Für Kinder, Kurzgeschichten

Onkel Emil und der Pfeil des Amor

Jens und Jenny machen gemeinsam mit ihren Eltern einen Verwandtenbesuch bei Großtante Else und Großonkel Emil. Obwohl der Onkel sonst immer so ein lustiger Typ ist, treffen sie ihn an diesem Tag zunächst etwas mürrisch in seinem Lieblingssessel an. Er hat eine starke und schmerzhafte Muskelverspannung und erzählt den Kindern, dass er von einer Hexe mit einem Giftpfeil angeschossen wurde. Die Beiden sind etwas skeptisch, denn eigentlich wissen sie, dass es gar keine Hexen gibt. Nachdem Tante Else dieses kleine Missverständnis und die Herkunft dieses Begriffs aufgeklärt hat, meint ihr Mann:
„Ich sag es doch, ich habe einen Hexenschuss!“  Und fast schon ein wenig beleidigt fügt Onkel Emil hinzu: „Aber wenn ihr mir sowieso nicht glaubt, dann wollt ihr bestimmt auch nicht die Geschichte vom Pfeil des Amor hören, der mich mitten ins Herz traf, als ich Tante Else das erste Mal sah.“
Mit seinen Worten entfacht er natürlich die Neugier der Kinder, die ihn aber trotzdem etwas ungläubig anschauen.
„Willst du uns jetzt erzählen, dass dich ein Indianerhäuptling mit Pfeil und Bogen angeschossen hat? Also Onkel Emil, du flunkerst uns doch schon wieder etwas vor“, sagt Jens und macht dabei ein sehr ernstes Gesicht.
„Nein nein, das würde ich doch niemals tun“, beschwichtigt Onkel Emil den Jungen. „Ihr könnt mir glauben. Allerdings war es kein Indianer und ein Häuptling schon gar nicht. Es war ein halbwüchsiger Knabe mit Pfeil und Bogen und er traf mich auf einer Geburtstagsfeier mitten ins Herz.“
„Das glaube ich jetzt aber auch nicht“, meint Jenny, „und solche schrecklichen Geschichten mag ich sowieso nicht. Dann gehe ich lieber zu Tante Else in die Küche.“
„Na warte doch mal!“, ruft Onkel Emil das Mädchen zurück. „Es ist keine gruselige Geschichte und sie wird dir bestimmt gefallen.“
„Gut, aber wenn es brutal und gefährlich wird, gehe ich raus!“, erklärt Jenny.
Inzwischen haben sich die Kinder vor dem Sessel auf dem Teppich niedergelassen und schauen den Großonkel erwartungsvoll an.
„Es ist inzwischen schon fast fünfzig Jahre her. Ich war damals noch ein junger Bursche und verdiente gerade mein erstes Geld. In einer Möbelfabrik hatte ich gerade eine Ausbildung als Schreiner gemacht. Der Besitzer des Unternehmens war ein sehr reicher Mann. Er hatte auch zu Hause in seinem Privathaushalt viele Bedienstete, – einen Gärtner, eine Haushaltshilfe und sogar einen Chauffeur. Obwohl er reich war, bildete er sich darauf nichts ein. Er war sehr freundlich, auch zu uns Arbeitern. So bedankte er sich einmal im Jahr mit einer kleinen Betriebsfeier bei seinen Mitarbeitern. Auch in diesem besagten Jahr stand eine Feier an. Da wir aus sicherer Quelle erfahren hatten, dass er zwei Tage zuvor Geburtstag hatte, wollten wir Arbeiter ihn mit einer kleinen Darbietung überraschen. Es war eine Art Zirkusvorstellung, die wir eingeprobt hatten. Es wurde jongliert, auf einem Seil balanciert, auf einem Einrad umhergefahren und der Pudel eines Kollegen machte ein paar Kunststückchen, die er ihm beigebracht hatte.“
„Und wo waren die Indianer oder die Pfeilschützen? Und was hast du gemacht?“, will Jenny wissen.  
„Langsam, langsam. Das erfahrt ihr alles noch“, sagt Onkel Emil und plötzlich zieht ein Lächeln über sein Gesicht. „Mich bat man den Clown zu spielen, da alle meinten, ich hätte das Talent dafür.“ 
„Du musst unbedingt auf unserer nächsten Geburtstagsfeier auch als Clown kommen. Bitte, Onkel Emil!“, fleht Jenny den älteren Mann an.
„Psst!“, zischt Jens seiner Zwillingsschwester zu. „Lass ihn doch erzählen!“
Onkel Emil nickt und berichtet weiter.
„Natürlich wurde auch mit Pfeilen geworfen, aber die trafen mich nicht und schon gar nicht mitten in mein Herz.“
Onkel Emil räuspert sich durch die Erinnerungen sichtlich gerührt.
