Kurzgeschichten
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Astrid, Opa und das Eis

Wir schrieben das Jahr 1963 und ich hatte gerade meinen 3. Geburtstag gefeiert. Meine Oma war bereits seit ungefähr einem Jahr schon im Himmel und schaute sicherlich auf uns herab. Mein Opa wohnte jetzt in seinem Haus alleine und ich, Klein-Astrid, durfte ab und zu mal bei ihm übernachten. Ich war gerne bei meinem Opa. Ich hatte nur diesen einen Opa, den Vater meines Vaters.
Zu meinem Erlebnis gibt es keine Fotos. Manches weiß ich aus Erzählungen, an einige Dinge meine ich mich tatsächlich noch zu erinnern. Ich habe beispielsweise das kleine Café noch fest in meinem Kopf verankert, obwohl es schon seit Jahrzehnten nicht mehr existiert und nichts mehr daran erinnert. Auch die Kreuzung, die nahegelegene Molkerei und die Tankstelle gibt es nicht mehr. – Versetzen wir uns also zurück an den Anfang der Sechziger Jahre:
Ich bin über das Wochenende bei meinem Opa, spiele in seinem Garten, streichele seinen Hund Bazi und gehe mit meinem Opa in die Stadt.
„Komm Astrid“, fordert er mich auf, „wir gehen ein bisschen spazieren!“
Mein Opa setzt seinen Hut auf und nimmt mich an der Hand. Auf unserem Weg in die Stadt begegnen wir verschiedenen Menschen, die uns kennen. Bei manchen lüftet er nur zum Gruß seinen Hut und deutet einen Diener an. Bei anderen bleiben wir stehen. Artig gebe ich zum Gruß die Hand und mache dabei einen Knicks. Das kann ich sehr gut und bin auch stolz darauf, dass ich dafür immer so schön gelobt werde.
Unser Weg führt uns auch heute in ein kleines Café, das den Namen „Café Rennstrecke“ trägt. Es liegt genau an der Strecke, an der regelmäßig Motorradrennen und manchmal auch Autorennen stattfinden, nämlich am sogenannten „Schottenring“*.
Wir treten ein und werden freundlich von einer Frau begrüßt. In dem gemütlichen Café stehen kleine runde Tischchen und an einem davon nehmen wir Platz.
„Einen Kaffee für Sie, Herr P. ?“, fragt die Bedienung und erhält dafür ein Kopfnicken.
„Und was möchte das junge Fräulein?“, werde ich gefragt.
„Darf ich ein Eis haben?“, richte ich brav meine Frage an Opa.
Mein Großvater nickt mir zu und flüstert dann aber mit der Bedienung.
„Ja klar,das machen wir so!“, bestätigt sie die Bestellung.
Wenige Minuten später sitzt mein Opa vor seiner Tasse Kaffee und ich vor meinem Eisbecher mit einer kleinen Waffel darin.
„Schmeckt es dir?“, werde ich sowohl von der Bedienung als auch von meinem Opa gefragt.
„Lecker!“, erkläre ich den Beiden, die sich darüber zu freuen scheinen, denn sie lächeln sowohl mich, als auch sich gegenseitig an.
Der Besuch in dem kleinen „Café Rennstrecke“ wird zumindest in den Sommermonaten zu einem kleinen Ritual für uns und ich bekomme dann immer meinen Eisbecher.
Eines Tages jedoch, ich glaube es könnte der folgende Sommer gewesen sein, wollen wir vorbei gehen, aber ich hätte gerne ein Eis.
„Du bist doch jetzt schon ein großes Mädchen“, erklärt mir mein Opa. „Geh doch hinein und hole dir dein Eis. Hier hast du das Geld.“
Mein Opa drückt mir einige Pfennige in die Hand und ich öffne die Tür. Bereits beim Eintreten verlässt mich ein bisschen der Mut, denn ich stehe plötzlich vor der Eistheke, in der es verschiedene Sorten Eis gibt.
