Kurzgeschichten
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Abenteuerliche Ausfahrt

Jeder Mensch hat ein Hobby oder eine Leidenschaft. Wie sollte es bei meinem Peter anders sein, er ist für Antriebe aller Art zu begeistern. Automotoren sind dabei nicht ausgenommen und besonders nicht, wenn es sich um einen V12 handelt, also um einen Zwölfzylindermotor. Und so nennt er neben anderen Fahrzeugen auch einen 8er BMW sein Eigen, der schon in wenigen Jahren seine Zulassung als Oldtimer erreicht hat.

Es ist ein wunderschöner und warmer Sommertag, so dass wir schon auf der Terrasse frühstücken können, mein Peter in kurzen Hosen und T-Shirt und ich in einem sehr kurzen Spagettiträgersommerkleidchen. Den restlichen Tag verbringen wir in unserem Garten und zupfen hier und häckeln dort. Am Nachmittag fährt Peter seinen 8er vor die Garage, putzt und poliert ihn. So ein altes Stück muss gepflegt werden und braucht auch hin und wieder einmal eine Ausfahrt, die er beschließt jetzt und gleich zu machen.
„Ich muss ihn mal ein bisschen bewegen. Das Rumstehen tut ihm nicht gut“, erklärt Peter mir. „Ich fahr mal ein Stückchen. Willst du mitkommen?“
„So?“, frage ich ihn und schaue an mir herunter. „Ich bin gar nicht richtig angezogen, so kann ich doch nicht mitkommen.“
„Ach Quatsch! Sieht doch gut aus, – wenn Du dich jetzt auch noch umziehst, dann dauert es nur wieder ewig. Ich fahr doch nur um ein paar Ecken und wir sind in einer halben Stunde auch wieder zurück.“
Ich überlege nicht lange und schnappe mir den Haustürschlüssel.
„Nimm noch Deine Kamera mit, dann kannst Du ein paar schöne Aufnahmen von dem Auto machen!“
Das lasse ich mir nicht zweimal sagen, denn meine Kamera ist neu und ich schleppe sie momentan überall mit hin.
Ohne weitere Überlegungen sitze ich auch schon neben meinem Peter im Auto. Den Nachbarn noch kurz zuwinken und schon lässt Peter den Motor an, dessen Klang allein für ihn ein großes Erlebnis ist.
Nur mal eine kurze Ausfahrt scheint es nicht zu werden, denn mein Peter fährt in Richtung Spreewald, aber nicht die übliche Strecke, sondern wählt einen Weg über verschiedene kleine Ortschaften.
„Wo fährst Du denn hin?“, will ich wissen.
„Einfach nur mal so, ohne bestimmtes Ziel. Vielleicht finden wir irgendwo eine schöne Kulisse für die Aufnahmen. Immerhin soll das Auto auch richtig zur Geltung kommen!“
Ich mache mir keine weiteren Gedanken und genieße die Gegend. Inzwischen sind wir schon tief im Spreewald und kommen in einem Dorf an einem schönen Backsteinhaus vorbei, das Dorfkneipe und Gastwirtschaft in einem zu sein scheint, zumindest lässt das Schild über der Eingangstür darauf schließen. Heute scheint allerdings Ruhetag zu sein, denn niemand ist zu sehen. Überhaupt ist das ganze Dorf menschenleer. Vermutlich sitzen bereits alle zu Hause gemütlich vor dem Fernseher, denn inzwischen geht es schon auf 20 Uhr zu. Peter positioniert das Auto so auf dem Hof vor dem Backsteingebäude, dass ich Aufnahmen machen kann. Anschließend werden sie von ihm zensiert und noch das eine andere Detailfoto geschossen. Peter ist zufrieden und wir setzen uns wieder ins Auto, um nach Hause zu fahren. So ist jedenfalls unser Plan. Aber unser Auto will es anders.

„Was ist denn jetzt los? Warum will er plötzlich nicht mehr. Er lief doch die ganze Zeit so schön!“, kommentiert Peter und steigt aus, um unter die Motorhaube zu sehen. 

