Kurzgeschichten
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Familienzuwachs

Lottchen erzählt:

„Es ist jetzt genau sechs Jahre und ein paar Monate her. Damals war ich noch ein kleines Baby, genauer gesagt, meine Mama hatte mich und eine Handvoll weiterer Geschwister geboren. Bei Mama war es schön warm und weich. Sie gab uns allen Milch zu trinken und wir wuchsen und wuchsen. Bald schon durften wir das Körbchen verlassen, umherstreifen und die Welt erkunden…“

So oder ähnlich würde der Bericht unseres kleinsten und jüngsten Familienmitgliedes beginnen. Die Rede ist hierbei von unserem lieben Lottchen, einem Kätzchen. Lottchen trat ganz unverhofft in unser Leben, zumindest für meinen Mann und mich:
Es war ein schöner Sommertag, als unser Sohn von den Katzenkindern im Hause einer Freundin berichtete:
„Die sind so niedlich! Eines von den Kätzchen läuft mir immer nach“, begann er. Noch schwante mir nicht im geringsten, was jetzt kommen würde.
„Sie sollen heute verschenkt und abgeholt werden“, erzählte er weiter. Ich war nicht gerade ein Katzenfan und so interessierte mich das Ganze nicht besonders, was sich allerdings schlagartig änderte.
„Ich würde dieses eine Kätzchen gerne nehmen!“
„Wie? Hier zu uns? Nein!“ Damals wohnte unser Sohn noch bei uns und so war er notgedrungen auf unsere Erlaubnis angewiesen.
Genau in diesem Moment klingelte es an der Haustür. Ahnungslos öffnete ich, um festzustellen, dass die besagte Freundin mit einem Katzenbaby im Arm davor stand.
„Hallo“, sagte sie, „ich bringe Timo das Kätzchen vorbei.“
Süß war es, das gestand ich mir damals insgeheim ein, aber ich hatte „nein“ gesagt und dabei wollte ich bleiben. Wir setzen uns in die Küche, streichelten abwechselnd das Katzenbaby und eine lebhafte Diskussion entfachte. Vor ein paar Wochen erst war unser Meerschweinchen gestorben, das unser letztes Haustier sein sollte (wir hatten insgesamt 2 Zwergkanninchen und 2 Meerschweinchen gehabt). Endlich brauchten wir niemand mehr aus der Nachbarschaft oder dem Freundeskreis zu bemühen, um die Pflege zu übernehmen, wenn wir im Urlaub waren.
„Du machst demnächst dein Abitur, ziehst in eine andere Stadt und wir haben dann die Katze.“
Versprechungen wurden gemacht, Bitten gestellt, Überlegungen angestellt und Beschlüsse wurden gefasst. Kurz und gut: Das Kätzchen durfte bleiben. Ich kann nur betonen, dass bei allem anfänglichen Widerstand meinerseits die Katze zu diesem Zeitpunkt bereits ein Eckchen meines Herzens erobert hatte und sie sollte sich den Rest auch noch „erschleichen“. Und zwar relativ schnell.
Eine Bedingung knüpfte ich allerdings an die Aufnahme des neuen Familienmitgliedes: Eine Katzenklappe und ein Raum, wo sie nachts schlafen sollte. Damals ging ich naiverweise noch davon aus, dass das Kätzchen auch nur diesen Bereich unseres Hauses bewohnen würde. Doch wie jeder weiß, schleichen Katzen überall hin und erobern sich alles, auch unsere Herzen, was ihnen wiederum Tür und Tor öffnet. Wir beschlossen also ihr den Hausanschlussraum mit angrenzendem und großzügigem Kellerersatzbereich zuzuweisen. Hier steht noch heute ihr Körbchen und ihre Katzentoilette und hier schläft sie. Ansonsten hatten mein Mann und Timo gleich am nächsten Tag einen kleinen Wanddurchbruch nach außen gemacht und eine Katzenklappe eingesetzt, damit unser aller Liebling seither kommen und gehen kann, wann immer er will. Nur nachts wird diese verschlossen und Lottchen schläft friedlich mal in ihrem Körbchen und mal oben auf der Heizung.

