Kurzgeschichten
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Die kleinen Beißerchen

Rund um die kleinen Beißerchen gibt es eine Menge Redensarten, die wir auch alle kennen und hin und wieder auch benutzen. So beißt man sich manchmal an einem kniffeligen Problem regelrecht die Zähne aus. Hin und wieder muss man die Zähne zusammenbeißen und durch eine schwierige Situation hindurch. Auch einer Person auf den Zahn fühlen oder jemanden einen Zahn ziehen, ist manchmal äußerst wichtig. Sollte uns jedoch jemand die Zähne zeigen, so reagieren wir vielleicht sogar mit Zähneknirschen oder Zähneklappern. Unangenehm wird es, wenn wir nichts zwischen die Zähne bekommen, nichts zu beißen haben oder es gerade mal für einen hohlen Zahn reicht.

Wieso fallen mir heute ausgerechnet diese Redewendungen ein?
Heute ist Sonntag und ein wunderschöner Februartag. Die Sonne strahlt vom leuchtend blauen Himmel herab und man könnte meinen es seien die ersten Frühlingsboten.
„Lass uns dieses schöne Wetter ausnutzen und einen ausgiebigen Spaziergang machen!“, schlage ich meinem Peter vor, der ebenfalls nicht abgeneigt ist. So setzen wir uns ins Auto und fahren in den Spreewald, der etwa 20 Minuten von unserem Wohnort entfernt ist und immer einen Ausflug wert ist, egal zu welcher Jahreszeit. Wir laufen und laufen und spüren wie gut uns die Luft tut, aber plötzlich spüren wir auch ein Loch im Bauch.
„Ich brauch jetzt unbedingt was zum Beißen!“, verkündet mir Peter etwa eine Stunde später. „Und Durst habe ich auch!“
„Dann lass uns wieder umkehren und in ein Café gehen“, gehe ich bereitwillig auf seinen Vorschlag ein, denn auch ich verspüre Hunger. Gesagt, getan. Alle Welt scheint heute auf den Beinen zu sein, um die wenigen Sonnenstunden zu genießen. Auch in dem Café, das wir uns aussuchen, ist ein großer Andrang, trotzdem haben wir schon bald die gewünschten Speisen und Getränke auf unserem Tisch stehen und lassen es uns schmecken. Während ich den letzten Schluck meines Schokomacchiatos trinke, schweift mein Blick umher. Ich liebe es Leute zu beobachten und meinen Gedanken freien Lauf zu lassen. So fällt mein Blick auf einen älteren Mann, oder besser gesagt, auf dessen Hände. Noch präziser: Auf das, was er in den Händen hält.
„Oh nein!“, durchzuckt der Schreck mich.
Innerhalb eines Bruchteils einer Sekunde wende ich meinen Blick wieder ab. Hätte er in der Nase gebohrt, hätte ich wahrscheinlich ebenso verschämt weggeschaut wie jetzt.
„Ich kann mich nur verguckt haben“, überlege ich insgeheim, weiß aber genau, dass es real war, was ich gesehen habe und so flüstere ich Peter ins Ohr: „Schau doch mal da drüben hin!“
„Wieso, was ist denn da?“, fragt er mich und wendet seinen Kopf nach links hinten, allerdings nicht gerade unauffällig. „Ich seh‘ nichts!“
„Der Mann dort“, flüstere ich, „hat mir gerade seine Zähne gezeigt.“
Da ich seinen fragenden Blick sehe, der mir sagt, dass mein Mann keineswegs meine Botschaft verstanden hat, führe ich meine Erläuterungen etwas weiter aus. Allerdings immer noch in einem sehr leisen und diskreten Tonfall, drehe mich jedoch vorsichtshalber so, dass ich nicht in die Richtung des besagten Mannes schauen muss.
„Er hat sein Gebiss heraus genommen und mit der Gabel anscheinend etwas zwischen den Zähnen heraus gepult.“
Inzwischen habe ich meinen ersten Schrecken überwunden und muss lachen.
„Da kannst du aber froh sein, dass du deinen Kuchen schon verspeist hast!“
„Ich hätte jetzt nichts mehr herunter gebracht, mir ist nämlich der Appetit vergangen“, sage ich und füge noch hinzu:
„Was macht eigentlich deine Zahnschiene?“
„Welche Zahnschiene?“, wundert Peter sich.
„Na, deine Aufbeißschiene!“
„Ach die“, grinst mich Peter jetzt an.
Vor ungefähr zwanzig Jahren hat mein Göttergatte nämlich von unserer Zahnärztin eine Aufbeißschiene verordnet bekommen, weil er damals angeblich schon so abgenutzte Zähne hatte wie ein Achtzigjähriger. Laut den Vermutungen der Ärztin würde er nachts mit den Zähnen knirschen, was ich jedoch ehrlich gesagt noch niemals vernommen habe. Wahrscheinlich bin ich auf einem Ohr taub und auf dem anderen höre ich nichts. Seltsamerweise höre ich ihn aber Nacht für Nacht schnarchen.
„Nachdem mir Olaf erzählt hat, dass er auch so eine Schiene verordnet bekommen hat und sie gleich weggeworfen hat, habe ich sie ebenfalls unbenutzt in irgendeine Ecke geschmissen und seither niemals wieder gesehen“, erklärt er mir.
„Also in irgendeiner Ecke hätte ich sie sicherlich gefunden“, versichere ich ihm. Wahrscheinlich hast du sie gleich richtig entsorgt und in den Müll geworfen!“
„Kann gut sein! Na und, jetzt hab ich also schon Zähne wie ein Hundertjähriger, jedenfalls rein rechnerisch“, erläutert mir Peter. „Aber immerhin habe ich sie noch und kann auch noch hervorragend zubeißen und habe mir auch noch an nichts die Zähne ausgebissen. Was will ich mehr?“
Stimmt, was will man mehr ?!
So ist das eben mit den Zähnen: Erst sind wir mächtig stolz darauf, wenn wir die ersten Zähnchen bekommen. Wir haben Schmerzen und müssen in diesem zarten Alter schon die Zähne zusammenbeißen, die wir zu diesem Zeitpunkt ja eigentlich noch gar nicht haben. Dann freuen wir uns, wenn endlich das Gebiss vollständig ist und dann…
Ja, dann freuen wir uns, wenn endlich ein Zahn nach dem anderen ausfällt und die zweiten Zähne kommen.
„Weißt du noch als Timo sich einen Zahn selbst ziehen wollte?“, frage ich jetzt Peter.
„Kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich weiß nur, dass du mich irgendwann im Büro angerufen hast und mir erzählt hast, dass du den ersten Milchzahn bei ihm siehst, aber vom Zähneziehen weiß ich nichts. Erzähl mal!“
„Genau, den ersten Zahn habe ich am 12.2.1990 entdeckt, das weiß ich so genau, weil ich es erst vor ein paar Tagen in einem alten Notizbuch gelesen habe und kurz nach dem Ersten, habe ich auch schon den Zweiten entdeckt“, kläre ich Peter auf. „Das ist also jetzt ziemlich genau 25 Jahre her.“
„Aber das mit dem Zahnziehen war dann ein paar Jahre später : Timo hatte einen Wackelzahn und ich hatte ihm eine Geschichte vorgelesen, in der ein Junge vergeblich, aber mit allen Mitteln versucht hatte sich selbst einen Zahn zu ziehen.“

