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Aurelia und Albert (10)

Eule Aurelia, die alles von ihrem Aussichtspunkt aus beobachtet hat, breitet ihre Flügel aus und schwingt sich in die Lüfte. Sie fliegt über Berge und Täler über Flüsse und zugefrorene Seen.

Nein, sie fliegt nicht ziellos umher. Sie weiß genau, wohin sie will und als sie ihr Ziel erreicht hat, setzt sie sich auf den höchsten Baum. Sie beginnt ein lautes Geschrei. Immer und immer wiederholt sie ihr Rufen.

„Was ist denn hier für ein Tumult!“, wundert sich der Bewohner eines einsam stehenden Hauses mitten in einem tiefen und dunklen Wald. Er sieht ein bisschen wie Albert Einstein aus, doch der ist ja schon lange tot. Aber alle, die diesen alten Mann hier im Wald kennen, nennen ihn wegen seiner Ähnlichkeit, aber auch wegen seiner Weisheit nur Albert. Mit seinem richtigen Namen wird er niemals gerufen. Möglicherweise kennt diesen sogar keiner mehr.

„Ich sollte unbedingt einmal nachsehen. Es hört sich nach Aurelia, der klugen Eule an. Aber normalerweise ist sie ein eher stiller Vertreter ihrer Art“, denkt Albert und geht nach draußen.

„Weiser alter Mann! Albert, hörst Du mich?!“ schallt es ihm entgegen.

„Aurelia? Was ist denn los? Wieso bist Du so aufgeregt?“

„Bruno, der Teddybär, Hugo, der Waldmensch und Kurt, der Schneemann …“, Aurelia muss erst einmal Luft holen. Sie ist total außer Atem. „… sind auf dem Weg zu Dir!“

„Oh, wie schön, ich bekomme Besuch!“, freut sich Albert. „Da sollte ich meine Hütte aufräumen, es ist nämlich wieder einmal dringend nötig. Vor lauter Denken, Erfinden und Grübeln kommt man ja nicht zum Aufräumen…“

„Dazu bleibt keine Zeit!“, schreit die Eule verzweifelt. „Kurt, der Schneemann braucht Deine Hilfe, sonst stirbt er!“

Aurelia berichtet schnell alles, was Albert wissen muss. Dieser wirft vorsichtshalber einen kleinen Schlitten mit Rädern auf sein Gefährt, da er dieses schon für den Winterbetrieb mit Kufen ausgestattet hat.

„Man kann ja nie wissen, wozu er gut ist“, meint er und springt auf sein düsenangetriebenes Gefährt. Diesen Antrieb hat er sich selbst ausgedacht und gebaut. Er ist eben ein kluger Mann, der weiß, wie man schnell vorankommt. 

„Hoffentlich ist Dein Fahrzeug auch schnell genug, damit wir noch rechtzeitig ankommen und Du den Schneemann Kurt retten kannst!“, hofft Aurelia. Sie schwingt sich neben Albert auf den Beifahrersitz. Zum Glück kennt die Eule den Weg und kann dem weisen alten Mann somit ein bisschen helfen. Mit ganz viel Hoffnung im Gepäck düsen die Beiden los…

Fortsetzung folgt …

Au Backe

Es ist Freitag, kurz vor der Mittagszeit. Die Tür zum Büro meines Mannes steht offen und so bekomme ich sein Telefonat mit, zumindest das, was er sagt. 

Als er das Telefongespräch beendet, beginnt er herzhaft zu lachen. Ich betrete nun sein Arbeitszimmer und sehe ihn stirnrunzelnd an.

„Was war denn das für ein seltsames Gespräch?“, will ich von ihm wissen.

„Ach das war unser Installateur. Er will doch am Montag kommen und sollte mir ein paar Maße durchgeben.“

„Aha?! Und das ist so lustig?“, wundere ich mich.

„Naja, eigentlich nicht, aber ich hatte das Gefühl mich mit einem Ausländer zu unterhalten, der die deutsche Aussprache ganz schlecht oder besser gesagt, überhaupt nicht beherrscht.“

Anscheinend sieht mein Mann die Fragezeichen in meinen Augen, denn er steckt plötzlich jeweils einen Zeigefinger in den rechten und linken Mundwinkel und zieht damit seinen Mund in die Länge. Gleichzeitig beginnt er zu sprechen. Ich muss an den Witz vom Breitmaulfrosch denken und beginne zu grinsen.

„Ich verstehe kein Wort“, lasse ich ihn wissen.

Mein Mann wiederholt seine Vorführung, aber wiederum verstehe ich keine Silbe, halte mir aber inzwischen den Bauch vor Lachen.

„Genauso ging es mir, deshalb dachte ich auch, ich hätte es mit einem Ausländer zu tun. Allerdings hat sich mein Gesprächspartner dann wohl besondere Mühe gegeben, denn mit detektivischem Spürsinn erkannte ich doch unseren Installateur und verstand auch zumindest die Maße und auch seine bruchstückhaften Informationen.“

„Ich kapiere das aber immer noch nicht ganz. Warum hat er so seltsam gesprochen, am Donnerstag, war seine Aussprache einwandfrei und Deutsch ist seine Muttersprache“, gebe ich zu bedenken. „War er betrunken?“

„Nein, aber er hat momentan ein anderes Problem, das ebenfalls gewisse Sprachorgane zeitweilig beeinträchtigt. Besonders seine Zunge ist hiervon betroffen. Das hat er uns auch am Donnerstag erzählt, ich hatte es nur schon wieder vergessen.“

Jetzt fällt bei  mir der Groschen und ich stelle mir Peters Gesprächspartner vor, was in mir erneutes Lachen hervorruft.

