Kurzgeschichten
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Beschützer, Einbrecher, Holzfäller und ein ungeliebtes Haustier

In unserem letzten Urlaub wurde ich unfreiwillig Ohrenzeuge eines Gespräches zwischen zwei Frauen. Sie klagten sich gegenseitig ihr „Leid“.
„Manchmal halte ich es einfach nicht mehr aus!“
„Ja, genau man fühlt sich total fix und fertig am nächsten Tag.“

Eigentlich hätte ich mich sofort und ohne große Probleme dem Gespräch anschließen können, denn von dieser Art „Leid“ kann ich ebenfalls ein Liedchen singen.

„Was grinst du denn so?“, fragte mich mein Mann, aber da hatte er auch schon Gesprächsfetzen aufgefangen. „Ja, ja die schlimmen Männer!“

Inzwischen schwelgte ich lächelnd in Erinnerungen und durchforstete mein Leben nach eigenen Erfahrungen mit diesem eigentümlichen und lautstarken Phänomen, das scheinbar alle Ehemänner zu befallen schien und sich offenbar ungeachtet der Nationalität von Generation zu Generation weitervererbte.

Als erstes fiel mir eine Familienfeier ein, bei der die Cousine meines Mannes von einer Begebenheit berichtete, die sich allerdings noch vor meinem Eintritt in diese Familie ereignet hatte.

„Ich habe ganz viele Jahre an eine sehr einleuchtende Erklärung geglaubt, bevor ich irgendwann von meiner Mutter in ein offenes Geheimnis eingeweiht wurde und sie mich damit eines Besseren belehrte“, sagte sie und machte uns damit alle derartig neugierig, dass sie uns alles von Anfang an erzählen musste.
„Wenn ich als kleines Kind mit meinen Eltern und meinem Bruder bei Onkel und Tante zu Besuch war, wurden zunächst einmal immer erst die Schlafgelegenheiten für uns vier Gäste abgeklärt. Wir wurden also sozusagen auf verschiedene Zimmer und Betten aufgeteilt. Jeder sollte schließlich sein eigenes Schlaflager haben. Nur über eine Sache habe ich mich immer gewundert. Irgendwann habe ich dann meine Tante gefragt, warum denn Onkel Heinz auf einer Matratze im Wohnzimmer auf dem Fußboden schlafen musste.“
Sie erhielt folgende Antwort, die sie als Kind anscheinend auch in ihrem Wissensdurst befriedigte:
„Weißt du, Onkel Heinz beschützt uns und die kostbaren Teppiche vor Einbrechern.“
In den Ohren eines kleinen Mädchens muss dies wohl absolut logisch geklungen haben, denn mein Schwiegervater schnarchte nachts wie ein Bär und wer wollte es schon mit einem Bär aufnehmen.
„Somit war mein eigener Schlaf im Hause von Onkel und Tante immer tief und fest, da ich mich ja absolut sicher fühlen konnte. Wenn ich nachts einmal wach wurde und das laute Schnarchen hörte, wusste ich Onkel Heinz als Beschützer ist oben im Wohnzimmer und dann bin ich auch gleich wieder beruhigt eingeschlafen.“
„Und hast du dich bei meinem Schwiegervater wenigstens bedankt?“, fragte ich sie lachend.
„Na klar“, bestätigte sie. „ Ich habe Onkel Heinz, am nächsten Morgen gesagt, dass er die Teppiche und uns in der Nacht ganz toll beschützt hat.“

Zumindest heute weiß sie den wirklichen Grund, warum ihr Onkel im Wohnzimmer schlafen musste. Während sich die Cousine meines Mannes als Kind durch die nächtlichen Schnarchgeräusche beschützt fühlte, flößten solche Laute Jahre später unserem etwa siebenjährigen Sohn fürchterliche Angst ein.
Mit weit aufgerissenen Augen und zitternd vor Angst stand er eines nachts, es war schon weit nach Mitternacht, bei uns im Schlafzimmer.
„Mama!“
Obwohl er nur geflüstert hatte, riss ich sogleich die Augen auf.
„Wieso schläfst du denn nicht?“, fragte ich schlaftrunken und nach einem Blick auf die Uhr, fügte ich hinzu: „Leg dich doch bitte wieder in dein Bett, es ist noch dunkel draußen.“
„Ich habe Angst! Was ist das? Sind das Einbrecher?“
Jetzt hörte ich die Motorsäge auch. Inzwischen war auch mein Mann wach geworden. Sofort war uns schlagartig klar, was in unserem Haus vor sich ging.
„Ach, das ist nur Roland“, erklärte mein Mann. „Du brauchst keine Angst zu haben!“
Es waren keine Einbrecher und auch keine Holzfäller, wie man tatsächlich hätte vermuten können. Der Übeltäter war lediglich ein Bekannter, der bei einem Besuch bei uns etwas zu tief in sein Bierglas geschaut hatte und nun zwar selig, aber mit ziemlichem Getöse in unserem Gästezimmer nächtigte. Sein Schnarchen schien das ganze Haus erzittern zu lassen und wirkte als würde er einen Baum nach dem anderen fällen.

