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Professor Konfusi

Mein Schwiegervater kannte vor vielen Jahrzehnten einen Herrn, aus dessen Leben er meinem Mann irgendwann einmal eine kleine wahre Begebenheit erzählte. Als sich diese ereignete, war mein Peter noch gar nicht geboren, aber ihm fiel sie erst neulich auf Mallorca wieder ein. Ich habe mir gedacht, dass sie euch bestimmt gefällt und habe kurzerhand eine Geschichte daraus gemacht und Erzähltes mit Erdachtem vermischt. Lest selbst, was dabei herausgekommen ist:

Er war ein untersetzter Mann. Genauer gesagt, war er von etwas kleinerer Statur mit einem gut sichtbaren sich vorwölbenden Bauch. Sein Gesicht war rundlich mit niedlichen Pausbacken, immer glatt rasiert und einem rundlich wirkenden Mund. Die dunklen Augen hatten ein Strahlen, so dass er wohlwollend auf seine Mitmenschen blickte. Nicht von oben herab, sondern eher von unten nach oben. Auf seiner dicklichen Nase saß meist eine Brille, über deren Rand er allerdings immer hinweg sah.
Die wenigen Härchen, die seinen Kopf zierten, waren erstaunlich dunkel, allerdings nur noch kranzförmig von einem Ohr zum anderen angeordnet. Der Rest des Kopfes offenbarte eine glänzende Glatze. Diese schützte er im Winter vor Kälte durch eine karierte Schirmmütze und im Sommer vor der Sonne mit einem lustigen roten Hütchen.
Professor Konfusi war ein netter stets freundlicher Geselle. Intelligent war er auf jeden Fall, doch keineswegs eingebildet und vor allen Dingen hatte er für jedermann ein offenes Ohr. Seine Studenten mochten ihn und seine manchmal etwas zerstreut wirkende Art, die ihn nur noch liebenswerter machte. Das hatte natürlich auch auf seine Vorlesungen Auswirkungen, bei denen er oftmals auch abschweifte und kleine Anekdoten zum Besten gab.
Er hatte den Ruf seinem Namen alle Ehre zu machen, so dass die Studenten oft vom zerstreuten oder konfusen Professor sprachen. Allerdings taten sie dies in einer sehr liebevollen Art und Weise. Alle hatten Professor Konfusi in ihr Herz geschlossen, denn er konnte über seine eigene Schusseligkeit am herzlichsten lachen.
Bei Präsentationen und Konsultationen legten die Studenten ihm ihre Aufzeichnungen nur vor, wenn keine gefüllte Kaffeetasse in der Nähe war. Man munkelte nämlich, dass er früher mehr als einmal seinen Kaffee über irgendwelche schriftlichen Ausarbeitungen gekippt hätte. Nicht etwa aus Boshaftigkeit oder aus Absicht. Nein, das hätte ihm keiner nachsagen können. Im Grunde genommen passierte es aus Unachtsamkeit, oder wie man so schön sagt, in der Hektik des Gefechtes. Er deutete mal hier und mal da hin, diskutiere und fuchtelte mit den Händen in der Gegend herum. Tja und schwuppdiwupp war ein Kaffeefleck auf der Dokumentation.
Wie gesagt, das erzählte man sich so innerhalb der Studentenschaft. Was daran Wahrheit und was eher geflunkert war, lässt sich nicht richtig feststellen, denn niemals wurde ein Student Zeuge beim Überschwappen des Kaffees aus der Tasse. Jedoch waren einige seiner eigenen Unterlagen mit bräunlichen Flecken bedeckt, so dass man sich lächelnd und augenzwinkernd anblickte.
Mein Schwiegervater, der ihn bei verschiedenen Projekten kennenlernen durfte, berichtete meinem Peter eine lustige Geschichte aus dem Leben des Professor Konfusi, die ihm dieser einst selbst erzählt hatte. Diese kleine Episode war keineswegs erfunden, um seine Mitmenschen zu belustigen, sondern sie ereignete sich wahrhaftig:

Wie man sich denken kann, gehörte zu Professor Konfusi auch noch eine bessere zweite Hälfte, nämlich Frau Konfusi. Seine Gemahlin war ebenso liebenswert und von freundlicher Natur, wie er selbst. Sie hatte seine Größe, war schlank und immer adrett gekleidet.

