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Arme kleine Gans

Im Oktober bin ich des öfteren an einer Wiese vorbeigekommen, auf der viele Gänse schnatternd hin und her marschierten. Es war ein schöner Anblick, die weißen Gänse mit ihren orangefarbenen Schnäbeln auf der grünen Wiese und ich ärgerte mich jedes Mal, dass ich keinen Fotoapparat dabei hatte. Ich hätte dieses Bild gerne festgehalten, zumal ich etwas wusste, wovon diese Tiere nicht im Entferntesten etwas ahnten: 

Sie werden gefüttert, um zu sterben. Sie werden sozusagen ihr Leben für uns oder besser gesagt für unseren Genuss opfern. Einige von ihnen werden als Martinsgans und andere als Weihnachtsgans enden.
Mir fiel auf einmal das Märchen von der Weihnachtsgans Auguste ein (im Original von Friedrich Wolf / vgl.: https://kielikompassi.jyu.fi/kookit0405/saksa/karte4/Augustedrucken.pdf , Stand 7.12.2014):
Hier hatte der Vater eine lebende und gut genährte Gans vom Markt mit nach Hause gebracht und erntete allgemeine Begeisterung. Der Vater hatte schon den köstlichen Geruch des Weihnachtsessens in der Nase: Gänsebraten mit Rotkraut und Klößen. Die Gans wurde in den Keller gebracht, wo sie in eine Kiste gesetzt wurde und den Kindern erlaubte man sie jeden Tag eine Stunde im Garten spazieren zu führen. Die Kinder liebten die Gans und gaben ihr den Namen Auguste. Der kleine Peterle befürchtete bald, dass die Gans im Keller frieren könnte. Mit seiner Schwester holte er sie eines nachts heimlich hoch in das Kinderzimmer, aber weil die Gans so laut schnatterte und im Treppenhaus wild herum flog, bemerkten die Mutter und die Hausgehilfin das Treiben. Weil Peterle so sehr weinte und immer wieder darum bat, dass Auguste im Kinderzimmer schlafen sollte, willigte die Mutter schließlich ein. Und so wurde die Freundschaft zwischen Peterle und Auguste immer stärker und enger. Weihnachten nahte und der Vater freute sich auf seinen Gänsebraten und er befahl die Gans zu schlachten und zu rupfen. Da dies weder die Mutter, noch die Hausgehilfin über das Herz brachten, sollte dies der Hausherr selbst tun, der auch sogleich mit Auguste in den Garten marschierte. Doch die Gans flatterte wie wild umher, schnatterte und schimpfte so lautstark, dass der Vater sein Vorhaben zur Freude aller Familienmitglieder aufgeben musste. Da das Schlachten der Gans sich so schwierig erwies, ersann sich der Vater eine List. Er mischte unter das Fressen so viele Schlaftabletten, dass er damit selbst einen gestandenen Mann ins Jenseits hätte befördern können. Die Gans begann auch zu torkeln und schlief tatsächlich ein. So rupfte die weinende Hausgehilfin die scheinbar tote Gans Auguste noch in der gleichen Nacht und legte sie in die Speisekammer. Doch am nächsten Morgen kam ihr die schnatternde und nackte Auguste aus der Speisekammer entgegen. So hatte die Gans das Weihnachtsfest nahezu unbeschadet überstanden, bekam für den Winter einen schönen warmen Pullover gestrickt und im Frühjahr wuchsen ihr wieder neue Federn. Die Gans war fortan der Liebling der ganzen Familie und lebte noch viele Jahre.
„Dieses Glück wird keiner einzigen Gans auf der Oktoberwiese hier widerfahren, denn es ist recht unwahrscheinlich, dass jemand ein echtes persönliches Verhältnis zu diesen Gänsen hat“, überlege ich mir so. Deshalb sind dann auch im Dezember die Wiesen leer, alle Gänse sind verschwunden. Mal ehrlich, jeder von uns weiß, wo sie jetzt sind. Nicht der vielbesungene Fuchs hat sie gestohlen, sondern sie liegen gerupft und tiefgefroren in den Gefriertruhen der Supermärkte oder vielleicht sogar schon in den unseren.
Während es bei meinen Eltern am Heiligen Abend keineswegs einen Gänsebraten gab, war dies in der Familie meines Mannes schon Tradition bevor ich diesen kennengelernt habe. Bei uns zu Hause gab es am Abend des 24. Dezembers immer Bratwurstschnecken mit Kartoffelsalat, aber schon am nächsten Tag stand auch bei uns das Geflügel traditionsgemäß auf dem Tisch.
Das mit der Gefriertruhe und den Gänsen ist so eine Sache. Man muss immer rechtzeitig vorplanen, wenn man auf seinen Gänsebraten zum Weihnachtsfest nicht verzichten will. Der Unterschied zu früher besteht lediglich darin, dass kaum jemand noch die Weihnachtsgans selbst schlachtet und rupft.
Man sollte also seinen Einkauf frühzeitig tätigen und auch für ausreichend Platz in der Gefriertruhe oder im Gefrierschrank sorgen, aber das ist wohl jeder Hausfrau und auch jedem Hausmann wohlbekannt.
Es ist schon ein paar Jahrzehnte her, als sich folgende Geschichte im Kreise der Familie meines Mannes ereignete:
Peter besuchte regelmäßig seine Großeltern, die ca. 30 Kilometer von seinem Elternhaus entfernt wohnten. So auch irgendwann in der Adventszeit.
„Hol doch mal eine Flasche Wein aus dem Keller“, bat ihn die Oma bei einem seiner Besuche. Peter, der sich auf ein Gläschen Wein freute, ging auch sogleich hinunter. Dieser Keller war für ihn geheimnisumwittert, denn es war ein alter Gewölbekeller, der vielleicht noch einige Schätze barg. So hatte sein Großvater in Peters Kleinkindtagen bei Grabungen während des Ausbaus des Kellers alte Töpfe und Gefäße aus dem Mittelalter gefunden, die jetzt im Stadtmuseum zu besichtigen sind. Man kann sich also vorstellen, dass der Keller für den Einen eher geheimnisvoll und für den Anderen eher furchteinflößend erscheinen mag. Während Peter zu den Einen gehört, würde ich mich eher zu den Anderen zählen.
Peter suchte sich aus dem Weinregal eine Flasche Rotwein heraus und blickte sich anschließend noch ein wenig im Keller um. Dabei fiel ihm ein Geräusch auf, das ihn etwas verwunderte.
Peter ließ seinen Blick auf der Suche nach der Geräuschquelle nochmals umher schweifen und wurde auch fündig. Dieses Brummen kam von der Gefriertruhe in der Ecke.
„Seltsam“, wunderte sich Peter. „Oma hat doch die Gefriertruhe außer Betrieb gesetzt.“ Er erinnerte sich genau daran, dass seine Großmutter gemeint hatte, für sich und Opa müsse sie nicht mehr so eine große Vorratshaltung und damit einhergehend eine große Gefriertruhe betreiben. Ein kleines Gefrierfach würde ihr genügen.
Hier konnte nur ein Versehen vorliegen.
„Oder vielleicht hat einer der Mieter und damit Mitnutzer des großes Kellers etwas in die Gefriertruhe gelegt“, überlegte Peter.
Er öffnete die Truhe und schaute hinein. Was er sah waren nur die leeren Körbe. Sonst nichts.
„Das kostet nur Strom“, schlussfolgerte er für sich.
In der Annahme, dass jemand die Truhe genutzt, aber nach der Leerung anschließend vergessen hatte diese von der Stromversorgung zu trennen, zog er kurzentschlossen den Stecker und ging wieder nach oben zu seinen Großeltern. Dort freute man sich über den guten Tropfen Rotwein und unterhielt sich über dies und das, aber nicht über die Gefriertruhe. Diese war in Vergessenheit geraten, weil Peter der ganzen Sache auch kein Gewicht zugemessen hatte.
Drei Wochen später oder besser gesagt, zwei Tage vor Weihnachten gab es jedoch großes Geschrei in der Familie meines Mannes: Es fing alles damit an, dass Peters Oma selbst hinunter in den Keller ging. Jeder kann sich bestimmt denken, was der Grund für diesen Gang war. Sie ging geradewegs auf die Gefriertruhe zu und öffnete diese. Als ihr beim Öffnen ein seltsamer Geruch entgegen kam, ahnte sie etwas Fürchterliches, das sich bei näherem Hinsehen auch bestätigte. Ihre schöne große Weihnachtsgans, die unter den leeren Körben in der einen Ecke der Truhe lag, war aufgetaut und stank vor sich hin. Ein Blick auf den Stecker entriss ihr einen Schreckensschrei.
„Wer hat den Stecker gezogen?“, brüllte sie durch den Keller, dessen Gewölbe die Frage echoartig zurückwarf.
Wütend marschierte sie nach oben und direkt an das Telefon. Sie rief ihre Tochter, Peters Mutter an, denn in ihrem Kopf verhärtete sich ein Verdacht.
„Das war Oma. Sie braucht ganz dringend eine Weihnachtsgans,“ erzählte Peters Mutter nach dem Telefonat.
„Das wird schwierig werden, so zwei Tage vor dem Fest!“, erwiderte Peters Vater und Peter erkundigte sich:
„Wieso? Hat sie vergessen eine rechtzeitig zu bestellen?“
„Das wohl nicht“, kam die Erklärung. „Aber jemand hat den Stecker der Gefriertruhe gezogen und jetzt kann sie die Weihnachtsgans wegwerfen.“
„Das war ich neulich“, bestätigte Peter wahrheitsgetreu und nichtsahnend. „Aber ich habe vorher reingeguckt und die Truhe war leer. O D E R ?“

Santa Claus

Wir sind wieder zurück in Deutschland, genauer gesagt in Berlin Tegel. Die Türen des Flugzeuges öffnen sich und wir treten hinaus. Wurden wir vor fast drei Wochen in Thailand von Temperaturen von über 30 Grad empfangen, so herrscht hier das andere Extrem vor. Der Pilot hatte uns bereits vorgewarnt, dass hier die Temperaturen um den Nullpunkt liegen. Trotzdem sind wir nahezu geschockt. 

Sind zwei Grad wirklich so extrem kalt?“, frage ich, erwarte aber eigentlich keine Antwort, denn ich spüre es sozusagen am eigenen Leib.
„Gut, dass wir schon vor dem Ausstieg in unsere Winterjacken geschlüpft sind“, denke ich nur und sehe zu, dass ich schnellstmöglich in dem Bus Platz finde, der uns von unserer Vorfeldposition zum Flughafengebäude bringt.
Am Gepäckband werfe ich einen Blick auf den Monitor, auf dem einige Tagesnachrichten im Überblick erscheinen und stelle mit Schrecken fest:
Übermorgen ist ja schon der erste Advent. Ich habe das Gefühl als seien wir mit katapultartiger Geschwindigkeit vom Hochsommer in den Winter geschleudert worden.
Klar, in Bangkok war auch schon alles weihnachtlich geschmückt und man konnte aus dem ein oder anderen Lautsprecher Weihnachtslieder vernehmen, aber so richtig ins Bewusstsein gerückt, ist uns die Weihnachtszeit dort nicht. Wie sollte das auch bei solchen Temperaturen der Fall sein?
„Ich bin sozusagen vom Spagettiträgerkleid in den Wintermantel geschlüpft. Das ist schon ein seltsames Gefühl“, kommentiere ich den Temperaturunterschied. „Aber trotzdem ist der Weihnachtsmarkt am Sonntag Pflicht für uns.“
Wir schaffen es dann am Adventssonntag auch gerade einmal vom Auto bis zum ersten Stand, an dem Mützen, Handschuhe und Schals verkauft werden. Dort stellen wir uns sofort in der Schlange an und erstehen jeder eine schöne warme Wintermütze.
„Das tut meinen Ohren richtig gut“, erklärt Peter und ein Mann neben uns meint zu seiner Frau: „Perfekt, jetzt ist mir wieder warm.“
So ausgerüstet schaffen wir es auch tatsächlich über den Weihnachtsmarkt nicht gerade zu schlendern, aber zügigen Schrittes ihn von einem Ende zum anderen zu überqueren. Danach zieht es uns magisch in das nächste Café.
„Ich brauche jetzt einen schönen warmen Kaffee!“, stellt Peter fest und spricht mir dabei fast aus der Seele. Nur fast, weil ich Teetrinker bin.
Mein Mann setzt seine neuerstandene Mütze ab und ich muss grinsen, woraufhin er mich nach dem Grund fragt.
„Deine kurzen Haare haben mich nur gerade an den Friseurbesuch in Bangkok erinnert. Da hast du mit dem roten Handtuch um den Kopf und deinem weißen Bart ausgesehen wie Santa Claus höchstpersönlich.“
Jetzt ist das Grinsen auf sein Gesicht gewandert:
„Das ist ja auch mein Großvater“, sagt er sehr überzeugend.
„Ich denke, das war Albert Einstein, dessen Foto hast du doch als Kind immer in deiner Geldbörse gehabt und irgendwann hat dich ein Klassenkamerad mal gefragt, ob das dein Opa sei“, erinnere ich mich an eine frühere Erzählung von Peter.
„Na klar“, erklärt mir Peter. „Man hat immer zwei Großväter. Der eine war also Albert Einstein und der andere eben Santa Claus.“
„Sag mal, war in deinem Kaffee ein großer Schuss Alkohol drin?“, frage ich ihn.
„Kannst du dich denn nicht mehr erinnern?“, fragt mich Peter zurück und als er mein ratloses Gesicht sieht, fügt er hinzu:
„Denk mal an deinen Heimtrainer und den Nachbarn deiner Eltern!“
„Spielst du auf diese Geschichte vor über dreißig Jahren an?“, frage ich ihn, weil ich mich dunkel an etwas Lustiges erinnern kann. Peter anscheinend auch, denn er beginnt schon zu erzählen:
„Es war glaube ich am ersten Weihnachtsfeiertag und ich war mit meinem Auto, einem Käfer, unterwegs zu dir und deinen Eltern.“
„Stimmt“, bestätige ich ihn. „Damals waren wir noch Studenten, noch nicht verheiratet und feierten den Heiligen Abend jeder bei den eigenen Eltern.“
Am ersten Weihnachtsfeiertag waren wir bei meinen Eltern und den zweiten verbrachten wir bei Peters Eltern. So war alles gerecht aufgeteilt.
„Ich hatte damals einen Heimtrainer für dich zu Weihnachten gekauft und wollte ihn dir in einer originellen Art und Weise schenken. Deshalb kam ich auf die Idee mit dem Santa Claus“, ruft Peter die Ereignisse wieder zurück in sein Gedächtnis.
„Hast du nicht sogar einen Pappweihnachtsmann gebastelt?“, frage ich ihn und auch bei mir erscheinen wieder die Bilder von damals vor meinem geistigen Auge. „Er sah richtig gut aus und du hast ihn auf den Heimtrainer gesetzt.“
„Ich habe mir auch große Mühe gegeben und ihn in einen Bademantel gehüllt und gut ausgestopft.“
„Und einen langen weißen Bart hatte er auch!“, erinnere ich mich.
„Auf dem Heimtrainer saß er aber erst bei euch zu Hause“, erklärt Peter mir. „Da ich nicht wusste, wie ich ihn die 15 Kilometer von meinem Elternhaus zu deinem Zuhause transportieren sollte, ohne dass er Blessuren erleidet, habe ich ihn kurzerhand auf den Beifahrersitz meines Käfers gesetzt.“
Die Erinnerungen sind auch jetzt bei mir wieder vollständig vorhanden: Peter klingelte damals an unserer Haustür, begrüßte mich und meine Eltern, bat aber mich für einen Moment in mein Zimmer zu verschwinden, weil er eine Überraschung für mich hatte. So schleppte er alles heimlich ins Haus und baute den Heimtrainer mit dem Weihnachtsmann bei uns im Wohnzimmer auf. Sowohl meine Eltern als auch ich hatten viel Spaß bei dieser gelungenen Überraschung.
Nach dem Kaffeetrinken mit Christstollen ( den Peter noch heute zur Weihnachtszeit immer und überall vorgesetzt bekommt, weil er ihn angeblich so gerne mag ) ging Peter noch einmal nach draußen, um seine Geschenke ins Auto zu packen und danach den Bürgersteig vom Schnee zu befreien.
„Schöne Weihnachten“, wünschte er dem Nachbarn meiner Eltern, der ebenfalls gerade dabei war den Schnee vom Gehweg zu schieben.
„Danke! Euch auch schöne Feiertage!“
Ein Wort gab das andere und schon waren die beiden Männer in ein Gespräch vertieft. Der Nachbar,der sich bereits im Rentenalter befand und mit seiner Frau alleine im Haus gegenüber lebte, war immer dankbar für ein bisschen Abwechslung. Anscheinend hatte er heute schon am Fenster gesessen und in das winterliche Treiben hinausgeschaut, denn er machte plötzlich die Feststellung:
„Ich habe vorhin deinen Opa im Auto sitzen gesehen. Das ist ja schön von dir, dass du ihn mitgebracht hast. Wahrscheinlich sitzt er jetzt drinnen am Kaffeetisch.“
Peter war zunächst etwas erstaunt, doch dann wurde ihm klar, wen der Nachbar in seinem Auto hatte sitzen sehen.

Hier, da und dort

Unser Abschied von Bangkok nähert sich in riesengroßen Schritten. Die Zeit vergeht immer ziemlich schnell. Wahrscheinlich liegt es daran, weil hier so viel Andersartige auf uns einströmt. Irgendwie taucht man tatsächlich in eine andere Welt ein, obwohl der sogenannte Kulturschock, der sich bei jedem Europäer zunächst einmal einstellt, bei unseren häufigen Besuchen in der thailändischen Hauptstadt schon längst verflogen ist. Vieles, worüber sich vielleicht ein Neuankömmling verwundert, was ihm befremdlich oder unverständlich vorkommt, ist für uns hier an diesem Ort inzwischen einfach selbstverständlich geworden, beziehungsweise aus Bangkoks Leben und Treiben nicht mehr wegzudenken.

