Kurzgeschichten

Erinnerungen und Angewohnheiten

Beim Aufräumen bin ich auf ein gerahmtes Foto gestoßen. Hierauf sind zwei Personen abgelichtet.
„Ach schau mal an!“, sagt mein Mann, der mir gerade von hinten über die Schulter blickt. „Deine Mutter und mein Opa!“
Ruckartig drehe ich mich um und frage erstaunt: „Wie kommst du denn auf die Idee?“
„Na, das ist doch deine Mutter.“
„Ja, aber…“
„Und das ist mein Opa“, grinst er mich frech an.
„Quatsch, das ist doch im Wachsfigurenkabinett aufgenommen und meine Mutter steht neben Albert Einstein, nicht neben deinem Opa. Albert Einstein kennt doch wohl jeder!“, empöre ich mich.
„Nicht unbedingt“, gibt mir mein Mann zur Antwort und schürt damit meine Neugier. Diese scheint mir direkt ins Gesicht geschrieben, denn mein Göttergatte meint nur:
„Dann will ich deinen Wissensdurst mal stillen: Es war wohl so gegen Ende der Grundschulzeit oder kurz nachdem ich auf das Gymnasium gekommen bin. Damals trug ich immer ein Foto von Albert Einstein in meiner Geldbörse. Das sah zufällig ein Klassenkamerad und er fragte mich, wer das denn sei. Ich antwortete damals, dass es sich um meinen Opa handeln würde, was er mir auch ohne weitere Rückfragen abgenommen hat. So einfach und so schnell kommt man zu einem Opa“, schließt Peter seine Kurzdarstellung der damaligen Begebenheit ab und wir müssen beide herzlich lachen.
Sein Opa wird beim Mittagessen zufälligerweise ebenfalls wieder zum Gesprächsthema. Seltsam, aber es gibt Tage, an denen sich die Zufälle einfach so aneinanderreihen.
Ich habe passend zur Herbstzeit Kürbissuppe gekocht. Sie schmeckt ausgesprochen lecker, was mir auch mein Mann zu verstehen gibt. Auch die Tatsache, dass er sich zweimal einen Nachschlag nimmt, spricht dafür. Allerdings gibt es auch etwas, das mich total stört. Meint er doch zu mir:
„Und mit ein bisschen M… schmeckt sie noch köstlicher.“
„Hörst du auf!“, rufe ich entsetzt aus. „Das zerstört meine Kochkunst und verändert den Geschmack!“
„Nein, im Ernst, das ist das i-Tüpfelchen, das noch gefehlt hat.“
Schon hält er die besagte kleine Flasche in der Hand und schüttet tüchtig in seine Suppe.
„Aber auf keinen Fall so viel!“
„Mein Opa hat dieses Fläschchen mit seinem Inhalt auch geliebt“, erklärt er mir und hält das besagte Ding mit seiner linken Hand fest umklammert.
„Wer jetzt? Dein Opa? Albert Einstein?“, frage ich abermals völlig irritiert und mit dem Gedanken an die kurze Erzählung von heute Morgen.
„Ach nein! Mein richtiger Opa. Opa K.“, erklärt er mir nun. „Er hielt immer beim Essen die M…flasche fest im Griff. Er hat diesen Geschmack sehr gemocht. Irgendwie muss ich wohl ein Gen von ihm abbekommen haben, denn auch mir schmeckt es mit M… immer alles noch ein bisschen besser.“
„Aha“, sage ich nur kurz und nehme mir ebenfalls noch einen Nachschlag, allerdings ohne M… „Was Männer alles so fest im Griff halten! Ich kenne da auch so einen Gegenstand, den du gerne festhält und nur ungern aus der Hand gibst…“
Leider werden wir an dieser Stelle vom eindringlichen Klingelton unseres Telefons unterbrochen und auch danach bleibt uns keine Zeit mehr für ein weiterführendes Gespräch. 
Als ich am Spätnachmittag zwischen zwei Terminen noch in der Stadt unterwegs bin, komme ich an zwei unterschiedlichen Dingen vorbei, die ich unbedingt kaufen muss: Im Supermarkt erstehe ich eine neue M…flasche, die ich meinem Mann mitbringe, aber auch etwas anderes habe ich noch entdeckt: Einen kleinen Albert Einstein, der an einer langen Zugfeder hängt und den man damit lustig auf und ab wippen lassen kann. Schon jetzt freue ich mich auf das Gesicht meines Göttergatten, wenn ich  ihm am Abend meine beiden Geschenke präsentiere.
Allerdings wird alles etwas später als gedacht und ich komme erst bei Dunkelheit nach Hause. Als ich die Haustüre öffne, kann ich ein stilles Lächeln nicht verbergen, denn ich freue mich schon auf das Gesicht meines Mannes, wenn ich ihm die beiden erstandenen Dinge überreiche. Doch was sehen meine Augen?
Mein Göttergatte liegt nach einem wohl anstrengenden Arbeitstag auf der Couch und ist bei laufendem Fernseher eingeschlafen. Sein rechter Arm ist leicht nach oben angewinkelt und in seiner Hand hält er festumklammert einen Gegenstand: Die Fernbedienung.

