Erdachtes & Erzähltes, Für Kinder, Kurzgeschichten, Professor Konfusi-Geschichten
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Igitt! Muss das sein?

Im Vorgarten der Villa, in der auch Professor Konfusi mit seiner Frau wohnt, steht ein Vogelhäuschen. Oma Schmidt aus dem Erdgeschoss schüttet gerade eine Handvoll Sonnenblumenkerne hinein und befestigt einen neuen Meisenknödel.
„So“, sagt sie zufrieden. „Jetzt können sie alle wieder kommen. Es ist genügend für alle Vögelchen da!“
Sie wirft einen Blick nach oben zu den Fenstern im dritten Stock. Dort oben hämmert und rumort es schon seit Wochen. Die Handwerker bauen die Dachgeschosswohnung aus und um. Aber in ein paar Tagen sind sie endlich fertig. Und neue Mieter gibt es auch schon. Ein junges und unverheiratetes Pärchen soll angeblich einziehen.
„Naja, so etwas gab es früher bei uns nicht. Aber die Zeiten haben sich geändert und manches ist einfach anders als früher“, denkt die alte Dame.
Oma Schmidt schlurft über den Hof. Alles geht nicht mehr so schnell wie früher und die Beine, besser gesagt die Knie tun ihr bei jedem Schritt weh. Deshalb hebt sie die Füße auch nicht mehr so richtig.
Schon als sie wieder das Treppenhaus betritt, merkt sie, dass irgendetwas an ihrer Schuhsohle klebt. „Igitt!“, denkt sie und versucht es am Fußabstreicher abzustreifen, aber es gelingt ihr nicht. Nachsehen kann sie auch nicht, denn dafür muss sie sich hinsetzen und die Schuhe erst ausziehen.
Als sie dann in ihrem Wohnungsflur auf dem Stuhl sitzt, den sie extra dort stehen hat, um die Schuhe an- und ausziehen zu können, entdeckt sie die eklige Angelegenheit an ihrer Schuhsohle. Nein, dieses Zeug, in das sie jetzt schon zum dritten Mal innerhalb einer Woche getreten ist, stinkt nicht. Aber es zieht sich in die Länge und klebt dermaßen fest, dass es eine Kunst ist, es von der Schuhsohle wieder zu entfernen.
„Ach“, sagt Frau Konfusi, die gerade für Oma Schmidt einen kleinen Topf mit dampfender Erbsensuppe bringt. „Das ist mir letzte Woche auch zweimal passiert. Die Dinger liegen hier in unserem Hof und auf dem Bürgersteig direkt vor unserem Haus anscheinend massenhaft herum.“
„Ihr Mann, der Herr Professor, sollte unbedingt mal mit Marco sprechen“, fordert Oma Schmidt. „Ich habe den Jungen in Verdacht, dass er überall seine Kaugummis einfach nur in die Gegend spuckt. Und Unsereins sieht nicht mehr so gut und tritt dann hinein. Das muss man den Kindern unbedingt erklären, dass das so nicht geht. Das ist einfach nur ekelig und muss wahrhaftig nicht sein. Früher gab es das nicht.“
Frau Konfusi verspricht Oma Schmidt, dass sie ihrem Mann diese Bitte ausrichtet. 
„Mein Mann versteht sich prima mit dem Jungen und er hält große Stücke auf ihn. Er betont immer wieder, dass Marco ein feiner Kerl ist, der genau weiß, was sich gehört. Deshalb kann ich mir gar nicht vorstellen, dass der Junge so rücksichtslos ist und seine Kaugummis einfach auf den Weg spuckt. Aber ich werde es meinem Mann ausrichten, dass Sie diesen Verdacht hegen.“
