Für Kinder, Kurzgeschichten
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So eine Aufregung! (2)

Ich liege also hier in meinem Gefängniskorb und schiele durch die Gitter. Mein Frauchen rennt kreuz und quer durch das Haus. Jetzt steht sie vor mir und zieht ihre Jacke und ihre Schuhe an und ich stelle so meine Überlegungen an.
„Wenn sie ihre Jacke und ihre Schuhe anzieht, dann geht es jetzt nach draußen“, überlege ich mir so. „Spazierengehen scheint allerdings nicht angesagt zu sein, denn sonst würde ich nicht in diesem dummen Korb sitzen.“
Wenn Frauchen einen Spaziergang unternimmt, dann gehe ich auch immer mit. Ich laufe dann ganz einfach hinterher, nur wenn sie die Grenzen meines Reviers überschreitet, dann bleibe ich sitzen und rufe sie. Meistens dreht sie sich dann wieder um und bringt mich nach Hause. Heute allerdings geht sie mit dem Körbchen und seinem wertvollen Inhalt, damit meine ich meine Wenigkeit, direkt zum Auto.
„Oh nein!“, schießt es mir durch den Kopf. „Jetzt ist auch noch Autofahren angesagt. Aber vielleicht überlegt sie es sich ja noch.“
Tut sie nicht. Sie stellt mich auf den Beifahrersitz und schnallt meinen Korb an. Noch bin ich ganz still und harre den Dingen, die da auf mich zukommen.
Frauchen sitzt neben mir und dann höre ich auch schon das Geräusch. Ich spitze meine Ohren.
„Du siehst aus wie eine Eule“, lacht Frauchen. „Das ist nur der Motor, der tut dir nichts.“
„Der vielleicht nicht!“, rufe ich ihr zu. „Aber jetzt steigen wir wieder aus, ja?!“
Nichts da! Frauchen fährt einfach los und ich muss ganz dringend etwas tun, um sie zum Anhalten zu bewegen. Wütend schreien und kratzen hilft nichts, das weiß ich schon. Ich versuche es auf eine andere Tour, nämlich auf die Mitleidstour. Die kommt immer ganz gut an. Also mache ich ganz große Augen und bettele einfach ein bisschen.
„Ist alles gut!“, sagt sie zu mir. „Du brauchst keine Angst zu haben!“
„Ich habe aber Angst. Bitte bleib stehen ich will nach Hause!“, antworte ich ihr, aber sie versteht mich wieder einmal nicht.
Ich jammere lauter und lauter, aber außer ein paar tröstenden Worten ändert sich nichts. Ich kann überhaupt nicht sehen, wo sie entlang fährt und manchmal bleibt sie kurz stehen, um dann gleich wieder weiter zu fahren. Mal fährt sie nach links, mal biegt sie nach rechts ab. Mir ist schon ganz wirr im Kopf.
„Mama!“, rufe ich und strecke meine Pfote durch die Gitterstäbe. Ich will zu ihr.
„Mama, Mama, Mama!“, jammere ich herzerbarmend.
„Ist schon gut! Wir sind gleich da!“, versucht sie mich zu beruhigen und streichelt meine Pfote.
„Bleib doch endlich stehen! Bitte, bitte, bitte!“
Wie laut und wie viel muss ich denn noch jammern, bis sie endlich macht, was ich sage?
„Mama! Mama, bitte!“, jetzt versuche ich es ein bisschen kleinlauter, vielleicht ist das die richtige Tonart.
„Du hörst dich an wie ein kleines Baby, das nach seiner Mama ruft!“, sagt Frauchen lachend.
„Na also, sie versteht mich doch!“, denke ich mir und jammere noch viel intensiver weiter.
„So!“, sagt Frauchen, das Auto hält an und sie steigt aus. Ich verstumme schlagartig.
