Kurzgeschichten
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Gedankenverloren

Nachdem wir in unserem Haus treppauf und treppab gerannt sind, alle Taschen und Koffer gepackt und im Kofferraum des Autos verstaut haben, sitzen wir nun endlich im Wagen.

E
igentlich könnte es jetzt losgehen, doch mein Mann macht keinerlei Anstalten den Motor zu starten.
„Jetzt fahr doch endlich!“, sage ich schon etwas leicht genervt. „Oder hast du was vergessen?“
„Ich? Nee!“
„Worauf wartest du denn dann?“, frage ich kopfschüttelnd.
„Ich dachte nur, ich gebe dir noch ein bisschen Zeit zum Nachdenken.“
„Was soll ich denn nachdenken. Irgendwie sprichst du in Rätseln!“
„Naja, hast du alle Fenster zu? Ist die Vorder- und auch die Hintertür abgeschlossen?“, fragt mich mein Mann ab.
„Das schon!“, antworte ich ihm. „Aber weißt du, ob in der Ankleide das Licht aus ist?“
„Als ich mir meine Jacke geholt habe, war es aus. Wenn du allerdings noch einmal drin warst…“
„Ich habe mein Tuch gesucht, das zu meiner Jacke gehört“, überlege ich laut. „Ob das jetzt vor dir oder nach dir war, kann ich nicht sagen.“
„Dann steig einfach noch einmal aus und schau nach, sonst nervst du mich mit dieser Ungewissheit die ganze nächste Woche. Außerdem kannst du gleich noch nachsehen, ob die Katzenklappe auf ist und Lottchen raus und rein kann.“
Was bleibt mir anderes übrig als alles noch einmal zu kontrollieren. Als wir dann jedoch tatsächlich um die Straßenecke biegen, fällt mir beim Blick in den Himmel doch noch etwas ein, an das ich beim Packen nicht gedacht habe.
„Ich habe den Regenschirm vergessen!“
„Wusste ich es doch!“, kommentiert mein Mann. „Soll ich nochmal umdrehen und zurück fahren?“
„Ach lass mal! Vielleicht liegt ja doch einer im Kofferraum oder wir besorgen uns bei Bedarf halt einen neuen“, beschließe ich, weil ich langsam Bedenken habe, gar nicht mehr wegzukommen.
„Wir haben schon eine beachtliche Anzahl von Regenschirmen, die wir irgendwo auf die Schnelle gekauft haben, weil wir keinen dabei hatten“, erklärt mir mein Mann und fährt rechts an den Fahrbahnrand, um anzuhalten und auszusteigen.
„Ein kleiner schwarzer Schirm liegt ganz hinten im Kofferraum“, versichert er mir, nachdem er sich wieder auf den Fahrersitz setzt.
„Glück gehabt!“, kommentiere ich erleichtert.
„Wie man es nimmt!“, äußert sich mein Gatte etwas skeptisch. „Meistens bleibt er dann da auch liegen, auch wenn wir zu Fuß unterwegs sind und es anfängt zu regnen.
„C’est la vie!“, erkläre ich ihm und zucke unschuldig mit den Schultern.
Eine Woche später sind wir wieder zuhause und ich stelle fest, dass der Kühlschrank gähnende Leere aufweist. Also nichts wie ins Auto und ab in den nächsten Supermarkt. Vorher schreibe ich mir allerdings einen Einkaufszettel. In Gedanken gehe ich alle Gänge des Supermarktes durch und muss erkennen, dass auch das Waschpulver zur Neige geht, das Duschgel verbraucht, der Getränkekasten leer ist und auch noch andere Dinge fehlen.
„Wollen wir heute Abend grillen?“ , kommt Peter spontan auf die Idee. „Vielleicht kommt unserer Sohn mit seiner Freundin auch vorbei. Also sollte der Grillvorrat nicht zu knapp und für jeden etwas dabei sein. Bring einfach was Leckeres zum Grillen mit!“
