Kurzgeschichten
Kommentare 15

Zahlensalat

Manchmal habe ich den Eindruck, dass mein lieber Mann mich für ein wandelndes Telefonbuch oder einen Rechtschreibduden auf zwei Beinen hält. Auch das Merken von Zahlenkombinationen überlässt er vollkommen mir. Er ist überhaupt nicht gewillt sich diese Dinge zu merken. Braucht er diesbezüglich eine Auskunft, dann fragt er einfach mich.

Anfangs dachte ich, er würde vielleicht kein Zahlengedächtnis besitzen. So etwas soll es ja geben. Also machte ich ihm folgenden Vorschlag:
„Ich kann dir eine Eselsbrücke nennen, wie du dir beispielsweise diese Telefonnummer besser merken kannst!“
„Nur nicht!“, wehrte er sich dagegen. „Ich will sie mir nicht merken.“
Wann immer ich ihn darauf ansprach, warum er dies nicht möchte, erhielt ich dieselbe Antwort:
„Ich will nicht unnötige Speicherkapazität in meinem Gehirn für das Merken von diesen Zahlen und PIN’s verschwenden. Damit blockiere ich nur mein Gehirn für andere wichtige Dinge, die ich mir merken will oder muss.“
Nun gut, über den Sinn und Unsinn solcher Zahlenkombinationen lässt sich streiten. Fakt ist allerdings, dass auch mein Göttergatte diese hin und wieder benötigt.
„Aber für das Merken habe ich doch dich!“, schmeichelte er sich bei mir ein. „Du kannst dir das sowieso viel besser merken und dann brauche ich den jeweiligen Zahlencode oder die erforderliche Telefonnummer nur bei dir abzufragen. Ist doch vollkommen unnötig, dass wir uns beide die Nummern merken.“
„Egal“, dachte ich mir. „Auch so kann sich Frau unentbehrlich machen!“
Laut sagte ich dann allerdings: „Es gibt aber auch Telefonbücher!“
„Ja, aber da muss man nachschlagen und das kostet Zeit“, suchte er nach der nächsten Ausrede. „Und das mit dem Alphabet passt wiederum besser zu dir als Grundschullehrerin. Macht doch Sinn!“
„Was soll man dazu sagen?“, dachte ich mir und ergab mich zunächst wortlos meinem Schicksal. Ich konnte es dann aber doch nicht unterlassen, noch einen Satz nachzuschieben:
„Naja, ein bisschen Gehirnjogging hat noch niemand geschadet. Aber wenn du nicht willst, dann mache ich eben diesen Sport.“
Nun ist es ja allgemein bekannt, dass auch das Handy ein Telefonregister besitzt. Aber dieses sollte man auch pflegen, sprich die Nummern den entsprechenden Namen zuordnen und umgekehrt. Und das ist schon wieder eher mein Bereich, denn mein Mann besitzt hierfür keinerlei Muse, wie man so schön sagt. Es gibt eben wichtigere Dinge im Leben, womit er gar nicht so unrecht hat. Allerdings kommt es immer auf die jeweilige Situation an. Manchmal können sich Dinge, die zunächst unwichtig erscheinen und denen man keinerlei Beachtung schenkt, durchaus in den entsprechenden Situationen als äußerst wichtig erweisen.
Gerade an Ostern hatten wir wieder einmal ein Schlüsselerlebnis in Bezug auf die Wichtigkeit oder Unwichtigkeit solcher Zahlenkombinationen in unserem Leben.
Wir waren bei den Müttern in Hessen und kamen gerade von einem Ausflug nach Bad Homburg zurück. Die Tankanzeige ermahnte uns doch noch schnell einmal an eine Tankstelle ran zu fahren. Unser Auto war vollbesetzt. Mein Göttergatte saß am Steuer, ein Bekannter von uns saß auf dem Beifahrersitz und ich war auf dem Rücksitz mehr oder weniger eingequetscht zwischen den beiden Müttern. Mein Peter stieg aus und befüllte den Tank und wollte dann zum Bezahlen mit der EC-Karte schreiten. Doch halt, da war doch noch etwas! Genau! – Die PIN! Und hier kam ich wieder ins Spiel. Allerdings konnte ich nicht aussteigen, da meine Sitzposition äußerst ungünstig war.
„Wie war noch mal die PIN?“, fragte Peter mich und steckte seinen Kopf zur hinteren Tür herein. Ich beugte mich vor und flüsterte sie ihm ins Ohr.
„Kann Peter sich Nummern immer noch nicht merken?“, fragte unser Bekannter mit grinsendem Gesicht.