„Der Gärtner, der als Zauberer auftreten wollte, wurde leider krank. Er hatte sich so stark erkältet, dass er mit Fieber im Bett lag. Die Zeit reichte leider nicht mehr aus, dass ein anderer seine Kunststückchen einstudieren konnte. Aber seine Tochter, war gerade aus dem Internat gekommen und sie erklärte sich bereit eine Tanzdarbietung zu machen. Ich hatte sie noch nie zuvor gesehen. Wir waren uns alle nicht so sicher, was sie darbieten würde und ob es das Richtige war. Aber wir ließen uns darauf ein und wollten uns ebenso überraschen lassen wie unser Chef.“
„Und das war Tante Else!“, ruft Jenny begeistert aus und klatscht in die Hände.
„Jetzt sei doch endlich still!“, ermahnt Jens. „Wenn du nicht still zuhören kannst, dann kommst du nächstes Jahr auch nicht in die Schule!“
„Entschuldigung!“ Jenny hält sich erschrocken die Hand vor den Mund und nimmt sich vor, nun nicht mehr dazwischen zu reden.
„Die Tanzdarbietung sollte die erste Nummer unserer Vorführung sein. Doch die Tänzerin war noch nicht da. Wir waren schon alle sehr nervös und befürchteten, dass die Gärtnerstochter uns versetzen würde. Schon erklangen die ersten Töne des Liedes, zu dem sie tanzen wollte. Und da trat sie von der Seite her auf die Bühne. Mir stockte der Atem. Sie war in ihrem langen blau-weißen Kleid so schön wie eine Prinzessin. Ich konnte die Augen nicht mehr von ihr wenden, als sie mit leichten Schritten fast schwebend über die Bühne tänzelte. Ja, und da spürte ich plötzlich den Pfeil des Amor mitten in meinem Herz.“
„Ohje! Wo kam der denn so plötzlich her?“ Jenny ist entsetzt. „Du hättest sterben können!“
„Du bist doch ein kleines Dummerchen!“, ruft Jens seiner gleichaltrigen Schwester zu. „Du kommst ganz sicher nicht nächstes Jahr in die Schule!“
„Du bist gemein!“
„Nein, ich bin nur schlauer als du! Ich hab es nämlich kapiert.“
„Ich hab genau aufgepasst und Onkel Emil hat noch nichts von dem bösen Jungen mit dem Pfeil erzählt!“, gibt Jenny ihrem Bruder beleidigt zu verstehen.
„Jetzt streitet euch nicht, Kinder“, versucht der Großonkel zu schlichten. „Der Knabe kam ja auch ganz plötzlich und ich habe ihn weder gesehen, noch erwartet. Niemand hat ihn bisher gesehen, nur gespürt.“
„Ist er unsichtbar? Ach das ist schon wieder so eine erfundene Geschichte. Ich glaube jetzt gar nichts mehr!“
Jenny will schon aufstehen, da entdeckt sie die Mutter im Türrahmen.
„Bleib ruhig da, Jenny“, fordert diese ihre Tochter auf. „Diesen Knaben kann man tatsächlich nur spüren und dieser Pfeil ist nichts anderes, als die Liebe, die den Betreffenden mitten ins Herz trifft. Onkel Emil hat sich in das hübsche Mädchen, also in Eure Tante Else ganz plötzlich und unerwartet verliebt. Man sagt dann, dass Amor, der Liebesbote, ihn mit seinem Pfeil mitten ins Herz getroffen hat. Verletzt wird dabei niemand, aber das Herz beginnt ganz schnell und tüchtig zu schlagen, wenn man verliebt ist.“
„Ja genau so war es. Und dann macht man lauter verrückte Dinge. Ich zum Beispiel bin in meinem Clownkostüm zu ihr auf die Bühne gesprungen.“
„Und hast sie geküsst?!“, will nun auch Jens wissen.
„Nein, das hätte ich mich nicht getraut. Aber ich habe den Blumenstrauß ergriffen, der eigentlich für den Chef bestimmt war und habe ihn ihr überreicht. Sie hat mich angelächelt und schüchtern ihre Augen niedergeschlagen.“
„Und dann?“
„Dann habe ich ihr jedes Jahr bis zum heutigen Tag einen großen bunten Blumenstrauß geschenkt. Im dritten Jahr habe ich ihr beim Überreichen der Blumen eine Frage gestellt, die sie strahlend mit Ja beantwortet hat.“
„Was wolltest du denn von ihr wissen?“
„Ach Jenny, ahnst du das immer noch nicht?“ 
Der Zwillingsbruder ist sehr verwundert über seine gleichaltrige Schwester.
„Na, ob sie Onkel Emil heiraten will, das ist doch klar.“
„Das hab ich mir schon gedacht, du Schlaumeier!“, rügt Jenny ihren Bruder. „Ich wollte es nur von Onkel Emil hören.“
„Ja, ich habe ihr einen Heiratsantrag gemacht!“, bestätigt der Onkel die Vermutung und deutet mit der Hand in Richtung von Tante Else, die mittlerweile vor dem Wohnzimmertisch steht, auf dem sich ein großer bunter Blumenstrauß befindet.

