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Aurelia und Albert (10)

Eule Aurelia, die alles von ihrem Aussichtspunkt aus beobachtet hat, breitet ihre Flügel aus und schwingt sich in die Lüfte. Sie fliegt über Berge und Täler über Flüsse und zugefrorene Seen.

Nein, sie fliegt nicht ziellos umher. Sie weiß genau, wohin sie will und als sie ihr Ziel erreicht hat, setzt sie sich auf den höchsten Baum. Sie beginnt ein lautes Geschrei. Immer und immer wiederholt sie ihr Rufen.

„Was ist denn hier für ein Tumult!“, wundert sich der Bewohner eines einsam stehenden Hauses mitten in einem tiefen und dunklen Wald. Er sieht ein bisschen wie Albert Einstein aus, doch der ist ja schon lange tot. Aber alle, die diesen alten Mann hier im Wald kennen, nennen ihn wegen seiner Ähnlichkeit, aber auch wegen seiner Weisheit nur Albert. Mit seinem richtigen Namen wird er niemals gerufen. Möglicherweise kennt diesen sogar keiner mehr.

„Ich sollte unbedingt einmal nachsehen. Es hört sich nach Aurelia, der klugen Eule an. Aber normalerweise ist sie ein eher stiller Vertreter ihrer Art“, denkt Albert und geht nach draußen.

„Weiser alter Mann! Albert, hörst Du mich?!“ schallt es ihm entgegen.

„Aurelia? Was ist denn los? Wieso bist Du so aufgeregt?“

„Bruno, der Teddybär, Hugo, der Waldmensch und Kurt, der Schneemann …“, Aurelia muss erst einmal Luft holen. Sie ist total außer Atem. „… sind auf dem Weg zu Dir!“

„Oh, wie schön, ich bekomme Besuch!“, freut sich Albert. „Da sollte ich meine Hütte aufräumen, es ist nämlich wieder einmal dringend nötig. Vor lauter Denken, Erfinden und Grübeln kommt man ja nicht zum Aufräumen…“

„Dazu bleibt keine Zeit!“, schreit die Eule verzweifelt. „Kurt, der Schneemann braucht Deine Hilfe, sonst stirbt er!“

Aurelia berichtet schnell alles, was Albert wissen muss. Dieser wirft vorsichtshalber einen kleinen Schlitten mit Rädern auf sein Gefährt, da er dieses schon für den Winterbetrieb mit Kufen ausgestattet hat.

„Man kann ja nie wissen, wozu er gut ist“, meint er und springt auf sein düsenangetriebenes Gefährt. Diesen Antrieb hat er sich selbst ausgedacht und gebaut. Er ist eben ein kluger Mann, der weiß, wie man schnell vorankommt. 

„Hoffentlich ist Dein Fahrzeug auch schnell genug, damit wir noch rechtzeitig ankommen und Du den Schneemann Kurt retten kannst!“, hofft Aurelia. Sie schwingt sich neben Albert auf den Beifahrersitz. Zum Glück kennt die Eule den Weg und kann dem weisen alten Mann somit ein bisschen helfen. Mit ganz viel Hoffnung im Gepäck düsen die Beiden los…

Fortsetzung folgt …

Herbstbesuch

Klara möchte wieder einmal eine ganze Woche allein mit ihren Großeltern verbringen. Opa Werner und Oma Tina holen sie am Freitag mit dem Auto ab. Klara ist ganz aufgeregt, denn bei den Großeltern auf dem Land gibt es immer so viel zu entdecken und zu erleben. Das letzte Mal haben sie gemeinsam eine Kutschfahrt unternommen.

Doch jetzt schnappt sie erst einmal ihren großen Teddy und nimmt auf dem Rücksitz Platz, während Oma Tina die Reisetasche in den Kofferraum packt und Opa Werner sich hinter das Lenkrad setzt. Dann geht die zweistündige Fahrt los.

„Du wirst bald sehen, wie wunderschön und kunterbunt der Herbst auf dem Land ist“, meint Opa Werner kurz bevor die ersten Nebelschwaden auftauchen.

Noch ist Opa guter Dinge, denn er glaubt daran, dass sich der Nebel gleich wieder auflöst und sie die Herbstsonne am Himmel erstrahlen sehen. Leider hat er sich darin gründlich getäuscht. Je näher sie sich ihrem Heimatort nähern, umso dichter wird der Nebel. 

„Das ist ja wie in der Waschküche“, gibt der Großvater missmutig von sich und schaltet die Nebelscheinwerfer ein.

„Was ist eine Waschküche?“, will Klara wissen, die ihren Teddy fest im Arm hält.

„Die Mutter meiner Mutter ist meine Oma und damit deine Ururoma. Sie hatte eine Waschküche mit einem großen Waschkessel im Keller, als meine Mutter noch ein kleines Kind war“, erzählt Oma Tina.

Klara hört genau zu, denn sie liebt Geschichten von früher.

„In dem Waschkessel wurde die Wäsche sozusagen gekocht und weil das Wasser so heiß war, gab es ganz viel Dampf in dem Raum. Man konnte die Hand vor den eigenen Augen kaum sehen“, berichtet die Großmutter. „Meine Mutter ist deshalb nie gerne in die Waschküche gegangen. Als sie mir diese Geschichte in meiner Kindheit erzählte, habe mir schon damals geschworen, dass ich niemals die Wäsche in einem dampfenden Waschkessel waschen will.“

„Deshalb hast du ja auch darauf bestanden, noch vor unserer Hochzeit eine Waschmaschine zu bekommen. Ich vermute, du hättest meinen Heiratsantrag sonst gar nicht angenommen“, lacht Opa.

„Hättest du Opa sonst wirklich nicht geheiratet?“, schaltet sich Klara ein.

