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Ein Tässchen Kaffee gefällig?

Es ist jetzt schon fast ein Jahr und acht Monate her. Damals stand ich mitten in einem großen Kaufhaus in Dresden. Besser gesagt man hatte mich zuerst mit dem LKW von „Ich-weiß-nicht-wo“ nach Dresden gefahren und mich eine ganze Weile warten lassen.

Es war eine gefühlte Ewigkeit vergangen, bis sie mich endlich auspackten und in eines der vielen Regale stellten. Da stand ich nun und viele Menschen zogen an mir vorüber. Die meisten warfen nicht einmal einen Blick auf mich, sondern gingen zu den einfachen und herkömmlichen Modellen. Auch an meinen Nachbarn zogen sie vorüber. Hin und wieder jedoch blieben auch einige von ihnen stehen und plötzlich war mein Nachbar zur Rechten verschwunden. Die anderen erzählten, dass er nun ein Zuhause gefunden hätte. Ich wunderte mich schon ein wenig, denn eigentlich war er gar nicht so hübsch. Ich fand mich mit meinen silbernen Tasten viel schöner. Nicht mal ausprobieren durfte man mich. Ich konnte also niemand zeigen, was ich so alles drauf hatte. Ich fieberte dem Tag entgegen, an dem ich mein ganzes Können präsentieren konnte. Inzwischen war es kurz vor Weihnachten und die Menschen suchten Geschenke für ihre Liebsten oder auch für sich selbst. Aber wie das eben so ist, gibt es beim Kauf auch eine Schmerzgrenze. Niemand will wirklich viel Geld ausgeben, aber trotzdem allen Luxus und Komfort bekommen.
Auch nach Weihnachten stand ich noch traurig in dem Regal. Gerade als ich schon dachte, dass ich wohl ein Ladenhüter werden würde, tat sich etwas über mir. Man hängte Schilder auf und ich hörte die Kunden sagen, dass nun alles viel billiger wäre. Man würde jetzt Prozente bekommen, was auch immer das bedeuten sollte. Für mich jedoch sollte es das Glück bedeuten.
Plötzlich standen nämlich ein Mann und eine Frau vor mir. Sie blieben doch tatsächlich interessiert vor mir stehen und drückten auf meinen Tasten herum. Doch was nutzte das? Nichts! Mir fehlten ganz bestimmte Vorraussetzungen, damit ich funktionieren konnte. Eine Verkäuferin pries mich in den höchsten Tönen an. Sie berichtete von meinem Können und zählte alle meine guten Eigenschaften auf. Zum Schluss betonte sie noch, dass es an diesem besagten Tag sogar noch Zusatzprozente gab und dass dies ein einmaliges Angebot wäre für so ein Prachtstück wie mich. Das schien ein sehr bedeutendes Argument zu sein, denn plötzlich hörte ich die Frau sagen:
„Das ist doch die Gelegenheit. Wir wollten uns doch schon immer so etwas anschaffen.“
„Ja, ich denke auch, den sollten wir nehmen!“, nickte der Mann und schon überschlugen sich die Ereignisse. Die Verkäuferin nahm mich vom Regal und packte mich wieder in den Karton aus dem man mich vor Weihnachten ausgepackt hatte. Der Mann und die Frau bezahlten und nun war ich ihr Eigentum. Total stolz und mit einem glücklichen Lächeln trugen sie mich zum Auto und fuhren mich in mein neues Zuhause.
Jetzt ging die Hektik erst richtig los. Sie stellten mich hier hin und dort hin und endlich fanden sie den geeigneten Platz, nämlich in einer großen, aber gemütlichen Küche ganz nahe beim Fenster. Und dann bekam ich endlich Strom und alle anderen Zutaten, damit ich nun richtig loslegen konnte.
Wer ich eigentlich bin, wollt Ihr wissen?!
Na, ein Kaffeevollautomat.
Ich kann ganz viele Kaffeeköstlichkeiten zubereiten. Man muss nur die entsprechenden Zutaten bereitstellen und die entsprechenden Tasten drücken. Aber man muss mich auch pflegen. Das ist wie bei den Menschen. Wer geliebt wird, wird gehegt und gepflegt, gedrückt und bedient. Ja, so ist das auch bei mir. Auch ich brauche viel Zuwendung und Aufmerksamkeit, sonst streike ich nämlich.
„Ständig willst du etwas von uns“, sagt manchmal die Frau zu mir. „Aber wir ja auch von dir!“
Durst habe ich ganz gewaltig und Hunger auch. Das ist wiederum so ähnlich wie bei den Menschen. Ich brauche hauptsächlich Wasser und Milch und verschlinge eine Unmenge von Kaffeebohnen.
„Du machst einen ganz schönen Krach!“, sagt manchmal der Mann.
Ja, er hat recht, aber den mache ich auch nur ganz kurz und zu einem ganz bestimmten Zweck. Ich kann die Kaffeebohnen nämlich nur gemahlen verwerten und das Mahlen macht eben Geräusche.
Haben sie sich erst einmal zu Pulver verwandelt, rieselt das Wasser hindurch und erhält seinen köstlichen Kaffeegeschmack, den die Menschen so lieben. Dann kann ich ich auch noch Milch hinzufügen, egal ob flüssig oder als Milchschaum.
Außer Wasser, Milch und Kaffeebohnen brauche ich auch noch Pflege. Von nichts kommt eben nichts. Man muss mich immer schön sauber halten und meinen Behälter mit dem verbrauchten Kaffeepulver leeren. Naja, ich gebe es ja zu, das muss man schon regelmäßig und auch häufig tun. Aber der Mann trägt den Behälter immer nach draußen in den Garten und leert ihn dort aus. Die Frau hat ihm nämlich erklärt, dass das verbrauchte Kaffeepulver gut für die Pflanzen ist und auch den Boden auflockert. Ha, was sie mir alles zu verdanken haben!
Ich kommuniziere auch immer mit der Frau und dem Mann, denn sonst wissen sie ja nicht, was ich von ihnen will. Ich teile ihnen zum Beispiel mit, wenn der Kaffeebehälter geleert oder wenn der Wasserbehälter nachgefüllt werden muss. Wenn die Kaffeebohnen zur Neige gehen, dann erkennen sie es daran, dass ich seltsame Geräusche mache und nur Wasser in die Tassen fülle, aber keinen Kaffee. Wenn die Milch im Aufschäumbehälter fehlt, dann gibt es tüchtig Dampf in der Bude. Und wenn ich wieder einmal entkalkt werden will, dann schreibe ich ihnen einfach nur einen kurzen Befehl: „Entkalken!“
Ihr solltet mal sehen, wie der Mann und die Frau dann springen und mir die entsprechende Pflege zuteil kommen lassen. Aber ich danke es ihnen auch, indem ich gleich wieder einen köstlichen Kaffeeduft durch das Haus ziehen lasse und allzeit bereit bin, wenn die Frau fragt:
„Ein Tässchen Kaffee gefällig?“