Eines morgens, sie wollte gerade den Frühstückstisch decken, da hatte Professor Konfusi eine Idee.
„Ich könnte doch schnell zum Bäcker um die Ecke gehen und uns ein paar Brötchen kaufen. Was hältst du davon?“
„Ja“, sagte sie. „Das wäre eine schöne Abwechslung. Ich habe gestern leckere Erdbeermarmelade gekocht, die schmeckt bestimmt herrlich auf frischen knusprigen Brötchen.“
„Ich bin in zehn Minuten wieder da!“, rief er seiner Gemahlin zu, setzte sich sein rotes Hütchen auf und verschwand durch die Haustür.
Zum Bäcker war es wirklich nicht weit, denn dessen Geschäft befand sich schon vor der nächsten Straßenecke. Dort angekommen, wunderte sich Professor Konfusi, dass die Ladentür verschlossen war und ein Schild an der Türklinke hing, auf dem folgende Mitteilung zu lesen war:

Heute wegen Familienfeier geschlossen!

Etwas ratlos stand er nun da. Seine Gemahlin würde enttäuscht sein, denn sie hatte sich sichtlich auf die frischen Brötchen gefreut. Er übrigens auch.
Nach kurzem Überlegen, beschloss er zum nächsten Bäckerladen zu marschieren, was allerdings bedeutete, dass er eine Viertelstunde strammen Schrittes in die entgegengesetzte Richtung laufen musste. Da einfach nur laufen ja bekanntlich langweilig ist, vertrieb sich Professor Konfusi die Zeit mit einigen Denkaufgaben.
Bald schon konnte er auch die Menschenschlange vor dem angestrebten Bäckerladen sehen, als ein Geschäft auf der gegenüberliegenden Straßenseite seine Aufmerksamkeit erregte. Letzte Woche war dies noch nicht dort gewesen und deshalb wechselte er jetzt neugierig auf die andere Straßenseite.
Frau Konfusi wunderte sich allerdings, dass ihr Gemahl nach einer halben Stunde immer noch nicht zurück war. Sie schaute aus dem Fenster, konnte aber ihren Mann nirgendwo erblicken. Nach weiteren 15 Minuten lief sie nach unten vor die Haustür. Nichts war zu sehen. Da der Kaffee inzwischen schon kalt geworden war und ihr Magen knurrte, hätte sie eigentlich verärgert sein müssen. Aber Frau Konfusi machte sich weder um den Kaffee noch um die fehlenden Brötchen Gedanken, sondern sie sorgte sich um ihren Gemahl.
„Es wird ihm doch nichts passiert sein!?“, überlegte sie.
Doch was sollte sie tun? Da es zu dieser Zeit noch kein Handy gab, beschloss Frau Konfusi sich auf die Suche nach ihrem Mann zu machen. Also marschierte sie wieder nach oben in die Wohnung, um sich ihre Strickjacke und ihre Handtasche zu holen.
Gerade als sie auch noch nach ihrem Regenschirm greifen wollte, denn es hatte inzwischen ein wenig angefangen zu nieseln, klingelte es an der Haustür. Schnell riss sie diese auf und stand einem freudestrahlenden Professor Konfusi gegenüber.
„Gott sei Dank, da bist du ja!“, stieß sie glücklich hervor. „Wo warst du denn so lange? Ist etwas passiert?“
„Nein, nein!“, meinte er nur beruhigend. „Ich habe dir was mitgebracht!“
„Mir ist vor Angst und Aufregung der Appetit auf Marmeladebrötchen vergangen!“, entgegnete sie.
„Welche Brötchen?“, fragte er und schüttelte plötzlich den Kopf. „Ich habe was viel Schöneres für dich!“
„Bubi hat Hunger! Bubi hat Hunger und Durst!“, hörte Frau Konfusi plötzlich jemand sagen.
Verwirrt sah sie sich um, konnte aber den besagten Bubi nicht sehen.
„Hast du noch jemand mitgebracht?“, erkundigte sie sich bei ihrem Mann.
Dieser strahlte über das ganze Gesicht und hob wortlos nur seinen rechten Arm hoch. In seiner Hand hielt er einen großen Vogelkäfig, in dem ein rot-gelb-blau gefiederter wunderschöner Papagei saß und nochmals sein Anliegen unmissverständlich vorbrachte:

