Kurzgeschichten
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Aus dem Leben meiner Küchenuhr

Ich stehe um die Mittagszeit in meiner Küche und bereite gerade meinen Auflauf vor. 

„So“, denke ich „in einer halben Stunde stelle ich ihn in den Ofen und dann habe ich noch ungefähr 35 – 40 Minuten Zeit bis das Essen fertig ist.“ Ein Blick auf meine Küchenuhr bestätigt mir, dass ich dann genau pünktlich fertig bin, wenn mein Mann seine Aufräumarbeiten in unserem Garten beendet haben will. Mein Blick bleibt weiter an meiner Küchenuhr hängen. 

„Was die wohl schon alles erlebt hat?“, frage ich mich insgeheim.

Von ihrem Vorleben weiß ich nichts, nur, dass sie eines hat. Ich fand sie in einer Kiste auf dem Flohmarkt.
„Wahrscheinlich stammt sie aus einer Haushaltsauflösung“, überlege ich mir. „Und bestimmt war sie einst ein richtiges Schmuckstück.“
Da lag sie ganz unscheinbar und unbeachtet zwischen anderen altertümlichen Sachen. Mir fiel sie auf. Warum weiß ich selbst nicht so genau. Wahrscheinlich durch ihre grüne Farbe. Diese taucht auch in meiner Bucheküche auf, die Arbeitsplatte, der Apothekerschrank und die beiden kleinen Regale tragen ebenfalls diese Farbe zur Schau. Ich glaube, damals habe ich den Händler auf drei DM runtergehandelt. Immerhin konnte er mir noch nicht einmal glaubhaft versichern, ob sie tatsächlich noch funktionieren würde.
Peter hat sie ebenfalls vom ersten Moment an gemocht, doch er sah auch, dass ihre ehemalige Schönheit zu verblassen begann. Er reinigte sie und polierte ihre Messingzeiger so lange bis sie glänzten. Dann malte er ihre Ziffern 1 bis 12 goldfarben an. Danach erstrahlte die Küchenuhr wieder in ihrem alten neuen Glanz.
„Vielleicht hat ihr die liebevolle Behandlung gutgetan“, wandern meine Gedanken weiter, denn man glaubt es kaum, aber die Uhr funktioniert. Brav zeigt sie jedem der es wissen will, wieviel die Stunde geschlagen hat. Manchmal gleiten unsere Blicke in freudiger Erwartung einer bestimmten Uhrzeit auf ihr Zifferblatt, aber manchmal hängen sie auch ängstlich an ihren Zeigern. Dann nämlich, wenn wir uns wünschen, diese würden sich langsamer drehen und uns nicht ständig zur Eile antreiben.
In ihrem Vorleben muss sie jedoch schon eine Art Herzinfarkt erlitten haben, denn man hat ihr mit einem neuen Uhrwerk sozusagen ein neues Herz transplantiert. Und es läuft und läuft, gesetzt den Fall man wechselt hin und wieder den Herzschrittmacher, sprich die Batterien aus.
Inzwischen ist sie zwar schon ein bisschen in die Jahre gekommen, aber unbeirrt zeigt sie uns Tag für Tag die Zeit. Sie gehört noch zur alten Garde, denn sie ist weder digital noch über Funk gesteuert. Deshalb müssen wir ihr zweimal im Jahr ein bisschen auf die Sprünge helfen. Dann nämlich, wenn der Wechsel zur Sommerzeit und dann wieder zur Winterzeit angesagt ist. Doch sie dankt uns diesen Dienst mit ihrer Treue und Beständigkeit. Lautlos drehen sich ihre Zeiger, egal ob Tag oder Nacht. Sie stört uns nicht durch Ticken oder Schlagen, denn Bescheidenheit ist ihre Zier.
Und so hängt sie in meiner Küche und wacht über das Leben innerhalb dieser vier Wände.
Schmunzelnd muss ich mir eingestehen: „Mit Sicherheit ist ihr Leben bei uns nicht langweiliger als in einer Hexenküche oder sogar in des Teufels Küche, denn auch in meiner Küche ist immer etwas los.“
Hier wird gebrodelt und gekocht, manchmal ist Dampf in der Bude und manchmal züngeln die Flammen aus einem Topf empor. Hier wird gekocht und gegessen, gelacht und diskutiert, gearbeitet und gespielt, getanzt und gesungen …. hier vibrieren die Wände voller Leben. Doch meine grüne Küchenuhr hängt fest an ihrem Nagel und lässt sich nicht aus der Ruhe bringen, egal was auch immer in meiner Küche passiert. Und hier passiert ständig was, so auch jetzt:
Inzwischen sind die Zeiger meiner Küchenuhr auf ein Uhr mittags gewandert. Würde sie mit Glockenschlag diese volle Stunde anzeigen, dann wäre ihr Schlag exakt mit dem Klingeln an unserer Haustür zusammengefallen.
Ich stelle den Auflauf in den Ofen und eile dann zur Tür, vor der unser Sohn und eine Kommilitonin stehen. Beide haben vollgepackte Tüten und Taschen in den Händen.