„Ich verrate dir jetzt ein Geheimnis“, flüstert Oma ihrer Enkeltochter zu. „Ich hätte Opa auf jeden Fall geheiratet, aber mit Waschmaschine noch viel lieber.“

„Wenn ich das gewusst hätte!“, meint Opa Werner. Er fügt aber sofort hinzu: „Ich hätte dir trotzdem eine Waschmaschine gekauft, denn so hattest du mehr Zeit für mich. Außerdem gab es diese Waschkessel zum Glück zu unserer Zeit gar nicht mehr.“

„Opa“, will Klara nun wissen, „wie kannst du bei so viel Nebel eigentlich sehen, wo die Straße ist? Ich erkenne nämlich gar nichts mehr.“

„Ein bisschen helfen mir außer den Nebelscheinwerfern noch die Leitpfosten links und rechts der Fahrbahn. Sie reflektieren das Licht der Scheinwerfer“, erklärt der Großvater. „Ich kann auch die Rücklichter des Wagens vor mir erkennen, da folge ich dem Auto einfach.“

„Wenn du ihm folgst, woher weißt du denn dass er zu Euch nach Hause fährt?“, kombiniert Klara in ihrer Logik.

Der Großvater muss ein wenig schmunzeln und antwortet dann:

„Das merke ich doch, wenn ich plötzlich in einer fremden Garage stehe.“

Darüber muss Klara erst einmal nachdenken, denn irgendwie spürt sie instinktiv, dass Opa Werner sich gerade einen Spaß mit ihr erlaubt. Bevor sie noch etwas sagen kann, macht Oma Tina einen Vorschlag:

„Ich glaube wir sollten eine kleine Pause in meinem Lieblingscafé einlegen. Es müsste doch hier irgendwo in der Nähe sein. Vielleicht hat sich der Nebel nach einem Stückchen Kuchen und einer heißen Schokolade wieder verzogen.“

So kommt es, dass sie wenige Minuten später das kleine Café „Sahnehäubchen“ betreten.

„Hihi!“, muss Klara lachen, als sie Opas beschlagene Brille sieht. „Du hast den Nebel jetzt auf deiner Brille!“

„Jetzt kann ich wirklich nichts mehr sehen“, antwortet der Großvater. „Apropos Brille, da fällt mir eine Begebenheit von früher ein.“

„Erzählen, erzählen!“, fordert ihn Klara auf und auch Oma ist gespannt, was ihr Gatte nun zum Besten geben will.

„Bestimmt erinnerst du dich auch noch, Tina!“

Die Großmutter ist noch völlig ahnungslos und zuckt mit den Schultern.

„Wir waren ungefähr so alt wie Klaras Eltern jetzt sind. Damals wurde irgendein Geburtstag bei meinen Eltern gefeiert, aber frag mich nicht, wer das Geburtstagskind war. Das ist mir nämlich entfallen. Allerdings erinnere ich mich noch an eine entfernte Verwandte, die über den Nebel klagte, als sie am Morgen mit dem Fahrrad zum Einkaufen fuhr und der sich aus ihrer Sicht immer noch nicht aufgelöst hatte.“

„Ach ja“, unterbricht Oma Tina ihren Mann. „Jetzt kann ich mich wieder erinnern. Es war ein wunderschöner Tag und von Nebel keine Spur.“

„Ja und ich bat sie dann mir doch einmal ihre Brille zu geben“, erzählt Opa Werner weiter. „Ich ging in die Küche und reinigte die Brillengläser, danach reichte ich ihr die Brille wieder.“

„Und?“, will Tina wissen. 

„Sie war begeistert, denn mit einem Schlag hatte sich der Nebel verzogen oder besser gesagt: Er war nie dagewesen, sondern die Brillengläser waren lediglich verschmiert gewesen.“

„Aber heute ist echter Nebel“, sagt Klara, die bei der Weiterfahrt vom Schlaf übermannt wird.

„Klara, aufwachen!“, weckt Oma Tina sie eine Dreiviertelstunde später vorsichtig. „Wir sind da.“

Die Enkeltochter öffnet die Augen und fragt schlaftrunken: „Bist du sicher, dass wir nicht in der Garage des Autofahrers sind, dem Opa nachgefahren ist? Bei dem Nebel hat er das bestimmt nicht bemerkt.“

 

 

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Zu alt!?

Sie stehen am Bahnhof, direkt am Gleis, wo die alten Züge sind. 

„Gerne sind wir damit gereist“, sagt der Eine.

Dieser kann seine Sehnsucht nicht verbergen. „Damals waren wir noch jünger und hübscher. Inzwischen haben wir Falten, Flecken und Kratzer.“

„Müde sind wir geworden, das Reisen ist zu beschwerlich“, meint der Andere.

Beide schweigen und hängen ihren Erinnerungen nach.

„Die gute alte Zeit, damals hat man Euch noch gebraucht“, sagt ein Spaziergänger, der vor den Beiden stehen bleibt.

„Euch will niemand mehr auf Reisen mitnehmen, aber ihr habt noch nicht ausgedient, wie man sieht. Die Blumen geben Euch neuen Glanz!“

 

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Hallo Goldener Herbst!

Ich muss dir sagen, genauso lieb ich dich:

Wenn die Sonnenstrahlen kitzeln mich,

dann muss ich spazieren in der schönen Natur.

Du bringst mich zum Staunen auf meiner Tour.

So wie du, beherrscht keiner das Farbenspiel:

Wenn alles gemischt und von nichts zuviel,

dann das richtige Quantum Schatten und Licht.

Du bist schöner und bunter als jedes Gedicht.

Gelb- und Rotgolden, so leuchtest nur du:

Wenn die Sonne kommt auch noch hinzu,

dann schmücken bunte Blätter Strauch und Baum.

