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Aurelia und Albert (10)

Eule Aurelia, die alles von ihrem Aussichtspunkt aus beobachtet hat, breitet ihre Flügel aus und schwingt sich in die Lüfte. Sie fliegt über Berge und Täler über Flüsse und zugefrorene Seen.

Nein, sie fliegt nicht ziellos umher. Sie weiß genau, wohin sie will und als sie ihr Ziel erreicht hat, setzt sie sich auf den höchsten Baum. Sie beginnt ein lautes Geschrei. Immer und immer wiederholt sie ihr Rufen.

„Was ist denn hier für ein Tumult!“, wundert sich der Bewohner eines einsam stehenden Hauses mitten in einem tiefen und dunklen Wald. Er sieht ein bisschen wie Albert Einstein aus, doch der ist ja schon lange tot. Aber alle, die diesen alten Mann hier im Wald kennen, nennen ihn wegen seiner Ähnlichkeit, aber auch wegen seiner Weisheit nur Albert. Mit seinem richtigen Namen wird er niemals gerufen. Möglicherweise kennt diesen sogar keiner mehr.

„Ich sollte unbedingt einmal nachsehen. Es hört sich nach Aurelia, der klugen Eule an. Aber normalerweise ist sie ein eher stiller Vertreter ihrer Art“, denkt Albert und geht nach draußen.

„Weiser alter Mann! Albert, hörst Du mich?!“ schallt es ihm entgegen.

„Aurelia? Was ist denn los? Wieso bist Du so aufgeregt?“

„Bruno, der Teddybär, Hugo, der Waldmensch und Kurt, der Schneemann …“, Aurelia muss erst einmal Luft holen. Sie ist total außer Atem. „… sind auf dem Weg zu Dir!“

„Oh, wie schön, ich bekomme Besuch!“, freut sich Albert. „Da sollte ich meine Hütte aufräumen, es ist nämlich wieder einmal dringend nötig. Vor lauter Denken, Erfinden und Grübeln kommt man ja nicht zum Aufräumen…“

„Dazu bleibt keine Zeit!“, schreit die Eule verzweifelt. „Kurt, der Schneemann braucht Deine Hilfe, sonst stirbt er!“

Aurelia berichtet schnell alles, was Albert wissen muss. Dieser wirft vorsichtshalber einen kleinen Schlitten mit Rädern auf sein Gefährt, da er dieses schon für den Winterbetrieb mit Kufen ausgestattet hat.

„Man kann ja nie wissen, wozu er gut ist“, meint er und springt auf sein düsenangetriebenes Gefährt. Diesen Antrieb hat er sich selbst ausgedacht und gebaut. Er ist eben ein kluger Mann, der weiß, wie man schnell vorankommt. 

„Hoffentlich ist Dein Fahrzeug auch schnell genug, damit wir noch rechtzeitig ankommen und Du den Schneemann Kurt retten kannst!“, hofft Aurelia. Sie schwingt sich neben Albert auf den Beifahrersitz. Zum Glück kennt die Eule den Weg und kann dem weisen alten Mann somit ein bisschen helfen. Mit ganz viel Hoffnung im Gepäck düsen die Beiden los…

Fortsetzung folgt …

Eiskalt

Die Geschichte, die ich Euch heute erzählen möchte, hat ebenfalls wieder das Leben geschrieben. Ich habe neulich in unserer Tageszeitung einen ziemlich kurzen Artikel über eine wahre Begebenheit gelesen. Diese wenigen Zeilen haben mich dazu animiert, Euch wieder eine Professor Konfusi-Geschichte zu erzählen. Lasst Euch überraschen, was diesmal wieder so alles rund um den netten älteren Herrn passiert.