„Wahrscheinlich hat er außerdem noch eine dicke Backe“, meine ich, nachdem ich mich wieder beruhigt habe. Bevor ich weiterspreche, puste  ich wie zur Verdeutlichung des Gesagten meine  rechte Wange auf. „Das bleibt wohl nicht aus, wenn man einen Zahn gezogen bekommen hat.“

„Er muss scheinbar gerade erst vom Zahnarzt gekommen sein. Ganz schön mutig, dann gleich einen Anruf anzunehmen.“

„Und dann wird auch noch über ihn gelacht.“, bedauere ich nun unseren Installateur. Wie heißt es doch so schön?!: ‚Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen!’“

„Der Arme!“, sagen wir nach einer Weile fast gleichzeitig. Mitfühlend greift sich jeder von uns instinktiv an die Wange.

 

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Kugel, Berg oder Klumpen

„Schau mal“, sage ich und deute auf den Eisberg in meiner Waffel. 

„Diese kleine Rundung dort oben war früher ein Bällchen oder eine Kugel. Heutzutage hat man eher das Gefühl, das Eis wird mit der Baggerschaufel serviert. Dementsprechend unförmig sieht es aus.“

„Ja, früher war eine Kugel noch eine Kugel“, bestätigt mein Mann, „zwar kleiner, aber dafür passten mehrere Eissorten in eine Waffel.“ 

Ich muss mich beeilen, da meine beiden Eisklumpen aus Schokolade und Zitrone zu schmelzen und zu tropfen beginnen.

„Früher war eben alles besser und manchmal ist weniger mehr“, belehrt er mich und reicht mir grinsend eine Serviette.

 

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Der kleine Moment

Ich bin wahrlich allgegenwärtig,

doch übersehen werde ich allzuoft leichtfertig, 

aus Unachtsamkeit verschenkt,

weil man war unaufmerksam und abgelenkt.

 

Trotzdem bin ich in aller Munde,

drehe ständig hier und da meine kleine Runde,

Ich kann groß oder klein,

auch nichtig oder überaus kostbar sein.

 

Du hast mich nicht gesichtet,

weil dein Blick war auf die Zukunft gerichtet.

Doch ich bin im Jetzt,

was oftmals schlichtweg wird unterschätzt.

 

Ich habe viele Gesichter,

manchmal bin ich ein Blick voller Liebe,

oder nur ein Windhauch,

der gleich verhallt wie Schall und Rauch.

 

Egal wie ich auch bin,

ich mache nur durch deine Beachtung Sinn,

beginne dann zu leben,

meine Bedeutsamkeit wird sich ergeben.

 

Ich bin der kleine Moment,

immer und überall auf der Welt präsent.

Wenn du mich erkennst,

bin ich wichtiger als du vielleicht denkst.

 

Bin ich ein kleines Glück,

will begleiten deinen Weg ein Stück,

nimm mich an der Hand,

erkenne wie kostbar ist dieses Band.

 

Drum sei wachsam jederzeit,

um mich zu erkennen bei jeder Gelegenheit. 

Bin ich dir erst entflogen,

bist du um einen kostbaren Moment betrogen.

 

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Schabernack mit dem Osterhasen

Mausi, das kleine Mausemädchen schläft noch,
tief unten in ihrem Mauseloch.
Als sie erwacht, fällt es ihr ein,
heute soll ein besonderes Fest wohl sein.

Bald werden Kinder, die großen und die kleinen,
oben auf der Wiese erscheinen.
Zuvor muss er seine Arbeit tun,
der berühmte Hase hat keine Zeit zum Ausruhn.

So hoppelt er über die große Wiese sofort,
versteckt bunte Eier hier und dort.
Wird beobachtet von der Maus,
die macht sich einen Schabernack daraus.

Sobald der Osterhase hat versteckt ein Ei,
das Mausemädchen eilt herbei.
Legt das Ei in den Korb zurück,
jedes Einzelne und Stück für Stück.

So wird der Osterhasenkorb niemals leer,
beeilt er sich auch noch so sehr.
Als erklingt der Kinder Lachen,
lässt Mausi nun die dummen Sachen.

Sie will nicht verderben den Kinderspaß,
lässt liegen die Eier im Gras.
Als der Korb ist endlich leer,
der Osterhase ist erschöpft doch sehr.

Er zweifelt wahrlich an seiner Kondition,
nächste Ostern ist dran der Sohn.
Mausi kichert über den Streich,
neuer Blödsinn folgt bestimmt sogleich.

Doch nun habt alle ein frohes Osterfest,
mit vielen bunten Eiern im Nest.
Lasst es euch richtig gutgehen,
bis wir uns hier werden wiedersehen.

 

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Ohho!!!

