Kurzgeschichten
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Der Lümmel aus der letzten Bank

Da ich mich ja nun auch von meinen Sommererinnerungen an Rhodos verabschiede und endlich hier im Herbst ankommen muss, kommt mir die folgende Geschichte gerade recht. Sie ist wie ein kleiner Brückenschlag von einer Jahreszeit zur nächsten. Es ist eine Kindheitserinnerung meines Mannes, die er mir auf der Insel zum wiederholten Male erzählte. Warum sie ihm gerade im Sommerurlaub auf Rhodos wieder einfiel, kann ich Euch jetzt noch nicht verraten. Allerdings wird Euch diese Logik spätestens am Ende meiner Geschichte einleuchten. Also lasst Euch überraschen:

Mein Mann hatte während seiner frühen Schulzeit schon einige Flausen im Kopf. Ich bin froh, dass dies unser Sohn nicht geerbt hat, jedenfalls sind mir keinerlei Klagen der Lehrer bekannt. Meine Schwiegereltern hingegen erfuhren bei Elternversammlungen gar manchen Unsinn ihres Sohnes. Wer hätte damals gedacht, dass aus ihm einmal ein Universitätsprofessor werden würde? Weder seine Eltern, noch seine damaligen Lehrer.
„Ach ja, der Herbst und das Blättersammeln“, sagt mein Mann leicht verträumt, als wir durch die Hotelanlage spazieren.
„Wirst du jetzt melancholisch?“, frage ich stirnrunzelnd.
„Nö, das nicht, aber mir fällt da nur gerade etwas aus meiner Schulzeit ein.“
Ich schweige fein still, denn noch ahne ich nicht, worum es geht.
„Ihr Grundschullehrer wollt doch immer, dass die lieben Schülerlein im Herbst Blätter sammeln.“
„Ja, da kann man ganz tolle Projekte gestalten. Egal, ob in Kunst oder Biologie oder…“
Mein Mann lässt mich gar nicht erst ausreden, sondern erzählt munter weiter.
„Jahr für Jahr immer wieder und einmal wurde es mir zu bunt…“
„Wie? Deine Blätter waren dir zu bunt?“, frage ich verwirrt.
„Ach Quatsch, meine Blätter doch nicht. Die waren alles andere als bunt.“
Inzwischen habe ich eine leise Ahnung, um welche Schandtat aus seiner Kindheit es sich handeln könnte. Immerhin sind wir schon seit 37 Jahren zusammen und da hat man sich schon viel erzählt. Ich lasse ihn aber weiter erzählen, denn ich liebe diese Geschichten.
„Ich hatte einfach keine Lust Blätter zu sammeln. Zuerst jedenfalls und dann habe ich es schlichtweg vergessen oder vielleicht auch verdrängt. Keine Ahnung. Auf jeden Fall stand ich morgens im Schulhof mit meinen Kumpels zusammen und sie fragten mich beiläufig, ob ich denn auch meine Blätter mit hätte…“
„Natürlich hatte Klein-Peter keine!“, lache ich.
„Mhmh!“, nickt mein Mann grinsend. „Als ich in der Stunde dann verlegen auf meinem Stuhl hin und her rutschte, fragte mich der Lehrer, ob ich auf die Toilette müsste. Ich nickte und durfte gehen.“
„Ja und?“
„Als ich wieder ins Klassenzimmer kam, hatte ich meine Blätter dabei.“
„Wieso? Warst du schnell am Schulhof sammeln?“, will ich wissen. Ich bin leicht irritiert. Sollte ich die Geschichte doch noch nicht kennen? Das wäre eigentlich recht unwahrscheinlich, aber immerhin möglich.
„Nein! So weit musste ich gar nicht erst gehen“, erklärt er mir geheimnisvoll.  „Auf alle Fälle war ich so was von froh, als ich zurück ins Klassenzimmer kam.“
„Dein Lehrer hat sich wohl gefreut, als er sah, dass selbst du deine Hausaufgaben, nämlich das Blättersammeln, ordentlich erledigt hattest?!“
„Freude ist gar kein Ausdruck dafür!“, sagt mein Mann todernst.
Ich hingegen kann mich nun nicht mehr vor Lachen halten, denn ich weiß inzwischen ganz genau, um welche Geschichte es sich handelt. Ich habe vor Lachen regelrecht Bauchschmerzen und japse nach Luft.
„Los, erzähl weiter!“
„Als ich so den Gang entlang schlenderte, der übrigens menschenleer war, da fiel mein Blick auf etwas, das ganz hinten in einer Ecke stand.“
„Ja?!“, sage ich und gestikuliere, damit er weiter erzählt.
„Da stand ein Gummibaum mit schönen Blättern. Die waren zwar nicht bunt, sondern grün, aber groß waren sie. Das hatte den Vorteil, dass ich nicht so viele benötigen würde, um mein Blatt damit zu bekleben. Also entblätterte ich den Gummibaum ein bisschen und steckte die Blätter unter meinen Pullover.“
„Oh nein, der arme Gummibaum!“
„Stimmt, es tat ihm wohl weh, denn er „blutete“!“
„Und?“ Ich will wissen, wie es weiter ging.
„Na, nichts und!“, sagt mein Mann. „Als der Lehrer sah, was ich da versuchte auf mein Zeichenblatt zu kleben, kam er sofort angerauscht. Erst fragte er mich scheinheilig, woher ich diese Blätter hätte. Dann rauschte er zur Tür hinaus, warf einen Blick um die Ecke und kam wieder herein gerauscht. Danach brach das Donnerwetter über mich herein. Das erste. Das zweite sollte später noch folgen.“
„Hihi!“, lache ich schadenfroh.
„Da brauchst du gar nicht lachen. Ich wurde verdonnert eine neue Pflanze zu besorgen. Das tat ich auch, indem ich heimlich mein Sparschwein leerte und eine Pflanze kaufte. Irgendwie tat mir die Sache ja auch leid.“
„Richtig so!“, pflichte ich dem Lehrer und Peters schlechtem Gewissen bei.
„Der Lehrer hat sich auch mächtig gefreut und ich dachte schon, damit wäre die Sache ein für alle Male erledigt.“
„War es nicht?“
„Nein, selbstverständlich nicht! Es war nur so eine Art ‚Ruhe vor dem Sturm‘. Das zweite Donnerwetter sollte noch folgen.“
„Von den anderen Lehrern?“
„Nein, von denen nicht“, sagt mein Mann und gönnt sich eine kurze Atempause. Wohl auch um die Spannung zu steigern, bevor er weiter spricht: „Allerdings war schon bald Elternabend angesagt und der Lehrer erzählte die Geschichte meinen Eltern. Da war was los, als sie heimkamen, kann ich dir sagen!“
„Das kann ich mir vorstellen. Hast du Stubenarrest bekommen?“
„Das weiß ich nicht mehr, aber der Donner klingt mir noch in den Ohren.“
Tja und weil Schadenfreude bekanntlich die schönste Freude ist, laufen mir mittlerweile die Tränen vom Lachen über die Wangen. Als ich sie wegwische und wieder klar sehen kann, erkenne ich auch, warum Peter gerade in diesem Moment diese wohl einzigartige Schulgeschichte eingefallen ist. Wir stehen vor einer Vielzahl von riesigen Gummibäumen, die in der Wärme und dem Klima von Rhodos draußen in der Hotelanlage wachsen und prächtig gedeihen können.
Ich schnappe mir also mein Handy und mache sofort ein paar Fotos von den Blättern, denn ich dachte mir, dass Euch diese Geschichte bestimmt gefällt. Also habe ich sie Euch mitgebracht.