„Nö, wieso?“, fragte ich zurück.
„Kannst du dich nicht mehr erinnern?“, antwortete er wiederum mit einer Frage. Da wir allerdings durch diese Hin- und Herfragerei nicht weiter kamen, fügte er erklärend hinzu:
„Ich war vor vielleicht 10 Jahren mal mit Peter in Berlin und uns ereilte eine ähnliche Situation wie gerade eben hier, nur warst du damals nicht dabei. Deshalb hat er dich direkt von der Tankstelle aus angerufen. Nach zwei fehlgeschlagenen Versuchen bei der Eingabe seiner PIN, war ihm die Sache wohl zu riskant und er wollte lieber bei dir nachfragen.“
„Stimmt, jetzt fällt es mir auch wieder ein“, kicherte ich. „Nur gut, dass ich die Zahlen alle im Kopf habe.“
Und dann fiel mir plötzlich noch eine andere Begebenheit ein, die gar nicht so lange zurücklag.
„Neulich habe ich ihm schon mal dieselbe PIN ins Ohr geflüstert. Es war auch an einer Tankstelle. Allerdings habe ich ihm mit der Zahlenkombination sozusagen einen Ohrwurm eingepflanzt. Während der gesamten Tankaktion hat er sich still in Gedanken die Zahlen immer wieder vorgesagt, damit er sie ja auch nicht vergisst“, erzählte ich.
„Und hat es geklappt oder musstest du doch noch zum Bezahlen aussteigen?“, erkundigte sich jetzt auch meine Mutter, die neugierig geworden war.
„Also das war so“, berichtete ich weiter. „Er hat sich immer wieder im Kopf die Kombination ‚ABCD‚ vorgesagt. Den gesamten Tankvorgang über und auf dem Weg zum Bezahlen. Er öffnete die Tür zum Kassenhäuschen und sagte sich immer noch still und leise ‚ABCD‚ vor. Er schritt auf den Kassierer zu und jetzt sollte sich dieser eigentlich nach der Tanksäulennummer erkundigen. Mein Peter jedoch war schneller und schmetterte ihm ungefragt und ohne zu überlegen die Nummer hin. Nur nannte er nicht die Säulennummer 1, 2, 3 oder 4. Er rief ihm schon einige Schritte von der Kasse entfernt ‚ABCD!‘ zu. Im selben Moment hat er wohl registriert, was er da so vor sich hin posaunt hatte.“
„Und was hat der Kassierer gesagt?“, wollte meine Schwiegermutter wissen und erklärte sofort: „So etwas darf man nämlich niemals tun!“
„Ach“, sagte ich, „es war zum Glück sonst niemand da und der Kassierer war entweder leicht schwerhörig oder etwas schwer von Kapee. Er hat auf jeden Fall weder verwundert noch entsetzt oder sonst irgendwie auf die Äußerung von Peter reagiert.“
Als ich diese Begebenheit unseren Mitfahrern erzählte, war selbstverständlich das Gelächter groß. Und unser Bekannter meinte nur trocken:
„Typisch Peter! Aber das ist noch gar nichts gegen meinen Bruder. Der hat keinerlei Zahlengedächtnis und auch keine Frau, die sich diese Dinge merkt. Deshalb hat er sich die PIN sinnigerweise gleich auf der EC-Karte vermerkt, was natürlich äußerst praktisch ist.“
„Ja genau“, bestätigte ich ironisch diesen Nachsatz. „Besonders, wenn die EC-Karte verloren geht. So weiß der Finder wenigstens sofort, wie er Geld am EC-Automaten abheben kann. Klasse Erfindung!“
„Mein Bruder war schon immer praktisch veranlagt!“, lachte unser Bekannter.
„Ich will mitlachen“, sagte mein Peter, der gerade vom Bezahlen kam und wieder in unser vollbesetztes Auto einstieg.
„Ach, im Grunde genommen ging es nur um die Wichtigkeit des Merkens von Zahlenkombinationen“, berichtete unser Bekannter.
„Das brauche ich nicht, dafür ist Astrid zuständig!“, erklärte Peter.
„Und hast du dir die PIN bis zur Kasse merken können?“, wollte ich noch wissen.
„Es hat alles prima geklappt. Vorsichtshalber habe ich mir die Zahlenkombination mit dem Finger auf den Kofferraumdeckel geschrieben“, teilte er uns grinsend mit und blickte dabei in vier vollkommen verdutzte Gesichter.

 

Vielleicht möchtet Ihr auch noch das lesen:

Meine ganz normale, chaotische Familie

Stock und weißer Bart

Mensch ärgere dich nicht!

 

15 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.