Goldener Herbst, du bist wie ein schöner Traum.

Ich muss dir sagen, ich bin so traurig:

Wenn du gehst, wird das Wetter schaurig,

dann gibt es heftige Stürme und auch Regen.

Du begleitest uns nicht mehr auf unseren Wegen.

Dann muss ich dir sagen, lebe wohl und ade:

Wenn du gehst, ist kahl Wald und Allee,

dann beginnt die dunkle Jahreszeit.

Doch noch ist Goldene Herbsteszeit!!!

Ich danke für diese Farbenpracht Dir,

denn du bist wahrlich eine schöne Zier.

Du weckst in der Natur alle Lebensgeister,

Goldener Herbst, darin bist du ein Meister.

 

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Das ist ja zum Verrücktwerden

Es ist ein ganz normaler Tag. Nicht ganz, denn wir warten auf Handwerker, die uns wieder einmal versetzt zu haben scheinen. Mein Trockner ruft mich piepsend und ich öffne dessen Luke. Bis dahin ist meine Welt noch in Ordnung. Doch das soll sich schlagartig ändern. 

Ich will meine Wäsche aus dem Trockner ziehen und habe plötzlich nur noch ein einziges Knäul vor mir. Ich traute meinen Augen nicht, schließe sie und öffne sie wieder. Das Knäul liegt tatsächlich in der Maschine. Ich ziehe es heraus und es plumpst in meinen Wäschekorb.

„Oh nein!“, entfährt es mir verärgert und eindeutig zu laut.

„Was ist denn passiert?“, kommt die Frage meines Mannes aus dessen gegenüberliegenden Arbeitszimmer.

„Ein Bettbezug hat die gesamte andere Wäsche eingewickelt und verschlungen“, antwortet ich.

„Dann hast du wohl den Reißverschluss nicht zugemacht? Einfach alles ausschütteln, da muss man sich doch nicht aufregen.“

„Soweit die Theorie“, gebe ich schnippisch  zurück. „Der Reißverschluss ist geschlossen, aber der Bettbezug hat sich um alles herumgewickelt und sich dann mehrfach in alle möglichen Richtungen verdreht. Das ist der reinste Gordische Knoten!“

„Das schaffst du schon!“, ruft er mir aufmunternd zu. Mehr ist für die nächsten eineinhalb Stunden nicht von ihm zu hören. Ich bin mit meiner Aufgabe allein, die keineswegs ein Kinderspiel ist. 

Ich weiß gar nicht wo ich anfangen soll, denn alles ist in sich mehrmals verdreht und verknotet und im unteren Teil scheint das Spannbetttuch in noch feuchtem Zustand wie in einem Sack zu liegen. 

„Einfach alles ausschütten“, klingen mir die Worte meines Mannes in den Ohren.

„Da passiert nichts. Es ist alles verwirrt, verdreht und verknotet!“, würde ich am liebsten brüllen. 

Ich halte mich zurück, aber ein Murren kann ich mir nicht verkneifen und versuche mit aller Kraft zu schütteln. Nichts. Überhaupt nichts. 
Ich zerre an einer Ecke des Bettbezugs, dann an einer anderen. Nichts. Ich versuche zu entwirren, zu drehen, zu ziehen. Mit der Hand dringe ich in die Tiefen des Knotens vor, aber weit komme ich nicht. Allerdings habe ich  etwas Feuchtes in der Hand. Wieder heißt es ziehen. Der Zipfel eines Gästehandtuchs wird sichtbar, doch je mehr ich daran ziehe, umso mehr zieht sich der Knoten wieder zu. Ich dehne, ziehe, zerre, stampfe mit dem Fuß auf, versuche Wut und Frustration durch Schütteln loszuwerden. Plötzlich mit einem Dreh kann ich das kleine Handtuch herausziehen. Mir tut schon alles weh, so sehr spanne ich mich an. Doch ich gebe nicht auf. Einen kleinen Erfolg habe ich ja schon. Irgendwie muss ich dieses Ding entwirren. Logik hilft hier nichts, denn es gibt weder einen Anfang noch ein Ende das man irgendwie entknoten könnte. Ich muss es schaffen und ich weiß, dass dies nur durch Versuch und Irrtum gelingen kann. Jedoch war bisher eher der Irrtum auf meiner Seite.
Erneutes und mehrmaliges Schütteln, Zerren, Ziehen, Drehen, Wenden und Eintauchen in irgendwelche Wicklungen folgen. Inzwischen steht mir der Schweiß auf der Stirn. Ich hole tief Luft und schüttele noch einmal tüchtig. Und da passiert es. Wie durch ein Wunder tut sich eine Öffnung auf und vor mir liegen eingewickelte Handtücher und das große Spannbetttuch. Schnell ziehe ich alles aus dieser Öffnung heraus, gerade so als sei es das Maul eines Krokodils, das sofort zuschnappen und alles wieder verschlingen könnte.
Man glaubt es kaum, aber nach nochmaligem Schütteln und Drehen ist alles entwirrt und der Bettbezug liegt mit den anderen Sachen friedlich in meinem Wäschekorb, so als sei nichts gewesen.
Völlig geschafft, aber sichtbar erleichtert lasse ich mich nach eineinhalb Stunden Plagerei und dem Gefühl fast verrückt geworden zu sein, auf einen Stuhl sinken. Und just in diesem Moment betritt mein Mann den Raum, schaut in den Wäschekorb und gibt seinen Kommentar ab:

„Na siehst du, ich wusste doch, dass du es schaffst. Mit ein bisschen Geduld ist das gar kein Problem.“

Meine Wortlosigkeit und die eintretende Stille wird durch ein Klappern hinter dem Rücken meines Mannes unterbrochen. Mit einem breiten Grinsen meint er:

„Ich dachte mir eine Packung mit vielen, vielen bunten S… als Nervennahrung tut dir jetzt bestimmt gut.“

 

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Piep! Piep!