Schade, dass er gerade die Augen öffnet, als ich ihm in die andere Hand die M…flasche legen will, sonst hätte ich sofort mein Handy gezückt, um ein Foto zu machen.

 

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11 Kommentare

  1. Herrliche kleine Geschichte, liebe Astrid,
    Zufälle gibt es….. der Erfindungsreichtum Deines Mannes ist aber auch bemerkenswert.
    Liebe Grüße zur Wochenmitte
    moni

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Moni,
      ich danke Dir für deine lieben Worte.
      Ich hoffe Du hattest ein schönes und sonniges Herbstwochenende und wünsche Dir einen guten Start in die neue Woche.
      LG
      Astrid

  2. Wieder mal eine lustige Geschichte aus dem wahren Leben. Ja, diese Männlein kenne ich auch, die auf und ab hüpfen an der Feder. Wie witzig!
    Das Gewürz mit M nehme ich nur bei Eintöpfen, sonst mag ich es nicht sonderlich. Manche machen es sich aber tatsächlich auf alles mögliche Essen.
    Liebe Grüße von Kerstin.

    • Astrid Berg sagt

      Guten Abend, liebe Kerstin,
      ich habe auch noch ein kleines Froschmädchen in einem gelben Röckchen und mit Strohhut an der Feder. Sie hat ihren Platz in meiner Küche gefunden 😀.
      Komm gut in die neue Woche und sei herzlich gegrüßt.
      Astrid

  3. Liebe Astrid,
    das wäre bestimmt ein sehr lustiges Foto geworden. Was Albert Einstein betrifft – irgendwie hätte ich mir den als netten Opa gut vorstellen können.
    Was die Firma M*ggi betrifft – die wird von uns boykottiert, seit wir wissen, dass sie zu N*stlé gehört. Das ist einer der schlimmsten und umweltzerstörerischsten Großkonzerne überhaupt – Regenwaldzerstörung für Palmöl (das teilweise übrigens auch in den Suppen verwendet wird), Wasserraubbau, Menschenrechtsverletzungen etc. – siehe https://www.naturwelt.org/was-tun/raubtierkapitalismus/nestl%C3%A9/
    Vielleicht kann sich dein Mann diese Würze abgewöhnen, wenn er das weiß – ein bisserl Liebstöckel in der Suppe tut’s ja unter Umständen auch bzw. es gibt auch gute Alternativen im Reformhaus. (Bitte möglichst kein Kn*rr als Alternative kaufen, das gehört nämlich zu Unil*ver, weltweit größter Palmölabnehmer und auch nicht sehr viel besser als N*stlé…)
    Sorry, aber mittlerweile bin ich schon ziemlich böse auf all diese Milliardenunternehmen, die die Welt runieren und den Menschen das Geld aus der Tasche ziehen… Und deshalb muss ich das auch unbedingt überall herumerzählen, damit diese Tatsachen bekannter werden!
    Herzliche Rostrosengrüße zum Wochenanfang,
    Traude
    https://rostrose.blogspot.com/2019/10/rostrosiger-ausflug-in-die-wachau.html

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Traude,
      man spürt wie sehr Dir unsere Umwelt am Herzen liegt. Du setzt Dich voll ein und lieferst uns wichtige und interessante Informationen.
      Nennt man nicht sogar Liebstöckel auch das M…Kraut? Danke für den Tipp.
      Sei lieb gegrüßt und hab eine gute Woche
      Astrid

      • Genau, das ist der zweite Name von Liebstöckel ;-)) Ich habe am Freitag in unserem Hofladen extra für euch nach Alternativen gesucht und eine Flasche entdeckt, die nennt sich Wiener Würze. Ist bio, auf der Basis von Lupinen und geschmacklich dem „bösen“ M….. sehr ähnlich… Das wäre vielleicht auch etwas für euch? Findest du (zumindest online) auch im Dr*geriemarkt…
        Alles Liebe nochmal, Traude

        • Astrid Berg sagt

          Das ist aber lieb von Dir!!! Da werde ich nächste Woche auch mal auf die Suche gehen und für Liebstöckel werde ich nächstes Jahr eine Ecke im Garten bereithalten. Da die Pflanze winterhart ist, ist sie bestens für uns geeignet.
          Liebe Sonntagsgrüße
          Astrid

  4. Moin liebe Astrid,
    hach das war wieder eine wunderbar erfrischende Geschichte.
    Schmunzeln musste ich auch zum Schluss „… in der Hand hält er einen Gegenstand…“
    das bekommt mein Mann auch hin 😂

    Eine schöne Woche wünsche ich Dir.
    Liebe Grüße
    Biggi

    • Astrid Berg sagt

      Ich habe die Sache von der Fernbedienung schon von einigen Frauen erzählt bekommen, deren Männer dies ebenfalls so handhaben. Ob sich dahinter ein Gen versteckt? Vielleicht ist die Fernbedienung so eine Art Zepter 😉.
      LG
      Astrid

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