Sandra und Bärbel schlendern durch den Stadtpark. Auf einer Bank entdecken sie Nina. Sie lächelt glücklich vor sich hin.

„Hallo Nina!“, begrüßen sie die Freundin. „Du siehst so glücklich aus.  Bist du frisch verliebt?“

„Oh ja“, antwortet Nina. „Ich bin soeben geküsst worden.“

„Von wem?“, ertönt es im Chor.

„Erzähl!“, fordert Bärbel auf. „Wie ist er?“

„Richtig süß und der Kuss war zartschmelzend!“

„Ohho!!! Und wie sieht er aus?“, will Sandra wissen.

„Schokoladenbraun und weiß.“

„Weiß? Er ist wohl schon etwas älter.“

„Aber nein!“, schwärmt Nina. „Frisch und knackig.“

Und lächelnd fügt sie hinzu: 

„Genauso, wie ein Schaumkuss sein muss.“

 

 

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Igitt … Wasser!

Ich dachte eigentlich, dass sie es vergessen hat und im Grunde genommen war ich ganz froh darüber. Doch eines Morgens konnte ich ein Gespräch zwischen meinem Frauchen und deren Mutter verfolgen. 

„Schau nur, wie dein Paul aussieht. Er richtig schmuddelig. Wenn du ihn mit in den Urlaub nehmen willst, dann solltest du ihn waschen.“

„Nö“, meinte mein Frauchen. „So wie er ist, ist er gerade richtig.“

„Naja, ein bisschen Wasser würde ihm schon guttun!“

„Nein!!!“, schrie ich, aber leider konnte mich niemand hören. „Mein Frauchen hat Recht. Ich bin gut so, wie ich bin. Wasser …igitt! Ich bin wasserscheu und wahrscheinlich auch nicht wasserdicht!!!“

„Und wenn er hinterher kaputt ist?“, wagte Frauchen einen erneuten Vorstoß.

„Ihm passiert schon nichts, das kannst du mir glauben“, war die Antwort der Mutter. 

Es dauerte auch nicht lange und ich hörte es plätschern. Frauchen ließ das Waschbecken mit warmen Wasser volllaufen.  Sogar ein paar Spritzer Badeschaum tröpfelte sie hinein. Ehrlich gesagt, roch es angenehm und ich fand den Schaum lustig. Doch dann schaute sie mich ernst an und erklärte mir:

„So Paul, nun musst du baden. Das wird dir Spaß machen und hinterher bist du wieder sauber.“

Vorsichtig hielt sie meine beiden Beine in das Wasser.

„Halt!!! Hilfe!!! Ich kann nicht schwimmen und werde unweigerlich ertrinken!“, schrie ich, aber es nutzte nichts. Heftige Angst übermannte mich.

Dann ging alles ganz schnell: 

Ehe ich weiter protestieren konnte, lag ich komplett im Wasser. Nur mein Kopf schaute noch heraus. Ganz ängstlich schaute ich mein Frauchen an.

Doch plötzlich spürte ich wie der Schaum mich am Kinn kitzelte. Das war lustig. Seht ihr mich grinsen?

Ich strampelte mit Armen und Beinen, woraufhin der Schaum immer mehr wurde und höher stieg. Damit er mir nicht in Mund und Augen kommen konnte, schloss ich diese und hielt außerdem noch die Luft an. Das war genau der Moment, in dem ich untertauchte. Ihr denkt jetzt vielleicht, ich hätte Panik bekommen. Nein, weit gefehlt. Meine Angst war verflogen. Das alles machte richtig Spaß. Ganz anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Ich kam zum Luftholen wieder hoch und tauchte sofort wieder unter. Sehen konnte ich allerdings nichts, denn das Wasser war irgendwie inzwischen trüb geworden. Beim erneuten Auftauchen hörte ich die  Mutter meines Frauchens sagen:

„Siehst du wie schmutzig das Wasser jetzt ist?! Dein Paul ist allerdings nun wieder sauber.“

Als Frauchen mich aus dem Wasser hob, erhielt ich eine ziemlich kräftige Massage. Das Wasser tropfte dabei nur so aus mir heraus. Anschließend legte mich Frauchen auf ein Handtuch und wickelte mich fest darin ein. Das Handtuch war jetzt pitschepatsche nass und ich ein bisschen trockener. Doch dann kam das Härteste: Sie steckten mich doch tatsächlich in die heiße Sauna, die sie jedoch „Trockner“ nannten. Ich schwitzte das ganze restliche Wasser heraus. Nach einer gefühlten Ewigkeit hörte ich ein Piepsen, woraufhin sich die Tür meiner Sauna öffnete und mein Frauchen mich in Empfang nahm.

„Du siehst aus wie neu!“, meinte sie lächelnd und streichelte mich. „Richtig hübsch und sauber. Es hat sich wirklich gelohnt!“

Ich muss sagen, als sie mir dann mein bayrisches Outfit anzog, war ich wirklich fesch. Ich sah aus, als hätte ich eine Verjüngungskur gemacht. So könnte ich tatsächlich bei „Germany’s next topmodel für Krokodilshunde aus Plüsch“ mitmachen und gewinnen. Stimmt’s?!!!