An dieser Stelle habe ich eigentlich genug berichtet und möchte sozusagen das Wort an unser Kätzchen übergeben und aus ihrer Sicht weiter erzählen:

„Ich hatte jetzt also eine neue Familie und die meinte, ich müsste unbedingt einen Namen besitzen. Sie nannten mich: Lottchen. Sie sagten der Name komme von einer Lotta aus einem Buch von Astrid Lindgren, aber ich kenne die nicht. Ist mir auch egal. Ich habe jetzt ein Frauchen Astrid, das mir immer Milch gibt, ein Herrchen Peter, der es gar nicht mag, wenn ich Mäuse fange und mein Lieblingsherrchen Timo.
Zuerst einmal musste ich ein paar Tage im Haus bleiben, das aber groß war, außerdem musste ich ja auch alles erkunden. Dann gab es den ersten Freigang im Garten. Ein bisschen Angst hatte ich schon, denn diesen Garten kannte ich nicht und es war keine Katzenmama da und meine Geschwister auch nicht, aber es gab fürchterlich viel zu sehen und zu riechen. Mein Herrchen Timo passte auf, dass ich mich nicht in dem Garten verirrte und brachte mich auch wieder ins Haus.
‚Wir sollten unser Lottchen kastrieren lassen!‘, beschloss mein Frauchen, packte mich in einen Korb und stellte ihn ins Auto. Mir gefiel die Fahrt überhaupt nicht, es schaukelte, ich konnte nicht sehen wohin wir fuhren und ich wusste nicht was jetzt passieren würde. Also jammerte ich und rief ‚Mama, Mama!‘. Mein Frauchen redete auch die ganze Zeit mit mir und wollte mich beruhigen, aber die Angst blieb. (Bis heute hasse ich übrigens das Autofahren.) Im Wartezimmer waren viele verschiedene Gerüche und ich war froh in meinem Korb bleiben zu dürfen. Dann holte mich aber doch jemand heraus, es pikste, ich schlief ein, träumte vom Mäusefangen und als ich wieder aufwachte war es mir ganz seltsam zumute. Ich hatte plötzlich an einer Stelle kein Fell mehr und fühlte mich ganz wackelig und meine Beine hatten keine Kraft mehr zum Laufen.“
„Es sieht aus, als hätte sie ein Batteriefach“, behauptete mein Mann. Die Tierärztin hatte uns erklärt, dass wir aufpassen müssten, dass Lottchen sich nicht an dieser Stelle kratzt und verletzt.
„Am besten ist es“, meinte sie zu uns, „wenn sie ihr den kleinsten Babybody oder Strampler anziehen, den es gibt.“
Gesagt, getan! Ich besorgte die entsprechende Babybekleidung und mein Mann erhielt die ehrenvolle Aufgabe ihr dieses Teil anzuziehen. Wer schon einmal versucht hat einer Katze so ein Ding überzustülpen, der weiß wovon ich rede. Nach mehrmaligen vergeblichen Versuchen war es endlich soweit, allerdings nur für einen Bruchteil von einer Sekunde. In null Komma nichts war unser Lottchen durch den Ausschnitt des Bodys entwischt und signalisierte uns ihre Unlust diese Anziehprozedur nochmals zu wiederholen.
„Ist doch alles Quatsch! Außerdem ist das Ding eh’ meilenweit zu groß!“, beendete mein Mann dieses Drama, doch das nächste folgte bereits auf dem Fuße, wie man so schön sagt.
Lottchen wollte nicht länger in der Wohnung eingesperrt sein, denn sie fühlte sich wieder gesund. Da aber beim Freigang die Gefahr einer Verletzung bestand, riet uns die Ärztin:
„Nehmen Sie ihr Kätzchen erst einmal an die Leine!“
Das mögen ja vielleicht andere Katzen machen, aber unser Lottchen hatte da eine eigene Vorstellung vom Spazieren gehen. Gefallen ließ sie sich das Umlegen der Leine gerade noch so. Aber als sich die Haustür öffnete, sie einen Schritt über die Schwelle trat, den Duft der großen weiten Welt in die Nase bekam, da machte sie einen Salto die zwei Stufen hinunter und hast du nicht gesehen, war sie schon raus aus der Leine.
„Das war es dann wohl!“, kommentierten meine beiden Männern die Geschichte.
„Lasst sie doch einfach laufen, es wird schon nichts passieren!“, meinte Timo und er sollte Recht behalten.
„Meine Wunde ist verheilt“, schien sich Lottchen dann auch einige Tage später zu überlegen.
„Jetzt kann ich schon wieder überall herumklettern. Dort drüben zum Beispiel auf dem Garagendach des Nachbarn war ich noch nie. Ich klettere mal auf den Baum und dann springe ich rüber!“
So einfach wie unser Lottchen auf das Garagendach gekommen war, kam sie jedoch nicht mehr herunter. Nachdem sie mehrere Runden am Rande des Daches entlang spaziert war und kläglich um Hilfe gerufen hatte, erbarmte sich der Nachbar ihrer. Unter Zuhilfenahme einer Leiter befreite er Klein – Lottchen aus der misslichen Lage, denn sie hatte sich offensichtlich zuviel zugemutet.
Überhaupt wurde sie sofort der Liebling aller Nachbarn.
„Wenn ihr mich so gerne habt, dann müsst ihr mir auch etwas geben!“, schien und scheint sie zu denken. Bis zum heutigen Tag (und daran wird sich auch in Zukunft nichts ändern) gibt ihr jeder bereitwillig Leckerlies oder Milch.
Sind wir im Urlaub, so sitzt sie abends brav vor Nachbars Türe und wartet darauf, dass ihr Ersatzfrauchen sie in ihr „Katzenzimmer“ (Hausanschlussraum) in unserem Haus bringt und am Morgen wieder rauslässt. Kommen wir dann wieder zurück, läuft sie erst einmal beleidigt und hoch erhobenen Hauptes an uns vorbei.
„Ihr wart immerhin weg und irgendwie müsst ihr dafür auch bestraft werden“, scheint sie sich zu sagen. Aber dann kommt sie auch sogleich wieder freudig erzählend und möchte gestreichelt werden. Manchmal wartet sie in einer Ecke draußen und wenn sie unser Auto hört, kommt sie sofort angelaufen.
Es ist schön, wie anhänglich Tiere sind. Und ehrlich gesagt, können wir uns gar nicht mehr vorstellen wie es ohne unser Lottchen wäre. Ich hätte nie gedacht, dass ein Kätzchen so viel geben kann. Sie ist zum richtigen Familienmitglied geworden und aus meiner jetzigen Sicht kann ich es nicht mehr verstehen, warum ich damals zuerst „nein“ gesagt habe. Ich hätte echt etwas verpasst!!!
Wie alle Katzenbesitzer, denke auch ich, dass unser Lottchen etwas ganz Besonderes ist.
Das ist sie aber auch!