Was klappert denn da?

 

Vom Winde verweht

Ich bin Laubinchen, ein Blatt. Vielleicht bist du mir schon einmal begegnet. Auf jeden Fall kennst du meine Schwestern und Brüder. Wir sind nämlich eine sehr große Familie. Wenn wir alle versammelt sind, nennt man uns Laub. Wir wohnen auf den Laubbäumen und sind im ganzen Land verteilt. Wenn der Baum groß und kräftig ist, also sozusagen schon ausgewachsen, dann hängen bestimmt 100 000 meiner Schwestern und Brüder an ihm. Obwohl es von uns so viele gibt, die sich auch noch alle ähneln, ist trotzdem jeder von uns einzigartig. 

Im Frühjahr, wenn es langsam wärmer wird und die Sonne ihre wärmenden Strahlen zur Erde schickt, dann brechen wir aus den Blatthöckern heraus und lassen den einst kahlen Baum ergrünen. Die Menschen freuen sich dann und sagen, dass die Natur wieder erwacht.
Im Herbst, wenn wir dann unser Grün gegen Gelb, Braun und Rot austauschen, erfreuen wir die Menschen wieder mit unserer Farbenpracht. Wenn wir unseren Farbstoff Chlorophyll abgebaut haben, dann dauert es nicht mehr lange und und wir fallen zu Boden. Der Baum ist dann kahl und im Frühjahr kommen wieder neue grüne Blätter, also weitere Geschwister von mir. Das ist ein ewiger Kreislauf.
Auch ich bin jetzt vom Baum gefallen und liege mit meinen Familienmitgliedern auf der Erde. Die ganze Wiese rund um den Baum haben wir inzwischen schon abgedeckt. Für die Käfer, Würmer, Igel, anderes kleines Getier und das Gras sind wir jetzt eine wärmende Schicht. Und gegenseitig halten wir uns natürlich auch warm, denn jetzt kann es schon ganz schön kalt werden in den Nächten und auch die Tage sind bereits kühler.
Gerade waren Kinder auf der Wiese. Sie sind durch das Laub gestampft und haben uns in die Höhe geworfen. Dabei sind wir Blätter ganz schön durcheinander gerüttelt und geschüttelt worden. Plötzlich ist kein Blatt mehr da, wo es vorher lag. Auch ich liege jetzt weit von meinem Baum entfernt. Ich brauche aber keine Angst zu haben, denn ich bin ja nicht allein. Es hat Spaß gemacht herumzuwirbeln und ich warte auf eine Kinderhand, die mich wieder hoch wirft. Aber die Kinder müssen nach Hause, denn es wird gleich dunkel.
Eigentlich fürchte ich die Dunkelheit nicht, weil ich ja schon immer Tag und Nacht draußen war.
Inzwischen ist es stockdunkel und kalt. Plötzlich höre ich ein Geräusch. Ich kenne es schon. Das ist der Wind. Als ich noch grün an dem Baum hing, da hat mich der Baum festgehalten. So konnte ich nicht hinunter fallen, wenn der Wind tüchtig geblasen hat. Manchmal kam sogar ein Sturm daher. An meinem Baum hat er einen Ast abgeknickt und der Baum konnte ihn nicht mehr versorgen. Ich war damals sehr traurig. Ich habe die Blätter dieses Astes sehr vermisst.
Der Wind ist inzwischen stärker geworden und kommt in Böen daher. Mit jedem Windstoß werde ich ein Stückchen weiter getragen. Mir ist schon ganz schwindelig von dem vielen Durcheinanderwirbeln. Ich schlage Purzelbäume, stecke auf einmal in den Zweigen eines Busches fest und werde kurz darauf wieder durch einen neuen Windstoß befreit. Er trägt mich zuerst hoch in die Luft, um mich dann neben einer Mauer fallen zu lassen. Links und rechts von mir liegen noch andere Blätter. Wir sind hier ein bisschen geschützt vor dem Wind, kuscheln zusammen und schlafen tatsächlich bis zum Morgengrauen ein.
Als ich wieder aufwache, ist ein lautes Getöse neben mir und ich spüre wieder einen Luftzug. Ich blinzele und erkenne einen Menschen mit einer Maschine in der Hand, an der ein großer Sack befestigt ist. Ich fühle, dass dies eine große Gefahr ist, denn viele der anderen Blätter verschwinden in dem Rohr und wandern in den großen Sack.
„Ich will da nicht hinein“, denke ich ängstlich. „Diese Maschine verschluckt uns alle.“
Immer mehr presse ich mich in den kleinen Spalt zwischen Erde und der Mauer.
„Vielleicht findet mich hier diese unheimliche Maschine nicht und saugt mich nicht auch noch auf“, so hoffe ich.
Ich verhalte mich ganz still, damit mich kein Mensch bemerkt.
Ich habe Glück, denn der Mensch mit seiner Maschine wandert weiter und entfernt sich immer mehr von mir.
Neben mir kauert auch noch ein kleines Blatt.
„Das war der Laubsauger“, sagt es zu mir.
„Was passiert mit unseren Geschwistern und Freunden, die der Laubsauger gefressen hat?“, will ich wissen.
„Ich habe die Igel sagen hören, dass die Blätter auf einen großen Haufen kommen und den Igeln und anderen kleinen Tieren Schutz bieten. Mit der Zeit werden die Blätter irgendwann zu Erde.“
Als ich traurig auf das Blatt neben mir schaue, versucht es mich zu trösten.
„Das ist nicht schlimm, denn wir werden alle zu Erde und wenn ein Samenkorn auf uns fällt, dann kann daraus wieder eine neue Pflanze wachsen und wir können ihr unsere Nährstoffe geben, damit sie groß und schön wird.“
Ich würde dem kleinen Blatt gerne noch weiter zuhören, aber ein Mädchen steht auf einmal vor mir.
„Schau mal!“, sagt es zu einem Jungen. „Das ist doch ein wunderschönes Blatt. Das nehme ich mit nach Hause.“
Sie hebt mich auf und legt mich in einen Korb, in dem noch andere Blätter liegen. Sie sehen zwar alle unterschiedlich aus, aber wir sind alle Blätter und gehören doch auch irgendwie zusammen. Deshalb fürchte ich mich nicht, denn ich bin ja nicht allein.
Zuhause angekommen legt das Mädchen mich auf ein Stück Zeitungspapier. Dann legt sie mich damit in ein Buch, deckt mich nochmals mit Zeitungspapier zu und dann klappt sie das Buch zu. Um mich herum ist es ganz dunkel. Zuerst ist mir ein bisschen unheimlich zumute, aber dann fühle ich mich eigentlich ganz wohl. Es ist warm, gemütlich und ganz still. Ich spüre, dass mir keinerlei Gefahr droht. Deshalb schlafe ich auch ganz beruhigt und lange ein.

