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Gerümpel oder Kostbarkeiten?

Es ist ein schöner goldener Oktoberabend und wir sitzen noch ein Weilchen auf unserer Terrasse, vielleicht eine der letzten Gelegenheiten für dieses Jahr.

„Sag mal“, fragt mich mein Mann aus heiterem Himmel. „Wieso heißt der Flohmarkt eigentlich Flohmarkt?“
Stirnrunzelnd schaue ich ihn an. Mir ist schleierhaft wie er auf diese Frage kommt.
„Da gibt es doch gar keine Flöhe zu kaufen“, redet er unbeirrt weiter.

„Heute vielleicht nicht mehr, aber früher schon“, erkläre ich ihm.
„Wieso, wer braucht denn Flöhe?“, kommt seine nächste Frage, für die er sich aber sogleich selbst eine mögliche Antwort gibt:
„Ach, vielleicht, wenn man Direktor in einem Flohzirkus ist.“
„Quatsch!“, antworte ich, denn ich weiß es besser, weil ich mich zufälligerweise erst kürzlich belesen habe.
„Im Spätmittelalter erhielt das Volk von seinem Fürsten Kleidergaben“, kläre ich ihn auf. „Innerhalb des Volkes gab es dann natürlich einen Handel mit diesen Kleidern und mit der Übergabe der Kleidungsstücke erfolgte auch die Übergabe von Flöhen.“
„Klingt logisch“, sagt mein Gatte und schaut mich richtig überzeugt, aber auch gleichzeitig schelmisch an.
Ich werde inzwischen doch etwas stutzig und stelle jetzt meinerseits eine Frage: „Warum fragst du?“
„Ach, nur so!“, zwinkert er mir zu.
Plötzlich fällt es mir wie Schuppen von den Augen:
„Klar, am Wochenende ist ja in den Messehallen wieder ein Nachtflohmarkt!“
„Wie, ein Nacktflohmarkt? Super, da gehen wir hin!“, bricht die Begeisterung bei meinem Mann aus.
„Das würde dir wohl so passen!“, antworte ich. „Leider findet der Flohmarkt nur nachts und nicht nackt statt!“, grinsend strecke ich ihm die Zunge raus.

Am Wochenende brechen wir dann tatsächlich auf, um uns das „Gerümpel“ anzusehen und eventuell auch zu kaufen.
„Gerümpel gibt es im Grunde genommen schon zur Genüge in unserem eigenen Keller“, überlege ich mir so. „Trotzdem gehe ich recht gerne auf Flohmärkte und es ist ungerecht so zu denken“, verteidige ich mich vor mir selber.
Auf Flohmärkten mag es Gerümpel geben, doch wenn man mit offenen Augen über einen solchen Markt geht, kann man schon die eine oder andere kleine oder große Kostbarkeit finden. Das Problem ist nur, wenn man irgendwann ein Zuviel von diesen Kostbarkeiten besitzt.
„Im Grunde genommen müssten wir in unserem Keller auch einmal ausmisten, uns selbst hierher stellen und diese Sachen veräußern“, überlege ich mir weiter, als ich auf einem Tisch das gleiche Kaffeeservice sehe, das bei meiner Mutter zwar im Schrank steht, aber nicht mehr benutzt wird, weil es noch aus Großmutters Zeiten und daher altmodisch ist. Oder ist es mittlerweile schon zu kostbar und damit wieder modern? Oder ist der Goldrand nur nicht geeignet für die Spülmaschine?
Ich marschiere weiter und verschaffe mir zunächst einen groben Überblick über das gesamte Angebot. Da gibt es Secondhand-Kleidung, Münzen, Schmuck, Spielsachen, Geschirr und manche bieten sogar kleinere oder größere Möbelstücke an, aber auch Fotoapparate, diverse kleinere Geräte und technische Utensilien sind zu finden.
Die Lust zum Stöbern wächst immer weiter.
„So ein Flohmarkt hat schon seine Vorteile“, sagt mein Mann und philosophiert gleich weiter: „Hier besteht keinerlei Notwendigkeit etwas zu kaufen, man braucht ja eigentlich nichts.“
„Stimmt“, bestätige ich, „man kann einfach nur über diesen vielfältigen Markt bummeln, genießt die Geselligkeit, hier eine Bratwurst und dort ein Gläschen Bier.“
Ähnlich wie früher in den Tante Emma Läden hält man ein Schwätzchen mit diesem oder jenem Anbieter, was in den heutigen Supermärkten nicht mehr gegeben ist. Es ist einfach nur schön hier, – Nostalgie pur!
Beim Anblick des großen Angebots an Spielsachen kommen Erinnerungen in mir hoch:
„Weißt du noch der alljährliche große Flohmarkt in Darmstadt, der sich immer durch die halbe Innenstadt zog?“, frage ich.
Lange Jahre haben wir dort gelebt und als unser Sohn noch klein war, gehörte dieser Markt zu unserem Pflichtprogramm.
„Klar!“, pflichtet mein Mann mir bei . „Immerhin haben wir damals dort einen tollen großen, gelben Playmobilkran und ein kleines Skateboard für Timo erstanden. Wie alt war er da?“
„Vielleicht so vier oder fünf Jahre. Er saß ja meistens nur auf dem Skateboard oder fuhr damit auf dem Bürgersteig hin und her. Aber vor allen Dingen kann ich mich an das tolle Kunststückchen erinnern, das der Nachbar meiner Mutter ausprobiert hat.“
Mittlerweile kann ich mich kaum noch vor Lachen halten.
„Stimmt!“, kichert auch mein Mann.
„Eigentlich wollte er nur seiner Oma Hildi das tolle rote Skateboard vorführen.“
„Alle standen bewundernd um ihn herum, selbst der Nachbar kam interessiert herbeigeeilt“, erzähle ich weiter und erinnere mich, als sei es gestern gewesen:
„Erst hat er ein kleines Weilchen zugeschaut und dann meinte er lässig: ‚Gib mir mal das Skateboard, ich zeig dir ein paar Tricks!‘“
Timo hatte damals auch ganz bereitwillig dem erwachsenen Mann sein Skateboard überreicht, denn immerhin wollte er ja etwas lernen.
Relativ sportlich wollte der Nachbar seinen Fuß auf das besagte rote Brett stellen, dem Kind und allen Umstehenden seine Künste zeigen.
„Dann ging alles ganz schnell!“, malt mein Mann das damalige Geschehen aus. „Bedauerlicherweise kam er jedoch etwas unglücklich auf, so dass das Brett mit seinen Rollen schneller war als seine Beine.“
Er hatte lediglich noch die letzten Zentimeter der Auftrittsfläche erreicht. Das Brett kippte, er knickte ein und schon lag er auf der Straße. Das war es dann auch. Typischer Vorführeffekt!
Mit gesenktem Kopf und humpelnd hatte er sich wieder in seine Wohnung verzogen. Was soll ich sagen? Diese Vorführung brachte ihm lediglich einen sechswöchigen Gipsverband ein.

Zurück zu unserem Nachtflohmarkt: Inzwischen gehen mein Mann und ich getrennte Wege, – allerdings nur auf diesem Markt. Das macht Sinn, denn er durchsucht mit seinen Blicken die Angebotsvielfalt andersartig als ich. Er ist mehr an technischen Sachen, Uhren, Manometer, Werkzeug, alte Geräte und dergleichen interessiert, während ich eher an altem Geschirr, Figuren oder Dingen zur Dekoration interessiert bin. Am besten schlendert man die Reihen entlang, lässt die Blicke schweifen und schon werden die Wünsche geweckt. Meistens sind es solche, von denen man gar noch nicht wusste, dass man sie hat.
Ich stehe gerade vor einem Stand und betrachte eine kleine Puppenwiege und nehme mir vor so ein Puppenbettchen zu erstehen, wenn ich irgendwann einmal eine Enkelin habe, da tippt mir jemand von hinten auf die Schulter.
„Na, welche Errungenschaften hast du schon gemacht?“, fragt mich eine Freundin und zeigt mir stolz ihre eigenen Käufe. Nach einem kurzen Plausch beschließen wir gemeinsam am Bratwurststand etwas zu trinken. Es dauert auch gar nicht lange, da treffen unsere Männer ein, die sich inzwischen auch begegnet sind. Von weitem kann ich schon erkennen, dass auch diese Beiden fündig geworden sind.
„Schaut mal, was wir haben, echt toll! Richtig alt! Das wird noch ein bisschen geputzt, aber nicht zu viel, denn Patina muss sein!“, schwärmt mein Mann und beide halten stolz jeder ein Ölkännchen hoch.
„Na, da haben die zwei Oldtimerfans ja genau das Richtige gefunden“, lache ich und meine Freundin meint nur trocken:
„Gründet doch ein Museum!“
„Das ist die Idee!“, springt mein Mann sofort darauf an und schon sind die beiden Männer in ihrer Oldtimermuseumsplanung versunken. Keiner von ihnen interessiert sich für mein altes, aber tiptop erhaltenes Porzellanteekännchen, das ich direkt neben dem Bratwurststand gefunden habe.
Übrigens: Diesem Besuch auf dem Flohmarkt schließt sich ein lustiges Beisammensein im Hause unserer Freunde an und endet erst um 2 Uhr nachts.
Fazit: Ein Ausflug auf den Nachtflohmarkt macht Spaß und ist empfehlenswert und noch viel mehr, wenn man dabei liebe Freunde trifft!

 

Mein Verhältnis zu meinen beiden Lieblingsschränken

In unser aller Leben spielen Schränke eine große Rolle, sei es der Küchenschrank, der Aktenschrank, der Werkzeugschrank, der Badezimmerschrank und, und, und. Man könnte diese Aufzählung nahezu unendlich fortsetzen. Dabei wird man feststellen, dass es diese Schränke in allen möglichen Größen, Stilrichtungen und Variationen gibt. Manche hassen wir, andere sind uns egal, aber zwei Arten spielen eine herausragende Rolle, zumindest im Leben einer Frau und damit auch indirekt in dem der Männer. Wir Frauen lieben, neben unserem Mann natürlich, unseren Kleiderschrank und unseren Schuhschrank und haben ein sehr inniges Verhältnis zu ihnen.