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Kreuz und quer

Heute möchte ich Euch ein paar Fotos von einem Spaziergang in der alten Heimat zeigen. Wir waren im Vogelsberg unterwegs und wollten das schöne Wetter nutzen. So suchten wir uns einen Parkplatz in der Nähe eines Waldgebietes und machten uns bei strahlend blauem Himmel auf auf den Weg.

Licht und Schatten wechselten sich ab.

Dort, wo die Sonne ihre wärmenden Strahlen nicht hinschickte, gab es noch Stellen mit Schnee.

Eigentlich hatten wir ein Ziel, doch folgten wir dem vorgeschriebenem Wanderweg nicht lange, sondern entschlossen uns in den Wald hineinzugehen.

Wir marschierten einfach drauf los. Zum Teil gingen wir auf mit altem Laub bedecktem Boden, teils stapsten wir auf matschigem Untergrund, liefen an kleinen schneebedeckten Stellen und an bemoosten Steinen oder liegenden Baumstämmen vorbei.

Unser Weg führte uns immer weiter in den Wald hinein.

Inzwischen waren wir kreuz und quer gelaufen und mein Orientierungssinn hatte mich längst verlassen.

Zum Glück ging es meinem Mann nicht so.

Er hat ein hervorragendes Orientierungsvermögen, das auch jetzt nicht versagte.

Und so führte er uns ganz zielsicher wieder zurück zu der Stelle, wo wir den Weg verlassen hatten.

Von hier aus waren es nur noch wenige hundert Meter bis zur Straße und zu unserem Parkplatz.

 

 

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Schlagfertigkeit

Es ist Sybilles Geburtstag,- ein ganz besonderer, denn er hat eine Null hinter der Zahl. Eigentlich wollte sie kein großes Aufhebens davon machen, aber trotzdem hat sie Vorbereitungen bezüglich Kaffeetrinken und Abendessen getroffen. Zum Glück, denn ständig klingeln Gratulanten an der Haustür. Alle haben sie an Sybille gedacht und gratulieren mit Blumen und Geschenken. Auch Hannes, ein alter Schulfreund. 

„Wahnsinn, welche Arbeit du dir gemacht hast. Alles schmeckt köstlich!“, lobt Hannes. 

„Dankeschön!“, strahlt Sybille und richtet eine Frage an Hannes. 

„Sag mal, kannst du eigentlich auch kochen?“

„Klar kann ich kochen!“, entgegnet dieser grinsend. 

„Nur essen kann man es nicht!“

 

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Kartis weite, lange Reise

Mit dieser Überraschung hatte Emelie wirklich nicht gerechnet. Es war schon viel zu lange her, um noch an ihr Kommen zu glauben. Aber jetzt war sie da, einfach so und ohne Vorankündigung. Emelie brach in einen Jubelschrei aus. Sie streichelte sie zärtlich und rief ihren Mann herbei.

„Toni, komm schnell! Du wirst es nicht für möglich halten, aber sie ist endlich da. Sie hat den Weg zu uns gefunden und sie ist wunderschön! Schau sie dir nur an.“

„Nach all den vielen Jahren“, meinte ihr Mann, als er sie sah. Er musste schlucken, so gerührt war er und auch Emilie traten die Tränen in die Augen, – über ihr Kommen und die damit verbundenen Erinnerungen, aber besonders auch über die Botschaft, die sie mitbrachte. 

Sie saßen mittlerweile im Wohnzimmer und schauten sie sich immer wieder an, zwischendurch fielen Toni und Emelie sich in die Arme und küssten sich. Karti hingegen streichelten sie und schenkten ihr liebevolle Blicke.

„So viele Jahre, sogar Jahrzehnte sind inzwischen vergangen“, meinte Emilie. „Ich frage mich nur, warum es so lange gedauert hat?“

„Tja, das kann ich euch erzählen“, meinte Karti, die sich nicht sicher war, ob die Beiden ihr überhaupt zuhörten, geschweige denn sie hören konnten. Aber sie berichtete trotzdem von ihrem Schicksal: 

„Es war eine sehr lange und auch eine äußerst beschwerliche Reise, die ich hinter mir habe. Das Schicksal hat mir Einges aufgebürdet. Geduld musste ich haben, sehr viel Geduld. Auch ohne Quetschungen und Kratzer ging die Sache nicht vonstatten, ihr erkennt sicherlich, wie mitgenommen ich aussehe. Entschuldigt bitte mein Aussehen. So wollte ich eigentlich nicht hier erscheinen, aber ich bin froh endlich bei euch zu sein. Es ist schön euch vereint und glücklich und sehen.“

Karti hoffte, dass das Ehepaar sie verstehen würde, denn sie erhielt wieder eine Streicheinheit von ihnen und so erzählte sie weiter.

