Erdachtes & Erzähltes, Kurzgeschichten

Oma Lena und ihre Schatztruhe

Magdalena sitzt in ihrem Lieblingssessel, die Hände im Schoß gefaltet und die Augen geschlossen. Ihr faltiges Gesicht zeugt von einem gelebten Leben, aber auch von einer inneren Zufriedenheit. Sie hält ein kleines Mittagsschläfchen, was ihr in ihrem hohen Alter von Herzen gegönnt sei. In wenigen Wochen wird sich ihr Geburtstag zum 103. mal jähren. 

Sie war in den Wirren des Ersten Weltkrieges geboren und hatte ihre Eltern gleich zu Beginn des zweiten Weltkriegs verloren. Drei Jahre später fand sie ihr großes Glück, doch auch Edgar musste sie vor mehr als einem Jahrzehnt zu Grabe tragen. Mit ihm war sie in inniger Liebe verbunden. Drei Kindern schenkte sie das Leben, einem Jungen und zwei Mädchen. 
„Ich bin schon eine ganz schön alte Schachtel“, pflegt sie zu sagen, wenn man sie auf ihr Alter anspricht. Ihre Stimme klingt kein bisschen zittrig, sondern fest und klar wie bei einer Achtzigjährigen. Inzwischen ist sie allerdings schon mehrfache Oma und stolze Urgroßmutter von einem Zwillingspärchen. Alle nennen sie einfach nur „Oma Lena“ und lieben sie abgöttisch.
Während des zweiten Weltkrieges fand sie nicht nur ihren Edgar, sondern mit ihm auch noch eine liebe Freundin. Luisa war die Schwester ihres Mannes  und damit ihre Schwägerin, aber vor allen Dingen ihre beste Freundin. Einige Jahre durften sie miteinander verbringen, dann heiratete diese und zog in eine andere Stadt, weit weg von Magdalena. Beide hielten den Kontakt durch Briefe, doch eines Tages erhielt Magdalena eine traurigen Nachricht von Luisas Mann. Sie war bei der Geburt ihres ersten Kindes verstorben. Da Luisas Gatte die Briefe von Magdalena fein säuberlich in einem Kästchen gefunden hatte, ließ er diese seiner Schreiberin wieder zukommen. Diese bewahrte sie bis zum heutigen Tag auf. Und noch mehr: Magdalena hatte nie aufgehört Luisa zu schreiben und von ihrem Leben zu berichten. Es gab Zeiten, da schrieb sie jeden Tag, dann Monate keine einzige Zeile, um dann wieder einen langen und ausführlichen Bericht folgen zu lassen. Erst mit 95 Jahren, als ihre Hände zittriger wurden und die Augen müder, beendete Magdalena ihre Schreiben an ihre liebe längst verstorbene Freundin. Magdalena hatte alle Briefe eines Jahres fein säuberlich mit einem farbigen Band gebündelt und ein Zettelchen mit der Jahreszahl angeheftet. Die Stapel wurden mit der Zeit kleiner und zum Schluss waren es nur noch zwei oder drei Briefe pro Jahr. Danach begann sie die unzähligen Briefe zu lesen oder später dann sich vorlesen zu lassen,- bis heute. 
Mit diesen Briefen zieht ihr ganzes Leben wieder an ihr vorbei, sie durchlebt alle Höhen und Tiefen, jede Freude, aber auch jeden Kummer noch einmal. Sorgsam aufbewahrt hütet sie diese Briefe wie einen kostbaren Schatz in einer kleinen Schatztruhe.
Auch heute darf eine kleine Lesestunde nicht fehlen. 
„Bitte Klara“, fordert sie ihre Urenkelin auf, „lies mir ein bisschen vor.“
Klara, die bereits in die dritte Klasse geht, nimmt einen Stapel aus der Truhe und öffnet die lila Schleife mit deren Band das Bündel zusammengehalten ist.  Das kleine Zettelchen mit der Jahreszahl trägt die Aufschrift „1993“.
„Da haben mein Edgar und ich goldene Hochzeit gefeiert“, erinnert sie sich und ein Strahlen erhellt ihr Gesicht. 
„Lies nur, mein Kind! Es wird dir gefallen!“, ermutigt Oma Lena ihre Urenkeltochter Klara.