Das Haus, in welchem Professor Konfusi wohnt, ist ein älteres Mehrfamilienhaus. Eigentlich ist es eine alte Villa, die Anfang der 50er Jahre erbaut wurde. Hier wohnen vier Parteien. Im Erdgeschoss lebt eine sehr betagte Dame, die alle nur Oma Schmidt nennen. Die Wohnung darüber wird von Marco und seinen Eltern bewohnt und im zweiten Stock hat das Ehepaar Konfusi eine schöne gemütliche Wohnung. Im dritten Stock wurde erst kürzlich aus- und umgebaut, allerdings gibt es hier noch keinen Bewohner. Überhaupt hat man im Jahr 1981 die gesamte Villa modernisiert und danach vermietet. Während Marco mit seinen Eltern erst seit knapp fünf Jahren in diesem Haus wohnt, leben das Ehepaar Konfusi und Oma Schmidt schon seit fünfunddreißig Jahren hier.
Oma Schmidt feiert nächstes Jahr ihren neunzigsten Geburtstag. Aber sie ist noch so fit wie ein Turnschuh, wie sie selbst immer wieder betont. Nur ihre Augen sind schon ein wenig müde und auch trüb geworden, allerdings trägt sie nur zum Lesen und beim Fernsehen eine Brille. Ansonsten sieht sie angeblich alles klar und deutlich.
Oma Schmidt hat ihren Mann schon früh durch einen Verkehrsunfall verloren. Nach seinem Tod zog sie aus der ehemals gemeinsamen Wohnung aus und mietete sich in der Villa ein. Ja und hier ist sie geblieben. Sie hat nie wieder geheiratet und der einzige Sohn lebt inzwischen in Amerika, wohin er sie gerne nachholen würde. Aber die alte Dame weigert sich strikt, so nach dem Motto: Einen alten Baum verpflanzt man nicht.
So hat der Sohn mit Frau Konfusi ein Abkommen getroffen, sich ein wenig um seine Mutter zu kümmern und ihm immer genauestens zu schildern, wie es ihr geht. Er selbst ruft sie so oft es geht an und kommt einmal im Monat über den großen Teich geflogen. Vorausgesetzt sein Flugplan lässt dies zu, denn er ist bei einer großen Fluggesellschaft als Pilot tätig, sonst wäre die große Distanz nahezu unüberbrückbar. Zweimal im Jahr kommt sogar die ganze Familie auf Besuch. Gerade erst waren sie über Weihnachten und Silvester bei ihr.
Heute ist Oma Schmidt’s Haushaltshilfe da, wie alle zwei Tage. Sie hat für heute und morgen gekocht, geputzt und gewaschen und will gerade gehen.
„Warten Sie! Ich komme mit“, sagt Oma Schmidt. „Ich nehme dann den leeren Mülleimer wieder mit rein.“
„Es ist aber eiskalt draußen. Wir haben fünf Grad unter Null!“, weist sie die junge Frau auf die niedrigen Temperaturen hin. „Bleiben sie lieber in der warmen Stube!“
Doch Oma Schmidt schlüpft in ihre gefütterte Winterjacke und in ihre warmen Schuhe. Während die alte Dame nach hinten in den Hof geht und ihren Müll entsorgt, steigt die Haushaltshilfe in ihr Auto und düst davon. Oma Schmidt lässt ihren Blick im Hof und an den Fenstern des Hauses herumschweifen. Plötzlich sieht sie etwas, das sie stutzig werden lässt.
„Komisch“, denkt sie, „die Wohnung im dritten Stock ist doch noch gar nicht vermietet. Aber da sitzt doch jemand auf dem Balkon!“
Die alte Dame reibt sich die Augen, denn vielleicht ist es ja nur eine optische Täuschung. Nein, tatsächlich, da ist jemand. Und wie sieht der denn aus? Das gibt es doch nicht!
Oma Schmidt schlägt sich vor Schreck die Hand vor den Mund, um sie sogleich wieder wegzunehmen und zu rufen:
„Hallo, hallo! Was machen sie denn da?“
Der Angesprochene sitzt jedoch reglos da und gibt keine Antwort. Auch auf den zweiten und dritten Versuch reagiert er nicht.
So schnell sie ihre alten Beine tragen, schlurft Oma Schmidt ins Haus zurück. Sie steigt mühsam die Stufen bis zum zweiten Stock nach oben und läutete Sturm bei Professor Konfusi. Da dieser nicht schnell genug an der Wohnungstür erscheint, klopft sie  gegen diese und brüllt:
„Hilfe! Professor Konfusi! So kommen Sie doch!“
Gerade als sie nochmals auf den Klingelknopf drückt, reißt der Professor die Tür auf.
„Um Himmels Willen, Oma Schmidt! Was ist denn so Schlimmes passiert?“
„Hilfe! Ein nackter Mann!, japst die alte Dame.
Professor Konfusi schaut verwirrt an sich herunter, aber er steht vollkommen bekleidet im Türrahmen. Also kann sie ihn schon mal nicht gemeint haben.
„Wo?“, fragt er. „Werden Sie verfolgt?“
„Ach, Blödsinn!“
Oma Schmidt sieht Professor Konfusi energisch an und deutet nach oben.
„Dort oben im dritten Stock sitzt ein nackter Mann auf dem Balkon! Sie müssen sofort die Polizei und den Krankenwagen rufen. Er antwortet nicht, wenn man ihn anspricht und er ist auch schon total rot. Bei dieser Eiseskälte ist er bestimmt schon halb erfroren.“
„Aber da oben wohnt doch niemand und schon gar kein Nackter“, erklärt Professor Konfusi sachlich. „Sind Sie da auch ganz sicher?“
„Aber ja doch! Er hat überhaupt nichts an. Vollkommen nackt,- sag ich doch! Bei dieser Jahreszeit! Sie müssen was unternehmen! Rufen Sie doch nun schon endlich die Polizei!“
Professor Konfusi schiebt die alte aufgeregte Dame in die Wohnung, übergibt sie seiner Frau, greift zu seiner Jacke und steckt sein Handy ein.
„Ich lauf schnell nach unten und schau mir das mal an. Die Polizei und den Krankenwagen rufe ich dann vom Handy aus an. Machen Sie sich keine Sorgen. Beruhigen Sie sich erst einmal!“
Professor Konfusi steigt schnellen Schrittes die Treppen hinunter und hastet in den Hof.
Schon bevor er seinen Blick zielgerichtet nach oben wirft, ruft er laut:
„Hallo! Brauchen Sie Hilfe?“
Tatsächlich, jetzt sieht er es auch mit seinen eigenen Augen:

Ein Nackter!
In dieser Eiseskälte!
Auf dem Balkon im dritten Stock!

Doch der Nackte reagiert nicht auf sein Rufen. Genau wie es Oma Schmidt beschrieben hat.
Aber etwas ist anders. Etwas, das der alten und aufgeregten Dame nicht aufgefallen ist, obwohl sie doch angeblich alles klar und deutlich sieht.
Auf dem Balkon sitzt kein unbekleideter Mann.

Nein!

Auf dem Balkon der leerstehenden Wohnung im dritten Stock sitzt

eine unbekleidete männliche

Schaufensterpuppe.

 

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Notstand

Roland wirbelt in seinem WG Zimmer herum. Er ist auf der Suche nach der Nadel im Heuhaufen, wie man so schön sagt. Er stülpt das Unterste zu Oberst, aber bisher verläuft seine Suche ergebnislos. Plötzlich klopft es an seine Tür. 

„Immer nur herein! Es ist offen!“, ruft er. 

Sein Kommilitone Hannes tritt ein und sieht sich erstaunt um.

„Willst du ausziehen? Davon weiß ich ja gar nichts.“

„Quatsch, ich suche was und muss auch gleich weg.“

„Ich kann dir ja beim Suchen helfen, wenn ich wüsste wonach ich suchen soll“, bietet Hannes seine Hilfe an.

„Socken, ich habe keine sauberen Socken mehr!“, gibt Roland seinem Freund zu verstehen.