„Als dein Toni mich in dem südlichen Land kurzerhand mitnahm, mir auftrug die Überbringerin einer Botschaft für dich, liebe Emilie sein zu dürfen, war ich sehr stolz. So eine ehrenvolle Aufgabe bekommen nicht viele. Ich glaubte schon bald bei dir sein zu können und deine Freude erleben zu dürfen. Stattdessen kam alles ganz anders als geplant. Meine Falten und Schrammen zeugen von meinen Erlebnissen in den vergangenen zwei Jahrzehnten. Widrige Umstände hielten mich immer wieder auf,  erschwerten mir das Überleben und Vorankommen. Wind und Wetter machten mir zu schaffen, die Unzuverlässigkeit und Vergesslichkeit verschiedener Menschen hinderte mich am Weiterreisen. Ich wurde in die falsche Richtung geleitet, man hat mich hin- und hergeschoben und schließlich komplett vergessen. Mein Rufen, Jammern und Flehen hat niemand gehört. Doch ich habe die Hoffnung nie ganz aufgegeben, obwohl mir das alles sehr zugesetzt hat und sich mit der Zeit, die mir aufgetragene Botschaft immer mehr verwischte.“

Gerade  als Karti diese Worte ausgesprochen hatte, drehte Emilie sie um und lächelte ihren Toni glücklich an.

„Das ist das schönste Geschenk zu unserer heutigen Silbernen Hochzeit“, flüsterte Emilie unter Tränen und versuchte den Text auf Kartis Rückseite zu entziffern:

Liebe Emilie,

eigentlich wollte ich Dir vor meiner Abreise noch eine Frage stellen, aber ich traute mich nicht. Deshalb versuche ich es auf diesem Wege:

Ich liebe Dich von ganzem Herzen und möchte mein Leben mit Dir verbringen. Willst du meine Frau werden?

In der Hoffnung auf ein ‚JA‘ schicke ich Dir viele liebe Grüße und Küsse.

Dein Toni

 

 

 

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Wortwahl

Opa Friedrich hat ein neues Auto gekauft.

„Warum hast du dir ein kleines Auto ausgesucht?“, fragt Jan nach der Spritztour, die er mit Opa  unternommen hat.

„Mit dem kleinen Auto findet man überall ein Plätzchen zum Parken“, meint der Großvater. „Geh du schon mal ins Haus, ich parke nur noch.“

Drinnen sitzt die Familie um den Kaffeetisch. „Wo bleibt denn Opa?“, will Jans Mutter wissen, als dieser sich einen Keks in den Mund steckt.

„Er sucht noch einen Park…Keks für sein Auto“, meint er beiläufig und sorgt damit für verdutzte Gesichter.

Park… Plätzchen!“, ruft der eintretende Großvater aus dem Hintergrund.

 

 

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Opas Geburtstagsgeschenk

Karlchen liegt im Bett. Eigentlich ist er kein Langschläfer, aber irgendwie scheint heute alles anders zu sein. Er schläft noch tief und fest als die Sonne schon vom Himmel lacht. Der kleine Junge erwacht erst aus seinen Träumen, als ein Sonnenstrahl ihn an der Nase kitzelt.

Doch dann ist er mit einem Schlag hellwach. Ihm ist es wieder eingefallen:

„Opa kommt heute aus der Kur zurück und er hat Geburtstag. Ich muss mich noch um sein Geschenk kümmern“, erklärt er der Mutter beim Frühstück.

„Hast du schon eine Idee, was du ihm schenken willst?“, erkundigt sie sich.

„Ja, ja, aber ich verrate es nicht. Das ist mein Geheimnis. Es soll eine Überraschung für Opa werden.“

„Opa kommt doch erst heute Nachmittag. Wenn du meine Hilfe beim Basteln oder so brauchst, dann sag es mir. Jetzt ist noch Zeit.“, schlägt sie ihrem Sohn vor.

„Nein, nein, das kann ich schon ganz alleine. „Ich weiß nämlich, was sich Opa schon lange wünscht.“

„Aha und was ist das?“

„Ich hab’ doch gesagt, dass ich es nicht verrate“, antwortet Karlchen. „Du erzählst es sonst Papa und Nina.“

Karlchen glaubt nicht, dass Papa und Mama etwas verraten würden, aber Nina ist noch klein. Sie geht noch nicht in den Kindergarten, aber plappert wie ein Wasserfall. Das sagt jedenfalls Opa immer. Sie würde bestimmt das Geheimnis ausplaudern und dann wäre es keine Überraschung mehr. 

„Du darfst mich nicht aufhalten, ich muss mich nämlich beeilen“, erklärt er der Mutter. „Sonst wird nicht alles rechtzeitig fertig.“

Aufgeregt läuft Karlchen in sein Zimmer und holt einen seiner zwei Teddybären vom Regal. Es ist der kleinere, denn den großen nimmt er immer mit ins Bett. Zuerst bürstet er den Teddy bis er wieder richtig flauschig ist. Danach kramt er in seiner Schublade, denn hier liegen alle seine gesammelten Schätze. Endlich hat er etwas gefunden, das er für sein Vorhaben als passend empfindet. Es ist eine rote Schleife an einem breiten roten Band. Diese Schleife bindet er dem Teddy um den Hals. 

„Chic siehst du aus“, flüstert er ihm zu. 

„So und jetzt kommt das Wichtigste. Uns darf niemand sehen, also sei schön still“, befiehlt er dem Bären.

Auf leisen Sohlen schleicht sich Karlchen mit dem Teddy, den er unter dem Pulli versteckt hat, in den Hauswirtschaftsraum. Dann geht alles ganz schnell. Zielsicher führt er seinen Plan aus. Allerdings hat er nicht mit seiner kleinen Schwester gerechnet, die ihn mit kleinen Trippelschritten verfolgt und alles beobachtet hat.