„Irgendwie müssen die Dinger ja wohl bei uns auf den Weg kommen, vom Himmel fallen sie ja nicht“, sagt Oma Schmidt leicht verärgert. Doch dann löffelt sie ihre Suppe und hat das leidige Thema auch sogleich vergessen.
Der Zufall will es, dass Marco schon am nächsten Tag an der Wohnungstür von Professor Konfusi und dessen Frau klingelt.
„Herr Professor“, beginnt er etwas schüchtern. „Wir haben da in der Schule ein so komisches Aufsatzthema bekommen, mit dem ich nichts anfangen kann. Vielleicht könnten sie mir da einen Tipp geben.“
„Ich bin zwar nicht Allwissend, aber vielleicht kann ich dir doch ein bisschen helfen. Aber erzählen musst du mir schon, worum es eigentlich geht und wie dein Aufsatzthema heißt“, ermuntert der ältere Mann den Jungen.
„Unsere Lehrerin hat nur ein einziges Wort an die Tafel geschrieben und wir sollen was aus dem täglichen Leben dazu schreiben.“
„Und wie lautet dieses Wort? Ich bin schließlich kein Gedankenleser“, zieht Professor dem Jungen sozusagen die Würmer aus der Nase.
Ärgernis!“, sagt Marco und zuckt mit den Schultern. „Da fällt mir nur ein, dass ich mich jeden Morgen ärgere, dass ich so früh aufstehen muss, um rechtzeitig in der Schule zu sein. Aber das will mein Banknachbar schon schreiben. Tina schreibt, dass sie sich ärgert, weil sie nicht so lange fernsehen darf und Tom erzählt von einem total verregneten Urlaub. Mir fällt aber rein gar nichts ein“, sprudelt es jetzt aus Marco heraus.
„Na, das ist ja wohl auch schon ein Ärgernis!“, lacht Professor Konfusi. „Wenn auch ein ziemlich langweiliges.“
„Sehen Sie“, bestätigt Marco, „mir fallen nur solche langweiligen Kinkerlitzchen ein. Aber wenn ich eine gute Note haben will, dann muss es schon etwas Besonderes sein. Immerhin war mein letzter Aufsatz nicht so berühmt. Ich brauche also was zum Ausgleich.“
Marco sieht den Professor flehend an. Dieser kratzt sich nachdenklich am Kopf und fragt den Jungen:
„Sag mal Marco, möchtest du einen Kaugummi?“
„Wieso?“, antwortet Marco völlig verdutzt mit einer Gegenfrage und fügt dann kopfschüttelnd hinzu: „Ich trage doch eine Zahnspange und da hängt sich Kaugummi immer so rein und das ist total ärgerlich. Deshalb darf ich überhaupt keinen Kaugummi kauen.“
„Siehst du, das wäre doch schon was“, meint Professor Konfusi, erntet aber von Marco nur ein einsilbiges
„Mmmh?!“
„Zugegeben, das ist auch noch nicht der Hit, aber ich habe da neulich was gelesen. Wo ist denn nur der Artikel. Irgendwo in einer Zeitung von meiner Frau stand das doch“, murmelt der Professor gedankenverloren vor sich hin und sucht im Zeitungsständer. „Wo hast du nur die Illustrierte von letzter Woche hingelegt?“, fragt er seine Frau, die gerade das Wohnzimmer betritt.
„Ach“, antwortet Frau Konfusi, „die liegt auf dem Tischchen neben dem Fernsehsessel. Ich habe vorhin erst das Kreuzworträtsel darin gelöst.“
„So, hier ist der Artikel!“
Professor Konfusi reicht dem Jungen die aufgeschlagene Zeitung und meint nur:
„In Großbritannien bezahlt jeder, der einen Kaugummi auf die Straße spuckt und dabei erwischt wird, umgerechnet 110 Euro Strafe. Lies mal, was hier in dem rot umrandeten Kasten steht! Wenn das kein Ärgernis ist!“
Marco greift nach der Illustrierten und liest laut vor:

