Kurzgeschichten

Schau mal!

Ich sitze in meinem Arbeitszimmer am Schreibtisch.  Um mich herum liegen Unterlagen und Papiere, die ich bearbeiten muss. Doch eine Akte, die ich hierfür dringend benötige, fehlt mir noch. Ein Blick zu meinem teilweise geöffneten Bücher- und Aktenschrank bestätigt mir, dass ich sie dort finden kann.

Ich stehe auf, um mir die Akte zu holen, doch bevor ich diese ergreife, öffne ich aus einem mir unerfindlichen Grund die mittlere der drei Schranktüren. Hier befinden sich neben unserem Familienstammbuch auch die Bibel, die wir zur Hochzeit bekommen haben, mein Gesangsbuch, das mich bei meiner Erstkommunion begleitet hat und das alte Stammbuch meiner Uroma. Doch alles das interessiert mich im Moment herzlich wenig. Meine Augen erblicken nämlich etwas, das ganz unscheinbar neben diesem Stapel liegt. 
Ich nehme dieses Etwas vorsichtig heraus, als wäre es ein besonderer Schatz, der sehr zerbrechlich ist. Tatsächlich handelt es sich um eine Kostbarkeit. Nicht im herkömmlichen Sinne. Kein Mensch würde dafür auch nur einen Euro hinlegen. Trotzdem ist dieses Etwas sehr wertvoll. Man kann seinen Wert nicht in Geld oder Gold aufwiegen, denn es ist eine Kostbarkeit des Herzens.  
Ich habe diesen Schatz seit mehr als fünfundzwanzig Jahren gut gehütet und dafür gesorgt, dass ihm nichts geschieht. Auch wenn wir dieses Etwas zeitweise vergessen haben, so war es immer gut verwahrt. 
Gerade als auf meiner Handfläche der Schatz mit seinem kaum spürbaren Gewicht liegt und ich mit meinen Gedanken weit, weit weg in der Vergangenheit, bei wohlbekannten Orten und Personen weile, dringt an meine Ohren ein vertrautes Geräusch.
Unten an der Haustür wird gerade der Schlüssel im Schloss umgedreht. Mein Göttergatte kommt nach Hause. Ich spurte die Treppen hinunter und begrüße ihn. 
„Ich muss dir unbedingt etwas zeigen“, trällere ich ihm begeistert entgegen.
„Jetzt lass mich doch erst einmal richtig heim kommen“, meint er und stellt seine Laptoptasche im Flur ab. „Hat das nicht noch einen Moment Zeit?!“
„Hmmm!“, antworte ich sichtlich enttäuscht.
„Nachher, – ich will erst mal entspannen,- es war heute ziemlich stressig.“
„Es wird dich aber interessieren“, versuche ich ihn neugierig zu machen. „Schau es dir doch wenigstens mal an!“
„Na gut, sonst lässt du mir eh’ keine Ruhe!“, gibt mein Peter nach.
„Ich muss nur schnell nach oben und es holen“, rufe ich begeistert und sause auch schon los.
Er lässt sich in den Sessel fallen und wartet ab. Doch lange muss er nicht warten, denn ich bin in Nullkommanichts wieder da und stehe vor ihm. Leider sind meinem Mann inzwischen die Augen zugefallen. Ich frage mich, wie man von einer Sekunde zur anderen einschlafen und auch noch schnarchen kann. Es hilft aber alles nichts. So trolle ich mich still und leise davon und bereite schon mal das Abendessen vor.
Und wie das so ist, habe ich die Sache bis zum späten Abend vergessen. Erst als mein Mann meint:
„Was wolltest du mir eigentlich vorhin so dringend zeigen?“,
fällt mir dieses kostbare Etwas wieder ein.
„Schau mal, was ich hier habe“, sage ich und zeige ihm auf meiner flachen Hand meinen gutgehüteten Schatz.
„Sieht aus wie ein altes, vergilbtes und gefaltetes kariertes Blatt Papier“, begutachtet Peter das Etwas.
„So weit, so gut“, stimme ich ihm zu. „Aber jetzt warte mal ab!“
„Mach es nicht so spannend und gib mir es einfach mal.“
„Nein, ganz sicher nicht!“, entgegne ich. „Du machst es nur kaputt!“
„Was soll an dem Papier schon kaputt gehen. Wie alt ist es denn, wenn du befürchtest, dass es zerfällt?“
Ich kläre meinen Mann darüber auf, dass das Blatt Papier schon über fünfundzwanzig Jahre alt ist. Das bewirkt bei ihm allerdings nur ein verständnisloses Achselzucken. Ich gebe zu, dass dies auch keine Besonderheit ist und falte es langsam und vorsichtig auseinander.
„Aha, da ist also was eingewickelt!“, schlussfolgert er und trifft damit ins Schwarze. Nachdem ich die letzte Lage entfaltet habe, liegt vor uns ein nahezu unbeschädigtes vierblättriges Kleeblatt. 
„Ein bisschen verblasst. Aber man kann es kaum glauben, dass das Chlorophyll doch so über die Jahrzehnte hinweg erhalten geblieben ist!“, staunt er nun. „Und nur, weil das Kleeblatt lichtgeschützt war.“
Und gleich schiebt er eine Frage hinterher:
„Woher stammt das Kleeblatt?“
„Als T. so ungefähr drei oder vier Jahre alt war, ist er mal mit deinem Vater spazieren gegangen. Du kennst doch unseren Sohn: Er braucht nur auf eine Wiese herabzublicken und schon findet er ein vierblättriges Kleeblatt. Das war damals auch schon so. Dein Vater hatte einen Zettel dabei und hat es sorgfältig darin eingeschlagen. Nach dem Spaziergang hat er es mir gegeben und gesagt: ‚Das hat T. für die Mama gefunden!‘ “
„Und du hast es all die Jahre aufgehoben. Wo hattest du es eigentlich?“, will Peter nun noch wissen.
„Ich habe es damals in mein Führerscheinmäppchen gelegt. Dort lag es bis wir diesen grauen ‚Lappen‘ gegen den neuen Führerschein in Kartenform eingetauscht haben. Dann lag es eine Weile im Tresor und nun schon seit vielen Jahren im Schrank in meinem Arbeitszimmer neben dem Familienstammbuch, wo ich es auch gleich wieder hinlege und weiterhin aufhebe.“
„Eine schöne Erinnerung!“, sagt Peter.
Ich nicke und nehme mir vor diesen kleinen Schatz unseren Sohn am nächsten Wochenende zu zeigen. Ich bin mir sicher, dass er sich noch daran erinnern kann und sich über dieses kleine Andenken an einen gemeinsamen Spaziergang mit seinem längst verstorbenen Opa freut.