Frauchen holt mich mitsamt dem Korb aus dem Auto und irgendetwas Seltsames steigt mir sofort in die Nase. Es ist eine Mischung von vielen verschiedenen Gerüchen und je näher wir dem Haus kommen, vor dem das Auto parkt, desto stärker werden diese Gerüche. Ich muss wachsam sein, denn es riecht gefährlich. Ich liege ganz still, kein Laut dringt aus meiner Kehle.
Jetzt betreten wir einen Raum und Frauchen stellt den Korb auf einen Stuhl. Ich halte es fast nicht mehr aus, so intensiv ist der Geruchsmix. Da schiebt sich doch plötzlich eine Hundeschnauze an meinen Korb heran. Mir sträuben sich sofort alle Haare und ich fauche diesen Feind tüchtig an. Hier ist jetzt kein Jammern mehr angesagt, hier muss ich zeigen, dass ich mich wehren kann. Ehrlich gesagt bin ich ein bisschen froh, dass ich hinter den Gitterstäben sitze. Jetzt verschwindet diese Hundeschnauze endlich wieder und gibt mir den Blick frei auf alle diese Wesen, die ihre markanten Düfte aussenden. Dort drüben sitzt ein Pudel, dort ein Kater, hier eine Dogge und da ein Papagei. Und was ist das dort für eine seltsame Maus?
„Ach ist der Hamster aber süß!“, sagt mein Frauchen gerade.
„Zum Fressen süß!“, denke ich mir.
„Wer ist jetzt an der Reihe?“, fragt eine weibliche fremde Stimme nach einer Weile und Frauchen steht auf, schnappt meinen Korb und marschiert der Frau hinterher.
„Interessant hier!“, denke ich mir, da öffnet sie auch schon das Gitter.
Ich rieche neben vielen anderen Gerüchen auch die Freiheit. Leider nur für einen Bruchteil einer Sekunde, denn dann packt mich eine Hand und dreht und wendet mich. Man schaut mein Fell an, schaut mir in den Mund und steckt mir hinten was rein, das ich gar nicht leiden kann.
„Sieht gut aus und die Temperatur ist auch okay!“, höre ich den fachmännischen Bericht.
Im selben Moment pickst mich etwas und gleich darauf befinde ich mich schon wieder im Gefängniskorb. Da ich aber durch die vielen Gerüche so eingeschüchtert bin, fange ich erst gar nicht zu jammern an.
Das tue ich erst wieder, wenn Frauchen mit mir im Auto sitzt und losfährt. Da lasse ich dann den ganzen Katzenjammer raus. Aber tüchtig! Und so schnell fahre ich kein Auto mehr und hierher will ich schon gar nicht mehr.
„Lass mich jetzt endlich aus dem blöden Korb raus!“, schimpfe ich erst einmal mit Frauchen.
Aber als sie wieder mal links und mal rechts fährt und mir schon ganz komisch im Kopf ist, da jammere ich ihr die Ohren erneut voll. Und wie!
„So, armes kleines Lottchen, jetzt hast du es wieder einmal überstanden“, versucht sie mich zu trösten und schaltet den Motor ab. Sie stellt meinen Gefängniskorb auf die Treppe vor unserem Haus und öffnet das Gitter. Zackzack bin ich draußen.
„Jetzt will ich aber eine Belohnung!“, fordere ich Frauchen auf, die mich scheinbar auch verstanden hat, denn sie zaubert Leckerlies hervor.
Ich lasse mich noch ausgiebig von Frauchen streicheln und schmiege mein Köpfchen an sie.
Aber jetzt muss ich mich erst einmal von der ganzen Aufregung erholen. Ich tigere in den Garten und suche mir dort ein schattiges und ruhiges Plätzchen.
„Frauchen ist doch die Beste“, denke ich so und schlafe auch gleich selig ein.

