Kurzgeschichten, Reisen
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Stock und weißer Bart

Ich weiß nicht warum, aber irgendwie fällt mir gerade eine Fernsehserie aus den Sechzigern ein. John Steel und Emma Peel lösten damals in den Filmen ihre Kriminalfälle „Mit Schirm, Charme und Melone“. Plötzlich passiert in meinem Kopf etwas ganz ohne mein Zutun. Meine Gedanken verselbständigen sich. Als diese sämtliche Gehirnwindungen durchlaufen haben, sind sie auf einmal zu einem anderen Gedanken mutiert. Wie damals bei dem Spiel „Stille Post“ haben sich die Worte verändert. Aus „Mit Schirm, Charme und Melone“ ist plötzlich „Mit Stock, Witz und weißem Bart“ geworden.

Der weiße Bart gehört zu meinem Peter, wie jeder inzwischen wohl schon wissen dürfte. Er ist zu so etwas wie seinem Markenzeichen geworden. Witz hat mein Mann ebenfalls, also muss ich nur noch überlegen, was es mit dem Stock auf sich hat. Diese Detektivarbeit ist im Grunde genommen nicht so schwer für mich, denn ich muss gar nicht weit gehen, um fast über einen Stock zu stolpern.
Er steht in unserer Eingangsdiele, links neben der Haustür. Man kann sich denken, dass ich hier keinen einfachen Stock, sprich einen passend geformten Ast aus dem Wald stehen habe, so wie man ihn manchmal auf Wanderungen benutzt. Wenn es kein Wanderstock ist, dann vermutlich ein Spazierstock, wird jetzt jeder denken. Ja und nein. Es ist auch kein gewöhnlicher Spazierstock, so wie ihn Charlie Chaplin immer bei sich hatte und von dem er sagte, dass dieser für die Würde des Menschen stehe (vgl.: http://www.tagesschau.de/ausland/charlie-chaplin100.html / Stand: 9.1.2015).
Er hat keinen gebogenen Griff, sondern einen silbernen und reich verzierten Knauf, auf dem die Hand des Gehenden liegt.
„Das ist ein Stock mit Geschichte!“, meint Peter, der gerade aus seinem heimatlichen Büro in unsere Küche marschiert und sieht, wie ich den Stock in die Hand nehme und genauestens betrachte.
„Ganz sicher stammt er nicht aus dem 17. oder 18. Jahrhundert, in dem überwiegend Könige und der Adel derartige Stöcke besaßen und ob er aus dem Mittelstand des 19. oder 20. Jahrhunderts ist, lässt sich auch nicht mit Sicherheit sagen.“
„Aber darauf kommt es bei diesem Stock auch nicht an“, füge ich hinzu. Seine Geschichte ist für uns eine ganz persönliche Geschichte, die uns viel wichtiger ist und ihn damit für uns auch wertvoller macht, als seine eigentliche Historie:
Vor inzwischen dreieinhalb Jahren hatten wir Silberhochzeit und flogen nach Venedig, sozusagen als Silberhochzeitsreise (an anderer Stelle werde ich irgendwann einmal ausführlich davon berichten). Für mich war es das erste Mal, dass ich Venedig besuchte. Peter war als kleiner Junge einst mit seinen Eltern mitten im Hochsommer und bei brütender Hitze dort gewesen und hatte Venedig auf eine sehr eigentümliche Art beeindruckend empfunden: „Venedig ist schmutzig, stinkt und Ratten gibt es auch!“
In diesem Glauben ließ er mich mehr als dreißig Jahre. Trotzdem wollte ich diese Stadt, deren historisches Zentrum, die Lagune von Venedig und einige nahe Inseln sehen, bevor ihr viel beschworenes Ende angesagt ist. Selbst Peter musste bei unserem Besuch zugeben, dass sich uns Venedig mehr als traumhaft präsentierte und wunderschöne Kulissen für unser gebuchtes Fotoshooting bot.
Am Tag nach unserem 25jährigen Hochzeitstag erkundeten wir die besagte Stadt auf eigene Faust. Auch entschlossen wir uns mit dem Wasserbus nach Murano zu fahren, die Insel, die für ihre Glaskunst weltweit bekannt ist. Erst als wir uns im Wasserbus hinsetzten, spürten wir, dass unsere Füße vom vielen Laufen bereits zu schmerzen begannen.
„Weißt du, was Venedig und Capri gemeinsam haben?“, fragte mich Peter.
Ich konnte mir nun überhaupt nicht vorstellen, was es hier an Gemeinsamkeiten geben sollte und schüttelte den Kopf.
„Die vielen Stufen, die zu erklimmen sind“, erklärte er mir.
