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Meine ganz normale, chaotische Familie

Beim Durchforsten meiner Aufzeichnungen ist mir die nachfolgende Geschichte in die Hände gefallen, die ebenfalls ziemlich genau 14 Jahre alt sein dürfte und einen kleinen Einblick in unser familiäres Leben gibt:

Meine ganz normale, chaotische Familie

Was ist schon normal? Hätte ich sagen sollen: „Meine ganz normale Familie?“ Entsprechen wir denn der Norm? Nein, bestimmt nicht! Oder etwa doch? Chaotisch sind wir bestimmt (immer öfter), zumindest in den Augen der „Normalen“. Manchmal geht es zu wie auf dem Basar, jeder redet, aber keiner hört zu. Auch die Lautstärke würde passen, – wer flüstert schon, wenn er sich im Trubel Gehör verschaffen will. Ein Spaziergänger, der am Haus vorbei käme, würde sicherlich eine italienische Großfamilie hinter den Fenstern vermuten, aber wir sind eigentlich nur eine deutsche Kleinfamilie.

Wir, das ist zunächst einmal mein treu sorgender Gatte, der mit einem Zeitgefühl ausgestattet ist, das zu einem anderen Universum zu gehören scheint. Seine Auffassung von „gleich“ und „sofort“ ist zumindest nicht den gleichlautenden Begriffen unserer Sprache und unseres Verständnisses gleichzusetzen. Weiterhin gehören unser zum damaligen Zeitpunkt pubertierender Sohn (heute ist er schon 25 Jahre, studiert und wohnt nicht mehr bei uns) und meine Wenigkeit zur Familie. Weitere Familienmitglieder sind noch ein Kaninchen und ein Meerschweinchen (anfangs waren es die beiden Kaninchen Tom und Jerry / erst nach Toms Tod gesellte sich Tim das Meerschweinchen zu uns).
Selbst die beiden Tierchen entsprechen nicht der Norm. Sir Jerry und Mister Tim haben einen Stall, der ohne weiteres als Gästezimmer umgebaut werden könnte, – zumindest passt ohne Probleme eine Matratze hinein.
Während Sir Jerry vom ausgelassenen allzeit potenten Jüngling zum großen Beschützer herangewachsen ist, scheint Mister Tim vom Meerschweinchen zum Kaninchen mutiert zu sein, jedenfalls springt er wie ein Kaninchen im Stall hin und her und hoch und runter.
Ist das jetzt normal,chaotisch oder ganz normal chaotisch?
Was mit mir ist, kann man jetzt fragen. In meinen Augen bin ich die Normalste von allen, was aber nicht immer der Meinung meiner beiden Männer entspricht, schon ganz und gar nicht, wenn mich angeblich der Putzwahn befällt.
Fordere ich meinen Sohn auf, seine überall im Kinderzimmer verstreuten und schmutzigen Socken in das dafür vorgesehene Behältnis zu befördern, erklärt er mir nur:
„Das ist ganz normal, bei meinen Freunden ist auch nicht aufgeräumt!“
Soll mein Mann seinen Bücherstapel neben dem Bett beseitigen, höre ich nur seine kopfschüttelnde Bemerkung:
„Diese Aufräumerei ist ja wohl nicht normal!“
Klage ich mein Leid einer Bekannten, so antwortet diese nur:
„Das ist doch ganz normal! Meine Männer sind auch so!“
Naja, wie mir scheint bin ich dann doch die einzig Unnormale hier!