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19 Kommentare

  1. Guten Morgen liebe Astrid, habe schon gewartet auf die Fortsetzung und nun nachdem ich meine Frühstückslektüre gelesen habe, komme ich mal wieder vorbei, schließlich will ich das Lottchen in seiner ganzen Schönheit bewundern. (zwinkern)
    Einen Besuch beim Tierarzt mal aus der Sicht der Katze, eine herrliche Idee und wnderbar erzählt.
    Ich wünsche dir einen schönen Tag, bei uns liegt immer noch Schnee, aber es soll wieder etwas wärmer werden, mal abwarten. Liebe Grüße Lore

    • Astrid Berg sagt

      Hallo liebe Lore,
      schön, dass Dich das Lottchen wieder einmal angelockt hat. Ich weiß ja, dass Du regelmäßig meine Beiträge schon beim Frühstück liest und freue mich sehr über Deinen Kommentar.
      Das mit Lottchens Schönheit sage ich ihr lieber nicht, sonst wird sie noch eine stolze Katze 😉 .
      Unser Schnee ist bereits getaut und wir haben heute 8 Grad (morgen sollen es 11 Grad werden). Ich hoffe also, dass der Frühling mit Riesenschritten naht.
      Ich wünsche Dir einen schönen Dienstag und schicke Dir herzliche Grüße
      Astrid

  2. Liebe Astrid,
    ich möchte dir sagen, du schreibst wunderschöne Geschichten, so wie diese zum Tierarzt. Es könnte wirklich so sein, wie eine Katze denkt. Es hat mir Freude gemacht, diese Geschichte zu lesen und ich bedanke mich. Danke und einen schönen Winter-Frühlingstag wünsche ich dir.
    Herzliche Grüße, Margot.

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Margot,
      es hat mir auch Freude bereitet diese Geschichte zu schreiben. Unser Lottchen verhält sich genauso, wie ich es geschrieben habe. Sie jammert mir immer die Ohren voll, wenn wir zum Tierarzt fahren.
      Bei uns hat heute zwar keine Sonne gescheint, aber die Temperaturen waren tatsächlich frühlingshaft. Morgen soll es sogar 11 Grad werden.
      LG und eine geruhsame Nacht
      Astrid

  3. Nå dachte ich es mir doch, Lottchen muss geimpft werden. Mein Kater, Danny, hab ihn selig, ist so etwas von gerne Auto gefahren. Einen Korb brauchten wir nicht, ich hatte ihn auf dem Schoß und er genoss es, seine Umgebung zu betrachten. Liebe Grüße Eva

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Eva,
      das haben wir auch schon probiert. Unser Sohn hat Lottchen auf dem Schoß festgehalten und ich bin gefahren, aber auch das hat Lottchen nicht behagt. Deshalb fährt sie auch höchstens bis zum Tierarzt mit.
      LG und einen schönen Restabend
      Astrid

  4. Hach ja, die schönsten Geschichten schreibt eben immer noch das Leben. Und aus Sicht eures Lottchens klingt die Geschichte noch lustiger. Zum Glück nur ein Pieks, den sie ertragen musste.
    Johnny findet es im Wartezimmer auch immer ganz spannend und schnüffelt so laut durch den Raum, dass andere Menschen oft lachen müssen. Habe immer nur Angst, dass er mal seine Duftmarke da lassen will und nehme ihn daher ganz kurz an die Leine.
    Liebe Grüße von Kerstin.

    • Astrid Berg sagt

      Hallo liebe Kerstin,
      naja, Hunde scheinen das alles wohl gelassener zu sehen. Und die Sache mit der Duftmarke kommt in einer Tierarztpraxis bestimmt ab und zu mal vor. Den Tieren ist das dann auch nicht peinlich, eher dem Frauchen oder Herrchen 😉
      LG und einen schönen Donnerstagabend
      Astrid

  5. Martina sagt

    So ein Besuch beim Tierarzt ist der reinste Stress für die Tiere – du hast deine Katze hervorragend beobachtet und ihre Gedanken dazu nieder geschrieben! Ganz großartig!! Wie gut, dass sie alles gut überstanden hat – bis zum nächsten Besuch kann sie nun wieder ihre Freiheit genießen!!! 🙂 LG Martina

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Martina,
      die Jammerei ist leider auch manchmal für das Frauchen etwas stressig. Aber es ist eine relativ kurze Wegstrecke, die wir mit dem Auto zurücklegen müssen und somit auch bald überstanden. Beim Tierarzt selbst ist dann ein leiserer Stress angesagt und zwar für Lottchen. Somit sind wir hinterher immer Beide froh, es überstanden zu haben. 🙂
      LG
      Astrid

