Kurzgeschichten
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Die Dreivasengeschichte

Ich habe einen wunderschönen Blumenstrauß geschenkt bekommen und schon nimmt die Geschichte ihren Lauf. Was jetzt folgt kennt wahrscheinlich jeder und trotzdem ist es anders:
Die Blumen sind eine Augenweide und das sollen sie auch noch lange bleiben. Also brauchen sie jetzt und sofort Wasser. Ich gehe zu meinem Schrank, um das passende Gefäß zu suchen. Vasen habe ich eigentlich genug, aber …
Als erstes schiebe ich die große, schwere Glasvase zur Seite.
„He!“, ruft sie mir entgegen. „Mich schiebst du immer nur zur Seite. Warum willst du mich nie?“
„Du bist zu groß“, antworte ich in Gedanken.
„Nein, du magst mich einfach nicht. Dabei bin ich ein Erbstück und zwar von Tante Leni.“
„Genau“, denke ich. „Tante Leni!“
Ich schaue in eine andere Ecke meines Hauswirtschaftsraumes. Dort hängt ebenfalls ein Erbstück von ihr. Ein Bild, das einen Clown zeigt.
Tante Leni gehörte zu der Familie meines Mannes. Sie war eine lustige Nudel, wie man so schön sagt. Untrennbar mit ihr verbunden ist der Clown August und der Ententanz, aber das ist eine andere Geschichte.
Leider benutze ich ehrlich gesagt, ihre Vase nicht sehr oft. Meistens ist sie zu groß, – und zu schwer ist sie mir auch. Obwohl ich sie also sehr, sehr selten in Gebrauch habe, möchte ich sie nicht entsorgen. Sie hat sozusagen als schönes Andenken ihre Daseinsberechtigung.
Die Vase, die ich für meinen Blumenstrauß nehmen möchte, steht natürlich ganz hinten, – wie auch immer sie dort hin diffundiert ist, kann ich mir im Moment nicht erklären. Ist auch egal. Fakt ist, dass ich erst einmal das halbe Fach ausräumen muss, um sie herauszunehmen. Dabei stoße ich auf ein weiteres für uns kostbares Erinnerungsstück.
„Mich hast du noch niemals benutzt!“, schreit es mir erbost entgegen. „Wenn deine Mutter mich damals nicht aufgehoben hätte, wäre ich schon längst nicht mehr da.“
„Das stimmt“, überlege ich.
Damals, das war am 26.6.1986, also vor dreißig Jahren. Wir hatten am Vormittag standesamtlich geheiratet und am Abend fand unser großer Polterabend statt. Wie es sich gehört, kamen alle Gäste mit Porzellanteilen zum Poltern, denn bekanntlich bringen diese Scherben ja Glück. Und genau das wünscht man dem Brautpaar, – ein gemeinsames Leben voller Glückseligkeit.
„Du hattest aber einen großen Überlebenswillen“, schicke ich meine Gedanken der weißen Porzellanvase entgegen.
Keiner von uns weiß mehr, wer diese Vase mitgebracht hat und ob derjenige oder jemand anders es überhaupt bemerkt hatte, dass sie beim Poltern nicht kaputt ging. Als wir alle Scherben gemeinsam wegkehrten, entdeckten wir die unversehrte Vase mit dem Hasia Sprudel Motiv auf der Vorderseite. Vielleicht hätten mein Mann und ich sie sogar entsorgt, hätte meine Mutter nicht vehement protestiert.
„Die hat das Poltern überlebt und die hebe ich für Euch auf. Irgendwann freut ihr euch darüber!“
Sie stellte sie mit unverwüstlichen Rosen in ihr Wohnzimmer. Auch diese Vase ist im Grunde genommen nicht unser Geschmack und wahrscheinlich war sie auch nicht der Geschmack unseres Polterabendgastes. Sonst wäre sie ja nicht auf dem Scherbenhaufen gelandet. Sie begleitet uns seither sozusagen als guter „Poltergeist“ durch unser Eheleben.*
„Ach“, denke ich, „wenn ich schon einmal dabei bin und in Erinnerungen schwelge, dann gehört auch noch eine dritte Vase dazu.