Ich wache erst wieder auf als ich viele Kinderstimmen höre. Ich blinzele vorsichtig und blicke in staunende Kinderaugen. Das Mädchen, das mich in den Korb gelegt hatte, ist auch dabei.
„Was ist geschehen?“, frage ich mich und schaue mich um.
Die Kinder haben auf ein Stück Tapete einen großen prächtigen und kräftigen Baum gemalt. Jetzt darf jedes Kind die mitgebrachten Blätter an diesem Baum befestigen. Auch ich werde von dem Mädchen an einen Zweig, ganz oben in die Baumkrone gehängt.
Ich bin glücklich, denn ich hänge gemeinsam mit vielen anderen und unterschiedlich aussehenden Blättern wieder an einem Baum.
„Das habt ihr wirklich schön gemacht“, sagt eine Frau. „Das ist jetzt unser Klassenbaum und jeder darf seinen Namen neben ein Blatt schreiben.“
Neben mir steht der Name des Mädchens, das mich aufgehoben und in seinen Korb gelegt hat:

Bettina

Unter dem Blatt neben mir schreibt ein anderes Mädchen seinen Namen:

Zahira

 

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Des einen Freud, des anderen Leid

„Was kochst du, Oma?“, ruft Klein Anna in die Küche.

„Na, was gibt es heute wohl?“, fragt Kai-Uwe, den jeder den Professor nennt, weil er Klassenbester ist und alles weiß. „Heute ist doch…“

„Hab ich einen Bärenhunger!“, schneidet ihm Opa das Wort ab. „Was gibt es?“

„Schau doch auf dem Kalender nach“, schlägt Kai-Uwe vor.

Erstaunt blicken alle Augen auf ihn, während Oma eine Schüssel hereinträgt.

„Jippi, Nudeln!“, jubelt Anna. 

„Was sonst, am Tag der Internationalen Nudel“, erklärt Kai-Uwe. *

„Oh, nein!“, stöhnt Opa. „Nudeln! Die fallen mir ständig von der Gabel. Da isst man sich ja hungrig!“

 

 

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Purzel

Ein Tässchen Kaffee gefällig?

 

*Der 6. Oktober gehört zu den kuriosen Feiertagen: International Noddle Day

siehe auch: https://www.kuriose-feiertage.de/international-noodle-day/

 

Was so alles passiert ;-)

Tina und Ina verbringen ein paar Tage am Mittelmeer. Am Abend sitzen sie gemütlich auf der Hotelterrasse. 

„Ich gehe zur Toilette. Bitte bestelle uns Rotwein“ fordert Tina ihre Schwester auf.

Als sie zurückkommt, hat sie Tränen in den Augen.

„Was ist passiert?“, fragt Ina erschrocken. „Warum weinst du und hältst Deinen Arm hinter dem Rücken versteckt?“

Tinas Antwort wird immer wieder von ihrem eigenen Lachen unterbrochen.

„Ich … wollte… die Bluse… 

Freudentränen kullern über Tinas Wangen.

„…mein Uhrenarmband… der Stoffgürtel… ich hänge fest!..“

„Was würdest du ohne mich machen?!“, lacht nun auch Ina und befreit ihre Schwester aus der misslichen Lage.

 

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Zwiegespräch

 

Das Erlebnis mit dem Schwein

Als die Mutter Tom nach dem Urlaub in den Kindergarten bringt, wird dieser freudig von der Erzieherin Liane begrüßt: 

„Schön, dass du wieder da bist. Nachher darfst du uns von deinen Erlebnissen berichten.“

„Ich hatte ein Schwein im Zimmer“, sprudelt es sofort begeistert aus dem Jungen heraus. „Beinahe wäre die Vase kaputt gegangen, aber das Schwein war ja da.“

„Urlaub auf dem Bauernhof?“, fragt Liane.

„Nö, Mallorca“, entgegnet Tom und vergrößert damit Lianes Verwirrung.

Jetzt muss die Mutter laut lachen.

„Tom hatte einfach nur Schwein, dass sein Ball nicht die Vase getroffen hat. Ein Glücksschwein sozusagen,“ klärt sie das Missverständnis.

Die Schiffsfahrt

Die vierjährigen Zwillinge, Ines und Jens, verbringen mit den Großeltern das Wochenende am See. Beide tragen Matrosen-T-Shirts, als alle an Bord eines Ausflugsschiffes gehen. Jauchzend beobachten sie vom Oberdeck die Wellen und die Möwen. Als sie das Schiff wieder verlassen, dürfen die Beiden ein kleines Dankeschön für dieses schöne Erlebnis in ein Kästchen werfen.