  6. Liebe Astrid, ich muss mich Martina anschließen. Ich hatte den Katzenjammer buchstäblich vor Augen. Katzen sind doch einfach sehr interessante und eigenwillige Tiere. Am schönsten fand ich die Stelle mit dem Hamster. Ich konnte mir richtig vorstellen, wie in der Katze das kleine Raubtier hochkam und sie genüsslich über die Schnauze leckte. Mich fasziniert diese unbedingte Aufmerksamkeit und Wachsamkeit, die Katzen entwickeln können. Sehr schöne Geschichte!! LG Tanja

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Tanja,
      unsere Katze vollführt aber auch immer ein Theater, wenn sie mit im Auto fahren soll. Es ist einfach nur herzerbarmend.
      LG
      Astrid

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Bärbel,
      ich freue mich, dass es jetzt wieder klappt.
      Unser Lottchen ist beim Autofahren ein richtiger Jammerlappen 🙂
      LG
      Astrid

  7. Oweh, die Arme! Meine beiden Miezen mögen auch ganz und gar nicht gern im Katzenkorb sitzen und schon gar nicht Auto fahren… Da wird evenfalls LAUUUUUT gejammert…
    Süße Fotos sind das!
    Alles Liebe nochmal, Traude

    • Astrid Berg sagt

      So verschieden wie die Menschen sind, so verschieden sind auch die Tiere. Ich habe auch schon von Katzenbesitzern gehört, dass ihre Lieblinge gerne mit im Auto fahren. Unsere Katze jedoch ist dann die ganze Zeit nur am Jammern. Wie ein kleines Kind 🙂
      LG
      Astrid

  8. Fiona Limar sagt

    Liebe Astrid,
    diese Katzengeschichten sind einfach bezaubernd! Deine Katze ist ja eine ganz Liebe, meine Kitty (auch ein grauer Tiger) reagiert wesentlich aggressiver auf Tierarztbesuche. Die riecht den Braten schon, wenn sie den Transportkorb sieht. Dann scheint sie plötzlich zehn Beine zu haben und es ist schier unmöglich, die alle in den Korb zu stopfen.
    Liebe Grüße Fiona

    • Astrid Berg sagt

      Hallo liebe Fiona,
      unser Lottchen ist tatsächlich eine ganz Liebe. Uns gegenüber ist sie niemals aggressiv oder böse. Sie kratzt uns auch nicht, selbst beim Spielen ist sie sehr vorsichtig. Wir haben wirklich eine tolle Katze, die wir sehr liebgewinnen haben und auch nicht mehr missen wollen. Das hätte ich niemals gedacht, denn ich bin erst durch sie zum Katzenfan geworden. Auch bei allen Nachbarn ist sie sehr beliebt und holt sich immer Streicheleinheiten und Leckerlies ab.
      LG
      Astrid

  9. tyyyyypisch kann ich dazu nur sagen, so sind meine auch, erst großer furchtloser frecher Kater und kaum im Korb und vor allem im Auto wird losgeplärrt wie ein klitzekleins Baby, das haben sie drauf. ich kenne keine die gerne Auto fährt während es steht, gehts ja noch aber wehe du legst dich mit den reifen in die Kurve.
    ich hab sehr während deiner geschilderten Erzählung die wieder wunderbar geschrieben ist .- gelacht, ja durch sie wird man tatsächlich FAN, selbst Hundebesitzer können sich ihrem unwiderstehlichen Charme nicht entziehen wenn sie denn hingucken und eine Katze und ihr Verhalten ausgiebig ernst beobachten.!
    ne „Impfung“ – es gibt Keine Übersetzung dies der Katze glaubhaft zu infiltrieren dass sie dabei nicht geschlachtet wird, :))
    danke für die wunderbare Erzählung über dein Lottchen…
    herzlichst Angelface…

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