„Möchtest du noch etwas Bestimmtes unternehmen, bevor wir übermorgen in aller Frühe zum Flughafen müssen?“, fragt mich Peter, als wir gerade unser heißgeliebtes Gericht „Stir fried chicken with cashewnuts“ serviert bekommen, aus dem wir erst einmal die getrockneten Chilischoten entfernen (die haben es nämlich höllisch in sich).
„Eigentlich schon“, erkläre ich Peter. „Aber wir sind ja gerade beim Essen.“
Da er mich etwas verwundert anschaut und scheinbar zu einer weiteren Frage ansetzt, füge ich hinzu:
„Ich würde gerne einmal zu Otto!“
„Welcher Otto?“
„Na, zu d e m Otto halt!“
„Ach“, meinem Mann geht anscheinend ein Licht auf. „D e n meinst du! Du willst also in Ottos Schwarzwaldstube. Da müssen wir ins Sukumvitviertel. Klar machen wir.“
„Bei Otto“ liegt in der Sukumvit Soi 20 und hat eine eigene Bäckerei und Metzgerei, wo man deutsches Brot, Kuchen, Weihnachtsplätzchen, aber auch Wurst etc. kaufen kann. Seine Speisekarte ist voll mit deutscher Hausmannskost, wie z. B. Rindsroulade, Schnitzel, Eisbein, Frikadelle….
„Da braucht der Deutsche in Thailand also nicht auf sein geliebtes Schnitzel zu verzichten“, denke ich mir so.
Als wir eintreten, fallen mir eigentlich mehrere Sachen gleichzeitig auf, die an diesem Ort, in dieser Stadt sowohl ein ungewohntes Bild als auch ein Stückchen Heimat und Gemütlichkeit vermitteln. So bedienen hier Thailänderinnen im Dirndl, es hängen Hirschgeweihe an der Wand, auf dem Tresen stehen Bierkrüge und die Einrichtung ist eher rustikal im Sinne einer Bierkneipe in Deutschland.
Wir nehmen an der Bar Platz, bestellen Bier und eine Currywurst, die wir uns teilen, weil wir ja schon gespeist haben, aber uns die Freude hier in diesem deutschen Lokal nicht nehmen wollen. Was mir jedoch am Besten schmeckt, ist das leckere Brot und der Griebenschmalz, den jeder Gast serviert bekommt.
„Hätte ich das gewusst“, sage ich zu Peter, „hätte ich auf die Currywurst verzichtet. Das Brot ist ganz lecker!“
„Eben typisch deutsches Brot!“, meint mein Göttergatte.
„Ja“, denke ich, „und genau das habe ich wahrscheinlich vermisst ohne es zu wissen.“
Mein Blick schweift umher und ich stelle fest, dass bestimmt nur die Hälfte der Besucher Farangs sind. Das Restaurant scheint auch von den Thailändern angenommen zu werden, denn diese sind hier ziemlich gut vertreten. Die Wände sind mit hunderten von kleinen Bilderrahmen quasi schon tapeziert, in denen Fotos von Gästen stecken. Einige Prominente scheinen wohl auch schon unter den Gästen gewesen zu sein, in den vielen Jahren, die Ottos Kneipe hier in Bangkok existiert. So finde ich ein Foto vom jungen Heiner Lauterbach, von Gunther Gabriel, Manfred Krug und Lothar Spät und, und, und. Wir bleiben nicht so sehr lange, denn wir haben noch einiges vor heute Nacht.
So führt uns unser Weg vorbei an bereits weihnachtlich geschmückten und prunkvoll erleuchteten meterhohen Tannenbäumen, Lichtergirlanden und über und über mit Lichtern geschmückten Eingängen von großen modernen Einkaufszentren und Fußgängerüberführungen.
„Das sieht richtig toll aus!“, komme ich ins Schwärmen. „Einfach unbeschreiblich! Ich glaube die Thailänder, die eigentlich Buddhisten sind, lieben Weihnachten besonders, weil es eine Gelegenheit ist ihren Hang zum Kitsch ausleben zu können.“
Sogar innerhalb dieser Zentren gibt es richtige Weihnachtsabteilungen, in denen man allen Schnick und Schnack rund um die Weihnachtsdekoration finden kann, – von Kitschig bis exklusiv. Selbst die Schaufensterpuppen sind weihnachtlich dekoriert mit bunten Kugeln und Weihnachtsmannmützen auf dem Kopf, was manchmal eher etwas lustig wirkt als besonders dekorativ. Sogar typische Weihnachtslieder wie „Jingle bells“ erklingen aus den Lautsprechern. Vor riesigen Weihnachtsengeln und vor von Rentieren gezogenen Schlitten kann man sich fotografieren lassen.
„Und das im tropisch warmen und schwülen Bangkok!“, kommentiert Peter alles und setzt gleich noch hinzu: „Hoffentlich ist es in Deutschland noch nicht so extrem kalt, wenn wir nach Hause kommen.“
„Und Schnee will ich eigentlich auch keinen“, setze ich hinzu. „Höchstens an drei Tagen: Die beiden Weihnachtsfeiertage und Silvester vielleicht noch. Danach darf es gerne wieder mit großen Schritten dem Sommer zugehen.“
„Das erzähl mal lieber dem Petrus dort oben, ich heiße nur Peter und bin nicht für das Wetter zuständig!“, erklärt er mir grinsend.
Nachdem er unser Auto aus dem Parkhaus hinaus chauffiert hat, fahren wir zum Baiyoke Tower, doch bevor wir diesen Turm erklimmen wollen, suchen wir noch einen Massagesalon auf.
„Ich brauche jetzt unbedingt eine thailändische Fußreflexzonenmassage. Mir tun die Füße weh!“, stelle ich fest.
Nachdem wir auf den Massageliegstühlen Platz genommen haben, – Peter bekommt zuvor eine weite Hose verpasst, bei mir erübrigt sich dies, da ich ein Kleid an habe, – werden erst einmal unsere Füße gewaschen. Das ist auch dringend nötig, denn in Sandalen oder Flipflops bleiben die Füße hier auf Bangkoks Straßen nicht gerade sauber. Dann geht es los. Eine Stunde lang werden unsere Füße und Beine, bis hinauf zum Knie massiert und Akupressurpunkte stimuliert. An den Zehen wird gezogenes es knackt und mit einem speziellen Holzstäbchen wird auf bestimmte Punkte auf der Fußsohle gedrückt , wobei unterschiedlichen Organen auch unterschiedliche Akupressurpunkte zugeordnet werden. Dazwischen werden die Füße immer wieder eingecremt und eingeölt. Manchmal muss ich lachen, wenn es an der Fußsohle oder zwischen den Zehen kitzelt, dann freut sich meine Masseurin und schickt mir ein freundliches Lächeln. Zum Schluss erhalten wir noch eine Kopfmassage und auch im Nacken und an den Armen werden einige Punkte durch Drücken stimuliert. Üblicherweise gibt es danach noch einen Tee, aber heute verzichten wir darauf, denn wir wollen ja weiter.
„Das hat richtig gut getan und hat meinen müden, schmerzenden Füßen echt eine Linderung gebracht“, erklärt Peter und fügt mit frischem Elan hinzu: „Komm wir laufen das Stückchen zum Baiyoke Tower.“
Dieser ist mit seinen über dreihundert Metern das höchste Gebäude Thailands. Wir fahren bis in die 84. Etage hoch, was man sich im Aufzug lieber nicht so genau vorstellt. Oben angekommen, fragt mich Peter:
„Willst du mit nach draußen?“
Man kann nämlich noch auf eine offene sich drehende Plattform weiter nach oben, doch das ist nichts für mich und meine Höhenangst und so lässt sich Peter alleine dort oben den Wind um die Nase wehen. Ich kann selbst hier in der 84. Etage nur vorsichtig an die Fenster herantreten. Doch ich versuche es zumindest kurzfristig für ein paar Fotos, danach trete ich einige Schritte von der Scheibe wieder zurück. Trotzdem eröffnet sich mir ein atemberaubender Blick über das nächtliche Bangkok. Obwohl wir schon gefühlte 100mal hier oben waren, ist diese Aussicht immer wieder toll. Was man von hier oben besonders gut erkennen kann und was ich am meisten faszinierend finde, ist der Blick auf die hellerleuchteten Straßen, dieses Über- und Untereinander und sich fast verknotende und verschlungene Ineinander dieser Straßen. Die vielen Lichter lassen Bangkok von hier oben sehr geheimnisvoll wirken. Was mag sich hinter all diesen Lichtern verbergen?

Dies ist sozusagen unser Abschiednehmen von Bangkok bis zum nächsten Mal, denn wir kommen wieder in diese lebendige und voller Leben und Treiben pulsierende Stadt.

 

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Hallo Taxi!

„Wir wollen noch einmal in die Khaosan Road fahren und ein paar Mitbringsel aussuchen. Möchtest du mit?“, fragt Peter unseren damals sechzehnjährigen Sohn.

„Nein“, erklärt uns dieser. „Ich hab keine Lust, ich bleibe im Hotel und bearbeite meine Thailandfotos.“
So gehen Peter und ich zur Rezeption und bitten darum, uns doch ein Taxi zu bestellen, denn in der direkten Nähe der Khaosan Road einen Parkplatz zu finden, ist nicht immer ganz einfach. Diese Straße selbst ist abends und nachts für den Autoverkehr gesperrt, denn dann wird sie zur belebten Fußgängerzone.
Während man sich in Deutschland gut überlegt, ob man eine Strecke mit dem Taxi zurücklegt, lieber ein öffentliches Verkehrsmittel benutzt oder vielleicht sogar zu Fuß geht, verhält sich die Sache in Bangkok ganz anders. Hier steigen selbst die Einheimischen gerne ins Taxi, denn es ist ziemlich preiswert und außerdem ist das Laufen von A nach B aus vielerlei Gründen nicht so einfach wie bei uns. Wie ich schon beschrieben habe, gehört in Bangkok der Bürgersteig niemals den Fußgängern allein und nicht überall kann man einfach mal eben schnell von einer Straßenseite zur anderen wechseln.
Wir überlegen gerade, wieviel verschiedene Taxiarten es hier in Thailand so gibt, denn selbst in Bangkok und Umgebung können sie unterschiedlicher Art sein. So gibt es hier selbstverständlich das, was man bei uns als Taxi bezeichnet, nämlich ein Autotaxi, wofür wir uns in diesem Fall auch entschieden haben.
Daneben gibt es die Tuk Tuks, die ebenfalls als Taxis bezeichnet werden und je nach Gegend unterschiedlich aussehen. In Bangkok fahren die dreirädrigen Tuk Tuks, die eigentlich weltweit bekannt, mit rasanter Geschwindigkeit unterwegs und damit nicht ganz ungefährlich sind.
„In Udon Thani zum Beispiel sehen diese Gefährte jedoch wieder etwas anders aus und basieren mehr auf einem Moped“, versucht mir Peter dieses Fahrzeug wieder ins Gedächtnis zu rufen.
„Stimmt“, sage ich. „Dort sehen sie aus wie ein halbes Moped, dem das Hinterteil fehlt und das durch eine Lade-, bzw. Sitzfläche ersetzt wurde.“
Die dritte Art Taxi zu fahren ist diejenige auf einem Pickup, auf welchem sich auf beiden Seiten der Ladefläche Sitzbänke für die Passagiere befinden. Diese Art ist neben den beiden anderen Varianten beispielsweise in Pattaya sehr häufig. Hin und wieder trifft man in Bangkok, Pattaya und in anderen Städten Thailands, aber meist auf dem Land, noch das Fahrradtaxi, auch Fahrradrikscha genannt,an.
Inzwischen sind wir an einem der Zugänge zu der bei den meisten Touristen bekannten Straße angelangt. Die Khaosan Road ist für viele Touristen ein Muss und so herrscht auch heute hier wieder ein sehr reges Treiben. Hier gibt es Kneipen, Restaurants, Musikbars, Garküchen, Straßenhändler, Massagesalons, Schneidergeschäfte und vor allen Dingen viele Menschen und die Polizei ist hier immer präsent.
Nachdem wir ein paar typische Souvenirs erstanden haben, suchen wir uns wiederum ein Taxi, um zurück zu unserem Hotel, das im nördlichen Teil Bangkoks, in Nonthaburi liegt, zu fahren.
„Pass auf“, warnt mich Peter vor. „Jetzt fangen die Probleme an.“
„Wieso welche Probleme?“, frage ich ihn erstaunt und erhalte nur eine kurze und knappe, aber vielsagende Antwort: „Wart es ab!“
Wir setzen uns in ein Taxi, nennen dem Fahrer die Adresse und das Hotel. Er schaut uns ratlos an. Man muss erwähnen, dass Taxifahrer in Bangkok keine Prüfung machen müssen, wie z. B. bei uns. Somit kennen sie sich in ihrem eigenen Viertel zwar einigermaßen aus, aber wenn es darüber hinausgeht, hört die Kenntnis auch schon auf. Peter erklärt:
„Direction Nonthaburi!“
„No!“ kommt dann auch schon vom Fahrer und er weist uns mit Gesten an wieder auszusteigen.
„Komm, raus hier!“, höre ich Peter sagen. „Er weigert sich uns zu fahren, es ist ihm zu weit vom Stadtzentrum entfernt und er möchte lieber kurze Fahrten machen.“
Das ist zwar verständlich, aber in Deutschland total unmöglich. Da die Fahrt immer schon mit 35 Baht startet, verdient er natürlich mit mehreren kurzen Fahrten wesentlich besser als mit einer langen von der er nicht weiß, ob am Fahrziel ein neuer Fahrgast auf ihn wartet oder er sogar wieder leer zurück fahren muss.
Also steigen wir wieder aus und in das nächste Taxi ein, wo es uns ebenso ergeht. Beim dritten Taxi bietet man uns einen total überhöhten Fahrpreis ohne Taximeter an, denn manchmal sind hier die Taxifahrer auch kleine Gauner. Dies hat zur Folge, dass wir erst gar nicht einsteigen.
„Was machen wir, wenn wir keinen Taxifahrer finden, der uns dorthin fährt?“, frage ich Peter etwas ängstlich, denn wir haben inzwischen schon Taxis aller Farben durchprobiert: Rote, grüne, gelbe, blaue, pinke, orange.
„Wir finden schon ein Taxi. Außerdem können wir auch mit einem Tuk Tuk fahren.“
„Da wird die Sache aber nicht besser aussehen“, schmettere ich seinen Vorschlag ab.
„Dann teilen wir die Fahrt eben in zwei der drei kürzere Abschnitte auf“, lautet Peters optimistische Antwort.
Aber wir finden doch noch einen Taxifahrer, der zwar kein Wort Englisch spricht und auch irgendwie nicht ganz kapiert, wo wir eigentlich hin wollen, der sich aber unser erbarmt. Wahrscheinlich in der Hoffnung das Geschäft des Abends zu machen, denn er geht sogar auf die von uns genannte Pauschale ein, die unserer Erfahrung nach den üblichen Taxigebühren für diese Strecke mit Taximeter entsprechen.
Wir sitzen also in diesem Kühlschrank ähnlichen Taxi drin, an dessen Rückspiegel wie bei den meisten Taxis ein Blumenkranz hängt und der Fahrer brettert los. Er fährt erst einmal aus dem Bezirk heraus und rast dann um eine Kurve und gleich darauf um die nächste Kurve, bis Peter meint:
„Der fährt total in die falsche Richtung!“
Peter versucht ihm zu erklären, dass er umdrehen und Richtung Rama VII Bridge fahren muss.
Das Gestikulieren von Peter scheint er verstanden zu haben, denn beim nächsten U-Turn wendet er auch und rast ziemlich zielstrebig, aber wie uns scheint trotzdem äußerst desorientiert weiter.
Peter bittet ihn anzuhalten, was er auch an der nächsten roten Ampel tut, die wie neben dem Lichtsignal in roten leuchtenden Ziffern angezeigt wird, noch 101 Sekunden auf Rot steht. Peter zeigt ihm auf der Straßenkarte, die er immer bei sich führt, die Richtung und den Weg und erklärt ihm wieder:
„Direktion Rama VII Bridge!“
Der Taxifahrer nimmt die Karte in die Hand, starrt verwirrt darauf, dreht sie auf den Kopf und sagt immer wieder:
„Lamaaa, Lamaaa!“
„Ich glaube, der kann gar nicht lesen!“, vermute ich. „Jedenfalls nicht unsere Schrift, aber ich glaube eher gar nicht.“
Inzwischen ist die Ampel von Rot auf Grün und wieder Rot gesprungen. Peter zeichnet dem Fahrer den Weg anhand von markanten Punkten auf ein Stück Papier auf, was bewirkt, dass dieser vielversprechend meint:
„Ahhh!“
Dann rast er wieder zielstrebig weiter und für ein oder zwei Minuten scheint es so, als habe er jetzt eine innere Eingebung erhalten, doch dann biegt er wieder planlos kreuz und quer ab und Peter versucht erneut sein Glück mit Händen und Füßen.
„Vielleicht wäre es besser Peter würde sich an das Steuer setzen“, überlege ich mir, aber in dieser Gegend waren wir auch noch nie.
Inzwischen hat sich der Fahrer total verzettelt und kapiert gar nichts mehr, da hilft auch die Karte mit der Anschrift vom Hotel nichts mehr. Wir merken ganz deutlich, dass er eigentlich will, aber nicht kann. Es ist also keiner der uns nur in die Irre führen will, um mehr Geld zu bekommen, zumal wir ja auch eine Pauschale ausgehandelt haben.
„Er ist wirklich total verloren und überfordert, kann es aber nicht zugeben, denn er will ja sein Gesicht nicht verlieren“, erkläre ich Peter, der mittlerweile zwischen Verärgerung und Lachanfall schwankt.
Auf einmal klingelt mein Handy und Timo fragt mich:
„Wo bleibt ihr denn? Ihr wolltet doch schon längst wieder da sein!“
„Stimmt!“, meine ich. „Aber der Taxifahrer macht gerade eine Stadtrundfahrt mit uns durch das nächtliche Bangkok oder besser gesagt eine Odyssee“, erkläre ich unserem Sohn.
„Soll ich denen an der Rezeption mal Bescheid sagen, dass sie dich auf deinem Handy anrufen, vielleicht können die helfen?“, fragt mich Timo.
„Nein“, erwidere ich, „aber das ist eine gute Idee. Ich habe ja die Telefonnummer vom Hotel. Ich rufe gleich mal selbst an.“
Gesagt, getan: Nachdem ich jemand von der Rezeption daran habe, derjenigen Person alles erklärt habe, reiche ich mein Handy an den Taxifahrer weiter. Dieser plappert dann auch irgendwie sichtlich erleichtert drauf los. Viele, viele Worte werden gewechselt und irgendwann reicht er mir das Handy nach hinten. Wieder rast er durch die nächtlichen Straßen, aber langsam kommt uns die Gegend auch bekannt vor und zehn Minuten später sind wir wohlbehalten in unserem Hotel angekommen.

Ein anderes Taxierlebnis hatten wir in Jomtem, in der Nähe von Pattaya auf einem Pickup -Taxi:
„Es ist so schwül, ich muss erst einmal ins Hotel und duschen, bevor wir dann zum Essen in ein Restaurant gehen“, fordere ich Peter auf, der auch sogleich ein sich näherndes Pickup -Taxi zu uns heran winkt. Wir steigen auf und setzen uns auf die Bank. Uns gegenüber sitzt ein Farang mit einer Thai und einem thailändischen Kind. Wir sitzen alle schweigend dort oben auf der Ladefläche und lassen uns den Fahrtwind um die Ohren wehen. Verstohlen betrachte ich den deutsch anmutenden Mann, der eine enorme Körperfülle aufweist. Plötzlich bemerke ich, dass Peter diesen Mann fast schon anstarrt. Irgendwie sind mir Peters Blicke in Richtung des Fremden peinlich und ich denke:
„In dieser Art und Weise muss man wohl niemand abscannen!“
Am liebsten würde ich Peter bitten seine Blicke nicht so unverhohlen auf diesen Mann zu richten, aber ich vermute, dass mich der fremde Mann versteht. Hierin sollte ich mich nicht täuschen, denn plötzlich öffnet er den Mund und meint in einem akzentfreien Deutsch:
„Sind Sie nicht der Professor, der vor zwei Jahren neben mir im Flugzeug saß?“

Beim thailändischen Friseur

„Willst du heute ein bisschen Spaß haben?“, fragt mich Peter grinsend.

„Wieso, was hast du denn vor?“, stelle ich die Gegenfrage.

