Erdachtes & Erzähltes, Für Kinder, Kurzgeschichten
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Tim und Tom

Tim wohnt mit seinen Eltern im selben Haus wie die Großeltern. Es ist ein großes Haus, in dem zwei Familien ausreichend Patz haben. Unten ist die Wohnung von Opa und Oma. Oben leben Tim und seine Eltern. Der Gemüsegarten wird hauptsächlich von den Großeltern bewirtschaftet. Tims Vater allerdings kümmert sich um den Rasen, um die Obstbäume und die Sträucher. Tims Mutter pflügt die Erdbeeren, außerdem macht sie die Gurken und Bohnen ein. So hat jeder etwas zu tun. Und die Aufgaben rund um das Jahr sind verteilt.

Heute ist der vierjährige Tim ganz aufgeregt und hüpft von einem Bein auf das andere.
„Opa?“, fragt er. „Bekomme ich wirklich ganz alleine für mich ein eigenes Beet und darf ich da auch alles pflanzen, was ich möchte?“
„Ja, na klar, bekommst du ein eigenes Beet“; schmunzelt der Großvater. „Aber erst einmal müssen wir uns heute um Großmutters Blumenbeet kümmern. Schau mal, dort die schönen roten Knospen. Bald werden die Pfingstrosen blühen. Doch wir müssen sie auch tüchtig gießen, damit sie wachsen können und ihre Knospen aufspringen. Auch müssen wir die Erde ein wenig aufhacken.“
Der Großvater öffnet die Tür des Gartenhauses und stöbert im Regal so lange, bis er fündig wird. Er reicht Tim ein kleines buntes Gießkännchen und eine kleine Hacke.
„So nun bist du ein richtiger Gärtner und wir können uns gemeinsam an die Arbeit machen!“
Doch Tim hat in dem Regal etwas entdeckt, das seine Aufmerksamkeit erregt. Er zupft an Opas Hosenbein, deutet auf das zweite Regalbrett von unten und fragt:
„Darf ich den auch haben?“
Der Großvater weiß zunächst nicht, was Tim meint, doch dann entdeckt er den alten Gartenzwerg, der Pfeife rauchend auf dem Regalbrett steht.
„Na sicher kannst du den haben. Er ist nur schon ein wenig in die Jahre gekommen. Er stammt noch aus der Kindheit deines Vaters, als der etwa so alt war wie du jetzt.“
Irgendwie sieht er total lieb aus mit seiner grünen Gärtnerhose und der roten Zwergenmütze, findet Tim. Auch wenn die Farbe an manchen Stellen schon etwas gelitten hat, macht er insgesamt gesehen noch einen recht guten Eindruck. Und das Schönste an ihm ist sein weißer langer Bart, wie er eben zu einem richtigen Gartenzwerg gehört.
Tim holt den Zwerg aus dem Regal und bringt ihn zu Großmutters Blumenbeet. Dort stellt er ihn zwischen die Pfingstrosen und eine Pflanze, an der ganz viele kleine rote Herzen hängen. Oma hat ihm einmal erzählt, dass man diese Pflanze „das tränende Herz“ nennt, weil ihre herzförmigen kleinen Blüten so aussehen, als würde eine Träne von ihnen herunter fallen.
„So“, sagt Tim zu dem Gartenzwerg. „Du passt jetzt gut auf die Blumen auf und sagst mir sofort Bescheid, wenn irgendetwas nicht in Ordnung ist!“
„Mach ich doch glatt!“, antwortet der Gartenzwerg und zwinkert Tim mit einem Auge zu.
Erschrocken springt der Junge zur Seite und schüttelt den Kopf.
Nein, das hat er jetzt sicherlich geträumt, denn Gartenzwerge können gar nicht reden. Das ist doch total lächerlich, sie sind doch keine Menschen.
„Nur Menschen können reden“, überlegt sich Tim gerade, als der kleine Winzling munter weiter plappert:
„Ich heiße übrigens Tom!“
Der Junge reibt sich zuerst die Augen und dann zieht er vorsichtig an seinem rechten und an seinem linken Ohr. Irgendetwas scheint hier nicht zu stimmen.
„Und du bist der Tim, stimmt’s!?“
Vorsichtig beugt sich der Junge zu der Figur hinunter.
„Kannst du wirklich reden?“, fragt er leise, nachdem er sich nach allen Seiten hin vergewissert hat, dass ihn niemand sehen und hören kann.
„Ja“, kommt die Antwort des zarten Stimmchens. „Aber nur auserwählte Menschen können uns Gartenzwerge an ganz bestimmten Tagen hören. Du bist ein solches Menschenkind und heute ist es wieder einmal soweit.“
Der Zwerg zieht an seiner Pfeife und bläst Tim den Tabakrauch ins Gesicht. Dieser muss ein wenig husten, räuspert sich dann und richtet gleich zwei neue Fragen an den Winzling:
„Wo kommst du her und wo sind denn alle anderen Gartenzwerge aus deiner Familie?“
„Ach“, meint Tom. „Das ist eine lange Geschichte. Willst du sie hören?“
Und ob das der Junge will. Er nickt zur Bestätigung mehrmals kräftig mit dem Kopf.
„Alles fing kurz nach meiner Geburt vor genau dreihundertachtundsiebzig Jahren an“, erklärt Tom.
Tim setzt sich im Schneidersitz vor den Gartenzwerg. Auch in seinem Zimmer setzt er sich immer auf den Teppich, wenn ihm der Großvater etwas aus seiner eigenen Kindheit erzählt.
„Damals passte meine Mutter einen Moment lang nicht auf mich auf und schon war ich verschwunden. Eigentlich wollte ich nur mal ein paar Schritte um die Ecke laufen. Gartenzwerge können nämlich schon gleich nach der Geburt laufen“, erzählt der niedliche kleine Tom.
„Ja und dann habe ich mich ganz fürchterlich verlaufen. Ich wusste einfach nicht mehr, wie ich in meinen Heimatgarten zurück komme.“