„Kaugummi-Beseitigung kostet deutsche Kommunen jährlich 900 Millionen Euro.

Ein einziges Kaugummi zu entfernen dauert zwei Minuten.

Auf einem Quadratmeter Fußweg kleben im Schnitt 80 ausgespuckte Kaugummis.“*

„Wahnsinn!“, schiebt Marco total überrascht hinterher.
„Ja, ja!“, meint Frau Konfusi. „Und Oma Schmidt ist diese Woche in unserem Hof dreimal in so ein klebriges Ding getreten. Sie ist total verärgert.“
„Ich auch!“, bestätigt Marco. „Das ist übrigens der Handwerkslehrling aus dem dritten Stock, der spuckt die ausgekauten Dinger überall rum. Total eklig ist das! Und obendrein ärgerlich, wenn man reintritt!“
„Womit auch dieses Rätsel gelöst und Marco rehabilitiert wäre“, sagt Professor Konfusi lächelnd. Doch Marco hört dies schon gar nicht mehr. Er ist bereits an der Wohnungstür und ruft Herrn und Frau Konfusi nur noch ein
„Dankeschön für den prima Tipp!“ zu. Dann fällt auch schon die Wohnungstür ins Schloss.

 

 

*Zitat aus: Winnie Beckmann und Lena Köster, „Kaugummis gehören in den Müll, nicht auf die Straße“,  in: Bild der Frau, Nr. 47/2015 S. 82

18 Kommentare

  1. Liebe Astrid,
    Prof. Konfusi hat dieses Ärgernis brillant gelöst, so sollte es sein. Marco wird einen tollen Aufsatz schreiben und die Verdächtgungen haben sich aufgelöst. Das ist prima!

    Liebe Grüße
    Regina

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Regina,
      ja Verdächtigungen entstehen schnell. Professor Konfusi kennt Marco ziemlich gut und er weiß auch, dass der Junge nicht so rücksichtslos handeln würde. Nur gut, dass ihm der Zufall zu Hilfe kam und er die Sache diplomatisch lösen konnte. Der Tipp des Professor verhilft Marco bestimmt zu einer guten Note, da bin ich mir sicher. Manchmal braucht es nur einen kleinen Anstoß.
      LG
      Astrid

  2. Hallo liebe Astrid,
    nur weil er ein Schüler ist wurde Marco verdächtigt, aber Herr Professor hat die Sache strategisch gelöst und Marco wir bestimmt den besten Aufsatz schreiben…
    Ich kann mich auch noch gut an meine Schulzeit erinnern, da klebten die Kaugummis immer unter der Schulbank … igitt.

    Liebe Grüße
    Biggi

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Biggi,
      das finde ich auch ziemlich eklig, besonders wenn sie noch feucht sind. 🙂
      Professor Konfusi ist das beste Beispiel dafür, dass man im Alter diplomatischer wird und nicht gleich mit der Tür ins Haus fällt. Mit seiner Taktik hat er gleich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Er hat Marco von den Verdächtigungen befreit und hat ihm gleichzeitig einen Tipp für seinen Aufsatz geliefert.
      LG
      Astrid

  3. Christine R. sagt

    Liebe Astrid,
    diese ausgespuckten Kaugummis sind wirklich ein Ärgernis! Bei uns in der Fußgängerzone kleben die ekelhaften Dinger überall. Die Gehwegplatten sind gesprenkelt von dunkelgrauen Flecken – alles Kaugummis, an denen der Staub kleben bleibt…
    Ich habe sie als Kind auch gerne gekaut – und tue es heute noch gelegentlich. Aber einfach irgendwo hingespuckt habe ich sie nie.
    Ich würde es sehr begrüßen, wenn auch hier in der Stadt für weggeworfene Tempotaschentücher und Kaffeebecher, Verpackungen von Schnellimbissketten und und natürlich für ausgespuckte Kaugummis ein Bußgeld fällig wäre! Die Leute sind NUR am Geldbeutel zu packen. LEIDER!
    Liebe Grüße
    Christine

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Christine,
      ich danke Dir für Deinen ausführlichen und anschaulichen Kommentar. Ich muss Dir beipflichten, dass manche Menschen rücksichtslos oder einfach nur gedankenlos ihren Müll entsorgen, indem sie ihn einfach in die Gegend werfen. Es ist schade, dass man dies scheinbar nur durch Androhung oder Erteilung von Strafen lösen kann. Ich denke man sollte schon im Kindergartenalter den Kindern gewisse Regeln beibringen und dazu gehört auch die richtige Art der Müllentsorgung.
      LG
      Astrid

  4. Martina sagt

    Sooo viele Kaugummis werden auf den Gehweg gespuckt?! Ich bin echt entsetzt. — Deine Geschichte ist super und zeigt, dass wir nicht so schnell mit unseren (Vor-) Urteilen sein sollten! Wie schnell hat man jemanden verdächtigt, der unschuldig ist. Danke für die schöne Geschichte! LG Martina

