Kurzgeschichten
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„Deutsche Sprache, – schwere Sprache“

Als neulich ein Telekomtechniker bei uns war, um unser langsames Internet in ein schnelles Internet zu verwandeln, brachte er mich unbeabsichtigt auf die Idee mit dieser kleinen Geschichte. Eigentlich ist es weniger eine Geschichte, als die Erklärung bestimmter „Fachbegriffe“. Nein, das ist auch nicht vollkommen korrekt. Vielmehr handelt es sich an dieser Stelle um die Feinheiten der deutschen Sprache oder das Spiel mit der Sprache oder genauer ausgedrückt, um „eine lokale oder regionale Sprachvarietät“. * 

Er meinte nämlich zu uns: „Sie sind aber auch nicht von hier!“
Der Grund hierfür war ein kleines ihm völlig unbekanntes Wörtchen, das ich benutzt hatte. Keine Ahnung, was ich zu meinem Mann gesagt hatte, aber ich fügte gewissermaßen zur Bestätigung des Gesagten an das Ende des Satzes ein „Gelle?!“ (nicht wahr?!) an. Vielleicht kam mir das Wörtchen gerade jetzt zur Faschingszeit so spontan über die Lippen. In meiner Kindheit sang nämlich die gebürtige Frankfurterin Margot Sponheimer auf der Mainzer Fastnacht das Lied „Gell, du hast mich gelle gern, gelle ich dich aach …“
Lange Rede, kurzer Sinn: Wir, also Peter, Astrid und Timo, sind gebürtige Hessen. Wir sind also im schönen Hessenland geboren, was ich dem Techniker mit einer etwas verschlüsselten Antwort anzudeuten versuchte:
„Wir kommen von da, wo man Ebbelwoi trinkt und Håndkees mit Musigg
isst!“
Als ich sein verdutztes Gesicht sah, musste ich lachen, doch ich klärte ihn auf:
„Ebbelwoi ist Apfelwein, den man üblicherweise aus einem Bembel, also einem Apfelweinkrug ins Glas schüttet. Håndkees mit Musigg ist Handkäse mit Zwiebeln in Essig und Öl – die Musik kommt dann später von allein!“
Den Ebbelwoi trinkt man in Hessen in verschiedenen Variationen, während einige ihn pur zu sich nehmen, ziehen andere den Gespritzten vor. Diesen gibt es wiederum in zwei Varianten, so existiert hier der Sauer- Gespritzte (Apfelwein mit Mineralwasser gemischt) oder der Süß-Gespritzte (Apfelwein mit Limonade). Ich gestehe, dass zwar mein Mann dieses hessische Nationalgetränk und den dazugehörigen Handkäse liebt und überaus köstlich findet, mir hingegen sträuben sich allein schön beim Anblick und Geruch die Haare. Ich bereite meinem Peter zwar hin und wieder eine derartige Mahlzeit zu, aber ich verschmähe beides, – lieber hungere und durste ich. So sind eben die Geschmäcker der Gestecker verschieden (war das auch ein hessischer Ausspruch? Keine Ahnung! ).
Eigentlich hört man bei uns Drei nur hauptsächlich bei meinem Mann den hessischen Dialekt heraus. Aber auch ich benutze in meiner Sprache gelegentlich Wörter, die meine Herkunft verraten oder zumindest erahnen lassen.
So benutze ich zum Beispiel zum Kartoffeln schälen oder Zwiebeln schneiden ein Kneippche, das aber keiner aus meinem hiesigen Bekanntenkreis mangels hessischer Sprachkenntnisse in meiner Schublade findet, obwohl mindestens ein Kneippche ( kleines Küchenmesser) darin liegt.
Als wir erst kurz hier in Cottbus wohnten, ging ich in der Faschingszeit zum Bäcker und verlangte drei Kräbbel. Die konnte mir die Dame hinter der Theke allerdings nicht verkaufen, da sie nur achselzuckend vor mir stand und meinte, dass sie diese Backware nicht im Sortiment hätten. Da ich aber genau das von mir Verlangte in der Auslage liegen sah, versuchte ich es mit dem Wort „Krapfen“, das aber ebenfalls ein Fremdwort zu sein schien. Selbst mit dem Begriff „Berliner“ konnte sie nichts anfangen. Jetzt blieb mir nur noch die Zeichensprache übrig und ich deutete auf das entsprechende Gebäck in der Thekenauslage.