Ich düse also los. Die Handtasche liegt neben mir auf dem Beifahrersitz und der Einkaufskorb ist im Kofferraum verstaut. Ich fahre auf die Ampel zu und verringere meine Geschwindigkeit. In meinem Kopf tauchen einige Bilder aus den vergangenen Tagen auf. Die Strecke kenne ich zur Genüge und so gebe ich mich meinen Gedanken hin. Irgendwie geht jetzt alles ganz automatisch. Ich bremse und bleibe vor der Ampel stehen. Plötzlich schrecke ich auf, denn mein Hintermann hat laut und vernehmlich gehupt. Mein Blick auf die Ampel lässt mich erkennen, dass diese ein grünes Licht zeigt. Ich bemerke, dass ich bei Grün ganz gedankenverloren angehalten habe. Wäre der liebe Fahrer im Auto hinter mir nicht gewesen, hätte ich wahrscheinlich bis zur nächsten Rotphase weiter geträumt und auf das erneute Grün warten müssen, um loszufahren. Deshalb bedanke ich mich auch mit einem freundlichen Winken bei dem netten Verkehrsteilnehmer, der mich so ganz selbstlos aus meiner gedanklichen Abwesenheit geholt hat.
Endlich bin ich im Supermarkt und nehme mir einen Einkaufswagen.
„Verflixt!“, denke ich. „Wo ist denn mein Einkaufszettel?“
Nachdem ich meine Tasche mindestens dreimal durchwühlt und alle möglichen Utensilien gefunden habe, die ich schon seit ewigen Zeiten vermisst habe, muss ich eine sehr ärgerliche Tatsache feststellen: Ich habe meinen Einkaufszettel vergessen. Aller Wahrscheinlichkeit nach, liegt er noch zu Hause auf dem Küchentisch. Ich könnte jetzt natürlich meinen Mann anrufen und mir die Liste aufs Handy schicken lassen.
„Naja ist auch egal!“, tröste ich mich selbst. „Ich weiß sowieso genau was ich brauche. Ich habe alles exakt im Kopf.“
So schiebe ich nun meinen Einkaufswagen durch die Reihen. Ich packe alles Mögliche ein und auch noch viel mehr. Einige Dinge fallen mir ein, die noch in meinen Küchenschränken fehlen. Öl, zum Beispiel und Zwiebeln auch noch. Vielleicht sollte ich auch noch einen Sack Grillkohle einpacken. Wer weiß, ob mein Mann noch genügend davon hat. Inzwischen ist mein Einkaufswagen randvoll.
Ich stehe schon in der Schlange an der Kasse, da fällt mir ein, dass ich das Duschgel vergessen habe. Also schiebe ich den Wagen zur Seite und marschiere strammen Schrittes wieder in die hintere Ecke des Marktes, in der die Drogerieabteilung ist.
Alles hat einmal ein Ende und so geht auch dieser Einkauf zu Ende. Gut gelaunt komme ich daheim an und freue mich schon auf einen gemütlichen Grillabend mit meiner Familie. Mein Peter hilft mir sogar beim Ausräumen des Kofferraums. Noch ein Grund, um mich zu freuen.
„Ach!“, sagt er. „Grillkohle hättest du gar nicht mitbringen brauchen, davon habe ich im Gartenhaus noch genügend stehen.“
„Ein bisschen Vorrat kann nicht schaden!“, gebe ich zurück.
Mein Peter nickt und trägt schon mal die Getränke ins Haus. Aus dem Flur höre ich nur wie er sagt:
„Hauptsache du hast genügend Fleisch und Würstchen zum Grillen mitgebracht!“
Mich trifft fast der Schlag!
„Mach schon mal das Grillfeuer an! Ich bin gleich wieder da!“, rufe ich ihm noch schnell zu und schon starte ich den Motor.

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