„Teddy!“, ruft sie laut. „Nina will Teddy!“

„Psst! Sei still!“

„Nina will Teddy!“, ruft seine kleine Schwester wieder. „Mama! Mama!“

„Nein, den kriegst du nicht!“, sagt Kerlchen ganz bestimmt.

„Mama! Ich will Teddy haben! Mama!!!!“

„Was ist denn hier los? Streitet ihr schon wieder?“, fragt der Vater, der gerade nach Hause gekommen ist und Ninas Geschrei vernommen hat.

Sofort ist Nina zur Stelle und zieht ihren Vater am Arm. „Komm mit!“, sagt sie und zieht ihn in den Hauswirtschaftsraum. 

„Hast du den Teddy versteckt?“, fragt der Vater seinen Sohn, der sich jetzt über seine Schwester ärgert.

„Nina macht die Überraschung für Opa kaputt!“, sagt er trotzig.

„Da! Teddy ist da!!“, ruft Nina und klopft gegen den Gefrierschrank.

„Du bist gemein!“ Karlchen gibt seiner Schwester einen Schubs. 

„Du bist gemein“, erklärt Nina und verzieht das Gesicht. „Teddy ist eingesperrt! Da!“, ruft Nina wieder und klopft abermals gegen den Gefrierschrank. „Teddy friert!“

„Ich glaube du solltest mir mal die ganze Sache erklären“, richtet sich der Vater nun an Karlchen und öffnet den Gefrierschrank, wo tatsächlich in einer der Schubladen der kleine Teddybär liegt.

Jetzt bleibt Karlchen nichts anderes mehr übrig, er muss nun mit der Sprache herausrücken:

„Opa hat mir erzählt, dass er sich als kleiner Junge einen Eisbären gewünscht hat, ihn aber nie bekommen hat. Und deshalb wollte ich ihm heute zum Geburtstag einen Eisbären schenken.“

 

 

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Am Haken

Ich gebe es zu und bin sogar stolz darauf: Du hast mich am Haken.

Früher hast du mich nicht beachtet, sogar ein wenig verachtet, mich regelrecht verschmäht. Aber ich habe gewusst, dass du eines Tages meine Qualitäten zu schätzen weißt.

Inzwischen hast du erkannt, dass ich dir gerne zur Seite stehe und du immer mit meiner bedingungslosen Hilfe rechnen kannst, auch wenn du diese nur hin und wieder in Anspruch nimmst.

Die Zeit wird kommen und du wirst mich nicht mehr missen wollen. Du wirst mich lieben.

Solange hänge ich geduldig an deinem Haken und bin dein treu ergebener 

 

 

Schuhlöffel.

 

 

 

 

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Ein paar Minuten früher

Ich kann mir nicht erklären, warum mir diese Begebenheit heute eingefallen ist. Möglicherweise habe ich etwas geträumt, das in mir Erinnerungen hervorgerufen hat, die ich im allerhintersten Stübchen meines Gedächtnisses in einer längst vergessenen Schublade herausgekramert habe. Keine Ahnung.

Vielleicht war es die Sendung gestern Abend, die von einem Tierheim berichtet hat. Möglich, aber irgendwie doch unwahrscheinlich. Allerdings frage ich mich, ob es in einem Zusammenhang mit den Weihnachtssachen steht, die gerade in einer Aufräumaktion verstaut werden und erst vor dem nächsten Weihnachtsfest wieder zum Vorschein kommen sollen. Es ist und bleibt ein Rätsel für mich und ich werde eventuell auch nie dahinterkommen, weshalb mir genau diese Begebenheit und ausgerechnet heute einfällt. 

Ich hoffe, ich habe Euch jetzt neugierig auf meine Erinnerung gemacht. Also, es handelt sich um eine Kindheitserinnerung, die mein Unterbewusstsein für so wichtig erachtet, dass es mir diese nun auf dem Präsentierteller serviert.

Ich glaube, ich war in der zweiten Grundschulklasse. Ausnahmsweise hatten wir schon eine Stunde früher Schulschluss. Mir ist entfallen, ob es möglicherweise hitzefrei gab oder der Ausfall durch einen anderen Umstand bedingt war. Zumindest kam ich unverhofft  ein paar Minuten früher nach Hause. Gut gelaunt bog ich in unsere Einfahrt ein. Das Auto meines Vaters stand mit geöffnetem Kofferraum vor der Garage. Meine Eltern waren nicht zu sehen.

„Was ist denn hier los?“, überlegte ich und trat näher.

Der Kofferraum war voll mit den unterschiedlichsten Dingen. Die meisten Sachen interessierten mich nicht. Doch was lag denn dort hinten rechts unter ein paar alten Stiefeln?

„Das sieht aus wie ein kleines rotes Rad!“, dachte ich. „Das kommt mir aber sehr bekannt vor.“

Meine Neugierde war geweckt, zumal ich einer plötzlichen Eingabe zufolge einen Verdacht hatte.