„Ah!“, meinte sie erleichtert. „Sie wollen Pfannkuchen haben!“
„Nun gut“, dachte ich mir, „das muss ich mir merken!“ Leider rutschte mir auch beim nächsten und übernächsten Mal der Begriff „Kräbbel“ (Schmalzgebäck) wieder heraus. Da ich aber lernfähig war und bin, verbesserte ich mich sofort und heute verlange ich nur noch Pfannkuchen, wenn ich eigentlich „Kräbbel“ will. Trotzdem muss ich sagen, dass Pfannkuchen für mich plattgedrückt sind und keine Kräbbel, sondern einfach nur Pfannkuchen.
Aber auch neben diesen Bezeichnungen für spezielles Essen und Getränke haben in unserem Sprachgebrauch noch einige Wörter überlebt. So gibt es in unserem Bekanntenkreis zum Beispiel einen richtigen Lulatsch (großer Mensch) und ein Mann mit Glatze ist ein Plattkopp. Das sind keineswegs abfällige Bemerkungen, sondern einfach nur hessische und lieb gemeinte Ausdrücke.
Ich kann mich noch gut an meine Schulzeit erinnern. So gab es am Halbjahresende und am Schuljahresende immer Giftzeddel mit Schlagsahne, – gemeint waren dann die Schulzeugnisse. Was wir als Kinder besonders liebten, das war das sogenannte „Schelleklobbe“, aber ich glaube, dass auch heute noch jedes Kind dieses Klingeln an fremden Türen und das anschließende Wegrennen kennt und gerne macht. Dabei ist es egal, ob man dieses Spielchen in der Stadt betreibt oder in einem kleinen Kaff (Dorf). Es macht in jedem Fall Spaß. Wer sich dabei allerdings erwischen lässt, ist eben ein bisschen dabbisch ( ungeschickt) oder noch ein kleiner Dobsch (kleiner Junge), dessen Beine zu kurz sind, um schnell wegzurennen.
Wenn sich mein Peter über das spärliche Licht beschwert, das in einer Kammer zwar brennt, aber kaum ausreicht, um wirklich etwas erkennen zu können, dann beschwert er sich manchmal mit den Worten:
„Was ist das denn für eine Funsel? Kann man hier keine vernünftige Lampe hinhängen?“ (Funsel = schlechte oder schwache Beleuchtung)
Abends, wenn unser Lottchen in ihr Körbchen gehen soll, um zu schlafen, sage ich oft: „Geh mal schön in die Heija!“ Lottchen jedenfalls versteht mich, denn sie marschiert brav in ihr Zimmerchen und legt sich dann entweder in ihr Körbchen oder auf die Heizung. (Heija = Bett)
Von einer Sache möchte ich mich jedoch distanzieren. Dies ist ein Spruch, den ich allerdings erst hier in Brandenburg kennengelernt habe und zwar hat mir diesen eine Nicht – Hessin aus den alten Bundesländern erzählt, als wir uns hier in Cottbus kennengelernt haben:
„Alle Hesse sin Verbrescher, die klaue Aschebescher!“
Ich kann nur sagen: Dieser Spruch entspricht nicht der Wahrheit!!! Ich habe noch nie einen Aschenbecher geklaut, – wofür auch, ich bin Nichtraucher. Und ich kenne auch niemand aus dem schönen Hessenland, der das jemals getan hat. Da lässt sich abschließend nur sagen:

„Das gibt’s doch net! Wir Hesse klaue nix!“
Anmerkungen:

* Zitat aus: http://de.wikipedia.org/wiki/Dialekt Stand: 9.2.2015

Die Schreibweise und Übersetzung der hessischen Wörter habe ich übernommen aus: http://www.aeppelsche-homepage.de/hessisch.htm#b
„Hessisch für Auswerrdische“ (Stand: 3.1.15)

15 Kommentare

  1. Christoph Feiler sagt

    Hallo Frau Berg,

    freue mich immer über Ihre Beiträge, die so schön bunt sind.

