Erdachtes & Erzähltes, Kurzgeschichten
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Dumm gelaufen

Auf die Idee mit der folgenden Geschichte kam ich neulich beim Kaffeetrinken. Ich hatte mich am Nachmittag mit befreundeten Frauen getroffen und eine von ihnen erzählte eine wahre Begebenheit aus ihrem Bekanntenkreis. Ich fand die geschilderte Situation so lustig, zumindest für Außenstehende, dass man sie meiner Meinung nach einfach festhalten muss. Der Betroffene, so nehme ich an, kann sicherlich inzwischen auch darüber lachen. Meine Geschichte, die Namen und Personen sind frei erfunden, aber es steckt ein wahrer Kern darin. Auch sind mir die tatsächlich in die Situation verwickelten Personen nicht bekannt. Lange Vorrede, aber jetzt geht es los:

Es ist der Morgen eines ganz gewöhnlichen Wochentages. Genauer gesagt, es ist Mittwochmorgen um 7:00 Uhr. Nils und Laura haben keine außergewöhnlichen Termine in ihrem Kalender stehen und auch die Töchter Anna und Hanna haben in der Schule keine Klassenarbeit zu befürchten. So geht alles seinen geregelten Gang, – fast. 
Zu erwähnen bleibt allerdings noch, dass die Familie in der Großstadt in einer modern ausgebauten Altbauwohnung im dritten Stock wohnt. Obwohl alles modernisiert und auf dem neuesten Stand gebracht wurde, befinden sich auf den Zwischenstockwerken noch jeweils kleine Kämmerchen. Hier waren und sind immer noch Toiletten untergebracht. Zwar haben die einzelnen Wohnungen neben einem geräumigen Badezimmer auch noch jeweils ein separates Gästebad, aber trotzdem hat man die ehemaligen Toiletten im Treppenhaus nicht nur erhalten, sondern auch noch mit neuen Sanitäranlagen ausgerüstet. 
„Nicht schlecht“, hatten sich Nils und Laura vor zehn Jahren gedacht, als die Töchter noch klein waren. „Dann gibt es wenigstens immer eine Ausweichmöglichkeit.“
Inzwischen sind die beiden Mädchen in, beziehungsweise gerade aus der Pubertät. Wie es nun mal in einer Familie mit überwiegend weiblichen Mitgliedern so ist, ist das Badezimmer immer besetzt. Das Gefühl hat jedenfalls Nils immer öfter. So hat er es sich zur Gewohnheit gemacht bei einem solchen Engpass das Zwischenstockwerk aufzusuchen.
So geht es ihm auch heute. Alle sind mit ihren Aufhübscharbeiten in den Badezimmern beschäftigt, aber er verspürt einen Drang unbedingt die Toilette aufzusuchen. Aus einem Badezimmer dringt das Geräusch von zwei Föns und aus dem anderen das Rauschen der Dusche. 
„Gut, dass wir das kleine Stübchen haben“, denkt er lächelnd und schnappt sich die Tageszeitung. So marschiert er lediglich mit der Boxershorts bekleidet in den Flur hinaus.
„Sie sind alle noch beschäftigt“, überlegt er und zieht die Wohnungstür hinter sich zu.
Da die Tageszeitung am heutigen Tag keine allzu interessanten Neuigkeiten zu berichten hat, nickt Nils auf seinem Thron für ein Weilchen ein. Als er die Augen wieder öffnet, hat er keine Ahnung wieviel Zeit inzwischen verstrichen ist, denn auch die Uhr hat er nicht dabei. 
„Ach, bestimmt war es nur ein kleiner Sekundenschlaf“, besänftigt er sich selbst, denn zu spät in die Arbeit möchte er auch nicht kommen. 
Voller Elan nimmt er die wenigen Stufen zur Wohnung und klopft an. Das macht er immer so, denn wer nimmt schon den Wohnungsschlüssel mit auf die Toilette. Niemand. Nils auch nicht.