„Oh, bei dir ist also auch der Sockennotstand ausgebrochen“, lacht Hannes. Bei mir nämlich auch. Ich habe sie vergessen einzupacken, als ich Weihnachten zu Hause bei meinen Eltern war. Heute Morgen habe ich mein letztes sauberes Paar angezogen. Ich muss mir also einen 10er Pack kaufen. Heute sind allerdings die Geschäfte schon geschlossen.“

„Ja, morgen kann ich auch einkaufen gehen, aber ich brauche sie jetzt sofort und ganz dringend“, jammert Roland. „Ich bin auf die Geburtstagsfeier des Vaters meiner Freundin eingeladen und da kann ich schlecht barfuß erscheinen.“

„Mmh! Da hast du echt ein Problem!“, gibt Hannes zu.

„Ach, nee!?!“ Roland lässt sich sichtlich verzweifelt in den Sessel fallen. „Ich muss absagen …. mir geht es auch schon ganz schlecht.“

„Ich verstehe dich trotzdem nicht ganz. Du hättest doch einfach nur die gefühlten hundert Socken, die im Zimmer verstreut liegen, waschen müssen!“

„Das ging doch nicht!“

„Wieso? Die Waschmaschine steht im Bad und von Weihnachten bis jetzt wären sie trocken gewesen.“

„Weißt du das denn nicht?“, fragt Roland. „Zwischen den Jahren soll man doch nicht waschen!“

„Wer sagt das?“

„Meine Großtante väterlicherseits!“, erklärt Roland völlig erschöpft. „Das ist so ein Aberglaube, ich weiß das ja, aber man will das Schicksal doch nicht herausfordern und die bösen Geister rufen!“

„So ein Quatsch!“, lacht Hannes. „Aber weil du gerade deine Großtante erwähnst: Meine Großtante mütterlicherseits hat mir ein Päckchen geschickt.“

„Das interessiert mich jetzt aber gerade mal überhaupt nicht!“

„Vielleicht aber doch! Sie verschenkt nämlich Weihnachten gerne an Männer die drei großen S.“

Während Roland die Stirn verwundert in Falten zieht, stürmt Hannes aus dem Zimmer und kommt eine Minute später mit einem Päckchen wieder. 

„Pass auf!“, sagt er zu seinem Freund und öffnet das Paket. „Die drei S für Männer als Weihnachtsgeschenk sind zwar einfallslos und ein seltsamer Brauch, aber irgendwie doch manchmal ganz nützlich.“

Roland kommt sich vor, als würde er in einer Zaubershow sitzen, denn sein Freund zaubert regelrecht wundersame Dinge aus dieser kleinen Kiste:

„Hier haben wir das erste S!“ 

Hannes hält ein Stück Seife in die Höhe.

Als nächstes zaubert er einen grau-weiß gestreiften Schlips hervor. 

„Das wäre also das zweite S und das dritte S folgt zugleich!“

Hannes befördert einen Fünferpack weißer und einen Fünferpack schwarzer Socken aus dem Päckchen hervor.

„Trara!“, ruft er freudig aus. „Auf meine Großtante ist eben Verlass, die berühmten drei S!!!  Somit wäre dein Problem gelöst und meines übrigens auch!“

 

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Lebensphasen

Gereinigt und ordentlich verpackt, legt er alles griffbereit in den Schrank.

„Du siehst wehmütig aus“, meint seine Frau.

„Ich habe gerade einen gedanklichen Rückblick meines Lebens an mir vorüberziehen lassen“, seufzt er.

„Ausgerechnet wenn du dein Nikolauskostüm verstaust?!“, wundert sie sich.

„Es hat mir gezeigt, wie schnell die Zeit vergeht. –  Auch ich habe einst an den Nikolaus geglaubt. Irgendwann kam dann die Ernüchterung.

„Und deshalb schlüpfst du wohl jedes Jahr in diese Rolle?!“

„Ich spiele den Nikolaus und freue mich über die strahlenden Kinderaugen.“

„Dafür brauchst du doch keine Verkleidung.“ 

 „Stimmt!“, lacht er. „Ich sehe auch so aus wie der Nikolaus!“

 

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Falscher Ort?! Falsche Zeit?!

Mit dem Korb auf dem Rücken

muss ich mich vorsichtig bücken.

Glaubt mir, es ist ziemlich schwer,

der hohe Schnee behindert mich sehr.

 

Etwas Seltsames ist wohl passiert

und ich frage mich ganz ungeniert:

Was kann denn hier nicht stimmen,

wenn ich muss Schneeberge erklimmen?

 

Roter Mantel, Mütze, weißer Bart,

auch einen Schlitten hat er parat.

So steht der alte Mann jetzt vor mir.

Was will er denn nur von mir?

 

Mit tiefer Stimme sagt der Mann

und schaut mich lächelnd an:

„Du hast dich wohl total verirrt

und auch noch im Datum geirrt!“

 

Den Fehler macht er mir deutlich

und erklärt auch ganz freundlich:

„Für deinen schweren Eiertransport

ist hier nicht der richtige Ort.

 

Ostern ist dieses Jahr schon vorbei,

da hilft kein Jammern und Geschrei.

Du bist also hier zur falschen Zeit,

Jetzt ist die weiße Weihnachtszeit!

 

Nikolaus, Christkind, Weihnachtsmann

sind jetzt mit ihren Gaben dran.

Osterhase, sei bitte nicht verzagt,

im Frühjahr bist du wieder gefragt.

 

Dann ist die Wiese wieder grün

und Blumen beginnen zu blüh’n.

Ich muss jetzt meine Arbeit tun,

du kannst bis Ostern ruh’n!“

 

Ich fühl mich wie ein Thor,

doch bin ich klüger als zuvor.

Hoppele heim nun ganz geschwind,

denn eiskalt ist der Winterwind.

 

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Nico wartet auf den Nikolaus

„Opa befüllt die Nikolausstiefel,“, sagt Nicos großer Bruder Martin.