Ich habe volles Vertrauen, denn Peter kennt sich mit Motoren aus und weiß, was zu machen ist. Also schnappe ich mir meine Kamera und mache im Dorf einige schöne Aufnahmen. Als ich nach einigen Minuten zum Auto zurück gehe, sehe die Verärgerung in seinen Augen.

„Wo machst Du denn rum? Das ist nur eine Kleinigkeit, aber ich habe überhaupt kein Werkzeug dabei.“
„Und jetzt?“, frage ich nur.
„Ruf mal Timo an, der soll mir Werkzeug vorbei bringen oder uns im Notfall abschleppen.“
Jetzt erst wird mir unsere Lage klar. „Ich habe mein Handy vergessen.“
„Es wird ja wohl noch irgendwo eine öffentliche Telefonzelle geben“, erklärt er mir.
„Das bezweifele ich. Zumindest ist mir keine aufgefallen. Aber selbst wenn eine da wäre, hätte ich kein Geld dabei. Hast du dein Portemonnaie dabei?“
Peter fasst sich an seine Gesäßtasche und schüttelt den Kopf.
„Klopf doch mal an die Dorfschenke!“
„Nutzt nichts!“, sage ich. „Die haben nicht nur Ruhetag, sondern auch noch Betriebsferien.“
Beide schauen wir uns auf der Straße um. Menschenleer. Nichts rührt sich. Niemand ist zu sehen. Weit und breit einfach nichts. Und wir kennen auch keine Menschenseele hier.
„Komm, wir laufen mal rum. Irgendwo wird doch hier ein Mensch sein!“
„So, wie ich bin?“, sage ich heute schon zum zweiten Mal, blicke auf meine
Flipflops und zupfe an meinem Kleid, um es in die Länge zu ziehen, – allerdings ohne Erfolg.
Peter achtet nicht auf meine Einwände und marschiert bereits in eine Nebenstraße und ich hinterher. Was soll ich auch sonst tun?
Wir brauchen gar nicht weit zu laufen. Der Zufall will es, dass gerade im hinteren Hof der Dorfschenke ein Mann seinen VW Bus anlässt. Peter eilt hin und klopft an das Seitenfenster.
„Entschuldigung, aber wir haben eine Autopanne. Wäre es möglich, dass wir bei Ihnen mal kurz telefonieren könnten, um unseren Sohn anzurufen, damit er uns abschleppt?“
„Ach herje!“, sagt der Mann und steigt wieder aus seinem Auto aus. „Hier“, sagt er und reicht mir sein Handy. Verlegen zupfe ich an meinem Kleidchen.
„Danke“.
Doch so einfach funktioniert das auch wieder nicht. Wie war nochmal Timos Handynummer.
„Du kennst doch sonst alle Handynummern, da wirst du doch auch Timos Nummer im Kopf haben. Zumal du ihn dreimal am Tag anrufst.“
„Naja“, antworte ich. „So ungefähr, aber ich weiß nicht, ob erst die 3 oder erst die 5 kommt und bei der Vorwahl bin ich mir auch unsicher, ich glaube es war 017… und irgendwas.“
So ist es: Eigentlich kennt man die Nummer, aber wenn man darüber nachdenkt, ist man plötzlich unsicher.
„Ich habe eine Idee. Ich rufe meine Mutter an, ihre Nummer weiß ich 100prozentig und sie hat Timos Handynummer sicher notiert!“
Das wäre ja an sich die Lösung, aber wenn der Wurm drin ist, dann ist der Wurm drin.
„Hätten Sie vielleicht auch noch etwas zum Schreiben?“, frage ich den Herrn.
Dieser geht zu seinem Auto, aber kommt mit leeren Händen zurück.
Inzwischen habe ich meine Mutter am Apparat und sie sucht auch sogleich aus 600 Kilometern Entfernung nach Timos Nummer. Peter hat mir ein kleines Stöckchen in die Hand gedrückt. Ich lausche der Zahlenkombination, die mir meine Mutter durchgibt und kratze sie mit dem Stöckchen in den unbefestigten Weg.
Eine Dreiviertel Stunde später sitzen wir gemütlich in unserem Auto und Timo zieht uns mit seinem Wagen am Abschleppseil nach Hause. Der Übeltäter ist nur die Hauptsicherung gewesen, die er nach intensivem Suchen im Kofferraum auseinander gebrochen ausfindig macht. Jetzt kann Peter den Schaden in Minutenschnelle beheben.