„Beherbergen sie nicht all die schönen Dinge, die uns Frauen für euch Männer noch hübscher, attraktiver, begehrenswerter und im wahrsten Sinne des Wortes noch anziehender machen?!“, frage ich meinen Mann und schiebe erklärend nach:
„Wir freuen uns über den Inhalt ebenso sehr wie ihr Männer über den Inhalt eures Werkzeugschrankes“.
„Damit wären wir wieder einmal quitt, 1:1!“, lächelt mein Mann.
„So wie unsere Schränke wollen auch die der Männer gepflegt und gefüttert werden und ebenso wie deren Inhalt, wächst auch der Inhalt unseres Schuh- beziehungsweise Kleiderschrankes. Damit sind wir beim 2:2 angelangt!“, führe ich das nächste Argument an.
Jetzt kommt aus männlicher Richtung die Bemerkung:
„Bei euch Frauen handelt es sich aber gleich um zwei Schränke, Schuh- und Kleiderschrank! Somit geht ein Punkt an die Männer !“
Das kann ich jetzt aber nicht auf mir sitzen lassen und so muss ich diesem Argument ganz rigoros die Tatsache entgegenhalten, dass Männer neben ihrem Werkzeugschrank auch einen Schrank für Materialien, wie z.B. Farben, Kabel, Drähte, Schalter, Schrauben, Nägel … besitzen.
„ Also: 3:3!“, sage ich und füge schnell noch hinzu:
„Mir stellt sich jedoch die Frage: Laufen Männer denn nackt durch die Gegend?“
An dieser Stelle brechen wir einfach mal die Punktaufrechnung ab.
Ich sollte jedoch noch hervorheben, dass sich meiner Meinung nach eine Sache ganz klar und deutlich abzeichnet: In diesem Wettstreit sind wir Frauen die Sieger, – egal von welcher Richtung man es auch betrachten mag, ob nach Punktsieg oder einfach nur durch die Besitzanhäufung in unseren beiden Schränken!
Aber im Leben sind Freud und Leid immer sehr eng beieinander und so ist es nun mal auch mit diesen beiden Schränken von uns Frauen. Trotz deutlicher Überfüllung an den genannten Orten, kennt sicherlich jeder Mann die verzweifelten Hilfeschreie seiner lieben Ehefrau:

„Hilfe, ich hab’ nichts zum Anziehen!“ und:
„Oh Gott, ich habe keine passenden Schuhe!“

Da ein Schrank immer nur eine beschränkte Kapazität bietet, platzen diese Möbelstücke fast aus seiner Verankerung und die Kleiderstange biegt sich bereits unter ihrer Last.
„Ich sollte mir entweder einen weiteren Schrank zulegen oder mich dazu durchringen einige Teile wegzuwerfen“, überlege ich.
Durchringen ist das richtige Wort hierfür, denn es kann z.T. echte Überwindung kosten. Von Fehlkäufen trennt man sich schnell, doch der Rest wird schon schwieriger.
Manchmal wünsche ich mir bei solchen Aussortierarbeiten, ich hätte zugenommen, denn dann müsste ich mich notgedrungen von den Sachen trennen. Aber keines der Teile ist mir zu klein, zu eng und kaputt ist es schon gar nicht.
„Also, was soll ich tun?“, frage ich mich im Stillen.
Gut, ein Vorteil ist die Tatsache, dass die Modeindustrie immer wieder neue Modetrends anbietet. Altmodisch möchte keine Frau gekleidet sein, also weg damit!
„Vielleicht finde ich auch noch ein T-Shirt mit Fleck, bei dem die modernen Waschmittel kapituliert haben“, überlege ich und durchforste meinen Schrank weiter.
Schön, eine Plastiktüte ist jetzt bereits gefüllt, aber Lücke ist in meinem Schrank bisher trotzdem keine entstanden.
Frustriert beschließe ich für heute einfach aufzuhören:
„Ich bin nicht in der entsprechenden Laune“, begründe ich meine Entscheidung.
Ein paar Wochen später, draußen ist schlechtes Wetter, da packt mich plötzlich die sogenannte „Ausmistwut“. Die Gelegenheit muss ich sogleich am Schopfe packen und mich wieder meinem Kleiderschrank widmen. Super, ich kann mich von etlichen Hosen trennen, einem Rock und zwei Blusen, dort noch ein Top und ein T-Shirt. Ruckzuck habe ich wieder zwei Tüten voll. Zur Abwechslung überlege ich, ob ich anstelle zur Altkleidersammlung auch noch was für die Kleiderkammer habe. Gut ich finde noch eine Jacke und einen Pullover und nehme aus den Säcken wieder etwas raus und lege es zu den Sachen für die Kleiderkammer.
„Aber jetzt ist Schluss!“, entscheide ich, denn mein Mut zum Weggeben oder Wegwerfen hat mich ganz schlagartig verlassen. Dann geht nichts mehr, nicht von einem einzigen T-Shirt kann ich mich jetzt noch trennen und wäre es noch so hässlich.
Inzwischen ist mein Kleiderschrank immer noch gut bestückt, aber etwas lockerer scheinen die Sachen zu hängen. Ich bin mächtig stolz auf mich!

Am Abend fragt mich mein Mann, ob ich nicht Lust hätte mal wieder nach Berlin oder Dresden zu fahren. Klar hab ich das! Da kann man so schön shoppen gehen! Das ist die Gelegenheit den Schrank wieder aufzufüllen und die Lücken zu schließen.
Neulich hab ich gehört, dass es neben all den verschiedenen Diäten auch eine sogenannte Shopping – Diät gibt. Soviel halte ich hiervon (und von den übrigen) allerdings nicht, das hält doch nur zeitweilig an und dann schlägt man wieder doppelt zu. Ich habe mir da etwas anderes überlegt, was mein Gewissen etwas beruhigen und meinen Kleiderschrank (funktioniert übrigens auch beim Schuhschrank) entlasten soll: Kaufe ich mir zwei neue Teile, muss ich zwei alte Teile aussortieren. Ich muss sagen, das klappt (immer öfter).

Mein Mann hat es da viel einfacher. Erstens geht er nicht so gerne Klamotten und Schuhe kaufen, zweitens will er nicht alles in fünf verschiedenen Farben und Ausführungen und drittens wirft er nichts weg und laut seinen eigenen Aussagen braucht er daher auch nichts. Aber auch sein Kleiderschrank ist gut gefüllt, vielleicht etwas lockerer, aber Frau (sprich meine Wenigkeit) arbeitet an der Komplettierung.

Das Familien – A B C

Im Leben einer Familie gibt es Dinge, die für gerade diese eine Familie typisch sind. Es existieren Erlebnisse und Begebenheiten, die nicht in Vergessenheit geraten sollten. Deshalb habe ich für meine Familie eine Art Familien – ABC erstellt.

 

 

 

„Alle Jahre wieder“ nehme ich mir vor, mit dem Einkauf der Weihnachtsgeschenke am besten schon im Sommer anzufangen. Dann hätte ich in der Adventszeit keinen Stress. Seltsam: Ich stelle immer wieder aufs Neue fest, dass Weihnachten total unverhofft kommt.

„Bitte gib mir doch mal die Fernbedienung!“, fordere ich meinen Mann auf, der aber auf diesem Ohr taub zu sein scheint. Ich habe immer wieder den Eindruck, dass er wahrscheinlich unbewusst der Meinung ist, dass dieses Gerät in seine Hand gehört, denn er fragt einfach nur zurück: „Soll ich umschalten?“ Ist das jetzt pure Höflichkeit oder die Ausübung einer sogenannten Machtposition? Denn mit dem besagten Gerät hält man ja im Grunde genommen die Macht in der Hand. „Mann“ ist sozusagen Herr über das im heimischen Wohnzimmer ausgestrahlte Fernsehprogramm. Manchmal schläft er sogar mit erhobener Hand, in der sich die Fernbedienung mit schwebendem Finger über den Tasten befindet, auf dem Sofa ein.

Chemie- und Physik ist nicht das, was mich wirklich in den Bann zieht, aber das ist bei geistes- und erziehungswissenschaftlich orientierten Menschen nicht gerade verwunderlich. Dies zeichnete sich bereits in Schulzeiten ab. Ich war nicht schlecht in diesen Fächern, aber auch nicht Klassenprimus. Mein damaliger Schulkamerad und heutiger Ehemann Peter jedoch war in diesen Bereichen sehr gut und in den sprachlichen Fächern deutlich weniger begabt als ich. Somit eigentlich die optimale Ergänzung. Das musste er sich wohl auch gedacht haben, als er mich nach dem Inhalt von einem englischen Essay ausquetschte ( dies ist in einer vorangegangenen Kurzgeschichte nachzulesen), was zur Folge hatte, dass auch ich mir seine Fähigkeiten zu nutze machte, indem ich in einer Physikarbeit bei ihm abschrieb. Meine Freundinnen wiederum schrieben bei mir ab. Nur eine Antwort kam mir etwas fragwürdig vor. Ich ließ sie kurzentschlossen weg und damit taten meine Banknachbarinnen dies ebenfalls. Unser Glück! Genau diese Antwort war bei Peter falsch, somit konnte uns der Lehrer das Abschreiben nicht nachweisen, beziehungsweise: Wir kamen erst gar nicht in Verdacht.

„Der kleine Peter sucht seine Mama, klingt es durch den Lautsprecher des Baumarktes. Ich werde hellhörig! Ein kleines Kind habe ich zu dieser späten Stunde zwischen den Regalen eigentlich nicht gesehen, aber eine Person, die diesen Namen trägt schon. Eigentlich bin ich mir ganz sicher und ein Blick in Richtung Information, bestätigt meine Vermutung. Ich muss so lachen, dass mir auf dem Weg dorthin die Tränen in die Augen schießen. Niemand anders als mein Göttergatte steht grinsend neben der Verkäuferin, die diese Durchsage gemacht hat.

