Erdachtes & Erzähltes, Kurzgeschichten
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Mr. Stoneman’s friend

Ich traf Mr. Stoneman durch Zufall auf einer Sonneninsel im Atlantik. Er lag dort faul am Strand und sonnte sich. Bis zu diesem besagten Tag hätte ich nicht im Entferntesten gedacht, dass mir einmal die Ehre zuteilwerden würde seine Bekanntschaft zu machen, zumal mir bis dato auch noch nie etwas von seiner Existenz zu Ohren gekommen ist. Aber das Schicksal geht manchmal seltsame Wege, führt zusammen und trennt aber auch wieder. Trotzdem bin ich froh seine Bekanntschaft gemacht zu haben und ich muss sagen, dass ich ohne ihn nicht da wäre, wo ich heute bin.

Zum Zeitpunkt unseres Kennenlernens war ich ein Niemand, verloren unter vielen Gleichgesinnten. Allein die Tatsache in seiner Nähe zu sein, war ein Glückstreffer, der meinen weiteren Lebensweg bestimmen sollte. Zuvor war mein Leben nicht immer einfach gewesen, es gab viele Höhen und Tiefen und verlief ziemlich planlos. Ich erwartete nichts mehr vom Leben und glaubte nicht mehr daran, dass das Leben mir noch bessere Tage bescheren sollte. Ich würde in alle Ewigkeit irgendwo vor mich hinexistieren. Doch das Zusammentreffen mit Mr. Stoneman gab mir wieder Hoffnung, die sich auch erfüllen sollte, allerdings anders als gedacht.
Wer das Foto von Mr. Stoneman genau betrachtet, kann mich sogar entdecken. Ich befinde mich in der äußersten linken Ecke und bin einer der drei unscheinbaren Steine.
Einst war ich Bestandteil eines gewaltigen Felsens im Atlantik. Dieser Fels trotzte allen Naturgewalten, egal ob es sich um Stürme, unwetterartige Regengüsse, den Himmel durchzuckende Blitze oder riesige Wellen handelte, die ihn zu zerstören drohten. Die Jahrhunderte vergingen, doch dann kam der Tag, an dem die Naturgewalten siegten. Der Fels wurde durch ein Seebeben in seinen Grundfesten erschüttert und verlor an Substanz. Gestein bröckelte ab und fiel ins tiefe dunkle Meer. Auch ich brach von dem Fels ab. Viele Jahrhunderte lag ich in den Tiefen und wurde vom Meer überspült. Weitere Seebeben kamen und gingen. Ich wurde weiter und weiter gespült und meine Form veränderte sich. Ich wurde kleiner, runder und glatter geschliffen. Fische und Schiffe schwammen über mich hinweg. Ich ahnte nicht, dass ich mich nach vielen weiteren Jahrhunderten in der Nähe einer Atlantikinsel befand. Bei einem gewaltigen Sturm, der ein erneutes Seebeben auslöste, wurde ich kurz vor die Küste gespült. Inmitten von vielen anderen tausend und abertausenden von Steinen wurde ich immer wieder durchgerüttelt. Bedingt durch die Wellen prallte ich mit den anderen Steinen zusammen und landete nach einer halben Ewigkeit am Strand. Inzwischen war ich nur noch handtellergroß. Ich war keine besondere Schönheit, schlicht und einfach nur ein grauer Stein. Ich glitzerte nicht im Sonnenlicht und war mehr als nur unscheinbar. Doch das Schicksal meinte es gut mit mir.
Wie ich schon bald erkennen sollte, war ich auf einer Urlaubsinsel gestrandet. So kam es, dass eine Familie mit einem etwa fünfjährigen Jungen den Strand entlang spazierte.
„Mir ist langweilig und mir tun die Füße weh“, hörte ich den Jungen zu seinen Eltern sagen.
„Ich hab da eine Idee“, meinte der Vater zu dem Jungen, um ihn von seinen schmerzenden Füßen und der Müdigkeit abzulenken. „Du musst aber ganz viele große und kleine Steine sammeln, aus denen wir dann etwas bauen.“
Der Junge war sofort Feuer und Flamme und sammelte in seinem Eimerchen ein paar Steine. Auch mich legte er in seinen Eimer, allerdings ohne mir große Beachtung zu schenken. Vater und Mutter trugen ebenfalls Steine zum Sandstrand und legten sie an einer Stelle ab.
„Was wollen wir bauen?“, fragte der Vater, „Einen Turm oder wollen wir nur eine Sandburg bauen und die Steine als Mauer benutzen?“
„Nein!“, sagte der Junge entschieden. „Ich will, dass wir einen Steinmann bauen.“
Tja, was soll ich lange erzählen? So entstand Mr. Stoneman. Für mich hatte man allerdings keinerlei Verwendung. Mr. Stoneman war auch ohne mich vollkommen und perfekt. Achtlos ließ man mich mit zwei anderen Steinen einfach links liegen. Eigentlich war ich zufrieden und schloss mit Mr. Stoneman eine wunderbare Freundschaft. Doch das Schicksal hatte noch etwas anderes mit mir vor.
Viele Menschen marschierten an Mr. Stoneman vorbei und bewunderten ihn. Niemand beachtete mich. Doch das sollte sich ändern, als ein Studentenpärchen unweit von uns auf einer Bank saß. Ich konnte ihre Unterhaltung hören, denn der Wind trug die Worte zu mir herüber.
„Unser Geld geht langsam zur Neige“, sagte die junge Frau. „Wenn wir unsere Reise nicht abbrechen wollen, sollten wir uns überlegen, wie wir ein bisschen Geld verdienen können.“
„Du hast recht. Lass uns Ideen sammeln!“, pflichtete der junge Mann seiner Freundin bei.
„Ich hab’s!“, rief er plötzlich aus.
Leider konnte ich seine Worte jetzt nicht mehr verstehen, da sich der Wind gedreht hatte und sie nun in eine andere Richtung trug. Doch ich sollte seine Idee sozusagen am eigenen Leib erfahren. Ein paar Minuten später hob mich nämlich die Frau auf und betrachtete mich eingehend. Sie warf mich mit ein paar anderen ausgewählten Steinen in ihren Rucksack. Hier herrschte ein heilloses Durcheinander. Ich konnte allerdings nicht erkennen, was alles so herum lag, denn es war sehr dunkel in diesem Rucksack.
Nach einer kleinen Weile wurde ich mit den anderen Steinen ausgepackt und neben einen Pinsel und mehrere Farbtöpfe gelegt. Nun fing die Frau an mich zu bemalen. Sie malte eine Landschaft, bestehend aus einem Berg, dem Meer, Palmen auf einer Wiese und einem kleinen weißen Haus. Auch die anderen Steine wurden derartig verziert. Nachdem wir alle in der Sonne getrocknet waren, wurden wir wieder im Rucksack verstaut. Am nächsten Tag breitete man uns auf einer Decke in der Fußgängerzone aus.
„Schau mal, die sind aber hübsch!“, rief plötzlich eine Frau aus und kam auf uns zu.
„Wollen wir uns ein kleines Mitbringsel mit nach Hause nehmen?“, fragte ihr Mann. „Schau mal dieser hier ist doch sehr hübsch und würde sich sicherlich auf der Fensterbank oder sogar in einem Blumentopf sehr schön machen.“
Der Mann nahm mich in die Hand und reichte mich nach ausgiebiger Betrachtung an seine Frau weiter, die mich ebenfalls als hübsch befand. Für ein paar Münzen kauften sie mich dem Studentenpärchen ab und schon wurde ich wieder in eine Tasche gesteckt. Dieses Mal war es die Hosentasche des Mannes. Von dort wanderte ich auf einen Tisch in einem Hotelzimmer, danach in einen Koffer, der zuerst im Laderaum eines Flugzeuges und danach im Kofferraum eines Autos verstaut wurde. Als ich wieder aus dem Koffer heraus genommen wurde, befand ich mich in einem anderen Land. Jetzt legte man mich mal da hin und mal dort hin, bis man meinen endgültigen Platz fand. Nun liege ich unter einer wunderschönen grünen Zimmerpflanze. Ich bin angekommen, rundum glücklich und freue mich meines Lebens. Und das habe ich alles nur meiner Freundschaft mit Mr. Stoneman zu verdanken. Ohne ihn wäre ich sicherlich nicht das, was ich heute bin, – ein wunderschöner Stein an einem Ehrenplatz.