„Das wird doch nicht …?!“

Ich trat näher und begann im Kofferraum zu wühlen, bis einige Sachen verrutschten. Leider war mein Fund noch immer größtenteils verdeckt und meine Arme zu kurz, um bis in diese hintere Ecke zu gelangen. Also stellte ich mich auf die Zehenspitzen, reckte mich und lag nun mit dem Oberkörper förmlich im Kofferraum. Jetzt konnte ich eine rote Schnur zu fassen bekommen, an der meines Erachtens der von mir ersehnte Gegenstand hing. 

„Wo kommst du denn schon her?“, hörte ich plötzlich die Stimme meiner Mutter, die mich so kopfüber und mit den Beinen zappelnd vorfand.

„Was machst du denn da?“, war die zweite Frage, die jetzt allerdings von meinem Vater kam.

Überrascht ließ ich mich wieder auf die Füße fallen und schaute in zwei erstaunte Gesichter. Dummerweise hatte ich die besagte Schnur fallen gelassen und war meinem heißersehnten Gegenstand kein bisschen näher gekommen, aber jetzt waren meine Eltern ja da und konnten mir helfen.

„Wir dachten du kommst erst später und wir wollten jetzt noch schnell zum Müllhof“, erklärte mir mein Vater.

„Wollt ihr das alles wegwerfen?“, fragte ich überflüssigerweise, denn eigentlich war das Gesagte doch die logische Erklärung.

Auf das Nicken meiner Mutter hin, stellte ich eine mich brennend interessierende Frage: „Ist da was von mir dabei?“

„Nur Sachen, die kaputt sind und du nicht mehr gebrauchen kannst“, lautete ihre Antwort.

„Was denn?“ Ich gab nicht auf, denn ich wollte es genau wissen.

Sie zeigte mir einige Dinge und ich war mit allem einverstanden, es konnte entsorgt werden. Allerdings war immer noch die Frage nach dem Etwas im hinteren Teil des Kofferraums offen. 

„Kannst du mir mal das da hinten zeigen“, fragte ich meine Mutter. „Ist das auch was von mir?“

Hilfsbereit griff sie nach hinten und siehe da, der geheimnisvolle Gegenstand kam zum Vorschein.

„Oh!“, rief ich aus. „Das ist ja mein Hund!“

Ich kann mich nicht mehr erinnern, ob er jemals einen Namen hatte.

„Den nimmst du doch gar nicht mehr, dafür bist du schon viel zu groß“, meinte nun mein Vater. „Außerdem ist er auch kaputt. Schau nur das eine Rad fehlt.“

Es stimmte, ich war aus dem Alter schon lange heraus, in dem man einen Hund auf vier Rädern hinter sich her zog oder sonst irgendetwas mit einem solchen Spielzeug hätte anfangen können. Dieser besagte Hund war schwarz, vollkommen unbeweglich und hatte ursprünglich unter seinen vier Pfoten je ein rotes Rad, von denen jetzt allerdings eines fehlte. Am Hals war als Leine eine Schnur befestigt.

„Was soll ein Schulmädchen mit einem Babyspielzeug?“, fragte ich mich insgeheim, schob aber diese Frage sofort wieder zur Seite.

Die Antwort auf diese Frage war mir in diesem Moment völlig egal. Es war mein Hund und anscheinend hatte ich ihn einmal sehr gemocht, deshalb konnte und durfte er nicht entsorgt werden.

„Der kommt aber nicht weg!“, entschied ich.

„Aber was willst du denn noch damit?“, fragte mich mein Vater. „Der steht doch schon seit langer Zeit auf dem Dachboden und du hast überhaupt nicht mehr an ihn gedacht.“

„Egal!“, sagte ich. „Den gebe ich nicht her? Der soll auf dem Dachboden bleiben. Das ist mein Hund! Bitte!!!“

Auch wenn diese Worte sehr bestimmend klingen sollten, kamen sie wohl mehr flehend heraus und mir standen inzwischen schon die Tränen in den Augen. Was sollten meine mich liebenden Eltern da tun? Genau, sie fuhren mit dem Auto ohne den schwarzen Hund auf drei Rollen, aber mit den restlichen Sachen zum Müllhof und der Hund landete wieder auf dem Dachboden, wo er vermutlich noch immer in einer Ecke steht.

 

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Am letzten Tag 

Gitte hat beim Aufräumen ihrer Schubladen im Wohnzimmer einen Fund gemacht, der sie an alte Zeiten denken lässt: Damals hat man noch Briefe auf schön verziertes Briefpapier geschrieben, – mit der eigenen Handschrift.

„Schade“, denkt sie „das war viel persönlicher als die heutigen E-mails oder Kurznachrichten auf dem Handy. Ich sollte mal wieder einen Brief schreiben.“

Und sie weiß auch sofort an wen. Ihre Freundin Kathi würde sicherlich freudig überrascht sein. Aber was sollte sie schreiben. Gute Wünsche zum Neuen Jahr,- ja sicher, aber damit füllte man keinen seitenlangen handgeschriebenen Brief.

„Was hat man denn früher so geschrieben?“, überlegt sie. „Genau, einfach irgendwelche Erlebnisse hat man sich mitgeteilt und damit den Empfänger am eigenen Leben teilhaben lassen.“

Da fällt ihr auch wieder die Begebenheit von neulich ein. Sie musste herzhaft lachen, als ihr Mann Werner ihr davon berichtet hatte und auch Gitte würde dies zum Schmunzeln bringen. Also suchte sie ihren alten Füllfederhalter heraus, legte eine Patrone ein, die hoffentlich noch nicht ausgetrocknet war und legte los. 