„Es stinkt hier fürchterlich!“, stellt mein Mann naserümpfend fest, als wir uns im Theater gerade auf unsere Plätze gesetzt haben. „Wahrscheinlich ist hier jemand in Hundesch… getreten!“, kommentiert er den Geruch weiter, den ich inzwischen ebenfalls ganz unverkennbar wahrnehme. Den gesamten ersten Akt steckt er sein Näschen mal nach links, mal nach rechts, schnüffelt in Richtung Vorder- oder Hinterreihe. In der Pause verschwindet er auf der Toilette, wo ihm der seltsame Geruch ebenfalls nicht aus der Nase geht. Nach fünf Minuten taucht er im Foyer auf und lächelt mich zuckersüß an. „Was ist denn mit dir los?“ frage ich, um sogleich die Antwort zu erhalten: „Ich habe den Übeltäter gefunden!“ Er zwinkert mir kurz zu und blickt dann vielsagend nach unten auf seine Schuhe.

„Früher war alles besser, ist einer der Lieblingssprüche meines Mannes. Meist kommt er in dem Moment, wenn wieder einmal ein Gerät oder ähnliches defekt ist. „Eigentlich ist nur ein klitzekleines Bauteil kaputt, das nur ein paar Cent kostet, aber das bekommt man ja heutzutage nicht mehr. Immer muss man alles gleich neu kaufen“, schimpft er dann. Findet er in seinem Ersatzteillager (er wirft nämlich nichts weg, man könnte es ja mal wieder brauchen) das passende Teil, dann ist das Gerät auch in null Komma nichts repariert.

„Geh’ heute mal alleine in den Kindergarten! Du bist doch schon ein großer Junge!“, sagte ich zu unserem Sohn Timo. Ich hatte totales Herzklopfen, aber es musste sein, immerhin sollte er selbstständig werden. Stolz nahm er sein Kindergartentäschchen, gab mir ein Küsschen und marschierte los. Kaum hatte sich die Haustür hinter ihm geschlossen, schnappte ich mir meine Jacke und marschierte ebenfalls los. Wohin? Natürlich Richtung Kindergarten und wie mir schien unbemerkt.
Jahre später erst habe ich erfahren, dass Timo sich schon so etwas gedacht haben musste, denn er drehte sich immer wieder um und blickte nach hinten. Gesehen hat er mich nicht, aber laut seinen eigenen Angaben stellte er sich vor, ich würde mich immer hinter irgendwelchen Autos, Mülltonnen oder Bäumen verstecken. Anscheinend kannte er schon damals seine Mama recht gut.

„Heute haben wir aber wieder einmal richtig viel gespart, lächelt mich mein Mann an. Das haben wir tatsächlich. Ich war nämlich auf Shoppingtour und habe ihm gerade alle meine Errungenschaften gezeigt, die ich im Sommerschlussverkauf enorm reduziert ergattert habe. Zusammen mit seinen Einkäufen im Baumarkt, wo es heute 20% auf alles gab, sind wir gut und gerne auf eine Ersparnis von rund 120€ gekommen, von dem Geld, das wir ausgegeben haben, redet besser niemand.

„Ich muss morgen zu einer Tagung nach München fliegen“, klärt mich mein Mann auf. Nach kurzem Überlegen frage ich zurück: „Fliegst du im Anzug?“
„Ach“, sagt meine bessere zweite Hälfte, „ich denke, es ist besser, wenn ich im Flugzeug fliege!“

„Jeder hat einen Spitz- oder Kosenamen. Ich hatte auch einen, aber von meinem Schwiegervater erhielt ich einen ganz speziellen, den er auch ganz viele Jahre liebevoll benutzte: Ich aß damals für mein Leben gern Schinkenwurst und so lagen im Kühlschrank meiner Schwiegereltern auch immer einige Scheiben für mich bereit. Kam ich meinen Freund besuchen, so begrüßte mich sein Vater oftmals mit den Worten: „Na, Fräulein Schinkenwurst!“

„Kannst du dich mal mit einem vollen Wassereimer in das Auto setzen und aufpassen, dass nichts brennt?“, fragte mich mein Vater als er an meinem ersten Auto, ein Fiat 770S, Schweißarbeiten am Unterboden machen musste. Ich setzte mich ins Auto, während er unter den Wagen kroch (Hebebühne hatten wir keine) und seine Schweißarbeiten verrichtete. Diese Art der Brandwache war eine ziemlich langweilige Sache, es passierte ja eh nichts. Also fragte ich vorsichtig nach, ob ich gehen dürfe, was er mir auch eher widerwillig gestattete. Ich war kaum bei meiner Mutter in der Küche, als ein Hupkonzert von draußen zu uns herein drang. Mein Fiat stand in Flammen. Jetzt konnten wir nur noch mit vereinten Kräften löschen, was uns auch gelang, allerdings war der gesamte Kabelstrang hinterher verschmort. Man kann sich sicherlich vorstellen, welche Krokodilstränen ich vergossen habe. (Das war allerdings noch lange nicht das Aus für mein schönes Gefährt, aber darüber werde ich noch an anderer Stelle einmal berichten.)

„Liebe geht durch den Magen!“ Dieses Sprichwort kennt wohl jeder. Das war wohl auch der Grund, dass Peter egal, wohin er zur Weihnachtszeit auch kam, überall Christstollen vorgesetzt bekam. Brav und artig aß er ihn auch immer auf. Kam er zu seiner Oma, seiner Tante, zu meinen Eltern…, immer sagte man: „Setz dich doch, ich habe auch Stollen für dich. Den magst du doch so gerne!“ Jahre, wenn nicht sogar Jahrzehnte später gestand er mir, ich hatte natürlich diese Stollentradition fortgesetzt, dass er Stollen schon ganz gerne isst: “Aber so verrückt danach bin ich nun auch wieder nicht!“
Keine Ahnung wie dieses Gerücht aufkam.

„Mit den heutigen Waschmitteln ist das überhaupt kein Problem“, behauptet mein Mann immer dann, wenn er gerade einen Fleck auf sein Hemd, seine Hose oder seine Krawatte gemacht hat. Aus welcher Erfahrung mein Mann hierbei seine Erkenntnis schöpft, weiß ich nicht, denn Wäsche waschen ist meine Sache.

Nachdem ich das Haustier meines Mannes kennengelernt hatte, war ich der Überzeugung, dass es wohl das langweiligste aller Haustiere sei. Wobei man anmerken muss, dass das Leben des Tieres im Hause meiner Schwiegereltern keineswegs langweilig zu sein schien. Die Schildkröte Kuno war zwar in der Familie sehr beliebt, aber weil sie sehr genügsam und zurückhaltend war, übersah man sie relativ häufig. So kam es, dass ich sie entweder in einer Ecke schlafend oder vom Balkon stürzend vorfand. Letzteres passierte immer dann, wenn mein Schwiegervater nicht aufpasste, wohin er trat und ihr versehentlich einen Tritt gab. Zwar überlebte sie diese Stürze unbeschadet, jedoch wachte sie nach einem Winterschlaf nicht mehr auf. So kam es, dass unsere Bekanntschaft nur ein knappes halbes Jahr dauerte.

„Ordnung ist das halbe Leben“, belehrte ich unseren Sohn häufig in Kindheitstagen und wollte ihn damit auffordern, endlich mal wieder sein Zimmer aufzuräumen. Prompt kam die Antwort unseres Sprösslings zurück, der auf dem Bauch liegend und mit den hochgestreckten Füßen zappelnd in einem Buch las: „Papa sagt, dass nur ein Genie das Chaos beherrscht, – ich bin eben eins!“ Gerade wollte ich zu einer Gegenantwort ansetzen, da hörte ich meinen Mann aus seinem Büro rufen: „Denk immer daran: Der unwahrscheinliche Zustand der Ordnung strebt den wahrscheinlicheren Zustand der Unordnung an! Das steckt auch hinter dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik , denk mal an die Entropie!“ Was sollte ich dazu sagen? Ich war einfach nur sprachlos, drehte mich um, ging in die Küche und räumte den Frühstückstisch ab.

Peters Vater habe ich mehr oder weniger mit einem Kissen auf dem Schoß kennengelernt. Immer wenn ich die Treppe zum oberen Wohnbereich emporstieg, konnte ich gerade noch sehen, wie ein Sofakissen von einer Ecke der Wohnzimmercouch zur anderen flog. Kam ich dann im Wohnzimmer an, um artig „Guten Abend“ zu sagen, hatte mein jetziger Schwiegervater das besagte Kissen auf dem Schoß. Grund für diesen Kissenwurf war ganz einfach die Tatsache, dass er es liebte seinen Feierabend in einer gewissen Freiheit zu verbringen, sprich: in Unterhosen.

„Quatsch, ich brauche keine Hilfe! Das schaffe ich schon ganz allein. Pass mal auf Timo!“, sagte unser damaliger Vermieter und bückte sich um ein Zehnlitergefäß, gefüllt mit klarer Flüssigkeit, die Stufen der Außentreppe zum Kellereingang hinunterzutragen. Die klare Flüssigkeit war Obstschnaps, den er sich von den Pflaumen aus seinem Garten hatte brennen lassen. Unser damals zwei oder drei Jahre alter Sohn Timo verfolgte das Geschehen hautnah. Er lief vor dem alten Mann die Stufen hinunter und spielte Polizist, der Anweisungen gab, damit nichts passierte. Und dann passierte es doch! Unserem Vermieter flutschte irgendwie das Gefäß aus den Händen und zerschellte auf der Steintreppe. Tja, das war es dann also mit dem Anstoßen in fröhlicher Runde: Die Scherben, die noch nicht einmal Glück brachten, da es ja Glas- und keine Porzellanscherben waren, verletzten niemand. Aber der schöne, wohlriechende Schnaps ergoss sich nicht nur auf den Stufen, sondern auch über unseren Sohn, was zur Folge hatte, dass ich schon befürchtete dieser könnte allein von den Alkoholdämpfen eine Alkoholvergiftung bekommen. Kurz und gut: Er stank von Kopf bis Fuß nach Schnaps. Nachdem seine Kleidung in der Waschmaschine und er selbst in der Badewanne verschwunden waren, bestätigte uns der Vermieter immer wieder, dass unser Sohn keinerlei Schuld trage, er selbst sei der Schuldige.