 

 

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14 Kommentare

  1. Liebe Astrid,
    was für eine wunderbare Begegnung. Mr. Stoneman ist wunderschön und man
    muss schon sagen; Eine Augenweide. Direkt zum Liebhaben.
    Einen guten Start ins Wochenende wünscht dir
    Irmi

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Irmi,
      wir haben Mr. Stoneman auf Teneriffa entdeckt, wo wir die letzten beiden Wochen im vollen Sonnenschein verbracht haben. Er hat mir so gut gefallen, dass ich gleich mein Handy gezückt und ein Foto gemacht habe. Als wir dann noch den bemalten Stein erstanden haben, war die Idee zu meiner Geschichte geboren.
      Herzliche Sonntagsgrüße
      Astrid

  2. Liebe Astrid,
    erst vor ein paar Tagen, als ich mit meiner Tante (90 Jahre) spazieren ging, entdeckte ich einen schönen Stein, den ich mit nach Hause nahm. Auf meinem Balkon liegen schon einige, auch bemalte Steine. Ich mag Steine sehr, jeder hat eine Geschichte. Und deshalb gefällt mir deine Geschichte besonders.

    Liebe Grüße und ein schönes Wochenende
    Traudi

    • Astrid Berg sagt

      Stimmt, jeder Stein hat seine eigene Geschichte. Kinder lieben Steine auch sehr, denn mit ihnen kann man viel machen. Ich denke nicht nur ans Bemalen und Pasteln, nein auch über die Wasseroberfläche kann man sie springen lassen, ins Wasser werfen oder mit ihnen Hüpfspiele spielen.
      Übrigens: Du solltest mal ein Foto von Deiner Steinsammlung am Balkon machen. Bestimmt kannst Du auch viel zu ihnen erzählen.
      LG
      Astrid

  3. So macht ein Stein eine Weltreise und erfreut die Herzen anderer Menschen. Ich habe auch schon kleine Steine geschenkt bekommen, bemalt mit einem Lächeln und ein Gedicht dazu. Man muss nur kreativ sein.
    Liebe Grüße von Kerstin.