„Wie hat man eigentlich immer einen Brief angefangen? Ach, ja…“

Liebe Kathi,

ich hoffe, es geht Dir gut und Du bist fröhlich in das Neue Jahr gekommen. Wir wünschen Dir alles Liebe und Gute und vor allen Dingen Gesundheit für das Neue Jahr. 

Bei uns ist alles in Ordnung, wir sind gesund und munter. 

Vorgestern hatte ich mein Kaffeekränzchen bei mir zu Hause. Dieses Mal haben wir uns nicht nachmittags getroffen, sondern ich hatte alle für den Abend zum Raclette eingeladen. Am Vormittag schickte ich meinen Mann noch los, um Baguette zu kaufen. 

Du fragst Dich nun sicherlich, warum ich Dir eine solche Banalität schreibe. Naja, Du kennst doch meinen Werner, mit ihm erlebt man immer etwas und so war es auch an diesem Tag. Obwohl ich es nur aus der Berichterstattung meines lieben Mannes kenne, kann ich es mir sehr bildhaft vorstellen:

Mein Werner ging also zum Bäcker und kaufte das Baguette. Mit der Einkaufstüte schwenkend marschierte er die Straße entlang. Er wollte an diesem Tag zu Fuß gehen und nicht wie sonst die Einkaufstour mit dem Auto erledigen. 

Auf seinem Weg kam er an einem Metzgerladen vorbei, den wir sonst nur immer aus dem Auto herausgesehen hatten. In den über zwanzig Jahren, die wir nun schon hier in der Gegend wohnen, hatten wir uns oft vorgenommen dort einzukaufen. Allerdings befanden wir uns dann meist auf der Rückfahrt von unserer Einkaufstour oder hatten noch genügend Vorräte zu Hause. 

Doch diesmal ergriff Werner die Gelegenheit beim Schopfe und ging in Richtung Eingangstür. Im Augenwinkel nahm er ein Schild im Fenster wahr, aber das interessierte ihn nicht, denn ein Geruch von geräucherter Wurst stieg ihm in die Nase und entfachte seinen Appetit darauf.

„Einen wunderschönen Tag wünsche  ich Ihnen“, trällerte er der Verkäuferin fröhlich entgegen. (Du kennst ja meinen Mann, er ist immer guter Laune.)

„Was duftet denn hier so?“, fragte er und sah sich erstaunt im Laden um.

„Das ist unsere ‚berühmte‘ geräucherte Mettwurst, die schon zahlreiche Preise gewonnen hat. Auf vielfachen Wunsch unserer Kunden gibt es diese heute ausnahmslos und es ist fast alles schon vorbestellt“, erklärte die Verkäuferin.

Erst jetzt fiel Werner auf, dass im gesamten Laden überall nur Mettwürste hingen. Sonst gab es nichts.

Die Verkäuferin sah sein verdutztes Gesicht und zuckte mit den Schultern.

„Wir schließen gleich!“

„Oh!“, meinte Werner, „da habe ich ja Glück gehabt, dass ich vor der Mittagspause noch schnell hier herein gehuscht bin. Ich habe einfach die Gelegenheit ergriffen.“

„Ja“ antwortete die Frau wieder. „Aber wie gesagt, wir schließen.“

„Sie müssen wissen“, erklärte mein Mann. „Wir wohnen schon seit über 20 Jahren im Nachbardorf und haben uns immer vorgenommen mal hier einzukaufen. Hätte ich gewusst, wie köstlich es hier duftet, wäre ich schon viel früher gekommen.“

„Das hätte mich sehr gefreut, Sie als Kunde unseres langjährigen Familienunternehmens bedienen zu dürfen“, klang es von der anderen Seite der Verkaufstheke.

Erst jetzt fiel Werner das traurige Gesicht der Verkäuferin auf und er nahm mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit an, dass es nicht an seinen verspielten zwanzig Jahren lag. Allerdings wollte er nicht nachfragen, da dies neugierig und indiskret gewesen wäre. Leicht irritiert, bezahlte er, nahm seine Wursttüte verabschiedete sich freundlich und ging.

Als er vor dem Geschäft stand und nochmals durch die Scheibe in den Verkaufsraum blickte,  fiel ihm wiederum das große Schild im Fenster ins Auge. Jetzt verstand Werner plötzlich alles: Das traurige Gesicht der Verkäuferin und ihre Worte, aber auch das Missverständnis. Mit großen Buchstaben stand hier nämlich geschrieben:

„Nach 100 Jahren schließen wir am letzten Tag des Jahres, bedanken uns bei unseren Kunden und wünschen alles Gute!“

 

Tja, liebe Kathi, sicherlich musstest Du genau wie ich zunächst über diese Begebenheit lachen. Aber es gibt immer verschiedene Sichtweisen, – so ist eben das Leben. Nicht immer sind lustige Geschichten für alle Beteiligten lustig. 

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Liebe Grüße

Deine  Gitte, die sich sehr über einen Brief von Dir freuen würde.

 

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