Regelmäßig vollzieht sich in unserer Familie ein gewisses Ritual, nämlich dann wenn ein Gegenstand plötzlich verschwunden ist und gesucht wird. Seltsamerweise sind sowohl unser Sohn als auch mein Mann immer felsenfest davon überzeugt, dass ich mit dem Verschwinden der Sachen etwas zu tun haben müsste. Laut den Aussagen meiner beiden Männer, räume ich immer alles weg. Das wäre ja an sich nicht so schlimm, wenn ich ihnen dann wenigstens sagen könnte, wo die Dinge liegen. So jedenfalls lautet ihre Version. Hierbei meinen sie keineswegs, dass ich ihnen andauernd hinterher räumen muss, um Ordnung zu schaffen, sondern in ihren Augen verstecke ich die Dinge. Seltsamerweise findet sich alles wieder. In den meisten Fällen sogar in ihren eigenen Hosen,- Jacken- oder Aktentaschen.Ich frage mich stets, wie es da wohl hingekommen ist. Doch diese Frage stellt sich ihnen scheinbar nicht, denn niemals höre ich eine Entschuldigung für die falschen Verdächtigungen, – aber man gewöhnt sich ja an alles.

„Stellt ihn euch einfach in Unterhosen vor“, pflegte meine Schwiegermutter zu ihrem Sohn und ihrer Tochter zu sagen. Gemeint war beispielsweise ein Lehrer vor dem die Schüler den größten Respekt hatten. Diese Aussage sollte den beiden nur klar vor Augen führen, dass auch der Lehrer nichts anderes war als ein Mensch und man sich nicht vor ihm fürchten sollte.

„Totaler Stau war heute auf dem Weg hierher“, meint ein Mitarbeiter meines Mannes zu einem Kollegen. „Wieso das denn?“, fragt ihn mein Mann, der gerade zur Tür hereinkommt und eigentlich die gleiche Strecke zur gleichen Zeit gefahren ist. „Bei mir war kein Stau!“, fügt er stirnrunzelnd hinzu. „Ja, das stimmt schon!“, bestätigt der Mitarbeiter. „Vor Ihnen war kein Stau, – aber hinter Ihnen.“

„Und ist der Film gut?“ fragt mein Mann, der gerade aus seinem Arbeitszimmer kommt und sich vor den Fernseher setzt. Diese Frage ist ja noch sehr unverfänglich und man könnte meinen, er möchte sich nur einmal kurz erkundigen, ob mir der Film auch gefällt. Aber meist folgt auch gleich die zweite Frage hinterher: „Worum geht es hier eigentlich?“ Das wäre auch noch kein Verbrechen und man könnte auch eine Antwort geben, wenn… Ja, wenn mein Mann diese Frage zu Beginn des Filmes oder während des folgenden Werbeblocks stellen würde. Nein, mein Göttergatte erkundigt sich regelmäßig ca. fünf Minuten vor Schluss. Genau in dem Moment, wenn der Täter überführt wird, das Happyend bevorsteht oder ein Rätsel gelöst wird, um das sich der gesamte Film dreht.

„Venedig ist schmutzig,stinkt und Ratten gibt es auch, erzählte mir mein Mann Jahrzehnte lang. Er war als Kind mit seinen Eltern einmal dort gewesen. Mitten im Hochsommer, bei brütender Hitze und bestimmt auf dem Fischmarkt, wo er dann wahrscheinlich einer Ratte begegnet war. Trotzdem wollte ich Venedig sehen. Da er es mir aber nicht gerade in den buntesten Farben beschrieben hatte, schoben wir diesen Besuch immer wieder auf. Die Medien vermittelten mir jedoch genau das Gegenteil vom Bericht meines Mannes. Nun gut, den Gestank übermittelt das Fernsehen ja noch nicht. Nach 25 Jahren Ehe und mehr als 30jähriger Liebe, feierten wir beide unsere Silberhochzeit in Venedig, das sich uns mehr als traumhaft präsentierte und uns wunderschöne Kulissen für unser gebuchtes Fotoshooting bot. Was soll ich sagen? Es war einfach traumhaft und wir haben uns bereits in dieser Stadt eine Kirche für unsere Goldene Hochzeit ausgesucht.

„Was habt ihr denn heute so alles im Kindergarten gemacht?, fragte ich häufig unseren Sohn, wenn ich ihn abholte. Seine Antwort kam stets wie aus der Pistole geschossen und war so treffsicher, dass sich alle weiteren Fragen erübrigten: „Na, dies und das und sonst noch was!“

Xmal habe ich meinem Mann und unserem Sohn schon gesagt, dass sie doch bitte ihre benutzten Socken in den Wäscheschacht werfen sollen, in der sich die Wäsche befindet, die gewaschen werden muss. Hier stoße ich allerdings auf taube Ohren. Kaum hat einer von beiden unser Haus betreten, entledigt er sich auch sogleich der Schuhe (was absolut erwünscht ist), leider aber auch der Socken, die dann allerdings an Ort und Stelle liegen bleiben (außer ich erbarme mich ihrer). Ich kann eigentlich noch dankbar sein, denn mein Schwiegervater hat seine Socken zum Leidwesen meiner Schwiegermutter immer von den Füßen gerollt und diese Rollen dann liegen lassen. Von anderen Frauen habe ich sogar gehört, dass manche Männer ihre Socken in den Sofaschlitz zwischen Sitzfläche und Rückenlehne stecken, wo sie lediglich rein zufällig der nächste Besucher finden kann.

Yoga macht mein Mann zwar nicht, aber manches Mal andere seltsame Verrenkungen. So kann ich mich beispielsweise an einen Abend noch vor der Geburt unseres Sohnes erinnern: Ich saß gemütlich im Wohnzimmer und las in einem Buch. Mein Mann hatte sich in das Zimmer zurückgezogen, in dem unser Heimtrainer stand. Ich hörte die Umdrehungen der Pedalen und nebenbei schien er etwas vor sich hin zu summen. Anscheinend hatte er die Kopfhörer auf und hörte Musik. Irgendwann ging das Summen in ein Jaulen über, was mich doch etwas stutzig machte, so dass ich in das Nachbarzimmer zu meinem Mann lief. Dieser saß am Boden und hielt mit schmerzverzerrtem Gesicht seine große Fußzehe umklammert. Ihm war wohl als erster Mensch gelungen über den Lenker eines Heimtrainers zu fallen und sich dabei den großen Zeh zu verstauchen (ob er vielleicht sogar gebrochen war, hat er niemals untersuchen lassen). Seit dieser Zeit ist sein Fußnagel auch nicht mehr der hübscheste, denn dieser hat sich nie mehr so richtig von diesem Sturz erholt.

„Zeichnen kann Ihre Tochter! Das ist einfach super!, hatte die Lehrerin meiner Mutter in meinem Beisein erzählt, als wir sie zufällig in der Stadt trafen. Ich war damals vielleicht 10 Jahre alt und wurde bei diesem Lob bestimmt total rot. Man muss dazu sagen, dass mir nicht Bescheidenheit diese Röte ins Gesicht zauberte, eher war es Scham. Die berühmte Zeichnung von einer Fliege hatte nämlich meine Mutter höchst persönlich gezeichnet. Zum Glück blieb dies bis jetzt ein Geheimnis zwischen Mutter und Tochter.

Beschützer, Einbrecher, Holzfäller und ein ungeliebtes Haustier

In unserem letzten Urlaub wurde ich unfreiwillig Ohrenzeuge eines Gespräches zwischen zwei Frauen. Sie klagten sich gegenseitig ihr „Leid“.
„Manchmal halte ich es einfach nicht mehr aus!“
„Ja, genau man fühlt sich total fix und fertig am nächsten Tag.“

Eigentlich hätte ich mich sofort und ohne große Probleme dem Gespräch anschließen können, denn von dieser Art „Leid“ kann ich ebenfalls ein Liedchen singen.

„Was grinst du denn so?“, fragte mich mein Mann, aber da hatte er auch schon Gesprächsfetzen aufgefangen. „Ja, ja die schlimmen Männer!“

Inzwischen schwelgte ich lächelnd in Erinnerungen und durchforstete mein Leben nach eigenen Erfahrungen mit diesem eigentümlichen und lautstarken Phänomen, das scheinbar alle Ehemänner zu befallen schien und sich offenbar ungeachtet der Nationalität von Generation zu Generation weitervererbte.

Als erstes fiel mir eine Familienfeier ein, bei der die Cousine meines Mannes von einer Begebenheit berichtete, die sich allerdings noch vor meinem Eintritt in diese Familie ereignet hatte.