    • Astrid Berg sagt

      Hallo liebe Kerstin,
      als unser Sohn noch ein Kind war, hat er auch Steine gesammelt. Manche davon hat er wieder weggeworfen und andere hat er zum Bauen von kleinen Männchen benutzt. Anschließend hat er sie dann bemalt. Bei meiner Mutter stehen noch zwei dieser Exemplare auf der Fensterbank.
      Sei herzlich gegrüßt
      Astrid

  4. Liebe Astrid – das ist erstens eine wunderschöne Geschichte, zweitens gefällt mir der Steinmann sehr und drittens finde ich die Idee genial, wenn einem im Urlaub das Geld ausgeht, Steine zu bemalen und an Touristen zu verkaufen. Das hätte ich schon früher wissen müssen, denn 1981 wurde meiner Freundin und mir auf Reisen das Geld geklaut. Wir haben uns dann aber dennoch durchgeschnorrt 😉 Trotzdem, Souvenirs zu bemalen, das hätte mir ebenfalls Spaß gemacht. Vielleicht brauche ich diese Anregung irgendwann noch mal! 🙂
    Ganz herzliche rostrosige Grüße,
    Traude
    http://rostrose.blogspot.co.at/2017/03/namibia-teil-12-fahrt-durch-etosha-auf.html

    • Astrid Berg sagt

      Wir haben dieses Pärchen mit den bemalten Steinen auf Teneriffa gesehen. Wir fanden die Steine hübsch und die Idee nicht zu betteln, sondern sich das Geld redlich zu verdienen, hat uns ebenfalls gefallen.
      LG
      Astrid

  5. Juchhuhh, ich bekomme wieder meine Frühstücklektüre, das wollte ich dir sagen und auch dass diese Geschichte einfach herrlich ist und die Bilder dazu, wunderschön.
    Da ich nun schon mal hier bin, wünsche ich dir einen goldenen Frühlingstag. LGLore

    • Astrid Berg sagt

      Das freut mich, liebe Lore, dass Du meine Geschichten wieder zum Frühstückskaffee lesen kannst.
      Leider war der heutige Frühlingsanfang bei uns nicht so berauschend. Die Sonne hat sich gar nicht blicken lassen und wahrscheinlich hat auch deshalb der Himmel geweint 😉 .
      LG
      Astrid

  6. Es ist wirklich gaaaanz unglaublich, auf was für Ideen du kommst!! Großartig finde ich deine Geschichte und den Steinmann sowieso. – Wie schön, dass es für den kleinen unbedeutenden Stein ein Happy End gibt! 🙂 LG Martina

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Martina,
      wenn Du Mr. Stoneman am Strand von Teneriffa gesehen hättest, dann hättest auch Du seinem Ruf nach einer Geschichte nicht widerstehen können. Ich musste ihn einfach fotografieren und nachdem wir den bemalten Stein erstanden hatten, ging mir sein Ruf nach einer Geschichte nicht mehr aus dem Kopf und allerlei Gedanken diesbezüglich schwirrten plötzlich in meinem Kopf herum. 🙂
      LG
      Astrid

  7. Liebe Astrid, sei herzlich gegrüßt.
    Du hast wieder eine tolle Geschichte erzählt.
    Von den Ostseesteinen habe ich immer die gesammelt, mit dem Loch, den Hühnergott. Davon habe ich mehrere in verschiedenen Größen, auch eine schöne runde Steinkugel, die innen klappert, wie ein Ü-Ei und dann noch den Stein mit dem Loch, in dem lose ein länglicher Stein steckt, aber nicht rausrutscht.
    Solche Andenken findet man am Strand oder Steilküste.
    Natürliche Erinnerungsstücke sind für einen persönlich sehr wertvoll.
    Solche bemalten Steine sind auch schön und zeigen wohl die Landschaft des Landes.
    Man muß eben überall mit offenen Augen spazieren gehen.
    Ich sammelte auch Bernstein. Hatte man ein größeres Stück gefunden, dann war man freudig erregt. So einfach läßt er sich nicht finden.
    Meine Steine sind auch was ganz Besonderes.
    Hab noch einen schönen Tag, alles Gute, tschüssi Brigitte.

  8. Liebe Astrid,
    Deinen Geschichte ist wunderschön! Vielleicht gefällt sie mir auch deshalb so gut, weil ich selber gerne Steine sammle. An der Ostsee, an der Nordsee, der Donau, irgendwo am Strand oder auch mal im Gebirge – wo immer mir ein schöner Stein auffällt, nehme ich ihn mit. In meinen Bücherregalen oder auf den Fensterbrettern liegen überall welche. Und auch wenn ich nicht mehr bei allen weiß, woher ich sie habe – ich schaue sie mir immer wieder gerne an …

    Liebe Grüße, und vielen Dank für diese tolle Geschichte!
    Christine

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