    Was ich immer erzähle, wenn ich von Cottbus rede, ist, daß es da beim Bäcker keine Berliner „Schrippen“ gibt, sondern sogar „Semmeln“. Das sind zwar nur zwei zusammenhängende Brötchen, aber immerhin, der Begriff ist in Cottbus auch bekannt.
    Allerdings sind bei mir zuhause die Pfannkuchen auch platt, und Krapfen sind Krapfen.

    Schöner Fasching (oder wie das jetzt heißt) und schöner Gruß aus dem (schneeigen) Süden

    Ihr Christoph Feiler

  2. Astrid Berg sagt

    Hallo Herr Feiler,
    vielen Dank für Ihren schönen Kommentar. Ich freue mich, dass Ihnen meine Geschichten gefallen. Ihnen auch einen schönen Fasching mit Krapfen, auch ich werde hier in Cottbus ein paar Pfannkuchen kaufen und sie als Kräbbel verspeisen ;-)!
    Helau nach München und
    LG
    Astrid Berg

  3. Astrid Berg sagt

    Hallo Harald,
    liebe Grüße zurück nach Hesse und viel Spaß beim Fasching! 😉
    Astrid

  4. Hallo Astrid,
    das ist wirklich hübsch ge- und beschrieben. Ich habe auf meinem Blog schon öfter mal hessische Ausdrücke erklärt, und wenn ich es erneut mache, befürchte ich meistens, dass ich mich dabei schrecklich wiederhole. Das „gell“ oder „gelle“ war in meiner Kindheit weitverbreitet. Heute hört man es kaum noch. Die Krebbel oder Kräbbel sind natürlich Usus, während ich den Ebbelwoi allmählich schwinden sehe. Der – in meinen Ohren – blöde – aber moderne „Äppler“ setzt sich immer mehr durch. Aber so ist es mit der Sprache – sie verändert sich. Deine Seite werde ich gerne wieder besuchen.
    Herzliche Grüße aus Frankfurt am Main
    Elke

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Elke,
      vielen Dank für deinen netten Kommentar. Das Wort „Äppler“ gefällt mir persönlich auch nicht so gut, aber wir leben nun mal im Zeitalter der Abkürzungen.
      Liebe Grüße nach Frankfurt/M.
      Astrid

  5. Ich kann mich nur den vielen positiven Kommentaren anschliessen. Es ist amüsant zu lesen, und gewährt uns einen Blick in eine „Hessenseele“, nebst sprachlichen Feinheiten. Wohl überall im Lande gibt es diese ausdruckstarken Worte, die nur ein Einheimischer versteht. Als ich vor über 40 Jahren ins Badische zog, verstand ich nur Bahnhof, sie behaupteten Hochdeutsch zu reden, für mich klang es nach Französisch. Inzwischen plappere ich schon kräftig mit.
    Liebe Grüße
    von Edith

  6. Hallo Astrid,

    Du hast das sehr schön geschrieben. Mir macht das immer Spaß, so etwas zu lesen. Einige hessische Begriffe kennt man ja auch als Berliner durch entsprechende Sendungen im Fernsehen. Andere sind auch durchaus hier gebräuchlich wie z.B. Lulatsch. In Berlin heißen die Krapfen auch Pfannkuchen und die platten Eierkuchen.
    Manchmal ist das ja wirklich lustig mit den verschiedenen Worten für ein und dieselbe Sache.

    Liebe Grüße und einen schönen Sonntag

    Jutta

    • Astrid Berg sagt

      Hallo Jutta,
      vielen lieben Dank für deinen Kommentar. Ich freue mich, dass dir meine Geschichten gefallen. Ja, die verschiedenen Bezeichnungen können schon für Verwirrung sorgen, aber das macht alles auch ein bisschen interessanter und lustiger.
      LG
      Astrid
      P.S. Ich wünsche dir ebenfalls einen schönen Sonntag mit Sonne natürlich.