„Hi“, sage ich, „was habt ihr denn vor?“
„Erst mal was zu essen kochen und dann an unserem Projekt weiter arbeiten!“, erklärt mir Timo, während er in meine Küche stürmt und alles dort auf der Arbeitsplatte abstellt.
Seine Kommilitonin begrüßt mich und marschiert ebenfalls in meine Küche. Sie packen ihre Einkäufe aus und beginnen zu werkeln. Wie ich die Sache überschaue, wollen sie sich Schnitzel in die Pfanne hauen, eine Pilzsoße mit Bandnudeln dazu machen und über alles Käse drüber. Innerhalb von zehn Minuten, wie mich meine Küchenuhr wissen lässt, hat sich meine Küche in das reinste Schlachtfeld verwandelt. Ich bin nur froh, dass ich eine Spülmaschine besitze, denn ich kann mir vorstellen, dass hinterher keiner mehr Lust auf den Abwasch verspürt. Ich verziehe mich erst einmal zu meinem Mann in den Garten, denn meine Ratschläge sind hier bestimmt nicht gefragt. Außerdem müssen die jungen Leute selbst ihre Kocherfahrungen machen. Ich werfe ihnen nur noch ein „Macht doch die Dunstabzugshaube an und ruft mich, wenn mein Auflauf im Backofen fertig ist!“ entgegen und verschwinde kurz nach draußen.
Als ich wieder nach gefühlten 25 Minuten in meiner Küche erscheine, wo übrigens alle drei Fenster und die Tür sperrangelweit offen stehen, damit die Rauchentwicklung besser abziehen kann, sagt mir meine Küchenuhr, dass mein Auflauf schnellstens aus dem Ofen muss.
Während Peter und ich auf unserer Terrasse speisen, lassen es sich die beiden jungen Leute in der Küche schmecken. Mir wird beim Anblick des Chaos in diesen vier Wänden fast schwindelig. Teller, Töpfe und Pfannen stapeln sich neben der Spüle.
„Könnt ihr nicht die Sachen gleich in die Spülmaschine stellen?!“, frage ich, woraufhin Timos Kommilitonin die Teller einräumt und mein Sohn achselzuckend erklärt: „Schau doch mal auf die Uhr, es ist schon nach zwei und wir haben noch nicht angefangen.“
„Ach, wie die Zeit vergeht“, sage ich nur und mache mich an die Säuberungsarbeit in meiner Küche.
Plötzlich kommt mein Mann in die Küche gestürmt und starrt erschrocken auf die Küchenuhr. „Ich hab ja in einer halben Stunde eine Besprechung. Wieso ist es denn schon so spät? Das kann doch gar nicht sein. Geht die Uhr denn überhaupt richtig?“
„Exakt“, bestätigt unser Sohn, der die Zeigerstellung der Wanduhr mit der digitalen Anzeige auf seinem Handy verglichen hat.
Mein Mann stürmt nach oben ins Badezimmer und zehn Minuten später wieder in die Küche. Gerade will er zur Haustür hinaus marschieren, da klingelt unser Telefon. Die Besprechung ist abgesagt und weil sie auf einen anderen Termin verschoben wird, beschließt Peter von zu Hause aus zu arbeiten. Er packt seinen Laptop wieder aus und setzt sich zu den beiden jungen Leuten an unseren ausgezogenen Küchentisch. Diese haben neben ihren Laptops noch einen weiteren großen Bildschirm aufgebaut, damit sie ihre Konstruktionen (beide sind Architekturstudenten) besser begutachten und diskutieren können. Da ich jetzt auch noch meinen Laptop auspacke, um zu arbeiten, erinnert dieser Raum inzwischen eher an einen Computerpool als an eine Küche. Zwischendrin schleicht unsere Katze von einem zum anderen, um sich Milch und Leckerlies verabreichen zu lassen.
Mehr als drei Stunden später, ich war mittlerweile noch schnell beim Bäcker um Brot für das Abendessen zu holen, betrete ich wieder meine Küche, um festzustellen, dass sich mein Mann in sein heimisches Büro verzogen und die Anzahl der Studenten sich verdoppelt hat. Zu Viert wird jetzt an mehreren Modellen gearbeitet.
„Wann müsst ihr denn eigentlich fertig sein?“, frage ich die Studenten.
„Morgen haben wir Präsentation und bis genau null Uhr müssen alle CAD Daten via E-mail übermittelt sein“, erklären sie mir.
„Naja, das sind noch gute fünf Stunden und wenn ihr schon beim Modellbau seid, dann reicht euch die Zeit ja“, erwidere ich.„Hoffentlich!“, meint Timo, wir haben da noch ein paar Änderungen in der Konstruktion zu machen.“„Und damit läuft wieder einmal der Countdown“, denke ich mir und packe meine Einkäufe aus.

