Kurzgeschichten
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Das Sofa in der Küche

Neulich waren wir bei Freunden eingeladen. Da wir zwei Tage vorher bei meiner Mutter gewesen waren, hatte ich in meiner Handtasche noch ein paar alte Fotos, die ich mitgenommen hatte. Ich zeigte sie unseren Freunden und wir hatten beim Betrachten und Erzählen viel Spaß. Das Foto zu dieser Geschichte machte ebenfalls die Runde.

„Bist du das?“, fragten mich unsere Freunde.
„Ja, das ist meine Wenigkeit, – Prinzessin Astrid.“
Umrahmt von Kissen, die mich sicherlich stützen und vor dem Anecken schützen sollten, sitze ich da auf dem Sofa. Ich war damals gerade einmal 7 Monate alt, wie ich auf der Rückseite lesen kann. Schön, dass meine Mutter dies alles vermerkt hat. Die Rassel fest im Griff, erregt meine Aufmerksamkeit der Fotograf. Ich nehme an, es war mein Vater, der diesen Schnappschuss von mir machte.
„Was hast du denn da auf dem Kopf?“, werde ich gefragt.
„Na, das ist eine Tolle!“
„Stimmt, das hatte ich auch“, sagt unsere Bekannte.
„Sieht ziemlich witzig aus, aber das war anscheinend damals modern“, erkläre ich zu meiner Verteidigung.
Wenn ich das Foto so betrachte, tauchen Erinnerungen und andere Bilder in meinem Kopf auf. Ich glaube mich zu erinnern. Oder weiß ich manches nur aus Erzählungen? Aber ich sehe alles ganz deutlich vor mir.
„Das Sofa stand in unserer Küche“, erzähle ich den anderen.
Ich kann mich erinnern, dass ich auf diesem Sofa gesessen habe. Ich habe dort gespielt, allein oder mit meinen kleinen Spielkameraden oder ich betrachtete meine Bilderbücher. Vor dem Sofa stand der Küchentisch und somit saß ich wohl auch manchmal dort und habe gegessen.
Und was essen alle Kinder gerne? Pudding. Meine Mutter kochte mir also eines Tages auch einen Pudding. Sie wollte mir eine Freude machen, zumal ich laut meiner Eltern eine schlechte Esserin war. Man glaubt es zwar kaum, wenn man das Foto betrachtet, aber so wurde mir berichtet und ich kann dies aus späteren Erinnerungen auch bestätigen. Meine Mutter stellte also den Pudding auf den Tisch und fütterte mich oder besser gesagt, sie versuchte es. Nach ihren Erzählungen zufolge habe ich wohl auch beim ersten Löffel brav den Mund aufgemacht, doch dann ließ ich ihn fest geschlossen.
„Na, mach schön den Mund auf!“, forderte mich meine Mutter auf, aber ich presste die Lippen aufeinander.
„Schmeckt ganz lecker!“
Mein Mund blieb zu.
„Na komm, einen Löffel für den lieben Papa…“
Mein Mund blieb zu.
„Ach Astrid, nur ein kleines Löffelchen für den Opa…“
Meine Lippen blieben zusammen gepresst und ich wich mit dem Hin- und Herbewegen des Kopfes immer wieder erfolgreich dem Löffel aus. Sagen konnte ich damals noch nichts, aber irgendwelche Unmutslaute muss ich wohl von mir gegeben haben.
Wenn man so ein kleines Kind hat, das sowieso schon immer schlecht isst, dann kann man als Mutter verzweifeln. Das weiß ich aus eigener Erfahrung als Mutter eines „Schlechtessers“. Nachdem alle Tricks erfolglos blieben, machte mir meine Mutter einen Vorschlag.
„Schau mal, die Mama macht es dir vor!“ Meine Mutter wollte natürlich mit gutem Vorbild vorausgehen, dann würde ich es ihr schon nachmachen. So nahm sie jedenfalls an. Also lud sie den Löffel tüchtig voll.
„Siehst du der Mama schmeckt das auch…“
Sie schob sich den Löffel in den Mund und …
„Der schmeckt ja widerlich! – Ach Gott! Kein Wunder willst du den Pudding nicht essen!“, sagte sie zu mir und streichelte mich. „Der ist ja total versalzen!“