„Ich habe ganz viele Jahre an eine sehr einleuchtende Erklärung geglaubt, bevor ich irgendwann von meiner Mutter in ein offenes Geheimnis eingeweiht wurde und sie mich damit eines Besseren belehrte“, sagte sie und machte uns damit alle derartig neugierig, dass sie uns alles von Anfang an erzählen musste.
„Wenn ich als kleines Kind mit meinen Eltern und meinem Bruder bei Onkel und Tante zu Besuch war, wurden zunächst einmal immer erst die Schlafgelegenheiten für uns vier Gäste abgeklärt. Wir wurden also sozusagen auf verschiedene Zimmer und Betten aufgeteilt. Jeder sollte schließlich sein eigenes Schlaflager haben. Nur über eine Sache habe ich mich immer gewundert. Irgendwann habe ich dann meine Tante gefragt, warum denn Onkel Heinz auf einer Matratze im Wohnzimmer auf dem Fußboden schlafen musste.“
Sie erhielt folgende Antwort, die sie als Kind anscheinend auch in ihrem Wissensdurst befriedigte:
„Weißt du, Onkel Heinz beschützt uns und die kostbaren Teppiche vor Einbrechern.“
In den Ohren eines kleinen Mädchens muss dies wohl absolut logisch geklungen haben, denn mein Schwiegervater schnarchte nachts wie ein Bär und wer wollte es schon mit einem Bär aufnehmen.
„Somit war mein eigener Schlaf im Hause von Onkel und Tante immer tief und fest, da ich mich ja absolut sicher fühlen konnte. Wenn ich nachts einmal wach wurde und das laute Schnarchen hörte, wusste ich Onkel Heinz als Beschützer ist oben im Wohnzimmer und dann bin ich auch gleich wieder beruhigt eingeschlafen.“
„Und hast du dich bei meinem Schwiegervater wenigstens bedankt?“, fragte ich sie lachend.
„Na klar“, bestätigte sie. „ Ich habe Onkel Heinz, am nächsten Morgen gesagt, dass er die Teppiche und uns in der Nacht ganz toll beschützt hat.“

Zumindest heute weiß sie den wirklichen Grund, warum ihr Onkel im Wohnzimmer schlafen musste. Während sich die Cousine meines Mannes als Kind durch die nächtlichen Schnarchgeräusche beschützt fühlte, flößten solche Laute Jahre später unserem etwa siebenjährigen Sohn fürchterliche Angst ein.
Mit weit aufgerissenen Augen und zitternd vor Angst stand er eines nachts, es war schon weit nach Mitternacht, bei uns im Schlafzimmer.
„Mama!“
Obwohl er nur geflüstert hatte, riss ich sogleich die Augen auf.
„Wieso schläfst du denn nicht?“, fragte ich schlaftrunken und nach einem Blick auf die Uhr, fügte ich hinzu: „Leg dich doch bitte wieder in dein Bett, es ist noch dunkel draußen.“
„Ich habe Angst! Was ist das? Sind das Einbrecher?“
Jetzt hörte ich die Motorsäge auch. Inzwischen war auch mein Mann wach geworden. Sofort war uns schlagartig klar, was in unserem Haus vor sich ging.
„Ach, das ist nur Roland“, erklärte mein Mann. „Du brauchst keine Angst zu haben!“
Es waren keine Einbrecher und auch keine Holzfäller, wie man tatsächlich hätte vermuten können. Der Übeltäter war lediglich ein Bekannter, der bei einem Besuch bei uns etwas zu tief in sein Bierglas geschaut hatte und nun zwar selig, aber mit ziemlichem Getöse in unserem Gästezimmer nächtigte. Sein Schnarchen schien das ganze Haus erzittern zu lassen und wirkte als würde er einen Baum nach dem anderen fällen.

Diese beiden Geschichten hätte ich dem belauschten Gespräch der beiden Urlauberinnen ebenso hinzufügen können, wie die Tatsache, dass auch mein Mann dieses sonderbare männliche Gen in sich trägt. Denn auch er schnarcht! Bis jetzt scheint er sich allerdings noch mit kleineren Wäldchen zu begnügen, was aber nur geringfügig leiser vonstatten geht als bei seinem Vater und unserem Bekannten. Trotzdem ist es manchmal schon etwas nervig, wenn ich ehrlich bin. Meistens hilft dann:
„Dreh dich doch mal um, du schnarchst!“
Leider wirkt dieser Zauberspruch nur für wenige Sekunden, dann hat er die Säge wieder gefunden und damit auch seinen Arbeitseifer. Sollte er tatsächlich einmal eine längere Schnarchpause einlegen, liege ich dann voller Konzentration lauschend neben ihm, schalte das Licht an und sehe nach, ob er noch atmet. Mit etwas Glück falle ich dann (schnarchlos, wie ich annehme, da ich keine gegenteiligen Beschwerden vernommen habe) wieder in den Schlaf, denn dann ist mir sein Schnarchkonzert egal, ja es scheint tatsächlich etwas Beruhigendes und Beschützendes davon auszugehen und man würde echt etwas vermissen!!!
Schnarcht der eigene Mann mal nicht beziehungsweise nicht so laut, so klingt aus dem Nachbarzimmer im Hotel oder in einer lauen Sommernacht bei geöffneter Balkontür vom Nachbarhaus das gleiche sich rhythmisch wiederholende Sägen herüber.

Ohne unsere Männer wäre die Welt viel stiller, aber auch viel langweiliger! Wir lieben sie, egal ob mit oder ohne nächtliche Baumfällarbeiten, sprich: In guten und in schlechten Zeiten.

Meine Schwiegermutter hatte aus dem Schnarchen meines Schwiegervaters ihre Konsequenzen gezogen, sie schliefen also in getrennten Zimmern. Schlafen konnte und kann sie trotzdem angeblich nachts immer noch nicht. Schuld ist jetzt allerdings nicht das „Sägen“ ihres Mannes, der inzwischen das ganze Geschehen aus einem anderen Blickwinkel betrachtet, nämlich von oben. Da er jetzt alles genauestens überblicken und beobachten kann, kennt er wohl auch Willi. Allerdings fragt er sich sicherlich, wie es ein so süßes kleines Tierchen mit seinem inbrünstigen Schnarchen aufnehmen kann. Dazu muss man sagen, dass Willi ein Holzwurm ist, der meiner Schwiegermutter Nacht für Nacht den Schlaf raubt.
Daher hat sie ihn neulich mit dem Messer bedroht. Sie hat wohl mit dem Messer in mehrere Holzwurmlöcher auf der Vorderseite des Schrankes gestochen und Willi derart zu Tode erschreckt, dass er sich nun zur Rückseite des Möbelstücks zurückgezogen hat. Da meine Schwiegermutter Holzwurm Willi nicht zum Ausziehen, sondern nur zu einem geringfügigen kleinen Umzug bewegen konnte, teilten sich beide weiterhin das Schlafzimmer. Da aber bekanntlich der Klügere nachgibt, zog meine Schwiegermutter letzten Endes zum Schlafen doch noch in ein anderes Zimmer.

Übrigens:
Die beiden Urlauberinnen haben ihren Männern das Schnarchen verziehen, denn ich hörte wie eine von ihnen das Thema abschließend sagte:
„Na, wenn sie keine anderen Macken haben, dann können wir doch zufrieden sein!“
Kräftig mit dem Kopf nickend stimmte die andere ihr zu und dann sprangen sie in den Swimmingpool.

Die Sache mit der Vorahnung

Zurückblickend hätte ich es eigentlich vom ersten Moment an ahnen müssen. Aber so ist es nun einmal im Leben, – hinterher weiß man immer alles besser.

Und überhaupt, wie war das noch einmal mit dem Spruch, den meine Mutter mir ins Poesiealbum geschrieben hat?

„Wenn du einst in deinem Leben fest auf einen Menschen baust,
geh’ mit Vorsicht ihm entgegen,
eh’ du dich ihm anvertraust…“ ( Überlieferung / Der Verfasser ist mir unbekannt).