 

 

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8 Kommentare

  1. Eine bezaubernde Geschichte! Diese Hexen kenne ich, glaube mir. Fies schießen sie einen in Rücken. Von hinten. Viel lieber ist mir da der Amor 😉 Was wäre das Leben ohne den Pfeil ins Herz!?
    Liebe Grüße, Emily

    • Astrid Berg sagt

      Welch wahre Worte, liebe Emily. Leider habe ich die Hexe dieses Mal ziemlich heftig zu spüren bekommen. Sonst war sie nach ein paar Stunden wieder verschwunden. Dieses Mal will und will sie nicht gehen, aber ich hoffe sie bald verscheuchen zu können.
      Amors Pfeil hingegen lässt das Herz höher schlagen und wird von jedermann geliebt. 😉
      Herzliche Grüße
      Astrid

  2. Liebe Astrid, ich schicke Dir sonnige Grüße.
    Wieder eine nette Geschichte und hübsche passende Porzellanpüppchen dazu.
    Hab eine schöne Woche, tschüssi Brigitte.

    • Astrid Berg sagt

      Hallo liebe Brigitte,
      die beiden Porzellanfiguren haben mich zu der Geschichte von Amors Pfeil animiert. Sie stehen bei uns in der Glasvitrine im Wohnzimmer und durften nur kurz zum Fotografieren heraus ;-).
      Bestimmt bist du schon am Kofferpacken für Deinen Mann, der ja am 19. in die Reha geht. Ich wünsche Euch alles Liebe und Gute und schicke liebe Grüße zu Euch nach Berlin.
      Astrid

  3. Liebe Astrid,
    das ist so eine schöne Geschichte – vom Schuss der Hexe zum Pfeil des Amors – und sie ist so lebendig erzählt. So einen Großonkel hätte ich auch gerne gehabt, der so schön erzählen kann.

    Viele liebe Grüße
    Traudi

    • Astrid Berg sagt

      Liebe Traudi,
      leider habe ich den Schuss der Hexe am eigenen Leib erfahren. Inzwischen sind schon Wochen vergangen, aber ein paar Auswirkungen sind immer noch zu spüren. Vom Pfeil des Amors getroffen zu werden, ist nicht nur schöner, sondern auch schmerzfrei ;-).
      LG
      Astrid

  4. Fein deine Fortsetzung der Geschichte. Also doch lieber fliegende Pfeile als schießende Hexen 🙂
    Ich hoffe, es geht dir gut Astrid.
    Liebe Abendgrüße von Kerstin.

    • Astrid Berg sagt

      Ja, inzwischen ist es besser, wenn auch noch nicht hundertprozentig vorbei. Amors Pfeile tun wenigstens nicht weh, aber den Schuss der Hexe steckt man nicht so einfach weg.
      Ich wünsche Dir einen guten Start in die neue Woche und schicke Dir herzliche Grüße
      Astrid

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