„Miau!“

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Fortsetzung folgt…

(Nebenbei bemerkt: Meine Geschichte „Familienzuwachs“ ist seit 6.2.15 auch unter www.tiergeschichten.de zu finden)

4 Kommentare

  1. Hallo liebe Astrid,
    erst einmal möchte ich mich für die lieben Kommentare (über das Kontaktformular) bei mir bedanken.
    Ich habe mir heute mal Zeit genommen und ein bisschen auf Deiner Seite gestöbert und musste das eine oder andere mal schmunzeln. Das sind ja wunderbare Geschichten!!
    Ich bin bei der Geschichte von Lottchen hängen geblieben. Fast genau wie bei unserem Kater Felix. Wie sie sich doch gleichen… die kleinen Fellnasen 🙂
    Eine schöne Geschichte….

    ♥liche Grüße
    Biggi

  2. Astrid Berg sagt

    Diesen Kommentar hat mir E. Nebel auf meine E-mail geschickt:

    Liebe Astrid,

    vielen Dank für den Kommentar auf http://www.tiergeschichten.de. Ich hab die Dreibein-Story in meiner Anmerkung darunter verlinkt, damit die Leser sie auch finden.

    Habe mich auf Ihrer Seite umgesehen und viel Interessantes und Amüsantes gefunden. Die Story vom Familienzuwachs würde sicher auch den Leserinnen und Lesern von Tiergeschichten.de gefallen. Dürfte ich sie vielleicht in Wort und Bild übernehmen? Natürlich mit korrekter Quellenangabe und Verlinkung zu http://lifetellsstories.de

    Wenn Sie das nicht möchten, bin ich auch nicht beleidigt. Aber Fragen kostet ja nix. 🙂

    Schon jetzt herzlichen Dank!

    Mit freundlichen Grüßen
    Edith Nebel

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