So ähnlich war er wohl. Läge das Poesiealbum nicht noch in meinem ehemaligen Kinderzimmer zu Hause bei meiner Mutter, ich würde die Stufen hinaufeilen, um nachzuschlagen, doch 600 Kilometer überbrückt man nicht eben mal so in 5 Minuten.
Unbekümmert legte ich damals das Büchlein zur Seite. Irgendwie gefiel mir der Vers jedoch und bei jeder neuen Liebelei oder Schwärmerei kam er mir immer kurzzeitig ins Gedächtnis zurück, um mich dann letztendlich dem Richtigen anzuvertrauen.
Ich könnte jetzt noch viel philosophieren und die Zeichen der Zeit zu erklären versuchen, um dann zu erkennen, dass von Anfang an eigentlich alles auf mein Leben mit zwei lieben, aber chaotischen Männern hindeutete.
Da aber dieses Hin- und Hersinnen lediglich auch in meinem Kopf ein riesengroßes Wirrwarr, – sprich Chaos – erzeugen würde, ziehe ich es nun doch vor ganz von vorne anzufangen:
Nein, keine Angst, ich greife nicht zurück bis zu meiner Geburt, – obwohl ich als Baby hinreißend gewesen sein muss, – ich springe mit meiner Erzählung sozusagen mitten hinein in das Leben:
Damals war ich gerade süße 16 Jahre und betrat gemeinsam mit meinen Freundinnen den Schulhof unserer neuen Schule, die wir nunmehr drei Jahre bis zum Abitur besuchen sollten.
Es war ein wunderschöner Sommermorgen Ende August, so gegen acht Uhr. Die Sonne lachte vom strahlend blauen Himmel, die Vögel zwitscherten… So oder ähnlich mögen viele Romane beginnen, – schon seltsam, aber so war es tatsächlich. Nur eine Person fehlte: Der Prinz auf seinem weißen Pferd.
Stattdessen trat auf unser kleines Weibergrüppchen ein uns allen unbekannter langhaariger Teenager in Jeans zu. Schweigend und stirnrunzelnd sahen wir Mädchen uns den Jüngling an. Was wollte dieses unbekannte Wesen vom anderen Geschlecht von uns? Diese Frage sollte sich eigentlich in Sekundenschnelle klären, – oder auch nicht.
Der Langhaarige steuerte mit seiner ausgestreckten Hand genau auf mich zu, – oh Gott, was wollte der nur?
„Grüß dich, Sabine!“, schmetterte er mir entgegen. „Wie geht’s denn so?“
Mit diesen Worten schüttelte er kräftig und dabei lächelnd wie ein Honigkuchenpferd, meine Hand, die ich ihm wohl in einer Art Reflexbewegung gereicht hatte. Innerlich aufatmend, flötete ich zuckersüß zurück:
„Du musst mich wohl verwechseln, ich heiße nicht Sabine, – ich heiße Astrid!“
„Na, macht ja nichts, – du kannst ja nichts für deinen Namen. Wir seh’n uns dann wohl noch!“
Mit diesen Worten verschwand er wieder in der Menge und ließ mich sprachlos und ratlos, die Welt nicht begreifend, stehen.
„Was war das denn jetzt?“, wandte ich mich an meine drei Freundinnen. „Wenn die hier alle so sind, dann sollten wir gleich besser wieder verschwinden.“
Erst jetzt sah ich, dass meine Freundinnen hinter vorgehaltener Hand zu grinsen und zu gickeln anfingen.
„Seid ihr jetzt auch schon übergeschnappt?“, wollte ich von ihnen wissen.
„Merkst du denn gar nichts mehr?“, fragte mich eine von ihnen zurück.
„Was soll ich denn merken? Dass der ein Rad ab hat, oder was? Das merkt wohl ein Blinder mit Krückstock!“ (Dummer Spruch! Aber so war damals unsere Ausdrucksweise.)
„Der hätte aber sicherlich gemerkt, dass dieser Typ da nur deinen richtigen Namen wissen wollte“, klärte mich eine andere Freundin auf.
„Ihr meint, das war eine plumpe Anmache?“ Ich schlug mich selbst mit der Hand gegen die Stirn, denn da hätte ich auch selbst draufkommen können.
Jetzt konnte ich mich ebenfalls nicht mehr halten und fiel in das Gelächter der Drei mit ein. Fast hätten wir die Schulglocke überhört.
„Den sind wir erst einmal los“, stellte ich fest, als wir gemeinsam unseren neuen Klassenraum betraten. Neue Lehrer, neue Bekanntschaften, all das war so aufregend, dass ich die ersten Schrecksekunden in der neuen Schule schnell vergessen hatte.
Bis sich am 3. Tag ca. 10 Minuten nach Schulbeginn ruckartig die Tür öffnete und ein seltsam anmutender Typ den Klassensaal betrat.
„Tschuldigung!“, sagte er lässig in Richtung Lehrerpult blickend. „Meine Mutter konnte ihre Perücke nicht gleich finden.“
Der Lehrer blickte stirnrunzelnd über den Rand seiner Brille hinweg auf den Jungen, der inzwischen einige Stühle rechts neben mir Platz genommen hatte.
„Sie steht dir aber ausgesprochen gut, Peter! Doch das nächste Mal solltest du deine Verschönerungsaktionen besser auf den Nachmittag legen!“, meinte der Lehrer leichtfertig. Der gesamte Kurs brüllte vor Lachen und ich glaubte meinen Augen nicht zu trauen. Sein Bankhintermann griff nämlich nach vorne und zog dem Typ den Skalp ab und zum Vorschein kam der Langhaarige vom Schulhof.
„Ich glaube es kaum“, raunte ich meiner Banknachbarin zu.
„Na, den wirst du wohl so schnell nicht mehr los“, grinste sie mich an.
„Danke, mein Bedarf ist gedeckt“, flüsterte ich zurück und widmete mich weiter dem Unterrichtsstoff.
Lustig hatte er ja wirklich ausgesehen, auch machte es ihm nichts aus, dass die anderen über ihn lachten. Es schien ihm regelrecht Freude zu bereiten, Menschen auf seine Kosten zum Lachen zu bringen. Das sollte ich im Laufe unserer gemeinsamen Schulzeit mehr als einmal feststellen können. Er konnte und kann herzhaft mitlachen und sich köstlich über seinen eigenen Blödsinn amüsieren, aber auch über die Naivität der anderen zu glauben, er sei so vertrottelt.
Mehr als einmal fiel ich selbst auf seine Tricks herein:
„Hallo Astrid“, begrüßte er mich einmal freundlich im Englischunterricht. „Du hast doch sicher das Essay gelesen. Ich habe es gestern versehentlich unter der Bank liegengelassen. Sag mir doch bitte nur kurz, was drin stand. Es interessiert mich echt brennend. Ich könnte mich selbst ohrfeigen, wo das Thema doch so hochaktuell ist und genau auf meiner Wellenlinie liegt.“
„Ja, das ist wirklich ein interessantes Thema, das viele Diskussionspunkte bietet“, sprang ich sofort drauf an. „Also pass mal auf: …“
Zunächst mitleidig und dann immer mehr hineinsteigernd erzählte ich kurz den Inhalt, um dann auf meine eigene Interpretation des Gelesenen einzugehen.
„Ja, ja“, meinte Peter zustimmend, „das ist genau meine Meinung!“
Kaum hatte er mir in überzeugender Weise beigepflichtet, betrat auch schon unser Englischlehrer den Klassenraum. Dieser hatte sich kaum gesetzt, da schnellte auch schon Peters Finger in die Höhe. Prompt nahm der Lehrer ihn dran und somit gab dieser genau das zum Besten, was ich ihm bereitwillig einige Minuten zuvor unterbreitet hatte. Man kann sich sicherlich meine Verärgerung vorstellen. Ich war einfach zu gutgläubig gewesen. Mein Ärger wurde nicht gerade besser, als ich die Lobeshymnen des Lehrers hörte:
„Man merkt, dass du dir Gedanken gemacht hast“, lobte er Peter. In mir brodelte es, aber man konnte ihm jedoch nicht lange böse sein. Immerhin: Geschickt eingefädelt hatte er die Sache ja und ich konnte eigentlich nur mir selbst die Schuld geben, wieder einmal auf Trick 17 hereingefallen zu sein. Während ich in der Stunde fleißig mitarbeitete, um mein Können unter Beweis zu stellen, hatte er offensichtlich sein Soll bereits erfüllt. Man hörte in den restlichen Minuten keinen einzigen Beitrag mehr von ihm.
Meine Schulzeit war eine schöne Zeit und Peter tangierte darin immer wieder mein Leben, ohne jedoch tatsächlich darin eine Rolle zu spielen. Er war einfach nur ein Schulkamerad für mich, obwohl er öfters mal ein bewunderndes Auge auf mich warf.
Ich war sogar einmal bei einem Konzert seiner Rockgruppe, in der er als Organist spielte. Ich klatschte auch Beifall, obwohl die Vorführung der mir scheinbar Verrückten und deren wirres Getrommel, Gekrächze und Getöne in keinem Fall auf meiner Wellenlänge lagen. Gut, ich bin nicht sehr musikalisch und vielleicht war mein Musikgeschmack ja verkehrt, denn ganz im Gegensatz zu mir, fand die winzige Fangemeinde in den ersten Reihen den aufgeführten Katzenjammer so genial, dass sie am Ende jeder Darbietung in eine regelrechte Verzückung und Ekstase geriet. Allerdings muss es doch noch einige kritikfähige Zuhörer gegeben haben, denn bei einer dieser Vorführungen der mit Musikinstrumenten kämpfenden Horde, wurde ihnen einfach der Saft (sprich: Strom) abgedreht. Denn nur so konnten die die Musik vergewaltigenden und von der Erde abgehobenen „Irrsinnigen“ gestoppt werden. So waren irgendwann der Sänger, dem man das Singen erst beibringen musste, der Trommler, der immer urplötzlich ein 10 minütiges Trommelsolo einbaute, der Organist, der auf die Tasten hämmerte und der Gitarrist, der am liebsten das Instrument zerfetzt hätte, zur Aufgabe gezwungen. Das war in meinen Augen zum Glück gerade noch rechtzeitig das Ende der Band.
Zu diesem Zeitpunkt ahnte noch niemand, dass ausgerechnet der Organist dieser Band noch vor Beginn unserer Studienzeit mein Freund und später mein Ehemann und Vater unseres gemeinsamen Sohnes werden sollte. Zu seiner Rehabilitation muss man sagen, dass er bereits schon zum Zeitpunkt unserer Freundschaft seine Flegeljahre hinter sich hatte. Heute ist er ein seriöser Universitätsprofessor, der viel Verständnis für seine Studenten hat und immer für einen Spaß zu haben ist.

 

Jetzt fängt mein neues Leben an

Die folgende Geschichte habe ich vor genau 14 Jahren geschrieben. Damals hatte der Märkische Bote dazu aufgerufen aus Anlass des 10. Jahrestages der Deutschen Einheit die persönliche Geschichte im Zusammenhang mit der Wende zu erzählen. Der folgende Beitrag von mir wurde preisgekrönt, mit einer Prämie gewürdigt und abgedruckt: 

„Jetzt fängt mein neues Leben an“, sagte mein Sohn

„Erzähl mir doch ein bisschen von früher“, forderte mich mein Sohn auf. Er liebte es schon immer, wenn mein Mann oder ich Geschichten aus meiner Kindheit oder ähnliches erzählten. In Gedanken ließ ich meine Kinder- und Jugendzeit an mir vorüberziehen. Plötzlich fiel mir der dicke, gelbe Teddy ein, den ich mit zwei Jahren von einer Tante meiner Mutter geschenkt bekommen hatte und den ich über alles geliebt hatte. So erzählte ich ihm:

„Ich kann mich noch gut erinnern, als ein Päckchen aus der Ostzone bei uns ankam, in dem mein „Chruschtschow“ lag!“ Schon beim ersten Satz erkannte ich jedoch an den großen Augen meines Sohnes, dass er nur „Bahnhof“ verstand, also fing ich anders an:

„Du weißt doch, dass Timmis Eltern früher hinter der großen Mauer in der DDR gelebt haben…“

Ja, genau so war das. Hinterher großen Mauer, da lag die Ostzone, wie wir sie nannten. Davon konnte unser kleiner Sohn noch nichts oder zumindest nicht viel wissen, denn 1989 geboren, wuchs er genau in eine Zeit hinein, in der Deutschland wieder einmal Geschichte schrieb: Die Wende.

Die Ereignisse kurz vor dem Mauerfall verfolgten meine Familie und ich sehr interessiert und wir freuten uns riesig, als dann endlich die Öffnung der Mauer bekanntgegeben und gefeiert wurde. Um ehrlich zu sein, als die bewegenden Bilder im Fernsehen übertragen wurden, standen mir die Tränen in den Augen, endlich e i n Deutschland.

