Für Kinder, Kurzgeschichten
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Opa erzähl mir eine Geschichte

Sabinchen ist bei ihren Großeltern zu Besuch. Papa und Mama haben sie am Wochenende zu Opa und Oma gebracht, wo sie eine ganze Woche bleiben darf. Nun ist sie schon den dritten Tag hier und es gefällt ihr richtig gut. Gemeinsam unternehmen sie viel und so kommt bei Sabinchen keine Langeweile auf. Mit ihren fünf Jahren ist sie an allem interessiert und fragt den Opa gerne Löcher in den Bauch, wie er immer so schön sagt. 

Gerade haben sie draußen im Garten gegrillt, aber jetzt muss sie leider ins Bett, dabei fühlt sie sich kein bisschen müde. Wie Kinder nun mal so sind, probiert auch Sabine alle möglichen Ausreden aus, aber es hilft nichts. Die Großeltern schicken sie zum Zähneputzen ins Bad.

„Wenn du fertig bist, dann rufst du. Ich komme zum Gute-Nacht-Sagen noch mal ganz kurz nach oben“,schlägt Opa Friedrich vor. 

„Ich gebe dir jetzt schon den Gutenachtkuss“, meint Oma Erika und drückt Sabine einen zarten Kuss auf die Wange. „Ich muss nämlich noch das ganze Chaos in der Küche beseitigen und die Spülmaschine einräumen.“
Es dauert gar nicht lange, da tönt der Ruf durch das Haus: 

„Opa, kommst du?!“

Wie versprochen erscheint der Großvater im alten Kinderzimmer von Sabines Mutter. Das Mädchen sitzt aufrecht im Bett und bettelt:

„Bitte, bitte erzähl mir noch eine Geschichte. Ich bin nämlich überhaupt noch nicht müde.“

„Aber höchstens für 5 Minuten“, lässt sich der Großvater erweichen. „Länger sollte eine Gute-Nacht-Geschichte nicht dauern.“

„Na gut“, willigt Sabinchen ein.

„Worüber soll ich denn erzählen?“, möchte Opa Friedrich wissen.

„Von einem Blümchen“, sagt die Kleine sofort. „Ich habe nämlich im Garten eine schöne gelbe Blume entdeckt. Sie wächst direkt bei dem kleinen Teich.“

Opa Friedrich überlegt. Im Moment gibt es ja nur wenige Frühlingsblüher und so weiß er eigentlich sofort welche Blume seine Enkeltochter meint.

„Hat sie viele kleine gelbe Blüten, die oben auf einem langen dünnen Stiel wachsen?“, vergewissert er sich.

„Ja, genau!“

„Das ist ein Schlüsselblümchen. Ich mag diese Frühlingsblümchen sehr gerne. Als ich noch ein Kind war, ungefähr so alt wie du“, beginnt er zu erzählen, „da gab es eine große Wiese in der Nähe meines Elternhauses. Dort durften wir Kinder immer spielen. Im Frühjahr war sie ganz gelb. Auf ihr blühten viele, viele Schlüsselblumen. Damals habe ich meiner Mutter einen dicken Strauß geschenkt. Heute sind diese Blümchen seltener geworden und stehen unter Naturschutz.“
Sabine hört ganz genau zu und stellt dann eine Frage:

„Warum heißen sie denn eigentlich ‚Schlüsselblumen‘?“

„Weil sie gewissermaßen einem Schlüsselbund gleichen. Ihre kleinen Blüten sind so angeordnet wie die vielen einzelnen Schlüssel an einem Schlüsselbund. Manche Menschen nennen sie auch Himmelsschlüssel.“

„Ein Schlüssel, um den Himmel aufzuschließen. Wer soll das denn machen?“, fragt Sabine neugierig.