Ende gut, – alles gut!

1200px Fehlersuche JPG

1200px 12 Zylinder JPG 

1200px  Warten JPG

1200px im Dorf

 

9 Kommentare

  1. Martina sagt

    Eine herrliche Geschichte – ich habe Zeile für Zeile genossen. Sooo kann es gehen! Wie schön, dass alles gut ausgegangen ist. Allerdings: Die Fotos zeige ich meinem Mann lieber nicht ;-)!!!! Eine sonnige Woche. Heute ist ein Tag für ein kurzes Kleidchen mit Spaghetti-Trägern! 😉 LG Martina

    • Astrid Berg sagt

      Hallo Martina,
      danke für Deine lieben Worte. Und bei der nächsten Ausfahrt achte ich auf eine angemessene Kleidung und nehme vorsichtshalber Geld und mein Handy mit. Aber wie schon gesagt, wenn der Wurm drin ist, …
      LG
      Astrid

  2. Christine R. sagt

    Hallo, Astrid,
    so etwas könnte uns ohne Weiteres auch passieren – wenn es mal schief geht, dann aber gleich RICHTIG! Nur wäre ICH wahrscheinlich im ausgeleierten Jogging-Anzug in der Prärie gestrandet!
    Eine schöne Geschichte – trotz allem Ungemach seid Ihr ja dann doch noch nach Hause gekommen …
    Liebe Grüße Christine

    • Astrid Berg sagt

      Ja Christine, aber stell Dir mal vor, Timo wäre nicht in Cottbus, sondern beispielsweise in Berlin gewesen. Von unseren Freunden haben wir die Telefonnummern nicht im Kopf. Nun gut, es gibt auch noch Taxis, aber welche Telefonnummer muss man da wählen? Waren vielleicht früher die Buschtrommeln besser?
      Egal,- wie schon gesagt: Ende gut – alles gut!
      LG
      Astrid

  3. Haha – ich bin am Grinsen. Aber ohne Handy gehe ich nie aus dem Haus. Bekomme schon die Panik wenn ich merke, dass ich die Autopapiere vergessen habe.
    Dein Mann ist also auch ein Autobastler. Unser Sohn auch. Hat eine kleine Halle gemietet, wo er schraubt und bastelt. Macht alte Fahrzeuge wieder flott. Sein erster aufgebauter Opel Kadett ist schon über 30 Jahre alt. Zeigte ich mal hier im Blog: http://www.traeumerle.lunze.info/2011/06/23/ein-traum-wird-wahr-2/#comments
    Inzwischen ist das gute Stück noch besser ausgestattet und das zweite Auto – auch ein Kadett – geht dem Ende entgegen.
    Viele Grüße von Kerstin.

  4. Eva V sagt

    Hallo Astrid, das kommt mir alles sehr bekannt vor. Ich liebe sie diese spontanen Ausflüge, die dann doch eine grössere Sache werden. Und wie sich Männer doch so ähneln, bei uns ist es der Geländewagen mit dicken Motor.
    Und das Sprichwort gilt „Wer sei Auto liebt, der schiebt“, ab und zu! Lach
    LG Eva

    • Astrid Berg sagt

      Hallo Eva,
      naja, zum Schieben waren wir dann doch zu weit von zu Hause entfernt, aber gezogen wurden wir. Und irgendwie scheint es doch in den männlichen Genen zu liegen, dass Männer Autos und Motoren lieben. 🙂
      Einen schönen Abend und LG
      Astrid

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