 

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12 Kommentare

  1. Grandios, liebe Astrid! Hättest du nicht mit der Tasse Kaffee eine Richtung vorgegeben, hätte ich seeeehr lange gerätselt, was denn da so traurig in einem Regal steht! Suuuuper Idee!! LG Martina

    • Astrid Berg sagt

      Danke Martina, für dieses große Lob.
      Ich hatte mir schon überlegt, ob ich ein ganz anderes Foto einstelle, aber ich habe mich dann doch für die Tasse entschieden.
      LG
      Astrid

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Bärbel,
      wir sind sehr zufrieden mit unserem Kaffeevollautomaten, obwohl er uns manchmal mit seinen Bedürfnissen ganz schön auf Trab hält.
      LG
      Astrid

    • Astrid Berg sagt

      Danke lieber Klaus.
      Eine gute Woche wünsche ich Dir und schicke liebe Grüße
      Astrid

    • Astrid Berg sagt

      Eigentlich bin ich gar kein richtiger Kaffeetrinker, ich bevorzuge Tee. Allerdings gibt der Automat mir auch heißes Wasser für meinen Tee.
      LG
      Astrid

  2. Liebe Astrid, hast Du so ein Prachtstück? Wir hatten so ein Teil im Büro,zweimal war sie in Reparatur und dann haben wir sie verkauft. Toll, hast du das geschrieben. Liebe Grüße Eva

    • Astrid Berg sagt

      Ja, wir haben genau den beschriebenen Kaffeevollautomaten. Ständig will er etwas von uns 🙂 , aber wir sind bisher trotzdem sehr zufrieden mit ihm.
      LG
      Astrid

  3. Hey Astrid, ich hab herzlich gelacht und gleich ein schlechtes Gewissen bekommen. Meine kleine Kaffeefee muss nämlich auch mal wieder entkalkt werden. Einen schönen Abend wünscht Dir Tanja

    • Astrid Berg sagt

      Ja, wir lassen ihn auch immer erst noch ein wenig warten und springen nicht sofort auf Befehl 🙂 .
      LG
      Astrid

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