 

 

 

 

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4 Kommentare

  1. Liebe Astrid,
    dieses Kleeblatt hat so viele Jahre heil überstanden. Mit solchen Erinnerungsstücken kann man sich in schöne Zeiten zurückversetzen.
    Auch ich „sammle“ schon seit Jahren irgendwelche „Kleinigkeiten“ – sei es ein Blümchen, dass ich hinterher presse oder ein schönes Steinchen, das ich finde – bei einem schönen Spaziergang oder schönem Erlebnis. Und es ist immer wieder schön, diese herauszuholen und zu begutachten.

    Sonnige Grüße
    Traudi

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Traudi,
      schöne Erinnerungen bereichern unser Leben. Wenn diese Erinnerungen auch noch durch etwas ergänzt werden, das man in die Hand nehmen und befühlen kann, dann ist dies ein ganz besonders gefühlvolles Erlebnis.
      Du bewahrst Dir ja richtige kleine Schätze auf, die Dir gar manche Geschichte erzählen können.
      Ich glaube auch Kinder wissen schon um den „Wert“ solcher Kleinigkeiten, warum sonst lieben sie es Sternchen, Steinchen, Federn und andere schöne Dinge zu sammeln?!
      Ich wünsche Dir einen wunderschönen Tag und schicke liebe Grüße von mir zu Dir.
      Astrid

  2. ein weitergeleiteter Kommentar von meiner Mama:

    Liebe Astrid,

    Oh, wie schön ist denn diese Erinnerungsbegebenheit. Das hast Du uns ganz zauberhaft nahe gebracht. Es könnte sich auch gerade eben erst ereignet haben. Das Leben schreibt sie uns nun mal diese kleinen Episoden, und wenn man sie mit anderen teilen kann finde ich sie doppelt schön. Herzlichen Dank 🍀und liebe Grüße von der Helga 🍀

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Helga,
      ich habe mich sehr gefreut, als ich dieses Kleeblatt gefunden habe und ich bewahre es weiterhin auf. Jetzt hat unser Sohn diese Erinnerung auch schriftlich festgehalten, eine besondere Erinnerung an seinen Opa.
      Ich wünsche Dir einen schönen Mittwoch und ganz viele kleine und große freudige Erinnerungen.
      Astrid

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