Kurzgeschichten, Reisen
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Die Mausefalle

Jeder von Euch kennt sicherlich das alte Sprichwort „Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen…“*. Einige von Euch wissen auch, dass mein Mann und ich vor Kurzem erst von einer Urlaubsreise zurück gekommen sind. Und da haben auch wir selbstverständlich auch etwas zu erzählen.

So stehen wir gerade am Nachbarzaun, bedanken uns für die gute Betreuung unserer Katze und plaudern ein bisschen aus dem Nähkästchen, wie man so schön sagt.
„Es war richtig schön“, schwärme ich. „Wir hatten traumhaftes Wetter bei wirklich sommerlichen Temperaturen, sind viel gelaufen und haben es uns gutgehen lassen.“
Wir berichten von einer Schiffsfahrt und den Delphinen, die wir gesehen haben und vom Karneval auf Teneriffa, den wir rein zufällig miterlebt haben.
„Auf Teneriffa waren wir noch nicht, allerdings schon auf einer anderen kanarischen Insel“, berichtet uns die Nachbarin. „Vielleicht fliegen wir auch mal dort hin.“
„Nehmt auf alle Fälle eine Mausefalle mit“, rät mein Mann, woraufhin die Nachbarin lachen muss.
„Wieso? Gibt es da eine Mäuseplage?“, will sie interessiert wissen und schaut uns etwas entgeistert an.
Auch ich bin zunächst etwas verwirrt von dem Ratschlag meines Gatten, ahne aber dann doch worauf er abzielt.
„Nein Mäuse gibt es dort sicherlich nicht mehr als bei uns. Mir ist jedenfalls keine einzige Maus begegnet“, mische ich mich nun ein.
„Aber du musst schon zugeben, dass eine Mausefalle sehr hilfreich gewesen wäre“, richtet sich Peter an mich.
„Nun erzählt schon endlich!“, fordert unsere Nachbarin uns auf. Anscheinend haben wir sie mit unseren Andeutungen neugierig gemacht.
„Es war abends, wir hatten gerade gegessen und wollten noch einen kleinen Spaziergang machen. Allerdings kamen wir nicht weit“, beginne ich nun zu erzählen.
„Genau bis um die nächste Ecke“, erzählt Peter weiter. „Da stand plötzlich ein Typ vor uns, als hätte er nur auf uns gewartet. Es war ein recht unauffälliger und unscheinbarer Mann, der mir einfach einen Flyer in die Hand gedrückt hat und uns etwas von einem Tanzabend erzählt hat.“
„In seinem Redefluss begann er auf einmal seitlich an Peters kurzer Hose zu zuppeln, als wolle er den Schwung des Tanzens demonstrieren. Irgendwie fand ich es seltsam, abgesehen davon, dass ich es überhaupt nicht mag, wenn man derartig vertraut von fremden Menschen angegrapscht wird. Dann ging alles blitzschnell. Mir fiel Peters seitliche Hosentasche auf und mir schoss ein Gedanke durch den Kopf. Fast gleichzeitig ermahnte ich meinen Mann panikartig, dass er aufpassen sollte.“
Lebhaft übernimmt nun Peter die weitere Berichterstattung:
„Ich weiß nicht, ob ich Astrid’s Worte überhaupt wahrgenommen habe oder selbst eine innere Eingebung hatte, auf jedenfalls griff ich automatisch an meine Gesäßtasche. Und siehe da, diese war leer. Meine Gedanken überschlugen sich förmlich in meinem Kopf. Ich wusste genau, dass ich kurz zuvor mein Portemonnaie dort hineingesteckt hatte. Im selben Moment, in dem ich den Verlust meiner Geldbörse festgestellt hatte, packte ich mit der anderen Hand nach dem Mann. Ich bekam ihn an der Hand zu fassen und drückte ihm mit festem Griff die Finger nach hinten um und setzte ihn damit außer Gefecht. Gleichzeitig entriss ich ihm mit der anderen Hand meine Geldbörse, die er mir tatsächlich entwendet hatte.“
