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Mister Tremblehand

Ich stelle mir manchmal vor, dass es in einer Ecke meines Gehirns einen riesigen Schrank mit unzähligen Fächern und Schubladen gibt. Manchmal öffnet sich ganz unvermittelt sozusagen auf Knopfdruck eine dieser Laden. Hierin liegen wahre Schätze verborgen. Sie verweilen dort zum Teil schon seit mehreren Jahrzehnten. Es sind meine Erinnerungen.

Eine davon glaubte ich schon verloren zu haben, doch dann geschah etwas, das sie auf wundersame Weise wieder  zum Leben erweckte. Plötzlich stand diese Erinnerung wieder klar und deutlich vor meinem geistigen Auge. Es war als hätte man den passenden Schlüssel gefunden, das Fach öffnete sich und gab frei, was darin so lange verborgen war.
So geschah es auch neulich mitten in Potsdam.
Ich besuchte mit meinem Mann diese schöne Stadt und inzwischen waren wir mit einigen Tüten und Taschen bepackt. Als ich nur noch schnell einmal einen Blick in ein Schuhgeschäft werfen wollte, dachte mein Mann sich wohl, dass dies etwas länger dauern könnte und machte mir einen Vorschlag:
„Ich bringe schon einmal die Einkäufe ins Auto, dann kannst du in aller Ruhe das Schuhgeschäft durchforsten. Wir treffen uns gleich wieder hier.“
„In Ordnung“, meinte ich zufrieden, denn ich brauchte unbedingt noch ein Paar Schuhe, die ich meinen vielen anderen Exemplaren zu Hause hinzufügen konnte. „Es dauert bestimmt nicht lange.“
So ging jeder seines Weges. Unser Auto stand nur wenige Gehminuten entfernt und das Schuhgeschäft war relativ klein und überschaubar. Es würde also alles zeitlich hervorragend passen. So dachte ich es mir zumindest, doch es kommt im Leben meistens anders als man denkt.
Ich probierte mal diesen und mal jenen Schuh an und wurde schließlich auch fündig.
„Das klappt ja prima!“, überlegte ich als ich an der Kasse bezahlte. „Bestimmt steht Peter schon vor der Tür und wartet auf mich.“
Als ich an diesem unerwartet sonnigen Tag wieder auf die Straße hinaus trat, sah ich mich nach allen Richtungen um. Weder links noch rechts konnte ich meinen Mann erblicken.
„Ob er wohl selbst noch in einem Geschäft etwas besorgt?!“, stellte ich mir selbst die Frage.
Die Minuten vergingen und langsam wurde ich ein bisschen ärgerlich. Immerhin hatte ich mich vorhin im Schuhgeschäft ziemlich beeilt und jetzt stand ich hier herum und musste auf ihn warten. Je länger ich meinen Blick in die Richtung schweifen ließ, aus der er kommen müsste, umso unwohler wurde es mir. Mittlerweile war es mir schon ganz flau im Magen. Gerade als ich dachte: „Da stimmt etwas nicht!“, sah ich ihn um die Straßenecke biegen. Ein freudiges Lächeln breitete sich auf meinem Gesicht aus, das allerdings gleich in ein Stirnrunzeln überging.
„Warum läuft er denn im Schneckentempo? Er kommt ja gar nicht voran.“, fragte ich mich insgeheim.
Langsam und bedächtig kam er näher und ich konnte ihn auch besser erkennen. Sein Bewegungsapparat irritierte mich.
„Was ist denn mit seinem Bein los? Wieso läuft er so komisch?“
Mein Peter schleifte sein rechtes Bein irgendwie nach und setzte den Fuß sehr seltsam auf. Der Fuß war ziemlich schräg nach außen gerichtet.
„Da ist was passiert!“, durchfuhr es schlagartig meine Gehirnwindungen.
Beunruhigt ging ich ihm entgegen. Jetzt konnte ich auch sein schmerzverzerrtes Gesicht erkennen.
„Was ist denn mit dir los? Warum läufst du so seltsam?“, überschüttete ich ihn mit Fragen.
Er deutete allerdings nach unten auf seinen Fuß und meinte tapfer:
„Och, halb so wild. Ich hab mir nur den Fuß angestoßen.“
Als ich allerdings meinen Blick senkte, sah ich sofort das ganze Ausmaß. Aus seinen bequemen offenen Sommerschuhen, die er gern zu seinen kurzen Hosen trägt, ragte ein blutüberströmter großer Zeh hervor.
„Um Himmels Willen!“, entfuhr es mir. „Du musst sofort zum Arzt! Das muss bestimmt genäht werden!“
„Quatsch!“, erklärte mir mein Mann heldenhaft. „Ich brauch nur was zum Verbinden, sonst mach ich mir die ganzen Schuhe blutig. Wenn ich eine Art Druckverband mache, dann stillt sich die Blutung schon und das abstehende Stückchen Fußzeh wächst auch wieder an.“
Während ich meinen Mann die Straße entlang schleifte und nach einem Hinweisschild für einen Arzt oder zumindest nach einer Apotheke Ausschau hielt, erzählte er mir, was ihm in den wenigen Minuten, die ich nicht an seiner Seite geweilt hatte, passiert war.
„Ich lief zum Auto, das ja nur ungefähr drei Minuten von hier entfernt steht. Kurz bevor ich den Wagen erreichte, kollidierte meine große Fußzehe plötzlich mit einer riesigen quadratischen Betonplatte, die mitten auf dem Gehweg stand. Es war eine Betonplatte, in der normalerweise ein großer Sonnenschirm platziert wird. Da aber weder ein Sonnenschirm darin steckte, noch Tische oder Stühle darum herum standen, muss ich dieses Ding glatt übersehen haben. Die Kollision war derart heftig, dass ich stolperte und hinfiel. Passanten wollten mir sofort auf die Beine helfen, aber ich musste mich erst einmal mit dem Schmerz in meinem Zeh auseinandersetzen.“
„Warum stand dieses Monstrum denn mitten auf dem Bürgersteig?“, wollte ich genauer wissen.
„Da war vermutlich mal ein Café. Ich habe auch geklopft, aber es war niemand da. Es sah ziemlich leer und verlassen aus.“
Inzwischen hatten wir zwar keinen Arzt, aber eine Apotheke ausfindig gemacht, wo ich Verbandsmaterial kaufte, man mir Desinfektionsmittel zur Verfügung stellte und die Fußzeh meines Mannes einen schönen dicken Verband erhielt.
Als wir kurz danach den Zeh bewundernd wieder auf dem Gehweg standen, machte es plötzlich in meinem Kopf „Klick!“ und es öffnete sich einer dieser geheimnisvollen Schubladen in meinem Kopf. Vor dem geistigen Auge zeichnete sich sofort ein Bild aus einem ehemaligen Englischbuch aus meiner eigenen Schulzeit ab. Da wir unsere ersten Englischkenntnisse nur fünfzehn Kilometer voneinander entfernt, erlangt haben, benutzten wir auch die gleichen Bücher. Deshalb fragte ich meinen Mann, der mittlerweile mit seinem Verband wieder recht glücklich in die Welt blickte:
„Kennst Du noch „Mister Tremblehand“ aus unserem Englischunterricht? Zumindest sieht dein Fußzeh im Moment so aus, wie wohl seiner auch ausgesehen haben mag.“
Ich konnte deutlich erkennen, wie es im Gehirn meines Mannes zu rattern begann. Anscheinend suchte er gerade nach der richtigen Schublade, in der auch bei ihm das Bild von Mister Tremblehand versteckt lag.
Und stellt Euch vor: Er fand sie auch und konnte sie öffnen!
„Das war doch der ängstliche Mann, der immer eine Pistole unter seinem Kopfkissen liegen hatte“, begann er.
„Ja genau. Eines nachts wachte er auf und sah in der Dunkelheit etwas am Fußende des Bettes. Er dachte, es sei ein Einbrecher, zog die Pistole unter seinem Kopfkissen hervor und schoß mit zitternder Hand.“
„Er traf seinen Fußzeh!“, grinste jetzt auch mein Mann und warf einen fast stolzen Blick auf seine eigene dick eingewickelte Fußzeh.
Beide wissen wir nicht, was aus Mister Tremblehand und seinem dicken Onkel geworden ist, aber zumindest der Fußzeh meines Mannes sieht inzwischen fast wieder wie neu aus.