„Bubi hat Hunger! Bubi hat Hunger und Durst!“

17 Kommentare

  1. Guten Morgen, Astrid, bin gerade beim Frühstück und habe diese bezaubernde Geschichte gelesen. Was für ein liebenswerter Geselle, der Professor doch war und schön, dass du ihm mit deiner Erzählung ein Denkmal gesetzt hast.
    Übrigens hast du ihn wunderbar beschrieben, ich konnte ihn direkt vor mir sehen.
    Wünsche dir noch einen schönen Tag und freue mich immer über deine Geschichten, wenn ich auch nicht immer gleich kommentiere wie heute.
    Herzlichst Lore

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Lore,
      danke für Deinen netten Kommentar.
      Das Foto habe ich in unserem Urlaub gemacht und als mir mein Mann diese auch ihm nur erzählte Begebenheit aus dem Leben des Professors berichtete, war mir klar, dass dieser nur so ausgesehen haben könnte. Leider können wir meinen Schwiegervater dahingehend nicht mehr befragen.
      Ich schicke Dir liebe Grüße und wünsche Dir einen schönen Tag
      Astrid

  2. Hallo Astrid,

    die Erzählung hat mir gefallen, der Mann macht in Deinen Worten einen netten Eindruck auf mich, vielleicht gerade wegen seiner „Macken“ 😉

    Liebe Grüße und weiterhin schöne alltagserinnerungen 😉
    Björn 🙂

    • Astrid Berg sagt

      Hallo Björn,
      leider habe ich diesen Mann nicht persönlich kennengelernt und konnte mich daher nur auf Erzähltes stützen. Erst hat mein Schwiegervater seinem Sohn berichtet und dann hat es mir mein Mann erzählt und ich wiederum habe diese Geschichte geschrieben. Aber ich bin mir sicher, dass ich sein Wesen und seine Art ziemlich genau getroffen habe 😉
      LG und einen schönen Abend
      Astrid

  3. Hallo Astrid, was Profs so alles anstellen, lach, was für eine schöne Geschichte. Ich sehe ihn buchstäblich vor mir.Liebe Grüße Eva

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Eva,
      ich habe ja selbst einen Prof (mein Peter) und weiß daher hautnah, was ihnen so alles einfallen kann 😉
      LG
      Astrid

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Bärbel,
      meinem Göttergatten würde ich es auch zutrauen 😉 , aber solange es so schöne Überraschungen sind, ist ja alles gut.
      LG
      Astrid

  4. Liebe Astrid. herzliche Grüße.
    Deine Geschichte vom etwas schusseligen Professor gefällt mir. Ein liebenswerter Zeitgenosse.
    Ich wünsche Dir einen guten Tag, tschüssi Brigitte

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Brigitte,
      ich freue mich, dass Dir meine Geschichte gefällt. Ich muss ehrlich sagen, ich hätte ihn auch gerne kennengelernt. Er war sicherlich ein netter Mensch.
      LG
      Astrid

    • Astrid Berg sagt

      Danke Klaus für Dein großes Lob. Ich bin gleich ein paar Zentimeter gewachsen vor Stolz 😉
      Ich wünsche Dir einen schönen Abend.
      Übrigens, morgen kommt eine neue Geschichte.
      LG
      Astrid

  5. So einen süßen Professor hätte sicher jeder gern, liebe Astrid. Sehr liebevoll erzählt. Liebe Grüße Tanja Könnte auch Stoff für Kindergeschichten werden.

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Tanja,
      ich habe gerade meine eigene Geschichte noch einmal kurz überflogen. Du hast recht, man könnte sie auch als eine Kindergeschichte einstellen. Eigentlich braucht man sie gar nicht noch einmal zu verändern. Also …
      LG
      Astrid

      • Ich meinte eigentlich nicht nur diese Geschichte. Professor Konfusi könnte doch noch ein paar mehr Abenteuer erleben. Du als Lehrerin könntest doch Wissen kindgerecht durch Professor Konfusi vermitteln lassen. LG Tanja

        • Astrid Berg sagt

          Liebe Tanja,
          ich habe vorhin Deine Nachricht auf meinem Handy gelesen und seither geht sie mir nicht mehr aus dem Kopf. Deine Idee gefällt mir und ich denke, ich werde sie ausprobieren. Sie muss noch ein wenig in meinem Kopf heranwachsen, aber ich merke, dass sie mich mehr und mehr beschäftigt. Danke für diesen tollen Vorschlag. Außerdem habe ich diesen Professor Konfusi inzwischen selbst schon ins Herz geschlossen 😉
          LG und einen schönen Sonntag
          Astrid

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