Meine Mutter hatte sich vergriffen und aus Versehen Salz anstelle von Zucker dem Puddingpulver zugefügt. Selbstverständlich hat sie der lieben kleinen Astrid einen neuen Pudding gekocht, den ich dann natürlich auch gefuttert habe, denn der schmeckte jetzt so wie Pudding schmecken soll, nämlich süß.
In dieser Küche spielte sich unser Leben ab, denn wir waren wochentags immer nur zu zweit. Mein Vater arbeitete damals in Frankfurt am Main und kam immer nur zum Wochenende nach Hause. Uns beiden reichte die Wohnküche aus. Das Wohnzimmer war unsere gute Stube. Da man damals noch mit Holz und Kohle heizte, blieb an den Wochentagen das Wohnzimmer (fast) ungeheizt. Weil es in der Küche aber gemütlich warm war, gab es für uns auch keine Veranlassung extra noch das Wohnzimmer zu heizen. Im Wohnzimmer stand allerdings der Fernseher, aber damals sah man ja kaum fern. Wenn abends um sieben das Sandmännchen kam, machte meine Mutter die Tür zum Wohnzimmer auf und ich setzte mich im Schlafanzug und in den Bademantel gehüllt auf mein kleines blaues Stühlchen. Dies stand dann zwischen Küche und Wohnzimmer auf der Schwelle. Von dort aus schaute ich mir die Sandmännchensendung an. Danach war Schlafengehen angesagt. Dieses Ritual vollzog sich Abend für Abend und ich glaube mich noch daran erinnern zu können.
Erinnern kann ich mich auch noch an das große Spülbecken gleich vorne links, wenn man die Küche betrat. Hier hat mir meine Mutter immer die Haare gewaschen. Das ist mir so gut im Gedächtnis geblieben, weil ich es hasste und demzufolge auch immer ein kleineres Drama vollführt habe, was man in meinen Kindheitserinnerungen unter dem Buchstaben „K“ nachlesen kann.
Ich weiß auch noch genau, wie unsere Küche eingerichtet war. Das liegt vielleicht daran, dass die Küchenmöbel bis hinein ins Erwachsenenalter für mich eine bedeutende Rolle gespielt haben. Der Küchenschrank ist mittlerweile in Ober- und Unterteil zerlegt, aber beide Teile existieren noch. Sie stehen bei meiner Mutter im Keller und sind in ihrer Funktion zweckentfremdet, z. B. als eine Art Werkzeugschrank.
„Der Küchentisch und das Sofa fand auch eine weitergehende Nutzung!“, sagt Peter.
„Ja genau, der Tisch stand bei mir in meiner Studentenbude, die eigentlich nur aus einem Zimmer bestand“, ergänze ich.
Und das Sofa wurde auch noch genutzt. Während meine Eltern unser Haus bauten, zogen wir zu meinem Opa ins Haus und dort stand das Sofa ebenfalls in der Küche. Später dann, in unserer ersten gemeinsamen Wohnung fand es als Couchersatz im Wohnzimmer seinen Platz.
„Da es farblich nicht so gut zu unserer Einrichtung passte, es war gelb mit einem kleinen schwarzen Muster, legten wir eine schöne Decke darüber“, lasse ich die Erinnerungen zurück kommen. „Bequem war es immer noch und auch sonst noch gut in Schuss.“
„Deshalb haben wir es auch beim Umzug in unsere zweite Wohnung mitgenommen“, erzählt Peter weiter.
„Ja, aber dann konnten wir uns schon eine Couchgarnitur leisten und es stand nur noch für ein paar Wochen bis zu deren Anlieferung im Wohnzimmer. Als wir das Kinderzimmer eingerichtet haben, hat es dort seine neue Verwendung gefunden und noch einige Jahre seinen Dienst getan.“
Damit hat also wieder ein kleines Kind, nämlich Timo, darauf gesessen, Bilderbücher betrachtet und mit seinen kleinen Freunden gespielt. Timo verbindet mit dem Sofa noch ein ganz besonderes Erlebnis, das ich aber irgendwann einmal in einer anderen Geschichte erzählen werde.
Erst nachdem sich der Inhalt des Sofas auflöste und unten heraus rieselte, haben wir uns von diesem Möbelstück getrennt. Schweren Herzens haben wir es zum Sperrmüll gestellt. Es war über 30 Jahre alt und hat im Grunde genommen 3 Generationen (meinen Eltern, mir und meinem Mann und Timo) gute Dienste erwiesen.

