Kurzgeschichten
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Pirat Schorsch

Ich ziehe aus meiner Handtasche eine kleine Schachtel heraus und lege den Inhalt auf den Tisch. Mein Mann sitzt mir gegenüber und betrachtet neugierig die niedliche  Magnetfigur.  Es ist ein kleiner pfiffig aussehender Piratenjunge mit einer schwarzen Augenklappe, einem blauen Tuch auf dem Kopf und einem roten um den Hals. In der Hand trägt er seine Beute, einen Beutel, in dem sich wahrscheinlich die Münzen aus dem Piratenschatz befinden.

„Willst du eine Piratengeschichte schreiben?“, erkundigt sich mein Mann und dreht die Figur in seiner Hand hin und her.
„Keine Ahnung, irgendwann vielleicht. Mir hat der kleine Kerl einfach nur gefallen. Ansonsten habe ich im Grunde genommen mit Piraten nichts im Sinn. Ich habe weder ein Piratenbuch gelesen, noch kann ich mich erinnern jemals einen Film diesbezüglich gesehen zu haben“, erkläre ich meinem Peter.
„Da ist dir aber einiges entgangen. Ich zum Beispiel habe einen echten Piraten kennengelernt. Er gehörte sogar zu meiner Familie.“
„Du stammst aus einer Piratenfamilie? Das ist aber ganz was Neues“, wundere ich mich.
Ich kenne meinen Mann nun schon seit 42 Jahren und ein Pirat ist mir in seiner Familie noch nie begegnet. Irgendetwas kann hier also nicht stimmen.
„Du willst mir doch nur einen Bären aufbinden“, gebe ich ihm zu verstehen, dass ich mich nicht verulken lasse.
„Das würde ich mir niemals erlauben“, sagt er mit todernster Miene. „Ich will dir lediglich von dem Piraten Schorsch erzählen.“
„Nur zu, auch wenn du dir wahrscheinlich alles nur ausgedacht hast und mir jetzt eine Fantasiegeschichte auftischst“, ermutige ich meinen Mann zum Berichten.
„Nein, ich fantasiere nicht und dichte auch nichts hinzu. Mein Onkel Schorsch war in seinem ersten Leben ein Pirat. In seinem zweiten Leben war er dann allerdings ein angesehener und seriöser Fabrikant.“
„Dein Onkel Schorsch? Wer soll das nun wieder sein?“, frage ich vollkommen verwirrt. „Du hast 3 Onkel,- einen väterlicherseits und einen mütterlicherseits. Der dritte Onkel ist angeheiratet und gehört zur Familie deiner Mutter. Allerdings heißt keiner dieser Drei ‚Schorsch‘ und auch nicht ‚Georg’“, gebe ich mein Wissen preis.
Mir ist bekannt, dass in manchen Gegenden Deutschlands der Name ‚Georg‘ umgewandelt wird in ‚Schorsch‘. Auch wenn ich mir mein Hirn zermartere, mir ist in all den vergangenen Jahrzehnten keine Person aus der Familie meines Mannes begegnet, der einen der beiden Namen trägt.
„Onkel Schorsch hast du ja auch gar nicht gekannt. Er lebt nicht mehr und war eigentlich so etwas wie mein Großonkel. Er hat die Schwester meiner Großtante geheiratet,- Tante Elsa.“
„Aha, und der soll Pirat gewesen sein? Das glaubst du doch wohl selber nicht!“
„Und ob ich das glaube!“, verteidigt sich mein Mann. „Zumindest war ich als Kind davon felsenfest überzeugt.“
„Aha!“, sage ich nun schon zum zweiten Mal und muss mir insgeheim eingestehen, dass mich die Sache nun doch schon mehr als nur ein wenig interessiert.
„Immer wenn wir zu Besuch bei Tante Elsa und Onkel Schorsch waren, hat er mir aus seinem Leben als Pirat erzählt. Ich kann mich zwar nicht mehr erinnern, was in diesen Geschichten so alles passiert ist, aber spannend und fesselnd waren sie auf alle Fälle.“
„Mein Mann macht eine kleine Pause, steht auf, holt sich einen Kaffeebecher aus dem Schrank und drückt auf unseren Kaffeevollautomaten, um sich einen Latte Macchiato zuzubereiten.
„Nun erzähl schon weiter! Erst fängst du an, machst mich neugierig und dann hörst du einfach auf zu erzählen!“, beschwere ich mich.
„Ach, bist du doch neugierig geworden?“, fragt Peter scheinheilig. „Na gut, ich will ja nicht so sein!“
Mein Blick wandert bei seinem Bericht immer zwischen meinem Mann und der kleinen Magnetfigur hin und her. Insgeheim stelle ich mir ihn als kleinen Jungen vor, der ein Piratenkostüm trägt und einen aus Holz geschnitzten Säbel schwingt.
„Ich war damals noch ein kleines Kind, das auch noch Mittagsschlaf halten sollte. Obwohl ich eigentlich nicht so genau weiß, ob es mein eigenes Bedürfnis nach Schlaf war oder das meines Onkels, welches uns auf das Sofa im Wohnzimmer zog. Lediglich zum Mittagsschlaf war es ihm erlaubt in der Wohnung zu schlafen. Nachts wurde er wegen seines Schnarchens zum Schlafen auf den Dachboden verbannt. Es führte keine normale Treppe nach oben, sondern es gab eine Klappe in der Decke, an der musste man mit einem langen Stab ziehen, damit sie sich öffnete. Gleichzeitig klappte man  damit eine Leiter aus. Diese musste Onkel Schorsch jeden Abend hinaufsteigen.“
„Das ist ja echt gemein. Aber einen richtige Piraten kann ja nichts erschrecken“, werfe ich ein, doch mein Mann spricht ohne auf meinen Einwurf einzugehen weiter:
„Jedenfalls lag ich dann mit ihm gemeinsam auf dem Sofa und schmiegte mich in seinen Arm. Er erzählte mir von Seeräubern, guten und bösen Piraten, wobei er natürlich immer der gute Pirat war, der auch den großen Piratenschatz fand. In der Schatzkiste befanden sich Gold und Silber und natürlich tausende von Goldmünzen. Außerdem hat er meine Tante Elsa aus den Fängen der bösen Piraten gerettet und vom Fleck weg geheiratet. Aber mehr weiß ich auch nicht mehr.“
„Dann solltest du dich mit der Materie irgendwann mal wieder auseinandersetzten, denn man weiß nie, wann dein Einsatz gefragt ist“, schlage ich vor.
„Wieso, soll ich dir zukünftig als Piraten Peter Gute-Nacht-Geschichten erzählen?“