„Welches Eis möchtest du denn gerne?“, werde ich freundlich gefragt.
Leider kann sich die Bedienung nicht erinnern, welches Eis ich immer im Vorjahr verspeist habe. Ich allerdings auch nicht. Also versuche ich es zu beschreiben.
„Ich habe immer so weißes Eis gegessen.“
„Das war dann wahrscheinlich dieses Vanilleeis“, werde ich aufgeklärt. „Möchtest du es im Becher oder in der Waffel?“
„Ja, eine Waffel war auch dabei!“, erkläre ich und schon stehe ich mit einem Waffeleis da.
„Das sah aber immer anders aus!“, starte ich noch einen letzten, allerdings erfolglosen Versuch.
„Ich habe aber sonst kein weißes Eis, – nur noch das rötliche Erdbeereis und das braune Schokoladeneis!“
„Na gut!“, gebe ich mich geschlagen und marschiere zu meinem Opa nach draußen, der mir ebenfalls bestätigt, dass dieses Etwas in meiner Waffel Eis ist. Ich schlecke vor mich hin und stelle fest, dass es kalt ist und ganz anders schmeckt als das Eis, das ich im Vorjahr immer im Café drinnen gegessen habe.
Am Abend werde ich wieder von meinen Eltern abgeholt.
„Was ist denn mit dir los, Astrid?“, erkundigt sich meine Mutter. „Warum fasst du dir immer an den Bauch?“
„Ich habe Bauchweh, Mama!“, sage ich und verziehe mein Gesicht, um mich gleich darauf zu übergeben.
„Was habt ihr denn heute gegessen?“, will meine Mutter von meinem Opa wissen.
„Ein paar Nudeln mit Soße!“, erwidert Opa.
„Das isst sie doch immer gerne, was hat sie denn sonst noch gegessen?“
„Ein Eis, das sah auch ganz komisch aus!“, erkläre ich meiner Mutter.
„Sie hat ein ganz normales Eis gegessen“, erzählt jetzt mein Opa. „Allerdings war es dieses Mal tatsächlich Eis und keine Sahne, wie letztes Jahr immer.“
„Ah, dann hat sie das wohl nicht so ganz vertragen“, schlussfolgert meine Mutter und ich beschließe nie wieder Eis zu essen.
Das halte ich auch eisern durch, denn meine Übelkeit von damals konnte nur mit dem Eis zusammenhängen, denke ich mir so.
Jahre später, ich war bereits ein Schulkind, fragt mich meine Freundin:
„Wollen wir Eisessen gehen?“
„Ich mag eigentlich kein Eis, davon wird mir schlecht!“, erzähle ich.
„Das ist doch Quatsch! Eis ist super lecker! Los komm, wir holen uns jeder eine Kugel!“
Ich will ja nicht als Feigling dastehen, also beschließe ich mir auch eine Kugel Eis zu gönnen. „Aber welche Sorte soll ich wählen? Ich weiß doch überhaupt nicht wie die verschiedenen Sorten schmecken“, überlege ich hin und her.
„Schokolade mag ich, also muss doch Schokoladeneis auch lecker schmecken“, sage ich in meinen Gedanken zu mir selbst.
Und wie es schmeckt, stelle ich gleich darauf fest. Einfach toll! Und ich muss mich auch nicht mehr  übergeben, also kann ich es wieder und wieder essen. Von nun an esse ich immer Schokoladeneis und liebe es!
Es ist mein absolutes Lieblingseis und das bleibt es auch die ganzen vielen Jahre meines Lebens. Gut, mit den Jahren ist die eine oder andere Sorte noch dazu gekommen. Allerdings zu meinen Favoriten gehört immer noch Schokoladeneis, kombiniert mit Zitroneneis. Mmmh! Lecker! Mir läuft das Wasser im Mund zusammen. Ich muss mir schnell einen Eisbecher mit diesen beiden Sorten gönnen.

