Dies & Das und sonst noch Was 2018, Meine Plauderecke
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Mitbringsel

Wieder einmal sind wir in meiner alten Heimat und schlendern durch die Straßen meiner Geburtsstadt. Hier gibt es viele alte Fachwerkhäuser zu bestaunen. Eines davon ist vor kurzem verkauft worden. Es ist ein relativ großes Haus, das über mehrere Stockwerke verfügt. Im Erdgeschoss befanden sich in meiner Kindheit nacheinander verschiedene Geschäfte.
Ich erinnere mich, dass es dort unter anderem Sirup zu kaufen gab, den man mit Wasser zu einem köstlichen Erfrischungsgetränk mixte. Es schmeckte nach Holunder und war echt lecker.
Ich blicke in das Schaufenster, das an diesem Tag ebenfalls dekoriert ist. Allerdings befinden sich hinter der Glasscheibe diverse Haushalts- und Geschirrartikel. Sie sind alle gebraucht und entstammen der Haushaltsauflösung, die mit dem Verkauf des Hauses einhergeht.
„Lasst uns mal reingehen!“, schlage ich meinem Mann und meiner Mutter vor.
Drinnen empfängt uns die ehemalige Besitzerin und wir kommen ins Gespräch.
„Kaufen Sie nichts, nur weil sie etwas kaufen wollen“, rät sie uns. „In unserem Alter sollte man nämlich eher ausmisten, als Dinge zu erwerben. Glauben Sie mir, ich weiß wovon ich rede. So einen Hausstand aufzulösen ist nicht einfach.“
„Ja, das glaube ich“, sage ich zu ihr und zu meiner Mutter gerichtet, meine ich: „Schau mal , so ein ähnliches Service hast du auch noch!“
Noch bevor meine Mutter etwas antworten kann, kommt aus einer Ecke die Stimme meines Mannes: „Gefällt die dir?“
Er hält eine Puppe in die Höhe

und greift mit der anderen Hand zu einer zweiten Puppe.

Wir stöbern noch ein bisschen hier und ein bisschen dort, aber mir geht die Puppe mit den Zöpfen nicht mehr aus dem Sinn. Sie erinnert mich an mich selbst als Kind. Auch ich hatte braune lange Zöpfe und bin in dieser Stadt aufgewachsen. Insgeheim nenne ich die Puppe schon längst „Klein Astrid“.

Nach einer Weile gehe ich zu den beiden Püppchen und betrachte sie mir genauer. „Klein Astrid“ nehme ich auf alle Fälle mit, das ist für mich schon beschlossene Sache. Die Puppe mit den blonden Haaren hat sooooo ein hübsches Gesicht, dass ich es nicht über das Herz bringen könnte sie zurückzulassen.

Also erstehe ich beide Puppen, die übrigens handgefertigt sind. Die Oma der ehemaligen Besitzerin hatte eine Bekannte, die die Puppen hergestellt, alle Kleider selbst genäht und sogar die Strümpfchen gestrickt hat. Überall steckt sehr viel Liebe zum Detail drin, das sieht und spürt man.
„Ich werde sie in Ehren halten“, verspreche ich der Frau, die mir bestätigt:
„Ich weiß die Puppen bei Ihnen in guten Händen und das freut mich.“
Inzwischen hat auch mein Mann noch etwas gefunden, das er gerne in seinem Besitz haben möchte,- einen kleinen Licher-Bier-Krug mit einem Zinndeckel.

Die kleine Blondine ist noch immer namenlos und ich denke, das wird sie auch noch ein Weilchen bleiben. Sollten wir irgendwann einmal eine Enkeltochter bekommen, dann darf diese den Namen aussuchen. Doch die Puppe mit den Zöpfen ist und bleibt „Klein-Astrid“.
Mittlerweile sitzen die Beiden im Wohnzimmer auf der Couch, die eine Puppe auf der linken Seite und die andere auf der rechten Seite.
„Ich bin gespannt, ob sich demnächst unsere Katze dazu gesellt und dann in der Mitte liegt.“
„Abwarten“, sagt mein Mann und genießt einen Schluck aus seinem neuen alten Bierkrug.

 

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