Ich konnte mich erinnern, dass er mich auf Capri voran gehen hatte lassen, da er Probleme mit seinen Knien und damit einhergehend mit dem Treppensteigen hatte.
Doch die Neugierde und der Wissensdurst des Menschen war auch jetzt unser Motivator die schmerzenden Füße und Knie zu vergessen. So kamen wir an einem Antiquitätengeschäft vorbei, das Peter magisch anzog und in mir die schlimmsten Befürchtungen aufkommen ließ. Ich kenne nämlich meinen Mann, seine Vorliebe für alte Sachen und stellte mir schon vor, was er alles an Kostbarkeiten finden würde. Ich muss zugeben, es war ein interessanter Laden, doch mich drängte es eher nach draußen.
„Lass uns doch noch zu den Glasmanufakturen und Ausstellungen gehen“, bat ich ihn.
„Schau doch mal!“, forderte er mich auf, ohne auf meine Bitte einzugehen. „Der ist doch hübsch!“
„Ja, stimmt“, bestätigte ich, fügte jedoch beim nächsten Atemzug hinzu: „Lass uns gehen, ich will noch was anderes sehen!“
Peter drehte einen Spazierstock mit silbernem Knauf in der Hand hin und her, betrachtete ihn ein wenig wehmütig, steckte ihn jedoch wieder in den bereitstehenden Schirmständer, in welchem noch andere Spazierstöcke ihren Platz hatten.
„Das war der Schönste von allen“, erklärte mir mein Gatte beim Verlassen des Geschäftes. Höchstens zehn Minuten später verkündete er mir:
„Ich kann überhaupt nicht mehr laufen. Mir tut schon alles weh! Und überhaupt, meine Knie sind vom vielen Treppensteigen heute ganz schlimm!“
Da wir inzwischen in einer Ausstellung mit vielerlei verschiedenen Produkten aus Muranoglas waren, vergaß er kurzzeitig seinen Jammer. Doch kaum betraten wir wieder die Straße, ging die Sache von vorne los:
„Das wird immer schlimmer!“
„Was?“
„Na, meine Knie, – erzähl ich doch dauernd!“
„Sollen wir uns irgendwo hinsetzen?“, fragte ich ihn mitleidig.
„Nö, nö!“
Und zwei Minuten später meinte er: „Vielleicht kauf ich mir einen Stockschirm, da kann ich mich abstützen.“
Jetzt hatte ich es kapiert! Er hatte die ganze Zeit rumgejammert wie ein kleines Kind, das etwas haben möchte, es aber nicht bekommt.
„Kann es sein, dass du den Stock haben möchtest, den wir vorhin gesehen haben?“, erkundigte ich mich.
„Ach Quatsch! Brauch ich doch nicht!“
„Anscheinend aber doch! Komm wir gehen noch mal in den Antiquitätenladen, bevor er schließt“, schlug ich ihm vor.
„Den Stock hat bestimmt eh schon jemand gekauft“, murmelte er in seinen weißen Bart.
Seltsamerweise hatte er mich schon in die Nähe des Geschäftes gelotst und so brauchten wir nur noch um zwei Ecken zu gehen, um vor dessen Tür zu stehen. Dort hielt er sich auch gar nicht lange mit Umschauen auf, sondern marschierte geradewegs auf den Ständer mit den Spazierstöcken zu. Lange Rede, kurzer Sinn: Wir haben den besagten Stock erstanden und Peter hatte fortan weder beim Marschieren, noch beim Treppensteigen Probleme. Er genoss es sichtlich mit diesem zwar altmodischen, aber dekorativen Accessoire umher zu marschieren.
„Männer sind wie kleine Kinder“, dachte ich mir so, als mein Gatte strahlend verkündete:
„Der ist perfekt! Wo wollen wir noch hingehen?“
Als wir am Abend mit dem Wasserbus wieder zurück nach Venedig fahren wollten, zeigte dieser auch seine Wirkung. Peter ließ mir beim Betreten des überfüllten Wasserfahrzeuges den Vortritt. Da ich keinen Sitzplatz finden konnte, suchte ich mir irgendwo eine Lücke zum Hinstellen und signalisierte Peter durch Winken meinen Standort. Dieser kam jedoch gerade einmal bis zur zweiten Sitzreihe, dann stand ein junger Mann auf und bot meinem Göttergatten den Platz an. Dieser bedankte sich, warf mir einen grinsenden Blick zu und ließ sich ohne Zögern in den Sitz fallen. Ganz offensichtlich genoss er den Status eines scheinbar alten und gehbehinderten Mannes.
„Siehst du“, meinte Peter nach dem Aussteigen, „mit Stock und weißem Bart hat man so seine Vorteile.“