5 Kommentare

  1. Martina sagt

    Eine Tolle und das in dem Alter! Da hatte ich noch Glatze!! Ich finde es toll, dass du dich noch so gut erinnern kannst. Mein Mann hat auch noch eine gute Erinnerung an gaaanz früher. Meine Erinnerung setzt erst später ein. Aber ich weiß, dass ich immer unter dem Tisch saß, dort gespielt habe und meine Schwester, die 6 Jahre älter ist, machte dort ihre Hausaufgaben. Ach, war das eine schöne Zeit! Danke für die Erinnerung!

    • Astrid Berg sagt

      Hallo Martina,
      das ist ja lustig, auf die Idee mich unter dem Tisch zu verkriechen, bin ich nicht gekommen. Aber nicht schlecht, da ist man relativ ungestört 😉 und trotzdem mitten im Geschehen.
      LG
      Astrid

  2. Liebe Astrid,
    dieser Ausflug in die Vergangenheit hat mir sehr gut gefallen.
    Das Baby mit der Tolle aber auch. Du hattest für dein Alter eine
    stolze Haarpracht.
    Bei deiner Erzählung sah ich unsere Wohnküche plötzlich auch
    wieder vor mir. In aller Deutlichkeit. Auch bei uns spielte sich das
    Leben hier ab. Das Wohnzimmer wurde nur am Sonntag und zu
    den Feiertagen benutzt.
    Ich saß immer auf einem besonderen Stuhl neben dem Ofen.
    Nicht, dass ich besonders verfroren war – nein es war einfach mein
    Lieblingsplatz.
    Danke für diese Geschichte!°
    Einen schönen Abend wünscht dir
    Irmi

    • Astrid Berg sagt

      Hallo Irmi,
      vielen Dank für deine lieben Worte. Ja, meine Mutter meinte, ich hätte damals schon viele Haare gehabt. Ich wurde ebenfalls wie unser Sohn bereits im Kreißsaal gekämmt.
      Liebe Grüße und einen schönen Abend
      Astrid

  3. Christine R. sagt

    Liebe Astrid,
    was für eine schöne Erinnerung – auch für mich …
    Wir hatten auch so eine Wohnküche, in der sich das ganze Leben abgespielt hat. Unsere Couch war eine sogenannte „Chaiselongue“, bestand aus einem einzigen Teil mit erhöhtem Kopfteil, und war elend schwer. Ich erinnere mich noch, dass meine Eltern sonntags nach dem Essen immer ihren Mittagsschlaf darauf gehalten haben. Ein Wohnzimmer hatten wir überhaupt nicht, sondern – neben der Wohnküche – nur eine winzige Schlafkammer …
    Dieses Sofa hat meinen Eltern – wie auch die anderen Küchenmöbel – viele Jahre treue Dienste geleistet!
    Danke für diese kleine Zeitreise, und ein schönes Wochenende!
    Liebe Grüße
    Christine

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