Morgenstunde hat Gold im Munde

Pünktlich um 6.15 Uhr erschallt das allzeit beliebte Klingeln meines Weckers. Ich schalte das Licht an und drücke auf die Wiederholungstaste. Zeitgleich ertönt der gleiche Laut im Zimmer unseres Sohnes, was zur Folge hat, dass auch bei ihm das Licht angeht und der Wecker einen Schlag erhält, der ihn sprichwörtlich schlagartig für die nächsten 24 Stunden verstummen lässt.
Während ich eine Minute später ins Badezimmer marschiere, dreht sich mein Göttergatte grunzend auf die andere Seite. Neidisch werfe ich ihm einen Blick zu, – aber was hilft es? Wenn ich nicht aufstehe, dann tut dies in dieser Familie niemand!
Fünf Minuten später höre ich das erneute Weckerklingeln aus dem Schlafzimmer. Wer glaubt, dass der inzwischen sehr energisch, schon fast wütend klingende Weckruf meinen Mann senkrecht im Bett sitzen lässt, der täuscht sich gewaltig. Nebenbei bemerkt, täusche ich mich da jeden Morgen selbst, denn das Klingeln des Weckers scheint sich in den Ohren meines Mannes nahezu in die schönste Schlafmelodie zu verwandeln. Er macht nämlich keinerlei Anstalten den Ausknopf zu betätigen, allein der Wecker und meine Ohren sind die Leidtragenden. Um das penetrante Piepsen nicht mehr zu hören, drehe ich den Wasserhahn voll auf und vernehme nur noch das Rauschen des Wassers.
Ebenso wie ich, muss auch der Wecker letztendlich resignieren, will er doch nicht die ganze Energie seiner Batterien verbrauchen. schließlich verstummt er angesichts seiner Nichtbeachtung und steht für den Rest des Tages still und beleidigt auf dem Nachttischchen.
„Vielleicht sollte ich es morgen mit Mozart oder Beethoven probieren“, überlege ich kurz. Möglicherweise hilft mir das, meinem Mann aus den Tiefen seiner süßen Träume zu rütteln.
Als ich dann eine Viertelstunde später das Zimmer unseres Sohnes betrete und ein fröhliches „Guten Morgen! Du musst aufstehen!“ zu seinem Hochbett hinaufrufe, in dem ich außer Kissen, Decken und Stofftiere nichts erkennen kann, schmettert mir der Unsichtbare ein „Mensch, du nervst!“, entgegen.
Also ziehe ich mit Socken, Unterwäsche, T-Shirt und Hose bewaffnet wieder ab und lege alles im Badezimmer bereit, um zum nächsten Angriff überzugehen. Da das verbale Wecken wenig Erfolg verspricht, müssen härtere Geschütze aufgefahren werden. Zunächst einmal stelle ich die Kitzelmaschine an. Am einfachsten von unten zu erreichen, ist der Fuß, der jedoch schlagartig weggezogen wird. Also bleibt mir nichts anderes übrig als die Leiter hinaufzuklettern und ein Ganzkörpergekitzel zu veranlassen. Nach einem ersten seltsamen Grunzen, stellt sich ein Kichern ein. So, jetzt ist die Stunde der Wahrheit gekommen, schlagartig ziehe ich die Bettdecke weg und mein Sohn sitzt senkrecht im Bett.
Damit wäre die erste Schlacht gewonnen. Ich kann beruhigt nach unten in die Küche gehen, während der Jüngling das Bad belagert.
Als er die Küche mit Comicheften bewaffnet, betritt, bereite ich gerade das Frühstück vor und schmiere das Schulbrot. Ein paar Minuten ist Ruhe, dann muss ich schon wieder in Aktion treten, indem ich die Uhrzeit nach oben zu meiner schlummernden besten Hälfte weitergebe. Dies wird sich nun im 2 – Minutentakt wiederholen, ohne dass auch nur das Geringste passiert. Eigentlich könnte ich mir ja meine Spucke sparen, mich braucht es doch nicht zu jucken, wenn die beiden Herren zu spät dran sind.
Nach einer gefühlten halben Stunde erscheint mein Mann in Anzughose, ohne Strümpfe und mit Schlafanzugoberteil. Sobald er seine Jacke überstreift, springt unser Sohn nach oben zum Zähneputzen, sofern man das sekundenartige Durchfegen der Zahnbürste durch den Mund so nennen kann. Schlagartig ist er wieder zurück, zieht Jacke und Schuhe an, schultert seinen Schulranzen und haucht mir ein Küsschen auf die Wange. Während ich meine täglichen Ermahnungen „Mach schön mit, pass gut auf und mach keinen Unsinn!“ runterleiere, steigt Sohnemann zu Papa ins Auto und beide düsen auf den letzten Drücker davon. Gott sei Dank – geschafft!
Eine Viertelstunde später hält unser Auto wieder vor dem Haus, mein Liebster steigt mit einer Tüte Brötchen aus und ein gemütliches Frühstück zu zweit beginnt, bei dem er alle möglichen Akten durchblättert, mindestens drei Telefonate führt und zwischendurch noch ein Fax verschickt. Am Ende steht dann immer das gleiche Ritual:
„Schnell, schnell, ich muss ins Büro. Ich hab’ in 15 Minuten eine Besprechung. Was soll ich anziehen? Wo ist meine Uhr? Ich kann meinen Autoschlüssel nicht finden! – Tschüss, ich bin schon spät dran! Bis heute Abend!“