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Martina,
      ich war ebenfalls entsetzt, aber gleichzeitig auch erstaunt über die große Anzahl. Ich habe mich auch im Internet schlau gemacht und bin auf ähnliche Zahlen gestoßen. Wenn ich das nächste Mal durch unsere Fußgängerzone gehe, werde ich garantiert darauf achten. Ich werde sie zwar nicht alle zählen, aber vielleicht so nach dem Motto: Eins, zwei, drei,…viele. 😉
      LG
      Astrid

  5. Seltsam, früher sind sie mir sehr viel häufiger aufgefallen, so wie sie auf der Strasse klebten. Ich kann mich auch noch gut an zwei städtische Angestellte erinnern, die diese Dinger mit einem Wasserstrahl von der Strasse entfernt haben. Aber das ist wirklich ewig her! Bis zu deinem Artikel hatte ich das vollkommen vergessen 🙂
    Eine sehr schöne Geschichte!
    Ganz liebe Grüße, Emily

    • Astrid Berg sagt

      Hallo liebe Emily,
      mir war das auch gar nicht so bewußt. Erst als ich zufällig diesen Artikel fand, erinnerte ich mich an viele verschiedene Stellen, an denen ich ausgekaute Kaugummis gesehen habe. Allerdings bin ich der Meinung, dass man den Kindern schon im Kindergartenalter beibringen kann, wohin der Müll gehört und dazu zählen auch Kaugummis.
      LG
      Astrid

  6. Hallo Astrid
    Hat mir sehr gut gefallen, deine Geschichte wegen der Kaugummis.
    Mir fällt in letzter Zeit auch auf, dass auf Straßen, Sesseln in Straßenbahnen ect. weniger Kaugummis kleben.
    Woran mag das nur liegen ?
    Aber wenn man in einen tritt, dann ist das schon tatsächlich ekelig und dauert ewig bis man ihn wieder los ist.
    Wünsche einen schönen Tag !
    LG Peggy

    • Astrid Berg sagt

      Hallo liebe Peggy,
      ich heiße Dich auf meinem Blog herzlich willkommen. Es freut mich, dass Du hier bist und meine Geschichten liest.
      Ich kann mir vorstellen, dass es in Straßenbahnen bestimmt Strafen gibt, wenn man beim Kaugummikleben erwischt wird. Ist auch gut so. Ich finde einfach, dass es zum Anstand dazu gehört, den ausgekauten Kaugummi in Papier einzurollen und in einem Mülleimer zu entsorgen. So etwas muss man den Kindern schon im Kleinkindalter beibringen. Dann machen sie es als Jugendliche und Erwachsene auch so, wie es richtig ist.
      LG und einen schönen Donnerstag
      Astrid

  7. Tolle Geschichte liebe Astrid und zudem auch noch lehrreich. Wie schnell und unüberlegt sind doch Vorurteile und Vorverurteilungen, einer meint was und schon ist es Fakt und wird als Tatsache weitergetragen!::..So isses oft.
    Leider…
    sind mache schnell dabei „Behauptungendie nichts mit der Realität zu tun haben – aufzustellen
    Klatscher verteilt, das ärgert mich immer ein wenig. Aber man sieht es oft
    Manieren beizubringen, Umgangsformen, Höflichkeiten und Rücksicht auf andere die oftmals sogar manchmal bei Erwachsenen f e h l e n ist Sache der Eltern, der Schule, des Kindergartens und notwendig und ich stelle oftmals fest dass sie nicht Selbstverständlich sind
    eine schöne Geschichte und ich kenne so einige denen man sie am liebsten laut vorlesen sollte…
    bleibe erleichtert zurück dass dies nicht nur meine Meinung ist….
    herzlich Angelface
    Gute Kinderstube nannte man sie früher und das gilt auch heute …

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Angelface,
      ich bin immer wieder begeistert von Deinen ausführlichen Kommentaren. Hab herzlichen Dank für die vielen Besuche und Kommentare auf meinem Blog. Auch im nächsten Jahr werden wir unsere gegenseitigen Besuche pflegen und uns dabei immer besser kennenlernen.
      LG
      Astrid

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