„Nanu?! Sollten meine Damen noch immer mit dem Föhn beschäftigt sein?“
Auch auf sein zweites, etwas lauteres Klopfen reagiert niemand.
„Jetzt ist guter Rat teuer.“, sagt sich Nils, aber sogleich hellt sich seine Stimmung wieder auf. Ihm ist eingefallen, dass die Nachbarin einen Stock tiefer einen Ersatzschlüssel der Wohnung hat.
„Dann werde ich die ältere Dame mal aus dem Bett klingeln müssen“, beschließt er und stürmt nach unten. Hoffentlich bekommt sie keinen Schreck, wenn ich so halbnackt vor ihrer Tür stehe!“
Darüber hätte sich Nils gar keine Gedanken machen brauchen, denn hier wird sein Klopfen und Klingeln ebenso wenig erhört wie in seiner eigenen Wohnung. 
„Ach ja, wie konnte ich das vergessen, sie ist doch gestern für ein paar Tage zu ihrer Tochter nach Wien gefahren. Aber wozu wohnt man in einem Mehrfamilienhaus?“
Wieder läuft Nils noch eine Treppe weiter nach unten. Gerade als er die Hand  zur Klingel führen will, blitzt ein Gedanke durch seine Gehirnwindungen:
„Die Wohnung ist leer. Letzte Woche sind die Meiers doch ausgezogen, weil sie ihren wohlverdienten Lebensabend auf Teneriffa verbringen möchten.“
Nils kratzt sich am Kopf und überlegt.
„Ganz unten im Keller wohnt noch ein Student. Tut mir leid, aber der muss heute mal früher aus den Federn.“
Schon hechtet Nils in den Keller, wo auf sein Klopfen ebenfalls nicht reagiert wird. 
„Jetzt hat sich wohl die ganze Welt gegen mich verschworen. Stimmt, er hat mir gestern Abend von seiner Prüfung erzählt, die er in aller Herrgottsfrühe hat. Der ist also schon weg. Na gut“, überlegt Nils weiter. „Inzwischen sind meine Damen sicherlich im Bad schon fertig und erwarten mich.“
Also nimmt Nils die Beine in die Hände und springt die Stufen zum dritten Stock wieder nach oben, wo er allerdings soviel klopfen und klingeln kann wie er will, die Tür öffnet sich nicht. Auch dringt keinerlei Laut nach draußen zu ihm.
„Das kann ja wohl nicht sein! Sollten Anna und Hanna schon in der Schule und Laura in der Arbeit sein? Haben sie womöglich gedacht, er habe bereits das Haus verlassen?“
Als Nils die Kirchturmuhr achtmal schlagen hört, wird ihm klar, dass sein Sekundenschlaf auf der Toilette sich doch eher über Minuten erstreckt haben musste. Schlagartig wird ihm seine missliche Lage bewusst.
„Ich muss einen Passanten anhalten und ihn bitten meine Frau am Arbeitsplatz anzurufen. Sie muss kommen und mir die Wohnung aufschließen.“
Mit schlechter Laune, gesenktem Blick, in Boxershorts, nackten Beinen, bloßem Oberkörper und barfuß marschiert er durch das Treppenhaus nach unten. Er öffnet die seltsamerweise unverschlossene Haustür und wartet auf dem Bürgersteig auf Hilfe von jemand, der weder erschrocken reagiert noch ihn in seiner peinlichen Situation auslacht. 
„Solche Menschen soll es ja geben“, hofft er und wird auch bald darauf in seinem Glauben an das Gute im Menschen bestätigt.
Doch eine gute halbe Stunde muss er noch ausharren, bis seine Frau ihn erlöst. Grinsend entlassen die zufällig vorbeigekommenen Polizisten den fast unbekleideten Mann aus ihrem Auto und übergeben ihn in die Obhut seiner Frau. 

 

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