Das ist schön!“
„Das verstehe ich, aber sie wohnen so weit weg und können nicht jeden Tag bei uns vorbeischauen“, versucht die Mutter zu erklären.
Zum Glück wird Anna gerade durch einen kleinen Hund abgelenkt, der um ihre Beine herum springt.
„Hallo Mäxchen!“, freut sich das Mädchen. „Wo ist dein Frauchen?“
„Hier bin ich!“, ruft Frau Meyer, die ihrem Hündchen hinterher hechtet. „Dieser kleine Schlingel ist mir abgehauen. Wahrscheinlich hat er dich gesehen!“
Anna freut sich und streichelt den Hund. Bea begrüßt Frau Meyer, die sie schon öfter zufällig getroffen haben und die immer gerne für ein Schwätzchen bereit ist. Die Seniorin lebt seit dem Tod ihres Mannes vor zwei Jahren alleine in einem kleinen Häuschen unweit von Bea und Anna.
„Bist du auch eine Oma?“, fragt Anna ganz unvermittelt.
„Oh, leider nein“, antwortet Frau Meyer.
„Warum?“
„Ach, weißt du, meine Tochter kann leider keine Kinder bekommen“, gibt die ältere Frau dem Mädchen zur Antwort.
„Ich brauch noch eine Oma und ich bin ein Kind!“, gibt Anna schlagfertig zurück.
Als Frau Meyer einen fragenden Blick zu Bea wirft, fühlt diese sich in Erklärungsnot. Die beiden Frauen unterhalten sich noch eine ganze Weile, während Anna sich mit Mäxchen beschäftigt.
„Jetzt müssen wir aber nach Hause, es ist schon bald Abendbrotzeit“, fordert Bea ihre Tochter auf. „Wir wollen Frau Meyer nicht länger aufhalten.“
„Ach, Sie halten mich nicht auf. Auf mich wartet niemand. Außerdem freue ich mich jedesmal, wenn ich Sie und Anna treffe. Wenn Sie nichts dagegen haben, dann können wir gemeinsam den Rückweg antreten. Immerhin wohnen wir ja nur eine Straßenecke entfernt von einander“, schlägt die Ältere von Beiden vor.
So hüpft Anna fröhlich zwischen ihrer Mutter und Frau Meyer, die Mäxchen an der Leine hält, nach Hause. Zum Abschied gibt sie artig die Hand, so wie es ihr die Mutter gelernt hat. 
„Tschüss Oma Meyer!“, ruft sie und winkt ihr nach, bis diese die Haustür hinter sich geschlossen hat.
An diesem Abend sitzt Frau Meyer noch lange in ihrem Lehnstuhl im Wohnzimmer und muss an das Gespräch im Stadtpark denken. Sie lächelt in sich hinein. Schon lange hat sie sich nicht mehr so glücklich gefühlt.
„Ich glaube, das habe ich der kleinen Anna zu verdanken. Sie ist so herzerfrischend“, sagt sie sich selbst. Als sie dann im Bett liegt, steht ihr Entschluss fest, den sie auch am nächsten Tag in die Tat umsetzt.
Am frühen Nachmittag greift sie zum Telefon und wählt die Nummer, die Annas Mutter ihr gegeben hat.
„Hallo, hier ist Ilse Meyer. Ich hoffe, ich störe nicht.“
„Nein, nein, gewiss nicht!“
„Es ist mir fast ein bisschen peinlich“, beginnt die ältere Dame und merkt, dass ihr Herz schneller und aufgeregt zu klopfen beginnt. Sie räuspert sich, bevor sie fortfährt.
„Ich wäre gerne Annas Oma, – ich meine natürlich Ersatzoma – und auch nur, wenn Sie damit einverstanden sind. Ich könnte mich um Anna kümmern, wenn Sie wichtige Termine haben oder auch nur mal ein wenig entspannen wollen. Ich mach das gerne…“
„Oh, daran habe ich auch schon gedacht. Ihnen würde ich meine Tochter  gerne anvertrauen, denn Anna und ich mögen Sie wirklich sehr“, gesteht Bea und gibt gleich zu bedenken: „Ich weiß aber nicht, ob ich mir das leisten kann.“
„Nein, nein“, protestiert Frau Meyer sofort. „Omas nehmen doch kein Geld! Außerdem würden Sie mich damit sehr glücklich machen!“

 

10 Kommentare

  1. Moin liebe Astrid,
    das ist wieder so eine schöne Geschichte.
    Ich hatte das Glück das wir in einem Zweifamilienhaus gewohnt haben. So hatte ich meine Großeltern mütterlicherseits immer um mich herum, die Eltern meines Vaters sind leider schon vor meiner Geburt gestorben. Ich habe es sehr genossen mit meinen Großeltern unter einem Dach zu wohnen. Deshalb finde ich es sehr schade das meine fünf Enkel sehr weit weg wohnen und man sich selten sieht.
    Die Idee mit der Ersatzoma finde ich sehr schön, so haben rüstige Rentnerinnen noch eine Aufgabe die ihnen viel Freude bringt.

