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In die Jahre gekommen

„Jung bin ich nicht mehr, aber immer noch nett anzusehen. Leider ist mein Geburtsdatum irgendwie in Vergessenheit geraten, genauso wie mein Geburtsort. Wenn ich es mal so gedanklich überschlage, dann müsste ich so langsam aber sicher auf die achtzig zugehen. Meine Haube hat schon ein paar Macken und meine kleine Ablagefläche auch, aber eingestaubt bin ich dank der guten Pflege noch nicht. Mit ein bisschen Politur für das Holz, Farbe für mein Gestell, einem neuen Lederriemen, eine neue Nadel und ein paar Tropfen Öl für die Maschine komme ich doch glatt wieder in Schwung. 

Naja, mit den jungen Dingern kann ich nicht mehr so recht mithalten. Die sind einfach schneller als ich. Aber in meinem Alter ist man eben ein bisschen langsamer. Auch der ganze neumodische Kram ist mir fremd und programmieren lasse ich mich schon gar nicht. Im Leben kommt es nicht immer auf Schnelligkeit an, aber ich muss sagen, Zickzack und Geradeaus klappt immer noch ganz prima bei mir.
Wenn man so wie ich in die Tage gekommen ist, dann denkt man schon gar manches Mal an früher und lässt sein Leben an sich vorüber ziehen. Von Kindheitstagen an habe ich viel gearbeitet, manchmal wurde ich sacht und manchmal schwer und hart getreten. Aber ich habe immer tapfer weiter gearbeitet und unermüdlich meinen Dienst verrichtet. Ja, manchmal gab es kleine Zwischenfälle. Wenn man mir zuviel zugemutet hatte, konnte es schon mal vorkommen, dass es zu Brüchen oder anderen Verschleißerscheinungen kam. In den meisten Fällen jedoch kam nur eine neue Nadel zum Einsatz. Mehrmals wurde ich jedoch in meinem Leben so stark und schnell getreten, dass die Erneuerung des Lederriemens unvermeidbar war. Sparsam war ich mein ganzes Leben lang. Strom und Elektronik sind für mich Fremdwörter. Allein die Antriebskraft meiner Gebieterin und der eigene daraus resultierende Schwung weckte bei mir die Lebensgeister und ließ mich auf Hochtouren laufen. Ohne mich selbst zu loben, kann ich von mir sagen, dass ich meine Arbeit immer zur vollsten Zufriedenheit aller Beteiligten erledigt habe. Ich hatte ein erfülltes Leben. Und nun genieße ich meinen wohlverdienten Ruhestand. Doch es hätte auch anders kommen können. Ob es jetzt Glück, Zufall oder Bestimmung war, lässt sich im Nachhinein schwer sagen. Ich bin jedoch froh, dass es so gekommen ist, wie es jetzt ist.
Ich habe ganz viele Jahre meine treuen Dienste bei einer lieben und fleißigen Frau geleistet. Sie hat mir viel abverlangt. Manchmal musste ich auch nachts arbeiten, wenn die anderen schon schliefen. Dafür konnte ich dann tagsüber ruhen, aber sie musste auch dann arbeiten. Sie versorgte ihren Haushalt, kümmerte sich um ihren Mann und die gemeinsamen Kinder. Die Zeiten, besonders im Krieg und danach, waren hart und alle Menschen mussten schwer arbeiten. Es fehlte an Geld und oft auch an Nahrung und Kleidung. Ohne mich wäre die Familie jedoch noch ärmer gewesen. Ich half beim Überleben. Damals zum Beispiel als des Schusters Kinder neue Kleider brauchten, war ich da und nähte zwei Nächte und zwei Tage. Dafür bekam die Frau, die mich bediente, ein paar neue Schuhe für sich und ihr Kind. Auch die Bäckersfrau hätte ohne mich keine neuen Gardinen und der Metzger keinen neuen Kittel bekommen. Als Gegenleistung gab es Brot und Wurst dafür.