Die Verfolgungsjagd

Am nächsten Morgen müssen Vater und Sohn vor der Abfahrt erst noch den Laternenpfahl vor unserer Haustür inspizieren. Dieser ist total beschädigt und halb umgeknickt. Davor liegen Scherben eines Blinklichtes.
Beide sitzen gerade im Auto, als ein anderer Wagen in unseren Stichweg einbiegt. Vor dem Laternenpfahl bleibt der Unbekannte stehen, blickt sich um, fährt rückwärts wieder raus und biegt in Richtung Stadt ab.
Alles Weitere weiß ich nur aus der Erzählung unseres Sohnes, der nach Schulschluss auf meine Frage, ob er noch pünktlich zu Schulbeginn in der Schule war, Folgendes berichtet:
„Naja, zum Glück konnte ich Papa dazu überreden die Verfolgungsjagd noch rechtzeitig abzubrechen.“
„Welche Verfolgungsjagd denn?“, erkundige ich mich neugierig.
„Also, Papa war der Meinung, sein detektivischer Spürsinn habe ihm gesagt, dass der Mann im Auto heute Früh der Laternenmörder war. Wir haben ihn dann verfolgt.“
Die Tatsache, dass der Verdächtige wohl nicht gerade langsam gefahren war, hatte ihn in den Augen meines Mannes nur noch verdächtiger gemacht.
„Nachdem Papa schon an der ersten Abzweigung zur Schule vorbei war, habe ich ihm erzählt, dass in der ersten Stunde eine Klassenarbeit ansteht. Dann hat er aufgegeben.“
Ich kann mir das Grinsen nicht verkneifen, als ich meinen Mann am Abend auf diesen Vorfall anspreche und er siegessicher meint:
„Das war er! Warum sonst ist er so schnell abgehauen?!“
„Na, vielleicht musste er in die Arbeit!“, antworte ich und füge hinzu:
„Übrigens: Den Laternenpfahl hat ein Müllauto angefahren.“
Somit schwinden für meinen Mann die Chancen auf ein Zweiteinkommen als 2. Sherlock Holmes, denn nicht alle Schnellfahrer, die versehentlich in eine Seitenstraße mit defekter Laterne einbiegen, sind auch gleichzeitig polizeilich gesuchte Laternenmörder.

6 Kommentare

  1. Weißt du Astrid das Leben kann so normal und langweilig sein! Dann ist eine unnormale Familie höst abwechslungsreich und spannend. Jeden Tag was neues hihiiii davon kann ich auch ein Liedchen singen. Aber dich Geschichte mit dem Laternenmörder hahahaaaa die Klasse!!! Lg

  2. wer möchte nicht!! in soner Familie leben, das hört sich alles großartig chaotisch und völlig normal an!
    ich hab – echt – laut gelacht, dazwischen geschmunzelt als ich weiterlas (wollte schliesslich wissen wie es weitergeht und zum schluss – bestätigend genickt.
    Du kannst erzählen…!
    herrlich….
    vergnügliche Geschichten, sie entstehen aus deiner feder, man merkt genau wie viel Spass es dir gemacht hat, sie zu schreiben…..
    herzlichst Angelface

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Angelface,
      wenn Du noch mehr über meine chaotische Familie erfahren willst, in diesem Blog findest Du immer wieder lustige Geschichten über meine Familie. Ich erinnere z.B. nur an „Mensch ärgere Dich nicht!“, denn auch hier geht es etwas chaotisch und lustig zu.
      Ich wünsche Dir auch weiterhin viel Spaß beim Lesen meiner Geschichten.
      Astrid

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