 

An dieser Stelle möchte ich mich heute recht herzlich für Eure treuen Besuche auf meinem Blog und Eure lieben und interessanten Kommentare bedanken. Ich bin immer bemüht Euch allen zu antworten und lese bei Euch allen sehr gerne. Ich freue mich auch weiterhin auf unsere gegenseitigen Besuche!!!

Alles Liebe und Gute

Eure Astrid

 

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13 Kommentare

  1. Harald sagt

    Das Schokoladeneis von Café Rennstrecke war legendär! Ich habe heute noch den Genuss auf der Zunge ?
    Selten wieder so ein Eis gegessen.
    Liebe Grüße aus der „Rennstadt“
    Harad

    • Astrid Berg sagt

      Sag mal, kannst Du Dich noch erinnern, wie lange es das Café Rennstrecke noch gab? Irgendwann verlieren sich nämlich meine Erinnerungen diesbezüglich.
      LG in die alte Heimat
      Astrid

    • Astrid Berg sagt

      Vielleicht war es aber auch Glück, denn so habe ich im Endeffekt meine Lieblingseissorte entdeckt.
      LG
      Astrid

    • Astrid Berg sagt

      Stimmt, heute esse ich sehr gerne Eis, aber auch nicht alle Sorten. Wie gesagt, Schokoladeneis ist und bleibt mein Favorit.
      LG
      Astrid

  2. Hallo liebe Astrid,
    *lach* da war es im letzten Jahr Sahne …
    Eine schöne Geschichte bei der ich schmunzeln musste.
    Ich kann mich gar nicht erinnern wann ich mein erstes Eis gegessen habe. Bei meinen Enkeln weiß ich das sie auch erst mit vier oder fünf Jahren Eis gegessen haben… die Mamis hatten es verboten, dafür ist Eis doch so lecker 🙂

    Einen schönen Tag wünsche ich Dir
    Liebe Grüße
    Biggi

    • Astrid Berg sagt

      Ich dachte schon, dass es ziemlich ungewöhnlich ist, dass ich erst so spät Eis gegessen habe. Man sieht heutzutage nämlich so oft Kinder, die noch im Kinderwagen sitzen und mit Eis gefüttert werden. Aber das war in den 60er Jahren noch nicht üblich.
      LG
      Astrid

  3. Noch einmal fehlerfrei mit der Bitte den vorherigen Kommentar zu löschen

    Den Schottenring kenne ich aus Erzählungen als ich im Vogelsberg verheiratet war.

    Mein Favorit ist und bleibt Vanilleeis. Da fällt mir doch glatt dazu auch eine kleine Anekdote ein. Ich saß neulich mit einer Bekannten vor einem Eiscafe, als sich ein 5 -jähriges Mädchen mit einem kleinen Becher Vanilleeis zu uns setzte, einfach so, während ihre Mutter mit Baby und Freundin am Tisch hinter mir Platz nahmen. Sie wollte die Kleine dann wegholen, damit sie uns im Gespräch nicht störe. Aber ich gab ihr zu verstehen, das ssie da gern sitzenbleiben darf. Ich fragte sie, welche Eissorte sie denn da isst: „Vanille“ bekam ich zur Antwort und als ich ihr sagte, dass das auch mein Lieblingseis sei, nahm sie das Löffelchen mit Eis und streckte es mir entgegen….das fand ich wirklich entzückend (ich bedankte mich freundlich und sagte ihr, dass ich schon mein Eis gegessen habe, es aber sehr nett fand, dass sie mir von ihrem abgeben wollte)

    • Astrid Berg sagt

      Oh, jetzt ist mir ein Fehler unterlaufen und ich weiß nicht, ob meine Antwort gelöscht oder abgeschickt wurde. Also noch einmal:
      Vielen Dank für Deinen ausführlichen Kommentar. Deiner Bitte bin ich selbstverständlich nachgekommen.
      Interessieren würde es mich, wo Du im Vogelsberg gelebt hast. Ich hoffe, ich bin da nicht zu neugierig. 🙂
      Ich habe meine Geburtsstadt zwar schon mit 19 Jahren verlassen, aber ich kehre in regelmäßigen Abständen immer wieder zu Besuch dorthin zurück, denn meine Mutter lebt noch dort. So ist meine Verbindung zu meiner alten Heimat, dem Vogelsberg und dem Hessenland nie erloschen. Auch wenn wir nun schon seit 20 Jahren in Cottbus leben. Erst neulich haben wir mit unseren Cottbuser Freunden einen „Hessischen Abend“ bei uns veranstaltet, – u.a. mit original hessischem Apfelwein und typisch hessischen Gerichten. Ist übrigens super gut angekommen.
      LG
      Astrid

      • Ulla sagt

        Liebe Astrid,

        ich war in Grebenhain verheiratet. Nach meiner Ausbildung war ich in der Oberwaldklinik beschäftigt, habe in Herchenhain gewohnt und bald darauf den Vater meiner Kinder kennengelernt.

  4. Liebe Astrid, war das schön mit Deinem Opa! Solche Erlebnisse vergisst man nie, ja eigentlich Rituale. Gut, dass Du wieder Eis essen kannst,es wäre doch wirklich schade, so einer tollen Leckerei entsagen zu müssen. LG Eva

  5. Christine R. sagt

    Liebe Astrid,
    das ist wirklich eine nette Erinnerung. Wie gut, dass Du später doch noch mal Eis probiert hast – sonst wäre Dir was entgangen!
    Übrigens Ich mag KEIN Schokoladeneis … und auch keins mit Nüssen drin.
    Meine Favoriten sind Holunder und Aprikose …
    Liebe Grüße
    Christine

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