„Naja, es gibt eine Legende*, die sagt, dass der Heilige Petrus die Schlüssel zu der Himmelspforte besitzt. Er hat sie immer gut gehütet, damit sie ihm niemand wegnehmen kann. Trotzdem berichtete man ihm eines Tages, dass irgendwelche Übeltäter sich einen Nachschlüssel angefertigt hätten. Das war keine gute Nachricht und Petrus erschrak sehr. Er begann vor Schreck zu zittern und so entglitten ihm die Schlüssel. Der Schlüsselbund fiel und fiel. Immer tiefer und tiefer, bis er schließlich auf die Erde plumpste. Da lag er nun.“

„Oh nein!“, ruft Sabine erschrocken aus. „Das ist ja schrecklich. Mama hat mal ihren Autoschlüssel verloren. Sie war völlig verzweifelt und hat überall gesucht. Gefunden hat sie ihn schließlich in Papas Jackentasche. Da war Mama wieder glücklich und hat sich riesig gefreut.“

Sabinchen schaut ihren Opa an und hofft, dass die Geschichte weitergeht. Doch Opa Friedrich lächelt und schweigt. Er will damit seine Enkelin noch ein wenig auf die Folter spannen, was auch die Wirkung nicht verfehlt. 

„Hat denn Petrus seinen Himmelsschlüssel auch wieder bekommen“, fragt Sabine aufgeregt.

„Naja, zuerst war er mal weg und guter Rat war teuer. Aber zum Glück hatte einer der Engel alles genau beobachtet und gesehen, wo der Schlüsselbund gelandet war“, berichtet Opa Friedrich.

“Er flog schnell und zielgerichtet hinunter zur Erde. Inmitten einer Wiese sah er ihn in der Frühlingssonne glitzern. Er hob ihn auf und brachte ihn Petrus wieder zurück in den Himmel.“

„Und was hat das mit den schönen gelben Schlüsselblümchen zu tun?“

„Stell dir vor!“, flüstert Opa Friedrich geheimnisvoll. „Dort, wo der Schlüssel die Erde berührt hat, genau an dieser Stelle blühten plötzlich wunderschöne gelbe Blümchen. Die Schlüsselblümchen. Die Himmelsschlüssel sind sozusagen zu Blumen geworden.“

„Ist das eine schöne Geschichte“, gähnt Sabinchen. „Morgen werde ich sie nochmal ganz genau betrachten und für Mama und Papa ein Bild malen“, beschließt das kleine Mädchen bevor es vom Schlaf übermannt wird. Großvater Friedrich schleicht sich leise aus dem Zimmer und schließt lächelnd die Tür.

 

Vielleicht möchtet Ihr auch das noch lesen:

Die Fliederbäumchen

Tim und Tom

Im Garten meines Opas

 

* Hier findet man die Legende und viel Wissenswertes zum Thema „Schlüsselblume“:

vgl.: https://www.beetfreunde.de/schluesselblumen-himmelsschluessel/

 

 

 

6 Kommentare

  1. Liebe Astrid,
    eine wunderschöne Geschichte, märchenhaft, lieb und zu Herzen gehend.
    Angenehme Woche und pass auf Dich auf,
    herzlichst moni

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Moni,
      Ich mag diese Blümchen sehr gerne, wahrscheinlich weil sie mich an meine Kindheit erinnern. Damals gab es noch viele Schlüsselblumen auf dem Wiesen.
      Ich wünsche Dir ein schönes Wochenende.
      Astrid

    • Astrid Berg sagt

      Sie wecken bei mir schöne Erinnerungen und so war es ein unbedingtes Muss, dass es in unserem Garten auch eine Ecke mit Schlüsselblumen gibt.
      Liebe Wochenendgrüße
      Astrid

  2. all diese klitzekleinen Frühlingsblüher machen das herz ganz weit wenn sie im ersten warmen Sonnenschein erscheinen und aus der Erde spriessen, meist ist es wild – und mitten in der Wiese wie die blaue Glockenblume das vergißmeinnicht und die Mohmblüte die sich gerne versamen ohne unser aller Zutun…ich freue mich immer sehr darüber wie auch über deine kleine entzückend zarte Geschichte…da möcht man gerne Kind sein wenn man den Großvater hat, der sie erzählt und kleine Mädchen schlafen gerne dabei ein…
    entzückend…. herzlichst ein Gruß angelface

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Angelface,
      ich freue mich jedes Frühjahr, wenn die ersten Blümchen ihre Blütenblätter öffnen. Dann kommt wieder Farbe in unser Leben 😉.
      Ich sehe mich noch heute als kleines Mädchen durch die Wiesen streifen und einen großen Strauß Schlüsselblumen pflücken.
      Ich wünsche Dir einen schönen Sonntag und bleib bitte gesund.
      LG
      Astrid

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