„Ich muss dringend zum Friseur und mir die Haare schneiden lassen“, erläutert mir mein Mann, der in dieser Hinsicht sehr wagemutig und experimentierfreudig ist. Denn auch in der Türkei hat er schon dieses Experiment gewagt und dabei sowohl die Ohren mit einer kleinen Fackel ausgebrannt, als auch den Kopf eingerenkt bekommen. Wohlgemerkt beim Friseur!
„Klar habe ich dazu Lust“, teile ich Peter mit. Erstens geht es nicht um meinen Haarschnitt und zweitens war er schon einmal in Bangkok beim Friseur und das war damals sehr aufregend und lustig. Wir haben also schon eine gewisse Erfahrung, denn auch hier ist alles verglichen mit Deutschland wieder einmal same, same, but different.
So ist das eben, wenn man sich im Ausland die Haare schneiden lässt, – andere Länder – andere Sitten. Umgekehrt geht es den Thailändern nicht anders, wenn sie in Deutschland sind. So erzählte mir eine thailändische Dozentin, dass sie nach dem ersten Haarschnitt in Deutschland erst einmal in Tränen ausgebrochen sei. Das ist auch gar nicht so verwunderlich, denn wer hat in Europa denn schon so großartige Erfahrung mit der Haarstruktur der Asiaten, die ganz im Gegensatz zu unseren „Kopfgewächsen“ steht. Und umgekehrt ist das ebenso der Fall. Peter hat allerdings den Vorteil, dass er sehr viele und dicke Haare hat, die noch dazu so schnell wie Unkraut wachsen.
Wir fahren also in das uns bekannte Friseurgeschäft, wo wir auch sehr freudig und mit der thailändischen Freundlichkeit empfangen werden. Nachdem klargestellt ist, dass Peter derjenige ist, der einen neuen Haarschnitt wünscht, nimmt sich ihm ein schlanker Mann an. Wir erkennen in ihm den Friseur von damals, was uns etwas beruhigt. Nachdem sie unsere höflich und vorsichtig vorgebrachte Bitte, den gesamten folgenden Werdegang fotografieren zu dürfen, mit einem Kopfnicken und Lächeln absegnen, kann es losgehen.
Peter wird in den hinteren Teil des Raumes geführt, indem allerlei Dinge wie Wasserflaschen, Plastikflaschen mit unterschiedlichem Inhalt für den Friseurbedarf vermutlich, Putzeimer, Wischmop, Handtücher, etc. gelagert sind und wo er sich auf einer Art Liegestuhl auf den Rücken legen muss. Sein Kopf liegt in einem Waschbecken. Das ist uns vom letzten Mal bekannt, obwohl er sich damals noch auf eine einfache Pritsche gelegt hat, – das ist also jetzt schon etwas komfortabler geworden. Wir fangen an zu lachen, aber auch die Thailänder haben ihren Spaß und lachen mit. So wird Peter, bzw. seine Haare werden einshampooniert und mehrmals von einer jungen Frau gewaschen. Als er anschließend mit einem roten um den Kopf geschlungenen Handtuch wieder zu seinem Friseur in den vorderen Ladenteil marschiert, sieht er mit seinem weißen Bart aus wie der Nikolaus höchstpersönlich, was wiederum zu allgemeiner Belustigung beiträgt.
Bei einem kurzen Versuch von Smalltalk, stellt der Friseur die bekannte Frage: „Where do you come from?“
„Germany“, antworte ich kurz und knapp, denn jegliche Ausschmückung würde ihn nur verwirren. Sogleich klopft er sich lächelnd an die Brust und erläutert uns:
„I – little English!“, dabei deutet der winzige Spalt zwischen seinem Daumen und seinem Zeigefinger an, dass der Wortschatz tatsächlich äußerst begrenzt sein muss. Aber mit Händen und Füßen und der dazu gehörigen Gestik und Mimik funktioniert alles. So deutet er auf eine der Friseurinnen und meint:
„She – my boss!“
Nachdem ich ihm signalisiere, dass wir ihn verstanden haben, greift er zur Schere und los geht es. Fröhlich schneidet er darauf los und man merkt ihm an, dass es ihm Freude bereitet und er konzentriert arbeitet. Auch das Klicken meiner Kamera stört ihn in keiner Weise.
Peter, der seine Brille beim Haarschneiden immer absetzt und der Dinge harrt, die auf ihn zukommen, wird nun langsam doch etwas nervös.
„Pass doch lieber mal auf, was er so macht!“
„Oh je!“, denke ich. „Wird vielleicht doch etwas kurz, wenn er so weiter schneidet.“ Aber jetzt ist nichts mehr zu ändern, denn die eine Seite ist schon ab.
„Nur Mut! Lass dich überraschen!“, sage ich zu Peter gerichtet.
„Na“, meint er. „Kann ja nicht so viel passieren. Es wächst doch wieder!“
Kopfnickend pflichte ich ihm bei.
Inzwischen habe ich schon eine Menge Erinnerungsfotos gemacht und blicke mich noch ein bisschen im Laden um. Mitten im Raum sitzt ein etwa zehnjähriges Mädchen auf dem Fußboden und bastelt aus einem Karton ein Papphaus.
„Wie ungezwungen das hier zugeht“, denke ich. „Das wäre in Deutschland gar nicht möglich!“

Mein Blick fällt inzwischen wieder auf meinen Göttergatten, der verschiedene Etappen in seinem Aussehen zu durchlaufen scheint. Mit seinem in die Stirn gekämmten Pony sieht er aus wie ein großer bärtiger Junge. Einen Moment später erinnert er mich jedoch an den Sohn der Dinofamilie Sinclair in einer US- amerikanischen Fernsehsendung. Doch anscheinend ist der Endzustand noch nicht erreicht, denn Peter muss nochmals zum Haarwaschen.
Als Peter wieder auf seinem Stuhl sitzt, richtet der Friseur sein Wort oder besser gesagt seine Gesten an mich. Er erkundigt sich, ob er auch Peters Bart und seine Augenbrauen schneiden soll. Nachdem ich hierin eingewilligt habe, Peter wird erst gar nicht gefragt, macht sich der Mann auch diesbezüglich an sein Werk. Dann werden die Haare geföhnt und mit Stylingschaum gestylt und ich muss zugeben, das Ergebnis ist sehr gut. Auch Peter ist vollauf zufrieden und gibt dies auch durch ein gutes Trinkgeld zu erkennen.
Wir haben alle, egal ob deutsch oder thailändisch, viel Spaß miteinander gehabt. Es wird noch ein Abschiedsfoto von Peter und dem Friseur gemacht und zum Schluss zeige ich alle meine Schnappschüsse und die Freude ist auf beiden Seiten groß. Der Friseur lacht und bedankt sich und nachdem er mir noch seine Visitenkarte gegeben hat, erklären wir, dass wir bei unserem nächsten Besuch in Bangkok wieder vorbei kommen werden.

Ob ich mich dann auch traue die thailändischen Friseurkünste zu erproben? Mal sehen!

Übrigens spricht man auch in Thailand vom Hairstylist:

 

Foto Friseur1

Mein Weg zum „7 ELEVEN“

In den vielen Jahren, die wir schon regelmäßig nach Bangkok kommen, haben wir einiges unternommen und auch viel erlebt. Bangkok ist eine moderne, pulsierende Stadt, aber auch ein historischer Ort mit vielen Traditionen. Hier gibt es arm und reich, alt und neu, Glanz und Schmutz dicht beieinander. Kleine Hütten stehen neben großen Villen hinter Mauern oder prunkvollen Tempeln und beeindruckenden Buddastatuen. Moderne Einkaufszentren, Hotels und Restaurants befinden sich in der gleichen Gegend wie die kleinen Stände von Händlern und die sogenannten Garküchen. Bangkok hat viele Gesichter und ist immer eine Reise wert, die ihre kleinen und großen Abenteuer birgt. Man muss diese Stadt einfach erlebt haben, sich mitten in diesem pulsierenden Leben bewegen, um sie zu verstehen. Vielleicht kann ich mit ein paar kurzen Geschichten zumindest einen kleinen Eindruck versuchen zu vermitteln:

Ich bin in unserem Serviced Appartement in Bangkok, Peter ist in der Uni und unterrichtet die thailändischen Studenten, wird aber so in drei Stunden wieder zurück sein. Ich ziehe meine Flipflops an und mache mich auf den Weg zum 7 Eleven (Sprich: Seven Eleven). Der Weg ist nicht weit, vielleicht so 200 bis 300 Meter auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Kein Abenteuer wird jeder jetzt denken. Stimmt in Europa sicher nicht, in Asien und speziell in Bangkok ist dieser Weg voller abenteuerlicher Eindrücke.
Ich verlasse unser Appartement, das sich im 18. Stockwerk befindet und fahre mit dem Lift nach unten. Bevor ich auf die Straße hinaus trete, grüßt mich der wachhabende Sicherheitsmann an der Schranke freundlich. Niemand kann hier einfach rein oder raus, uns kennt man inzwischen, weil wir bereits seit einem Jahrzehnt einmal jährlich in diesem Resort wohnen. Wir erhalten sogar immer das selbe Appartement, sind also schon ein Stückchen zu Hause hier. Im gleichen Moment in dem ich das Gelände verlasse, kommt ein Taxi. Der Fahrer kurbelt das Fenster herunter und der Wachhabende tritt an das Fahrzeug heran. Erst nachdem der Fahrer seine Lizenzbescheinigung an der Schranke abgeben hat, die er erst bei der Ausfahrt wieder erhält, wird die Schranke geöffnet.
Ich marschiere weiter. „Pass gut auf!“, hat Peter mir auch heute wieder gesagt, bevor er mit dem Auto in die Uni gefahren ist. Na ja, hier ist Linksverkehr, aber er macht das mit dem Autofahren ganz prima, nur ab und zu betätigt er den Scheibenwischer anstelle des Blinkers. Gewohnheit.
Aber zurück zu mir: Der Bürgersteig auf dem ich mich befinde, ist der reinste Hindernislauf. Die Bäume, die sich ebenfalls auf dem Bürgersteig befinden, haben so kräftige Wurzeln entwickelt, dass diese die Pflastersteine hochgedrückt haben. Da es sich hierbei nicht nur um ein oder zwei Bäume handelt, muss ich ständig die Füße heben, um nicht zu stolpern. Zwischendrin gibt es Löcher, die bei vorangegangenem Regen Pfützen sind, Hunde liegen schnarchend herum, Schilder müssen umgangen werden, herunterhängende Kabel versperren den Weg, hochstehende Kanaldeckel müssen ebenso umschifft werden wie Laternenpfähle oder sonstige Pfosten. Fahnen, die jemand an eine Mauer gehängt hat, muss man zur Seite schieben und sich an einem Auto vorbei drücken, das auf dem gesamten Gehweg parkt. Ein Hans-guck-in-die-Luft hat es hier schwer. Man kann niemals seinen Blick beim Laufen in die Ferne schweifen lassen, sondern muss im Prinzip mit gesenktem Kopf auf seine eigenen Füße achten.
Peter bezeichnet mich immer als Sicherheitsbeauftragte, weil ich überall (unabhängig davon in welchem Land ich mich befinde) Gefahren sehe: Hier kann man stolpern, dort sollte besser ein Gefahrenhinweis sein, hier kann man fallen und dort kann man sich ein Bein brechen. „Hier hättest du eine Menge zu tun!“, sagt er immer zu mir, wenn ich in Thailand auf diese Stolperfallen hinweise.
Auf meinem Weg schaue ich zwischen die Ritzen eines hohen Tores und erblicke dahinter eine Villa, umgeben von einem wunderschönen Garten. Ich komme an einem Mopedgeschäft vorbei, dessen unzählige Fahrzeuge etwas oberhalb des Gehweges aufgebaut sind, werfe meinen Blick in eine thailändische Werkstatt, die zur Straßenseite hin offen und in deren Inneren gerade eine Familie um einen Tisch versammelt ist. Ein paar Meter weiter sind Farbeimer aufeinander gestapelt und warten auf einen Käufer. Daran grenzt ein chinesisch-thailändischer Massagesalon, einige Schritte weiter ist neben dem Gehweg eine große fotografische Abbildung des thailändischen Königs aufgestellt und rechts daneben befindet sich ein traditionelles Geisterhäuschen, in dem Gaben liegen, damit die Geister den Bewohnern des jeweiligen Hauses wohlgesonnen sind.
So, inzwischen bin ich auf der Höhe des Geschäftes, in dem ich etwas einkaufen möchte, angekommen. Nur befindet es sich auf der anderen Straßenseite. Unmöglich bei diesem Verkehr einfach die Seite zu wechseln. Zebrastreifen und Fußgängerampel gibt es in diesem Bereich nicht, aber eine andere Möglichkeit schon, nämlich eine Fußgängerbrücke führt über die Straße. Dies ist meiner Meinung nach überhaupt der sicherste Weg zum Überqueren einer Straße in Bangkok.
Ich steige also die gefühlten hundert Stufen hinauf und auf der anderen Seite wieder hinunter. Dabei sollte man ebenfalls seinen Blick auf die Füße und die Stufen heften, denn nicht immer sind die Stufen gleich. Sie können zum einen unterschiedlich hoch sein oder sich in einem unterschiedlichen Zustand befinden, d.h. einige von ihnen sind kaputt und man könnte stolpern und fallen.
7 Eleven ist eine „(Mini)supermarktgruppe“ oder eine Mischung aus Supermarkt und Tante Emma Laden (ich weiß nicht wie ich es sonst ausdrücken könnte) und alle paar hundert Meter in Bangkok zu finden. Hier kann man alles Mögliche kaufen: Seife, Shampoo, Zigaretten, Medikamente, Naschereien, Getränke, Tampons, Toilettenpapier, Brot, Butter, Joghurt, Waschpulver, Zeitschriften,…, man findet eben alles. Ich würde sagen, unsere Tankstellen sind noch weit entfernt, befinden sich aber auf dem besten Wege dorthin.
Ich komme also die Stufen der Füßgängerüberführung wieder herunter und stehe auch direkt vor dem Geschäft. Doch ich stehe hier nicht alleine, überhaupt gehören in Bangkok die Bürgersteige niemals den Fußgängern alleine. Frauen mit Ständen, an denen sie Essbares und Getränke anbieten stehen ebenfalls vor dem genannten Geschäft. Hier dampft und brodelt es und ich muss zugeben es riecht verführerisch, doch ich halte mich immer strickt an die Ratschläge meines Hausarztes, niemals Speisen von der Straße zu verzehren (zumal ich schon einmal einschlägige Erfahrungen diesbezüglich gemacht habe). Alles ist hier kreuz und quer vertreten: Die Stände, die Menschen, zwischendrin Hunde und Katzen, Kinder, abgestellte Mopeds, Stühle, Tische, Handkarren… Manchmal, wenn man genau hinschaut kann man auch einmal einen Blick auf eine Kakerlake oder im schlimmsten Fall auch auf eine Ratte erhaschen, aber niemand stört sich hier daran. Das ist eben einfach so.
Ich weiche irgendetwas Feuchtem auf dem Weg aus, umrunde ein tiefes Loch und stehe vor der Ladentür, die sich automatisch mit dem für 7 Eleven typischen Gemisch aus „Tütelüt und Dingdong“ öffnet. Ich betrete das Geschäft und habe gleichzeitig das Gefühl in einen Kühlschrank geraten zu sein. Das ist typisch für Thailand: Alle Räume werden möglichst auf gefühlte 18 Grad herunter gekühlt und keiner außer den Farangs (Ausländer mit weißer Hautfarbe) friert.
Ich schlendere durch die Regalreihen und habe auch bald alles gefunden. Unter anderem habe ich mir aus dem Kühlregal ein Sandwich mit Schinken und Käse ausgesucht. Ich reiche alles der jungen Thai hinter dem Tresen und bezahle. Diese packt meine Einkäufe in eine Tüte und reicht dann ihrem Kollegen das Sandwich, der es in einen Sandwichtoaster steckt. In der Zwischenzeit lasse ich die Simkarte meines thailändischen Handys wieder mit Guthaben aufladen.
Nach ein paar Minuten ist mein Sandwich fertig und ich bekomme es heiß in einer Serviette und wieder in einer Plastiktüte verpackt lächelnd überreicht. Als sich die Glastür vor mir öffnet und ich wieder in das Gewimmel hinaus trete, erschlägt mich fast die Hitze.
Da ich weder im noch vor dem 7 Eleven mein Sandwich essen will und es sowieso noch zu heiß ist, stiefele ich erst einmal die Stufen zur Fußgängerbrücke hinauf, auf der mir Schulkinder, ein Mönch und andere Personen entgegen kommen, bzw. ebenfalls die Stufen nach oben erklimmen. Manchmal sitzen auf den Stufen auch Bettler, die sich immer über eine milde Gabe freuen, heute ist allerdings keiner da. Oben angekommen packe ich mein Sandwich aus. Ich bleibe stehen und lasse das Treiben unterhalb der Brücke auf mich wirken, während ich mein Sandwich verspeise. Auf der Fahrbahn ist inzwischen richtig was los. Hier ist einfach ein riesengroßes Treiben, egal in welche Richtung. Lastwagen und Pkw’s, Pickups, Taxis, Busse fahren dicht an dicht hintereinander, dazwischen schlängeln sich Mopeds und Tuk Tuks durch, sogar einige Fahrradfahrer sind zu sehen. Manchmal denke ich, die Moped- und Fahrradfahrer inmitten des hier herrschenden Chaos in Bangkok sind potentielle Selbstmörder. Bei diesem enormen Verkehrsaufkommen würde ich mich niemals wagen mit dem Fahrrad unterwegs zu sein. Ich habe allerdings tatsächlich schon Farangs gesehen die sich dieser Gefahr aussetzen. Die Mopedfahrer leben meiner Meinung nach ebenso gefährlich. Selten fahren sie allein, meist zu zweit oder dritt, aber ich habe schon ganze Familien auf einem Moped gesehen. So sehe ich auch heute einen Mann, der ein Moped durch den dichten Verkehr lenkt, vor ihm steht ein kleiner Junge auf dem Trittbrett, während hinter ihm ein kleines Mädchen auf dem Schoß seiner Mutter sitzt. Der einzige, der von diesen vier Personen einen Helm trägt, ist der Fahrer. Manchmal denke ich: In dieser Stadt müssen viele Schutzengel unterwegs sein.
Gerade läuft ein Hund in aller Seelenruhe von einer Straßenseite auf die andere, wohlgemerkt es handelt sich um eine sechsspurige Straße. Irgendwie schafft er es sogar heil hinüber, allerdings nur weil der Verkehr mittlerweile recht langsam, fast stockend vorwärts geht.
Es ist unmöglich dieses Treiben zu beschreiben oder auf Fotos abzubilden, man muss es einfach erleben, riechen, schmecken, hören und sehen, also mitten drin sein.
Vorstellen kann man sich allerdings recht gut, dass bei einem solchen Verkehrsaufkommen keine gute Luft herrscht. Deshalb tragen manche Mopedfahrer auch einen Mundschutz und manche Personen, die auf der Ladefläche eines Pickups sitzen ein Tuch vor dem Mund, allerdings nur manche. Die Mehrheit der Menschen atmet Tag für Tag diese durch Abgase belastete Luft „ungefiltert“ ein.
Dieses Gewusel und Gewimmel ist in ganz Bangkok gleich, same, same, but different, wie die thailändischen Händler zu sagen pflegen. Selbst vor dem modernen und teurem Einkaufszentrum „Zentral World“ und auf den Plätzen, Straßen und Gehwegen drumherum findet man dieses pulsierendes Leben, das aus einem enormen Verkehrsaufkommen, Menschen verschiedener Nationalitäten, Händlern und Garküchen, Leuchtreklamen… besteht. Hier findet das Treiben sogar noch auf mehreren Etagen statt. Neben den normalen Straßen gibt es oben drüber noch die sogenannten Highways und den Skytrain. Manchmal ist man dem Gefühl ausgesetzt, dieses Ineinander und Übereinander müsste sich irgendwann und irgendwie verknoten, aber es funktioniert.
Inzwischen habe ich das Treiben unterhalb der Brücke auf der ich stehe, auf mich wirken lassen und mein Sandwich verspeist. Ich trete also meinen Rückweg zum Hotel wieder an. Ein Tuk Tuk fährt einen Moment langsam neben mir her und der Fahrer ruft mir die vereinfachte, aber dennoch eindeutige Frage zu: „Tuk Tuk?“. Nach einem Kopfschütteln meinerseits und einem Kopfnicken seinerseits, braust er mit seinem Gefährt weiter.
Als ich das Gelände unserer Hotelanlage betrete, die übrigens aus vier hohen Türmen inmitten eines parkähnlichen Gartens mit Schwimmingpool besteht, höre ich einen Vogel lautstark rufen, bleibe stehen und richte meinen Blick nach oben. Keine Ahnung, um welche Vogelart es sich handelt, dem Ruf nach gibt es diesen bei uns in Europa nicht, zumindest nicht in der freien Natur. Der Wachhabende an der Schranke sieht meinen Blick, kommt heran und zeigt mit seinem Finger in Richtung der Baumkronen, die ineinander gehen. Er erzählt mir auf Thai vermutlich, dass der Vogel dort oben sitzt und wie er heißt. Ich kann ihn jedoch zwischen den Blättern und Palmwedeln nicht ausmachen. Schade. Ich danke dem freundlichen Mann, richte ein paar englische Worte an ihn, die er wiederum nicht versteht und wir verabschieden uns lächelnd und verbeugend voneinander. Ich betrete die Eingangshalle, wo man mich ebenfalls freundlich begrüßt und mein Englisch ein klein wenig besser versteht, fahre mit dem Lift wieder nach oben und öffne die Tür zu unserem ruhigen, klimatisierten und gut ausgestatteten Appartement.

 

1200px-DSC00265 2.JPG : Weg zum 7Eleven

Über den Wolken

Wer erinnert sich nicht an das bekannte Lied von Reinhard Mey, beziehungsweise dessen einprägsamen Refrain? 

„Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein. Alle Ängste, alle Sorgen sagt man blieben darunter verborgen. Und dann würde was uns groß und wichtig erscheint plötzlich nichtig und klein…“ *
Immer, wenn ich im Flieger sitze und die Wolken betrachte, dort oben einen Sonnenauf- oder -untergang miterlebe, muss ich zugeben: Stimmt, diese unendliche Weite und die Wolken sind faszinierend. Allerdings gibt es auch Menschen bei denen die Ängste durch das Fliegen erst anfangen oder solche bei denen auch über den Wolken das Problemgenerieren nicht aufhört. So zum Beispiel vor zwei Jahren auf unserem Flug nach Abu Dhabi:
Wir haben den Check-in und die Sicherheitskontrollen bereits hinter uns gelassen und befinden uns am Gate. Für uns ist es der Beginn einer langen Reise, denn wir wollen eigentlich nach Bangkok, wo Peter alljährlich für zwei Wochen an der King Mongkut’s University of Technology North Bangkok unterrichtet.
All die Jahre zuvor konnten wir von Berlin im Direktflug in die thailändische Hauptstadt fliegen, doch jetzt ist der Flug mit Zwischenstop. Hierfür gibt es verschiedene Varianten, wir haben uns für den Flug über Abu Dhabi entschieden. Die drei Stunden Aufenthalt in der arabischen Stadt, bzw. auf deren Flughafen, werden uns zwar etwas Bewegung verschaffen, verlängern aber die ganze Angelegenheit nur. Somit beschließen wir schon jetzt, das nächste Mal für zwei Tage in Abu Dhabi zu verweilen.
„Wenn ich die Stunden vom Zeitpunkt des Verlassens unseres Hauses in Cottbus bis zum Eintreffen in der Unterkunft in Bangkok zusammenzähle, so kommen wir locker auf 21 bis 22 Stunden“, rechne ich Peter vor.
„Danach freuen wir uns allerdings umso mehr darauf, uns ins Bett fallen zu lassen und alle Viere von uns strecken zu können“, ersehne ich mir unsere Ankunft.
Wir warten also gerade darauf, dass das Gate geöffnet wird und wir mit dem Bus zum Flugzeug gebracht werden, da dieses eine Vorfeldposition hat. Schon beim Einstieg fällt mir das im Rentenalter befindliche Ehepaar auf, welches dann auch zufälligerweise eine Reihe hinter uns Platz nimmt.
Die übliche Prozedur beginnt, Anschnallen, Ansagen von der Stewardess und dem Flugkapitän, Vorführung der Sicherheitsanweisungen etc. Ich blättere die Bordlektüre durch und wir überlegen, ob wir Peters Eau de Toilette und mein Parfüm im Bordshop kaufen. Schon bald kommt die Stewardess und teilt Getränke aus. Die ersten eineinhalb Stunden vergehen sprichwörtlich wie im Fluge, denn auch das Menü wird bereits serviert. Wie jeder weiß, müssen hierfür die Sitze gerade gestellt sein. -Logisch!
Nach dem Essen und Abräumen geht es dem langweiligeren Teil der Reise zu, denn jetzt ist nur noch abwarten angesagt.
„Ich schlaf jetzt ein bisschen“, kündigt Peter an und stellt seine Sitzlehne schräg.
„Ich bin auch ziemlich müde, aber meistens kann ich im Flieger doch nicht richtig schlafen, aber probieren kann ich es ja mal!“, gebe ich als Antwort zurück und verstelle ebenfalls meine Sitzlehne. Sogleich verspüre ich ein Drücken von hinten. Ich denke mir, dass mein Hintermann wohl versucht den Touchscreen zu bedienen, der an der Lehne befestigt ist.
„Wenn es ebenso ist wie bei meinem, dann funktioniert er nicht sofort und man muss fester drücken“, gestehe ich meinem Hintermann gedanklich zu.

Peter brummelt irgendetwas Unverständliches, aber ich versuche es mir gerade in den engen Sitzreihen so gemütlich wie nur möglich zu machen und achte nicht weiter darauf.

„Langsam geht mir das ewige Gedrücke aus der Hinterreihe doch etwas auf den Nerv“, denke ich gerade, denn es hat sich massiv verstärkt und wird sehr unangenehm. Unvermittelt und unabhängig von meinen Gedankengängen dreht sich Peter plötzlich nach hinten um und fragt leicht verärgert:
„Ist irgendetwas nicht in Ordnung?“
„Ja!“, tönt es von Peters Hintermann. „Stellen Sie sofort Ihren Sitz gerade!“ Wohlgemerkt: Dies ist keine Bitte, eher ein strenger Befehl.
Im gleichen Moment habe ich das Gefühl von hinten durch den Sitz in den Rücken getreten zu bekommen und gleichzeitig beginnt meine Lehne durch ein Rütteln von hinten zu wackeln. Jetzt drehe auch ich mich um und erkenne, dass ich mich nicht getäuscht habe, aber auch, dass das Drücken zuvor ebenfalls nicht unbeabsichtigt war.
„Entschuldigung, aber Sie können doch auch Ihren Sitz nach hinten lehnen, das machen jetzt alle so!“, erkläre ich dem Rentnerpaar, das uns beiden ärgerliche Blicke schickt. Ich drehe mich wieder um und versuche erneut etwas zu ruhen.
Schon wieder erhalte ich einen Tritt in den Rücken. Peter anscheinend auch, denn jetzt reagiert er in einem leicht gereizten Ton:
„Würden Sie das bitte unterlassen!“
„Kann ich irgendwie helfen?“, fragt die nette Stewardess, die plötzlich neben unserem Sitz steht. Wir erklären ihr, dass wir ständig in den Rücken getreten werden und an unseren Sitzen gerüttelt wird, weil wir unsere Sitzlehne verstellt haben. In einem freundlichen Ton fordert sie die Fluggäste hinter uns auf, dies zu unterlassen. Kaum hat sie sich allerdings abgewandt, rebellieren die Beiden jedoch weiter, indem das Treten fester und das Rütteln stärker wird.
„Schon wieder!“, sage ich leise zu Peter, der mir bestätigt, dass es bei ihm genauso ist.
Als würde die Stewardess etwas ahnen oder hätte es aus den Augenwinkeln heraus mitbekommen, dreht sie sich abrupt wieder um und erklärt nochmals in einem relativ netten und zuvorkommenden, aber dennoch bestimmenden Ton, dass wir nichts Unrechtes getan haben.
„Bitte unterlassen sie dies, sonst muss ich den Purser holen!“
Das Rentnerpaar gibt keinen Laut von sich, sondern schaut die Flugbegleiterin nur mit großen erstaunten Augen an. Nach fünf Minuten allerdings ist hat die Ermahnung anscheinend ihre Wirkung verloren, denn wir verspüren erneut Tritte.
Jetzt wissen wir uns nicht mehr anders zu helfen und Peter betätigt den Klingelknopf. Sofort eilt auch schon die Stewardess in Begleitung des Purers herbei.
„Welches Problem haben Sie denn?“, fragt er sogleich unsere „Hintermänner“.
„Wir haben hier überhaupt keinen Platz, weil die Leute vor uns unverschämterweise ihre Sitze nach hinten gelehnt haben“, erklärt der ältere Herr.
„Ja“, sagt der Purser. „Das ist das Recht eines jeden Fluggastes. Stellen Sie doch ebenfalls Ihre Lehne schräg, dann haben Sie auch wieder mehr Platz.“
„Nein, das wollen wir aber nicht! Wir möchten, einen anderen Platz!“, fordert der ältere Mann.
„Tut mir leid, aber wir sind voll besetzt. Allerdings würde es Ihnen überall genauso ergehen, egal wo Sie sitzen. Alle Fluggäste haben jetzt die Lehnen gekippt.“
In der Annahme, die Sache geklärt zu haben, wenden sich die beiden Flugbegleiter zum Gehen um. Im selben Moment erhalte ich schon wieder einen Tritt von hinten. Automatisch entfährt mir ein Aufschrei: „Au!“
Blitzartig dreht sich der Purser um und ermahnt das Paar hinter uns in einem sehr autoritären Tonfall:
„Ich sage es Ihnen jetzt zum letzten Mal: Unterlassen Sie dies bitte! Ansonsten sehe ich mich genötigt ihre Personalien aufzunehmen und diese am Flughafen der Polizei zu übergeben.“
„Das hat gesessen“, flüstere ich Peter zu.
Ich muss zugeben, dass diese Drohung des Flugpersonals Wirkung zeigte, allerdings anscheinend aber keine Einsicht, denn Peter erzählte mir später:
„Als das Licht im Flugzeug ausging, erhielt ich von hinten noch die Ansage: ‚Sie werden heute Nacht keine ruhige Minute haben!‘ “
Anscheinend wurde das ältere Ehepaar dann jedoch vom Schlaf übermannt, denn wir erhielten keine weiteren Tritte und auch keine Drohungen mehr. Ich befürchtete schon sie könnten eventuell auch nach Bangkok weiterfliegen, aber ich habe sie nie wieder gesehen. Was ich ehrlich gesagt auch nicht bedauere, denn wenn für diese Menschen dort oben schon solche Streitfaktoren existieren, frage ich mich:
„Wie mag es dann unten auf der Erde sein?“
Eine Sache jedoch bereitet mir noch einige Kopfschmerzen. Zu mir hat nämlich einmal jemand gesagt: „Im Leben trifft man sich immer ein zweites Mal!“ …

„Über den Wolken
Muss die Freiheit wohl grenzenlos sein
Alle Ängste, alle Sorgen
Sagt man
Blieben darunter verborgen
Und dann
Würde was uns groß und wichtig erscheint
Plötzlich nichtig und klein“ *

*Mey, Reinhard: Über den Wolken (1974) http://www.songtexte.com/songtext/reinhard-mey/uber-den-wolken-43da0737.html (Stand: 20.11.2014)

 

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Spieglein, Spieglein …

Wir wollen gerade das Haus verlassen, da fällt mein Blick gewohnheitsmäßig in den großen Wandspiegel in unserer Diele. „Haare in Ordnung, Jacke, Hose und Schuhe sind perfekt aufeinander abgestimmt, kein Fleck, Lippen sind geschminkt…“ In Sekundenschnelle habe ich alles an mir abgescannt und zufrieden festgestellt, dass ich so unter die Menschheit gehen kann. 

Peter hat meinen Blick aufgefangen und versucht mich zu ärgern:
„Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist wohl die Schönste im ganzen Land?“
„Ha,ha, ich bin weder die Schönste, noch eine böse Stiefmutter. Ich wollte nur mal kurz alles überprüfen“, kontere ich. Oder ist es einfach nur Selbstverteidigung?
„Und dabei hast du den Nutellafleck im rechten Mundwinkel übersehen“, startet er einen neuen Versuch.
Obwohl ich genau weiß, dass er mich auf den Arm nimmt, erfolgt blitzschnell noch ein zweiter Check (ich könnte mich ja doch irgendwie blamieren) und gleich darauf ein Knuff in Peters Rippen.
„Was würdest du nur ohne Spiegel tun?“, fragt er mich daraufhin.
„Und du?“, stelle ich die Gegenfrage.
„Ich bin ein Mann und ich brauche einen Spiegel, um mich zu rasieren. Das ist ganz was anderes. Frauen brauchen ständig einen Spiegel.“
„Ach ja? Und wer wollte die vielen Spiegel in unserem Haus?“
„Aber nur, weil die Spiegelung Räume noch größer erscheinen lässt!“
„Die Unordnung aber auch! Und meine Arbeit! Immerhin muss ich sie putzen!“, halte ich ihm entgegen.
Dieses kleine Streitgespräch fand an dieser Stelle seinen Abbruch, doch mir ging die Sache mit dem Spiegel nicht so recht aus dem Sinn. Mir fiel ein Artikel ein, den ich neulich in meiner Psychologiezeitschrift (Anna Gielas, „Das Aussehen ist nur ein geringer Teil meiner Identität“, in: PSYCHOLOGIE HEUTE compact, Heft 38 (2014),S. 66ff ) gelesen habe. In diesem Interview hat die amerikanische Soziologin Kerstin Gruys erzählt, dass sie ein ganzes Jahr darauf verzichtete in den Spiegel zu schauen. Mal ehrlich, so unter uns, ich halte das für absolut schwierig, denn mein Spiegel ist zu einer absoluten Selbstverständlichkeit geworden und überall wird man mit Spiegeln oder wiederspiegelnden Flächen konfrontiert. Auch beim Autofahren sind z.B. Rückspiegel und Außenspiegel äußerst wichtig und hin und wieder erhascht man dabei auch einen kurzen Blick auf sich selbst.
„Gehörst du auch zu den Frauen, die sich den Rückspiegel so einstellen, dass sie sich an der Ampel mal eben die Lippen nachziehen können? Und überhaupt dienen Spiegel doch auch gewaltig der Eitelkeit, oder?“, fragt Peter ohne wirklich eine Antwort zu erwarten.
Diese erhält er auch nicht von mir, sondern nur einen Augenaufschlag, der alles und nichts bedeuten kann.
Mir fällt ein, dass es inzwischen in Mode gekommen ist, sogenannte Selfies mit dem Handy zu machen. Also auch eine Art Spiegel.
Meinem Mann erkläre ich dann noch: „Mein Spiegel ist für mich ein sehr wichtiger Gesprächspartner.“
Ja, mein Spiegel „spricht“ sozusagen mit mir: Schon morgens nach dem Aufstehen sagt er mir die schonungslose Wahrheit: „Du siehst aber noch ganz schön müde aus!“ Und so geht es den ganzen Tag über weiter: „Du solltest dir deine Haare waschen!“ oder: „Deine Schminke ist verschmiert!“ Er konfrontiert mich mit meinen Makeln und meinen Schwachstellen. Manchmal ist er aber auch richtig nett zu mir, nämlich dann, wenn er sagt: „Gut siehst du heute aus!“ oder: „Das Kleid steht dir aber gut!“
„Überhaupt“, sage ich zu meinem Mann, „ist der Spiegel ein wichtiger Bestandteil in unser aller Leben.“
„Irgendwo hast du schon Recht, wenn ich es mir genau überlege. Oftmals sind Spiegel schon sehr hilfreich. Man muss nur an die Funktion der Spiegel in der Medizin, z.B. beim Zahnarzt denken.“
Inzwischen haben wir angefangen zu wetteifern, wem die meisten Spiegelarten einfallen: Taschenspiegel, Autospiegel, Ganzkörperspiegel, Badezimmerspiegel, Garderobenspiegel, Handspiegel, der Spiegel in einem Periskop…
Ich überlege noch, wie diese amerikanische Soziologin wohl so komplett ohne Spiegel zurecht kam, da fordert mich mein Mann auf:
„Denk doch mal an Abu Dhabi!“
Jetzt kommt mir dieses Erlebnis auch wieder ins Bewusstsein:
Wir waren gemeinsam in Abu Dhabi und unser Weg führte uns auch in eine der größten Moscheen der Welt, nämlich in die Sheikh Zayed Moschee, deren weiße Kuppeln und Türme schon weithin leuchten. Der Bus mit dem wir eine Sightseeingtour unternommen hatten, hielt vor dieser prachtvollen und atemberaubenden Moschee, die aus dem Märchen von 1000 und einer Nacht entstammen könnte. Wir stiegen aus und folgten der Menschenmenge. Aufsichtspersonen wiesen uns den Weg in den unteren Bereich des Gebäudes.
„Wo gehen wir denn hin?, erkundigte ich mich.
„Keine Ahnung, dort unten ist in jedem Fall das Parkhaus“, erklärte Peter, dem ebenfalls die Ratlosigkeit ins Gesicht geschrieben stand. Immer weiter ging es die Gänge entlang bis wir schließlich vor einer Absperrung standen. Den Schildern und den Gesten der Sicherheitsleute konnte man entnehmen, dass hier die Frauen aufgefordert wurden sich ein Gewand auszuleihen. Hierbei handelte es sich um die sogenannte Abaya, ohne die keine Frau das Innere dieser Moschee betreten darf und die als traditionelle Verhüllung der Muslima gilt. Zuvor mussten wir allerdings unseren Personalausweis abgeben.
„Ich habe meinen im Hotel“, stellte ich fest und befürchtete schon, dass ich nicht eingelassen werden würde, da ich mir demzufolge keine Abaya ausleihen hätte können. Nachdem uns allerdings erklärt wurde, dass ich auch den Ausweis meines Mannes nehmen könnte, reihte ich mich wie alle anderen Frauen in die Warteschlange ein. So erhielt ich nach ein paar Minuten das schwarze Kleidungsstück, das ich über meine eigene Kleidung zog und wurde dann noch aufgefordert mein Haar ebenfalls zu bedecken. In diesem Raum gab es keinen Spiegel und so legte ich zwar diese Art einer Robe an, war aber gezwungen meine Gewohnheit der Betrachtung des eigenen Spiegelbildes abzulegen. Dies war für mich, die immer nach dem Ankleiden einen Blick in den Spiegel wirft, sehr ungewohnt, allerdings ein winziger Einblick in das Experiment der oben schon erwähnten amerikanischen Soziologin. Und dabei habe ich mehrere wichtige Erfahrungen gemacht:
Zuerst stellte ich fest, dass meine Neugier oder nennen wir es Wissbegierde stärker war als mein Bedürfnis das für mich als Christ Ungewohnte an mir zu sehen. Ich wollte einfach diese prachtvolle, überaus kostbar ausgestattete und märchenhaft anmutende Moschee besichtigen und das Tragen der Abaya war für mich der Ausdruck dafür, dass ich diese Tradition einer anderen Religion achte und akzeptiere. Dadurch geriet mein Äußeres und das anfänglich starke Bedürfnis mein Spiegelbild zu sehen doch in den Hintergrund. Aber es war nicht völlig verschwunden, denn die ersten Minuten sagte ich sicherlich mehrmals zu meinem Mann:
„Ich würde mich jetzt doch gerne einmal in einem Spiegel betrachten.“
„Schau doch einfach in ein Glaselement, eine Glastür oder ein Fenster. Darin kannst du dich doch bestimmt spiegeln“, empfahl mir Peter. Da jedoch alles so reichhaltig verziert war, konnte ich höchstens schemenhafte Umrisse von mir erkennen. Ich muss allerdings auch zugeben, dass mich dieses Bedürfnis auf einmal auch nur noch nebensächlich tangierte. Die Moschee selbst hatte mich viel zu sehr in Ihren Bann gezogen und etwas Ehrfürchtiges ging von ihr aus, auch wenn ich einem anderen Glauben angehöre.
„Ich habe dich fotografiert“, erklärte Peter. „Willst du mal sehen?“
„Nein, jetzt nicht. Die anderen Frauen tragen doch auch eine Abaya“, antwortete ich, „irgendwie sind sie in gewisser Hinsicht eine Art Spiegel für mich.“ Ich erkannte, dass ich meine Bekleidung bereits zumindest teilweise vergessen hatte. Ganz vergessen, konnte ich diese allerdings nicht, da ich bedingt durch die Länge des Kleidungsstückes immer darauf bedacht sein musste, nicht über dessen Saum zu stolpern. Des Weiteren musste ich auch darauf achten, dass mir meine Kopfbedeckung (eine Kapuze) nicht herunter rutschte.

„Wenn das in Abu Dhabi doch so gut ohne Spiegel geklappt hat, willst du dann nicht auch einmal ausprobieren ein Jahr lang keinen Spiegel zu benutzen?“, frage ich mich insgeheim und gebe mir auch sofort selbst die Antwort darauf:
„Nein! Das will ich nicht!“

„Sag mal“, frage ich Peter am Abend unvermittelt, „warum heißt das Spiegelei eigentlich Spiegelei?“

 

1200px-DSC09977.JPG:Moschee

 

„Hat Astrid denn kein Schmuckkästchen?“

Diese Frage stellte vor fast zwanzig Jahren die Tochter einer Bekannten. Das kleine Mädchen dachte, ich würde immer meinen gesamten Schmuck am Leibe tragen, denn das kannte sie von ihrer Mutter, die eher selten Schmuck trug, nicht. Ganz so schlimm war und ist es allerdings nicht, aber ich konnte und kann meine Liebe zu Schmuck nicht verleugnen. Und die begann schon im zarten Kindesalter.