 

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14 Kommentare

  1. Autsch!
    Liebe Astrid, bei deinen Schilderungen taten mir aus lauter Empathie jetzt gleich sämtliche meiner eigenen Zehen weh! (Eigentlich nicht nur die Zehen, der Schmerz ging bis rauf in die Knie!) Und zugleich musste ich denken: In Amerika wäre daraus eine Millionenklage gegen den Lokalbesitzer geworden, der seinen Schirmständer so gefährlich deponiert hatte (oder es zumindest zugelassen hatte, dass ihn jemand anders so deponiert) oder – falls das Cafe völlig verwaist ist – gegen die Stadtverwaltung, die den gefährlichen Gegenstand noch nicht vom Gehweg entfernt hat! Ich hoffe, der Zeh deines Mannes ist mittlerweile wieder gut verheilt.
    Herzliche Herbstsonntagsgrüße aus Rostrosenhausen,
    Traude
    http://rostrose.blogspot.co.at/2017/09/island-kreuzfahrt-teil-4-zwischenstopp.html
    PS: Ja, z.B. eine kleine Mittelmeerkreuzfahrt zum Mal-dran-Gewöhnen kann nicht schaden. Unsere erste Kreuzfahrt dauert auch nur eine Woche. Und ich glaube nicht, dass ich persönlich gern länger als zwei Wochen auf so einem Monsterschiff verbringen würde…