 

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22 Kommentare

  1. Liebe Astrid,
    eine lustige Erinnerung, jedenfalls im Nachhinein. So etwas vergisst man nicht und ich kann mir gut vorstellen, dass deinem Mann jedes Mal die Geschichte einfällt, wenn er einen Gummibaum sieht. Eine Zeit lang waren dfie ganz verschwunden, jetzt sieht man sie wieder öfter.
    Herzlcihe Grüße
    Regina

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Regina,
      ich mag im Grunde genommen keine Gummibäume, aber entblättern würde ich sie trotzdem nicht. Auf so eine Idee kommt selbst ein „kleiner Lümmel“ wohl auch nur in äußerster Not 😉 .
      Ich glaube sie waren so in den 60er Jahren recht in und standen fast in jedem Haus. In der Natur gefallen sie mir besser, allerdings nicht bei unseren Klimaverhältnissen.
      LG
      Astrid

  2. Man muss nur zur rechten Zeit improvisieren können!
    Eine großartige Geschichte und sehr kreativ *lächel*
    Alles Liebe, Emily

    • Astrid Berg sagt

      Danke, liebe Emily. Geschrieben habe ich die Geschichte, aber der Verantwortliche, dass das Erzählte auch tatsächlich passiert ist,war mein Mann :-).
      LG
      Astrid

  3. An manche Episoden aus der Kindheit erinnert man sich wohl ewig. Nee, auf so eine Idee aber auch zu kommen 🙂
    Ich hatte noch nie einen Gummibaum.
    Liebe Grüße von Kerstin.