Nachdem Timos Zunge beim Rauswurf des Milchzahnes kläglich versagt hatte, fragte ich unseren Sohn, ob ich den Zahn mit einem Faden ziehen sollte. Doch das wollte er nicht. Lediglich den Faden durfte ich ihm um den Zahn binden, den Rest wollte er selbst erledigen.
„Anscheinend hat ihn die Geschichte beeindruckt und er wollte es selbst versuchen“, gibt Peter eine Erklärung für Timos Verhalten.

„Nach ein paar kläglichen Versuchen, hat er jedoch aufgegeben“, berichte ich. „Ich konnte ihn allerdings überreden einen Apfel zu essen und damit erledigte sich die Sache von alleine. Ein kräftiger Biss in den Apfel und der Zahn steckte in diesem. Timo war hinterher mächtig stolz.“
Seine Milchzähne haben wir dann in einer hölzernen Zahnbox gesammelt.
„Tja, wenn wir wieder alle unsere zweiten Zähne verloren haben, bekommen wir dann die endgültigen und letzten Zähne, die sogenannten Dritten. Die sind meistens schöner als es unsere eigenen waren. Also was soll’s“, stellt Peter fest. „Und die können wir auch mit anderen tauschen, nach dem Motto, was mir ist, ist auch dir!“
„Igitt!, rufe ich aus. „Komm ja nicht später einmal auf so eine Idee!“

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