„Oma, was machen die Matrosen und der Kapitän mit dem Geld?“, fragt Ines.

„Sie kaufen Farbe, zum Streichen des Schiffes“, lautet die Antwort.

„Das denkst du“, flüstert Opa, denn sie hat nicht gehört, was er gehört hat:

„Das reicht bestimmt für einen Kasten Bier!“

Was ist das denn?

Ines und ihr Mann Hannes haben sich beide für heute Nachmittag frei genommen, weil sie einige Erledigungen in der Stadt machen müssen. Inzwischen ist fast alles abgearbeitet, nur noch der Hosenkauf von Hannes steht auf dem Plan. Da dieser gar keine Lust darauf hat, unterbreitet er Ines einen Vorschlag:

„Lass uns doch dort drüben in dem Cafe noch gemütlich einen Kaffee und ein Stückchen Kuchen genießen.“

„Du willst dich wohl um den Hosenkauf drücken?“

„Ich doch nicht“, zwinkert ihr Hannes zu.

Da Ines ansonsten nichts gegen eine kurze Pause einzuwenden hat, suchen sie sich im Außenbereich des Cafés ein gemütliches Plätzchen.
Gerade haben sie ihre erwählten Leckereien serviert bekommen, schaut Hannes seine Frau an und runzelt die Stirn.
Ines fasst sich instinktiv an die Nasenspitze.

„Habe ich einen Pickel auf der Nase oder warum schaust du mich so seltsam an?“

„Das nicht gerade, aber was ist das denn?“

„Was denn und wo überhaupt?“

„Dein Gesicht. Das fällt mir jetzt erst auf“, spricht Hannes immer noch in Rätseln.

„Ich sehe aus wie immer, habe mich geschminkt wie sonst auch und habe keinen Pickel auf der Nase… Also, was stört dich sonst an meinem Gesicht?“

„Irgendwie sieht du anders aus. Hast du vielleicht Rouge aufgelegt?“

„Nein, du weißt doch ich benutze nur Lidschatten oder Eyeliner, Mascara und Lippenstift.“

„Nein, nein, das ist es ja auch nicht, eher der Rest vom Gesicht.“

„Also Hannes, du machst mich total unsicher. Jetzt rück endlich mit der Sprache heraus!“, fordert Ines ihren Mann aufgelöst auf.

„Schau doch einfach mal in den Spiegel!“

„Ich habe keinen dabei, also nun rede endlich Klartext!“

„Naja, du siehst…“

„Oh nein!“, ruft Ines plötzlich erschrocken aus. „Dort ist Elene, du weißt schon, die aus unserer Straße, die immer alle Neuigkeiten weiß. Wenn sie mich so sieht, weiß morgen jeder, was ich im Gesicht habe…“

„Huhu!“, ruft es da schon und Elene marschiert schnurstracks auf den Tisch von Ines und Hannes zu.

„Ach, du grüne Neune!“, ruft sie auch sofort aus, als sie neben Ines steht. „Was ist das denn?“

Inzwischen ist Ines fast den Tränen nahe. Ihren Kuchen schiebt sie weit von sich, denn nun verspürt sich keinerlei Appetit mehr.

„Du bist ja total rot!“, kichert Elene, sieht irgendwie lustig aus. Ist das ein Ausschlag? Das ist bestimmt ansteckend!“

„Was ist denn mit mir? Vorhin als ich auf der Toilette war und mir vor dem Spiegel die Haare gekämmt habe, war doch alles noch in Ordnung.“ 

Ines versteht die Welt nicht mehr und sie kann kaum noch die Tränen zurückhalten.

„Jetzt reg dich mal nicht auf“, versucht Hannes seine Frau zu beruhigen. „Das ist bestimmt nichts Schlimmes. Wir sollten allerdings den Hosenkauf verschieben.“

„Ist das dein einziges Problem?“, gibt Ines bissig zurück.

„Ist doch gut, Ines! Komm wieder runter von der Palme!“, beschwichtigt nun auch Elene. „Ich war neulich auch in diesem Café und saß auf dem selben Platz wie du jetzt.“

„Na und! Das ist mir jetzt total egal!“, gibt Ines patzig zurück.

„Sollte es dir aber nicht sein!“, ruft Elene aus. „Pass mal auf!“

Mit diesen Worten schiebt Elene sich den Stuhl neben Ines zurecht und setzt sich unaufgefordert hin.

„So, und jetzt schaut mich mal an!“, fordert Ines die Beiden auf.

„Du bist total rot im Gesicht!“, rufen Hannes und Ines wie im Chor aus.

„So schnell ist diese Sache ansteckend“, lacht Elene und zeigt nach oben.

Das Ehepaar folgt ihrem Fingerzeig mit den Blicken und sieht die Sonne durch den roten Sonnenschirm schimmern.

„Komm!“, fordert Elene Ines auf, nimmt diese an der Hand und zieht sie von Tisch und Sonnenschirm weg auf den großen Platz. „Schau, und so schnell sind wir beide wieder geheilt!“

Die vorübereilenden Fußgänger sehen zwei Frauen, die sich in den Armen liegen und lachen, lachen, lachen.

Hat Astrid denn kein Schmuckkästchen?

Diese Frage stellte vor mehr als zwanzig Jahren die Tochter einer Bekannten. Das kleine Mädchen dachte, ich würde immer meinen gesamten Schmuck am Leibe tragen, denn das kannte sie von ihrer Mutter, die eher selten Schmuck trug, nicht. Ganz so schlimm war und ist es allerdings nicht, aber ich konnte und kann meine Liebe zu Schmuck nicht verleugnen. Und die begann schon im zarten Kindesalter.