„Du lügst!“

„Quatsch!“, lacht Martin. 

Nico beschließt wachzubleiben. Heimlich will er auf den Nikolaus warten und ihn fotografieren. Nach der Gute-Nacht-Geschichte versteckt er sich hinter der großen mit Tannenzweigen bestückten Bodenvase.

Ihm fallen die Augen zu. Er reißt sie wieder ganz weit auf. Das fällt ihm immer schwerer. Er blinzelt mit dem rechten Auge. Dann mit dem linken. Seinen Kinderfotoapparat hält er festumklammert. Als Mutter ihn so schlafend entdeckt, bringt sie ihn ins Bett.

„Nikolaus war schon da. Hast du ihn gesehen?“, fragt sie den Jungen, der sanft schlummert und träumt.

 

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Brief an den Nikolaus

Lieber Nikolaus,

Mutti hat gesagt, dass ich am Abend des 5. Dezembers meine geputzten Stiefel vor meine Zimmertür stellen soll. Dann legst Du auch ganz bestimmt Geschenke für mich hinein.

Aber mir ist was sehr Wichtiges eingefallen, das muss ich Dir dringend mitteilen:

Mutti schimpft, wenn wir mit schmutzigen Schuhen ins Haus kommen. Deshalb müssen wir die Schuhe immer vor der Haustür ausziehen. Bitte, bitte ziehe Deine Stiefel auch aus, sonst darfst Du nicht hereinkommen. Du musst aber unbedingt ins Haus, um mir etwas in meine Stiefel zu legen. Ich hoffe, Dich erreicht mein Brief noch rechtzeitig!!!

Viele Grüße

Dein Felix

Stille Weihnachtszeit

Am ersten Adventsmorgen fragt mich mein Göttergatte verwundert:

„Wieso hast du meine Räuchermännchen nicht aufgestellt? Ich weiß, dass du kein großer Fan davon bist.“

„Oh, die habe ich vergessen“, sage ich schuldbewusst. „Das war wirklich keine Absicht. Ich hole sie sofort und stelle sie auf! – Bereite du bitte das Frühstück vor!“

Während ich alle Räuchermännchen auf den Kamin stelle, höre ich den Eierkocher summen. Plötzlich herrscht eine absolut verdächtige Stille. Verwundert schaue ich nach. Peter widmet sich hingebungsvoll einer künstlerischen Tätigkeit.

„Du weißt, dass nicht Ostern, sondern Weihnachten vor der Tür steht“, lache ich und betrachte die individuell gestaltete Eiermannschaft. 

 

 

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Advent

Besuch vom Nikolaus 

Arme kleine Gans

 

Hilfsbereit!?

Frank ist ein hilfsbereiter Mensch, – nicht nur in der Vorweihnachtszeit.

Die Dame neben ihm in dem engen Flugzeugsitz hat ein Problem. Sie kämpft mit dem Ärmel ihrer Jacke. 

„Darf ich helfen?“ 

„Gerne!“

Frank ergreift ihren ausgestreckten Arm, schiebt den Ärmel nach oben und zieht ihn über ihre Schulter. Perfekt!

„Hihi!“, lacht sie herzhaft.

 Frank macht ein verdutztes Gesicht. 

„Waren Sie der hilfsbereite Herr, der kurzerhand eine ältere Dame auf die gegenüberliegende Seite gebracht hat?“

 Frank runzelt die Stirn. 

„Sie hat lediglich auf den Bus gewartet“, kommt die Erklärung. 

Frank zuckt verständnislos mit den Schultern. 

„Ich wollte die Jacke eigentlich ausziehen!“

 

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Herbstgeflüster

Es ist ein schöner Herbsttag. Die Sonne lacht vom blauen Himmel und lässt die bunten Blätter im Sonnenlicht golden leuchten. Es weht ein Wind, der genau richtig ist zum Drachensteigenlassen. Ein Herbsttag wie aus dem Bilderbuch. 

Flori marschiert hinüber zur großen Wiese und lässt seinen bunten Drachen, den er übrigens selbstgebastelt hat, hoch in die Lüfte steigen. Dort tanzt dieser hin und her und der Junge hat seine helle Freude daran.

Doch schon bald ziehen Wolken am Himmel auf. Das wäre ja nicht so schlimm, wenn es Schönwetterwolken wären, aber leider versprechen diese nur Regen. So packt Flori seinen Drachen wieder ein, doch bevor er sich endgültig auf den Heimweg macht,  setzt er sich für ein Weilchen auf die Bank am Wegesrand.

„Bestimmt müssen wir bald wieder Blätter sammeln und zum Unterricht mitbringen“, denkt er. „Jedes Jahr dasselbe. Im Kindergarten hat es angefangen und jetzt in der dritten Klasse ist es immer noch so. Eigentlich mag ich das nicht.“

Floris Gedanken werden unterbrochen. Er vernimmt ein zartes Stimmchen:

„Ich halte mich fest! Das kannst du mir glauben.“

„Hallo, ist da jemand?“, fragt der Junge und blickt sich suchend um, kann aber niemand sehen.

„Na klar! Ich bin hier!“

„Wo denn? Ich kann dich nicht entdecken.“

„Hier bin ich, da wo ich hingehöre. Und da bleibe ich auch. Ich gebe mir alle erdenkliche Mühe.“

Noch immer weiß Flori nicht, wer da mit ihm spricht. Für einen Moment ist nichts zu hören, nur das Rauschen der Blätter im Herbstwind. Eine Windböe wirbelt einen kleinen Blätterhaufen durcheinander und als es wieder windstill ist, hört Flori auch die zarte Stimme wieder.

„Er kann mir nichts anhaben, wenn ich mich nur gut genug festhalte.“

„Das schaffst du nicht!“, mischt sich eine andere Stimme ein. „Das haben schon viele vor dir versucht. Das ist der Mühe nicht wert, denn es ist sowieso vergeblich.“

„Oh nein, das ist es nicht!“, ruft das zarte Stimmchen trotzig. „Ich will etwas Besonderes aus meinem Leben machen und nicht wie alle anderen sein.“

„Das ist doch Quatsch! Verstehe das doch endlich!“

„Wovon redet ihr eigentlich und wo seid ihr?“

„Hier oben!“, erklingt es im Chor.