    • Astrid Berg sagt

      Zunächst haben wir uns auch geärgert und hätten gerne den Cafébesitzer zumindest auf das Gefahrenpotential hingewiesen, aber es sah ja alles ziemlich verwaist aus. Mittlerweile ist der Zeh wieder tipptopp in Ordnung und der Ärger verraucht.
      Ich schicke Dir liebe Grüße
      Astrid

  2. Liebe Astrid,
    obwohl der Anlass (zumindest für Deinen Mann) nicht so erfreulich war, die Geschichte aus der Erinnerung ist einfach herrlich.
    Angenehmen Sonntag und lieben Gruß
    moni

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Moni,
      Schmerz und Ärger sind längst vorbei und inzwischen lacht selbst mein Mann darüber. So haben wir allerdings auch wieder einmal an unseren Englischunterricht und an Mister Tremblehand gedacht. Manchmal kommen längst vergessene Dinge wieder aus den Schubladen unseres Gehirns hervor und versetzen uns für einen kurzen Moment viele Jahre zurück. 🙂
      LG
      Astrid

  3. Oh je, so kann es gehen!
    Ich habe mir am Montag eine Glasplatte auf den Mittelfuß fallen lassen, Platte heil, Fuß geprellt. War schön dick und bunt, aber nun geht es wieder.

    Passt gut auf euch auf!!!
    Liebe Grüße
    Anna-Lena

    • Astrid Berg sagt

      Autsch, das war sicher nicht lustig. Eine Prellung schmerzt sehr und auch lange. Ich hoffe, Du kannst inzwischen wieder gut auftreten und auch über dieses Missgeschick lachen.
      Liebe Grüße aus einem sehr regnerischen Cottbus ins nicht so ferne Berlin
      Astrid

  4. Liebe Astrid, sei herzlich gegrüßt.
    So ein schlimmes Zeh-weh-weh, Deines Mannes, lößt bei Dir eine nette Erinnerungs-Geschichte aus.
    Dein Mann muß ja wie „Hans guck in die Luft“ gelaufen sein.
    Ich hoffe, daß Deinem Mann Schmerzen nicht zu lange zu schaffen gemacht haben.
    Alles Gute und tschüssi, Brigitte

    • Astrid Berg sagt

      Ich denke, mein Mann war wohl ganz in seinen Gedanken versunken, sonst hätte er doch die Platte sehen müssen. Aber manchmal läuft es einfach dumm. Die Erinnerungsgeschichte kam mir ja erst in den Sinn, als er verarztet war und wir gemeinsam seinen verbundenen Zeh bewunderten. Inzwischen ist alles wieder prima verheilt und die Schmerzen sind vergessen.
      Sei herzlich gegrüßt aus dem regennassen und herbstlichen Cottbus
      Astrid
      P.S. Entschuldigung, aber ich hatte vorhin vom falschen Account geschrieben.

  5. Oh weh, das war ja hart. Eine ähnliche Erfahrung habe ich als Kind gemacht. Sommer, barfuß, ich schaukelte. Und blieb mit dem großen Zeh auf der Erde hängen. Habe mich schlimm verletzt, ein Stück der Kuppe hatte es aufgerissen. Da muss ich heut noch dran denken, wenn ich Kinder schaukeln sehe.
    Liebe Grüße von Kerstin.

    • Astrid Berg sagt

      Ohje, ich kann mir vorstellen, dass es weh getan hat. Manche Dinge prägen sich ein und man vergisst sie ein Leben lang nicht. Deine Kinder durften bestimmt niemals barfuß schaukeln, das könnte ich wetten.
      LG
      Astrid

  6. Liebe Astrid, auweia, das tut ja doppelt weh, wenn ich das lese. Dein Mann und der Mister Tremblehand. Und Fußschmerzen gehen zu Herzen. Herrlich, was du aus deinem Gehitnstübchen herausgeholt hast. Liebe Grüße Eva

    • Astrid Berg sagt

      Ja, man sollte es nicht verkennen, aber in unserem Oberstübchen haben wir alle wahre Schätze, die urplötzlich durch irgendeinen Auslöser wieder zum Vorschein kommen. Ist das nicht toll?!
      Liebe Grüße zur Nacht
      Astrid

    • Astrid Berg sagt

      Hallo lieber Klaus,
      eine Venenentzündung ist ganz sicherlich sehr schmerzhaft. Ich hoffe Du hast sie gut überstanden, bzw. bist wieder auf dem Weg der Besserung.
      Ich wünsche Dir ein schönes Hebstwochenende und gute Besserung
      Astrid

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