Bei unseren alljährlichen Besuchen bei meiner Omaur (sprich: Uroma, von der ich schon an anderer Stelle berichtet habe) in Rottach – Egern, lernte ich mit ungefähr zwei oder drei Jahren auch deren Schwester kennen. Von ihr ging für mich eine derartige Faszination aus, dass ich sie nie mehr vergessen sollte. Diese Frau war über und über behangen mit Schmuck. An ihr glitzerte und klimperte sprichwörtlich alles. Sie trug an jedem Finger einen oder teilweise sogar mehrere Ringe, mehrere Armbänder und Ketten. Von den Ohrringen und der Uhr ganz zu schweigen. Ich konnte meinen Blick von dieser Frau gar nicht abwenden, dies fiel auch meinen Eltern auf. Von diesem Zeitpunkt an, war meine Freude über jedes einzelne Schmuckstück, das ich geschenkt bekam riesengroß, doch Ohrringe und Ringe liebe ich bis heute am allermeisten.

„Ohne Ohrringe gehe ich nie aus dem Haus“, erklärte ich einmal einer Bekannten. „Denn sonst würde ich mich irgendwie nackt fühlen.“

Man kann jetzt sagen, dass diese Leidenschaft vererbt sein mag oder vielleicht auch nur abgeschaut. Egal, ich mag einfach Schmuck, ob echt, ob unecht, ob aus Gold oder Silber oder einfach nur Modeschmuck.

Deshalb passe ich auch auf meinen Schmuck besonders gut auf. Doch als ich neulich im Internet den Aufruf von Stern TV las, in welchem die Besitzerin eines Eherings gesucht wurde, die diesen verloren hatte, musste ich doch der Tochter meiner Bekannten recht geben:

„Mit Schmuckkästchen wäre das nicht passiert!“ (Jedenfalls nicht, wenn sich das Schmuckstück darin befindet.)

Ich fragte mich allerdings auch: „Wie kann man seinen Ehering verlieren?“

„Wie kann man überhaupt einen Ring verlieren?“, grinste mich mein Mann an. „Oder weißt du, wie so was passieren kann?“

Da traf mich plötzlich der Schlag oder besser gesagt ein Geistesblitz, mit dem schlagartig meine Erinnerung einsetzte:

Es ist schon ein paar Jahre her. Ich weiß, dass es ein sehr stressiger Tag war, an dem ich viel zu erledigen hatte. Ich musste dort und hier hinfahren und dies und das erledigen. Zum Schluss war dann noch der Wocheneinkauf angesagt.

„Wollen wir heute in die Sauna gehen?“, fragte mich mein Mann dann auch noch am Abend.

„Ich bin total geschafft von diesem Tag heute“, meinte ich. „Aber warum nicht?“

Also wurden die beiden Sporttaschen für die Sauna gepackt, ich legte meinen Schmuck auf den Küchentisch und los ging es. Es war ein schöner und gemütlicher Abend. Und anschließend saßen wir mit Bekannten noch ein Weilchen in der „Saunabar“. Beim Abschied fiel mein Blick auf meine Hände. „Ich habe meinen Ring verloren!“ (Wohlgemerkt: Meine Ringe trage ich Tag und Nacht, die ziehe ich nie aus, ich wechsele sie höchstens.)

„Ach Quatsch!“, sagte mein Mann. „Welchen überhaupt? Sag jetzt nicht, dass es der ist, den du schon zweimal verloren hast!“

Ich nickte vorsichtig, denn genau um diesen Ring handelte es sich. Einmal hatte ich ihn im Urlaub verloren und ihn zwischen den schmutzigen Handtüchern gefunden und ein anderes Mal fiel er mir sogar in die Toilette. Ich konnte jetzt allerdings nur hoffen, dass alle guten Dinge drei sind, denn die beiden anderen Male hatte ich ihn ja wieder gefunden. Oder sollte ich besser Antonius von Padua anrufen, dieser Heilige gilt nämlich auch als Wiederbringer von verlorenen Sachen. Zunächst einmal beschloss ich allerdings selbst zu suchen, denn weit konnte der Ring meiner Meinung nach nicht sein.

Wir marschierten noch einmal in die inzwischen leeren Saunakabinen, in die Dusche und die Umkleide. In jeder Ritze schauten wir nach, konnten aber nichts finden. Frustriert beschrieb ich dem Saunabesitzer das Aussehen meines Ringes.

„Ich melde mich, wenn wir ihn finden!“, versprach er mir, doch ich glaubte nicht so recht daran, ihn in der Sauna verloren zu haben. Mein Mann hatte mich mittlerweile auch total verunsichert. Ich fragte mich insgeheim, ob ich ihn wirklich getragen hatte. Also fuhren wir nach Hause und suchten dort alles ab. Nichts! Der Ring blieb verschwunden. Ich war tieftraurig.

„Wo warst du denn heute überall?“, erkundigte sich Peter.

Ich berichtete von meinem Tag und fügte zum Schluss hinzu: „Als ich meine Jacke anzog, um noch einkaufen zu fahren, da hatte ich ihn noch, denn ich bemerkte, dass er rutschte!“

„Da haben wir es doch!“,stellte er fest. „Den hast du wahrscheinlich beim Einkaufen verloren! Dann liegt er irgendwo zwischen den Regalen.“

„Oder auf dem Parkplatz!“, überlegte ich weiter.

„Ruf einfach morgen im Markt an, vielleicht hat ihn ja jemand gefunden und abgegeben.“

Damit wollte ich mich jedoch nicht zufrieden geben und beschloss: „Ich fahre jetzt noch mal hin und suche auf dem Parkplatz.“

Der Blick meines Mannes auf unsere Küchenuhr sprach Bände. Er schien mich für total verrückt zu halten, denn die Uhr zeigte kurz vor Mitternacht an.