  7. Guten Morgen liebe Astrid, mit den Dialekten ist das so eine Sache, ich habe mal in Friedrichshafen beim Bäcker ‚Semmeln‘ verlangt, Unverständnis.
    Das Hessische ist mir ein wenig vertraut, denn ich habe früher mit Vorliebe die ‚Familie Hesselbach‘ geguckt.(schmunzeln)
    Mein Vater kommt aus Pirmasens, meine Mutter aus dem Saarland, meine beiden Schwestern und ich sind in Bayern geboren.
    Meine ältere Schwester heiratete einen Schwaben, meine jüngste einen Franken und ich einen Elsässer.
    Kannst du dir unsere Familienfeiern vorstellen? Wie eine Zusammenkunft der Uno!
    Danke auch dass du mich in deinen Blogroll aufgenommen hast.
    Wünsche dir einen schönen Sonntag, gut gelaunte Grüße aus Bayern, Lore

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Lore,
      ich musste schon etwas schmunzeln, als ich Deine Nachricht gelesen habe. Das geht ja wirklich kunterbunt bei Euch zu mit den vielen verschiedenen Dialekten. Auf welche Sprache habt Ihr Euch geeinigt, auf das Hochdeutsch? Ist bestimmt eine super lustige Truppe! 🙂
      Einen schönen Sonntag und viel Spaß beim nächsten Familientreffen.
      Astrid

  8. „„Ebbelwoi ist Apfelwein, den man üblicherweise aus einem Bembel, also einem Apfelweinkrug ins Glas schüttet. Håndkees mit Musigg ist Handkäse mit Zwiebeln in Essig und Öl – die Musik kommt dann später von allein!““ *loooooooooool*

    Gut zu wissen.

    Bin so frei, mich hier einzutragen und liebe Grüße zu hinterlassen.

    Herzlichst

    Andrea

    • Astrid Berg sagt

      Ich danke dir für Deine lieben Grüße und wünsche Dir eine gute Nacht.
      Astrid

  9. macht richtig Spass auch mal quer und zurück in alte Zeiten zu lesen, liebe Astrid, du siehst mich leider) nicht schmunzeln oder das breite GRinsen das eben mein Gesicht in freundliche Zeitungsfalten legt
    das klingt für mich sehr vertraut!!!!
    auch ich musste mich „umgewöhnen als ich von FRANKEN nach Rheinlandpfalz der Liebe wegen zog und hatte jahrelang „kleine Schwierigkeiten mich der Sprache anzupassen, sprich – sie sogar zu verstehen.
    Wenn ich versuchte „hessisch zu babbeln“ bin ich eher kritisch beäugt und ausgelacht worden wenn und weil ich sie nicht konnte!(oder mich schwer damit tat)
    Deutsche Sprache – schwere Sprache sagt man ja auch und ich als Tochter einer gebürtigen Berlinerin hatte mit Dialekten immer schon ein paar Probleme sie zu verstehen.
    Liebenswert und sehr eigen sind sie als Volksgut aber in jedem Landstrich zuhause und auch der eine oder andere “ Zuzügler“ kann sie mit der Zeit erlernen wenn er Interesse hat sich ein wenig anzupassen um sich besser zuhause zu fühlen.
    „Platt“ kann ich beispielsweise gar nicht – weder das hessische noch das im Norden, aber in der gegenseitigen Sympathie machts nicht viel aus.
    herzlichst Angelface

    • Astrid Berg sagt

      „Platt“ habe ich nie gekonnt und werde es jetzt auch nicht mehr lernen. Außerdem habe ich extreme Schwierigkeiten es zu verstehen. Manche Wörter lassen noch nicht einmal erahnen, was damit gemeint ist. Im Grunde ist es für mich eine „Fremdsprache“ ;-).
      Es ist tatsächlich schade, dass ich Dein Grinsen nicht sehen konnte, denn es hätte mir sicherlich gefallen.
      LG
      Astrid

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