Später, als die Zeiten besser waren, nähte ich das Hochzeitskleid für die liebe Frau oder das Taufkleid für ihr Kind. Manchmal musste ich stopfen, ändern, kürzen oder etwas weiter beziehungsweise enger nähen, aber nichts machte mir so viel Freude wie etwas neu zu erschaffen und damit Menschen glücklich und anziehend zu machen. Für mich gab es nach getaner Arbeit immer ein sanftes Streichen über meine Oberfläche, was für mich einem großen Lob gleich kam.
Die Jahre vergingen und ehe ich mich versah, wurde ich immer weniger gebraucht. Ich wurde nicht mehr so schnell und auch nicht mehr so hart getreten. Naja, wenn ich ehrlich bin, ein wenig müde war ich inzwischen auch geworden. Aber zum alten Eisen gehörte ich trotzdem noch nicht. Auch sprach man jetzt von den neueren und jüngeren Modellen, die mit allen möglichen Raffinessen ausgestattet waren und flink und fehlerlos ihre Arbeit verrichteten. Allerdings muss ich sagen, ohne Strom geht bei ihnen nichts. Ich hingegen war und bin immer und überall einsatzbereit.
Dann kam, was kommen musste. Ein letztes Mal wurde meine Schublade geöffnet, ein Faden durch das Nadelöhr gezogen. Zum letzten Mal wurde ein Stoff unter meinem Füßchen hindurch gezogen und ein letztes Mal vereinten sich Stoff und Faden und ließen mit Hilfe der Nadel eine saubere und gerade Naht entstehen. Danach schloss sich meine Schublade zum vorerst letzten Mal und senkte sich die Haube endgültig über mich.
Die liebe und fleißige Frau, die mich immer bedient hatte, war für immer gegangen. Man hatte sie zu Grabe getragen und ich stand nun unbeachtet in einer Ecke der Wohnung. Traurigkeit breitete sich aus. Ich dachte schon, dass auch mein letztes Stündlein geschlagen hätte und ich sah mich schon beim Sperrmüll. Sicher würde ich zu irgendwelchem Unrat hinzu geworfen. Teile würden abbrechen, mein Holz würde splittern und mein Leben wäre ausgehaucht.
Doch dann geschah das, was ich heute Fügung nennen möchte. Der Ehemann der lieben verstorbenen Frau wollte nicht mehr einsam sein und wagte sich wieder unter Menschen. Er ging hin und wieder in einen Altenclub. Dort traf er eine Oma dessen Enkelsohn gerade mit seiner zukünftigen Frau eine gemeinsame Wohnung beziehen wollte. Leider mangelte es den jungen Leuten nicht nur an Geld, sondern auch an Möbelstücken und anderen Dingen. Die beiden alten Leutchen kamen miteinander ins Gespräch und noch am selben Tag wechselte ich meinen Wohnort, mitsamt dem kompletten Inhalt meiner Schublade. Zuerst kam ich zu der Oma, wurde aber dann abgeholt und landete im Wohnzimmer bei dem jungen Pärchen. Sie polierten und wienerten mich, so dass ich bald wieder in meiner vollen Schönheit erstrahlte. Ich sollte noch dreimal mit meinen Besitzern umziehen. Ich erlebte wie sie eine Familie wurden und ein Baby kam, das Kind heranwuchs und erwachsen wurde. Doch jetzt hat man mir schon seit fast zwanzig Jahren einen Ehrenplatz zugewiesen, an dem ich von jedem der im Haus ein und aus geht, gesehen werde. Ich werde gelobt, gepflegt und gehütet. Man spricht in lobenden Worten über mich und streicht achtungsvoll über meine Haube und manchmal lüftet man diese, um mich stolz zu präsentieren. Und Lottchen, das kleine Kätzchen, streicht schmeichelnd um mein Gestell. Hier bin ich zu Hause, rundum zufrieden und glücklich.“