 

 

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6 Kommentare

  1. ein weitergeleiteter Kommentar von meiner Mama:

    Liebe Astrid,

    Schön hast Du uns wieder erzählt, ich komme mir selbst vor als würde ich Papas Märchenerzählungen lauschen. Denn mein Papa war ein echter Schorsch, haha, kein Pirat natürlich, sondern schlicht und einfach ein Georg. Ein Teil der Freunde sagte auch immer Schorsch zu ihm, ein anderer Teil Schmess. Warum das so war blieb mir leider verborgen. Fragen geht auch nicht mehr. Geschichten erfinden und niederschreiben, auch dazu malen, konnte Papa hervorragend, leider mußte er 1942 in Rußland verbleiben. Bis dahin schrieb und malte er mir Briefe. Ich habe diese schon alle gepostet bei Kerstin, auch das Märchen von den Brikettmännlein kann man noch aufrufen.
    Kuschelfaktor gegen virtuelle Welt, ich glaube den Kindern geht viel verloren in diesem digitalen Zeitalter. Missen möchten wir es aber auch nicht mehr, und brauchen tun wir es auch.
    Wenn Du magst kannst Du gerne nachlesen: https://bienenelfe.blogspot.com/2014/04/es-war-einmal.html , https://bienenelfe.blogspot.com/p/opabrief.html und https://bienenelfe.blogspot.com/p/das-marchen.html
    Ansonsten danke für die Piratengeschichte und ein sonniges Wochenende wünschen wir uns alle, herzliche Grüße gehen auch noch mit, von der Helga

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Helga,
      und ob ich das alles nachlesen werde. Ich bin schon ganz gespannt darauf. Gut, dass Du diesen wahren Schatz aufgehoben hast.
      Liebe Morgengrüße
      Astrid

  2. Und wieder so eine niedliche Geschichte aus der Kinderzeit. Ich habe unseren Kindern auch immer viel vorgelesen. Große Pappbücher mit vielen Bildern, da gab es immer wieder was zu entdecken und regte die Fantasie an.
    Liebe Grüße von Kerstin.

    • Astrid Berg sagt

      Das Vorlesen von Geschichten ist durch nichts zu ersetzen. Da kann kein Computer, kein Tablet, kein Handy mithalten, denn beim Vorlesen und Erzählen von Geschichten ist der menschliche Kontakt vorhanden. Die Kinder können fragen und erhalten sofort Antworten. Sie können mitagieren und reagieren. Es ist wie ein Pingpongspiel.
      Liebe Morgengrüße
      Astrid

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