„Meine liebe Luisa,

lange habe ich keinen Brief mehr an Dich geschrieben, weiß ich doch, dass Du von dort, wo Du bist, über mich und meine Familie wachst. Die Ereignisse besonders der letzten Tage möchte ich aber unbedingt mit Dir teilen. Du wirst Dich sicher sehr darüber freuen.
Edgar und ich sind nun schon seit 50 Jahren glücklich verheiratet. Dachte ich doch damals kurz nach der Hochzeit, dass unsere Ehe unter einem schlechten Stern stehen würde. Du erinnerst Dich, ich habe ein paar Wochen nach unserer Vermählung bei Gartenarbeiten meinen Ehering verloren. Alle haben wir gebuddelt und gesucht, aber der Ehering blieb spurlos verschwunden. 
Edgar hat sich das Geld vom Mund abgespart und mir dann zu unserem zweiten Hochzeitstag einen neuen Ring gekauft, den ich noch heute mit Stolz an meinem rechten Ringfinger trage.
Doch stell Dir vor, was am Tag unserer Goldenen Hochzeit passiert ist: 
Die Schwiegertochter meines Sohnes, Du weißt er lebt mit seiner Familie in unserem Haus, hat die Gartenarbeit als ihr Hobby auserkoren. Anna, so heißt sie, brauchte ein paar Karotten, denn sie wollte die Platten mit dem Schnittchen besonders schön dekorieren, also ging sie in den Garten. Edgar und ich saßen gerade auf unserem gemütlichen Balkon, als ein Schrei aus dem Garten kam. Und gleich darauf hörten wir jemand die Treppe zu unserer Wohnung hinauf  spurten. Sekunden später klopfte es heftig an unsere Wohnungstür. Als wir öffneten stand  Anna davor und hielt uns eine Karotte hin. 
„Schaut nur!“ rief sie aus und deutete auf  eine Stelle an der Karotte, die seltsam verdickt schien.
Nun, die Karotte war kein besonderes Prachtexemplar, aber sie versetzte uns in ein Staunen, das zunächst seinen Ausdruck in Sprachlosigkeit fand und dann in Tränen  endete. Nein, es waren keine Tränen der Trauer, es waren Tränen der Freude. 
Vielleicht ahnst Du schon, was ich Dir erzählen möchte: 
Eingewachsen in die Karotte, glitzerte mein Ehering und strahlte uns entgegen. Naja, so sehr gestrahlt hat er zunächst nicht, aber Edgar brachte ihn noch am selben Morgen zum Juwelier und hat ihn tüchtig polieren lassen. Und am Nachmittag im Gottesdienst zu Ehren unserer Goldenen Hochzeit hat er ihn mir an den Ringfinger meiner linken Hand gesteckt.
Ist das nicht schön?!!! Ich bin überglücklich und könnte die ganze Welt umarmen, doch besonders meinen Edgar.“
Wärst Du jetzt bei mir, so würde ich auch Dich fest in die Arme schließen.

Deine stets in tiefer Zuneigung verbundene Freundin

Magdalena

Als Klara von dem Brief aufblickt, sieht sie wie ihrer Oma ein paar Tränen über das Gesicht kullern.
„Du weinst ja“, sagt sie erschrocken. „Das war doch sooo eine schöne Geschichte!“
„Das ist keine Geschichte,- das ist mein Leben. Und die Tränen sind Freudentränen, aber auch Tränen der Trauer um meinen geliebte Edgar und meine beste Freundin Luisa.“
„Soll ich Dir etwas bringen?“, fragt Klara, die möchte, dass Oma Lena wieder strahlt.
„Ja! Gib mir bitte das letzte Bündel Briefe.“
„Es ist nur noch ein Einziger da!“, erwidert Klara und hält ihn hoch.
„Gib mir bitte diesen Brief und dann kannst du mich ruhig alleine lassen und spielen gehen. Ich lese den letzten Brief selbst. Bestimmt warten deine Spielkameraden schon auf dich.“
Als Anna eine Stunde später das Abendessen nach oben bringt, findet sie Oma Lena in ihrem Lehnsessel und den letzten Brief in der Hand haltend. 
Bevor sie friedlich für immer eingeschlafen ist, hat sie mit zittriger Schrift noch einen letzten Satz unter die Zeilen des Briefes geschrieben:

Luisa und Edgar waren meine Schutzengel, nun folge ich ihnen und wir wachen gemeinsam über Euch, meine geliebte Familie.

In Liebe 

Oma Lena

 

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12 Kommentare

  1. au, au – liebe Astrid, musst du mich schon am frühen Morgen zum heulen bringen?!!!!
    ein Gänsehaut/Brief ist dieser wunder – wunderschöne POST, der wie mit einer Engelspost durch das www- geflogen kommt!
    Zutiefst das Herz und die Seele berührend der Inhalt dieser Geschichte die keine Geschichte der allzu üblichen sondern eine –
    eine – eine ganz Besondere ist, die ich tief wieder in meinem herz verschließe um sie dann zu öffnen, wenn mir danach zu Mute ist.
    Letztendlich siehst du mich wieder lächeln weil sie so zu Ende gegangen ist, friedlicher Abschied vom Leben.
    herzlichst Angelface

    • Astrid Berg sagt

      Oh danke, liebe Angelface! Ich freue mich sehr über Deine lieben Worte.
      Sei herzlich gegrüßt
      Astrid

  2. Das sind wundervolle Zeilen, die Lena, bevor sie aus dem Leben scheidet, hinterließ. Sie hat immer an ihre Schutzengel geglaubt und ist nun selbst einer geworden. Für die Hinterbliebenen ist das sicher ein schöner Trost.
    Eine schöne, aber auch traurige Geschichte, liebe Astrid.