    Ich wünsche Dir eine schöne Woche und schicke liebe Grüße.
    Biggi

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Biggi,
      da hattest du großes Glück. Während mein Elternhaus gebaut wurde , wohnten wir gemeinsam mit meinem Opa in dessen Haus. Das war zwar nur eine begrenzte und kurze Zeit, aber ich habe noch gute und schöne Erinnerungen daran. Als er dann krank wurde, lebte er kurzzeitig bei uns, bis er dann schon bald darauf verstarb. Damals war ich 8 Jahre und hatte keine Großeltern mehr. Leider bin ich selbst noch keine Oma, aber was nicht ist, kann ja noch werden.
      Liebe Montagsgrüße von mir zu Dir.
      Astrid

  2. So sollte es sein. Gegenseitig helfen, sich mögen, Halt geben. Ist eine Geschichte, wie man sie sich fürs wahre Leben nur wünschen kann.
    Liebe Grüße in den Sonntag von Kerstin.

    • Astrid Berg sagt

      Ja, nur leider muss man in diesen Coronazeiten mehr auf Distanz gehen. Doch wenn sie überstanden sind, haben die Menschen hoffentlich verstanden wie wichtig das Miteinander und sich gegenseitige Beistehen ist.
      Liebe Sonntagsgrüße
      Astrid

  3. was für eine schöne und berührende Geschichte ..

    ich habe meine Großmutter mütterlicherseits nie kennengelernt
    sie wohnte in Polen
    und die Mutter von meinem Vater in der „Zone“ sie war dort noch einmal verheiratet
    sie besuchten wir manchmal und zu besonderen Gelegenheiten durften sie kommen (Kommunion )
    ich war immer etwas neidisch auf die anderen Kinder die Großeltern.. Onkel und Tanten
    Cousins und Cousinen hatten

    aber ich suchte mir Großeltern selber aus
    bei uns in den Blocks wohnten auch viele ältere Leute
    (auch Omas die in der Familie mit lebten )
    die eigenen Enkel kümmerten sich meist gar nicht so um sie..
    die ging ich besuchen .. saß auf dem Schoß und ließ mir Geschichten erzählen 😉
    es war kaum ein Haushalt in dem ich nicht ein und aus ging 😉

    liebe Grüße
    Rosi

    • Astrid Berg sagt

      Dann hast du wohl mehr Omas und Opas gehabt, als manch andere😉. Bis zum 7. Geburtstag unseres Sohnes lebten wir in Darmstadt und unsere Vermieter wohnten mit im Haus. Sie hatten keine eigenen Enkel und waren so etwas wie Ersatzgroßeltern für unseren Sohn. Sein Opa und die beiden Omas lebten nämlich weiter entfernt.
      Ich schicke Dir liebe Mitternachtsgrüße
      Astrid

  4. Liebe Astrid,
    ich hatte das Glück, beide Großeltern recht lange zu haben. Bei den Großeltern mütterlicherseits bin ich zum Teil aufgewachsen und bei den Großeltern väterlicherseits durfte ich jedes Jahr die Sommerferien verbringen, weil sie auch weit entfernt wohnen. Ich habe mich bei beiden stets wohlgefühlt. Und heute denke ich gerne an diese Zeit zurück.

    Viele Grüße
    Traudi

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Traudi,
      ich habe leider die Eltern meiner Mutter nicht mehr kennengelernt. Sie sind bereits vor meiner Geburt verstorben. Die Mutter meines Vaters starb als ich zwei Jahre war und somit habe ich kaum Erinnerungen an sie. Meinen Opa hatte ich allerdings bis zu meinem 8.Lebensjahr. Ganz stolz war ich jedoch, dass ich eine Uroma hatte, die meinen Opa ( ihren Sohn) noch eine kurze Zeit überlebt hat. An sie und meinen Opa kann ich mich noch gut und auch gerne erinnern.
      Liebe Abendgrüße
      Astrid

    • Astrid Berg sagt

      Hallo liebe Traude,
      diese Omama im Apfelbaum kenne ich gar nicht. Ist das eine Geschichte oder ein Film?
      Gerade heute erst habe ich in unserem kleinen Dorfblättchen gelesen, dass eine Rentnerin sich als Ersatzoma „bewirbt“ , da ihre Enkel zu weit wegwohnen. Ich weiß nicht wer es ist, aber vielleicht hat sie meine Geschichte gelesen ;-). Ich hoffe, sie findet eine nette Familie.
      Herzliche Grüße
      Astrid

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