Und hier noch ein paar Fotos von mir:

Das „Singer“-Zeichen auf der Haube

1200px-Zeichen

Die Nähmaschine

1200px-Maschine m. Gestell

1200px-Naehmaschine 1

Das Zeichen am Gestell

1200px-Gestell. JPG

Das Pedal

1200px-Pedal

Der Schubladeninhalt

1200px-Schubladeninhalt

 

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23 Kommentare

  1. Martina sagt

    Sie ist ein wahres Prachtstück und hat soooo toll aus ihrem Leben berichtet. Ich wurde dadurch in meine Kindheit versetzt. Meine Mutter war Näherin und hat soooo viel genäht. Ich habe das Nähen auch noch so gelernt. Es war gar nicht so einfach, den richtigen Schwung zu bekommen. Das musste man erst lernen. Ja, die neuen Maschinen, was die alles können finde ich schon klasse – auch wenn ich sie nicht bedienen kann, so sehe ich doch oft neidvoll auf die anderen, die soooo tolle Sachen in ihren Blogs zeigen.
    Aber soooo schön, wie DU sind die Neuen alle nicht!!!
    Danke für die wunderbar erzählte Geschichte einer Nähmaschine! LG Martina

    • Astrid Berg sagt

      Ich habe das Nähen schon auf einer elektrischen Maschine gelernt. Aber ich habe mich früher auch schon an dieser oder einer ähnlichen Nähmaschine versucht. Du hast Recht, die Sache mit dem Schwung muss man können. Für uns ist diese Maschine eigentlich nur ein „Schmuckstück“, aber sie hat die Ruhe jetzt auch verdient.
      LG
      Astrid

  2. Was für ein Prachtstück!!! Da traut man sich ja kaum noch etwas anzufassen. Und sie hatten alle ein sehr bewegtes Leben.
    Wer näht denn in unserer heutigen Wegwerfgesellschft noch selbst? Vielleicht kommt das ja auch wieder in Mode, wie das Stricken gerade einen regenrechten Boom ausgelöst hat.

    Liebe Grüße in deinen Tag,
    Anna-Lena

    • Astrid Berg sagt

      Leider habe ich auch schon viele Jahre nicht mehr genäht. Aber vielleicht wäre das im Alter irgendwann mal ein schönes Hobby. Ehrlich gesagt, würde ich dann aber eine der modernen Maschinen benutzen. Trotzdem wird diese alte Nähmaschine bei uns sehr geschätzt und gepflegt. Sie ist eben ein Stück mit Geschichte und beides muss einfach bewahrt werden.
      LG
      Astrid

  3. Liebe Astrid, das ist ein Prachtstück! Es ist schade, dass die heutigen Designs nicht mehr so schön gestaltet sind. Aber ich denke manchmal, so wurde den kleinen Alltagshelferlein auch ihr Wert zugesprochen. Wertvolle Arbeit, wertvolle Maschine, wertiges Aussehen. Sie ist wunderschön und erhielte auch bei mir einen Ehrenplatz. LG Tanja

    • Astrid Berg sagt

      Ja liebe Tanja, sie wird auch bei uns in Ehren gehalten. Es hört sich ganz so an, als hättest du auch so eine alte Nähmaschine. Es gab damals viele davon, aber leider wurden auch viele entsorgt.
      LG
      Astrid

      • Leider nicht, aber ich stehe immer fasziniert und sehnsuchtsvoll vor solch alten Schätzen, weil ich mir immer vorstelle, wem sie wohl gedient haben und welche Geschichten sich damit verbinden. LG Tanja

    • Astrid Berg sagt

      Danke Klaus. Ich wünsche Dir ebenfalls einen schönen Dienstag.
      LG
      Astrid

  4. Hallo Astrid,

    schön ist sie, trotz des Alters 🙂

    Ich habe fast das gleiche Modell, meines ist aus 1901. Mit der Seriennummer kann man das Produktionsjahr auch heute noch finden 🙂

    Mir gefallen diese alten Nähmaschinen, ich habe einige davon und sogar eine Schusternähmaschine aus dem Jahr 1882, einfach schön.

    Liebe Grüße
    Björn 🙂

    • Astrid Berg sagt

      Hallo Björn,
      danke für den Tipp. Ich werde dann mal mit Hilfe der Seriennummer nachforschen, aus welchem Jahr sie genau stammt.
      Ich wundere mich immer welche Schätze Du so hast. Toll!
      LG
      Astrid

    • Astrid Berg sagt

      Hallo Björn,
      ich habe versucht durch die Seriennummer das Alter der Nähmaschine herauszufinden. Ich lag wohl mit meiner Schätzung nicht ganz so schlecht, denn sie scheint zwischen 1900 und 1935 hergestellt worden zu sein. Mehr konnte ich nicht herausfinden. Aber immerhin, das würde ein Alter zwischen 80-115 Jahren bedeuten.
      LG
      Astrid

  5. Liebe Astrid,
    ich habe das Nähen noch auf einer Singer gelernt, die allerdings schon versenkbar war.
    Deine Geschichte hat mich tief berührt – aber vielleicht habe ich heute auch meinen
    rührseligen Tag. Danke für die wunderschönen Fotos.
    Viele liebe Grüße
    Irmi

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Irmi,
      danke für Deine lieben Worte. Als ich meinem Mann die Geschichte vorgelesen habe, hat er gesagt:“Oh wie traurig,-die arme Nähmaschine,so ein schweres Leben hatte sie!“
      Als ich in der 7. Klasse das Maschinennähen gelernt habe, arbeitete ich bereits an einer elektrischen Maschine. Aber ich kann mich erinnern, dass auch noch eine solche Nähmaschine mit Tretpedal im Raum stand.
      LG und eine gute Nacht
      Astrid

  6. Was für ein schönes Schmuckstück. Auf so einem ähnlichen Teil habe ich als Kind meine ersten Nähversuche gestartet 🙂
    LG Eva