Bei unseren alljährlichen Besuchen bei meiner Omaur (sprich: Uroma, von der ich schon an anderer Stelle berichtet habe) in Rottach – Egern, lernte ich mit ungefähr zwei oder drei Jahren auch deren Schwester kennen. Von ihr ging für mich eine derartige Faszination aus, dass ich sie nie mehr vergessen sollte. Diese Frau war über und über behangen mit Schmuck. An ihr glitzerte und klimperte sprichwörtlich alles. Sie trug an jedem Finger einen oder teilweise sogar mehrere Ringe, mehrere Armbänder und Ketten. Von den Ohrringen und der Uhr ganz zu schweigen. Ich konnte meinen Blick von dieser Frau gar nicht abwenden, dies fiel auch meinen Eltern auf. Von diesem Zeitpunkt an, war meine Freude über jedes einzelne Schmuckstück, das ich geschenkt bekam riesengroß, doch Ohrringe und Ringe liebe ich bis heute am allermeisten.
„Ohne Ohrringe gehe ich nie aus dem Haus“, erklärte ich einmal einer Bekannten. „Denn sonst würde ich mich irgendwie nackt fühlen.“
Man kann jetzt sagen, dass diese Leidenschaft vererbt sein mag oder vielleicht auch nur abgeschaut. Egal, ich mag einfach Schmuck, ob echt, ob unecht, ob aus Gold oder Silber oder einfach nur Modeschmuck.
Deshalb passe ich auch auf meinen Schmuck besonders gut auf. Doch als ich neulich im Internet den Aufruf von Stern TV las, in welchem die Besitzerin eines Eherings gesucht wurde, die diesen verloren hatte, musste ich doch der Tochter meiner Bekannten recht geben:
„Mit Schmuckkästchen wäre das nicht passiert!“ (Jedenfalls nicht, wenn sich das Schmuckstück darin befindet.)
Ich fragte mich allerdings auch: „Wie kann man seinen Ehering verlieren?“
„Wie kann man überhaupt einen Ring verlieren?“, grinste mich mein Mann an. „Oder weißt du, wie so was passieren kann?“
Da traf mich plötzlich der Schlag oder besser gesagt ein Geistesblitz, mit dem schlagartig meine Erinnerung einsetzte:
Es ist schon ein paar Jahre her. Ich weiß, dass es ein sehr stressiger Tag war, an dem ich viel zu erledigen hatte. Ich musste dort und hier hinfahren und dies und das erledigen. Zum Schluss war dann noch der Wocheneinkauf angesagt.
„Wollen wir heute in die Sauna gehen?“, fragte mich mein Mann dann auch noch am Abend.
„Ich bin total geschafft von diesem Tag heute“, meinte ich. „Aber warum nicht?“
Also wurden die beiden Sporttaschen für die Sauna gepackt, ich legte meinen Schmuck auf den Küchentisch und los ging es. Es war ein schöner und gemütlicher Abend. Und anschließend saßen wir mit Bekannten noch ein Weilchen in der „Saunabar“. Beim Abschied fiel mein Blick auf meine Hände. „Ich habe meinen Ring verloren!“ (Wohlgemerkt: Meine Ringe trage ich Tag und Nacht, die ziehe ich nie aus, ich wechsele sie höchstens.)
„Ach Quatsch!“, sagte mein Mann. „Welchen überhaupt? Sag jetzt nicht, dass es der ist, den du schon zweimal verloren hast!“
Ich nickte vorsichtig, denn genau um diesen Ring handelte es sich. Einmal hatte ich ihn im Urlaub verloren und ihn zwischen den schmutzigen Handtüchern gefunden und ein anderes Mal fiel er mir sogar in die Toilette. Ich konnte jetzt allerdings nur hoffen, dass alle guten Dinge drei sind, denn die beiden anderen Male hatte ich ihn ja wieder gefunden. Oder sollte ich besser Antonius von Padua anrufen, dieser Heilige gilt nämlich auch als Wiederbringer von verlorenen Sachen. Zunächst einmal beschloss ich allerdings selbst zu suchen, denn weit konnte der Ring meiner Meinung nach nicht sein.
Wir marschierten noch einmal in die inzwischen leeren Saunakabinen, in die Dusche und die Umkleide. In jeder Ritze schauten wir nach, konnten aber nichts finden. Frustriert beschrieb ich dem Saunabesitzer das Aussehen meines Ringes.
„Ich melde mich, wenn wir ihn finden!“, versprach er mir, doch ich glaubte nicht so recht daran, ihn in der Sauna verloren zu haben. Mein Mann hatte mich mittlerweile auch total verunsichert. Ich fragte mich insgeheim, ob ich ihn wirklich getragen hatte. Also fuhren wir nach Hause und suchten dort alles ab. Nichts! Der Ring blieb verschwunden. Ich war tieftraurig.
„Wo warst du denn heute überall?“, erkundigte sich Peter.
Ich berichtete von meinem Tag und fügte zum Schluss hinzu: „Als ich meine Jacke anzog, um noch einkaufen zu fahren, da hatte ich ihn noch, denn ich bemerkte, dass er rutschte!“
„Da haben wir es doch!“,stellte er fest. „Den hast du wahrscheinlich beim Einkaufen verloren! Dann liegt er irgendwo zwischen den Regalen.“
„Oder auf dem Parkplatz!“, überlegte ich weiter.
„Ruf einfach morgen im Markt an, vielleicht hat ihn ja jemand gefunden und abgegeben.“
Damit wollte ich mich jedoch nicht zufrieden geben und beschloss: „Ich fahre jetzt noch mal hin und suche auf dem Parkplatz.“
Der Blick meines Mannes auf unsere Küchenuhr sprach Bände. Er schien mich für total verrückt zu halten, denn die Uhr zeigte kurz vor Mitternacht an.
„Ich fahre. Kommst du mit?“
Da er mich um diese Zeit nicht alleine auf einem Parkplatz bei tiefster Finsternis herumlaufen lassen wollte, setzte er sich murrend hinter das Steuer und wir fuhren los.
„Wie willst du hier was finden?“
Peter leuchtete mit den Scheinwerfern des Autos den Parkplatz ab und ich lief suchend kreuz und quer. Selbst bei den Einkaufswagen, die brav in der Parkstation standen, suchte ich. Allerdings überall vergeblich.
„Lass uns endlich heimfahren! Der ist weg und bleibt weg!“
Männer, wie können die nur so gefühllos sein! Ich wollte einfach noch nicht aufgeben. Sicher, er konnte ebenso schon gefunden worden sein oder ich hatte ihn an einer anderen Stelle verloren.
„Nur noch ein Versuch! Bitte!“
Ich ging nochmals zu der Stelle, von der ich annahm, dass ich auf einem dieser 3 oder 4 Parkplätze geparkt hatte. Peter fuhr mir hinterher und erleuchtet wieder alles. Zentimeter für Zentimeter suchte ich alles mit meinen Augen ab.
„Lass doch endlich!“
„Nur noch hier drüben. Komm mal mit dem Auto ein Stückchen näher, damit ich mehr Licht habe!“
Widerwillig folgte Peter meinen Anweisungen: „Dann ist aber endgültig Schluss!“
„Ich weiß“, dachte ich noch, da sah ich im Scheinwerferlicht etwas glitzern.
„Das wird nur ein kleines Kieselsteinchen sein“, schoss es mir durch den Kopf. Ich ging aber doch zu der Stelle hin und bückte mich. Da lag er! Mein Ring! Ganz friedlich lag er in einer Fuge zwischen den Pflastersteinen. Vollkommen unbeschadet. Überglücklich hob ich ihn auf. Wahrscheinlich strahlte ich ebenso wie damals als Kind, als meine Puppe Rita wieder zu sprechen anfing (habe ich bereits in einer anderen Geschichte beschrieben.)
„Da hast du aber Glück gehabt!“, kommentierte Peter meine Freude. „Stell dir mal vor, er wäre dir in den Altglasbehälter oder in den Müll gefallen. Ich will mir gar nicht erst ausmalen, wie unsere Suche dann heute Nacht ausgesehen hätte.“
„Meinst du, es war wirklich nur Glück?“, fragte ich ihn. „Vielleicht war es aber auch Zauber, Magie oder doch einfach nur Zufall“, philosophierte ich strahlend.
„Das ist mir im Moment vollkommen egal, ich will jetzt einfach nur nach Hause und endlich in mein Bett.“
Da ich mich noch nicht dazu entschließen konnte diesen Ring verkleinern zu lassen, liegt er seither wohlbehütet in meinem Schmuckkästchen. Vielleicht sollte ich ihn jedoch als Glücksbringer an einer Kette um den Hals tragen. Das muss ich mir noch einmal durch den Kopf gehen lassen. Aber wofür habe ich dann ein Schmuckkästchen und wie war die Frage der Tochter meiner Bekannten noch einmal???

Aus dem Leben meiner Küchenuhr

Ich stehe um die Mittagszeit in meiner Küche und bereite gerade meinen Auflauf vor. 

„So“, denke ich „in einer halben Stunde stelle ich ihn in den Ofen und dann habe ich noch ungefähr 35 – 40 Minuten Zeit bis das Essen fertig ist.“ Ein Blick auf meine Küchenuhr bestätigt mir, dass ich dann genau pünktlich fertig bin, wenn mein Mann seine Aufräumarbeiten in unserem Garten beendet haben will. Mein Blick bleibt weiter an meiner Küchenuhr hängen. 

„Was die wohl schon alles erlebt hat?“, frage ich mich insgeheim.

Von ihrem Vorleben weiß ich nichts, nur, dass sie eines hat. Ich fand sie in einer Kiste auf dem Flohmarkt.
„Wahrscheinlich stammt sie aus einer Haushaltsauflösung“, überlege ich mir. „Und bestimmt war sie einst ein richtiges Schmuckstück.“
Da lag sie ganz unscheinbar und unbeachtet zwischen anderen altertümlichen Sachen. Mir fiel sie auf. Warum weiß ich selbst nicht so genau. Wahrscheinlich durch ihre grüne Farbe. Diese taucht auch in meiner Bucheküche auf, die Arbeitsplatte, der Apothekerschrank und die beiden kleinen Regale tragen ebenfalls diese Farbe zur Schau. Ich glaube, damals habe ich den Händler auf drei DM runtergehandelt. Immerhin konnte er mir noch nicht einmal glaubhaft versichern, ob sie tatsächlich noch funktionieren würde.
Peter hat sie ebenfalls vom ersten Moment an gemocht, doch er sah auch, dass ihre ehemalige Schönheit zu verblassen begann. Er reinigte sie und polierte ihre Messingzeiger so lange bis sie glänzten. Dann malte er ihre Ziffern 1 bis 12 goldfarben an. Danach erstrahlte die Küchenuhr wieder in ihrem alten neuen Glanz.
„Vielleicht hat ihr die liebevolle Behandlung gutgetan“, wandern meine Gedanken weiter, denn man glaubt es kaum, aber die Uhr funktioniert. Brav zeigt sie jedem der es wissen will, wieviel die Stunde geschlagen hat. Manchmal gleiten unsere Blicke in freudiger Erwartung einer bestimmten Uhrzeit auf ihr Zifferblatt, aber manchmal hängen sie auch ängstlich an ihren Zeigern. Dann nämlich, wenn wir uns wünschen, diese würden sich langsamer drehen und uns nicht ständig zur Eile antreiben.
In ihrem Vorleben muss sie jedoch schon eine Art Herzinfarkt erlitten haben, denn man hat ihr mit einem neuen Uhrwerk sozusagen ein neues Herz transplantiert. Und es läuft und läuft, gesetzt den Fall man wechselt hin und wieder den Herzschrittmacher, sprich die Batterien aus.
Inzwischen ist sie zwar schon ein bisschen in die Jahre gekommen, aber unbeirrt zeigt sie uns Tag für Tag die Zeit. Sie gehört noch zur alten Garde, denn sie ist weder digital noch über Funk gesteuert. Deshalb müssen wir ihr zweimal im Jahr ein bisschen auf die Sprünge helfen. Dann nämlich, wenn der Wechsel zur Sommerzeit und dann wieder zur Winterzeit angesagt ist. Doch sie dankt uns diesen Dienst mit ihrer Treue und Beständigkeit. Lautlos drehen sich ihre Zeiger, egal ob Tag oder Nacht. Sie stört uns nicht durch Ticken oder Schlagen, denn Bescheidenheit ist ihre Zier.
Und so hängt sie in meiner Küche und wacht über das Leben innerhalb dieser vier Wände.
Schmunzelnd muss ich mir eingestehen: „Mit Sicherheit ist ihr Leben bei uns nicht langweiliger als in einer Hexenküche oder sogar in des Teufels Küche, denn auch in meiner Küche ist immer etwas los.“
Hier wird gebrodelt und gekocht, manchmal ist Dampf in der Bude und manchmal züngeln die Flammen aus einem Topf empor. Hier wird gekocht und gegessen, gelacht und diskutiert, gearbeitet und gespielt, getanzt und gesungen …. hier vibrieren die Wände voller Leben. Doch meine grüne Küchenuhr hängt fest an ihrem Nagel und lässt sich nicht aus der Ruhe bringen, egal was auch immer in meiner Küche passiert. Und hier passiert ständig was, so auch jetzt:
Inzwischen sind die Zeiger meiner Küchenuhr auf ein Uhr mittags gewandert. Würde sie mit Glockenschlag diese volle Stunde anzeigen, dann wäre ihr Schlag exakt mit dem Klingeln an unserer Haustür zusammengefallen.
Ich stelle den Auflauf in den Ofen und eile dann zur Tür, vor der unser Sohn und eine Kommilitonin stehen. Beide haben vollgepackte Tüten und Taschen in den Händen.
„Hi“, sage ich, „was habt ihr denn vor?“
„Erst mal was zu essen kochen und dann an unserem Projekt weiter arbeiten!“, erklärt mir Timo, während er in meine Küche stürmt und alles dort auf der Arbeitsplatte abstellt.
Seine Kommilitonin begrüßt mich und marschiert ebenfalls in meine Küche. Sie packen ihre Einkäufe aus und beginnen zu werkeln. Wie ich die Sache überschaue, wollen sie sich Schnitzel in die Pfanne hauen, eine Pilzsoße mit Bandnudeln dazu machen und über alles Käse drüber. Innerhalb von zehn Minuten, wie mich meine Küchenuhr wissen lässt, hat sich meine Küche in das reinste Schlachtfeld verwandelt. Ich bin nur froh, dass ich eine Spülmaschine besitze, denn ich kann mir vorstellen, dass hinterher keiner mehr Lust auf den Abwasch verspürt. Ich verziehe mich erst einmal zu meinem Mann in den Garten, denn meine Ratschläge sind hier bestimmt nicht gefragt. Außerdem müssen die jungen Leute selbst ihre Kocherfahrungen machen. Ich werfe ihnen nur noch ein „Macht doch die Dunstabzugshaube an und ruft mich, wenn mein Auflauf im Backofen fertig ist!“ entgegen und verschwinde kurz nach draußen.
Als ich wieder nach gefühlten 25 Minuten in meiner Küche erscheine, wo übrigens alle drei Fenster und die Tür sperrangelweit offen stehen, damit die Rauchentwicklung besser abziehen kann, sagt mir meine Küchenuhr, dass mein Auflauf schnellstens aus dem Ofen muss.
Während Peter und ich auf unserer Terrasse speisen, lassen es sich die beiden jungen Leute in der Küche schmecken. Mir wird beim Anblick des Chaos in diesen vier Wänden fast schwindelig. Teller, Töpfe und Pfannen stapeln sich neben der Spüle.
„Könnt ihr nicht die Sachen gleich in die Spülmaschine stellen?!“, frage ich, woraufhin Timos Kommilitonin die Teller einräumt und mein Sohn achselzuckend erklärt: „Schau doch mal auf die Uhr, es ist schon nach zwei und wir haben noch nicht angefangen.“
„Ach, wie die Zeit vergeht“, sage ich nur und mache mich an die Säuberungsarbeit in meiner Küche.
Plötzlich kommt mein Mann in die Küche gestürmt und starrt erschrocken auf die Küchenuhr. „Ich hab ja in einer halben Stunde eine Besprechung. Wieso ist es denn schon so spät? Das kann doch gar nicht sein. Geht die Uhr denn überhaupt richtig?“
„Exakt“, bestätigt unser Sohn, der die Zeigerstellung der Wanduhr mit der digitalen Anzeige auf seinem Handy verglichen hat.
Mein Mann stürmt nach oben ins Badezimmer und zehn Minuten später wieder in die Küche. Gerade will er zur Haustür hinaus marschieren, da klingelt unser Telefon. Die Besprechung ist abgesagt und weil sie auf einen anderen Termin verschoben wird, beschließt Peter von zu Hause aus zu arbeiten. Er packt seinen Laptop wieder aus und setzt sich zu den beiden jungen Leuten an unseren ausgezogenen Küchentisch. Diese haben neben ihren Laptops noch einen weiteren großen Bildschirm aufgebaut, damit sie ihre Konstruktionen (beide sind Architekturstudenten) besser begutachten und diskutieren können. Da ich jetzt auch noch meinen Laptop auspacke, um zu arbeiten, erinnert dieser Raum inzwischen eher an einen Computerpool als an eine Küche. Zwischendrin schleicht unsere Katze von einem zum anderen, um sich Milch und Leckerlies verabreichen zu lassen.
Mehr als drei Stunden später, ich war mittlerweile noch schnell beim Bäcker um Brot für das Abendessen zu holen, betrete ich wieder meine Küche, um festzustellen, dass sich mein Mann in sein heimisches Büro verzogen und die Anzahl der Studenten sich verdoppelt hat. Zu Viert wird jetzt an mehreren Modellen gearbeitet.
„Wann müsst ihr denn eigentlich fertig sein?“, frage ich die Studenten.
„Morgen haben wir Präsentation und bis genau null Uhr müssen alle CAD Daten via E-mail übermittelt sein“, erklären sie mir.
„Naja, das sind noch gute fünf Stunden und wenn ihr schon beim Modellbau seid, dann reicht euch die Zeit ja“, erwidere ich.„Hoffentlich!“, meint Timo, wir haben da noch ein paar Änderungen in der Konstruktion zu machen.“„Und damit läuft wieder einmal der Countdown“, denke ich mir und packe meine Einkäufe aus.

„Habt ihr denn keinen Hunger?“, richte ich meine neue Frage an die Studenten.
„Keine Zeit!“, klingt es fast gleichzeitig aus allen Richtungen, d.h. vom Fußboden her, auf dem die Bauteile für die Modelle zugeschnitten werden und vom Küchentisch her, wo man diese Teile zusammenbaut.
Um unsere Studenten, meinen Mann und mich nicht verhungern zu lassen und so wenig wie möglich zu stören, schmiere ich leckere Brote, viertele Tomaten und richte diese mit Gürkchen auf einem Teller an. Der einzige freie Platz in meiner Küche ist jetzt nur noch mein Cerankochfeld, also stelle ich hier alles zusammen mit Getränken hin und lade alle ein zuzugreifen.
Kauend wird weitergearbeitet und immer wieder wandern die Blicke zu unserer Küchenuhr. Irgendwie ahne ich jetzt schon, dass es wieder einmal spannend und ein Wettlauf mit der Zeit wird.
Während Peter und ich uns ins Wohnzimmer verziehen, dringen aus der Küche unterschiedliche Laute herüber. Anscheinend läuft der Küchenfernseher und gleichzeitig die Stereoanlage. Hin und wieder höre ich irgendwelche Diskussionen, die sich um das eine oder andere Bauteil drehen, zwischendurch ertönen in gewissen Abständen immer wieder Zeitdurchsagen, bis dann eine Dreiviertelstunde vor Abgabetermin laute Schimpfkanonen losgelassen werden. Verwundert schauen wir uns an und erkennen, dass sich dort in der Küche irgendwelche Probleme auftun, die anscheinend den Zeitplan in Frage stellen. Schon stürmen auch Timo und seine Kommilitonen in unser Wohnzimmer. Ihnen ist die Verzweiflung ins Gesicht geschrieben.
„Werdet ihr nicht rechtzeitig fertig oder was ist los?“, will ich wissen.
„Das wird nichts“, erklärt Timo und als ich stirnrunzelnd auf die betrübten Gesichter blicke, fügt ein Student hinzu: „Wir sind fertig, aber die E-mail geht nicht raus! Das „nudelt“ jetzt schon 5 Minuten, aber die Datenmenge ist zu groß und die Verbindung zu langsam.“
„Los, auf!“, kommandiert Timo plötzlich. „Packt zusammen, wir düsen in die Uni und schicken von dort die Mail raus!“
In Windeseile schultern alle ihre Rucksäcke und schnappen sich ihre Laptops, Timo sitzt schon im Auto und startet den Motor, dann rasen sie los. Ich marschiere in die Küche, werfe einen Blick auf meine Küchenuhr, die genau 15 Minuten vor Mitternacht anzeigt, bevor mich fast der Schlag trifft. Hier liegt alles kreuz und quer: Papierschnitzel, Kleber, fast fertige Modelle, aufgeschlagene Notizblöcke und Bücher, dazwischen Getränke und verstreute Gummibärchen. So gut es geht versuche ich etwas Ordnung in das Chaos zu bringen. Zwischendurch heftet sich mein Blick immer wieder an meiner Küchenuhr fest. Unbarmherzig gleiten die Zeiger der Zwölf entgegen. Noch drei Minuten. Noch zwei Minuten. Mein Mann fängt meinen Blick auf und sagt nur:
„Wird schon!“
„Noch eine Minute!“, entgegne ich nur.
Ich wage kaum zu atmen, da stehen auch schon beide Zeiger übereinander. Ich lasse mich gerade auf einen Küchenstuhl sinken, da piepst mein Handy:
„Geschafft!“, steht auf dem Display und ich hole erst einmal tief Luft und ein Strahlen erscheint auf meinem Gesicht.
Zehn Minuten später erscheinen die Studenten wieder und bauen bis in die frühen Morgenstunden an ihren Modellen weiter, um nach drei Stunden Schlaf in unseren Gästebetten und einem kurzen Frühstück zur Präsentation in die Uni aufzubrechen.
Unaufhaltsam drehen sich währenddessen die Zeiger unserer treuen Küchenuhr weiter.