5 Kommentare

  1. Musste schmunzeln, was für ein liebenswerte und auch noch wahre Geschichte. Schön dass du bei mir warst und ich somit deinen Blog kennen lernen konnte. Hoffentlich hat das mit dem abbonieren geklappt., denn ich möchte nun öfter kommen,
    Liebe Grüße, Lore

  2. Hallo Astrid,

    eine tolle Geschichte! Es macht wirklich Spaß bei Dir zu lesen!

    Ich verbinde einen Stock nicht automatisch mit „alt und gehbehindert“, sondern das gibt manchen Menschen erst das passende und sehr charismatische, in Erinnerung bleibende Auftreten. Mein Uropa hatte auch einen Stock (zwar nicht so ein schönes Exemplar), aber zum Laufen hat er ihn nicht wirklich genutzt, sondern meistens vor uns herum gefuchtelt, wenn wir irgendwas angestellt hatten 😉

    Liebe Grüße
    Sarah

    • Astrid Berg sagt

      Hallo Sarah,
      ich freue mich über Deinen Besuch auf meiner Seite.
      Ja, ich glaube der Stock passt einfach zu meinem Peter und ihm macht es Spaß ihn ab und zu zu benutzen, obwohl er nicht gehbehindert ist. Aber damals in Venedig war der Stock wirklich eine Erleichterung für ihn.
      Bis bald bei unseren gegenseitigen Besuchen
      Astrid

  3. monique carnat sagt

    schöne geschichten, mit denen man in unserem eigenen Leben mitreisen kann, denn immer denkt man an eigene erlebnisse die deinen ähnelt aber was hier sehr interessant ist, dass man weiter lesen will bis zum Ende !
    der Stock : mit mein Papa war ich in einer Kapelle und als wir raus kamen war er noch müde und hat sich auf einer Bank gesessen und siehe da : jemand hatte seinen stock vergessen und da er nicht mehr gut laufen konnte hat er diesen mitgeholt, wie ein geschenkt der *providence*.
    die geschichte mit dem Sofa ist auch schön !
    liebe grüsse
    Monique

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Monique,
      ich begrüße Dich auf meiner Seite und freue mich über Deinen lieben Kommentar. Schön, dass Du durch meine Geschichten eigene Erinnerungen aufleben lässt und meine Geschichten Dir gefallen.
      Vielen lieben Dank und herzliche Grüße
      Astrid

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