    • Astrid Berg sagt

      Da werden Erinnerungen wach, oder?
      Ehrlich gesagt, steht sie auch nur noch als Schmuckstück da. Aber das hat sie sich ja auch verdient, immerhin ist sie doch schon im hohen Rentenalter 😉
      LG
      Astrid

  7. Hallo Astrid,
    eine schöne Geschichte! Ich habe auch noch so eine alte Nähmaschine. Unsere Hausschneiderin hat einige Kollektionen darauf genäht. Heute dient sie nur noch als Schmuckstück, auch wenn sie voll funktionsfähig ist. Mein Vater war Nähmaschinenmechaniker und deshalb wurden bei uns derartige Maschinen sehr gepflegt, wofür ich heute noch dankbar bin!
    Herzliche Grüße
    Regina

    • Astrid Berg sagt

      Hallo Regina,
      das ist ja ein toller Bericht von Dir! Wenn Dein Vater Nähmaschinenmechaniker war, dann hast Du doch sicherlich noch mehr solcher Schmuckstücke. Unsere Maschine ist ebenfalls noch funktionsfähig, dient aber nur noch als Schmuckstück, das hat sie sich aber auch redlich verdient 😉
      LG
      Astrid

  8. Astrid Berg sagt

    Biggi sagt:
    Hallo liebe Astrid,
    oh ja das wäre auch etwas für mich gewesen, schade das es nicht bei uns in der Nähe ist, aber viel schöner ist es sie in Life zu erleben.
    Die alte Singer Nähmaschine ist ja ein Prachtstück, genau so eine hatte meine Oma auch und die wurde leider nach ihrem Tod entsorgt.
    Echt schade, ich hätte sie gerne als Andenken behalten. Meine Oma hat damit alles genäht, Röcke, Blusen, Hosen und sogar Jeans.
    Ich wünsche Dir noch einen schönen Donnerstagabend …
    Liebe Grüße
    Biggi

  9. Astrid Berg sagt

    Liebe Biggi,
    danke für Deinen lieben Kommentar, trotz der technischen Schwierigkeiten, die Dir das Kommentieren erschweren.
    Hautnah die Störche zu erleben, ist natürlich durch nichts zu übertreffen.
    Schade, dass die alte Nähmaschine Deiner Oma entsorgt wurde. Leider erkennt man immer erst später wie wertvoll uns manche Dinge sind und damit meine ich nicht den Geldwert, sondern den ideellen Wert.
    LG
    Astrid

  10. Hebe diesen Schatz bloß gut auf! Ich habe eine alte Naumann im Hausflur stehen. Sie lief bis zuletzt, wurde durch eine elektrische ersetzt. Wenn mal kein Strom da ist und ich müsste unbedingt nähen – sie würde sofort wieder rattern.
    Liebe Grüße von Kerstin.

    • Astrid Berg sagt

      Na klar, dieses Schätzchen hebe ich auf.
      Finde ich toll, dass Du Dich bei Stromausfall sofort wieder an Deine alte Nähmaschine setzen würdest. Manchmal lohnt es sich eben Dinge aufzuheben.
      Ein schönes Wochenende und LG
      Astrid

  11. wie ich sehe liebe Astrid hatte ich diese so entzückend lebendige Geschichte vom Juni 2015 noch nicht gelesen! Schande über mich, (sie hatte sich wohl versteckt:-))
    Du hast aber auch wirklich eine tolle Gabe, den Dingen durch deine Erzählungen Leben einzuhauchen!—
    erst vor wenigen Tagen saß ich bei den nachbarn im angebauten überdachten Sonnenterrassenhäuschen mit Blick auf den Garten und wir erzählten uns von früher Geschichten wobei ich erstaunt bemerkte an welchem TISCH ich hier saß.
    !!
    sie hatten auf den UNterbau einer alten Singernähmaschine Bretter in Naturholz angerichtet, sie quai damit geschmückt um sie aufzubewahren und die kleine alte Nähmaschine mit ihrem Tretgestell samt Haube auf dem Tisch die mit einem Blumenkörbchen geschmückt war, – hörte aufmerksam zu.
    so entstehen Geschichten und ich erzählte meine, wie ich zu meinem ersten Ballkleid in ROT kam, das mir meine Schwiemu selbst auf so einer alten Singer erstellt und kreiert hatte als ich gerade mal 19 war..
    Es war wunderschön!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!und perfekt genäht – wie ein kleiner goßer Traum….
    schöne Geschichte, sie hat mich sehr berührt…
    Grüß die deine….Angel

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