Diese beiden Geschichten hätte ich dem belauschten Gespräch der beiden Urlauberinnen ebenso hinzufügen können, wie die Tatsache, dass auch mein Mann dieses sonderbare männliche Gen in sich trägt. Denn auch er schnarcht! Bis jetzt scheint er sich allerdings noch mit kleineren Wäldchen zu begnügen, was aber nur geringfügig leiser vonstatten geht als bei seinem Vater und unserem Bekannten. Trotzdem ist es manchmal schon etwas nervig, wenn ich ehrlich bin. Meistens hilft dann:
„Dreh dich doch mal um, du schnarchst!“
Leider wirkt dieser Zauberspruch nur für wenige Sekunden, dann hat er die Säge wieder gefunden und damit auch seinen Arbeitseifer. Sollte er tatsächlich einmal eine längere Schnarchpause einlegen, liege ich dann voller Konzentration lauschend neben ihm, schalte das Licht an und sehe nach, ob er noch atmet. Mit etwas Glück falle ich dann (schnarchlos, wie ich annehme, da ich keine gegenteiligen Beschwerden vernommen habe) wieder in den Schlaf, denn dann ist mir sein Schnarchkonzert egal, ja es scheint tatsächlich etwas Beruhigendes und Beschützendes davon auszugehen und man würde echt etwas vermissen!!!
Schnarcht der eigene Mann mal nicht beziehungsweise nicht so laut, so klingt aus dem Nachbarzimmer im Hotel oder in einer lauen Sommernacht bei geöffneter Balkontür vom Nachbarhaus das gleiche sich rhythmisch wiederholende Sägen herüber.

Ohne unsere Männer wäre die Welt viel stiller, aber auch viel langweiliger! Wir lieben sie, egal ob mit oder ohne nächtliche Baumfällarbeiten, sprich: In guten und in schlechten Zeiten.

Meine Schwiegermutter hatte aus dem Schnarchen meines Schwiegervaters ihre Konsequenzen gezogen, sie schliefen also in getrennten Zimmern. Schlafen konnte und kann sie trotzdem angeblich nachts immer noch nicht. Schuld ist jetzt allerdings nicht das „Sägen“ ihres Mannes, der inzwischen das ganze Geschehen aus einem anderen Blickwinkel betrachtet, nämlich von oben. Da er jetzt alles genauestens überblicken und beobachten kann, kennt er wohl auch Willi. Allerdings fragt er sich sicherlich, wie es ein so süßes kleines Tierchen mit seinem inbrünstigen Schnarchen aufnehmen kann. Dazu muss man sagen, dass Willi ein Holzwurm ist, der meiner Schwiegermutter Nacht für Nacht den Schlaf raubt.
Daher hat sie ihn neulich mit dem Messer bedroht. Sie hat wohl mit dem Messer in mehrere Holzwurmlöcher auf der Vorderseite des Schrankes gestochen und Willi derart zu Tode erschreckt, dass er sich nun zur Rückseite des Möbelstücks zurückgezogen hat. Da meine Schwiegermutter Holzwurm Willi nicht zum Ausziehen, sondern nur zu einem geringfügigen kleinen Umzug bewegen konnte, teilten sich beide weiterhin das Schlafzimmer. Da aber bekanntlich der Klügere nachgibt, zog meine Schwiegermutter letzten Endes zum Schlafen doch noch in ein anderes Zimmer.

Übrigens:
Die beiden Urlauberinnen haben ihren Männern das Schnarchen verziehen, denn ich hörte wie eine von ihnen das Thema abschließend sagte:
„Na, wenn sie keine anderen Macken haben, dann können wir doch zufrieden sein!“
Kräftig mit dem Kopf nickend stimmte die andere ihr zu und dann sprangen sie in den Swimmingpool.

4 Kommentare

  1. Roland sagt

    Liebe Astrid,

    nachdem ich im letzten Jahrtausend die Wälder rund um Cottbus abgesägt habe und desgleichen im neuen Jahrtausend in der Schweiz anging, säge ich nun in Hessen, wie dir bekannt ist. Der Gefahr in unserem Haus, dass Willi wegen weit lieblicheren Geräuschen nach dem Leben getrachtet wurde, war ich mir bis dato allerdings nicht bewusst. Ich hoffe, dass sich daraus nicht vergleichbare Gefahren für meine Person ableiten ;-).

    Liebe Grüße
    Roland

    • Astrid Berg sagt

      Hallo Roland,
      vielen Dank für Deinen netten Kommentar, er hat mich tatsächlich zum Schmunzeln gebracht. Schön, dass Du Dich erkannt hast! Nein, für Dich besteht keinerlei Gefahr, – versprochen! 😉
      LG
      Astrid

  2. Andrea sagt

    Halt, ein kleiner Widerspruch sei mir erlaubt: Ich kenne einige Frauen (nicht mich), die wie die Donnergöttinnen schnarchen und sämtliche Wälder absägen, die es gibt.

    Da helfen nicht einmal mehr Ohropax oder das Beten zu Morpheus (Gott des Schlafes?), er möge die Nacht – in der ich mir mit einer „Kreissäge“ ein Zimmer teilen muss – so rasch wie möglich vorübergehen lassen. Morpheus hat meine Bitten immer brav erhöht, naja fast immer.

    Gute N8.

    Herzlichst

    Andrea

    • Astrid Berg sagt

      Naja, das mit dem Schnarchen ist so eine Sache, ich vermute mal, es kommt vielleicht auf den Resonanzraum an 😉 und weniger auf das Geschlecht. Könnte so sein , oder?
      LG
      Astrid

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