Doch mehr Auswirkungen hatte die ganze Sache zunächst für mich und meine Familie nicht. Wir lebten in Darmstadt, weit entfernt von den neuen Bundesländern. Meine Freundin jedoch wurde schon bald unmittelbar von der  Umsetzung der Wiedervereinigung berührt. Ihr Mann lebte nämlich über Jahre hinweg für 5 Tage in der Woche in Erfurt, um bei der dortigen Oberfinanzdirektion seiner Arbeit nachzugehen. So rückte auch für mich der Osten Deutschlands ein wenig näher, ohne jedoch in mein Leben einzugreifen.

Ja, und dann kam der Tag, an dem mir meine Freundin eröffnete, dass auch sie mit den Kindern in die Nähe von Erfurt ziehen würde. Ich weiß noch, wie wir uns tränenreich verabschiedeten und einander versprachen, den Kontakt trotz der kilometerweiten Entfernung aufrecht zu erhalten.

Schon 2 Wochen später stand ich bei ihr vor der Tür, – mein erster Besuch in den neuen Bundesländern,der einen absolut positiven Eindruck bei mir hinterließ. Trotzdem dachte ich, mein Leben würde so weitergehen wie bisher, von gelegentlichen Abstechern im neuen Teil Deutschlands mal abgesehen. – Weit gefehlt!

Ich erinnere mich noch genau an den Moment, als ich einen DIN A4 – Umschlag mit den Bewerbungsunterlagen meines Mannes für eine Professur an der Brandenburgischen Technischen Universität in Cottbus in den Briefkasten warf. „Das wird doch eh’ nichts“, dachte ich und hatte die Sache auch gleich wieder vergessen, bis nach unserem Sommerurlaub plötzlich die Antwort ins Haus geflattert kam.

Cottbus, mein Gott, wo war das eigentlich genau? Ach ja, sollte da nicht im nächsten Jahr die Bundesgartenschau stattfinden? Ansonsten wusste ich von dieser Stadt nichts. Mein Verdrängungsmechanismus funktionierte auch noch ganz gut als mein Mann zum Berufungsvortrag nach Cottbus fuhr. Ja und dann wurde sein Ruf ausgesprochen, – sie wollten ihn haben, – und wir mussten eine Entscheidung treffen.

Gemeinsam fuhren wir zur inzwischen eröffneten Bundesgartenschau und bummelten kreuz und quer durch Cottbus und plötzlich war es um mich geschehen. Diese Stadt hatte mein Herz im Sturm erobert, genau wie damals als Kind der kleine dicke Teddy. Hier war es unwahrscheinlich grün und es gab so viele schöne Parks. Auch betrachtete ich die Häuser (es gab nämlich keineswegs nur Plattenbauten) gewissermaßen durch einen Filter. Ich sah zwar, dass noch vieles restauriert werden musste, aber vor meinem inneren Auge konnte ich mir alles schon so vorstellen, wie es einmal werden würde und zum größten Teil heute ist. Zugeben muss ich allerdings, dass mir die Straßen sehr gewöhnungsbedürftig erschienen, denn teilweise wäre es besser gewesen vom „Reiten“ als vom „Fahren“ zu sprechen, doch irgendwie fiel diese Tatsache für mich gar nicht so sehr ins Gewicht.

Die Menschen, mit denen wir ins Gespräch kamen, waren alle sehr freundlich und hilfsbereit. Ich fühlte mich hier keineswegs fremd und spürte, dies war eine Gegend, in der man sich auch auf Dauer wohlfühlen konnte. So kehrte ich mit leuchtenden Augen nach Darmstadt zurück, erzählte von meinen Eindrücken in einer Art und Weise, dass alle meine Begeisterung für dieses Fleckchen Erde spüren und ahnen konnten, was jetzt kommen würde.

Richtig, – wir entschlossen uns nach Cottbus zu ziehen und dort unser Zuhause zu gründen.

Vieles musste im Vorfeld geklärt werden, so zum Beispiel die Einschulung unseres Sohnes. Ich telefonierte mit der Schule und mit seiner damals zukünftigen Lehrerin. Da ich am Elternabend für die Erstklässler vor den großen Sommerferien noch nicht teilnehmen konnte, weil wir noch in Darmstadt wohnten, schickte sie mir einen sehr lieben handgeschriebenen Brief mit allen Details. Obwohl ich sie nur per Telefon und Brief kannte, war mir diese Frau sofort sympathisch. Da ich selbst Lehrerin bin, wusste ich dieses Engagement sehr wohl zu schätzen und freute mich sie kennenzulernen.

Am Umzugstag, wir saßen alle im Auto und fuhren Richtung Cottbus, sagte unser Sohn plötzlich voller Überzeugung:

„So und jetzt fängt mein neues Leben an!“

Wie recht sollte er behalten. Es war alles neu für uns. Ein kompletter Neuanfang: beruflich, aber auch privat. Unser Sohn wurde in Cottbus eingeschult, bekam sehr nette Lehrerinnen, wir alle fanden neue Freunde und uns alle erwarteten neue Aufgaben.

Nachtrag:

Inzwischen leben wir schon seit 18 Jahren in Cottbus (beziehungsweise einem kleinen Stadtteil von Cottbus), wo wir uns rundum wohlfühlen. In fünf Minuten sind wir zu Fuß an der Spree und können schöne Spaziergänge oder Radtouren machen. Aber auch der nahegelegene Spreewald ist ein herrliches Ausflugsziel und muss selbstverständlich jedem unserer Besucher gezeigt werden. Wir lernen die Sitten und Bräuche kennen, bewundern die schönen sorbischen Trachten und finden es inzwischen ganz selbstverständlich, dass jedes Straßenschild zusätzlich auch in sorbischer Sprache geschrieben ist.

Zu schätzen wissen wir auch die geringe Entfernung zu Berlin, Potsdam und Dresden, drei Städte, die viel zu bieten haben und die wir auch sehr gerne und häufig besuchen.

Ich glaube man merkt es: Wir haben unseren Entschluss nach Cottbus zu ziehen nicht  bereut und sind hier eigentlich von Anfang an richtig zu Hause.

Ein bisschen schade ist es allerdings, dass unsere Verwandtschaft (die inzwischen nur noch aus den Müttern und der Familie meiner Schwägerin besteht) und unsere Freunde und Bekannten (die es allerdings auch in alle Winde zerstreut hat) so fürchterlich weit weg wohnen und wir uns recht selten sehen können.

Übrigens:

Der Kontakt zu meiner Freundin und ihrer Familie (ich habe am Anfang der Geschichte von ihr erzählt) ist geblieben.

Meinen dicken, gelben Teddy gibt es allerdings schon lange nicht mehr, – er wurde von zuviel Liebe erdrückt.

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Ein besonderer Mensch

Eine Bekannte sagt häufig: “Das ist ein ganz besonderer Mensch.“   Sie meint damit meist einen reichen Menschen oder  jemand, der lieb zu ihr war.  Ich möchte hier jedoch über einen besonderen Menschen berichten, der ziemlich in jedem von uns steckt. Wir verwandeln uns in ihn, indem wir uns ähnlich wie bei der Verwandlung von der  Raupe zum schönen Schmetterling verpuppen. Dann „flattern“ auch wir umher und freuen uns  unseres Lebens. Die Rede ist von einer Gattung Mensch, den wir den Touri nennen.

Ich habe mich für eine begrenzte Zeit in ihn verwandelt, habe mich sozusagen zu den anderen Touris gesellt, ihr und mein Verhalten in dieser Zeit beobachtet und festgehalten, denn wenn einer eine Reise macht, hat er was zu erzählen. Was dabei herauskam, ist ein etwas anderer Urlaubsbericht:

„Ach, weißt du, eigentlich passt es mir im Moment gar nicht in den Urlaub zu fliegen“, sagt der Touri zu seiner Frau, die ihn mit großen fragenden Augen anschaut. „Ich hätte noch so viele Dinge zu erledigen, die ganze Arbeit bleibt liegen…, ich muss in jedem Fall noch schnell ein Telefonat machen…“

„Na“, denke ich, „der kann wohl gar nicht abschalten und bei diesem einen Anruf wird es dann auch nicht bleiben.“

Kaum haben die beiden die Sicherheitskontrollen hinter sich, flüchtet die Tourifrau in den Duty Free Bereich, während er sich auf einen Stuhl fallen lässt und augenblicklich sein Handy zückt. Wie sehr er sich in diesem Telefonat engagiert, kann man an seiner Gestik und Mimik ablesen. Er fuchtelt mit den Armen in der Gegend herum, deutet mal hier hin und mal da hin, zeigt mit dem Finger nach oben und unten, tippt sich mit dem Finger an die Stirn und haut mit der Faust auf den Tisch. Hier scheint auch nach Beendigung des Telefonats das letzte Wort noch nicht gesprochen worden zu sein.

Nach langem Suchen hat ein anderer Touri einen freien Sitzplatz zwischen zwei Männern erspäht und will sich mit der rhetorischen Frage

„Ist hier noch frei?“

auch schon hinsetzen, da erhält er prompt die Antwort:

“Hier sitzt meine Frau!“

Erstaunt richtet er sich wieder auf und marschiert zwei Plätze weiter, nur um ebenfalls die Belehrung zu erhalten:

„Hier sitzt meine Frau!“

„Ich sehe aber keine Frau“, kontert er geistesgegenwärtig, da ihm die vielen imaginären Frauen doch spanisch vorkommen. Aber da eilen sie auch schon von allen Seiten herbei und nehmen ihre Plätze ein, also bleibt dem Touri nichts weiter übrig als stehen zu bleiben oder weiter zu suchen bis endlich das Gate geöffnet und zum Einstieg ins Flugzeug aufgefordert wird, wo er zwar auch suchen muss, aber einen zugewiesenen Sitzplatz hat, der nur für ihn reserviert ist.