Flori blinzelt nach oben. Erst jetzt bemerkt er, dass er unter einem Baum sitzt und dort wohl kurz eingenickt sein muss. Über ihm ist die Baumkrone mit ihren bunten Blättern, die vom Wind kräftig durchgeschüttelt werden. 

An einem Zweig, direkt über Flores Kopf hängen einsam zwei bunte Blätter.

„Habe ich mir das alles nur eingebildet? Blätter können nicht reden. Ich muss geträumt haben“, überlegt der Junge genau in dem Moment, als ein erneuter Windstoß kommt und ihm zwei wunderschöne Blätter in den Schoß wirbelt. 

Als sein Blick wieder nach oben wandert, stellt er fest, dass der Zweig nun komplett kahl ist. 

Flori kratzt sich verwundert am Kopf. 

Würde in diesem Augenblick ein Spaziergänger vorbeikommen, so könnte er vielleicht die geflüsterten Worte des Jungen vernehmen:

„Auch wenn es tatsächlich mit dem Festhalten nicht geklappt hat, seid ihr Zwei für mich etwas ganz Besonderes. Ich habe auch schon eine Idee, was nun mit euch passieren soll. Was haltet ihr davon, wenn ich euch nach dem Pressen gemeinsam mit einem gemalten Bild in einem schönen Bilderrahmen meiner Oma zum Geburtstag schenke?! Sie wird sich sicherlich freuen und ihr bekommt einen Ehrenplatz in ihrem Wohnzimmer.“

Flori hat es auf einmal ziemlich eilig nach Hause zu kommen und das nicht nur, weil es plötzlich zu tröpfeln beginnt.

 

 

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Na warte, jetzt ärgern wir dich!

„Ich glaube, sie wird bald kommen und uns unseren Platz zuweisen. Im Grunde genommen ist sie schon überfällig. Der Sommer ist vorbei und der Herbst ist längst eingekehrt. Es ist schon recht kühl geworden und sie scheint uns vergessen zu haben. Sonst würden wir hier nicht so einsam und verlassen rumstehen“, plappert die Eine drauf los.

„Psst!“, ermahnt die Andere flüsternd. „Ich glaube sie ist nebenan. Du hast recht, wahrscheinlich erscheint sie gleich hier.  Allerdings war sie in den letzten Tagen schon öfter hier und hat uns gar nicht beachtet. Warum sollte sie uns ausgerechnet heute ihre Aufmerksamkeit schenken?“

„So richtig hat sie uns eigentlich nie beachtet, obwohl wir ihr durch den Sommer geholfen haben. Wir waren selbstverständlich immer für sie da.“

„Genau, stets zur Stelle, wenn sie uns gebraucht hat. Nie haben wir sie verärgert oder im Stich gelassen.“

„Doch, einmal haben wir sie schon ein wenig geärgert. Aber hinterher hat sie sich über unseren kleinen Streich sogar amüsiert.“

„Hihi!!! Ich erinnere mich. Es begann während einer längeren Autofahrt…. Psst!!!! Sie kommt!!!“

Die beiden verhalten sich mucksmäuschenstill. Trotzdem steht die Frau plötzlich vor den Zweien. Ein Lächeln huscht über ihr Gesicht und sie betrachtet die Beiden fast ein bisschen verträumt.

„Ob du wohl an die selbe Begebenheit denkst, von der ich gerade berichten wollte?“, überlegt die Eine leise. „Damals, als du uns einfach in eine Ecke geschoben und dann später in der Dunkelheit verwechselt hast. Naja, wir sehen uns ja ziemlich ähnlich, aber so einen kleinen Unterschied gibt es eben doch.“

„Weil du dich uns einfach während der Autofahrt entledigt und in den Fußraum geschoben hast, dachten wir, ein kleiner Streich wäre angebracht“, erinnert sich die Andere in Gedanken. „So haben wir einfach unsere Plätze getauscht und abgewartet, bis du aussteigen wolltest. Dann hast du uns wieder gebraucht und hervorgeholt. In der Dunkelheit hast du die Verwechslung erst nicht bemerkt, aber schon nach einem Schritt haben wir dich tüchtig gezwickt. Erst dann hast du uns deine volle Aufmerksamkeit geschenkt und die Verwechslung bemerkt.“

„So etwas wie mit euch ist mir noch niemals zuvor passiert“, unterbricht die Stimme der Frau die Erinnerungen der Beiden. „Wie schusselig muss man denn sein, um den linken Fuß in die rechte Sandale zu quetschen und die linke Sandale über den rechten Fuß zu ziehen?! Oder wolltet ihr mich ärgern und habt die Plätze getauscht?“, lacht die Frau während sie die Sandalen ganz hinten im Schuhschrank verstaut.

„Euren Winterschlaf habt ihr euch verdient. Bis auf dieses eine Mal sind wir gut miteinander ausgekommen. Wenn ihr mir versprecht, mich nicht wieder zu ärgern, hole ich euch gleich im nächsten Sommer wieder hervor.“ 

 

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Was hat man mir da nur erzählt…?!

Wir sind auf dem Weg zu unserem Sohn und kommen dabei durch eine kleinere Ortschaft. Mein Mann fährt und ich lasse meinen Blick schweifen. Da fällt mir ein schmuckes kleines Häuschen mit einem gepflegten Garten auf, in dem es üppig in allen leuchtenden Farben blüht.  Aber nicht allein die Blütenpracht zieht meine Aufmerksamkeit auf sich, sondern noch etwas anderes, das mitten im Vorgarten steht.

„Hast du das eben gesehen? Schau doch mal!“, fordere ich meinen Gatten auf. 