„Hier, ich bin jetzt an der Reihe!“, ruft mir eine kleine Bleikristallvase entgegen.
„Ich habe ebenfalls eine schöne Geschichte!“
Richtig, sie ist seit vielleicht drei oder vier Jahren in unserem Besitz.
„Ich finde dich wunderschön und du zauberst mir immer wieder ein Lächeln ins Gesicht“, gestehe ich ihr in meinen Gedanken.
Nein, eigentlich sollte ich nicht von einem Lächeln sprechen, sondern eher von einem breiten Grinsen. Ich muss mich und meine eigene Bl…heit belächeln:
Wir waren, wie seit vielen Jahren regelmäßig, wieder einmal in Bangkok. An einem freien Nachmittag durchstreiften wir eine Mall. In einer der obersten Stockwerke dieses Einkaufsparadieses kamen wir in die Glas- und Porzellanabteilung. Hier standen herrliche Dinge, die sich auch hervorragend als Geschenke, beziehungsweise als Mitbringsel eigneten. So wollten wir für die beiden Mütter etwas aussuchen. Mein Mann wurde auch sogleich mit einem kleinen Glasschälchen mit Deckel fündig. Ich fand es irgendwie zu schwer für den Rückflug und entschloss mich daher für meine Mutter etwas anderes auszusuchen. Allerdings konnte ich mich zu nichts wirklich entschließen. Da ich allerdings ein paar Tage vor unserer Rückreise noch nichts Geeignetes für meine Mutter gefunden hatte, fuhren wir nochmals in die besagte Mall. Dieses Mal erstand ich eine tolle Bleikristallvase, die natürlich mindestens so schwer war wie das Geschenk meines Mannes für seine Mutter. Hoffentlich, so dachte ich mir damals würden wir keine Gewichtsprobleme beim Rückflug bekommen.
Nun gut, ich war richtig stolz auf meinen tollen Kauf und betrachtete mir die Vase später in unserem Appartement noch eingehender. Von allen Seiten begutachtete ich sie und wurde dabei eines Etikettes gewahr, dessen Aufschrift ich allerdings ohne mein Nasenfahrrad nicht entziffern konnte. Also setzte ich mir unverzüglich meine Brille auf und las laut vor: „Bleikristall – Made in Germany“.
Das ging ja nun überhaupt nicht. Ich konnte ja wohl schwer ein Mitbringsel aus Thailand verschenken, das in Deutschland hergestellt worden war. Jetzt war guter Rat teuer.
Also nochmal hin in die Mall. Und was habe ich erstanden? Klar, das gleiche kleine Glasschälchen mit Deckel, das auch Peter seiner Mutter schenken wollte. Somit bekamen die beiden Mütter nicht nur genau das Gleiche geschenkt, sondern unser vermeintliches Gewichtsproblem hatte sich im Grunde genommen noch verschärft. So kam diese Bleikristallvase in meinen Besitz und im Nachhinein frage ich mich, wo eigentlich die kleinen Glasschälchen hergestellt worden waren.
„Du bist eine schöne Vase“, sage ich nochmals gedanklich. „Und du wirst in Ehren gehalten, genau wie die beiden anderen auch, denn ihr seid und bleibt Vasen mit Geschichte.“
Für meinen Blumenstrauß jedoch wähle ich eine ganz andere Blumenvase aus.
Bevor ich meine Schranktür schließe, gebe ich jedoch meinen drei Vasen noch ein Versprechen:
„Ihr seid meine drei Sonderexemplare und ich werde sogleich einen Ausdruck meiner „Dreivasengeschichte“ in euer Inneres legen, damit eure ganz persönliche und unverwechselbare Historie nicht verloren geht.“

Gesagt! – Getan!

*Zum Schluss verrate ich meinen lieben Lesern noch, dass ich an einer Stelle ein kleines bisschen geschummelt habe: Die Hasia-Sprudel-Vase steht noch immer bei meiner Mutter im Wohnzimmer und nicht bei mir im Schrank. Ansonsten entspricht alles der absoluten Wahrheit.

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