    • Astrid Berg sagt

      Ich hatte auch noch nie einen Gummibaum und werde wohl auch nie einen besitzen. Nicht nur, weil ich fürchte mein Mann könnte ihn entblättern ;-), sondern weil mir diese Pflanzen als Zimmerpflanze nicht gefallen. Aber man soll ja niemals nie sagen…
      LG
      Astrid

  4. Liebe Astrid, das ist ja wirklich ein Hammer! Der arme Gummibaum! Dein Peter war ein ganz schönes Früchtchen. Aber die Frechsten werden meist die Bravsten, wenn sie älter werden. Liebe Grüße Eva

  5. Hallo liebe Astrid,
    *lach* eine schöne Geschichte, aber der arme Gummibaum.
    Da fällt mir auch gleich der Film mit Pepe (Hansi Kraus) und Theo Lingen (Oberstudiendirektor Taft) ein.
    Da gibt es einige Kindheitserinnerungen wo man sich heute die Tränen wischt beim lachen.

    Liebe Grüße
    Biggi

    • Astrid Berg sagt

      Ja, das hätte auch dem Hansi Kraus in dem besagten Film einfallen können. Aber wenn man persönlich auf solche Erinnerungen zurückgreifen kann, dann kullern beim Erzählen nur so die dicken Lachtränen. 🙂
      LG
      Astrid

  6. Weißt du was, meine Gedanken gingen in eine ganz andere Richtung. Als du erzähltest, dass dein Mann zur Toilette musste, dachte ich, er hätte einige Blätter Toilettenpapier mitgebracht! Lach!!! — Ist er heute immer noch so ein Schlitzohr? Dann dürften die Studenten ihre Freude an ihm haben! — Danke für die wieder einmal so herrliche Erinnerungsgeschichte! LG Martina

    • Astrid Berg sagt

      Mein Mann kann sehr lustig, aber auch sehr ernst sein. Als Kind war er schon ein kleiner Lausbub und so haben wir bei den Erinnerungen immer viel zu lachen.
      LG
      Astrid

  7. Ach ja, die Jungenstreiche!! ich glaube, ein Mädchen hätte sich da mehr einfallen lassen, meinst du nicht? :mrgreen:

    Lieben Gruß
    Anna-Lena

    • Astrid Berg sagt

      Wenn ich ehrlich bin, auf eine solche Idee wäre ich nie und nimmer gekommen. Wahrscheinlich war ich zu brav. Ich hätte mir lediglich bei meiner Freundin Blätter „ausgeliehen“. 🙂
      LG
      Astrid

  8. Liebe Astrid, sei herzlich gegrüßt.
    Auweia, kann ich nur sagen.
    Aber auch ich hatte schon mal im Wald, ca 1975, eine kleine Tanne „rasiert“, weil ich vernüftig gut aussehende Tannenzweige für die Weihnachtsfeier im Kollegenkreis haben wollte.
    In der Schule zum Unterricht wurden bunte Herbstblätter gesammelt und gepresst.
    Meine Eltern bastelten mir, als ich klein war, von Eichenblättern jedes Jahr eine Schärpe über den Oberkörper, Kopfschmuck und um die Oberarme einen Blätterring. Die langen Blattstiele verbanden die einzelnen Blätter, indem sie von einem zum anderen Blatt durchgestochen wurden. Später konnte ich es dann selber und es machte mir viel Freude.
    Verlebe noch einen schönen Sonntag, tschüssi Brigitte.

    • Astrid Berg sagt

      Wow, liebe Brigitte, da hatten sich Deine Eltern aber wahrlich viel Arbeit und Mühe gemacht. Ich freue mich, dass ich mit meiner Geschichte so schöne Erinnerungen bei Dir hervorrufen konnte.
      Ich wünsche Dir und Deinem Mann einen guten Start in die neue Woche
      Astrid

  9. Eine schöne Geschichte – ja, man(n) muss sich nur zu helfen wissen, lach…
    Übrigens ich bekam in den frühen 50ziger Jahren öfters mal Hausarrest, wenn ich was Schlimmes anstellte oder mein Vater auf Grund meiner ‚Aktivitäten‘ vor die Schulpflege musste. Hab eine gute Zeit. Ernst

    • Astrid Berg sagt

      Ich hatte nur einmal Hausarrest, warum auch immer?! Jedenfalls habe ich meinen Vater höflich, um die Aufhebung gebeten und er hat mir auch tatsächlich die Strafe erlassen. Seinem Töchterchen konnte er doch keinen Wunsch abschlagen 😉
      LG
      Astrid

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