„Was denn, wo denn? Ich muss auf die Straße achten und kann nicht links und rechts die Landschaft betrachten“, erklärt er mir und tritt gleichzeitig auf die Bremse, weil ihm nun ein Schild anzeigt, dass man nur noch 30 Stundenkilometer fahren darf.

„Jetzt sind wir sowieso schon vorbei“, sage ich mit ein wenig enttäuschter Stimme. 

„War es wichtig? Soll ich umdrehen?, erkundigt er sich, aber ich merke am Ton, dass er eigentlich keine Lust zum Wenden hat.

„Nein, nein! Das brauchst du nicht. Dort hinten links“, gestikuliere ich, „steht inmitten der vielen blühenden Blumen ein großer hölzerner  Storch mit einem Tuch im Schnabel. In dem Tuch liegt eine Babypuppe. Das sieht echt hübsch aus.“

„Na, da wird wohl ein Baby auf die Welt gekommen sein!“

Für einen Moment ist es still in unserem Auto, doch dann kichere ich plötzlich los.

„Hihi, haha!“

„Was hast du jetzt gesehen?“, fragt Peter leicht verwundert nach.

„Nichts! Allerdings ist mir durch diesen hölzernen Storch etwas eingefallen.“

„Erzählst du es mir?“

„Na klar, aber nur, wenn du mich nicht auslachst!“

„Wieso sollte ich?“, fragt mein Mann zurück. 

„Naja, ich war vielleicht noch ein bisschen sehr klein …. und mein Opa gehörte ja einer ganz anderen Generation an, …. damals waren noch andere Zeiten, … man hat nicht so offen über alles gesprochen …“, gebe ich zu Bedenken.

„Jetzt rede doch nicht um den heißen Brei herum“, grinst mein Mann, der schon etwas zu ahnen scheint.“

„Es ist schon ziemlich lange her, ich war nämlich noch ein ganz kleines Kind…“

„Klingt wie der Anfang eines Märchens“, kommentiert Peter.

„Wie gesagt: Ich war noch sehr klein und unwissend“ setze ich meiner Erzählung nochmals voran.

„Ich war bei meinem Opa und er berichtete mir eines morgens eine wie mir heute scheint sehr verwunderliche Geschichte:

Meine Tante, so sagte er, wollte am Abend zuvor den Abfall nach draußen bringen. Gerade als sie beim Schuppen an der Mülltonne stand, sei ein Storch gekommen und hätte sie unvermittelt ins Bein gebissen. Und jetzt sei sie im Krankenhaus. Aber ich solle mir keine Sorgen machen. Es sei alles in bester Ordnung und in der nächsten Woche solle sie wieder nach Hause kommen. Sie bringe dann auch noch ein kleines Baby mit! 

Das hat man mir damals so erzählt, als mein erster Cousin auf die Welt kam und ich war natürlich total begeistert, dass bald meine Tante mit einem Baby vorbeikommen würde“, schließe ich meine Erzählung.

Vorsichtig wage ich einen Blick nach links zu meinem Mann, der grinsend hinter dem Steuer sitzt.

„Da haben wir wohl Glück gehabt!“, meint er nur.

„Wieso, dass ich diese Erklärung meines Opas über die vielen Jahre hinweg nicht vergessen habe?“

„Nein, naja, vielleicht auch. Aber hauptsächlich, dass unser Sohn auch ohne diesen Biss in dein Bein auf die Welt gekommen ist. So ein Biss ist nämlich nicht ohne…“

„Aha!“

 

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Guten Morgen!

Wie siehst du denn heute aus? Schrecklich!

Vielen Dank für das Kompliment! Du bist echt nett zu mir.

So bin ich eben. Das sollte auch kein Kompliment sein. Ich sage, wie es ist. Du hast schon besser ausgesehen!

Ich konnte nicht schlafen heute Nacht. Erst lag ich stundenlang wach und dann dieser seltsame Traum.

Ein Alptraum? 

Keine Ahnung, ich kann mich nicht erinnern.

So wie du heute aussiehst, bist du in einen Sturm geraten oder dich hat der Blitz getroffen. Jedenfalls stehen deine Haare nach allen Richtungen ab.

Du musst mir nicht ständig sagen, dass ich ziemlich fertig und übernächtigt aussehe.

Okay, okay. Dann wünsche ich dir einen guten Morgen!

Wie kann das ein guter Morgen sein, wenn ich so fürchterlich aussehe?!

Erfrische dein Gesicht mit kalten Wasser! Gib deinen Wangen ein paar Klapse! Das weckt die Lebensgeister. Frisiere deine Haare! 

Du hast recht! Das mache ich.

Jetzt sorge dafür, dass es ein guter Morgen wird.

Wie soll denn das gehen?

Lächele!

Wieso? Ich habe gerade nichts zum Lachen.

Versuche es doch mal!

Geht nicht!

Doch, gib dir einfach Mühe!

Mmmh!

Zieh die Mundwinkel nach oben!

Mmmh!

Noch weiter nach oben! 

Mmmh!

Gut. Das ist perfekt! Bleibe so für die nächsten zwei Minuten! 

Hihi!

Das wird immer besser! Das Lächeln steht dir und es steckt an. Du wirst sehen, wenn du lächelst, wird dir jeder ebenfalls ein Lächeln schenken.

Hihi! Hihi! Hihi!

Siehst du, wie schön dich das Lächeln macht. 

Du hast recht und ich fühle mich auch richtig gut!

Dann wünsche ich dir jetzt nochmals einen guten Morgen und einen wunderschönen Tag!

Ich glaube, das wird auch klappen. Danke, dass du so ehrlich zu mir bist und mich außerdem noch aufmunterst.

Das ist doch meine Aufgabe. Als dein Spiegel zeige ich dir immer dein Spiegelbild. Es liegt aber in deiner Macht, was du daraus machst.