Der kleine Zwerg Tom sieht plötzlich aus, als wolle er weinen. Aber er erzählt trotzdem weiter:
„Ich war sehr traurig. Rufen und Weinen half mir auch nicht weiter. Also blieb ich einfach stehen und hoffte, dass meine Mutter mich wieder finden würde.“
Tim hört gespannt der Erzählung des Gartenzwerges zu, dessen Erlebnis ihn ebenfalls total traurig macht. Er hätte auch Angst und würde weinen, wenn er seine Mutter nicht mehr finden könnte, das weiß Tim ganz sicher. Sanft streicht er mitfühlend über den kleinen Zwerg, der aber sofort weiter plappert:
„Als ich so wartete und wartete, sah ich plötzlich, dass jemand vor mir stand. Ich sah nach oben und blickte in ein grimmiges Gesicht. Es war der böse Gartenzwergzauberer, vor dem wir uns alle fürchten. Ich wollte flüchten, doch er hielt mich einfach fest.“
Tim schlägt vor Schreck seine Hand vor den Mund. Seine Augen sind weit aufgerissen. Er ist wie gebannt und blickt sich schnell um, ob auch der böse Gartenzwergzauberer nirgendwo in der Nähe ist.
„Und dann?“, fragt er ganz aufgeregt.
„Dann hat er das Zaubersalz über mich gestreut und es war um mich geschehen. Ich bin einfach erstarrt. Ich konnte nicht mehr weglaufen. Aber das Schlimmste ist, dass es seither allen Gartenzwergen ebenso ergeht. Deshalb stehen wir immer nur unbeweglich, stumm und still in den Vorgärten.“
Tim sitzt vor dem Gartenzwerg im Gras und fragt ihn:
„Bist du tatsächlich schon so alt?“
„Naja“, zwinkert ihm der Zwerg zu. „Ich habe heute sogar Geburtstag. Und als Geburtstagsgeschenk darf ich an diesem Tag für ein paar Minuten mit einem Menschenkind sprechen. Ich kann dir heute sogar einen Wunsch erfüllen. Du musst mir nur sagen, was du dir wünschst!“
Jetzt ist Tim an der Reihe sprachlos zu sein. Einen Wunsch! Vater sagt immer, dass Tim eine ganze Menge Wünsche hat. Aber komisch, jetzt im Moment fällt ihm kein einziger Wunsch ein. Tim zieht seine Stirn in Falten. Das hat er bei Großvater gesehen. Er macht es nämlich immer, wenn er ganz scharf nachdenkt. Also denkt jetzt Tim auch ganz angestrengt nach.
Und!? Halt! Da ist doch etwas, das er noch niemand verraten hat.
„Sag es mir ganz schnell“, ermahnt ihn der Gartenzwerg Tom. „Meine Kräfte lassen schon nach!“
Tom kann nur noch flüstern und auch seine kleine Pfeife raucht nur noch ein wenig.
„Schnell, schnell!“, flüstert der Gartenzwerg. „Sag es mir geschwind oder denk ganz fest daran, sonst klappt es nicht mehr!“
„Ich wünsche mir so sehr einen kleinen…“
Das Pfeifchen ist erloschen. Es raucht nicht mehr und auch Tom der Gartenzwerg lächelt ihn nur stumm an, als sei nichts geschehen.
Tim reibt sich seine Augen.
„Hat er das alles eben nur geträumt oder hat der Gartenzwerg tatsächlich mit ihm gesprochen?“, fragt er sich insgeheim.
Schade, er hat seinen Wunsch nicht mehr aussprechen können.
Was hat er sich wohl gewünscht? Ihr seid neugierig geworden? Soll ich es euch verraten? Nein! Das müsst ihr schon selbst heraus finden.
Schaut her, gerade nimmt Tim die kleine Figur mit der roten Zipfelmütze hoch, als ihn etwas winselnd an der Hand leckt…