Kindheitserinnerungen

Als ich neulich meiner Mutter erzählte, dass wir mit Freunden auf einem Oktoberfest gewesen waren, zeigte sie mir ein wunderschönes kleines Dirndl. Es war mein Dirndl, das ich als Kleinkind getragen hatte. Auf einmal begann ich mein Gedächtnis nach Kindheitserinnerungen zu durchforsten. Und das ist dabei herausgekommen:

Kein Kind mag das Haarewaschen besonders gern, aber heutzutage ist es nur halb so schlimm wie früher. Schon allein die Tatsache, das Wasser über den Kopf laufen zu lassen, ist nicht jedermanns Sache. Außerdem kann es zu dem unerwünschten Nebeneffekt kommen, dass Shampoo in die Augen gerät. Als ich noch ein kleines Kind war, hatte ich sehr lange Haare und somit war auch noch das Auskämmen nach dem Waschen eine Qual. Spülungen, die die Haare leichter kämmbar machten, gab es damals noch nicht. Es ziepte und zog an den Haaren. Ich schrie aus Leibeskräften: „Hilfe, Hilfe!“ Meine liebevolle Mutter war zwar sehr vorsichtig und versuchte mich auch zu beruhigen, aber leider vergeblich. Das hatte zur Folge, dass unsere damalige Vermieterin an der Wohnungstür klopfte:
„Was machen Sie denn mit Ihrem Kind?“ fragte sie meine Mutter.
„Ach“, meinte diese, „kommen Sie ruhig herein! Ich wasche meiner Tochter nur die Haare und das kann sie nicht leiden!“ Die Vermieterin sah mich mit meinen nassen und verzausten Haaren und lächelte:
„Ja, ja das zieht ganz schön! Aber da bin ich beruhigt, dass alles in Ordnung ist!“

Ich kann mich noch genau erinnern als mein Grundschullehrer uns Zweitklässler fragte:
“Na, was habt ihr in den Sommerferien denn so gemacht? Erzählt doch mal!“ Sofort schnellte mein Finger in die Höhe, denn auch ich wollte von meinen Ferienerlebnissen erzählen. Irgendwann war es dann auch soweit, mein Lehrer forderte mich auf: „So, Astrid dann erzähle mal!“
„Wir sind nach Rottach – Egern gefahren, das ist 600 Kilometer entfernt und liegt in der Nähe von München.“
Vor inzwischen mehr als 40 Jahren war dies nahezu eine Weltreise und es würde mich nicht wundern, wenn ich eines der wenigen Kinder war, die damals schon so weit weg gereist waren.
Interessiert fragte mein Lehrer auch weiter: „Was habt ihr denn dort gemacht?“
„Wir haben dort die Tante meines Vaters und seine Oma besucht. Das ist nämlich meine Omaur“, berichtete ich stolz.
„Astrid, das heißt ‚Uroma‘“, berichtigte mich der Lehrer.
„Nein“, erklärte ich ihm inbrünstig, „das ist meine Omaur!“
Das war sie und das bleib sie für mich zeitlebens. Auch wenn ich heute an meine Urgroßmutter zurückdenke, die mit ihren fast neunzig Jahren noch mit mir Federball gespielt hat, dann denke ich liebevoll an meine „Omaur“.

Nein, ich esse meine Suppe nicht!“
Diesen Satz des Suppenkaspers kennt wohl jeder aus dem Struwwelpeter. Ich war auch so ein kleiner Suppenkasper, denn ich kann mich genauestens erinnern, wenn meine Mutter ihre Lieblingssuppe auftischte. „Die schmeckt echt lecker!“, versuchte sie mir die Gemüsesuppe im wahrsten Sinne des Wortes schmackhaft zu machen. Ich versuchte auch artig meinen ohnehin nur halb vollen Teller zu leeren, was allerdings für mich unmöglich war. Ich konnte alle Zutaten in dieser Suppe sehen und genau dies ließ sich meinen Magen schon beim Anblick derselben umdrehen. Meine Mutter befürchtete schon, dass ich die drei oder vier mühsam und mit geschlossenen Augen in mich hinein beförderten halb gefüllten Löffel wieder von mir geben würde. Sie war meist auch mit ihren Überredungskünsten am Ende und kochte mir einen Grießbrei. Dann allerdings kam sie auf einen anderen Trick: Sie pürierte einfach die Zutaten und machte daraus eine Cremesuppe und siehe da, Klein-Astrid aß ohne zu murren ihren ganzen Teller Suppe auf und es schmeckte sogar. Bis zum heutigen Tag gibt es bei uns nur pürierte Suppen, denn auch unser Sohn ist ein solcher Suppenkasper.

Den Reim vom Teddybär beim Seilspringen kennt bestimmt noch jeder, denn eigentlich wird er von Generation zu Generation mündlich überliefert:

„Teddybär, Teddybär dreh dich um!
Teddybär, Teddybär mach dich krumm!
Teddybär, Teddybär heb ein Bein….“
Ich kann mich noch gut erinnern, wenn wir Kinder uns in unserer Straße zum Spielen trafen. Wir waren mehr als zehn Kinder im gleichen oder ähnlichen Alter und im Grundschulalter gingen wir nicht nur in die gleiche Schule, nein, zum Teil auch in die selbe Klasse. Damals fuhren kaum Autos durch unsere Straße, die in einem Neubaugebiet lag und außerdem noch eine Sackgasse mit Wendehammer war. Genau dieser Wendehammer bot uns ausreichend Platz für unsere Gummitwist-, Federball-, Versteck- und Seilspringspiele. Besonders, wenn es an Sommerabenden lange hell war oder auch, wenn es schon leicht dämmrig wurde, dann spielten wir Versteck im Dunkeln oder ließen unseren Federball über die über die Straße gespannte Beleuchtung fliegen.

Haarige Geschichten kann ich außer der obigen noch mehrere erzählen. In den sechziger Jahren, zu deren Beginn ich geboren wurde, trugen die Mädchen ihre langen Haare selten offen. So hatte ich anfangs lange Zöpfe, einen dicken Zopf, einen Knoten auf dem Kopf oder einen Knoten am Hinterkopf, aus dem ein Pferdeschwanz herausfiel. Diese letzte Frisur entstammte dem Film „Bezaubernde Jeannie“ mit Barbara Eden und Larry Hagman. Sah auch wirklich bezaubernd bei mir aus, aber der Nachteil war, dass sich diese Frisur durch das Hüpfen beim Gummitwist regelmäßig auflöste. So saß ich dann oftmals im Schulunterricht mit offenen Haaren. Man wird es nicht glauben, aber ich schämte mich dann richtig und traute mich nicht nach vorne zu schauen. Wenn ich mich auf Fotos mit den bis zum Po reichenden offenen Haaren sehe, dann kann ich jetzt jedoch nur staunen. Sah einfach toll aus und ich kann selbst nicht verstehen, warum ich mich dessen geschämt habe. Immer wenn sich meine Mutter ihre Haare beim Frisör schneiden und frisieren ließ, fragte man mich aus Spaß, ob sie denn meine Zöpfe auch abschneiden sollten. Ich verneinte dies immer, bis zu dem Tag an dem ich ja sagte und alle versuchten mich umzustimmen. Trotzdem wagte ich diesen entscheidenden Schritt und die Zöpfe kamen ab. Ich erzählte allen, ich würde mir später davon einmal ein Haarteil machen lassen. Bis heute liegen diese beiden Zöpfe eingewickelt in Zeitungspapier in einer Schublade bei meiner Mutter. Sie haben all die Jahrzehnte unbeschadet überstanden und sehen aus, als hätte man sie mir gestern erst abgeschnitten.

Eine Freundin von der Post hatte ich auch. Damals gab es noch ein Postamt und der Chef der ansässigen Post wohnte mit seiner Familie direkt über dem Postamt. Er war der Vater meiner Freundin und zugleich der Bruder meines Grundschullehrers. Wir waren richtig dicke Freundinnen und besuchten uns mehrmals in der Woche nach der Schule zum Spielen. Eines Tages ging meine Freundin gleich mit mir nach Hause ( wir wohnten an entgegengesetzten Enden der Stadt ). Auf die Nachfrage meiner Mutter, ob denn ihre Eltern Bescheid wüssten, antwortete sie nur, es sei schon in Ordnung. Damals hatten wir noch kein Telefon, also konnte meine Mutter auch die Eltern meiner Freundin nicht informieren. Doch dieses Problem sollte sich lösen. Ich kann mich nicht mehr erinnern, was wir spielten, aber ich weiß noch genau, dass es Rahmspinat zum Mittagessen gab. Wir saßen gerade beim Essen, als es vor unserem Haus hupte. Vor der Tür stand ein Postauto: „Ist denn die Anne da?“, fragte der Briefträger. „Ihre Eltern haben sich schon gedacht, dass sie bei Astrid ist!“

Ich war vielleicht zwei oder drei Jahre, als meine Eltern wieder einmal mit mir nach Rottach – Egern zu meiner Omaur (Uroma) fuhren. Ob ich mich selbst noch an diese Geschichte erinnern kann oder nur, weil man sie mir immer wieder erzählt hat, kann ich nicht mit Gewissheit sagen. Auf jeden Fall ging die Tante meines Vaters mit mir zu einem Bauern. Sie wollte mir eine Freude machen und so holten wir dort frische Milch, die wir in der Milchkanne transportierten. In der Küche setzte ich mich dann an den Tisch und die Tante stellte mir ein Glas Milch hin.
„So Astrid, trink mal schön, die ist ganz frisch und lecker!“
Ich sah sie mit großen Augen an. Zu Hause hatten wir auch eine Milchkanne und damit holten wir immer unsere Milch von Herrn und Frau Bickert, die in der Stadt umherfuhren und von einem Auto aus Milch, Eier, Butter, Käse usw. verkauften. Sie selbst hatten diese aus der Molkerei unserer Stadt geholt, die von den ortsansässigen Bauern beliefert wurde. Und so schaute Klein – Astrid jetzt von dem Glas Milch zu der Tante und meinte ganz ernst:
„Nein, ich trinke keine Kuhmilch, – ich trinke nur Bickertsmilch!“

Tegernsee und Rottach – Egern sind für mich mit sehr schönen Erinnerungen verbunden. Zum einen, weil ich dort alljährlich mit meinen Eltern meine Omaur besuchte und zum anderen, weil ich dort auch Freunde gefunden hatte. Die Nachbarin der Tante bekam nämlich in den Ferien ebenfalls Besuch von ihrer Nichte und ihrem Neffen. Wir spielten dann immer zusammen und hatten sehr viel Spaß. Wir wateten mit den Füßen durch das eiskalte Bergwasser der Weißach, spazierten durch die Heide oder schwammen im Strandbad des Tegernsee. Während wir beiden Mädchen in einem Alter waren, gehörte der Neffe einer jüngeren Altersgruppe an. Er lernte erst noch das Schwimmen und Tauchen. Jetzt sollte man meinen, dass er dies im Strandbad geübt hätte, was für das Schwimmen auch zutraf, aber nicht für das Tauchen. Das übte er fleißig bei seiner Tante auf dem Grundstück in einem Regenfass.

Schokolade und Kaugummi lieben alle Kinder. Auch hieran habe ich eine Kindheitserinnerung. Da ich aus Hessen komme, also aus den alten Bundesländern, waren bei uns die Amerikaner als Alliierte stationiert. Immer wenn diese Manöver hatten und mit den Panzern und ihren Jeeps durch die Gegend fuhren, standen wir Kinder am Straßenrand und riefen: „Chewinggum, Chewinggum!“
Die Amerikaner strahlten uns dann an und warfen uns tatsächlich Kaugummi und Schokolade von ihren Fahrzeugen herunter. Das war für uns Kinder immer ein tolles Erlebnis.

Erinnern kann ich mich noch ganz genau an Fahrten mit einem ganz besonderen Auto, das heute ein seltener, aber toller Oldtimer ist. Dieses Gefährt besaßen unsere damaligen Vermieter, ein älteres Ehepaar. Wir wohnten zu dieser Zeit am Rande der Kleinstadt Schotten und so fuhren die Beiden immer mit ihrem Auto zum Einkaufen in die Stadt. Wenn sie zurückkamen, liefen wir Kinder ihnen entgegen, um die letzten Meter mitgenommen werden zu können. Leider konnte sich dieser Wunsch immer nur für einen, höchstens zwei von uns erfüllen, denn normalerweise passen in eine Isetta ( das laut Lexikon übrigens ein Rollermobil von BMW ist und als Gefährt zwischen Motorrad und Automobil eingeordnet wird ) nur zwei Personen, Fahrer und Beifahrer. So wurde die vordere und einzige Flügeltür geöffnet und man ließ mich auf den Schoss des Fahrers. Ob zu diesem Zeitpunkt noch ein weiteres Kind auf dem Schoss der Beifahrerin saß, entzieht sich meiner Erinnerung.

Regelmäßig hielten wir an der gleichen Stelle, an der wir auf die Amerikaner mit ihren Panzern und auf die Vermieter mit ihrer Isetta warteten, auch noch ein anderes Auto an. Hierbei handelte es sich um das Postauto und zwar um einen Transporter. Auch hier ließ man uns freudig zusteigen und wir durften die letzten paar Meter mitfahren. Wir waren sozusagen schon in zartem Kindesalter Tramper.
Man muss dazu sagen, dass mich rückblickend meine Kindheit ein bisschen an Astrid Lindgrens Bullerbü erinnert, denn auch wir Kinder waren eine eingeschworene Gemeinschaft, wohl behütet, bei Postboten, Milchmann und Milchfrau etc. bekannt und verbrachten viel Zeit in der freien Natur. Eine Kindheit, die man nur jedem Kind wünschen kann.

Interessant fand ich auch immer die Fahrten mit meinem Vater. Manchmal nahm er mich sonntags im Auto mit, während meine Mutter zu Hause das Mittagessen vorbereitete. Dann hatte ich als Kind meinen Vater für ein oder zwei Stunden für mich ganz allein. Er war es auch, bei dem ich meine ersten Lenk- und Fahrversuche auf abgelegenen Feldwegen machen durfte. Wir redeten bei unseren kurzen Sonntagsausflügen über dies und das. Ich weiß nicht mehr, worüber wir redeten, aber es ist mir in sehr schöner und harmonischer Erinnerung geblieben. Leider habe ich nicht mehr die Gelegenheit dies meinem Vater zu sagen, denn er ist jetzt schon seit mehr als dreißig Jahren tot und hat zwar noch Peter kennengelernt und auch unsere Verlobung mitgefeiert, aber unsere Heirat und die Geburt unseres Sohnes Timo nicht mehr miterlebt.

Neulich fing mein Mann plötzlich an zu husten. „Ist bei dir eine Erkältung im Anmarsch“, fragte ich ihn. Er konnte mich jedoch beruhigen, denn er hatte sich nur sozusagen an seiner eigenen Spucke verschluckt. Trotzdem fiel mir etwas aus meiner Kindheit ein:
Ich denke, damals war ich ungefähr vier Jahre ( ich sollte nochmals bei meiner Mutter das genaue Alter erfragen). Ebenso wie in Bullerbü steckten wir Kinder immer zusammen und damit steckten wir uns auch gegenseitig mit Kinderkrankheiten an. Eine meiner kleinen Spielkameradinnen hatte ihren Cousin besucht und hatte sich bei ihm mit Keuchhusten angesteckt. Das brachte sie uns anderen dann gewissermaßen als Geschenk mit. So husteten und spuckten wir alle, was zur Folge hatte, dass niemand alleine war. Wir konnten alle getrost weiter miteinander spielen.
Die Impfung gegen Keuchhusten gab es anscheinend damals noch nicht oder war noch nicht so verbreitet und als Timo geboren wurde, war sie noch etwas umstritten, soweit ich mich erinnere. Auch er machte den Keuchhusten durch. Das bewirkte dann allerdings, dass auch mein Mann einen seltsamen Husten etc. bekam, der jedoch laut Untersuchungen und Labortests kein Keuchhusten gewesen sein sollte. Es wunderte uns nur, dass im Endeffekt die halbe Firma, in der Peter damals arbeitete, ebenfalls von dieser Huster- und Spuckerei befallen war.

Noch immer existieren meine beiden Lieblingspuppen, ich glaube sie liegen auf dem Dachboden meiner Mutter. Die eine hieß Moni und hatte dunkle lockige Haare und die andere war eine Lauf- und Sprechpuppe mit langen braunen geraden Haaren. Sie war eigenhändig von mir über dem Waschbecken auf den Namen Rita getauft worden. Wenn ich sie auf den Boden stellte, sie wie ein kleines Kind an ihrer linken Hand hielt und ihren Arm leicht nach oben und unten bewegte, machte sie kleine Schritte und lief somit neben mir her. Zwischen ihren Schulterblättern konnte man eine Schnur herausziehen und beim Zurückziehen sprach sie Sätze wie:
„Ich hab dich lieb, Mama!“
Eines Tages jedoch zog sich der Faden nicht mehr zurück und Rita sprach kein Wort mehr. Ich war tieftraurig und weinte. Immer wieder fragte ich:
„Wann kommt Papa nach Hause? Er muss mir meine Puppe wieder reparieren.“
Mein Papa konnte nämlich alles wieder reparieren und „Geht nicht, – gibt’s nicht!“ war sein Leitspruch. Doch dieses Mal schienen seine Künste zu versagen, er konnte machen, was er wollte, aber das Schnürchen zog sich nicht zurück und Rita blieb stumm. Auch mein Bitten und Betteln half nichts. Meine Eltern waren angesichts meiner Trauer selbst schon geknickt, da legte mein Vater die Puppe auf den Rücken. Und siehe da! Das Wunder geschah und Rita sagte:
„Ich bin sooo müde!“
Jeder kann sich jetzt sicherlich das Strahlen im Gesicht der kleinen Astrid vorstellen!

Eigentlich kann ich mich nur noch an meinen Opa väterlicherseits erinnern. Meine Omi, also die Mutter meines Vaters, starb als ich gerade einmal zwei Jahre alt war. Meine Erinnerungen an sie stammen von Fotografien und Erzählungen. Die Eltern meiner Mutter habe ich leider nie kennengelernt, da sie lange vor meiner Geburt schon verstarben.
Meinen Opa hatte ich sehr gerne und ich freute mich auch, wenn ich manchmal das Wochenende bei ihm verbringen durfte. Bei uns in der Stadt gab es damals ein kleines Café, in dem man auch Eis kaufen konnte. Ich glaube es hieß Café Rennstrecke. Immer wenn mein Opa dort einen Kaffee trank, bekam ich ein Eis. Ich dachte jedenfalls es sei ein Eis, da man mir das so erzählte, doch eigentlich war es Sahne. Aber eines Tages schickte mich mein Opa alleine ins Cafe hinein und er wartete draußen. Ich bestellte mir ein Eis in der Waffel und bekam auch ein Eis, aber es sah anders aus als sonst. Logisch! Später am Abend war es mir ganz schlecht, ich hatte Bauchschmerzen und spuckte. „Das kommt von dem komischen Eis!“, erklärte ich und aß fortan kein Eis mehr. Viele, viele Jahre vergingen quasi eislos und ich war schon in der Grundschule als ich es doch eines Tages mit einem Schokoladeneis versuchte. Es schmeckte mir und es blieb auch bei mir. Somit wurde Schokoladeneis bis zum heutigen Tage zu meinem Lieblingseis.

Richtig Spaß hat mir anscheinend das Ostereiersuchen im Kleinkindalter gemacht. Eigentlich weiß ich die Geschichte aus Erzählungen meiner Mutter. Demzufolge waren wir Kinder eingeladen im Garten eines Nachbarn nach Ostereiern zu suchen. Also nahm ich mein Körbchen und marschierte mit den anderen mit. Irgendwie scheine ich eine Art siebten Sinn gehabt zu haben, denn ich ging einfach nur von einem Nest zum anderen. Ich fand eigentlich alle versteckten Ostereier. Die anderen wären leer ausgegangen, hätten die Nachbarn nicht unauffällig für Nachschub gesorgt, damit die anderen Kinder auch noch ein paar Ostereier in ihre Körbchen legen konnten. Zum Schluss hatte ich ungefähr 30 bunte Eier gefunden und mir mussten die Erwachsenen helfen alles nach Hause zu tragen.