Stimmt. Ach übrigens: Ich wünsche dir einen guten Morgen und einen wunderschönen Tag, liebes Spiegelbild. 

 

 

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Ich erzähl’ dir was dazu …

Wir sind unterwegs, um diverse Pflanzen und Accessoires für unseren Garten zu besorgen. 

„Schau mal“, sage ich zu meinem Mann, der gerade einen Rasenroboter begutachtet, „was ich gefunden habe.“

„Ein Zitronenbäumchen, – ja nimm es mit. Es wird aber eine Weile dauern, bis es groß ist und Früchte trägt.“

„Egal, irgendwann hängt eine Zitrone daran!“, freue ich mich schon jetzt.

Peter allerdings hat sich den technischen Daten des Rasenroboters zugewendet und meint nur beiläufig:

„Dazu kann ich dir was erzählen…, aber nicht jetzt. Erinnere mich daran!“

„Mache ich!“ Und damit ist die Sache verschoben und auch vergessen.

Erst am Nachmittag fällt mir wieder ein, dass mein Göttergatte mir noch etwas erzählen wollte, aber der Moment ist für eine Nachfrage ungeeignet, weil er gerade telefoniert.

„Ich werde gleich nach seinem Telefonat nachfragen!“, nehme ich mir vor. Allerdings klingelt es in diesem Moment an der Haustür und unsere Mieterin hat ein Problem mit ihrem Rollladengurt. Er ist nämlich gerissen. Zufälligerweise haben wir noch einen neuen Gurt da, den Peter, hilfsbereit wie er nun mal ist, auch sofort nach seinem Gespräch einbaut.

Tja, was soll ich sagen, was ihr euch nicht schon selber denken könnt?: Ich habe meine Frage nach der geheimnisvollen Erzählung vergessen.

Erst als wir kurz vor Mitternacht im Bett liegen, kommt die Erinnerung wieder zurück.

„Du wolltest mir doch noch etwas erzählen …“

„Was? Ich? Keine Ahnung! Frag mich morgen nochmal. Ich will jetzt schlafen, bin ziemlich müde…“

Und schon ist er im Reich der Träume, vermutlich beim Baumfällen, denn das Geräusch der „Säge“ dringt ganz deutlich an mein Ohr.

„Ist das gemein. Jetzt bin ich neugierig, was er mir unbedingt erzählen wollte und er vertröstet mich auf morgen. Wie soll ich jetzt einschlafen?“, frage ich mich und überlege hin und her, was er mir wohl sagen wollte. Aber das Grübeln nutzt nichts, weil ich einfach keinen Anhaltspunkt habe. 

„Vielleicht hat es was mit dem Bäumchen zu tun!? Aber was?“ Meine Gedanken drehen sich im Kreis. Das Letzte, an das ich denke ist:

„Zitrone,…sauer,…sauer macht lustig,…….das hat meine Mutter früher immer gesagt.“ 

Dann gibt mein Gehirn auf, es ist zu müde, um weiter zu überlegen. Ich auch. Und so falle ich in einen tiefen traumlosen Schlaf.

Am nächsten Morgen beim Frühstück halte ich es nicht mehr aus. Meine Neugier zernagt mich.

„Jetzt rück‘ endlich mit der Sprache heraus“, fordere ich meinen Mann unumwunden auf.

„Was? Womit? – Ach, ja, du willst wissen, was ich dir schon gestern erzählen wollte. Warte mal, ich überlege …“

„Spann mich nicht auf die Folter!“

„Das würde ich doch nie tun!“, empört er sich mit grinsendem Gesicht. 

„Also gut: Das Zitronenbäumchen hat mich an etwas erinnert.“

„Das habe ich mir auch schon gedacht!“ 

So langsam bin ich der Verzweiflung nahe.

Mein Mann erbarmt sich meiner und spricht nun fließend und nicht mehr in Rätseln:

„In jungen Jahren waren meine Eltern mal im Urlaub. Keine Ahnung wo, aber irgendwo im Süden. Ich vermute im Mittelmeerraum. Sie lernten andere junge Leute kennen, mit denen sie sich gut verstanden. So trafen sie sich jeden Abend auf ein Gläschen Wein in einem gemütlichen Gartenlokal. Sie saßen immer um den selben Tisch, der unter einem Baum stand…“

„Lass mich raten, es war ein Zitronenbaum“, falle ich ihm ins Wort.

„Ja genau! Und an diesem Baum hing eine einzige Zitrone. Jeden Abend sahen sie nach, aber sie hing immer noch. Jeder einzelne von ihnen alberte herum, dass er diese Zitrone pflücken wollte. Aber keiner von ihnen tat es tatsächlich.“

„Und wenn sie nicht heruntergefallen ist, dann hängt sie noch heute…“, wollte ich dieser seltsamen Geschichte ein Ende setzen.

„Nicht ganz“, erzählt mein Peter weiter:

„Meine Eltern waren ein paar Tage wieder zu Hause, da lag eine Postkarte von den Urlaubsbekanntschaften im Briefkasten. “

„Was stand darauf?“

„Sie war an meinen Vater adressiert und begann mit den Worten:

‚Hallo lieber Zitronendieb!‘ “

„Echt?! Dein Vater hat die Zitrone ‚geklaut’?“

Mein Mann zuckt mit den Schultern.

„Fakt ist, dass am Abend der Abreise von meinen Eltern die Zitrone definitiv nicht mehr am Baum hing. Mein Vater hat nur immer gegrinst, wenn man ihn gefragt hat, ob er tatsächlich der Zitronendieb war. Das wird wohl immer ein Geheimnis bleiben.“

„Ich glaube“, sage ich, „an diese Geschichte und deinen Vater als Zitronendieb, werde ich bestimmt denken, wenn die erste Zitrone an unserem Bäumchen hängt.