Endlich im Hotel angekommen, entfacht auch schon der Neid auf die anderen Touris, die liegen nämlich schon in der Sonne, rund um den Pool oder am Strand, also nichts wie hin,- man könnte ja was verpassen. Da man ja den allerersten Flieger aus Deutschland genommen hat, marschiert man jetzt um die Mittagszeit zum Strand. Die Liegen mit den Sonnenschirmen sind vergeben, aber das Handtuch ist ja groß genug und in Null Komma Nichts ist man dann bedingt durch die Strapazen der Reise selig eingeschlafen. Wen wundert es da, dass am Abend im Speisesaal der Neuankömmling wie ein wandelnder Leuchtturm für alle weithin sichtbar und deutlich erkennbar ist.

Hin und wieder trifft man aber auch genau den gegenteiligen Touri an, der allerdings ebenfalls eindeutig zu identifizieren ist. Dieser zeichnet sich durch Vorbildlichkeit und die Angst vor freien Radikalen aus. Er meidet die Mittagssonne und hat sein Schläfchen im vollklimatisierten Hotelzimmer auf höchster Stufe vorgenommen,was ihm drei Tage später eine Erkältung einbringt. Beim abendlichen Gang zum Buffet sticht er durch seine vornehme Blässe hervor. Beide Typen wirken wie ein Magnet, denn zum einen sorgen sie für Gesprächsstoff bei den bereits eingefleischten Touris und zum anderen eröffnet sich die Möglichkeit zur ersten Kontaktaufnahme.

„Na“, kommt es vom Nachbartisch herüber, die selbstverständlich schon mit gespitzten Ohren genau ausgekundschaftet haben, welcher Nationalität der Neuankömmling angehört. „Erst angekommen?!“ Dies klingt dann auch mehr wie eine Feststellung als eine Frage. Jetzt fühlt sich der Touri schon fast wie zu Hause, denn soeben hat er Freunde gefunden. Man spricht die gleiche Sprache, das verbindet.

Spätestens am nächsten Morgen beginnt für den Touri der Urlaubsstress: Gemäß den beiden oben beschriebenen Typen (Rothaut und Bleichgesicht)  fällt die erste Entscheidung. Unser Leuchtturm muss sich gezwungenermaßen einer Sonnenpause unterziehen, also legt er heute erst einmal einen Kulturtag ein. Unser Bleichgesicht hat sich für Pool, Sonnenschirm und Sonnencreme entschieden, damit aus der vornehmen Blässe eine leichte Tönung entsteht, die bis zur Abreise sorgfältig gepflegt wird. Diese Entscheidung hat er natürlich schon in aller Frühe gefällt, um für den Ansturm auf die begrenzte Anzahl von Liegen und Sonnenschirmen rund um den Pool gewappnet zu sein. Ausschlafen im Urlaub wird somit zum großen Nachteil, denn jetzt beginnt der Kampf um den besten Liegenplatz. Wenn morgens der Startschuss fällt, sollte das eigene Handtuch schon auf der Liege liegen. Danach kann er dann alles andere machen, unter Umständen auch mit dem Bus in den nächsten Ort zum stundenlangen Bummeln fahren, denn er hat ja seinen Liegeplatz inclusive Sonnenschirm reserviert und damit sein Revier markiert.

Dass der Mensch und besonders auch der Touri (wohlgemerkt wir sprechen hier immer vom Pauschalreisenden) ein Herdentier ist, kommt gleich beim ersten Ausflug voll zum Tragen. Steht der Touri alleine an der Bushaltestelle, überfällt ihn sogleich ein etwas mulmiges Gefühl und er fragt sich insgeheim: „Geht hier tatsächlich der Bus in die Inselhauptstadt ab oder muss ich zu einer anderen Haltestelle marschieren?“

Die Erleichterung überkommt ihn dann sofort, wenn weitere Urlauber eintreffen und er den aufgefangenen Gesprächsfetzen entnehmen kann, dass sie in die gleiche Richtung zu fahren gedenken. Dann stellt er sich auch bereitwillig in der Schlange an, doch seine gerade gewonnene Sicherheit verlässt ihn sofort wieder wenn sich plötzlich auf der Gegenseite ein Bus nähert und eine ganze Menschenhorde von der einen Straßenseite (auf der er steht)  zur gegenüberliegenden wechselt. Was macht der Touri nun? Keine Frage: Er wechselt ebenfalls die Straßenseite, um sogleich festzustellen, dass mindestens ein Drittel der Menschen, denen er gefolgt ist ihren Irrtum erkennen und nochmals die Straßenseite wechseln, ebenfalls wieder gefolgt von unserem Touri, der jetzt wieder da steht, wo er vorher auch stand.

Nun gut, er sitzt im richtigen Bus und erreicht auch die Inselhauptstadt. Die Entscheidung, ob er nach dem Verlassen des Busses seinen Weg nach rechts oder links fortsetzt, entscheidet wiederum die Masse. Fehlt diese, so fühlt er sich letztendlich genötigt aus seinem Rucksack den Stadtplan zu kramern und eine eigenständige Entscheidung zu fällen.

Sogleich verwandelt sich sogar der größte „Kulturbanause“ in einen von der   dortigen Kultur und Geschichte faszinierten und hochinteressierten Menschen. Alles, selbst die noch so unscheinbare im Reiseführer ausgewiesene Sehenswürdigkeit wird besichtigt und selbstverständlich aus allen nur denkbaren Blickwinkeln fotografiert.

Überhaupt liebt der Touri das Fotografieren und  Filmen. Sind das doch neben den schönsten Erinnerungen auch die besten Beweise gegenüber Nachbarn und Freunden, was man so alles Tolles im Urlaub gesehen und erlebt hat.

Gibt es eigentlich nichts zu fotografieren, weil man schlichtweg einfach nur mal für ein paar Minuten auf einer Bank vor sich hin träumen will, zückt man halt mal schnell die Kamera, wenn man aus seinem Tagtraum wieder erwacht ist und fotografiert zum Spaß mal eben den linken eigenen und den rechten Fuß des Partners. Hauptsache der Touri hat auch diesen Moment in irgendeiner Art und Weise dokumentiert und festgehalten.

Im Zeitalter der Digitalfotografie ist dies ja auch kein Problem. Während er früher den Moment einfach nur genossen und in der eigenen Erinnerung festgehalten hat (immerhin Filme und deren Entwicklung kosteten ja Geld und das war nach einem Urlaub etwas knapper) fotografiert er heute los was das Zeug nur so hält. Kostet ja nichts mehr, wird einfach auf CD gebrannt oder auf dem PC ausgelagert. Doch wer schaut sich die Bilderflut von manchmal 1000 Fotos noch an? Also druckt der Touri  einige wenige Fotos aus und schon ist man wieder soweit wie früher als alle noch analog fotografierten. Und das sind dann auch unsere wahren Schätze und Urlaubserinnerungen, verbunden mit den Erlebnissen drumherum. Denn, schaut der Touri nur noch durch das Objektiv, so nimmt er die Welt um sich herum kaum noch wirklich wahr. Schnell ist da auch einmal ein kleines Kind in Höhe seines Bauchnabels übersehen. Und zu  Hause stellt er dann plötzlich fest, was er so alles gesehen hätte, wenn er nicht immer nur durch das Objektiv geschaut hätte.

Seien wir Touris mal ehrlich! Handelt es sich bei diesem Urlaub z.B. um einen reinen Badeurlaub am Meer, so plätschern die Tage einfach so dahin ( es sei denn wir sind aktiv und unternehmen viel auf eigene Faust) und der Touri ist froh um jede noch so kleine Abwechslung, die den Urlaubstag bereichert. Da wird der Oberkellner, der sich beim Rausziehen der Besteckschublade diese auf den Fuß fallen lässt, zum großen Helden gekürt und die streitenden Kellner aus benachbarten Tavernen ebenso Objekte unserer Neugier wie das Brautpaar, dem man bei der Besichtigung einer Sehenswürdigkeit begegnet.

Über Hunde,  Katzen oder Babies gelingt selbst dem ansonsten vielleicht schüchtern veranlagten  Urlauber der Kontakt zu Einheimischen spielend. Der etwas forscher auftretende Touri interviewt schon mal Einheimische bezüglich irgendwelcher Feste oder zwecks  Wegbeschreibung, die dann meist mit Händen und Füßen und Bruchstücken der fremden Sprache zusammengebastelt werden.

Der absolute Höhepunkt für den Urlaubsbericht zu Hause ist dann natürlich das unvermittelte und überraschende Zusammentreffen mit Touris, die man auch noch aus der Heimat kennt und sei es noch so flüchtig. Mit Sonnenbrille vor den Augen und der Kamera vor dem Bauch hängend marschiert der eine Touri unvermittelt an dem anderen Touri vorbei und erkennt ihn gerade noch so im Augenwinkel. Beide verharren in ihrem Schritt und nun folgt die freudige Begrüßung. Nie hat man sich so gefreut einander zu begegnen wie in diesem Augenblick. Aus dem gleichen Land kommend, passiert ständig, aus der gleichen Stadt schon seltener, aber wenn man denjenigen auch noch kennt, dann ist das die Krönung und Sensation im Tourileben, zumindest für den Moment und bei der Berichterstattung zu Hause.

Nachdem der Touri zwei Wochen lang alle Sehenswürdigkeiten erforscht hat, überall hingefahren ist, alle diejenigen Dinge für schön  befunden hat, die er eigentlich daheim grässlich findet und Dinge gekauft hat, für die er im eigenen Heim nicht den passenden Platz findet (von wegen Wohnstil etc.), tritt  der Touri seine Rückreise an, um spätestens mit der Landung den schönen Urlaubsstress gegen den leidigen Alltagsstress einzutauschen.  Doch was wäre der Urlaub ohne den Alltag?

Zum Abschluss danken dem Pilot noch alle Touris mit einem kräftigen Applaus für die gelungene Landung auf dem Heimatflughafen, denn irgendwie ist es zu Hause doch am schönsten.