Und wollen wir mit den Rollschuhen fahren?“, fragte mich eine Schulkameradin. Ich liebte es und konnte es auch ziemlich gut, nicht so wie mein Mann, der es anscheinend nie gelernt hat. Und auch Timo tat sich mit den vier Rollen unter jedem Fuß etwas schwer als Kind, Inlineskaten stellte für ihn allerdings kein Problem dar.
Doch zurück zu meiner Kindheit: Besagte Freundin stürzte an diesem Nachmittag. Sie lag auf dem Bauch und gab glucksende Laute von sich. Wir anderen standen um sie herum und lachten, denn wir deuteten diese Laute als Lachen. Doch schon bald merkten wir, dass es sich um Weinen handelte, das auch nach gutem Zureden nicht versiegte. Kurzum, sie hatte sich beide Arme gebrochen. Mir klingt noch heute dieses Weinen in den Ohren.

Noch eine Erinnerung habe ich an meinen Opa. Immer wenn wir das Haus verließen und in die Stadt gingen, setzte er seinen Hut auf. Begegneten wir auf unserem Weg Bekannten, so lüftete er seinen Hut und machte einen Diener. Dies war allerdings zu den damaligen Zeiten üblich. Eigentlich eine schöne Geste, doch heute längst überholt. Übrigens: Ich habe als kleines Mädchen auch gelernt einen Knicks zu machen, den ich noch heute einwandfrei beherrsche. Ob ich dabei jedoch in königlichen Kreisen bestehen könnte, bezweifele ich allerdings. Ich denke hierbei müsste ich doch noch ein wenig üben.

Gerüche können Erinnerungen hervorrufen. Dies ist eigentlich allbekannt und das habe ich auch am eigenen Leibe schon erfahren. Als ich mit meiner Familie vor fast zwei Jahrzehnten vom Westen in den Osten Deutschlands zog, erreichte meine Nase gar mancher „Duft“, der mich an meine Kindheit erinnerte. So zum Beispiel der Geruch von Rauch, der aus manchen Schornsteinen in den Himmel zog, weil die Bewohner des Hauses mit Holz und Kohle heizten. Oder der Geruch in dem alten Schulgebäude, das unser Sohn in den ersten Jahren seiner Schulzeit besuchte, war genau der Geruch des Schulgebäudes meiner Schulzeit. Zumindest meinte ich regelrecht meine Kindheit zu riechen.

Ein anderer Geruch wurde von meiner Mutter immer hochgepriesen. Wer jetzt denkt, dass ich hier von der Weihnachtsbäckerei schreibe, irrt sich gewaltig. Nein, die Rede ist von einem sogenannten Duft der Natur. Jedes Mal wenn wir durch eines der Dörfer fuhren, die rund um unsere Kleinstadt angesiedelt waren, meinte meine Mutter:
„Tief durchatmen! Das ist gute Landluft! Die ist gesund!“
Ich für meinen Teil konnte nichts Gutes daran finden. Ich fand einfach nur, dass diese Misthaufen ekelig stanken.

Noch Jahre bevor ich in die Schule kommen sollte, war ich auf einem Kindergeburtstag eingeladen. Der Onkel des Geburtstagskindes war auch anwesend. Als ich bei ihm saß und er sich mit mir unterhielt, fragte er mich, was ich einmal werden wolle:
„Ich will einmal Lehrerin werden!“, verkündete ich stolz. Von diesem Zeitpunkt an stand mein Berufsziel fest. Aber nicht nur, dass ich tatsächlich Grundschullehrerin geworden bin, sondern auch, dass ich damals auf den Knien meines zukünftigen Grundschullehrers gesessen hatte, wird mir immer in Erinnerung bleiben.

Peinlich, peinlich…

Manche sind berühmt und berüchtigt dafür, in jedes Fettnäpfchen zu treten und keines auszulassen. Zum Glück gehören weder ich noch eines meiner Familienmitglieder zu diesem ausgewählten Kreis! Trotzdem passieren auch uns irgendwelche Missgeschicke, die mehr oder weniger peinlich sind. Wenn ich so nachdenke, fallen mir da einige Episoden ein, die im Nachhinein lustig sind, doch steckt man gerade in der betreffenden Situation empfindet man sie als peinlich:

Mein Mann und ich hatten gerade unsere erste gemeinsame Wohnung bezogen, – wir waren also noch jung und unerfahren. Das sollte man zur Rettung unserer Ehre sagen, aber auch, dass man aus Schaden klug wird oder aus Fehlern lernt.
Es war an einem Samstag, so Ende September oder Anfang Oktober, wenn ich mich richtig erinnere.
„Ich muss noch schnell im Supermarkt einkaufen, der Kühlschrank ist leer“, erklärte ich Peter.
„Dann lass uns das mal gleich machen“, meinte dieser sofort. „Ich brauche auch noch Druckerpapier.“
Der Einkaufswagen war auch schnell mit allen notwendigen Sachen beladen als wir an einem Sonderstand im Mittelgang des Marktes auf dem Weg zur Kasse vorbeikamen.
„Komm, wir nehmen uns hiervon zwei Flaschen mit“, schlug Peter vor. „Stefan meinte neulich, das Zeug wäre wirklich gut.“
Ich bin jetzt nicht gerade ein Weintrinker und ein Weinkenner ebenso wenig, aber ich wollte Peter die Freude nicht verderben. Und so luden wir alles in den Kofferraum und fuhren nach Hause.
„Ist irgendetwas nicht in Ordnung?“, fragte unser Vermieter als er uns entsetzt vor dem geöffneten Kofferraum stehen sah. Beim Nähertreten schien er bedingt durch den ausstrahlenden Geruch jedoch schon eine Vermutung zu hegen, denn er fing plötzlich an zu lachen.
„Das ist ja eine schöne Bescherung!“
Zum Lachen war uns allerdings nicht zumute.
„Vorhin waren sie noch voll!“, erzählte ich und ärgerte mich darüber, dass unser Kofferraum einer dringenden Reinigung bedurfte.
„Da muss jemand daran herumgedreht haben“, ergänzte mich mein Mann.
Unser Vermieter grinste und meinte nur: „Ach ihr habt Rauscher gekauft!“
Das machte uns auch nicht fröhlicher und so fügte er hinzu:
„Das passiert einem auch nur einmal! Dann weiß man, dass Federweiser nicht liegend transportiert oder gelagert werden darf. Er hat nämlich nur eine luftdurchlässige Haube als Verschluss, damit die Kohlensäure, die neben dem Alkohol beim Gärprozess entsteht, auch entweichen kann.“
Schön, jetzt hatten wir uns zwar bis auf die Knochen blamiert, aber jetzt wussten wir auch, dass nicht nur die Kohlensäure entweicht, sondern auch die Flüssigkeit, wenn man die Flaschen hinlegt. Wir hatten wieder einmal etwas gelernt! An diesem Abend mussten wir dann notgedrungen den Zwiebelkuchen ohne Federweiser essen und somit blieb auch der Rausch aus.
Dieser hatte sich bei der folgenden Peinlichkeit bei mir noch nicht eingestellt, aber anscheinend war ich schon etwas angeheitert. Ich jedenfalls fühlte mich recht wohl und es hätte mit Sicherheit auch niemand meinen klitzekleinen Schwips bemerkt, wäre es nicht hierzu gekommen:
Wir waren auf der Sonneninsel Mallorca, genauer gesagt: Wir saßen nachts auf der Terrasse unseres Hotels in Alcudia und plauderten vergnüglich mit einem Pärchen, das wir in diesem Urlaub kennengelernt hatten. Während die Männer sich Bier bestellten, wählten wir zwei Frauen ein anderes Getränk: Lumumba. Ich trinke sehr selten und wenig Alkohol, aber im Laufe des Abends erlaubte ich mir zwei dieser Mixgetränke, die Rum beinhalten. Wir verstanden uns prima und wie das eben so ist, kommt man während des Gesprächs vom Hundertsten zum Tausendsten. So erzählten wir, dass wir drei Jahre zuvor nach Cottbus gezogen waren und dort auch ein Haus gebaut hatten.
„Wir wollen nächstes Jahr auch bauen!“, erklärten sie uns.
Das war die Stelle an der wir mit unserer Erfahrung punkten konnten, also legten wir los und erzählten mal die eine und mal die andere Story rund um unseren Hausbau. Irgendwie kamen wir dabei auf die Bodenbeläge und die Bäder zu sprechen.
„Das war gar nicht so einfach, das Angebot ist ja riesengroß“, steigerte ich mich hinein. „Welche Vorstellung habt ihr denn?“
Aber ich wartete gar nicht erst ihre Antwort ab, sondern feuerte sofort meine Beschreibung heraus:

„Wir haben flänzende Gliesen!“

Verwundert blickte ich in die Runde, denn plötzlich hatten alle angefangen zu lachen und ich schien die einzige zu sein, die nicht verstand warum. Also bat ich um Aufklärung, die ich auch sofort bekam. Der Alkohol hatte anscheinend angefangen zu wirken, denn aus meinem Mund waren Buchstabenkombinationen gekommen, die man unter normalen Umständen nicht so flüssig hervorbringt. Ich hatte nichts anderes als glänzende Fliesen gemeint. Peinlich, peinlich, wenn einem die Zunge nicht richtig gehorcht! Aber jetzt konnte ich wenigstens herzlich mitlachen. Was so manche Flüssigkeiten bewirken können!
Apropo Flüssigkeiten, da fällt mir noch eine andere Begebenheit ein, die mich vor Peinlichkeit fast hätte im Boden versinken lassen:
„Frauen und Autofahren!“, würden Männer hierbei wahrscheinlich sagen. Dabei passierte die Sache gar nicht, während ich am Steuer saß. Nein, ich stand neben meinem Auto und zwar an der hinteren rechten Seite. Mein Auto hingegen stand an der Tankstelle. Ich griff mir den Zapfhahn und steckte diesen in die Tanköffnung. Falsch: Das hätte ich gerne getan, das heißt, es war sozusagen mein geplantes Vorhaben. Der Wille war zwar vorhanden, doch irgendwie ließ sich dieser nicht in die Tat umsetzen. Weder schaffte ich es den Hahn in die Öffnung zu stecken, geschweige denn den Tank zu befüllen.
„Was ist denn jetzt los?“, fragte ich mich und versuchte es erneut, allerdings vergeblich. Weil das ja eigentlich nicht sein konnte, startete ich den nächsten Versuch und noch einen und noch einen. Ich verstand die Welt nicht mehr und fragte mich schließlich:
„Bin ich jetzt zu blöd zum Tanken?“
Keine Ahnung, ob ich das in Gedanken oder laut zu mir selbst sagte, jedenfalls antwortete eine Frau an der nächsten Zapfsäule mit einer Gegenfrage:
„Müssen sie denn wirklich Diesel tanken?“
Uff! Natürlich nicht! Mein Auto war ein Benziner!
„Noch peinlicher geht es wohl nicht“, ärgerte ich mich und bedankte mich bei der Frau. Möglichst unauffällig hängte ich den nicht in meine Tanköffnung passenden Zapfhahn wieder ein, griff mir den richtigen, tankte ohne weitere Komplikationen, bezahlte und sah zu, dass ich Land gewann.
Auto und Frau, diese Kombination hat was. Besonders dann, wenn es sich dabei noch um ein altes Auto handelt. Ich war Anfang Zwanzig und besaß ein derartiges Automobil. Es war ein Jetta in silbermetallic. Soweit, so gut, aber irgendwann musste er auch wieder einmal zum TÜV. Ich wusste genau, dass er vorne links am Übergang vom Holm zum Bodenblech leichte Durchrostungserscheinungen haben könnte. Das würde dem TÜV – Prüfer hoffentlich nicht auffallen, aber sicher war ich mir dessen nicht. Also mussten die Waffen einer Frau zum Einsatz kommen. Ich schlüpfte in Minirock und Schuhe mit hohen Absätzen. Das Kompliment meines Mannes zeigte mir, dass ich meine Wirkung nicht verfehlen würde.
Der TÜV – Prüfer war sehr freundlich, aber wie mir sogleich auffiel auch sehr gründlich. Trotzdem hatte er bisher keine Beanstandungen gefunden. Dann bat er mich das Auto über die Grube zu fahren. Mit einem Schraubendreher bewaffnet, war er zuvor in eben diese Grube gestiegen. Ich traute mich gar nicht zu atmen. Ich hörte, wie er mal da und mal dort klopfte, wie mir schien, aber nicht allzu fest. Plötzlich spürte ich einen Widerstand unter meiner Schuhsohle.
„Nanu, was ist das ?“
Ich blickte auf meine Füße und sah wie mich gerade die Spitze eines Schraubendrehers in den linken Fuß stach.
„Es tut mir leid“, meinte der bereits wieder aufgetauchte TÜV – Prüfer. „Ich war schon total vorsichtig.“
Sein Gesichtsausdruck verriet mir, dass er mein Spielchen durchblickt hatte, aber dieses trotzdem schiefgegangen war. Peinlich betroffen zog ich ohne TÜV – Plakette von dannen.
Eine andere Begebenheit ereignete sich Jahrzehnte später, war aber nicht weniger peinlich für mich:
Unser Sohn war aktives Mitglied im Schwimmverein und daher war zweimal wöchentlich nachmittags Schwimmen angesagt. An diesem Nachmittag fuhr ich ihn zum Training. Die Straße führte uns durch ein kleines Wäldchen und ich konnte im Augenwinkel rechts am Anfang eines Waldweges erkennen, dass dort etwas saß. Ich hätte nicht genau sagen können, was es war. Timo hatte es nicht gesehen und ich vermutete ein Tier habe dort gesessen. Irgendwie kam mir in den Sinn, es wäre ein Lama. Dies mag verwunderlich klingen, doch ich wusste, dass es in der nächsten Ortschaft auf einem Privatgrundstück zwei oder drei Lamas gab. Also machte ich mir weiter keine Gedanken hierüber, nahm mir aber vor am Rückweg darauf zu achten. Ich fuhr an diesem Tag noch insgesamt dreimal an dieser Stelle vorbei. Zweimal hatte ich die Sache total vergessen, doch als mein Mann und ich uns bei inzwischen tiefster Dunkelheit mit dem Auto dieser Stelle näherten, sah ich ganz deutlich zwei Augen unheimlich leuchten. Angst überfiel mich und ich bereute es, nicht bei Tageslicht nachgesehen zu haben. Peter sah das Leuchten ebenfalls und meinte:
„Lass uns mal ranfahren und nachsehen. Es könnte ein Tier sein!“
„Ich habe aber Angst, wer weiß was das ist!“, sagte ich mit bereits zittriger Stimme.
„Vielleicht ist es ein verletzter Rehbock!“
Okay, das war ein Argument, aber zugleich auch noch mehr furchterregend, zumindest für mich. Mein Mann fuhr so nah wie möglich heran, trotzdem war es in der Dunkelheit nicht eindeutig zu erkennen. Die leuchtenden Augen waren nicht mehr zu sehen, aber da kauerte irgendetwas . Unheimlich! Peter wollte sich aber nicht zurückhalten lassen. Er stieg aus und ging auf dieses unheimliche Etwas zu. Ich kam mir vor wie im falschen Film. Er bückte sich, hob etwas Großes auf, kam mit diesem gespenstigen Unbekannten auf dem Arm auf das Auto zu und trat an das Beifahrerfenster, hinter dem ich wie angewurzelt reglos saß. Plötzlich erschall ein schrecklicher, furchterregender langgestreckter Schrei, der durch Mark und Bein ging und mit Sicherheit weithin zu hören war.
Niemand anders als ich hatte aus Leibeskräften, nahezu hysterisch geschrien und dabei beide Hände vor die Augen gehalten, denn ich wollte dieses schreckliche Wesen nicht sehen.
„Geh weg damit!“ befahl ich meinem Mann, doch der lachte nur.
„Mach doch die Augen auf und schau her!“
Nach mehrmaliger Beteuerung, dass alles ganz harmlos sei, öffnete ich zaghaft meine Augen. Vor mir stand Peter mit einem alten kaputten Plastikreh, dessen Augen zuvor so schrecklich im Scheinwerferlicht geleuchtet hatten. Jetzt sah ich auch einen jungen Mann und eine Frau, die mit ihrem Auto ebenfalls gehalten hatten und uns verdutzt fragten, ob alles in Ordnung sei oder ob wir Hilfe brauchen würden. Vermutlich hatten sie meinen Schrei vernommen. Echt peinlich!

Jetzt habe ich aber genug von mir erzählt. Auf Anfragen bei meinem Mann, was ihm denn schon mal Peinliches passiert sei, erhielt ich lediglich die Antwort:
„Mir ist nichts peinlich!“
Naja, dafür wäre mir an seiner Stelle folgende Situation total peinlich gewesen:
Unser damals noch sehr kleiner Sohn Timo war krank. Ich weiß nicht mehr, was er hatte, ob es Husten, Schnupfen und Fieber war, oder ob sich eine Kinderkrankheit anbahnte, – keine Ahnung. Ich kann mich auch nicht erinnern, warum ich verhindert war, aber auf jeden Fall schickte ich meinen Mann mit Timo zum Arzt. Die Sache wäre gar nicht passiert, wenn es ein Wochentag gewesen wäre. Dann wären sie einfach zu unserem Hausarzt marschiert. Nein, Kinder werden immer am Wochenende krank und man kann dann nur noch zum Not- bzw. Bereitschaftsdienst gehen. Zum Glück kannte der Arzt sich mit Kindern aus, untersuchte unseren Timo gründlich und meinte danach zu meinem Mann:
„Ich brauche noch einige Angaben und Daten von Ihnen.“
Das war auch alles gar kein Problem, denn die Fragen nach Wohnort und Straßennamen waren ja einfach zu beantworten. Schwieriger wurde die Sache dann allerdings als der Arzt meinte:
„Gut, dann brauche ich nur noch das Geburtsdatum von dem kleinen Mann hier!“
Schweigen breitete sich im Raum aus. Der Arzt schaute von meinem Mann zu Timo und dann wieder zu meinem Mann. Sowohl Timo als auch Peter schauten den Arzt mit großen Augen an. Schließlich zuckte mein Mann mit den Schultern und öffnete den Mund:
„Ohhh!“
Der Arzt durchschaute die Situation allerdings recht schnell, zückte seinen Stift und meinte nur lässig:
„Ich muss schon irgendetwas hinschreiben! Wissen Sie denn wie alt er ist?“
„Naja“, antwortete mein Mann, „so ungefähr zwei Jahre!“

Also, wenn das nicht peinlich ist!…

Chaotischer Umzug

Ich hatte ja an anderer Stelle schon erzählt, dass wir vor 18 Jahren von den alten in die neuen Bundesländer gezogen sind, genauer gesagt: Von Darmstadt nach Cottbus. Allerdings habe ich unseren Umzug noch nicht geschildert. Zu einer ganz normal chaotischen Familie gehört nämlich auch ein chaotischer Umzug:

Den Tag bevor die Möbelpacker kamen, feierte unser Sohn seinen 7. Geburtstag, das heißt, ich hatte das Haus voller kleiner in Kostümen steckender Kinder. So kam ich wenigstens nicht zum Nachdenken und zum Traurigsein, denn ein Umzug über 600 Kilometer ist schon ein tiefer Einschnitt in das bisherige Leben.
Dieses Gefühl überfiel mich jedoch an dem Morgen als die Umzugswagen vor unserer Haustür standen. Schlagartig schossen mir die Tränen in die Augen. Doch es war keine Zeit zum Weinen und Traurigsein, denn schon bevölkerten die Möbelpacker die Wohnung. Sie griffen sich die gepackten Kisten, rannten kreuz und quer durch die Wohnung und erklärten uns:
„Die persönlichen Dinge, die nicht mit in die Möbeltransporter sollen, bitte in die Badewanne legen. Dann wissen wir Bescheid!“
Wir taten so, wie uns befohlen wurde. Ich überlegte mir genau, was wir in den nächsten beiden Tagen brauchen würden, denn wir wollten bei meiner Mutter das bevorstehende Wochenende verbringen und am Sonntag von dort weiterfahren in die zukünftige Heimat. Dann wollten wir eine Nacht (von Sonntag auf Montag) in der leeren neuen Wohnung schlafen und am Montagmorgen würden unsere Möbel und alles Weitere kommen. Eine aufregende Zeit stand uns bevor.
Ich legte also auch solche Sachen wie Decken und Luftmatratzen etc. in die Badewanne, um dann zum Hähnchengrill zu fahren und für die gesamte Mannschaft das Mittagessen zu besorgen.
Eine halbe Stunde später parkte ich wieder hinter dem Möbeltransporter und was sahen meine Augen?
„Halt!“, rief ich und sprang aus dem Auto. „Wo haben Sie das denn her?“
„Das lag in der Badewanne!“, kam auch prompt die Antwort wieder zurück.
„Das muss wieder ins Haus zurück!“, befahl ich, „das brauchen wir doch, deshalb lag es ja in der Badewanne!“
„Das muss einem ja mal gesagt werden“, meinte der Möbelpacker nur und ich fragte mich insgeheim, ob denn hier die rechte Hand wisse, was die linke tut. Diese Frage sollten wir uns während unseres Umzuges noch mehrmals stellen.
In der alten Wohnung hatten wir eine kleine Küche, aber soviel geerbte und dazu gehörige Küchenmöbel, dass wir einige davon im Keller untergebracht hatten. In der künftigen Wohnung sollte der entsprechende Raum noch kleiner sein, obwohl der restliche Wohnungbereich über zwei Etagen riesig war. Da wir allerdings planten ein Haus zu bauen, schafften wir uns keine neuen Küchenmöbel an und somit hatte Peter bereits ausgetüftelt, welche Küchenmöbel aus dem Keller kombiniert mit denen aus der alten Küche in der neuen stehen und welche wiederum im Keller landen sollten.
„Ich habe alles genauesten beschriftet und nummeriert, damit die Möbelpacker wissen, welche Teile sie zusammen in ein Auto packen müssen und welche Teile in die Wohnung und welche in den Keller gehören“, erklärte er mir.
„Peter hat sich wirklich Mühe gegeben mit der Küchenplanung und somit wird auch alles klappen!“, dachte ich mir.
Ich war der Meinung, dass dies eine große Hilfe für die Arbeiter sei. Soweit die Theorie. In der Praxis sah die Sache dann allerdings komplett anders aus: Den Möbelpackern war die Beschriftung der Küchenteile vollkommen egal und so luden sie sozusagen alles kreuz und quer ein. Auch teilten sie beispielsweise unseren großen mehrtürigen Kleiderschrank auf zwei Transportfahrzeuge auf: Die Türen in den einen Wagen und den Korpus in den anderen. Wie das alles dann in der neuen Wohnung entladen und aufgebaut werden würde, sollte eine Überraschung sein.