    Liebe Grüße
    Trudi

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Traudi,
      ich freue mich, dass Dir meine Geschichten gefallen, auch wenn es dieses Mal eine erfundene ist und obendrein noch traurig.
      Komm gut durch die restliche Woche und sei herzlich gegrüßt
      Astrid

  3. Hallo liebe Astrid,
    ich muss erst einmal tief durchatmen…. das hat mich sehr berührt. Wunderbare Worte hat sie für Klara hinterlassen.
    So hat es meine Mutter auch gemacht, sie hat einmal die Woche all ihre Gedanken aufgeschrieben und aufbewahrt. Ich habe ihre handgeschriebenen Zettel aufgehoben und werde sie in Ehren halten.

    Einen schönen Mittwoch wünsche ich Dir…
    Liebe Grüße
    Biggi

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Biggi,
      das ist ja ein wahrer Schatz, den Dir Deine Mutter da hinterlassen hat. Ihre Gedanken aufzuschreiben und auch noch handschriftlich ist ein Vermächtnis, das nicht persönlicher sein kann. Ich denke, dass es machmal froh, aber auch manchmal traurig stimmt, wenn man diese Worte liest, denn im Leben passieren ja nicht immer nur schöne Dinge. Aber diese Aufzeichnungen lassen Deine Mutter immer bei Dir sein und auch für Deine Kinder und Enkel wird sie dadurch unvergesslich bleiben.
      Ich schicke Dir liebe Grüße und wünsche Dir eine schöne restliche Woche.
      Astrid

  4. Hallo liebe Astrid,
    ich muss erst einmal durchatmen… das hat mich sehr berührt. Ein paar schöne Erinnerungen für Klara.
    So hat es meine Mutter auch gemacht, sie hat einmal die Woche ihre Gedanken aufgeschrieben. Ich habe alle ihre Zettel aufgehoben und werde sie in Ehren halten.

    Einen schönen Mittwoch wünsche ich Dir…
    Liebe Grüße
    Biggi

    • Astrid Berg sagt

      Seltsam, aber Dein Kommentar kam zweimal an. Naja die Technik, will manchmal anders als man selbst 😉
      LG
      Astrid

  5. Jetzt muss ich weinen. So ein rührendes Ende. Aber die Geschichte mit der Karotte ist wirklich mal passiert. Habe ich vor vielen Jahren in der Zeitung gelesen. Kennst du die Geschichte und sie hat dich inspiriert zum Schreiben?
    Liebe Grüße von Kerstin.

    • Astrid Berg sagt

      Du hast mich ertappt, liebe Kerstin. Ich habe einen kurzen Zeitungsartikel über einen eingewachsenen Ring in einer Karotte gelesen. Ich weiß nicht mehr wo und wann diese Karotte gefunden wurde, aber mich hat dieses Ereignis tatsächlich inspiriert eine Geschichte drumherum zu spinnen. 🙂
      Ich wünsche Dir eine gute Nacht
      Astrid

  6. Liebe Astrid,
    du hast es auch bei mir geschafft, mich zu tränen zu rühren (und ich habe bei den anderen „Kommentatorinnen“ gelesen, dass es ihnen ähnlich ergangen ist). Eine wirklich schöne Geschichte. Und irgendwie hatte ich die ganze Zeit über das Gefühl, du kennst oder kanntest jemanden wie Oma Lena – ist das so?
    Herzliche Rostrosengrüße, Traude
    https://rostrose.blogspot.com/2018/09/das-war-ein-maxisommer.html
    ♥ Ƹ̵̡Ӝ̵̨̄Ʒ ♥ ✿♥ Ƹ̵̡Ӝ̵̨̄Ʒ ♥ ✿♥ Ƹ̵̡Ӝ̵̨̄Ʒ ♥ ✿♥ Ƹ̵̡Ӝ̵̨̄Ʒ ♥ ✿♥ Ƹ̵̡Ӝ̵̨̄Ʒ ♥ ✿♥ Ƹ̵̡Ӝ̵̨̄Ʒ ♥ ✿♥ Ƹ̵̡Ӝ̵̨̄Ʒ ♥

    • Astrid Berg sagt

      Leider kenne ich weder Oma Lena, noch kenne ich jemanden wie Oma Lena. Sie ist eine Person meiner Fantasie. Meine Oma väterlicherseits verstarb als ich gerade einmal 2 Jahre war und meine Oma mütterlicherseits habe ich nie gekannt. Sie starb schon vor meiner Geburt. Ja, vielleicht habe ich mir so eine Oma immer gewünscht und mein Unterbewusstsein hat mir diese erfundene Geschichte souffliert ;-). Einzig der eingewachsene Ring in einer Karotte ist Tatsache, denn darüber habe ich vor einiger Zeit wo auch immer gelesen und eine Geschichte dazu erfunden. Also: Keine Ähnlichkeit mit lebenden oder verstorbenen Personen :-).
      LG
      Astrid

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