„Das ging alles blitzschnell!“, bestätige ich nun und lobe die Reaktion meines Mannes. „Peter hat einfach toll reagiert!“
„Ich habe ihn erst einmal tüchtig beschimpft, weil ich total wütend und gleichzeitig auch verärgert auf mich selbst war. Ich hätte nämlich niemals gedacht, dass mir so etwas passieren könnte.“
Unsere Nachbarin hört uns gebannt zu, doch wir erzählen voller Aufregung weiter.
„Nachdem ich meine Geldbörse wieder hatte, habe ich ihn wieder losgelassen und dann haben wir erst den zweiten Mann bemerkt, der etwas abseits stand. Er hielt eine braune Plastiktüte in der Hand und hat uns zugesehen. Mir war sofort klar, dass er dazu gehörte.“
„Wahrscheinlich hätte er das Portemonnaie übernommen und in seine Plastiktüte gesteckt und wäre damit entschwunden. Die sind ja ganz clever, zumindest in dieser Hinsicht“, stelle ich meine Überlegungen an.
„Habt ihr die Polizei alarmiert?“, will die Nachbarin wissen.
„Ja, aber erst später. Es war ja niemand zu sehen. Seltsam,“, erinnere ich mich, „nicht einmal Touristen habe ich wahrgenommen. Telefonnummer von der Polizei hatten wir ja auch keine, also ließ Peter die zwei Typen ziehen, die sich auch ganz schnell aus dem Staub machten. Wohlgemerkt in entgegengesetzte Richtungen, so als hätten sie tatsächlich nichts miteinander zu tun. Nachdem wir uns einigermaßen wieder von dem Schreck erholt hatten, beschlossen wir mit unserem Mietwagen ein bisschen die Straßen abzufahren. Und da haben wir sie wieder gesehen.“
„Sie standen in einer Seitenstraße“, berichtet Peter. „Dort haben sie mit zwei anderen Typen zusammen gestanden. Einer von ihnen hat einen Plan gezeichnet. Anscheinend haben sie den nächsten Treffpunkt ausgemacht. Das war eine richtige Bande. Wir sind dann in das nächstliegende Geschäft gegangen und haben den Verkäufer gebeten die Polizei zu alarmieren. Er konnte deutsch und spanisch sprechen, so dass wir ihm alles genau berichten konnten und er es weiter geleitet hat.“
„Ihr habt ja eine richtige Gangstergeschichte erlebt“, staunt die Nachbarin. „Und wurden die Diebe gefasst.“
„Das möchte ich bezweifeln“, sage ich kopfschüttelnd. „Nachdem die Polizei erst nach einer Dreiviertelstunde eingetroffen ist und alles zu Protokoll genommen hat, waren die Gauner selbstverständlich schon über alle Berge. Wir hatten ja noch einmal Glück gehabt, aber irgendwelche ahnungslosen Touristen haben sie sicherlich an diesem Abend und den folgenden noch beklaut.“
„Ich hatte zwar nur 50 Euro im Portemonnaie, das wäre verschmerzbar gewesen“, gibt Peter zu. „Aber die ganze Rennerei, die man dann hat, um die Ausweisdokumente wieder zu bekommen, wäre ärgerlich gewesen. Und noch dazu im Ausland, wenn man die Sprache nicht beherrscht.“
Die Nachbarin nickt zustimmend, doch dann scheint ihr noch etwas auf dem Herzen zu liegen, denn sie meint:
„Eines verstehe ich aber immer noch nicht. Was hat das alles mit der Mausefalle zu tun?“
„Das ist doch logisch“, antwortet mein Göttergatte. „Im nächsten Urlaub stecke ich mir eine Mausefalle in die Gesäßtasche. Was meinst du, wie sich der Dieb darüber freut und ich mich dann erst!“
Man kann förmlich Peters Schadenfreude an seinen Gesichtszügen ablesen und auch wir müssen bei der Vorstellung lachen.

 

 

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* Matthias Claudius (1740 – 1815)

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