Am Freitagabend war dann endlich alles verladen. Wir verabschiedeten uns von unseren Vermietern, Freunden und Bekannten in Darmstadt. Dann fuhren wir zu meiner Mutter, die 100 Kilometer entfernt lebte und verbrachten dort einen ruhigen Samstag in voller Erwartung, was nun alles noch so passieren würde in unserem zukünftigen Leben. Sonntagvormittag ging es dann los. Meine Mutter kam zur Unterstützung ebenfalls mit nach Cottbus.
Die Nacht in der neuen und vollkommen leeren Wohnung verbrachten wir auf Luftmatratzen schlafend.
Bei unseren vorangegangenen Besuchen in Cottbus hatte man uns berichtet:                            „Hier regnet es seltener als im übrigen Deutschland, eigentlich fast nie.“                                  Stimmt, muss ich im Nachhinein bestätigen, aber an diesem besagten Julitag schüttete es aus Kübeln. Der Regen des gesamten Jahres schien sich an diesen einen Tag über Cottbus zu ergießen. Jeder kann sich vorstellen, dass dies der Traum aller Menschen ist, die gerade auf die Möbelwagen warten. Ja, wir warteten und warteten. Morgens um 8 Uhr wollten sie eigentlich ankommen.

Wir standen schon seit geraumer Zeit an den Fenstern unserer leeren Wohnung im dritten Stock und überblickten von dort aus das gesamte Neubaugebiet. Nichts! Auch um 10 Uhr war kein Möbeltransporter gesichtet worden. Langsam wurden wir immer nervöser.
„Wir müssen unbedingt in Darmstadt bei dem Transportunternehmen anrufen, vielleicht wissen die was passiert ist“, meinte ich.
„Durch den starken Regen in ganz Deutschland, kommen die Transporter nur sehr langsam voran“, erklärte man uns am Telefon. „Aber sie kommen!“
Gegen Mittag sahen wir sie dann endlich um die Ecke biegen. Sie hatten sogar noch einen Aufzug am letzten Wagen angehängt und mussten deshalb nochmals langsamer fahren.
“Jetzt sind sie jedenfalls schon mal da!“, atmete ich erleichtert auf und das Chaos nahm seinen Anfang:
Der Regen hatte keineswegs nachgelassen, sondern sich eher noch zu einem ausgewachsenen Wolkenbruch verstärkt. In strömendem Regen bauten die Arbeiter erst einmal den Aufzug auf, um dann klitschnass in die Mittagspause zu gehen.
Danach hatte der Regen zwar nicht aufgehört, aber für ein paar Minuten nachgelassen. Voller Tatendrang gingen die Möbelpacker an ihre Arbeit. Sie schafften Kisten für Kisten und einige Möbelstücke, darunter auch die Küchenmöbel, nach oben. Inzwischen goss es wieder so fürchterlich, dass der gesamte Erdboden schon völlig aufgeweicht war. Der Kran, der in einem Bereich stand, der später einmal Rasen werden sollte, war vollkommen im Matsch eingesunken. Somit war die Standfestigkeit nicht mehr gegeben.
„Wir müssen den Kran leider abbauen!“, verkündete der Chef der Truppe zum Leidwesen seiner Arbeiter, denn diese mussten jetzt alle Möbel über das Treppenhaus hochtragen. Doch es sollte noch schlimmer kommen:
„Was ist das denn!“, hörte ich plötzlich meinen Mann aufgeregt rufen. „Wieso in aller Welt habe ich alles beschriftet?“
Bedingt durch die mangelnde Logistik beim Einräumen der beiden Möbeltransporter waren die einzelnen Küchenmöbel für die Wohnung und den Keller durcheinander geraten und niemand von den Arbeitern hatte auf die Beschriftungen meines Mannes geachtet. Sie hatten einfach alles mit dem Aufzug nach oben geschafft, auch die Teile für den Keller. Und: Im Keller standen die Teile für die Küche und gehörten somit nach oben.
„Na toll!“, ärgerte sich nun auch die gesamte Mannschaft. Jetzt, da der Aufzug abgebaut worden war, mussten sie die schweren Möbelstücke über die Treppen von oben nach unten und von unten nach oben schleppen.
„Das fängt ja gut an!“,überlegte ich mir missmutig.
Unserem siebenjährigen Sohn allerdings schien der Umzug Freude zu bereiten, denn er trug geschäftig kleine Dinge in sein Zimmer. Ich jedoch hatte das Gefühl immer mehr im Chaos zu versinken, ohne einen wirklichen Fortschritt zu sehen. Mein Mann half inzwischen den Möbelpackern beim Schleppen und dirigierte die Dinge in die richtige Richtung, denn außer ihm schien nun keiner mehr zu wissen, was wohin musste.
Mitten in diesem Durcheinander klingelte es plötzlich an der Wohnungstür.
„Was ist denn jetzt wieder los?“, sah ich fragend und irgendwie hilflos in die Runde. „Wer kommt nun noch? Uns kennt doch hier noch niemand!“
Etwas verlegen und sichtlich irritiert stand ein junger Mann vor der offenen Wohnungstür. In seiner Hand hielt er etwas Verpacktes, das er mir überreichte und das seinen Inhalt vermuten ließ: Ein Blumenstrauß!
„Von wem ist der?“, fragte ich, doch da eilte der Fleuropbote schon die Treppen hinunter. Wahrscheinlich wollte er so schnell wie möglich dem Chaos entrinnen.
Nun saß ich tränenüberflutet inmitten des Durcheinanders auf einer Umzugskiste und hielt einen wunderschönen Blumenstrauß von meiner Freundin, wie mir die beiliegende Karte verriet, in den Händen. (Diese Freundin war vor zwei Jahren von Darmstadt nach Gotha gezogen, wie ich bereits in einer vorangegangenen Geschichte erzählt habe.)
Ich kann mich nicht mehr erinnern, aus welchen verschiedenen Blumen der Strauß zusammengestellt war, aber an meine große Freude und meine Tränen schon. (Beides überfällt mich übrigens heute noch, wenn ich daran denke.)
„Ich hol eine Vase!“, bot sich Timo sogleich an. „In welcher Kiste sind die Vasen?“
Da war ich nun vollkommen überfragt. Die Umzugskartons trugen zwar alle Beschriftungen, aber wo jetzt ausgerechnet derjenige mit dem Schriftzug „Vasen“ stand, konnte ich unter meinem Tränenschleier nicht erkennen. Selbst einen Eimer konnte zum jetzigen Zeitpunkt keiner ausfindig machen. Zum Glück stand plötzlich der Hausmeister vor der Tür, der mir dann auch in meiner Not ein Gefäß für meine Blumen organisierte.
Abschließend sei noch bemerkt, dass wir das Chaos bewältigt haben, um nach zwei Jahren einen erneuten Umzug innerhalb des gleichen Neubaugebietes in unser eigenes Haus vorzunehmen. Dieses Mal blieb allerdings ein derartiges Chaos aus, alles ging wohlorganisiert und geradlinig von statten.

Familienzuwachs

Lottchen erzählt:

„Es ist jetzt genau sechs Jahre und ein paar Monate her. Damals war ich noch ein kleines Baby, genauer gesagt, meine Mama hatte mich und eine Handvoll weiterer Geschwister geboren. Bei Mama war es schön warm und weich. Sie gab uns allen Milch zu trinken und wir wuchsen und wuchsen. Bald schon durften wir das Körbchen verlassen, umherstreifen und die Welt erkunden…“

So oder ähnlich würde der Bericht unseres kleinsten und jüngsten Familienmitgliedes beginnen. Die Rede ist hierbei von unserem lieben Lottchen, einem Kätzchen. Lottchen trat ganz unverhofft in unser Leben, zumindest für meinen Mann und mich:
Es war ein schöner Sommertag, als unser Sohn von den Katzenkindern im Hause einer Freundin berichtete:
„Die sind so niedlich! Eines von den Kätzchen läuft mir immer nach“, begann er. Noch schwante mir nicht im geringsten, was jetzt kommen würde.
„Sie sollen heute verschenkt und abgeholt werden“, erzählte er weiter. Ich war nicht gerade ein Katzenfan und so interessierte mich das Ganze nicht besonders, was sich allerdings schlagartig änderte.
„Ich würde dieses eine Kätzchen gerne nehmen!“
„Wie? Hier zu uns? Nein!“ Damals wohnte unser Sohn noch bei uns und so war er notgedrungen auf unsere Erlaubnis angewiesen.
Genau in diesem Moment klingelte es an der Haustür. Ahnungslos öffnete ich, um festzustellen, dass die besagte Freundin mit einem Katzenbaby im Arm davor stand.
„Hallo“, sagte sie, „ich bringe Timo das Kätzchen vorbei.“
Süß war es, das gestand ich mir damals insgeheim ein, aber ich hatte „nein“ gesagt und dabei wollte ich bleiben. Wir setzen uns in die Küche, streichelten abwechselnd das Katzenbaby und eine lebhafte Diskussion entfachte. Vor ein paar Wochen erst war unser Meerschweinchen gestorben, das unser letztes Haustier sein sollte (wir hatten insgesamt 2 Zwergkanninchen und 2 Meerschweinchen gehabt). Endlich brauchten wir niemand mehr aus der Nachbarschaft oder dem Freundeskreis zu bemühen, um die Pflege zu übernehmen, wenn wir im Urlaub waren.
„Du machst demnächst dein Abitur, ziehst in eine andere Stadt und wir haben dann die Katze.“
Versprechungen wurden gemacht, Bitten gestellt, Überlegungen angestellt und Beschlüsse wurden gefasst. Kurz und gut: Das Kätzchen durfte bleiben. Ich kann nur betonen, dass bei allem anfänglichen Widerstand meinerseits die Katze zu diesem Zeitpunkt bereits ein Eckchen meines Herzens erobert hatte und sie sollte sich den Rest auch noch „erschleichen“. Und zwar relativ schnell.
Eine Bedingung knüpfte ich allerdings an die Aufnahme des neuen Familienmitgliedes: Eine Katzenklappe und ein Raum, wo sie nachts schlafen sollte. Damals ging ich naiverweise noch davon aus, dass das Kätzchen auch nur diesen Bereich unseres Hauses bewohnen würde. Doch wie jeder weiß, schleichen Katzen überall hin und erobern sich alles, auch unsere Herzen, was ihnen wiederum Tür und Tor öffnet. Wir beschlossen also ihr den Hausanschlussraum mit angrenzendem und großzügigem Kellerersatzbereich zuzuweisen. Hier steht noch heute ihr Körbchen und ihre Katzentoilette und hier schläft sie. Ansonsten hatten mein Mann und Timo gleich am nächsten Tag einen kleinen Wanddurchbruch nach außen gemacht und eine Katzenklappe eingesetzt, damit unser aller Liebling seither kommen und gehen kann, wann immer er will. Nur nachts wird diese verschlossen und Lottchen schläft friedlich mal in ihrem Körbchen und mal oben auf der Heizung.

An dieser Stelle habe ich eigentlich genug berichtet und möchte sozusagen das Wort an unser Kätzchen übergeben und aus ihrer Sicht weiter erzählen:

„Ich hatte jetzt also eine neue Familie und die meinte, ich müsste unbedingt einen Namen besitzen. Sie nannten mich: Lottchen. Sie sagten der Name komme von einer Lotta aus einem Buch von Astrid Lindgren, aber ich kenne die nicht. Ist mir auch egal. Ich habe jetzt ein Frauchen Astrid, das mir immer Milch gibt, ein Herrchen Peter, der es gar nicht mag, wenn ich Mäuse fange und mein Lieblingsherrchen Timo.
Zuerst einmal musste ich ein paar Tage im Haus bleiben, das aber groß war, außerdem musste ich ja auch alles erkunden. Dann gab es den ersten Freigang im Garten. Ein bisschen Angst hatte ich schon, denn diesen Garten kannte ich nicht und es war keine Katzenmama da und meine Geschwister auch nicht, aber es gab fürchterlich viel zu sehen und zu riechen. Mein Herrchen Timo passte auf, dass ich mich nicht in dem Garten verirrte und brachte mich auch wieder ins Haus.
‚Wir sollten unser Lottchen kastrieren lassen!‘, beschloss mein Frauchen, packte mich in einen Korb und stellte ihn ins Auto. Mir gefiel die Fahrt überhaupt nicht, es schaukelte, ich konnte nicht sehen wohin wir fuhren und ich wusste nicht was jetzt passieren würde. Also jammerte ich und rief ‚Mama, Mama!‘. Mein Frauchen redete auch die ganze Zeit mit mir und wollte mich beruhigen, aber die Angst blieb. (Bis heute hasse ich übrigens das Autofahren.) Im Wartezimmer waren viele verschiedene Gerüche und ich war froh in meinem Korb bleiben zu dürfen. Dann holte mich aber doch jemand heraus, es pikste, ich schlief ein, träumte vom Mäusefangen und als ich wieder aufwachte war es mir ganz seltsam zumute. Ich hatte plötzlich an einer Stelle kein Fell mehr und fühlte mich ganz wackelig und meine Beine hatten keine Kraft mehr zum Laufen.“
„Es sieht aus, als hätte sie ein Batteriefach“, behauptete mein Mann. Die Tierärztin hatte uns erklärt, dass wir aufpassen müssten, dass Lottchen sich nicht an dieser Stelle kratzt und verletzt.
„Am besten ist es“, meinte sie zu uns, „wenn sie ihr den kleinsten Babybody oder Strampler anziehen, den es gibt.“
Gesagt, getan! Ich besorgte die entsprechende Babybekleidung und mein Mann erhielt die ehrenvolle Aufgabe ihr dieses Teil anzuziehen. Wer schon einmal versucht hat einer Katze so ein Ding überzustülpen, der weiß wovon ich rede. Nach mehrmaligen vergeblichen Versuchen war es endlich soweit, allerdings nur für einen Bruchteil von einer Sekunde. In null Komma nichts war unser Lottchen durch den Ausschnitt des Bodys entwischt und signalisierte uns ihre Unlust diese Anziehprozedur nochmals zu wiederholen.
„Ist doch alles Quatsch! Außerdem ist das Ding eh’ meilenweit zu groß!“, beendete mein Mann dieses Drama, doch das nächste folgte bereits auf dem Fuße, wie man so schön sagt.
Lottchen wollte nicht länger in der Wohnung eingesperrt sein, denn sie fühlte sich wieder gesund. Da aber beim Freigang die Gefahr einer Verletzung bestand, riet uns die Ärztin:
„Nehmen Sie ihr Kätzchen erst einmal an die Leine!“
Das mögen ja vielleicht andere Katzen machen, aber unser Lottchen hatte da eine eigene Vorstellung vom Spazieren gehen. Gefallen ließ sie sich das Umlegen der Leine gerade noch so. Aber als sich die Haustür öffnete, sie einen Schritt über die Schwelle trat, den Duft der großen weiten Welt in die Nase bekam, da machte sie einen Salto die zwei Stufen hinunter und hast du nicht gesehen, war sie schon raus aus der Leine.
„Das war es dann wohl!“, kommentierten meine beiden Männern die Geschichte.
„Lasst sie doch einfach laufen, es wird schon nichts passieren!“, meinte Timo und er sollte Recht behalten.
„Meine Wunde ist verheilt“, schien sich Lottchen dann auch einige Tage später zu überlegen.
„Jetzt kann ich schon wieder überall herumklettern. Dort drüben zum Beispiel auf dem Garagendach des Nachbarn war ich noch nie. Ich klettere mal auf den Baum und dann springe ich rüber!“
So einfach wie unser Lottchen auf das Garagendach gekommen war, kam sie jedoch nicht mehr herunter. Nachdem sie mehrere Runden am Rande des Daches entlang spaziert war und kläglich um Hilfe gerufen hatte, erbarmte sich der Nachbar ihrer. Unter Zuhilfenahme einer Leiter befreite er Klein – Lottchen aus der misslichen Lage, denn sie hatte sich offensichtlich zuviel zugemutet.
Überhaupt wurde sie sofort der Liebling aller Nachbarn.
„Wenn ihr mich so gerne habt, dann müsst ihr mir auch etwas geben!“, schien und scheint sie zu denken. Bis zum heutigen Tag (und daran wird sich auch in Zukunft nichts ändern) gibt ihr jeder bereitwillig Leckerlies oder Milch.
Sind wir im Urlaub, so sitzt sie abends brav vor Nachbars Türe und wartet darauf, dass ihr Ersatzfrauchen sie in ihr „Katzenzimmer“ (Hausanschlussraum) in unserem Haus bringt und am Morgen wieder rauslässt. Kommen wir dann wieder zurück, läuft sie erst einmal beleidigt und hoch erhobenen Hauptes an uns vorbei.
„Ihr wart immerhin weg und irgendwie müsst ihr dafür auch bestraft werden“, scheint sie sich zu sagen. Aber dann kommt sie auch sogleich wieder freudig erzählend und möchte gestreichelt werden. Manchmal wartet sie in einer Ecke draußen und wenn sie unser Auto hört, kommt sie sofort angelaufen.
Es ist schön, wie anhänglich Tiere sind. Und ehrlich gesagt, können wir uns gar nicht mehr vorstellen wie es ohne unser Lottchen wäre. Ich hätte nie gedacht, dass ein Kätzchen so viel geben kann. Sie ist zum richtigen Familienmitglied geworden und aus meiner jetzigen Sicht kann ich es nicht mehr verstehen, warum ich damals zuerst „nein“ gesagt habe. Ich hätte echt etwas verpasst!!!
Wie alle Katzenbesitzer, denke auch ich, dass unser Lottchen etwas ganz Besonderes ist.
Das ist sie aber auch!

„Miau!“

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Fortsetzung folgt…

(Nebenbei bemerkt: Meine Geschichte „Familienzuwachs“ ist seit 6.2.15 auch unter www.tiergeschichten.de zu finden)