„Ich fahre. Kommst du mit?“

Da er mich um diese Zeit nicht alleine auf einem Parkplatz bei tiefster Finsternis herumlaufen lassen wollte, setzte er sich murrend hinter das Steuer und wir fuhren los.

„Wie willst du hier was finden?“

Peter leuchtete mit den Scheinwerfern des Autos den Parkplatz ab und ich lief suchend kreuz und quer. Selbst bei den Einkaufswagen, die brav in der Parkstation standen, suchte ich. Allerdings überall vergeblich.

„Lass uns endlich heimfahren! Der ist weg und bleibt weg!“

Männer, wie können die nur so gefühllos sein! Ich wollte einfach noch nicht aufgeben. Sicher, er konnte ebenso schon gefunden worden sein oder ich hatte ihn an einer anderen Stelle verloren.

„Nur noch ein Versuch! Bitte!“

Ich ging nochmals zu der Stelle, von der ich annahm, dass ich auf einem dieser 3 oder 4 Parkplätze geparkt hatte. Peter fuhr mir hinterher und erleuchtet wieder alles. Zentimeter für Zentimeter suchte ich alles mit meinen Augen ab.

„Lass doch endlich!“

„Nur noch hier drüben. Komm mal mit dem Auto ein Stückchen näher, damit ich mehr Licht habe!“

Widerwillig folgte Peter meinen Anweisungen: „Dann ist aber endgültig Schluss!“

„Ich weiß“, dachte ich noch, da sah ich im Scheinwerferlicht etwas glitzern.

„Das wird nur ein kleines Kieselsteinchen sein“, schoss es mir durch den Kopf. Ich ging aber doch zu der Stelle hin und bückte mich. Da lag er! Mein Ring! Ganz friedlich lag er in einer Fuge zwischen den Pflastersteinen. Vollkommen unbeschadet. Überglücklich hob ich ihn auf. Wahrscheinlich strahlte ich ebenso wie damals als Kind, als meine Puppe Rita wieder zu sprechen anfing (habe ich bereits in einer anderen Geschichte beschrieben.)

„Da hast du aber Glück gehabt!“, kommentierte Peter meine Freude. „Stell dir mal vor, er wäre dir in den Altglasbehälter oder in den Müll gefallen. Ich will mir gar nicht erst ausmalen, wie unsere Suche dann heute Nacht ausgesehen hätte.“

„Meinst du, es war wirklich nur Glück?“, fragte ich ihn. „Vielleicht war es aber auch Zauber, Magie oder doch einfach nur Zufall“, philosophierte ich strahlend.

„Das ist mir im Moment vollkommen egal, ich will jetzt einfach nur nach Hause und endlich in mein Bett.“

Da ich mich noch nicht dazu entschließen konnte diesen Ring verkleinern zu lassen, liegt er seither wohlbehütet in meinem Schmuckkästchen. Vielleicht sollte ich ihn jedoch als Glücksbringer an einer Kette um den Hals tragen. Das muss ich mir noch einmal durch den Kopf gehen lassen. Aber wofür habe ich dann ein Schmuckkästchen und wie war die Frage der Tochter meiner Bekannten noch einmal???

 

 

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„Wir verreisen nie ohne Paul“, erzählt der ältere Herr der Nachbarin. „Einmal stellten wir am Abend im Hotel fest, dass er noch im Auto war. Ich holte ihn, betrat mit ihm auf dem Arm den Aufzug und grüßte eine Fremde, die sich bereits dort befand. Sie fragte, in welche Etage ich wolle. Ich schaute Paul an und meinte: ‚Wir wollen in den zweiten Stock.‘ Ihren grinsenden Blick  erwiderte ich mit einem freundlichen Lächeln. Paul, den ich anstupste, nickte heftig.“

„Wer ist Paul?“

„Moment!“

Kurz darauf steht er mit Paul im Arm am Gartenzaun. Die Nachbarin streichelt lachend den grünen Krokodilshund.

 

 

 

 

 

 

 

 

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Während meines Studiums flog ich für einige Wochen nach England, um Land und Leute kennenzulernen. Am Londoner Bahnhof fragte ich einen jungen Mann, wo der Zug nach Bournemouth abfahren würde. Hilfsbereit nahm er mir sofort den Koffer ab und ging voraus. Ich fürchtete zwar er würde mit diesem flüchten, aber er führte mich zum betreffenden Gleis.  Schmunzelnd fragte er mich nach meiner Lieblingsfarbe. Meine Antwort hätte ich mir sparen können, denn ich stand mit rot gestreifter Bluse, roter Hose und roter Jacke vor ihm und meinen rotkarierten Koffer trug er in der Hand. Leider weiß ich nicht mehr, welche Schuhe ich trug. Rot?!

 

 

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*Das Beitragsbild zeigt die Mecklenburgische Bäderbahn Molle, die zwischen Kühlungsborn und Bad Doberan fährt. 

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Es ist ein sonniger Tag, ich freue mich auf meine Arbeit. Doch plötzlich bringt die Hausherrin einen funkelnagelneuen Besen. „Jetzt hast du ausgedient“, sagt sie zu mir und stellt mich in die Ecke. „Der Neue ist viel schöner, so sauber. Mit ihm geht die Arbeit bestimmt viel flotter und besser.“
Ich muss zugeben, dass ich schmutzig, ziemlich abgenutzt und auch geschrumpft bin. Mit Eifer geht sie ans Werk. „Da macht die Arbeit richtig Spaß!“, ruft sie aus, doch nach einer Weile tauscht sie ihn gegen mich aus. Tja, denke ich, neue Besen kehren gut, aber die Alten kennen die Ecken.

 

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