„Habt ihr denn keinen Hunger?“, richte ich meine neue Frage an die Studenten.
„Keine Zeit!“, klingt es fast gleichzeitig aus allen Richtungen, d.h. vom Fußboden her, auf dem die Bauteile für die Modelle zugeschnitten werden und vom Küchentisch her, wo man diese Teile zusammenbaut.
Um unsere Studenten, meinen Mann und mich nicht verhungern zu lassen und so wenig wie möglich zu stören, schmiere ich leckere Brote, viertele Tomaten und richte diese mit Gürkchen auf einem Teller an. Der einzige freie Platz in meiner Küche ist jetzt nur noch mein Cerankochfeld, also stelle ich hier alles zusammen mit Getränken hin und lade alle ein zuzugreifen.
Kauend wird weitergearbeitet und immer wieder wandern die Blicke zu unserer Küchenuhr. Irgendwie ahne ich jetzt schon, dass es wieder einmal spannend und ein Wettlauf mit der Zeit wird.
Während Peter und ich uns ins Wohnzimmer verziehen, dringen aus der Küche unterschiedliche Laute herüber. Anscheinend läuft der Küchenfernseher und gleichzeitig die Stereoanlage. Hin und wieder höre ich irgendwelche Diskussionen, die sich um das eine oder andere Bauteil drehen, zwischendurch ertönen in gewissen Abständen immer wieder Zeitdurchsagen, bis dann eine Dreiviertelstunde vor Abgabetermin laute Schimpfkanonen losgelassen werden. Verwundert schauen wir uns an und erkennen, dass sich dort in der Küche irgendwelche Probleme auftun, die anscheinend den Zeitplan in Frage stellen. Schon stürmen auch Timo und seine Kommilitonen in unser Wohnzimmer. Ihnen ist die Verzweiflung ins Gesicht geschrieben.
„Werdet ihr nicht rechtzeitig fertig oder was ist los?“, will ich wissen.
„Das wird nichts“, erklärt Timo und als ich stirnrunzelnd auf die betrübten Gesichter blicke, fügt ein Student hinzu: „Wir sind fertig, aber die E-mail geht nicht raus! Das „nudelt“ jetzt schon 5 Minuten, aber die Datenmenge ist zu groß und die Verbindung zu langsam.“
„Los, auf!“, kommandiert Timo plötzlich. „Packt zusammen, wir düsen in die Uni und schicken von dort die Mail raus!“
In Windeseile schultern alle ihre Rucksäcke und schnappen sich ihre Laptops, Timo sitzt schon im Auto und startet den Motor, dann rasen sie los. Ich marschiere in die Küche, werfe einen Blick auf meine Küchenuhr, die genau 15 Minuten vor Mitternacht anzeigt, bevor mich fast der Schlag trifft. Hier liegt alles kreuz und quer: Papierschnitzel, Kleber, fast fertige Modelle, aufgeschlagene Notizblöcke und Bücher, dazwischen Getränke und verstreute Gummibärchen. So gut es geht versuche ich etwas Ordnung in das Chaos zu bringen. Zwischendurch heftet sich mein Blick immer wieder an meiner Küchenuhr fest. Unbarmherzig gleiten die Zeiger der Zwölf entgegen. Noch drei Minuten. Noch zwei Minuten. Mein Mann fängt meinen Blick auf und sagt nur:
„Wird schon!“
„Noch eine Minute!“, entgegne ich nur.
Ich wage kaum zu atmen, da stehen auch schon beide Zeiger übereinander. Ich lasse mich gerade auf einen Küchenstuhl sinken, da piepst mein Handy:
„Geschafft!“, steht auf dem Display und ich hole erst einmal tief Luft und ein Strahlen erscheint auf meinem Gesicht.
Zehn Minuten später erscheinen die Studenten wieder und bauen bis in die frühen Morgenstunden an ihren Modellen weiter, um nach drei Stunden Schlaf in unseren Gästebetten und einem kurzen Frühstück zur Präsentation in die Uni aufzubrechen.
Unaufhaltsam drehen sich währenddessen die Zeiger unserer treuen Küchenuhr weiter.

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