 

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Anton

Sabine, genannt Bienchen, ist mit ihren Eltern am Meer. Genauer gesagt am Mittelmeer, auf einer Insel. Bienchen ist erst 5 Jahre und dies ist ihre zweite Reise zum großen Wasser, wie sie das Meer nennt. Heute sind sie auf Besichtigungstour. Das ist ein bisschen langweilig, denn sie spielt am liebsten am Strand und baut mit ihrem Paps Burgen oder plantscht mit Mama und Papa im seichten Wasser.

Während ihre Eltern die Aussicht bewundern, schleckt sie ein Eis und sieht sich nach interessanteren Dingen um. Doch hier ist nicht viel. Sie sieht eine kleine Kapelle, ein paar Felsen, das Meer und den Himmel über ihnen. Doch dort vorne huscht etwas um die Ecke. Ein kleines Kätzchen. Sie läuft ihm entgegen, in der Hoffnung, dass es sich streicheln lässt. Dabei verliert sie ihren inzwischen leeren Eisbecher. Achtlos lässt sie ihn liegen.
„Hey, du da!“, hört sie auf einmal jemand rufen. „Was soll das denn?“
Sie dreht sich erschrocken um, kann aber niemand erkennen. Doch dann hört sie die leicht verärgerte Stimme schon wieder.
„Haben deine Eltern dir das nicht beigebracht?“
„Was?“, fragt sie ein bisschen ängstlich zurück und blickt sich irritiert um. „Wo bist du überhaupt?“
„Dreh dich ein Stückchen nach links, dann siehst du mich. Ich bin nicht zu übersehen!“
„Aber warum versteckst du dich jetzt vor mir, denn ich sehe niemand.“
„Ich bin ja auch kein Niemand!“, dröhnt es zurück.
„Wer bist du denn? Und komm endlich raus!“, fordert Bienchen den Unbekannten auf. Langsam wird es ihr unheimlich zumute und gerade als sie zu ihren Eltern zurücklaufen will, da sieht sie ihn.
Tatsächlich, er ist eigentlich nicht zu übersehen. Groß und rund mit vielen gelben und grünen Streifen steht er da und scheint sie anzulächeln.
„Na also, hast du mich endlich entdeckt!“, klingt es zu Bienchen herüber.
„Du kannst sprechen?“
„Ja, nur leider hören mich nicht alle Menschen. Viele sind zu unsensibel oder achtlos. Sie wollen mich weder hören, noch sehen. Außerdem, wer gibt sich schon mit einem Mülleimer ab?!“, sagt der gelb-grüne Kerl jetzt mit trauriger Stimme.
„Wieso?“, Bienchen tritt näher und plappert fröhlich darauf los. „Du bist doch sehr hübsch. Ich mag dich!“
„Dann gib mir doch bitte auch ganz schnell was zu essen, ich bin soooo hungrig!“
Bienchen läuft rasch zu ihrem Eisbecher zurück und bringt ihn zum Mülleimer. Sie stellt sich auf die Zehenspitzen und öffnet den Deckel, um den leeren Eisbecher einzuwerfen.
„Dankeschön!“ klingt es fröhlich zurück.
Bienchen wirft einen flüchtigen Blick zu ihren Eltern. Diese stehen unweit der kleinen Kapelle und beobachten eine Hochzeitszeremonie, die dort zufällig stattfindet. Schnell winkt Bienchen ihren Eltern zu. Die Hochzeit interessiert sie im Moment überhaupt nicht. Sie hat hier eine viel interessantere Bekanntschaft gemacht.
„Warum stehst du hier so alleine rum?“
„Oh, ich fühle mich nicht einsam. Ich habe den besten Platz mit der schönsten Aussicht auf das Meer. Und die Sonne wärmt mich jeden Tag. Die Katzen kommen oft und holen sich bei mir ihr Fressen ab, das die Menschen nicht mehr wollen und bei mir entsorgen. Manchmal fliegt auch eine Möwe über mich hinweg und lässt etwas zu mir herunterfallen.“
Sabine kichert, denn sie weiß, was die Möwe da fallen lässt.
„Mama sagt, das bringt Glück!“

Nach einem kurzen Moment des Schweigens macht sie vor der Tonne einen Knicks und stellt sich vor:
„Ich bin Sabine und wie heißt du eigentlich oder soll ich dich nur Mülleimer nennen?“, will sie wissen.
„Gestatten: Anton, mein Name!“, erwidert der Gelb-Grün-Gestreifte.
A wie Abfall,
N wie Nutzloses,
T wie Taschentücher, Tüten, Tageszeitungen, Trinkflaschen,
O wie Obstschalen, Ohrenstäbchen,
N wie Nussschalen,….“

„Bei uns darf man nicht alles in eine Tonne werfen“, erklärt Bienchen. „Wir haben eine Tonne für Plastik, eine für Papier, eine für Obst- und Kartoffelschalen, die Mama Biotonne nennt, eine für den Restmüll und am Parkplatz nebenan steht noch eine für Glas.“
„Du bist aber ein schlaues Mädchen“, lobt Anton sie. Hier bei uns bin ich alleine für Alles zuständig, aber vielleicht bekomme ich ja bald auch ein paar Kumpels, die mir bei der Müllsammlung helfen“, erwidert Anton. „Das wäre nicht schlecht, denn manchmal bin ich so voll, dass alles aus mir herausquillt und auf die Erde fällt.“
Sabine nickt und hebt ein Kaugummipapier von der Erde auf, um es Anton zu schenken.
„Sabine! Komm wir wollen weiter!“, ruft es in diesem Moment.
„Gleich!“, ruft das Mädchen zurück und schließt den Deckel der Tonne.
„Tschüss Anton! Ich werde oft an dich denken!“
Als Sabine eine Woche später mit ihren Eltern zu Hause die Urlaubsfotos betrachtet, da entdeckt sie die gelb-grün gestreifte Abfalltonne ganz klein auf einem der Bilder.
„Hallo Anton!“, ruft sie der Tonne in Gedanken zu. “Schön, dich kennengelernt zu haben!“

 

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