 

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12 Kommentare

  1. Eine schöne Geschichte liebe Astrid. Ich musste richtig schmunzeln. Schön, dass sich Tims Wunsch ja dann doch erfüllt hat, obwohl er ihn nicht mehr rechtzeitig aussprechen konnte.
    LG Eva

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Eva,
      schön, dass ich Dir noch eine Gute-Nacht-Geschichte erzählen konnte 😉
      Danke für Deine netten Worte.
      Gute Nacht und liebe Grüße
      Astrid

  2. Astrid Berg sagt

    Irmi schreibt:
    Liebe Astrid,
    das ist eine herzerwärmende Geschichte zum Abschluß des Tages.
    Toll erzählt.
    Einen schönen Abend wünscht Dir
    Irmi

  3. Astrid Berg sagt

    Liebe Irmi,
    ich freue mich sehr über Deinen lieben Kommentar. Ich habe diese Geschichte vor langer Zeit geschrieben. Ich fand den abgebildeten kleinen Gartenzwerg so süß, er hat mich inspiriert.
    Liebe Grüße und eine angenehme Nachtruhe wünscht Dir
    Astrid

  4. Martina sagt

    Ach, was für eine herzerwärmende Geschichte! Weißt du was: Ich wusste gar nicht, dass die Gartenzwerge früher laufen konnten. Da habe ich doch wieder etwas gelernt! Lach!!! Soooo schön geschrieben, liebe Astrid! Ich habe deine Geschichte sehr gerne gelesen (wie alle anderen auch)!!! Eine schöne Restwoche! Martina

    • Astrid Berg sagt

      Siehst du Martina, man lernt im Leben nie aus;-)
      Danke für Deinen lieben Kommentar und schau mal nach, ob vielleicht heute in deinem Garten einer der Gartenzwerge Geburtstag hat, dann können sie sprechen und erfüllen einen Wunsch 🙂
      LG
      Astrid

  5. Hallo liebe Astrid,
    das ist eine hübsche Geschichte, und die Sache mit der Wunscherfüllung hast du prima gelöst. Meine Kindergeschichten ruhen zum größten Teil noch in einem Ordner – so richtig auf Papier gedruckt – ich will sie alle noch einmal überarbeiten. Die einzige, die ich in letzter Zeit ins Netz gestellt habe, war Lisas Garten im März. Die durfte nun auch in den Schreibblog umziehen. Ansonsten habe ich gerade wieder den Kopf voller Geschichten. Seltsam, diese Phasen 😉
    Nun guck ich mich noch ein bisschen weiter bei dir um. Es gibt Vieles, was ich noch nachlesen will.
    Herzliche Grüße
    Elke

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Elke,
      zunächst einmal vielen lieben Danke für Deine Kommentare, die Du mir heute zu meinen unterschiedlichen Geschichten und Beiträgen geschickt hast. Ich werde mich jetzt erst einmal durcharbeiten.
      LG
      Astrid

  6. Ach was für eine schöne Geschichte. Ich dachte erst an ein Geschwisterchen, aber es war wohl ein kleiner Hund, den er sich wünschte. Oder?
    Viele Grüße von Kerstin.

    • Astrid Berg sagt

      Ja Kerstin, er hat sich einen Hund gewünscht. Ich freue mich, dass Dir die Geschichte gefällt. Der lustige Gartenzwerg mit seiner Pfeife hat mich damals inspiriert.
      LG
      Astrid

  7. Eva V. sagt

    Liebe Astrid, eine wunderschöne Geschichte und die Auflösung könnte doch eine nette Fortsetzung werden. Danke, ich habe Deine Geschichte sehr gerne gelesen. Liebe Grüße Eva

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Eva,
      danke für Deinen netten Kommentar. Vielleicht habe ich tatsächlich schon etwas im Hinterkopf. Mal sehen, irgendwann …
      LG
      Astrid

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